Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Johannes Cassianus, Von den Einrichtungen der Klöster

Buch IV. Regeln für die Novizen

Liber quartus. De institutis renuntiantium.Viertes Buch: Regeln für die Novizen.

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I. De institutione eorum qui renuntiant huic mundo, et quemadmodum apud Tabennesiotas uel Aegyptios inbuantur hi qui in monasteriis suscipiuntur.

De canonico modo orationum atque psalmorum, qui debeat in diurnis conuenticulis per monasteria custodiri, ad institutionem eius, qui renuntiat huic mundo, narrationis nos ordine prouocante transimus, condiciones in primis, quibus hi qui ad deum conuerti cupiunt recipiantur in coenobiis, breui quantum possumus studentes sermone conplecti, quaedam scilicet de Aegyptiorum, quaedam de Tabennesiotarum regulis admiscentes, quorum Thebaide est coenobium, quantum numero populosius cunctis, tanto conuersationis rigore districtius, siquidem in eo plus quam quinque milia fratrum ab uno regantur abbate tantaque sit oboedientia hic tam prolixus numerus monachorum omni aeuo seniori suo subditus, quanta non potest apud nos unus uni uel oboedire pro modico tempore uel praeesse.

1. Einleitung.

Von der also geregelten Gebetsweise, wie sie bei den täglichen Versammlungen in den Klöstern beobachtet werden muß, gehen wir in der durch die Form der Erzählung uns gebotenen Ordnung zur Belehrung Derjenigen über, welche dieser Welt entsagt haben. Dabei werden wir bemüht sein, in gedrängter Kürze die Bedingungen anzugeben, unter denen Jene, die sich zum Herrn bekehren wollen, in das Kloster aufgenommen werden. Zu diesem Zwecke werden wir Einiges aus der Regel der ägyptischen und Einiges aus der Regel der tabenensischen Mönche anführen. Diese letzteren haben ein Kloster in der Thebais, in welchem ein um so strengerer Wandel geführt wird, je bevölkerter dasselbe ist. Es stehen nämlich dort über fünftausend Brüder unter der Leitung eines Abtes. Diese so große Anzahl von Mönchen unterwirft sich zu jeder Zeit dem Oberen mit einem solchen Gehorsam, wie ihn bei uns nur für kurze Zeit weder ein Untergebener einem Vorgesetzten zu leisten noch ein Vorgesetzter durchzuführen vermag.

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II. Qua ratione usque ad ultimam senectutem apud eos in coenobiis perseuerent.

Quorum tam longa perseuerantia et humilitas atque subiectio quemadmodum tam diuturna perduret quaue institutione formetur, per quam usque ad incuruam senectam in coenobio perseuerent, opinor nos ante omnia debere praestringere (tanta namque est, quantam neminem in monasteriis nostris ingressum ne anno quidem integro tenuisse meminimus), ut, cum renuntiationis eorum primordia uiderimus, consequens fuisse intellegamus, ut in tam sublimia perfectionis fastigia talium initiorum fundamenta consurgerent.

2. Von der bis zum höchsten Alter andauernden Beharrlichkeit in den Klöstern.

Vor Allem glauben wir kurz berühren zu müssen, wie bei diesen Mönchen eine so stete Beharrlichkeit, Demuth und Unterwürfigkeit, die ihnen das Ausharren im Kloster bis zum gebeugten Greisenalter ermöglicht, so lange andauern kann, sowie durch welches Verfahren sie zu derselben angeleitet werden. Sie (die Demuth, Unterwürfigkeit) sind so groß, daß, soweit unsere Erinnerung zurückreicht, Niemand nach dem Eintritt in unsere Klöster auch nur ein ganzes Jahr sie festgehalten hätte, daß man aber auch nur die Anfänge solcher Selbstverläugnung wahrzunehmen braucht, um daraus schließen zu können, daß über dem Fundamente eines solchen Anfanges das Gebäude der Vollkommenheit bis zur höchsten Spitze sich erheben würde.

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III. Quo examine probetur is qui in coenobio suscipiendus est.

Igitur ambiens quis intra coenobii recipi disciplinam non ante prorsus admittitur, quam diebus decem uel eo amplius pro foribus excubans indicium perseuerantiae ac desiderii sui pariterque humilitatis ac patientiae demonstrauerit. cumque omnium praetereuntium fratrum genibus prouolutus et ab uniuersis de industria refutatus atque despectus, tamquam qui non religionis sed necessitatis obtentu monasterium optet intrare, iniuriis quoque et exprobrationibus multis adfectus experimentum dederit constantiae suae, qualisque futurus sit in temptationibus, obprobriorum tolerantia declarauerit, atque ita fuerit explorato mentis ardore susceptus, diligentia summa perquiritur, ne de pristinis facultatibus suis inhaeserit ei uel unius nummi contagio. sciunt enim eum sub monasterii disciplina diuturnum esse non posse, sed ne humilitatis quidem aut oboedientiae adprehensurum esse uirtutem nec illa coenobii paupertate ac districtione contentum fore, si in conscientia eius pecuniae quantulumcumque latitauerit, sed ubi primum exorta fuerit qualibet occasione commotio, fiducia stipis illius animatum continuo de monasterio uelut funda rotante fugiturum.

3. Von der Prüfung der Aufzunehmenden.

Wer in die klösterliche Genossenschaft aufgenommen zu werden verlangt, wird nicht eher ganz zugelassen, als bis er zehn Tage lang oder noch länger an der Pforte stehend eine Probe seiner Beharrlichkeit und seines Verlangens, sowie seiner Demuth und Geduld abgelegt hat. Und wenn er alle vorübergehenden Brüder auf den Knieen angefleht, von allen aber nur absichtlich Zurückweisung und Verachtung erfahren hat, gleichsam als ob er nicht um ein gottgeweihtes Leben zu führen, sondern um der Noth zu entgehen, in das Kloster einzutreten wünschte, wenn er überdieß viele Beleidigungen und Schmähungen erlitten und so Proben seiner Standhaftigkeit und seines künftigen Verhaltens bei Versuchungen durch das willige Ertragen von Schmähungen an den Tag gelegt hat; so wird er, weil man sich von seinem glühenden Eifer hinlänglich überzeugt hat, aufgenommen und alsdann mit peinlicher Sorgfalt befragt, ob ihm von seinem früheren Vermögen auch nicht ein Heller mehr anklebe. Denn man weiß, daß der nicht lange im Ordensstande verbleiben kann, geschweige denn die Tugend der Demuth oder des Gehorsams erringen und mit der klösterlichen Armuth und Einschränkung zufrieden sein werde, in dessen Gewissen eine, wenn auch noch so kleine Geldsumme versteckt ist. Vielmehr wird er, wenn bei irgend einem Anlasse sich eine Leidenschaft regt, voll Vertrauen auf jene Kleinigkeit aus dem Kloster wie ein Stein aus einer geschwungenen Schleuder entfliehen.

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IIII. Quare, qui in monasterio recipiuntur, nihil secum permittantur inferre.

Et idcirco ne usibus quidem coenobii profuturas suscipere ab eo pecunias adquiescunt, primum ne confidentia huius oblationis inflatus nequaquam se pauperioribus fratribus coaequare dignetur, tum ne per hanc elationem nullatenus ad humilitatem Christi descendens, eum sub disciplina coenobii non potuerit perdurare, egressus exinde ea, quae in principio renuntiationis suae spiritali feruore succensus intulerat, tepefactus postea non sine iniuria monasterii sacrilego spiritu recipere atque exigere moliatur. quod omnimodis obseruari debere multis sunt experimentis frequenter edocti. nam per alia minus cauta monasteria simpliciter quidam suscepti eorum, quae intulerant quaeque in dei opere fuerant dispensata, cum ingenti post blasphemia redhibitionem poscere temptauerunt.

4. Warum das Vermögen der Novizen nicht zum Nutzen des Klosters verwendet wird.

Die Mönche wagen nicht einmal zum Nutzen des Klosters von den Eintretenden Geld anzunehmen, und zwar aus folgenden Gründen: erstens, damit ein Solcher, voll stolzen Vertrauens auf seine Schenkung, es nicht ganz unter seiner Würde halte, sich den ärmeren Brüdern gleich zu stellen; zweitens will man dadurch verhüten, daß derselbe, der ob einer solchen Ueberhebung zur Demuth Christi sich nicht herabzulassen vermag, in der klösterlichen Zucht nicht ausharre, sondern später austrete und, lau geworden, das, was er im Anfang seiner Bekehrung aus Eifer hereingebracht hatte, später nicht ohne Unrecht gegen das Kloster mit sakrilegischer Gesinnung zurückzufordern oder gar zu erzwingen sich erkühne. Wie nothwendig die allseitige Beobachtung dieser Regel sei, wissen die Brüder hinlänglich aus eigener Erfahrung. Denn Einige, die in anderen minder vorsichtigen Klöstern ohne irgend einen Anstand aufgenommen wurden, haben mit entsetzlicher Gotteslästerung die Rückerstattung der von ihnen gebrachten und zum Dienste Gottes verwendeten Gaben zu fordern gewagt.

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V. Cur hi qui renuntiant suscepti in monasteriis propria uestimenta deponant et ab abbate aliis induantur.

Quamobrem ita nudatur quisque, cum receptus fuerit, omni pristina facultate, ut ne ipsum quidem quo opertus est indumentum habere permittatur ulterius, sed in concilio fratrum productus in medium exuatur propriis ac per manus abbatis induatur monasterii uestimentis, ut per hoc se non solum uniuersis rebus suis antiquis nouerit spoliatum, uerum etiam omni fastu deposito mundiali ad Christi paupertatem et inopiam descendisse, iamque opibus sustentandum non saeculi arte quaesitis nec de infidelitate pristina reseruatis, sed de sanctis ac piis monasterii largitionibus militiae suae stipendia percepturum atque inde se deinceps uestiendum alendumque cognoscens et nihil habere et nihilominus de crastino non esse sollicitus secundum euangelii discat sententiam, nec erubescat pauperibus id est corpori fraternitatis aequari, quibus connumerari Christus et quorum se fratrem non erubuit nuncupare, quin potius glorietur domesticis eius factum se esse consortem.

5. Warum die Novizen nach ihrem Eintritte in’s Kloster ihre Kleider ablegen und vom Abte ihnen andere angelegt werden.

Nach der Aufnahme wird jeder Novize seiner ganzen ehemaligen Habe entblößt und ihm selbst der Besitz des Kleides, das er trägt, fernerhin nicht gestattet, sondern, mitten unter die versammelten Brüder geführt, zieht er seine Kleider aus und empfängt aus den Händen des Abtes die Ordenskleidung. Dieser Akt soll ihm zum Bewußtsein bringen, daß er Allem, was ihm in seinem seitherigen Leben theuer war, entsagt und frei von allem weltlichen Hochmuthe zu Christi Armuth und Niedrigkeit sich erniedrigt habe, daß er von nun an nicht in den durch Weltklugheit erworbenen und ehedem aus Mangel an gläubigem Vertrauen zurückgelegten Reichthümern seinen Unterhalt suchen solle, sondern von den frommen und milden Gaben des Klosters den Sold für seinen Kriegsdienst empfangen werde. Er soll inne werden, daß er nur von diesen Gaben in Zukunft sich kleiden und nähren müsse, ohne etwas Anderes noch zu besitzen. Und dennoch soll er nach dem Worte des Evangeliums lernen, unbesorgt zu sein um den folgenden Tag; und nicht soll er sich schämen, den Armen d. h. allen Brüdern insgesammt sich gleichzustellen, denen zugezählt zu werden und deren Bruder sich zu nennen Christus sich nicht schämte: ja, er soll sich sogar rühmen, ein Mitglied der Familie Christi geworden zu sein.

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VI. Qua causa uestimenta renuntiantium, cum quibus ingressi sunt monasterium, a dispensatore seruentur.

Illa uero quae deposuit uestimenta oeconomo consignata tamdiu reseruantur, donec profectus et conuersationis eius ac tolerantiae uirtutem diuersis temptationibus ac probationibus euidenter agnoscant. et siquidem posse eum inibi durare tempore procedente perspexerint et in eodem quo coepit feruore persistere, indigentibus eadem largiuntur: sin uero quoddam ex eo murmurationis uitium uel paruae cuiuslibet inoboedientiae culpam processisse deprehenderint, exuentes eum monasterii quibus indutus fuerat uestimentis et reuestitum antiquis quae fuerant sequestrata depellunt. nullum etenim fas est cum illis quae accepit abscedere nec quemquam patiuntur illis adhuc indui, quem semel ab institutionis suae regula tepuisse peruiderint. unde etiam copia nulli penitus palam discedendi conceditur, nisi aut in morem serui fugacis captans densissimas tenebras nocte diffugiat, aut certe hoc ordine et professione iudicatus indignus cum confusione et nota coram cunctis fratribus deposita monasterii ueste pellatur.

6. Warum die Kleider der Novizen, mit denen sie in das Kloster eingetreten sind, von dem Hausmeister aufbewahrt werden.

Jene Kleider aber, die der Novize ablegt, werden vom Oekonomen aufgezeichnet und so lange aufbewahrt, bis man bei ihm Fortschritt in der Tugend sowohl aus seinem Wandel als auch aus der geduldigen Ertragung der verschiedenen Versuchungen und Prüfungen unzweideutig erkennt. Sieht man nun, daß der Novize in der Zukunft auszuhalten vermag und bei dem Eifer, mit dem er begonnen, stehen bleibt, so werden die Kleider an die Armen verschenkt. Wenn man aber bemerkt, daß sich bei ihm irgend eine Unzufriedenheit zeigt oder auch nur ein unbedeutender Fehler gegen den Gehorsam um sich gegriffen hat, so zieht man ihm das Ordenskleid, das er trägt, aus, bekleidet ihn mit seinen alten eigens hiezu aufbewahrten Kleidern und schickt ihn fort. Keiner nämlich darf mit den vom Kloster empfangenen Kleidern weggehen, noch darf sie Einer tragen, der einmal offenkundig aus Lauheit die Ordensregel verletzt hat. Daher wird auch durchaus Niemandem gestattet, heimlich sich zu entfernen, ausser wenn er, wie ein flüchtiger Sklave in des Waldes Dickicht eilend, entflieht. Sonst soll er ohne Gnade in der angegebenen Weise des Ordenslebens für unwürdig erklärt, mit Schimpf und Schande in Gegenwart aller Brüder ihm das Ordenskleid ausgezogen und er ausgewiesen werden.

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VII. Cur in monasterio suscepti non permittantur statim fratribus admisceri, sed xenodocho ante tradantur.

Cum igitur quis susceptus et hac perseuerantia qua diximus conprobatus ac depositis propriis indumentis habitu monasteriali fuerit accinctus, non statim congregationi fratrum commisceri permittitur, sed deputatur seniori, qui. seorsum haud longe a uestibulo monasterii commanens habet curam peregrinorum atque aduenientium deputatam eisque omnem diligentiam susceptionis et humanitatis inpendit. cumque ibidem integro anno deseruiens absque ulla querella suum circa peregrinos exhibuerit famulatum, inbutus per haec prima institutione humilitatis ac patientiae atque in ea longa exercitatione praecognitus, admiscendus ex hoc congregationi fratrum alii traditur seniori, qui decem iunioribus praeest, quos sibi creditos ab abbate instituit pariter et gubernat, secundum illud scilicet quod ordinatum in Exodo legimus per Moysen.

7. Den Novizen wird nicht sofort der Verkehr mit den Brüdern gestattet, sondern sie nehmen zuvor ihren Aufenthalt in der Herberge.

Ist nun Einer aufgenommen und in der mehrfach erwähnten Beharrlichkeit erprobt, hat er seine weltlichen Kleider abgelegt und das Ordenskleid empfangen, so darf er nicht sofort sich den Brüdern beigesellen, sondern wird unter die Aufsicht eines älteren Bruders gestellt. Dieser hat, getrennt von den Uebrigen, in der Nähe des Klostervorhofes seine Wohnung; ihm ist die Sorge für die Fremden und Reisenden übertragen, denen er mit aller Sorgfalt eine freundliche Aufnahme und liebevolle Pflege angedeihen läßt. Wenn hier der Novize ein ganzes Jahr ohne jegliche Klage dem Dienste der Fremden sich gewidmet und so die erste Schule der Demuth durchgemacht und durch diese lange Uebung einen Vorgeschmack von dem Ordensleben erhalten hat, so darf er diesen Aufenthalt verlassen und in der Gesellschaft der Brüder leben. Nun wird er der Leitung eines anderen älteren Bruders unterstellt. Dieser ist über zehn Novizen gesetzt, die der Abt ihm anvertraut hat, und die er unterweist und leitet gemäß jener von Moses im Exodus getroffenen Anordnung.

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VIII. Quibus primum institutis iuniores exerceantur, ut ad superandas omnes concupiscentias proficiant.

Cuius haec erit sollicitudo et eruditio principalis, per quam iunior introductus scandere consequenter etiam culmina perfectionis summa praeualeat, ut doceat eum primitus suas uincere uoluntates: quem studiose in his ac diligenter exercens haec illi semper imperare de industria procurabit, quae senserit animo eius esse contraria. multis siquidem experimentis edocti tradunt monachum et maxime iuniores ne uoluptatem quidem concupiscentiae suae refrenare posse, nisi prius mortificare per oboedientiam suas didicerint uoluntates. ideoque pronuntiant nullatenus praeualere uel iram uel tristitiam uel spiritum fornicationis extinguere, sed nec humilitatem cordis ueram nec cum fratribus unitatem perpetuam nec firmam diuturnamque posse retinere concordiam, sed ne in coenobio quidem diutius permanere eum, qui prius uoluntates suas non didicerit superare.

8. Erste Übungen der Novizen zur Besiegung aller bösen Begierden.

Dieser ältere Bruder hat nun die Pflicht, den jungen eben eingeführten Novizen hauptsächlich darüber zu belehren, wie er seinen Eigenwillen vollständig besiegen kann. Denn dieser Sieg allein befähigt ihn, von Stufe zu Stufe bis zum höchsten Gipfel der Vollkommenheit emporzuklimmen. Bei dieser eifrigen und sorgfältigen Uebung wird der Novizenmeister seinem Schüler absichtlich immer Solches zu befehlen bemüht sein, was nach seiner Beobachtung dessen Sinnesart nicht zusagt. Denn im Besitze einer reichen Erfahrung halten die Brüder an dem Grundsatze fest, daß die Mönche, zumal die jüngeren, die Lust ihrer bösen Begierlichkeit nicht zu zügeln im Stande sind, wenn sie nicht zuvor ihren Eigenwillen durch Gehorsam abzulegen gelernt haben. Daher ist es ihre ausgesprochene Überzeugung, daß man unmöglich den Zorn oder die Traurigkeit oder den Geist der Unreinigkeit unterdrücken, geschweige denn eine wahre Demuth des Herzens, stete brüderliche Einigkeit und eine feste und dauernde Eintracht bewahren oder auch nur länger im Kloster verbleiben könne, wenn man nicht zuvor seinen Eigenwillen zu überwinden gelernt habe.

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VIIII. Quare iunioribus imperetur ut seniori suo nihil de cogitationibus suis subtrahant.

His igitur institutis eos quos initiant uelut elementis quibusdam ac syllabis inbuere ad perfectionem atque informare festinant, per haec ad liquidum discernentes, utrum ficta et imaginaria an uera sint humilitate fundati. ad quod ut facile ualeant peruenire, consequenter instituuntur nullas penitus cogitationes prurientes in corde perniciosa confusione celare, sed confestim ut exortae fuerint eas suo patefacere seniori, nec super earum iudicio quicquam suae discretioni committere, sed illud credere malum esse uel bonum, quod discusserit ac pronuntiauerit senioris examen. itaque fit ut in nullo circumuenire iuuenem callidus inimicus uelut inexpertum ignarumque praeualeat, nec ulla fraude decipere quem peruidet non sua sed senioris discretione muniri, et suggestiones suas uel ignita iacula, quaecumque in cor eius iniecerit, ut seniorem celet non posse suaderi. alias quippe subtilissimus diabolus inludere uel deicere iuniorem non poterit, nisi cum eum seu per adrogantiam siue per uerecundiam ad cogitationum suarum uelamen inlexerit. generale namque et euidens indicium diabolicae cogitationis esse pronuntiant, si eam seniori confundamur aperire.

9. Die Novizen dürfen ihrem Vorsteher keinen ihrer Gedanken vorenthalten.

Vermittelst dieser Anordnungen ist man bestrebt, gleichsam von Buchstabe zu Buchstabe und von Silbe zu Silbe die Novizen in der Vollkommenheit zu unterweisen und zu derselben heranzubilden. Denn so kann man leicht unterscheiden, ob dieselben in einer falschen und eingebildeten oder wahren Demuth begründet sind. Um leichter zu diesem Ziele gelangen zu können, leitet man sie allmälig an, durchaus keinen Gedanken, der ihr Herz beunruhigt, aus verderblicher falscher Scham zu verheimlichen, sondern, sobald ein solcher aufsteigt, ihn sofort dem Oberen zu offenbaren. Das Urtheil über einen solchen Gedanken aber sollen sie nicht dem eigenen Ermessen anheimstellen, sondern das für gut und bös halten, was der Obere nach sorgfältiger Prüfung als solches erkannt und erklärt hat. Auf diese Weise gelingt es der Schlauheit des bösen Feindes niemals, den Jüngling wie einen Unerfahrenen und Unwissenden zu umstricken. Denn schon im Voraus sieht er ihn nicht durch seine, sondern des Vorstehers Klugheit gewappnet, sieht seinen teuflischen Rath, alle Einflüsterungen, die er brennenden Pfeilen gleich in des Jünglings Herz schleudert, seinen Oberen zu verheimlichen, vereitelt. Nur dann, wenn es dem schlauen Satan gelingt, den Novizen entweder aus Stolz oder aus Scham zum Verschweigen seiner Gedanken zu verlocken, wird er ihn zu täuschen und zum Falle zu bringen vermögen. Man hält es nämlich für ein allgemeines und unzweideutiges Zeichen eines vom Teufel eingegebenen Gedankens, wenn man ihn dem Vorsteher zu entdecken sich schämt.

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X. Quanta oboedientia senioribus etiam in naturali necessitate tribuatur.

Post haec tanta obseruantia oboedientiae regula custoditur, ut iuniores absque praepositi sui scientia uel permissu non solum non audeant cellam progredi. sed ne ipsi quidem communi ac naturali necessitati satisfacere sua auctoritate praesumant. sicque uniuersa conplere, quaecumque fuerint ab eo praecepta, tamquam si ex deo sint caelitus edita, sine ulla discussione festinant, ut nonnumquam etiam inpossibilia sibimet imperata ea fide ac deuotione suscipiant, ut tota uirtute ac sine ulla cordis haesitatione perficere ea et consummare nitantur et ne inpossibilitatem quidem praecepti pro senioris reuerentia metiantur. de quorum oboedientia speciatim nunc dicere praetermitto: exemplis enim ipsis eam paulo post tradere suo loco disponimus, si dominus nobis orationibus uestris dederit commeatum. nunc instituta cetera persequamur, praetermittentes illa contexere, quae in hac regione uel tradi monasteriis uel ab ipsis nequeunt custodiri, sicut in praefatiuncula nostra facturos nos esse promisimus, quod scilicet nec laneis indumentis utantur, sed lineis tantum et ne ipsis quidem duplicibus: quibus uicaria praepositus unusquisque suae decaniae subministrat, cum illa quibus uestiti sunt sorduisse conspexerit.

10. Großer Gehorsam der Novizen auch bezüglich der natürlichen Bedürfnisse.

Ferner wird mit solcher Strenge die Regel des Gehorsams eingehalten, daß die Novizen ohne Wissen und Willen des Vorgesetzten nicht nur nicht ihre Zellen zu verlassen, sondern nicht einmal dem, was allgemein und von Natur nothwendig ist, ohne seine Erlaubniß zu genügen wagen. Alle Befehle der Oberen sehen sie fast an als von Gott gegeben und beeilen sich, dieselben ohne alle Erörterung zu vollziehen. Nicht selten nehmen sie sogar unmöglich auszuführende Befehle mit einem so demüthigen Vertrauen hin, daß sie aus allen Kräften und ohne jegliches innere Widerstreben dieselben zu verrichten bestrebt sind. Ja nicht einmal über die Unausführbarkeit des Befohlenen denken sie nach: so groß ist ihre Ehrfurcht vor ihrem Oberen. Ich unterlasse es, jetzt über den Gehorsam der Novizen im Einzelnen zu reden; denn nach der von mir getroffenen Eintheilung des Stoffes werde ich bald am betreffenden Orte ihn mit Beispielen beleuchten, wenn Gott mir auf euer Gebet Leben und Gesundheit schenkt. Jetzt will ich, wie in der Vorrede ich es versprochen habe, über die übrigen Anordnungen berichten und dabei das weglassen, was in unserm Lande den Klöstern nicht zugemuthet und von ihnen nicht beobachtet werden kann, z. B. daß sie keine wollene, sondern linnene Gewänder und diese nicht doppelt tragen, daß jeder Dekan seiner Dekanie Kleider zum Umkleiden besorgt, sobald er merkt, daß die von den Mönchen getragenen schmutzig geworden sind.

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XI. Cuiusmodi cibus apud eos delicatissimus habeatur.

Illud quoque arduum atque sublime genus continentiae similiter praetermittentes, in qua summae reputantur deliciae, si herba sale condita, quam labsanion uocant, aqua diluta ad refectionem fratribus adponatur, aliaque conplura his similia, quae in hac prouincia nec aerum temperies nec qualitas nostrae fragilitatis admittit, illa tantummodo persequar, quae nulla carnis infirmitas, non situs loci poterit inpedire, si ea non fragilitas animae ac tepor mentis ademerit.

11. Die kostbarste Speise der Mönche.

Ebenso übergehe ich nebst vielem Andern auch ihre ungemein strenge und großartige Enthaltsamkeit, bei welcher man es für den größten Leckerbissen hält, wenn ein mit Salz gewürztes und im Wasser erweichtes Kraut, Lapsanium genannt, den Brüdern vorgesetzt wird. Solches läßt in unserem Lande weder die klimatische Beschaffenheit noch unser schwacher Körperbau zu. Nur das will ich anführen, was keine Schwäche des Fleisches, keine ungünstige Ortsbeschaffenheit hindern kann, wenn nicht die Schwäche der Seele und die Lauheit des Geistes es verbietet.

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XII. Quod ad sonitum pulsantis ostium nihil operis non omittant studio celeriter occurrendi.

Itaque considentes intra cubilia sua et operi ac meditationi studium pariter inpendentes, cum sonitum pulsantis ostium ac diuersorum cellulas percutientis audierint ad orationem scilicet eos seu ad opus aliquod inuitantis, certatim e suis cubilibus unusquisque prorumpit, ita ut is, qui opus scriptoris exercet, quam repertus fuerit inchoasse litteram finire non audeat, sed in eodem puncto, quo ad aures eius sonitus pulsantis aduenerit, summa uelocitate prosiliens ne tantum quidem morae interponat, quantum coepti apicis consummet effigiem, sed inperfectas litterae lineas derelinquens non tam operis conpendia lucraue sectetur quam oboedientiae uirtutem exsequi toto studio atque aemulatione festinet. quam non solum operi manuum seu lectioni uel silentio et quieti cellae, uerum etiam cunctis uirtutibus ita praeferunt, ut huic iudicent omnia postponenda et uniuersa dispendia subire contenti sint, dummodo hoc bonum in nullo uiolasse uideantur.

12. Auf das Klopfen an die Thüre unterlassen die Mönche jegliche Arbeit und treten schnell zu dem Ankommenden hin.

Wenn die Mönche, in ihren Zellen gleichmäßig eifrig mit Arbeit und Betrachtung beschäftigt, das Klopfen an die Thüre und an die verschiedenen Zellen vernehmen, um zum Gebet oder zur Arbeit gerufen zu werden, so eilt um die Wette Jeder aus seiner Zelle. Ja, ist Jemand mit Abschreiben beschäftigt, so wagt er nicht den Buchstaben zu vollenden, über dessen Anfang man ihn traf, sondern in demselben Augenblicke, in welchem das Klopfen sein Ohr erreichte, springt er mit der größten Behendigkeit auf und säumt nicht einmal so lange, um den begonnenen Punkt zu vollenden, sondern läßt die angefangenen Schriftzüge unvollendet. Denn nicht so sehr ist es der Gewinn und Vortheil seiner Arbeit, worauf er bedacht ist, als die Tugend des Gehorsams, die er mit allem Eifer zu üben bestrebt ist. Diese Tugend ziehen die Mönche nicht nur der Handarbeit oder Lektüre oder der ruhigen Stille der Zelle, sondern auch allen anderen Tugenden so sehr vor, daß sie derselben Alles nachsetzen zu müssen glauben und jeglichen Verlust zu erleiden sich gefallen lassen, wenn sie sich nur bewußt sind, dieses Gut in keinem Punkte verletzt zu haben.

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XIII. Quam criminosum habeatur, si aliquis uel uilissimum quippiam suum dixerit.

Illam saue uirtutem inter ceteras institutiones eorum uel commemorari superfluum puto, quod scilicet nulli cistellam, nulli peculiarem sportam liceat possidere nec tale aliquid, quod uelut proprium retinens suo debeat communire signaculo. quos ita nouimus omni ex parte nudos exsistere, ut praeter colobium, maforte, gallicas, meloten ac psiathium nihil amplius habeant, cum in aliis quoque monasteriis, in quibus aliqua remissius indulgentur, hanc regulam uideamus districtissime nunc usque seruari, ut ne uerbo quidem audeat quis dicere aliquid suum magnumque sit crimen ex ore monachi processisse 'codicem meum', 'tabulas meas', 'grafium meum', 'tunicam meam', 'gallicas meas', proque hoc digna paenitentia satisfacturus sit, si casu aliquo per subreptionem uel ignorantiam huiusmodi uerbum de ore eius effugerit.

13. Es gilt für ein großes Vergehen, auch nur etwas ganz Werthloses sein zu nennen.

Ich halte es für überflüssig, unter ihren übrigen Regeln jene Tugend der Armuth auch nur zu erwähnen, vermöge welcher Keiner ein Kästchen, Keiner ein besonderes Körbchen besitzen darf noch sonst etwas Dergleichen, das er wie sein Eigenthum behalten oder mit seinem Zeichen versehen dürfte. Die Brüder sind bekanntlich von Allem so entblößt, daß sie ausser dem Kolobium (Unterkleid), dem Schultertuche, den Schuhen, dem Pelzmantel und der Matraze Nichts weiter besitzen. Auch in anderen Klöstern, wo in mancher Beziehung eine minder große Strenge herrscht, sehen wir diese Regel bis zur Gegenwart mit der größten Strenge gehandhabt. Hier wagt Keiner auch nur mit einem Wort Etwas sein zu nennen, und das Wort aus eines Mönches Munde: „Mein Buch, meine Tafeln, meine Feder, mein Mantel, meine Schuhe“ ist ein großes Vergehen, für das er eine entsprechende Buße übernehmen muß, selbst wenn heimlich und ohne sein Wissen ein solches Wort seinem Munde entschlüpft ist.

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XIIII. Quod, licet multa pecunia de uniuscuiusque opere congeratur, nullus tamen praesumat excedere statutae sufficientiae parcitatem.

Et cum tantos unusquisque eorum cotidie de opere ac sudore proprio reditus conferat monasterio, ut ex his sustentare non solum suam ualeat parcitatem, uerum etiam usibus possit exuberare multorum, in nullo tamen inflatur nec sibi de tanto operis sui quaestu ac sudore blanditur, sed praeter duo paxamatia, quae tribus uix denariis ibidem distrahuntur, nihil sibimet amplius unusquisque praesumit. inter quos nullum peculiare opus, quod pudet dicere quodque in nostris monasteriis utinam fieri nesciremus, non dicam effectu, sed ne cogitatione quidem ab aliquo penitus adfectatur. cumque totam enthecam coenobii suam credat esse substantiam cunctisque rebus ut omnium dominus omnem curam sollicitudinemque dependat, ad retinendam nihilominus arreptae nuditatis uirtutem, quam studet ad finem usque perfecte atque inuiolabiliter custodire, ita semet ipsum a cunctis extraneum et ex omnibus iudicat alienum, ut tamquam peregrinum se gerat et incolam istius mundi, alumnumque se potius monasterii reputet ac ministrum, quam dominum rei cuiuscumque praesumat.

14. Trotz des aus der Handarbeit gewonnenen Geldes wagt doch Niemand die kärgliche Genügsamkeit der Regel zu überschreiten.

Obgleich jeder Mönch aus seiner eigenen mühevollen Arbeit täglich dem Kloster solche Einkünfte zuwendet, daß es davon nicht nur die Ausgaben für den kärglichen Unterhalt der Brüder bestreiten, sondern auch den Bedürfnissen vieler Anderen reichlich abhelfen kann, so regt sich doch in Keinem die Eitelkeit, und Keiner schmeichelt sich mit dem so großen, mühevoll aus seiner Arbeit errungenen Gewinn; vielmehr beansprucht jeder nur zwei kleine Brode, die man dort für höchstens drei Denare verkauft. Bei ihnen — ich schäme mich fast, es zu sagen, da es, wie wir nur zu gut wissen, in unsern Klöstern leider geschieht, — bei ihnen wird von Keinem eine Arbeit für eigenen Gewinn, ich will nicht sagen in Wirklichkeit, sondern nicht einmal in Gedanken gesucht. — Wohl hält jeder Mönch das ganze Vermögen des Klosters für sein Eigenthum und verwendet, wie ein Eigenthümer, auf alle Dinge alle mögliche Sorgfalt; allein um die Tugend der freiwilligen Armuth zu bewahren, die er bis an sein Ende vollkommen und unverletzt zu beobachten beflissen ist, erachtet er sich selbst gegen Alles dermaßen fremd und abgeneigt, daß er wie ein fremder Bewohner dieser Welt auftritt und sich eher für einen Zögling und Diener des Klosters hält, als sich zum Herrn über irgend eine Sache aufwirft.

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XV. De inmodico apud nos studio habendi.

Ad haec nos miserabiles quid dicimus, qui in coenobiis commorantes ac sub abbatis cura et sollicitudine constituti peculiares circumferimus claues, omnique professionis nostrae uerecundia et confusione calcata etiam anulos, quibus recondita praesignemus, in digitis palam gestare nos non pudet, quibus non solum cistellae uel sportae, sed ne arcae quidem uel armaria ad ea, quae congerimus uel quae egressi de saeculo reseruauimus, condenda sufficiunt, quique ita nonnumquam pro uilissimis nullisque rebus accendimur, eas dumtaxat uelut proprias uindicantes, ut, si quis uel digito quicquam ex his contrectare praesumpserit, tanta contra eum iracundia suppleamur, ut commotionem cordis nostri ne a labiis quidem ac tota corporis indignatione reuocare possimus. sed praetermissis nostris uitiis et his, quae ne commemorari quidem dignum est, silentio traditis secundum illud eloquium: non loquatur os meum opera hominum, uirtutes potius quae apud illos sunt et haec, quae nos quoque omni studio debemus adpetere, coepto narrationis ordine persequamur ipsasque iam regulas ac typos cursim breuiterque ponamus, ut peruenientes post haec ad quosdam actus et opera seniorum, quae studiose memoriae mandare disponimus, haec quae nostra expositione digesta sunt uelut testimoniis ualidissimis roboremus, uniuersa quae diximus exemplis eorum potius ac uitae auctoritate firmantes.

15. Über die bei uns herrschende maßlose Habsucht.

Was sollen wir Beklagenswerthe zu dieser Vollkommenheit sagen, die wir, im Kloster weilend und unter die sorgende Obhut des Abtes gestellt, dennoch besondere Schlüssel führen und, alle Ehrfurcht und Scheu vor unserm Stande mit Füßen tretend, sogar Ringe zur Verschließung geheimer Dinge ohne Scham offen an den Fingern tragen! Ja, nicht nur begnügen wir uns nicht mit Kistchen und Körbchen, sondern nicht einmal mit Kasten und Schränken, um Das aufzubewahren, was wir zusammenscharren oder beim Verlassen der Welt zurückbehalten haben. Dergestalt lassen wir uns zuweilen sogar für ganz werthlose und nichtige Gegenstände einnehmen, die wir gerade wie unsere eigenen verkaufen, daß wir gegen den, der Etwas davon auch nur mit dem Finger zu berühren wagt, von solchem Zorne entbrennen, daß wir unsere innere Aufregung nicht einmal von den Lippen und der ganzen Entrüstung verrathenden Haltung des Körpers zurückzuhalten vermögen. Doch gehen wir über unsere Fehler hinweg und schweigen wir von dem, was keiner Erwähnung werth ist gemäß dem Worte: „Nicht spreche mein Mund von den Fehlern der Menschen,“ vielmehr von den Tugenden, die bei ihnen sich finden. Fahren wir daher in der begonnenen Form der Erzählung mit Dem fort, was auch wir mit allem Eifer erstreben müssen, und führen wir nunmehr in kurzem Ueberblicke die Regeln und Grundzüge an, und gehen wir hierauf zu einigen Thaten und Werken der Vorgesetzten über, die wir gemäß unseres Vorhabens dem Gedächtnisse unserer Leser einprägen wollen. Auf diese Weise bekräftigen wir unsere Erörterungen mit den stärksten Zeugnissen; denn alles bis jetzt Gesagte erhärten wir durch Beispiele und die Gewährschaft, welche das Leben der Mönche bietet.

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XVI. De regulis diuersarum correptionum.

Si quis igitur gillonem fictilem, quem illi baucalem nuncupant, casu aliquo fregerit, non aliter neglegentiam suam quam publica diluet paenitentia, cunctisque in synaxi fratribus congregatis tamdiu prostratus in terram ueniam postulabit, donec orationum consummetur sollemnitas, inpetraturus eam, cum iussus fuerit abbatis iudicio de solo surgere. eodem modo satisfaciet, quisquis ad opus aliquod accersitus uel ad congregationem solitam tardius occurrerit aut si decantans psalmum uel modicum titubauerit, similiter si superfluo, si durius, si contumacius responderit, si neglegentius obsequia iniuncta conpleuerit, si uel leuiter murmurauerit, si lectionem operi uel oboedientiae praeferens officia statuta segnius fuerit exsecutus, si dimissa synaxi non concitus ad cellam recurrere festinarit, si cum aliquo uel ad modicum substiterit uel si ad punctum temporis uspiam secesserit, si alterius tenuerit manum, si cum illo, qui cellae suae cohabitator non est, confabulari quantulumcumque praesumpserit, si orauerit cum illo qui est ab oratione suspensus, si parentum quempiam uel amicorum saecularium uiderit uel conlocutus eis sine suo fuerit seniore, si epistulam cuiuscumque suscipere, si rescribere sine suo abbate temptarit. huc usque et in huiusmodi ac similibus admissis procedit animaduersio spiritalis. residua uero, quae apud nos indifferenter admissa a nobis quoque reprehensibilius sustinentur, id est aperta conuicia, manifesti contemptus, contradictiones tumidae, libera et effrenata processio, familiaritas apud feminas, irae, rixae, simultates et iurgia, operis peculiaris praesumptio, filargyriae contagio, affectus atque possessio rerum superfluarum quae a ceteris fratribus non habentur, extraordinaria ac furtiua cibi refectio et his similia non illa increpatione qua diximus spiritali, sed uel plagis emendantur uel expulsione purgantur.

16. Regeln über die verschiedenen Zurechtweisungen.

Wenn ein Bruder ein gewisses irdenes Gefäß, ein sog. Βαυκάλιον, zufällig zerbricht, so kann er nur durch öffentliche Buße seine Nachläßigkeit wieder gut machen. Vor der ganzen Versammlung der Brüder zur Erde hingeworfen muß er so lange um Gnade bitten, bis das feierliche Gebet beendet ist, und diese wird ihm zu Theil, wenn nach des Abtes Ermessen ihm der Befehl zum Aufstehen gegeben wird. Auf dieselbe Weise muß Einer Genugthuung leisten, der zu einer Arbeit oder zur gewohnten Versammlung nicht eilig genug erscheint oder beim Psalmengesang nur ein wenig stottert. Dieselbe Strafe erleidet ein Mönch, wenn er eine zu weitläufige, harte oder trotzige Antwort gibt, wenn er einige Nachläßigkeit in der Beobachtung des von ihm verlangten Gehorsams zeigt, wenn er nur leise murrt, wenn er die Lesung der Handarbeit oder dem Gehorsam vorzieht und die festgesetzten Dienstleistungen zu säumig verrichtet; ferner wenn er nach Entlassung der Versammlung sich nicht eilig in seine Zelle begibt, wenn er bei einem andern Mönche nur kurze Zeit sich aufhält oder auf einen Augenblick sich irgendwohin entfernt, wenn er einen Andern bei der Hand nimmt, wenn er mit Einem, der nicht dieselbe Zelle mit ihm bewohnt, auch nur ganz wenige Worte zu sprechen wagt, wenn er mit Einem betet, der vom Gebete ausgeschlossen ist, wenn er einen seiner Verwandten oder Freunde aus der Welt her zu besuchen wünscht oder ohne seines Vorgesetzten Erlaubniß sich mit ihnen unterhält, wenn er endlich ohne Erlaubniß des Abtes von irgend Jemandem einen Brief zu empfangen oder zu beantworten sich erkühnt. So weit geht das geistliche Strafverfahren und wird in solcher Weise unter Anwendung ähnlicher Mittel gehandbabt. Die übrigen Fehler aber, die bei uns allenthalben vorkommen und von uns, freilich zu unserem gerechten Tadel, geduldet werden, nämlich offene Schimpfreden, offenkundige Verachtung, hochmüthige Gegenreden, freier, unbeschränkter Ausgang, vertrauter Verkehr mit Frauen, Zorn, Streit, Zank, Schelten, Anspruch auf Eigen-Arbeit, Verlangen nach überflüssigen Dingen, welche die übrigen Brüder nicht besitzen, und wirklicher Besitz derselben, aussergewöhnliches und heimliches Essen und ähnliche Fehler werden nicht mit der erwähnten geistigen Strafe geahndet, sondern mit körperlicher Züchtigung zu bessern versucht oder durch Ausweisung der Fehlenden gesühnt.

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XVII. Quibus auctoribus sit inuectum ut reficientibus fratribus sacrae lectiones in coenobiis recitentur, et quantum apud Aegyptios praebeatur silentium.

Illud autem, ut reficientibus fratribus sacrae lectiones in coenobiis recitentur, non de Aegyptiorum typo processisse, sed de Cappadocum nouerimus. quos nulli dubium est non tam spiritalis exercitationis causa, quam conpescendae superfluae otiosaeque confabulationis gratia et maxime contentionum, quae plerumque solent in conuiuiis generari, hoc statuere uoluisse, uidentes eas aliter apud se non posse cohiberi. apud Aegyptios enim uel maxime Tabonuosiotas tantum silentium ab omnibus exhibetur, ut, cum in unum tanta numerositas fratrum refectionis obtentu consederit, nullus ne muttire quidem audeat praeter eum, qui suae decaniae praeest, qui tamen si quid mensae superinferri uel auferri necessarium esse peruiderit, sonitu potius quam uoce significat. tantaque uescentibus eis silentii huius disciplina seruatur, ut cucullis ultra oculorum palpebras demissis, ne scilicet liber aspectus habeat copiam curiosius euagandi, nihil amplius intueantur quam mensam et adpositos in ea uel quos ex ea capiunt cibos, ita ut, quemadmodum uel quantum reficiat alius, nullus inuicem notet.

17. Ursprung der frommen Lesung bei Tisch und Beobachtung des Stillschweigens bei den ägyptischen Mönchen.

Die Sitte der Tischlektüre in den Klöstern stammt unseres Wissens nicht von den Ägyptiern, sondern von den Kappadoziern. Diese Letzteren haben ohne Zweifel nicht so sehr zum Zwecke der geistlichen Uebung diese Einrichtung getroffen, als vielmehr zur Einschränkung des überflüssigen und müßigen Geplauders und besonders zur Verhütung von Streitigkeiten, die beim Essen nicht selten entstehen: denn sie lebten der Überzeugung, diese Mißstände durch kein anderes Mittel verhüten zu können. Es herrscht aber bei den ägyptischen, noch mehr jedoch bei den tabenensischen Mönchen in solchem Grade allgemeines Schweigen, daß, wenn die so zahlreiche Genossenschaft vereint sich zum Mahle niedergelassen hat, ausser dem Vorsteher der Dekanie Keiner auch nur zu nicken wagt. Und wenn er bemerkt, daß Etwas auf- oder abgetragen werden muß, macht er dennoch lieber durch ein Geräusch, als mit der Stimme darauf aufmerksam. Ja eine solche Strenge wird bezüglich des Stillschweigens beim Essen beobachtet, daß die Mönche einen Schirm über die Augenlider herablassen, damit der freie Blick nicht zu neugierig herumschweifen kann. Dieser Schirm gewährt ihnen nur den Blick auf den Tisch und die auf demselben ihnen vorgesetzten und von ihnen zu genießenden Speisen, so daß Keiner bemerkt, wie und wie viel der Andere ißt.

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XVIII. Quam inlicitum sit extra mensam communem quicquam cibi potusue gustare.

Ante quam uel post quam legitimam communemque refectionem summa cautione seruatur, ne extra mensam quicquam cibi penitus ori suo quisquam indulgere praesumat, ut incedentibus per hortos et pomaria cum passim blandeque per arbores poma pendentia non solum obiciant se pectoribus transeuntium, uerum etiam strata per terram conculcanda pedibus offerant, atque ad colligendum parata facile ad consensum concupiscentiae inlicere ualeant intuentes et oportunitate uel copia quamuis districtos atque abstinentissimos ad sui desiderium prouocare, sacrilegum ducatur non modo quicquam ex his degustare, uerum etiam manu contingere absque eo, quod palam cunctis in commune reficientibus exhibetur et ad percipiendum oeconomi dispensatione per fratrum obsequia publice ministratur.

18. Es ist verboten, ausser der gemeinsamen Mahlzeit Speise oder Trank zu genießen.

Vor und nach der festgesetzten Mahlzeit hütet man sich mit ängstlicher Sorgfalt, etwas Speise überhaupt zum Munde zu bringen. Wohl kommt es oft vor, daß beim Spaziergang durch den Obstgarten hier und da das verführerisch von den Bäumen herabhängende Obst sich gegen die Brust der Vorüberwandelnden kehrt und auf dem Boden herumliegend sich den Füßen zum Zertreten darbietet und so zum Sammeln reizt. So könnte es durch seinen Anblick die Mönche zur Einwilligung in die Begierlichkeit verlocken und durch die bequeme Lage und große Menge bei den noch so sehr anderweitig beschäftigten und enthaltsamen Brüdern Verlangen darnach erwecken. Allein es gilt nicht nur für einen Raub am Heiligen, Etwas davon zu kosten, sondern auch es nur mit der Hand zu berühren, ausgenommen Das, was öffentlich zur gemeinsamen Mahlzeit der Brüder verwendet wird und der Oekonom den Brüdern unter dem Gehorsam zu pflücken befiehlt.

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XVIIII. Quemadmodum per Palaestinam uel Mesopotamiam cotidiana fratribus exhibeantur obsequia.

Ne quid sane de institutis coenobiorum praetermisisse uideamur, quemadmodum cotidiana fratribus etiam per alias regiones exhibeantur obsequia, commemorandum breuiter puto. per cunctam namque Mesopotamiam, Palaestinam et Cappadociam ac totum Orientem singulis ebdomadibus uicissim fratres ad haec officia sibi reddenda succedunt, ita ut secundum multitudinem coenobii ministrorum quoque numerus deputetur. quae explere tanta deuotione et humilitate deproperant, quanta nullus seruorum dirissimo domino ac praepotenti suum exhibet famulatum, ita ut ne istis quidem solis contenti obsequiis, quae canonico iure soluuntur, etiam nocte surgentes illos, quos specialiter haec manet cura, studio suo releuent et ea quae ab ipsis perficienda sunt furtim praeuenientes inplere contendant. has autem septimanas unusquisque suscipiens usque ad cenam diei dominici ministraturus obseruat. qua peracta ministerium totius ebdomadis ita concluditur, ut hi, quibus succedendum est, conuenientibus in unum fratribus ad concinendos psalmos, quos quieturi ex more decantant, omnibus in ordine pedes abluant, hunc scilicet ab eis pro labore totius septimanae benedictionis mercedem fideliter expetentes, ut eos explentes mandatum Christi emissa generaliter ab omnibus fratribus oratio prosequatur, quae uel pro ignorationibus intercedat uel pro admissis humana fragilitate peccatis, et commendet deo uelut sacrificium pingue consummata eorum deuotionis obsequia. nt ita secunda sabbati post matutinos hymnos aliis rursum succedentibus utensilia in quibus ministrauerunt ac uasa consignant: quae tanta sollicitudine curaque suscipientes custodiunt, ne quid ex eis inminuatur uel pereat, ut credant se etiam pro minimis quibusque uasibus tamquam pro sacrosanctis rationem non solum dispensatori praesenti, sed etiam domino reddituros, si forte aliquid ex eis neglegentia eorum fuerit inminutum. cuius disciplinae qui modus sit uel quanta fide et cautione seruetur, uno testimonio, quod exempli gratia ponam, poteritis agnoscere. sicut enim studemus satisfacere uestro feruori, quo plenam uniuersorum cognitionem desiderantes etiam ea quae optime nostis hoc libello uobis cupitis iterari, ita ueremur mensuram breuitatis excedere.

19. Tägliche Dienstleistungen der Brüder in Palästina und Mesopotamien.

Um Nichts von den Einrichtungen der Klöster zu übergehen, glaube ich auch die täglichen Dienstleistungen der Brüder in andern Ländern erwähnen zu müssen. Nämlich in ganz Mesopotamien, Palästina, Kappadozien, kurz im ganzen Orient lösen sich die Brüder wöchentlich zur Uebernahme dieser Dienste gegenseitig ab, so daß nach der Zahl der Mönche auch die Zahl der Dienenden bestimmt wird. Diese Dienste beeilen sie sich mit solcher Ergebung und Demuth zu verrichten, wie kein Diener den grausamsten und mächtigsten Herrn bedient. Ja, nicht zufrieden mit der Verrichtung dieser nach den Regeln zu leistenden Dienste stehen sie sogar Nachts auf, um Jenen, denen die Besorgung desselben eigens obliegt, durch ihre eifrige Hilfe eine Erleichterung zu gewähren. Heimlich kommen sie ihren Brüdern hierin zuvor. Die wöchentlichen Dienste, die Jeder übernimmt, verrichtet er bis zur Abendmahlzeit des Sonntags. Nach Beendigung derselben wird der Dienst der ganzen Woche in der Weise abgeschlossen, daß, wenn die Brüder versammelt sind, um in gewohnter Weise vor dem Schlafengehen die Psalmen zu singen, Diejenigen, welche nun folgen sollen, Allen der Reihe nach die Füße waschen. Dabei erbitten sie in ihrer Herzenseinfalt als Lohn ihren Segen für die Arbeit der ganzen Woche, damit bei der Erfüllung der Vorschrift Christi das gemeinsame Gebet aller Brüder sie begleite, für die in ihrem Dienste vorkommenden Unwissenheits- und Schwachheits-Sünden Abbitte leiste und ihre demüthigen Dienste Gott als ein wohlgefälliges Opfer empfehle. Am zweiten Wochentag (Montag) nach der Matutin bezeichnen sie ihren Nachfolgern die Geräthe und Gefäße, womit sie gedient. Auf diese achten die Nachfolgenden mit solch’ ängstlicher Sorgfalt, um ja Nichts an denselben zu verderben, daß sie für alle, auch die kleinsten Gefäße, als wären sie zum heiligen Dienste bestimmt, nicht nur dem sichtbar gegenwärtigen Hausmeister, sondern auch Gott Rechenschaft zu schulden glauben, wenn Etwas durch ihre Nachläßigkeit an ihnen verdorben worden ist. Mit welch’ gewissenhafter Vorsicht diese Regel gehandhabt wird, werdet ihr aus einem Zeugnisse, das ich beispielsweise anführen will, erkennen. Denn einerseits sind wir euere Wißbegierde zu befriedigen bestrebt, mit welcher ihr eine vollständige Kenntniß aller Dinge verlangt und auch Das, was ihr bereits sehr wohl wißt, in diesem Buche wiederholt wissen wollt; andererseits fürchten wir zu weitläufig zu werden.

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XX. De tribus lenticulae granis ab oeconomo repertis.

In septimana cuiusdam fratris cum praeteriens oeconomus tria lenticulae grana iacere uidisset in terra, quae ebdomadario festinanti, dum eam praeparat coctioni, inter manus cum aqua qua diluebatur elapsa sunt, confestim super hoc abbatem consuluit, a quo uelut interuersor neglectorque sacri peculii iudicatus ab oratione suspensus est. cuius neglegentiae reatus non aliter ei remissus est, nisi eum publica paenitentia diluisset. non solum enim se ipsos non esse suos, sed etiam omnia quae sua sunt credunt domino consecrata. propter quod si quid fuerit in monasterio semel inlatum, ut sacrosanctum cum omni decernunt reuerentia debere tractari, tantaque fide uniuersa procurant atque dispensant, ut etiam ea, quae despectui habentur paruaque reputantur ac uilia, si uel loco mouerint uel conpetentius conlocarint, si gillonem aqua inpleuerint, si ex eo cuiquam obtulerint ad bibendum, si tenuem fistucam de oratorio cellaue submouerint, mercedem se consecuturos a domino tota credulitate confidant.

20. Wie ein Hausmeister drei Linsenkörner fand.

Als ein Bruder bei seinem Wochendienste Linsen zum Essen bereitete, fielen ihm in der Eile mit dem Wasser, womit sie abgespült wurden, drei Körner zur Erde. Kaum sah der Oekonom im Vorbeigehen dieselben auf der Erde liegen, als er den Abt sofort darüber zu Rathe zog. Dieser erklärte Jenen für einen Verschleuderer und Verächter des heiligen Gutes und untersagte ihm die Theilnahme am Gebete. Die Schuld seiner Nachläßigkeit wurde ihm erst nach Uebernahme einer öffentlichen Buße erlassen. Wie nämlich die Mönche ihre Person nicht mehr als ihr Eigenthum betrachten, so glauben sie auch alles Ihrige dem Herrn geweiht. Wenn daher einmal Etwas in’s Kloster gebracht ist, so muß es nach ihren Regeln als Gott geweiht mit aller Ehrfurcht behandelt werden. Und mit solcher Gewissenhaftigkeit besorgen und ordnen sie Alles, daß, wenn sie auch das für verächtlich und gering Geltende von seiner Stelle wegbringen oder ihm eine passende Lage geben, wenn sie den Krug mit Wasser füllen und Jemandem daraus zu trinken geben, wenn sie ein Grashälmchen aus dem Oratorium oder der Zelle entfernen, sie für alle diese Kleinigkeiten mit fester Zuversicht vom Herrn einen Lohn erwarten.

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XXI. De spontaneo quorundam fratrum ministerio.

Nouimus fratres, in quorum septimana cum accidisset tanta lignorum penuria, ut non esset penitus unde soliti cibi fratribus pararentur, et donec possent coempta deferri, ut xerofagia contenti essent abbatis fuisset auctoritate praeceptum, essetque hoc uniuersis placitum nec quisquam posset ullum coctionis sperare pulmentum, illos, uelut qui fructu ac mercede sui laboris et obsequii fraudarentur, si in ordine uicis suae cibos fratribus non secundum consuetudinem parauissent, tantum sibi spontanei operis ac sollicitudinis indixisse, ut in illis aridis ac sterilibus locis, in quibus ligna, nisi de fructiferis arboribus excidantur, omnimodis nequeunt inueniri (nec enim ut apud nos ulla repperiuntur frutecta siluestria), per extenta auia discurrentes et heremum, quae uersus mare mortuum tenditur, obeuntes fistucas tenues ac spinulas, quas uentus huc illucque disperserat, suo sinu et gremiis colligentes cunctam sollemnitatem ciborum spontaneis obsequiis praepararent, ita ut de solita praebitione nihil paterentur inminui, tanta fide haec sua munia fratribus exhibentes, ut etiam cum illos honeste posset uel lignorum excusare penuria uel abbatis imperium, pro fructu suo atque mercede noluerint hac abuti licentia.

21. Freiwillige Dienste der Brüder.

Es tritt bisweilen in den Klöstern ein solcher Holzmangel ein, daß man gar Nichts hat, um die Speisen für die Brüder zu bereiten, und daher die Brüder mit roher Kost, der sog. xerophagia sich begnügen müssen, bis man wieder Holz hat kaufen und hereinbringen können. Obwohl es nun des Abtes Befehl und der Brüder einmüthiger Beschluß ist, daß unter solchen Umständen Keiner irgend ein gekochtes Gericht erwarten könne, so glauben doch, wie uns berichtet wurde, die in der betreffenden Woche dienenden Brüder sich um den Lohn ihrer Mühe und ihres Gehorsams betrogen, wenn sie während ihrer Dienstzeit den Brüdern die Speisen nicht der Gewohnheit gemäß bereitet hätten. Daher legen sie sich aus freien Stücken die mühevolle Arbeit auf, in jenen dürren und unfruchtbaren Gegenden, in denen man nur Holz haben kann, wenn man es von den Fruchtbäumen herunterhaut, weil sich dort keine Waldbäume befinden wie bei uns, durch weite unwegsame Strecken zu streifen und die am todten Meere gelegene Wüste aufzusuchen. Dort sammeln sie spärliche Grashalmen und Dornreiser, die der Wind hierhin und dorthin verjagt hat, um so durch ihre freiwilligen Dienste die Speisen ganz in der gewöhnlichen Weise zu bereiten. So lassen sie an den gewöhnlichen Leistungen Nichts fehlen, indem sie mit solchem Vertrauen ihren Brüdern diese Dienste erweisen, daß sie, durch den Holzmangel und den Befehl des Abtes hinreichend entschuldigt, dennoch von dieser Erlaubniß keinen Gebrauch machen wollen, um nur nicht ihres Verdienstes und Lohnes verlustig zu gehen.

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XXII. De Aegyptiorum typo, qui est super cotidianis fratrum statutus obsequiis.

Haec dicta sint secundum typum ut praefati sumus totius Orientis, quem etiam in partibus nostris necessario dicimus debere seruari. ceterum apud Aegyptios, quibus maxima cura est operis, non est ebdomadarum mutua uicissitudo, ne sub occasione huius officii omnes ab operis canone inpediantur, sed uni probatissimo fratrum cellarii uel coquinae cura committitur, qui perpetuo, donec uirtus eius uel aetas admittit, iugiter opus istud exerceat. non enim magno labore corporis fatigatur, quia nec tanta cura inter eos parandorum ciborum uel coctionis inpenditur, quippe qui maxime xerofagiis uel omofagiis utuntur et apud quos secta singulis mensibus porrorum folia, labsania, sal frictum, oliuae, pisciculi minuti salliti, quos illi maenomenia uocant, summa uoluptas est.

22. Regeln der ägyptischen Mönche bezüglich der täglichen Dienste.

Was wir eben berichtet, ist eine im ganzen Oriente herrschende Gewohnheit. Diese Regel mußte unsers Erachtens nothwendig auch in den Klöstern unseres Landes eingehalten werden. Übrigens besteht bei den ägyptischen Mönchen, die sich hauptsächlich mit Handarbeit beschäftigen, nicht eine gegenseitige Ablösung in den Wochendiensten, da eine solche Einrichtung sie an der durch die Regel gebotenen Arbeit hindern könnte; vielmehr wird dort ein besonders erprobter Bruder mit der Sorge für Küche und Keller betraut, der fortwährend, so lange es Kraft und Alter erlauben, jenes Amt zu versehen hat. Dieser wird nicht durch zu große Arbeit ermüdet, weil bei ihnen keine große Sorgfalt auf das Zubereiten und Kochen der Speisen verwendet wird. Man begnügt sich nämlich oft mit rohen und ungekochten Speisen; und Blätter von Lauch, für je einen Monat geschnitten, Lapsania, kleingeriebenes Salz, Oliven, gesalzene Fischlein, von ihnen maenidia genannt, gelten den Brüdern für die größten Leckerbissen.

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XXIII. De oboedientia abbatis Iohannis, per quam usque ad prophetiae prouectus est gratiam.

Et quoniam hic liber de institutione est eius qui renuntiat huic mundo, per quam scilicet introductus ad humilitatem ueram et oboedientiam perfectam ceterarum quoque uirtutum culmina possit ascendere, necessarium reor quaedam seniorum gesta, quibus per hanc enituere uirtutem, exempli gratia sicut promisimus explicare, de multis admodum pauca carpentes, ut studentibus sublimiora sectari non solum incitamentum ex his uitae perfectae, sed etiam propositi forma procedat. quamobrem duos uel tres pro libelli huius conpendio de tam innumera patrum multitudine proferentes ponimus primum abbatem Iohannem, qui commoratus est iuxta Lyco, quod est oppidum Thebaidae, quique propter oboedientiae uirtutem usque ad prophetiae gratiam sublimatus sic uniuerso orbi claruit, ut etiam regibus mundi huius merito suo redderetur inlustris. nam cum in extremis ut diximus Thebaidae partibus commaneret, non ante praesumebat Theodosius imperator ad praepotentium tyrannorum bella procedere, quam illius animaretur oraculis atque responsis, quibus confidens uelut caelitus sibi delatis tropaea de desperatis bellis atque hostibus reportauit.

23. Gehorsam des Abtes Johannes, der ihm sogar die Gabe der Prophezeihung verdiente.

Weil einmal dieses Buch von der Unterweisung des von der Welt Losgesagten handelt, durch die er, zur wahren Demuth und zum wahren Gehorsam geführt, auch den Gipfel der übrigen Tugenden zu erreichen befähigt ist, so halte ich es für nothwendig, gemäß meines Versprechens, beispielsweise von einigen Thaten der Oberen zu reden, durch die sie in dieser Tugend sich ausgezeichnet haben. Aus den vielen werden wir nur wenige auswählen, damit bei unserem Streben nach höherer Vollkommenheit sowohl eine Anregung zu einem vollkommenen Leben, als auch ein wirksamer Vorsatz uns daraus erwachse. Daher mögen wegen der gedrängten Form unseres Buches von der unermeßlichen Zahl von Vätern nur die Beispiele von zweien oder dreien hier eine Stelle finden. Zuerst sei der Abt Johannes erwähnt, der in der Nähe von Lykon, einer Stadt der Thebais, wohnte. Dieser, ob der Tugend des Gehorsams sogar der Gabe der Prophezie gewürdigt, erlangte eine so allgemeine Berühmtheit, daß er sogar bei den Königen dieser Welt mit Recht in hohen Ehren stand. Denn obwohl er, wie gesagt, in den entlegensten Theilen der Thebais wohnte, wagte doch der Kaiser Theodosius nicht eher in den Krieg gegen sehr mächtige Tyrannen zu ziehen, bis er durch dessen Weissagungen und Antworten dazu ermuthigt worden war. Im Vertrauen auf diesen wie vom Himmel ihm gewordenen Bescheid trug er in dem Kriege, an dessen glücklichem Ausgang er bereits verzweifelte, einen glänzenden Sieg über die Feinde davon.

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XXIIII. De ligno arido, quod idem abbas Iohannes ad arbitrium senioris sui quasi adolendum rigare non destitit.

Hic itaque beatus Iohannes ab adulescentia sua usque ad perfectam ac uirilem aetatem seniori deseruiens, donec ille in huius uitae conuersatione durauit, tanta humilitate inhaesit eius obsequiis, ut ipsi quoque seni stuporem summum oboedientia eius incuteret. cuius hanc uirtutem, utrum de uera fide ac profunda cordis simplicitate descenderet an adfectaticia esset et quodammodo coacticia atque ad imperantis faciem praeberetur, uolens manifestius explorare conplura ei etiam superflua minusque necessaria uel inpossibilia frequentius iniungebat. ex quibus tria ponam, per quae manifestari possit uolentibus scire uel mentis eius uel subiectionis integritas. sumpsit namque de lignario suo uirgultum senex, quod olim excisum usibus foci fuerat praeparatum, dumque coctionis retardat occasio, non modo aridum, sed prope putre iacebat temporis uetustate. cumque hoc coram ipso fixisset in terram, praecepit aduecta aqua cotidie bis rigari, ut scilicet diurnis umoribus radicatum atque in antiquam arborem reuiuiscens diffusis ramis amoenitatem oculis atque umbraculum in aestu feruenti subter residentibus exhiberet. quod praeceptum ueneratione solita sine ulla inpossibilitatis consideratione suscipiens adulescens ita cotidianis diebus expleuit, ut aquam per duo ferme milia indesinenter adportans nullatenus lignum rigare cessaret, ut quem per totum anni spatium non infirmitas corporis, non festiuitatis sollemnitas, non occupatio necessitatis ullius, quae illum etiam honeste excusaret ab exsecutione mandati, non denique hiemis asperitas intercedens ab obseruantia praecepti huius potuerit inpedire. cumque eius hanc sedulitatem tacitus senex latenter diebus singulis exploraret uideretque eum simplici cordis affectu mandatum suum uelut diuinitus emissum sine ulla permutatione uultus uel rationis discussione seruare, sinceram humilitatis eius oboedientiam conprobans, pariter etiam miserans tam longum laborem, quem per totum anni spatium studio deuotionis inpenderat, ad aridum uirgultum accedens, o, inquit, Iohannes, misitne radices haec arbor an non? cumque ille se nescire dixisset, senex, uelut inquirens rei ueritatem et tamquam temptans utrum iam suis radicibus niteretur, euulsit coram ipso leui commotione uirgultum, sicque proiciens illud praecepit ut deinceps rigare desineret.

24. Derselbe Abt Johannes begießt auf Befehl seines Obern ein dürres Holz, wie um es wieder zu beleben.

Auch diente der selige Johannes von seiner Jugend bis zu seinem Mannesalter seinem Obern, so lange er mit ihm verkehrte, und befolgte mit solcher Demuth dessen Befehle, daß sein Gehorsam selbst dem greisen Vorsteher die höchste Bewunderung abnöthigte. Letzterer wollte sich einmal genau davon überzeugen, ob diese seine Tugend wahrem Glauben und echter Herzenseinfalt entspringe oder mehr eine erheuchelte und gewissermaßen gezwungene sei und sich nur nach der Miene des Befehlenden richte. Er trug ihm deßbalb möglichst viele überflüssige und weniger nothwendige, ja selbst öfter unmögliche Handlungen auf. Nur drei seien hier angeführt, wodurch die wißbegierigen Leser von der Reinheit seiner Gesinnung und Unterwürfigkeit sich überzeugen können. Es nahm nämlich der Greis aus seinem Holzkasten ein ehemals abgehauenes und zum Herdfeuer bestimmtes Reis hervor. Da das Kochen zuweilen lange unterbleibt, so war dasselbe nicht bloß dürr, sondern wegen der Länge der Zeit fast verfault. Dieses steckte er vor des Johannes Augen in die Erde und befahl ihm, Wasser zu holen und das Reis täglich zweimal zu begießen, damit es durch die tägliche Bewässerung Wurzel schlage und, wieder zum Baume erstehend, durch seine ausgebreiteten Äste den Augen einen freundlichen Anblick und den bei glühender Sonnenhitze unter ihm Lagernden Schatten gewähre. Diesen Befehl nahm der Jüngling mit gewohnter Ehrfurcht ohne irgend welches Nachdenken über seine Unmöglichkeit auf und führte ihn alltäglich aus. Ununterbrochen trug er aus einer Entfernung von zwei Millien Wasser herbei und bewässerte das Holz. Das ganze Jahr hindurch konnte ihn weder Krankheit noch die Feier eines Festes noch eine nothwendige Beschäftigung, die ihn wegen der Unterlassung des Auftrages hätte entschuldigen können, noch endlich die eintretende Strenge des Winters an der Ausführung des Befehles hindern. Schweigend und heimlich vergewisserte sich der Greis jeden Tag dieses emsigen Eifers und sah, wie der junge Mann mit großer Herzenseinfalt seinen Auftrag, wie von Gott gegeben, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ihn mit Vernunftgründen zu erwägen, ausführte. So hatte er Gelegenheit, seinen aufrichtigen und demüthigen Gehorsam zu erproben; doch bemitleidete er ihn auch wegen seiner so langen Mühe, die er ein ganzes Jahr auf die Uebung der Demuth verwandt hatte, trat an das dürre Reis und sagte: „Nun, Johannes, hat der Baum Wurzeln angesetzt oder nicht?“ Auf die Antwort, er wisse es nicht, ging der Greis, als ob er die Wahrheit seiner Aussage erforschen und nachsehen wolle, ob das Reis schon Wurzeln habe, zu demselben hin und riß es in Johannes’ Gegenwart mit geringer Anstrengung aus, warf es weg und befahl ihm, es in Zukunft nicht mehr zu begießen.

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XXV. De proiecto ab abbate Iohanne uase unico olei ad senioris imperium.

Itaque cum huiuscemodi exercitiis eruditus cotidie iuuenis in hac parendi uirtute succresceret et humilitatis eius enitesceret gratia atque oboedientiae suae suauis odor per monasteria uniuersa fragraret, quidam fratrum probationis, immo aedificationis obtentu uenientes ad senem cum subiectionem eius quam audierant mirarentur, uocans eum repente senex, ascende, ait, et sumens lenticulam olei (quae sola in heremo suis uel aduenientum usibus liquorem pinguedinis tenuissimum ministrabat) deorsum proice per fenestram. quam ille, cum ad superiora concitus peruolasset, per fenestram proferens comminuendam dimisit ad terram, parum cogitans uel retractans praecepti ineptiam, diurnam necessitatem, infirmitatem corporis, penuriam sumptuum, heremi squalentis angustias ac difficultates, in qua, etiam si pecunia subpeditaret, nihilominus perdita species inueniri repararique non posset.

25. Abt Johannes wirft auf seines Oberen Befehl das einzige Oelgefäß weg.

In der Schule derartiger Übungen täglich gebildet machte der Jüngling in der Tugend der Folgsamkeit große Fortschritte, die Gabe der Demuth umstrahlte ihn mit wunderbarem Glanze und der liebliche Duft seines Gehorsams verbreitete sich in allen Klöstern. Als nun einige Brüder zum Vorsteher kamen und voll Verwunderung über dessen gerühmte Unterwürfigkeit sich äusserten, rief derselbe, theils um Johannes zu prüfen, theils um jene zu erbauen, Diesen plötzlich herbei, nahm das Oelfläschchen, aus dem allein in der Wüste zu ihrem und der Gäste Gebrauch die feine, fette Flüssigkeit gegossen wurde, und sprach zu ihm: „Geh’ hinauf und wirf Das durch’s Fenster hinab!“ Johannes eilte unverzüglich auf das obere Stockwerk und warf das Fläschchen durch das Fenster zur Erde, daß es zerbrach. Nicht zögerte er, nicht dachte er nach über den unsinnigen Befehl, nicht über die tägliche Noth oder die vorkommenden Krankheiten, nicht über die beschränkten und schwierigen Verhältnisse in der armen Einöde, in der man trotz hinreichenden Geldes das nun zerbrochene Geräth weder kaufen noch wiederherstellen konnte.

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XXVI. Quemadmodum abbas Iohannes suo oboedierit seniori ad aduoluendum saxum, quod ne a multis quidem possibile erat moueri.

Aliis rursus aedificari cupientibus oboedientiae eius exemplo, uocans senior, curre, inquit, Iohannes, saxum illud huc aduolue quantocius. qui confestim saxum inmane, quod multae hominum turbae mouere non possent, adplicita nunc ceruice nunc toto corpore, tanto nisu atque conatu prouoluere contendebat, ut sudore omnium membrorum suorum non solum totum infunderet uestimentum, sed etiam saxum ipsum suis ceruicibus umectaret, in hoc quoque parum metiens inpossibilitatem praecepti uel facti pro reuerentia senis et obsequii simplicitate sincera, qua credebat senem tota fide nihil posse in cassum ac sine ratione praecipere.

26. Aus Gehorsam gegen seinen Vorgesetzten versucht der Abt Johannes einen mächtigen Felsblock fortzuwälzen.

Als Andere wieder an dem Beispiel eines solchen Gehorsams sich zu erbauen wünschten, rief ihn sein Vorgesetzter und sprach zu ihm: „Lauf’’ hin, Johannes, und wälze so schnell als möglich diesen Stein hieher!“ Sofort beeilte er sich, den ungeheuern Felsblock, den viele Menschenschaaren nicht einmal zu bewegen vermochten, bald mit dem Nacken, bald mit dem ganzen Körper unter solcher Kraftanstrengung vorwärts zu wälzen, daß der aus allen seinen Gliedern hervorbrechende Schweiß sein ganzes Kleid durchnäßte und selbst der Fels von dem Schweiße seines Nackens benetzt ward. Dabei dachte er wenig nach über die Unmöglichkeit des Befehles oder der befohlenen Handlung: so groß war seine Ehrfurcht vor dem Vorgesetzten und so aufrichtig die Einfalt seines Gehorsams, kraft welcher er überzeugt war, daß der Obere nichts Eitles und Vernunftwidriges vorschreiben könne.

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XXVII. De humilitate et oboedientia abbatis Patermuti, quam in proiciendo in flumen paruulo filio ex praecepto senioris non haesitauit inplere.

Huc usque abbatis Iohannis pauca de multis dixisse sufficiat. nunc abbatis Patermuti factum dignum memoria conprehendam. hic namque abrenuntiare desiderans huic mundo tamdiu pro foribus monasterii excubans perdurauit, donec inmobili perseuerantia sua contra omnem consuetudinem coenobiorum cum filio paruulo, qui octo circiter esset annorum, ut susciperetur eliceret. cumque tandem recepti fuissent, confestim non solum diuersis praepositis traditi, uerum etiam cellae habitatione seiuncti sunt, ne scilicet iugi uisione paruuli reminisceretur pater ex omni sua quam renuntians abiecerat facultate atque affectione carnali saltim sibi filium superesse, et quemadmodum diuitem se iam non esse sciebat, ita etiam patrem se esse nesciret. quod ut plenius probaretur, utrum uidelicet plus faceret affectionem sanguinis ac suorum uiscerum caritatem, an oboedientiam et mortificationem Christi, quam renuntians quisque pro eius debet amore praeferre, de industria neglegebatur paruulus, pannis potius quam uestimentis indutus, sordibus quoque ita obsitus ac foedatus, ut offendere potius quam delectare paternos oculos posset, quotiens ab eo fuisset aspectus, sed etiam colaphis atque alapis expositus diuersorum, quas plerumque sub obtutibus suis innocenti paruulo etiam gratis cernebat infligi, ita ut numquam genas eius nisi lacrimarum sordentibus uestigiis uideret infectas. cumque taliter infans sub oculis eius per dies singulos ageretur, pro amore nihilominus Christi et oboedientiae uirtute rigida semper atque inmobilia patris uiscera permanserunt. non enim reputabat iam suum filium, quem secum pariter obtulerat Christo, nec curabat de praesentibus eius iniuriis, sed potius exultabat, quod eas nequaquam infructuose tolerari cernebat, parum cogitans de lacrimis eius, sed de propria humilitate ac perfectione sollicitus. quam districtionem mentis illius atque inmobilem rigorem peruidens coenobii senior, ad conprobandam penitus animi eius constantiam, cum plorare quadam die uidisset infantem, simulans se aduersus eum commotum praecepit patri, ut tollens eum iactaret in flumen. tum ille, uelut a domino sibi esset praeceptum, confestim celeri cursu rapiens filium ulnis propriis usque ad oram fluminis iactaturus aduexit. quod profecto feruore fidei et oboedientiae eius fuisset opere consummatum, ni procurati fuissent de industria fratres, qui sollicite ripam fluminis obsiderent, proiectumque iam et quodammodo de fluminis alueo paruulum rapuissent, et consummationem praecepti obsequio patris ac deuotione conpletam ab effectu operis atque ab ipso fine reuocassent.

27. Demuth und Gehorsam des Abtes Mucius, der auf Befehl des Oberen sein eigenes Kind ohne Zaudern in einen Bach warf.

Das Wenige, was ich bis jetzt von dem Abte Johannes erzählt, möge genügen. Jetzt will ich eine merkwürdige That des Abtes Mucius kurz berichten. Dieser nämlich, voll Verlangen der Welt zu entsagen, harrte so lange an den Pforten des Klosters, bis er durch seine unwandelbare Beharrlichkeit gegen alle Gewohnheit der Klöster seine und seines achtjährigen Söhnchens Aufnahme durchsetzte. Nach ihrer Aufnahme erhielten sie verschiedene Vorgesetzte, sowie verschiedene Zellen zur Wohnung angewiesen. Diese Maßregel sollte in dem Vater den durch den beständigen Anblick des Kleinen geweckten Gedanken ertödten, daß von seiner ganzen Habe und seinen fleischlichen Neigungen, denen er gänzlich entsagt, wenigstens der Sohn übrig geblieben sei; sie sollte ihn ferner mit dem Gedanken vertraut machen, daß er, wie er sich nicht mehr reich wisse, so auch sich nicht mehr als Vater wisse. Um nun gründlicher zu erforschen, ob er mehr nach der Neigung seines Blutes und nach der Liebe zu seinem eigenen Fleisch und Blut handle, als nach dem von Abtödtung begleiteten Gehorsam Christi, den jeder Ordensmann jener Liebe vorziehen muß, wurde der Knabe absichtlich vernachläßigt. Er war eher mit Lumpen umhüllt, als mit Kleidern angethan, und so voller Schmutz, daß er des Vaters Auge mehr zu beleidigen als zu ergötzen geeignet war, so oft er ihn anschaute. Auch Backenstreichen und Schlägen von verschiedenen Seiten war der Knabe ausgesetzt, die gewöhnlich vor den Augen des Vaters dem unschuldigen Kinde gegeben wurden, so daß er dessen Wangen nur mit schmutzigen Thränenspuren befleckt sah. Und obwohl man täglich unter seinen Augen so mit seinem Kinde verfuhr, blieb doch um der Liebe Christi und der Tugend des Gehorsams willen sein Inneres starr und unbewegt. Denn er betrachtete den Sohn nicht mehr als sein Eigenthum, seitdem er ihn zugleich mit sich Christo dargebracht hatte. Auch war er nicht bekümmert über die ihm in seiner Gegenwart zugefügten Unbilden, sondern frohlockte vielmehr darüber, weil er sich überzeugt hatte, daß die Ertragung derselben ihm stets reiche Früchte eintrug. Dabei war er weniger auf des Kindes Thränen als auf seine eigene Demuth und Vollkommenheit bedacht. Der Vorsteher des Klosters durchschaute seine innere Abtödtung und seine unwandelbare Strenge gegen sich, wünschte jedoch eine gründliche Probe seiner Standhaftigkeit. Als er daher einst das Kind wieder weinen sah, befahl er, als sei er gegen dasselbe aufgebracht, dem Vater, es zu ergreifen und in den Fluß zu werfen. Gleichsam als hätte er von Gott diesen Befehl erhalten, ergriff er sofort eiligst sein Kind und trug es mit eigenen Armen an den Fluß, um es hineinzuwerfen. Dieß wäre vielleicht bei der Glut seines Vertrauens und Gehorsams geschehen, wenn man nicht absichtlich zur Vorsorge Brüder beauftragt hätte, die besorgt am Ufer standen, um den in den Fluß geworfenen und von seinen Wellen beinahe verschlungenen Knaben herauszuziehen, wodurch sie die gänzliche Ausführung des Befehles, die bei dem demüthigen Gehorsam des Vaters sicher zu erwarten stand, schließlich verhinderten.

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XXVIII. Quemadmodum reuelatum sit abbati de Patermutio opus eum Abrahae fecisse, et quod defuncto eidem abbati idem Patermutius in monasterii administratione successerit.

Cuius fides atque deuotio in tantum deo fuit accepta, ut diuino statim testimonio conprobata sit. reuelatum namque est continuo seniori hac eum oboedientia Abrahae patriarchae opus inplesse. cumque breui tempore transacto idem abbas coenobii de huius mundi commoratione migraret ad Christum, hunc praeponens cunctis fratribus successorem sui atque abbatem monasterio dereliquit.

28. Belobung und Belohnung des frommen Mucius.

Des Mucius Glaube und Demuth war Gott so wohlgefällig, daß er dieselben sofort durch sein eigenes Zeugniß billigte. Es wurde nämlich sofort dem Vorsteher geoffenbart, Jener habe durch seinen Gehorsam das Werk des Patriarchen Abraham vollbracht. Und als nach kurzer Zeit eben dieser Abt aus dieser Welt zum Herrn hinüberwandelte, setzte er Mucius über alle Brüder und hinterließ ihn als seinen Nachfolger und als Abt des Klosters.

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XXVIIII. De oboedientia fratris, qui decem sportas circumferens publice distraxit abbatis imperio.

Non tacebimus etiam nobis cognitum fratrem secundum saeculi huius ordinem summae familiae: nam patre comite ac ditissimo oriundus fuit, studiis quoque liberalibus non mediocriter institutus. qui relictis parentibus cum ad monasterium peruolasset, ad conprobandam mentis humilitatem uel fidei eius ardorem confestim ei a seniore praeceptum est, ut decem sportas, quas necesse non erat publice uenditari, ceruicibus suis onerans distrahendas per plateas circumferret, adiecta condicione, qua diutius in hoc officio retineretur, ut, si forte unus eas pariter coemere uoluisset, non cederet, sed singillatim eas quaerentibus uenundaret. quod ille tota deuotione conpleuit et omni confusionis uerecundia pro nomine ac desiderio Christi calcata sportas umeris suis inponens pretio statuto distraxit ac pecuniam ad monasterium reportauit, nequaquam perterritus tam uilis et insueti officii nouitate nec considerans indignitatem rei nataliumque splendorem ac uenditionis iniuriam, dum illam Christi humilitatem, quae est uera nobilitas, per oboedientiae gratiam desiderat obtinere.

29. Gehorsam jenes Bruders, der auf des Abtes Befehl zehn Weidenkörbe öffentlich feil bot und verkaufte.

Nicht wollen wir einen uns ebenfalls bekannten Bruder mit Stillschweigen übergehen, der einer nach der Ordnung dieser Welt sehr hohen Familie angehörte. Sein Vater war nämlich ein Komes und sehr reich; auch hatte er selbst eine ausgezeichnete gelehrte Bildung genossen. Doch hatte er Vater und Mutter verlassen und war in’s Kloster geeilt. Um seine Demuth und seinen lebendigen Glauben zu prüfen, wurde ihm sofort von seinem Oberen befohlen, zehn Weidenkörbe, die man keineswegs zu verkaufen nöthig hatte, auf seinen Schultern in den Straßen feil zu bieten. Daran war eine Bedingung geknüpft, die ihn bei diesem Dienste länger aufhielt, nämlich die, daß er Keinem, der sie alle zusammen kaufen wollte, willfahren, sondern den Kauflustigen sie einzeln ablassen solle. Dieß führte er in aller Demuth aus: er trat jede Furcht vor Beschämung um des Namens und der Liebe Christi willen mit Füßen, lud die Weidenkörbe auf seine Schultern, verkaufte sie um den festgesetzten Preis und brachte das Geld zum Kloster, ohne sich durch die Neuheit des niedrigen und ungewohnten Dienstes abschrecken zu lassen, ohne auf die beschämende Handlung, den Glanz seiner Geburt und die Unbilden beim Verkaufe zu achten; denn es war sein Wunsch, Christi Demuth, welche der wahre Adel ist, durch die Gnade des Gehorsams zu erlangen.

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XXX. De abbatis Pinufi humilitate, qui relicto coenobio celeberrimo, cui presbyter praeerat, longinquum monasterium, in quo uelut incipiens susciperetur, desiderio perfectionis expetit.

Coartat nos libelli modus ad finem tendere: sed oboedientiae bonum, quae inter ceteras uirtutes primatum tenet, non patitur nos eorum gesta qui per hanc claruerunt penitus silentio praeterire. propter quod utrumque congrue temperantes, id est tam breuitati quam studiosorum desideriis atque utilitatibus seruientes unum adhuc ponemus humilitatis exemplum, quod non ab incipiente, sed a perfecto atque abbate conpletum non solum iuniores instruere, sed etiam seniores ad perfectam humilitatis uirtutem lectione sua poterit incitare. uidimus itaque abbatem Pinufium, qui cum esset inmanis coenobii presbyter, quod est in Aegypto non longe a Panephysi ciuitate, et pro ipsa reuerentia uel uitae suae uel aetatis uel sacerdotii cunctis honorabilis ac uenerandus existeret, uidens se pro hoc ipso humilitatem illam, quam secundum suae mentis ardorem concupierat, exercere non posse nec habere quo uirtutem desiderata»' subiectionis extenderet, clam fugiens de coenobio secessit solus in Thebaidos ultimas partes, ibique deposito habitu monachorum adsumpta saeculari ueste coenobium Tabennesiotarum expetit, quod sciebat cunctis esse districtius, et in quo se uel pro longitudine regionis credidit ignorandum uel pro magnitudine monasterii ac multitudine fratrum facile posse celari. ubi diutius pro foribus perseuerans cunctorum fratrum genibus prouolutus ut susciperetur summis precibus ambiuit. cumque multo despectu tandem fuisset admissus, quod scilicet decrepitus senex et qui omnem suam peruixisset aetatem ingredi coenobium postularet, quo tempore iam ne deseruire quidem suis uoluptatibus praeualeret, ac ne hoc ipsum quidem causa religionis expetere eum adsererent, sed famis et inopiae necessitate constrictum, ut seni nullique operi penitus apto horti cura diligentiaque mandatur. quam sub alio fratre iuniore, qui eum sibi creditum retinebat, exercens sic eidem subdebatur tantaque oboedientia desideratam humilitatis excolebat uirtutem, ut non solum ea, quae ad horti diligentiam pertinebant, uerum etiam uniuersa officia, quae erant cunctis aspera uel indigna atque ab omnibus ducebantur horrori, tota cotidie sedulitate conpleret. conplura uero etiam nocte consurgens ita furtim nullo teste uel conscio tenebris occulentibus efficiebat, ut penitus auctorem operis nemo deprehenderet. cumque ibidem triennio delitescens per uniuersam Aegyptum dispersis ubique fratribus quaereretur, a quodam tandem uisus, qui de Aegypti partibus commearat, uix potuit pro humilitate habitus sui ac uilitate officii quod gerebat agnosci. nam sarculo deorsum incuruus laxabat holeribus terram, deinde stercus umeris suis aduectans eorum radicibus ingerebat. cumque haec intuens frater super agnitione eius diutissima fuisset haesitatione detentus, propius tandem accedens et non solum uultum, sed etiam sonum uocis diligenter explorans ad pedes eius comminus cecidisset, primo quidem super hoc stuporem summum uidentibus cunctis incussit, cur uidelicet istud fecerit ei, qui apud ipsos uelut nouicius ac de saeculo nuper egressus habebatur extremus. post uero miraculo sunt maiore perculsi, cum eius nomen, quod apud ipsos quoque magna fuerat opinione conpertum, protinus prodidisset. a quo uniuersi fratres prioris ignorantiae ueniam postulantes, quod eum uidelicet tanto tempore inter iuniores ac paruulos deputassent, inuitum ac flentem, quod inuidia diaboli digna sibi fuisset conuersatione atque humilitate fraudatus, quam diutissime requisitam tandem se aliquando inuenisse gaudebat, nec meruisset uitam suam in illa quam arripuerat subiectione finire, ad proprium coenobium reuexerunt, custodientes eum summa diligentia, ne ab eis quoque similiter quoquam dilapsus aufugeret.

30. Große Demuth und Selbstverleugnung des Abtes Pynupius.

Es zwingen uns die engen Grenzen dieses Buches, zum Schlusse zu eilen; doch das hohe Gut des Gehorsams, der unter den übrigen Tugenden die erste Stelle einnimmt, läßt nicht zu, daß wir die Thaten jener Männer ganz verschweigen, die durch ihn berühmt geworden sind. Deßwegen wollen wir Beides passend vereinigen, d. h. sowohl der Kürze uns befleissen, als auch dem Wunsche und Vortheile der Wißbegierigen dienen und nur noch ein Beispiel der Demuth anführen, das nicht von einem Anfänger, sondern von einem vollkommenen Manne, und zwar von einem Abte geliefert wurde und daher nicht nur die Jüngeren zu unterrichten, sondern auch die Älteren beim Lesen desselben zur vollkommenen Tugend des Gehorsams anzuspornen geeignet ist.

Wir kannten nämlich den Abt Pynupius, welcher Vorsteher eines sehr großen Klosters in Aegypten, nicht weit von der Stadt Panephysis, war und wegen der Ehrfurcht, die man für sein frommes Leben, sein Alter und seine priesterliche Würde hegte, bei Allen in hoher Achtung und Verehrung stand. Als er nun sah, daß gerade dieser Umstand seinem heissen Verlangen nach Demuth entgegenstand und er keine Gelegenheit fand, die von ihm sehnlichst gewünschte Unterwürfigkeit zu bethätigen, floh er heimlich und allein aus dem Kloster und kam in die entlegensten Gegenden der Thebais. Dort legte er sein Mönchsgewand ab, zog ein weltliches Kleid an und suchte ein Kloster der tabennensischen Mönche auf, das er als das strengste von allen kannte. Hier hoffte er wegen der großen Entfernung des Ortes unbekannt zu bleiben oder wegen der Größe des Klosters und großen Anzahl der Brüder sich verborgen halten zu können. Lange harrte er an der Klosterpforte, warf sich allen Brüdern zu Füßen und bat sie flehentlich um Aufnahme. Diese verfehlten nicht, ihm eine vielfach verächtliche Behandlung zu Theil werden zu lassen. Sie warfen ihm vor, er wolle als abgelebter Greis, der sein ganzes Leben in der Welt zugebracht, am Ende seines Lebens in das Kloster treten, und auch das beabsichtigte er nicht um eines frommen Lebens willen, sondern gezwungen durch Hunger und Armuth. Doch nahmen sie ihn endlich auf und überließen ihm, als einem zu jeder Arbeit unbrauchbaren Greise, die Pflege und Bewachung des Gartens. Unter der Leitung eines jüngeren Bruders, dessen Führung man ihn anvertraut hatte, unterzog er sich dieser Aufgabe und pflegte mit solchem Gehorsam die von ihm erstrebte Tugend der Demuth, daß er nicht nur die zur Pflege und Bewahrung des Gartens erforderlichen, sondern auch alle jene Dienste, welche den übrigen Brüdern als schwierig oder beschämend oder als ein Gegenstand des Abscheues galten, täglich mit der größten Emsigkeit verrichtete. Viele verrichtete er auch, Nachts aufstehend, so heimlich ohne irgend Jemandes Beisein und Wissen unter dem Schutze der Finsterniß, daß gar Niemand den Urheber der Arbeit zu erkennen vermochte. Als er während seiner dortigen dreijährigen Verborgenheit von Brüdern, die man über ganz Aegypten ausgesandt, überall gesucht wurde, ward endlich ein aus Aegypten gekommener Bruder seiner ansichtig. Doch vermochte dieser ihn wegen seiner demüthigen Kleidung und seines niedrigen Dienstes kaum zu erkennen. Denn zur Erde gebeugt lockerte er mit der Hacke den Boden für Kohl, dann brachte er auf seinen Schultern Dünger herbei und legte ihn an die Wurzeln des Kohles. Obwohl der Bruder bei diesem Anblicke lange in Zweifel war, ob er in ihm seinen Abt wieder erkenne, trat er doch zuletzt näher heran, erforschte sorgfältig seine Gesichtszüge und den Ton seiner Stimme und warf sich ihm dann zu Füßen. Anfangs zwar versetzte er alle Anwesenden in Staunen darüber, daß er solche Ehrfurcht Dem bezeige, der bei ihnen für einen Novizen und, weil er erst vor Kurzem die Welt verlassen habe, für den letzten Bruder galt. Bald jedoch dünkte ihnen die Sache noch wunderbarer, als der Bruder sofort seinen Namen verrieth, der auch bei ihnen in hohem Rufe stand. Alle Brüder baten ihn um Verzeihung wegen der früheren Unwissenheit, in der sie ihn so lange unter die Jüngeren und Einfältigen gezählt hätten, während er voll Unwillen weinte, weil er durch den Neid des Teufels um den ihm geziemenden demüthigen Wandel betrogen sei, den er so lange ersehnt und endlich zu seiner Freude gefunden habe, und weil er nicht verdient habe, in der von ihm erstrebten Unterwürfigkeit zu leben. Hierauf führte man ihn in sein Kloster zurück und bewachte ihn mit der größten Sorgfalt, damit er nicht wieder auch von dort irgend wohin entfliehe.

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XXXI. Quemadmodum abba Pimifius reductus in monasterium suum modico tempore commoratus rursum fugerit in partes Syriae Palaestinae.

Ubi cum fuisset modico tempore demoratus, eodem rursus humilitatis desiderio atque ardore succensus captans nocturna silentia ita diffugit, ut iam non uicinam prouinciam, sed incognitas et alienas longeque diuisas regiones expeteret. nam conscendens nauem in Palaestinae partes commeare curauit, credens se tutius latiturum, si ad illa semet ipsum asportaret loca, in quibus ne nomen quidem suum fuisset auditum. quo cum aduenisset, nostrum monasterium protinus expetiuit, quod non longe fuit a spelaeo, in quo dominus noster ex uirgine nasci dignatus est. in quo permodico tempore delitescens secundum sententiam domini tamquam ciuitas super montem posita diutius abscondi non potuit. nam continuo quidam fratrum, qui ad loca sancta de Aegypti partibus orationis causa conuenerant, agnitum eum summa ui precum ad suum coenobium reuocarunt.

31. Abt Pynupius, in sein Kloster zurückgeführt, flieht nach kurzem Aufenthalte daselbst wieder nach Syrien.

Nach kurzem Aufenthalte im Kloster verzehrte ihn wiederum jene glühende Sehnsucht nach Demuth, und die nächtliche Stille wahrnehmend entfloh er, eilte aber nicht in eine benachbarte Provinz, sondern in unbekannte, fremde und ferne Gegenden. Er bestieg nämlich ein Schiff und fuhr nach Palästina, indem er sich sicher wähnte, wenn er solche Orte betrete, in denen man nicht einmal seinen Namen vernommen habe. Dort angelangt eilte er in unser Kloster, das nicht weit von der Grotte gelegen ist, in der unser Herr Jesus Christus von der Jungfrau geboren zu werden sich würdigte. Hier lebte er kurze Zeit unbekannt, konnte jedoch gleich einer nach dem Worte des Herrn auf dem Berge gelegenen Stadt sich nicht länger verborgen halten. Denn alsbald hatten ihn einige Brüder, die zum Besuche der heiligen Orte aus Ägypten gekommen waren, erkannt und riefen ihn durch ihr inständiges Bitten in ihr Kloster zurück.

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XXXII. Quae praecepta dederit idem abbas Pinufius fratri, quem in suo monasterio sub nostra recipiebat praesentia.

Hunc igitur senem pro illa quae nobis fuerat apud ipsum in monasterio nostro fiducia cum post haec in Aegypto studiosissime requisissemus, exhortationem quam dedit fratri, quem sub nostra praesentia in suo coenobio recipiebat, quia puto ex hac posse aliquid instructionis accedere, animus est opusculo huic intexere. nosti, ait, quot diebus pro foribus excubans hodie sis receptus. cuius difficultatis causam primitus debes agnoscere. poterit enim tibi in hac uia quam ingredi concupiscis multum conferre, si ratione eius agnita ad seruitium Christi consequenter ac sicut oportet accesseris.

32. Ermahnungen, welche der Abt Pynupius an einen neu aufgenommenen Bruder richtete.

Weil ich selbst mit diesem greisen Abte während seines Aufenthaltes in unserem Kloster in einem sehr vertrauten Verhältnisse stand und ihn auch später in Ägypten sehr oft besuchte, beabsichtigte ich, die Ermahnungsrede, die er an einen bei meiner Anwesenheit in das Kloster aufgenommenen Bruder hielt, in mein Werk einzufügen, weil ich einige Belehrung aus derselben hoffen darf.

„Du weißt,“ sprach er, „wie viele Tage du an den Pforten geharrt, bis du heute Aufnahme erhalten hast. Die Ursache, weßhalb deine Aufnahme schwer hielt, mußt du gründlich wissen; denn auf dem Wege, den du jetzt zu betreten wünschest, kann es dir von großem Nutzen sein, wenn du diesen Grund kennst, bevor du geziemend und würdig in den Dienst Christi trittst.“

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XXXIII. Quod, sicut magna remuneratio monacho debetur secundum institutionem patrum laboranti, ita et inerti poena similiter tribuatur, et idcirco non debeat quis tam facile admitti in monasterio.

Sicut namque inmensa gloria fideliter seruientibus deo ac secundum institutionis huius regulam ei cohaerentibus repromittitur in futurum, ita poenae grauissimae praeparantur his, qui tepide eam neglegenterque fuerint exsecuti et secundum hoc, quod professi sunt uel quod ab hominibus esse creduntur, fructus etiam congruos sanctitatis eidem exhibere neglexerint. melius est enim secundum scripturae sententiam non uouere quemquam quam uouere et non reddere, et maledictus, qui facit opera domini neglegenter. ideo igitur a nobis diutissime refutatus es, non quia tuam uel omnium salutem non toto desiderio cupiamus amplecti et his qui ad Christum conuerti cupiunt etiam procul occurrere non optemus, sed ne temere recipientes et nos apud deum leuitatis et te reum grauioris supplicii faceremus, si ad praesens facile susceptus nec pondus professionis huius intellegens uel destitutor post haec uel tepidus extitisses. quamobrem ipsam causam abrenuntiationis debes in primis agnoscere, qua perspecta quid te conueniat agere ex eius ratione manifestius instruaris.

33. Fortsetzung.

„Wie nämlich Denen, die Gott treu dienen und nach den Regeln unserer Genossenschaft ihm anhangen, unermeßliche Seligkeit für die Ewigkeit in Aussicht gestellt wird, so werden die schwersten Strafen Denen bereitet, welche der Regel lau und nachläßig nachkommen, und die es versäumen, als Diener Gottes, für die sie sich ausgeben und die Leute sie halten, würdige Früchte der Heiligkeit zu tragen. Denn „besser ist“, nach der heiligen Schrift, „nicht geloben, als geloben und nicht halten“, und „verflucht, der das Werk Gottes nachläßig vollbringt“. Deßhalb haben wir dich so lange zurückgewiesen, nicht als ob wir dein und Aller Heil nicht mit ganzer Sehnsucht zu sichern und Denen, die sich zu Christus bekehren wollen, sogar von Weitem entgegen zu gehen wünschten, sondern damit wir nicht durch eine leichtfertige Aufnahme uns des Leichtsinnes bei Gott schuldig machen und dir eine größere Strafe zuziehen, wenn du jetzt ohne Mühe aufgenommen wirst und, unbekannt mit den Pflichten dieses Ordens, nachher sie vernachläßigst oder lau erfüllest. Deßhalb mußt du zuerst erkennen, warum du der Welt entsagt hast; dann mußt du, durch die Erkenntniß dieses Grundes bewogen, tiefer in das Studium dessen eingehen, was zu thun sich für dich schickt.“

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XXXIIII. Quod abrenuntiatio nihil sit aliud quam mortificatio et imago crucifixi.

Abrenuntiatio nihil est aliud quam crucis ac mortificationis indicium, ideoque noueris hodierno die te huic mundo et actibus ac desideriis eius esse defunctum teque secundum apostolum mundo huic esse crucifixum tibique hunc mundum. considera ergo condiciones crucis, sub cuius te deinceps sacramento oportet in hac luce uersari, quia iam non tu uiuis, sed uiuit in te ille qui est pro te crucifixus. eo ergo habitu ac figura, qua pro nobis in patibulo fuit ille suspensus, nos quoque necesse est in hac uita degere, ut scilicet secundum Dauid adfigentes de timore domini carnes nostras uniuersas uoluntates ac desideria non nostrae concupiscentiae seruientia, sed mortificationi eius habeamus adfixa. sic enim praeceptum domini inplebimus dicentis: qui non accipit crucem suam et sequitur me, non est me dignus. sed forte dicas: quomodo potest homo crucem iugiter portare, uel quemadmodum uiuens quis possit esse crucifixus? audi rationem breuiter.

34. Fortsetzung.

„Entsagung ist nichts Anderes, als das Zeichen des Kreuzes und der Abtödtung. Deßhalb mögest du am heutigen Tage erkennen, daß du dieser Welt und ihren Werken und Gelüsten abgestorben bist und nach dem Apostel du dieser Welt und diese Welt dir gekreuzigt ist. Erwäge das Leben des Kreuzes, unter dessen Fahne du von nun an kämpfen mußt; denn nicht mehr du selbst, sondern Er lebt in dir, der für dich gekreuzigt ist. In dieser Haltung und Gestalt also, in der Christus für uns am Kreuze hing, müssen auch wir in diesem Leben wandeln und nach dem Ausspruche Davids unser Fleisch aus Gottesfurcht kreuzigend alle unsere Wünsche und Gelüste nicht in die Knechtschaft unserer bösen Begierlichkeit verstrickt, sondern auf die Abtödtung dieser Begierlichkeit gerichtet halten. Denn so erfüllen wir das Wort des Herrn: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht werth.“ Doch du sagst vielleicht: Wie kann der Mensch sein Kreuz immer tragen, oder wie kann der leben, der gekreuzigt ist? Vernimm kurz den Sinn dieser Worte!“

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XXXV. Quod crux nostra timor domini sit.

Crux nostra timor domini est. sicut ergo crucifixus quis iam non pro animi sui motu membra sua quoquam mouendi uel conuertendi habet potestatem, ita et nos uoluntates nostras ac desideria non secundum id, quod nobis suaue est ac delectat ad praesens, sed secundum legem domini quo nos illa constrinxerit adplicare debemus. et sicut is qui patibulo crucis adfigitur non iam praesentia contemplatur nec de suis adfectionibus cogitat, non pro crastino die sollicitudine curaque distenditur, nulla possidendi concupiscentia permouetur, nulla superbia, nulla contentione, nulla aemulatione succenditur, non de praesentibus dolet iniuriis, non praeteritarum iam recordatur seque, cum adhuc spiret in corpore, cunctis elementis credit esse defunctum, illuc praemittens sui cordis intuitum, quo se non dubitat ilico transiturum, ita nos quoque timore domini crucifixos oportet his omnibus, id est non solum carnalibus uitiis, uerum etiam ipsis elementis mortuos esse, illic habentes oculos animae nostrae defixos, quo nos sperare debemus momentis singulis migraturos. hoc enim modo mortificatas poterimus uniuersas concupiscentias et affectus habere carnales.

35. Fortsetzung.

„Unser Kreuz ist die Furcht des Herrn. Wie nämlich ein Gekreuzigter nicht mehr nach seiner Willkür seine Glieder irgend wohin zu bewegen oder zu richten vermag, so müssen auch wir unsere Wünsche und Begierden nicht nach Dem, was uns angenehm ist und für den Augenblick ergötzt, sondern nach dem Gesetze des Herrn richten, nach welcher Richtung uns dasselbe auch immer bindet. Und wie der Gekreuzigte nicht mehr das Gegenwärtige betrachtet noch an seine Neigungen denkt, nicht durch Bekümmerniß und Sorge für den folgenden Tag zerstreut, nicht von Habsucht getrieben, nicht von Stolz, Streit und Eifersucht entflammt wird, keine Klagen über die gegenwärtigen Unbilden laut werden läßt, der vergangenen nicht mehr gedenkt und während seines Lebens schon dem Leibe nach allen Elementen abgestorben zu sein glaubt und dahin das Auge des Geistes voraussendet, wohin er unzweifelhaft sofort hinüberwandeln wird: so müssen auch wir aus Gottesfurcht allen diesen Dingen gekreuzigt sein, d. h. nicht nur den Sünden des Fleisches, sondern auch allem Dem abgestorben sein, woraus dieselben hervorgehen, und müssen dahin den Blick unseres Geistes gerichtet halten, wohin wir zufolge unserer Hoffnung jeden Augenblick wandern. Auf diese Weise können wir alle unsere Gelüste und fleischlichen Begierden in der Abtödtung erhalten.“

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XXXVI. Quod renuntiatio nihil prosit, si isdem quibus renuntiauimus inplicemur.

Caue ergo ne quid aliquando eorum resumas, quae renuntians abiecisti, et contra interdictum domini de agro euangelicae operationis reuersus inueniatis tunica tua qua te spoliaueras reuestiri, neue ad humiles terrenasque mundi huius concupiscentias ac studia reuoluaris et contra Christi mandatum de perfectionis tecto descendens tollere aliquid praesumas ex his quae renuntians abdicasti. caue ne parentum, ne affectionis pristinae recorderis et ad curas saeculi huius sollicitudinesque reuocatus secundum saluatoris sententiam ponens manum tuam super aratrum ac respiciens retro regno caelorum aptus esse non possis. caue ne quando superbiam, quam nunc incipiens ardore fidei ac plena humilitate calcasti, cum coeperis psalmorum uel professionis huius quandam notitiam degustare, paulatim elatus resuscitare mediteris ac secundum apostoli sententiam quae destruxisti iterum reaedificans praeuaricatorem constituas temet ipsum, sed potius ut in hac nuditate, quam coram deo et angelis eius professus es, ad finem usque perdures, in hac quoque humilitate ac patientia, qua ut suscipereris in monasterio decem diebus pro foribus perseuerans multis lacrimis inplorasti, non modo persistas, uerum etiam proficias atque succrescas. satis enim miserum est, ut cum debeas a rudimentis ac primordiis tuis prouehi et ad perfectionem tendere, etiam ab ipsis incipias ad inferiora recidere. non enim qui coeperit haec, sed qui perseuerauerit in his usque in finem, hic saluus erit.

36. Fortsetzung.

„Hüte dich also, dich je wieder mit Etwas von Dem zu befassen, was du durch freiwillige Entsagung aufgegeben hast. Hüte dich, den Acker der evangelischen Thätigkeit zu verlassen und als ein Solcher befunden zu werden, der gegen das Verbot des Herrn das Kleid, das er einmal abgelegt hat, wieder anzieht. Stürze dich nicht wieder in den Strudel der niedrigen und irdischen Gelüste und Bestrebungen dieser Welt, steige nicht gegen das Verbot Christi vom Dache der Vollkommenheit, um Etwas von dem vermessentlich aufzuheben, dem du entsagt hast! Denke nur nicht mehr an deine Verwandten und deine frühere Neigung zu ihnen, damit du nicht, den Sorgen und Bekümmernissen dieser Welt zurückgegeben, während du nach dem Worte des Heilandes die Hand auf den Pflug legst und rückwärts schaust, des Himmelreiches unwürdig sein mögest. Hüte dich, den Stolz, den du jetzt im Beginne deines Ordenslebens durch feurigen Glauben und vollkommene Demuth niedergetreten hast, durch einige Kenntniß der Psalmen und unseres Ordens allmählig eitel geworden, je wieder anzunehmen und nach des Apostels Wort durch Wiedererbauung dessen, was du zerstört, dich selbst zum Übertreter des Gesetzes zu machen. Harre vielmehr bis zum Ende dieser Entblößung aus, die du vor Gott und seinen Engeln gelobt hast. Auch sollst du in der Demuth und Geduld, mit der du zehn Tage lang vor den Pforten harrend unter vielen Thränen um Aufnahme in das Kloster gefleht hast, nicht nur beharren, sondern auch Fortschritte machen und wachsen. Denn es ist traurig genug, während man von den ersten Versuchen und Anfängen weitergehen und zur Vollkommenheit streben sollte, von diesen sogar zu Niedrigem zurückzufallen. Nicht, wer Dieß begonnen, sondern wer darin ausharrt bis an’s Ende, der wird selig sein.“

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XXXVII. Quod diabolus nostro fini semper insidietur et nos eius caput iugiter obseruare debeamus.

Uersutus enim serpens calcanea nostra semper obseruat, id est insidiatur exitui nostro et usque ad finem uitae nostrae nos subplantare conatur. et idcirco bene coepisse nil proderit nec pleno feruore renuntiationis arripuisse principia, si haec congruus etiam finis non similiter commendarit atque concluserit, Christique humilitas atque paupertas, quam nunc coram ipso professus es, usque ad extremum uitae, quemadmodum arrepta est, a te non fuerit custodita. quod ut possis implere, tu eius capita, id est cogitationum principia semper obserua, ad seniorem scilicet mox ea deferens. ita enim disces perniciosa initia eius conterere, si nil ex eis seniori tuo erubueris reuelare.

37. Fortsetzung.

„Die listige Schlange stellt immer unserer Ferse nach, d. h. sie lauert immer auf unsern Ausgang aus dieser Welt, und bis zum Ende unsers Lebens sucht sie uns zum Falle zu bringen. Daher nützt es Nichts, einen guten Anfang gemacht und mit glühendem Eifer einen festen Grund zu seiner Weltentsagung gelegt zu haben, wenn diesen nicht ein würdiger Beschluß sichert und krönt und du Christi Demuth, die du jetzt vor ihm gelobt und dir angeeignet hast, nicht bis an dein Lebensende unversehrt bewahrst. Um Dieß erreichen zu können, habe allzeit Acht auf den Kopf der Schlange, d. h. auf ihre ersten Einflüsterungen; hinterbringe sie alsbald deinem Vorgesetzten! Denn so lernst du ihre verderblichen Anschläge vereiteln, wenn du jeden derselben deinem Vorsteher ohne Scham offenbarst.“

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XXXVIII. De renuntiantis praeparatione aduersum temptationes, et de paucis imitandis.

Quapropter secundum scripturae sententiam egressus ad seruiendum domino sta in timore dei, et praepara animam tuam non ad requiem, non ad securitatem, non ad delicias, sed ad temptationes et angustias. per multas enim tribulationes oportet nos introire in regnum dei: angusta namque est porta et arta uia quae ducit ad uitam, et pauci sunt qui inueniunt eam. considera ergo te de paucis et electis effectum et ne exemplo ac tepore multitudinis refrigescas, sed uiue ut pauci, ut cum paucis inueniri merearis in regno: multi enim sunt uocati, pauci uero electi, et pusillus est grex cui conplacuit pater dare hereditatem. itaque non leue noueris esse peccatum, perfectionem professum quempiam ea quae sunt inperfecta sectari. ad quem perfectionis statum his gradibus atque hoc ordine peruenitur.

38. Fortsetzung.

„Deßhalb verlasse die Welt, um dem Herrn zu dienen, und verharre, nach der heiligen Schrift, in der Furcht Gottes und bereite deine Seele nicht zur Ruhe, nicht zur Sicherheit, nicht zur Freude, sondern zu Versuchungen und Trübsalen. Denn „durch viele Trübsale müssen wir eingehen in das Reich Gottes“, und „eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und Wenige, die ihn wandeln“. Betrachte dich also als einen von den wenigen Auserwählten und erkalte nicht wieder ob des bösen Beispiels und der Lauheit der großen Menge, sondern lebe wie die Wenigen, damit du mit den Wenigen im Reiche Gottes gefunden zu werden verdienest: „Denn Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt,“ und klein ist die Heerde, der ein Erbe zu geben es dem Vater gefallen hat. Deßhalb wisse, daß es keine geringe Sünde ist, wenn Einer, der zur Vollkommenheit berufen ist, nach dem Unvollkommenen strebt. Zu diesem Stande der Vollkommenheit gelangt man auf folgenden Stufen und in folgender Ordnung.“

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XXXVIIII. Quo ordine quis ad perfectionem ualeat peruenire, per quam de timore dei ad caritatem consequenter ascendat.

Principium nostrae salutis eiusdemque custodia timor domini est. per hunc enim et initium conuersionis et uitiorum purgatio et uirtutum custodia his qui inbuuntur ad uiam perfectionis adquiritur. qui cum penetrauerit hominis mentem, contemptum rerum omnium parit, obliuionem parentum mundique ipsius gignit horrorem: contemptu autem ac priuatione omnium facultatum humilitas adquiritur. humilitas uero his indiciis conprobatur: primo si mortificatas in sese omnes habeat uoluntates, secundo si non solum suorum actuum, uerum etiam cogitationum nihil suum celauerit seniorem, tertio si nihil suae discretioni, sed iudicio eius uniuersa committat ac monita eius sitiens ac libenter auscultet, quarto si in omnibus seruet oboedientiae mansuetudinem patientiaeque constantiam, quinto si non solum iniuriam inferat nulli, sed ne ab alio quidem sibimet inrogatam doleat atque tristetur, sexto si nihil agat, nihil praesumat, quod non uel communis regula uel maiorum cohortantur exempla, septimo si omni uilitate contentus sit et ad omnia se quae sibi praebentur uelut operarium malum iudicarit indignum, octauo si semet ipsum cunctis inferiorem non superficie pronuntiet labiorum, sed intimo cordis credat affectu, nono si linguam cohibeat uel non sit clamosus in uoce, decimo si non sit facilis ac promptus in risu. talibus namque indiciis et his similibus humilitas uera dinoscitur. quae cum fuerit in ueritate possessa, confestim te ad caritatem, quae timorem non habet, gradu excelsiore perducet, per quam uniuersa, quae prius non sine poena formidinis obseruabas, absque ullo labore uelut naturaliter incipies custodire non iam contemplatione supplicii uel timoris ullius, sed amore ipsius boni et delectatione uirtutum.

39. Fortsetzung.

„Der Anfang und zugleich die Sicherung unseres Heiles ist, wie ich sagte, die Furcht des Herrn. Denn durch sie erlangen Jene, welche den Weg der Vollkommenheit wandeln wollen, den Anfang der Bekehrung, die Reinigung von Sünden und die Bewahrung ihrer Tugenden. Wenn sie den Geist des Menschen durchdrungen, erzeugt sie die Verachtung aller Dinge, läßt die Verwandten vergessen und erfüllt mit Schauder vor der Welt. In der Verachtung aber und freiwilligen Entsagung aller Dinge wurzelt die Demuth. Die Demuth aber bewährt sich an diesen Zeichen: erstens, wenn man alle Neigungen in sich ertödtet hat; zweitens, wenn man nicht nur keines seiner Werke, sondern auch keinen seiner Gedanken dem Oberen verheimlicht; drittens, wenn man Nichts der eigenen Entscheidung, sondern Alles dem Urtheil des Oberen anheim gibt und seine Ermahnung begierig und gerne aufnimmt; viertens, wenn man in Allem den Gehorsam, die Sanftmuth und beharrliche Geduld bewahrt; fünftens, wenn man nicht nur Keinem Unrecht zufügt, sondern auch nicht einmal über das von einem Andern erlittene klagt und sich betrübt; sechstens, wenn man Nichts thut und Nichts verlangt, wozu nicht die gemeinsame Regel oder die Beispiele der Vorfahren auffordern; siebentens, wenn man mit jeglichem werthlosen Dinge zufrieden ist und bei Allem, was befohlen wird, sich für einen schlechten und unwürdigen Arbeiter hält; achtens, wenn man nicht obenhin mit den Lippen, sondern im Grunde des Herzens sich für geringer als Alle hält; neuntens, wenn man seine Zunge beherrscht und nicht laut im Reden ist; zehntens, wenn man nicht leicht geneigt zum Lachen ist. An diesen und ähnlichen Zeichen erkennt man die wahre Demuth. Wenn du sie in Wahrheit besitzest, wird sie dich sofort zu einer höheren Stufe, zur Liebe emporführen, welche keine Furcht kennt, und durch die du Alles, was du früher nicht ohne peinliche Furcht beobachtet hast, ohne alle Mühe, als ob es dir so angeboren wäre, beobachten wirst; und nicht mehr die Erwägung der Strafe oder die Furcht vor derselben, sondern die Liebe zum Guten und die Freude an der Tugend wird bei deinem Thun und Lassen der wirksamste Beweggrund sein.“

40

XXXX. Quod non debeat monachus exempla perfectionis a multis expetere, sed ab uno uel paucis.

Ad quod ut ualeas facilius peruenire, exempla tibi sunt imitationis ac uitae perfectae in congregatione commoranti a paucis, immo ab uno uel duobus, non a pluribus expetenda. nam praeter id quod examinata uita atque ad purum excocta repperitur in paucis, etiam istud ex hoc utilitatis accedit, quod ad perfectionem propositi huius, .id est coenobialis uitae, diligentius quis unius inbuitur ac formatur exemplo.

40. Fortsetzung.

„Um leichter zu diesem Ziele gelangen zu können, mußt du während deines Verweilens in der Genossenschaft der Brüder Beispiele zur Nachahmung eines vollkommenen Lebens an Wenigen, ja nur an Einem oder Zweien, nicht aber an Mehreren nehmen. Denn abgesehen davon, daß ein erprobtes und geläutertes Leben nur bei Wenigen sich findet, hat man auch noch den Nutzen davon, daß zur vollkommenen Ausführung dieses Vorhabens d. h. des klösterlichen Lebens man an dem Beispiele eines Mannes mit großer Sorgfalt sich heranbildet.“

41

XXXXI. Quarum debilitatum similitudinem suscipere debeat qui in coenobio commoratur.

Quae omnia ut possis consequi et sub hac regula spiritali perpetuo perdurare, tria haec in congregatione necessario custodienda sunt tibi, ut scilicet secundum Psalmistae sententiam: ego autem tamquam surdus non audiebam: et sicut mutus non aperiens os suum. et factus sum sicut homo non audiens: et non habens in ore suo redargutiones, tu quoque uelut surdus et mutus et caecus incedas, ut absque illius contemplatione, qui tibi fuerit ad imitandum merito perfectionis electus, uniuersa, quaecumque uideris minus aedificationis habentia, uelut caecus non uideas, nec animatus eorum qui haec agunt auctoritate uel forma ad id quod deterius est et quod ante damnaueras traducaris. si inoboedientem, si contumacem, si detrahentem audieris uel secus quam tibi traditum est aliquid admittentem, non offendas nec ad imitandum eum tali subuertaris exemplo, sed ut surdus, qui haec penitus nec audieris, uniuersa transmittas. si tibi uel cuiquam conuicia, si inrogantur iniuriae, esto inmobilis et ad responsionem talionis ut mutus ausculta, semper hunc Psalmistae uersiculum in tuo corde decantans: dixi: custodiam uias meas: ut non delinquam in lingua mea. posui ori meo custodiam,' dum consistit peccator aduersum me. obmutui, et humiliatus sum, et silui a bonis. uerum et quartum hoc prae omnibus excole, quod haec quae supra diximus tria ornet atque commendet, id est ut stultum te secundum apostoli praeceptum facias in hoc mundo, ut sis sapiens, nihil scilicet discernens, nihil diiudicans ex his quae tibi fuerint imperata, sed cum omni simplicitate ac fide oboedientiam semper exhibeas, illud tantummodo sanctum, illud utile, illud sapiens esse iudicans, quidquid tibi uel lex dei uel senioris examen indixerit. tali etenim institutione fundatus sub hac disciplina poteris durare perpetuo et de coenobio nullis temptationibus inimici, nullis factionibus deuolueris.

41. Fortsetzung.

„Um Dieß erreichen und allzeit unter diesen geistlichen Regeln ausharren zu können, mußt du folgende drei Dinge in der Genossenschaft nothwendig beobachten. Nach dem Ausspruch des Psalmisten: „Ich aber, wie ein Tauber, hörte nicht und bin wie ein Stummer, der nicht öffnet seinen Mund; und bin geworden wie ein Mann, der nicht höret und nicht hat in seinem Munde Widerrede,“ sollst auch du wie ein Tauber, Blinder und Stummer einhergehen, damit du, abgesehen von der Betrachtung des von dir zum Vorbild in der Vollkommenheit mit Recht Erwählten, Alles, was du weniger Erbauliches siehst, wie ein Blinder nicht sehest; damit du nicht durch das Ansehen und die Lebensweise Jener, die Solches thun, ermuthigt zu Schlechterem und zu Solchem, was du früher verdammt hast, dich irre leiten lässest. Wenn du hörst, daß Einer ungehorsam und hartnäckig ist, Andern die Ehre abschneidet oder sonst etwas Anderes begeht, als man dich lehrte, so nimm keinen Anstoß daran noch laß dich durch ein solches Beispiel zur Nachahmung desselben bestimmen; sondern gehe darüber hinweg, als ob du es gleich einem Tauben gar nicht hörtest. Wenn du oder sonst Jemand Scheltworte und Beleidigungen zu erleiden hast, bleibe unerschütterlich, und auf die Erwiderung eines Solchen höre wie ein Stummer, und sprich dabei stets in deinem Herzen die Verse des Psalmisten: „Wahren will ich meinen Weg, damit ich nicht sündige mit meiner Zunge. Ich verstummte und beugte mich und schwieg.“ Aber auch diesen vierten Punkte übe vor Allem, der die drei eben genannten zieren und empfehlen soll, daß du nämlich nach des Apostels Wort dich zu einem Thoren in dieser Welt machest, um weise zu sein. Darum unterziehe Nichts von dem, was dir befohlen wird, einer Erwägung und Beurtheilung, sondern mit aller Einfalt und ganzem Vertrauen führe die Befehle aus, und halte nur Das für heilig, nützlich und weise, was dir das Gesetz Gottes oder die Prüfung der Vorgesetzten auferlegt. In dieser Lehre begründet wirst du unter der Zucht des Klosters allzeit zu verharren vermögen und durch keine Versuchungen des Feindes, durch keine Parteiungen dich aus dem Kloster verdrängen lassen.“

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XXXXII. Quod bonum patientiae suae non debeat monachus de aliorum sperare uirtute, sed de sua potius longanimitate.

Ergo patientiam tuam non debes de aliorum sperare uirtute, id est ut tunc eam tantummodo possideas, cum a nemine fueris inritatus (quod ut possit non euenire, tuae non subiacet potestati), sed potius de humilitate tua et longanimitate, quae in tuo pendet arbitrio.

42. Fortsetzung.

„Daher darfst du deine Geduld nicht von der Demuth Anderer hoffen, d. h. hoffen, daß du sie dann besitzest, wenn du von Niemandem gereizt wirst — was nicht in deiner Macht steht —, sondern von der Demuth und Langmuth, die von deinem freien Willen abhängt.“

43

XXXXIII. Kecapitulatio expositionis, per quam monachus ad perfectionem possit ascendere.

Et ut haec omnia, quae latiore sermone digesta sunt, cordi tuo facilius inculcentur ac tenacissime tuis sensibus ualeant inhaerere, quoddam ex his breuiarium colligam, per quod possis breuitate et conpendio mandatorum memoriter uniuersa conplecti. audi ergo paucis ordinem, per quem scandere ad perfectionem summam sine ullo labore ac difficultate praeualeas. principium nostrae salutis ac sapientiae secundum scripturas timor domini est. de timore domini nascitur conpunctio salutaris. de conpunctione cordis procedit abrenuntiatio, id est nuditas et contemptus omnium facultatum. de nuditate humilitas procreatur. de humilitate generatur mortificatio uoluntatum. mortificatione uoluntatum exstirpantur atque marcescunt uniuersa uitia. expulsione uitiorum uirtutes fruticant atque succrescunt. pullulatione uirtutum puritas cordis adquiritur. puritate cordis apostolicae caritatis perfectio possidetur.

43. Schluß.

Und damit du alles in ausführlicher Rede Dargelegte in deinem Gedächtnisse leichter einprägest und es in deinem Geiste recht festsitze, will ich aus diesen Ermahnungen einen kurzen Abriß zusammenstellen, dessen kurzer Inhalt dich alle meine Ermahnungen leichter behalten läßt. Vernimm also kurz die Ordnung, in welcher du ohne alle Mühe und Schwierigkeit zum Gipfel der Vollkommenheit emporsteigen kannst. Der Anfang unseres Heiles und unserer Weisheit ist nach der heiligen Schrift die Furcht des Herrn. Aus der Furcht des Herrn entspringt die heilsame Zerknirschung. Aus der Zerknirschung des Herzens geht die Entsagung hervor, d. h. die gänzliche Lostrennung von allen Gütern und die Verachtung derselben. Die Trennung von den irdischen Gütern führt zur Demuth. Aus der Demuth entspringt die Abtödtung der Begierden. Durch diese Abtödtung werden alle Fehler gründlich ausgetilgt. Aus dem Keim dieser Tugend sproßt die Herzensreinheit hervor. Mit der Reinheit des Herzens besitzt man die Vollkommenheit der apostolischen Liebe.

Lateinischer Text: De institutis coenobiorum, hg. von M. Petschenig, Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum 17, Wien 1888, an den Scans überprüft; ohne kritischen Apparat. · Übersetzung von Antonius Abt († 1895), Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus, Bd. 1, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten, 1879 (Text nach bkv.unifr.ch). Abt übersetzt die Vorrede und die Kapitel X und XI des ersten Buches nicht. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden