Johannes Cassianus, Von den Einrichtungen der Klöster
Buch VII. Von dem Geiste der Habsucht
Liber septimus. De spiritu filargyriae.Siebentes Buch: Von dem Geiste der Habsucht.
I. Quod peregrinum sit bellum filargyriae et eadem non sit in homine naturalis ut cetera uitia.
Tertius nobis conflictus est aduersus filargyriam, quam nos amorem pecuniarum possumus appellare, peregrinum bellum et extra naturam nec aliunde in monacho sumens principium quam de corruptae ac torpidae mentis ignauia, et plerumque initio abrenuntiationis male arrepto et erga deum tepido amore fundato. cetera namque uitiorum incitamenta humanae inserta naturae uelut ingenita uidentur in nobis habere principia, et quodammodo inuiscerata carni ipsique propemodum coaeua natiuitati discretionem boni malique praeueniunt, et licet prima arripiant hominem, longo tamen labore uincuntur.
1. Einleitung.
Den dritten Kampf haben wir gegen die Philargyrie zu bestehen, die wir Liebe zum Gelde nennen können. Sie ist ein auswärtiger Feind und ausserhalb unserer Natur entbrennender Streit, der im Mönche lediglich seinen Anfang nimmt mit der Feigheit eines verdorbenen und hartnäckigen Sinnes und gewöhnlich mit einem schlechten und nur auf laue Gottesliebe gegründeten Anfang der Bekehrung. Denn die Reize zu den übrigen Lastern sind der menschlichen Natur eingepflanzt, und wir scheinen sie als etwas Angeborenes in uns zu haben; gewissermaßen mit unserm Fleische verwachsen und beinahe so alt wie wir selbst gehen sie der Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem voraus. Und wenn sie auch den Menschen zuerst in Anspruch nehmen, werden sie doch durch lange Anstrengung besiegt.
II. Quain perniciosus sit morbus filargyriae.
Hic uero morbus posterius superueniens et extrinsecus accedens animae quanto facilius caueri potest ac respui, tanto neglectus et intromissus semel cordi fit perniciosior cunctis difficiliusque propellitur. malorum namque omnium efficitur radix, multiplices fruticans fomites uitiorum.
2. Verderblichkeit der Habsucht.
Weil diese Krankheit erst später hereinbricht und von aussen an die Seele herantritt, kann man sich um so leichter vor ihr hüten und sie zurückweisen. Allein wenn man sie nicht beachtet und einmal in das Herz eindringen läßt, so wird sie verderblicher als alle andern und ist äusserst schwer zu vertreiben. Denn sie wird zur Wurzel alles Bösen und erzeugt reichen Zündstoff zu Sünden.
III. Quae nobis in uitiis naturalibus sit utilitas.
Ut puta carnis simplices motus nonne uidemus non solum in pueris, in quibus adhuc innocentia boni malique praeuenit discretionem, uerum in paruulis atque lactantibus? qui cum ne initium quidem ullius libidinis in semet ipsis habeant, motus carnis naturali incitamento sibi inesse designant. irae quoque aculeos truces nonne similiter in paruulis iam uigere conspicimus, et antequam patientiae uirtutem agnoscant, iniuriis eos cernimus commoueri et uerborum sentire etiam per iocum contumelias inrogatas? ac nonnumquam, cum desint uires, uoluntas tamen ultionis ira instigante non deest. nec hoc dico quo uocem naturam conditionis in culpam, sed quo adseram motus hos, qui procedunt ex nobis, quosdam quidem utilitatis causa nobis insertos, quosdam uero neglegentiae uitio ac malae uoluntatis arbitrio extrinsecus introduci. namque hi quos supra diximus motus carnales ob reparationem subolis et posteritatis propaginem suscitandam utiliter sunt corpori nostro prouidentia creatoris inserti, non ad perpetranda flagitia stuprorum et adulteria, quae legis etiam auctoritate damnantur. irae etiam aculeos nonne saluberrime nobis intellegimus adtributos, ut nostris uitiis et erroribus indignantes uirtutibus potius ac spiritalibus studiis occupemur, omnem caritatem deo et patientiam nostris fratribus exhibentes? tristitiae quoque utilitas quanta sit nouimus, quae inter cetera uitia, cum in contrarium affectum est mutata, numeratur. est enim et secundum dei timorem pernecessaria et secundum saeculum admodum perniciosa, ut docet apostolus dicens: quae enim secundum deum est tristitia, paenitentiam ad salutem stabilem operatur: saeculi autem tristitia mortem operatur.
3. Ihrer Natur nach sind die Leidenschaften uns nützlich.
So sehen wir zum Beispiel die einfachen Regungen des Fleisches nicht nur bei Knaben, in denen noch die Unschuld der Erkenntniß des Guten und Bösen vorausgeht, sondern auch an Kindern und Säuglingen. Obwohl sie nicht einmal den Anfang einer bösen Lust in sich tragen, zeigen sie doch, daß die Regungen des Fleisches für sie zum natürlichen Reize da sind. Sehen wir nicht ebenfalls den Stachel wilden Zornes schon im kleinen Knaben sich zeigen, und sehen wir sie nicht, lange bevor sie die Tugend der Geduld kennen, bei Beleidigungen erregt? Und fehlt ihnen auch bisweilen die Kraft, so doch nie der Wille zur Rache, wenn der Zorn sie dazu aufstachelt. Nicht sage ich Dieß, als wollte ich der Natur die Schuld von diesem Zustande geben, sondern um zu zeigen, daß diese Regungen, die in uns aufsteigen, theils zu unserm Nutzen in uns gelegt sind, theils aber durch sündhafte Nachläßigkeit und bedachtsamen bösen Willen von aussen her in uns einziehen. Denn die oben erwähnten fleischlichen Regungen sind zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts und zur Erweckung von Nachkommenschaft von Gottes Vorsehung in unsern Leib gelegt, nicht aber zur Verübung schmählicher Entehrungen und Ehebrüche, die auch das Ansehen des Gesetzes verwirft. Und wenn wir etwas tiefer blicken, ist nicht auch der Stachel des Zornes uns recht zum Heile verliehen, damit wir, gegen unsere Fehler und Irrthümer von Zorn entbrannt, uns vielmehr der Tugend und frommen Uebungen befleissen, Gott alle Liebe erweisen und Geduld an unsern Brüdern üben? Wir wissen auch, welchen Nutzen die Traurigkeit hat; und doch wird sie zu den Hauptsünden gezählt, wenn sie sich in die entgegengesetzte Stimmung umkehrt. Denn insofern sie sich nach der Furcht Gottes richtet, ist sie sehr nothwendig, sehr verderblich aber, wenn sie sich nach der Welt richtet; so lehrt der Apostel, wenn er sagt: „Die Traurigkeit, welche nach Gott ist, thut Buße, die das Heil sichert; aber die Traurigkeit der Welt bewirkt den Tod.“
IIII. Quod inesse nobis quaedam naturalia uitia siue creatoris dicamus iniuria.
Non ergo, si dixerimus hos motus a creatore nobis insertos, ex eo culpabilis ille uidebitur, si nequiter his abusi maluerimus eos ad noxia potius ministeria detorquere, et uelimus pro infructuosis ac saecularibus lucris, non pro salutari paenitentia et uitiorum correctione tristari, uel certe si non nobismet ipsis utiliter, sed contra interdictum domini nostris fratribus irascamur. et si ferrum quis ad necessarium et utile ministerium contributum ad necem uoluerit insontium detorquere, non ex hoc infamabit materiae conditorem, si, quod ille ad usum bene uiuendi aptum ac necessarium praestitit, iste hoc usus est ad nocendum.
4. Ohne Gott zu beleidigen, können wir sagen, daß wir einige Fehler von Natur in uns haben.
Wenn wir also sagen, daß diese Leidenschaften vom Schöpfer in uns gelegt sind, so erscheint dieser offenbar dann nicht die Schuld zu tragen, wenn wir dieselben mißbrauchen und es vorziehen, sie lieber in den Dienst der Sünde zu nehmen, wenn wir z. B. wegen fruchtlosen weltlichen Gewinnes, nicht aber behufs heilsamer Buße und Besserung uns betrüben, oder wenn wir nicht zu unserm eigenen Nutzen uns selbst, sondern gegen Gottes Verbot unserm Bruder zürnen. Denn wollte Einer das zum nothwendigen und nützlichen Gebrauch bestimmte Eisen zur Ermordung Unschuldiger mißbrauchen, so kann er wohl nicht den Schöpfer dieses Stoffes beschuldigen, wenn er von dem, was der Schöpfer zu des Lebens Bedürfniß und Bequemlichkeit verliehen hat, einen schädlichen Gebrauch macht.
V. De uitiis quae extra naturalem motum nostro uitio contrahuntur.
Dicimus tamen quaedam uitia sine ulla praecedente naturali occasione concrescere, sed solius corruptae ac malae uoluntatis arbitrio, ut est inuidiae ipsiusque etiam filargyriae: quae cum nulla habeant in nobis de naturali instinctu principia, extrinsecus contrahuntur. quae tamen quantum facilia sunt ad cauendum et oportuna ad declinandum, tantum occupatam mentem atque possessam miseram faciunt uixque ad sanitatis concedunt remedia peruenire, siue quod non merentur curari celeri medicina qui ab his sauciati sunt, quos uel ignorare uel uitare uel facillime uincere potuerunt, uel certe quod male fundati uirtutum structuram et perfectionis suscipere culmen indigni sunt.
5. Von den Fehlern, welche, abgesehen von den in unserer Natur liegenden Leidenschaften, durch unsere eigene Schuld verursacht werden.
Doch behaupten wir, daß einige Fehler entstehen, ohne daß irgend eine von der Natur gegebene Veranlassung ihnen vorausgeht; vielmehr wurzeln dieselben lediglich in dem verdorbenen und bösen Willen, wie Neid und eben die Habsucht, welche, ohne in unserer Naturanlage ihren Grund zu haben, ihre Veranlassung von aussen erhalten. So leicht nun diese zu verhüten und so bequem sie abzuwenden sind, so groß ist das Unglück, das sie in einem ganz von ihnen in Besitz genommenen Geiste anrichten, weil sie demselben kaum gestatten, gesunde Heilmittel anzuwenden: mögen nun Diejenigen keine schnelle Heilung verdienen, die sich von Dem überwinden ließen, das sie unbeachtet gelassen und doch sehr leicht hätten vermeiden oder besiegen können, oder mögen Die, welche einen schlechten Grund gelegt haben, nicht würdig sein, das Gebäude der Tugenden bis zur Spitze der Vollkommenheit emporzuführen.
VI. Receptus semel filargyriae morbus quam difficile pellatur.
Quamobrem nulli uilis despectusque uideatur hic morbus, qui sicut potest perfacile declinari, ita si quemquam possederit, ad sanitatis remedia uix peruenire concedit. receptaculum namque est uitiorum malorumque omnium radix, et inextricabilis nequitiae fomes efficitur dicente apostolo: radix omnium malorum est filargyria, id est amor pecuniae.
6. Einmal aufgenommen, ist die Krankheit der Habsucht schwer zu vertreiben.
Deßhalb erscheine Keinem diese Krankheit geringfügig und der Beachtung unwerth. Wenn sie auch leicht abgehalten werden kann, so läßt sie doch Jeden, den sie einmal in Besitz genommen, kaum wieder zur Genesung gelangen. Sie ist nämlich ein Schlupfwinkel der Leidenschaften und die Wurzel aller Uebel und wird zum untilgbaren Zündstoffe der Gottlosigkeit. Denn der Apostel sagt: „Die Wurzel alles Bösen ist die Philargyrie, d. h. die Liebe zum Gelde.“
VII. Quibus initiis filargyria generetur uel quantorum malorum sit eadem procreatrix.
Haec igitur cum remissam tepidamque monachi possederit mentem, primitus eum in exigua summa sollicitans iustos quosdam et uelut rationabiles ei colores, ob quos uel reseruare sibi aliquid pecuniae debeat uel parare, describit. nam et ea quae praebentur in monasterio queritur non esse sufficientia et sano robustoque corpore uix posse tolerari. quid faciendum si ualitudo mala carnis emerserit et reconditum non fuerit aliquid peculiare, quo sustentetur infirmitas? praestationem monasterii esse pertenuem et neglegentiam erga aegrotantes maximam. si proprium aliquid non fuerit quo cura corporis ualeat adhiberi, misere esse moriendum. ipsum etiam uestimentum non sufficere quod praebetur, nisi procurauerit unde sibi aliud ualeat exhibere. postremo nec diu posse in eodem loco uel monasterio commorari, et nisi parauerit sibi uiatici sumptus euectionisque transmarinae mercedem, non posse cum uoluerit transmigrare, et necessitate inopiae coartatum laboriosam ac miserabilem absque ullo profectu uitam iugiter toleraturum, inopem quoque se semper ac nudum non sine inproperio aliena substantia sustinendum. itaque cum huiuscemodi cogitationibus laqueauerit mentem, qualiter unum saltim denarium adquirere possit excogitat. tum peculiare opus, quod exerceat abbate nescio, sollicita mente perquirit. quod uendens clam et optato tandem potitus nummo, qualiter eum duplicet, acrius uehementiusque torquetur, ubi reponat cuiue eum credat ambiguus. deinde quid ex eo coemere qualique illum commercio ualeat duplicare, cura grauiore distenditur. cumque illi et hoc ex uoto cesserit, auidior fames adcrescit auri tantoque uehementior suscitatur, quanto etiam summa lucri maior adponitur. cum pecuniae etenim incremento rabies cupiditatis augetur. tum deinde uita longaeua promittitur, senectus incurua, infirmitates diuersae atque prolixae, quae, nisi maior summa in iuuentute fuerit praeparata, tolerari in senecta non possint. agitur itaque infelix anima serpentinis nexibus obligata, dum materiam male concretam nequiore cura concupiscit augere, pestem sibi qua dirius inflammetur ipsa parturiens, totaque lucri cogitatione possessa nihil aliud respicit cordis intuitu quam unde pecuniam parare ualeat, per quam possit de monasterii disciplina quantocius euolare, nullam exhibens fidem, ubi potuerit nummi spes aliqua refulgere. pro hac non mendacii, non periurii, non furti facinus admittere perhorrescit, non fidem frangere, non iracundiae noxio furore suppleri, si quoquam a spe quaestus deciderit, non honestatis, non humilitatis modum transcendere pertimescit, fitque ei per omnia, ut aliis uenter, ita huic aurum et spes lucri pro deo. unde beatus apostolus huius morbi noxia uenena prospiciens non solum eam radicem esse omnium malorum, uerum etiam idolorum seruitutem pronuntiauit dicens: et auaritia (quod in Graeco dicitur φιλαργυρία), quae est simulacrorum seruitus. cernis igitur ad quantam labem rabies haec per gradus singulos crescat, ut etiam idolorum uel simulacrorum seruitus apostoli uoce pronuntietur, eo quod figura dei et imagine praetermissa, quam deuote seruiens deo inmaculatam in semet ipso debuit custodire, hominum figuras inpressas auro diligere pro deo maluit et tueri.
7. Quellen und Folgen der Habsucht.
Hat diese Leidenschaft einmal von dem schlaffen und lauen Geiste Besitz genommen, so macht sie ihn zuerst nur um eine geringe Summe besorgt und stellt ihm etliche gar vernünftig scheinende Gründe vor, aus welchen er sich etwas Geld zurücklegen oder erwerben dürfe. Denn er klagt, daß das im Kloster ihm Gereichte nicht hinreiche, und daß es damit für einen gesunden und starken Körper kaum auszuhalten sei. Was sei zu thun, wenn eine Krankheit auftauche und nicht etwas Geld aufgehoben sei, um während derselben leben zu können? Was das Kloster reiche, sei zu gering, und es herrsche eine große Nachläßigkeit gegen die Kranken. Wenn man nicht etwas Eigenthum habe, womit man den Leib pflegen und heilen könne, müsse man elend sterben. Selbst das Kleid, das man erhalte, reiche nicht aus, wenn man nicht für Etwas gesorgt habe, wovon man sich ein anderes anschaffen könne. Endlich könne man nicht an demselben Orte oder Kloster bleiben, und wenn man sich nicht für Wegzehrung und Ueberfahrtsgeld gesorgt habe, könne man mit dem besten Willen nicht reisen, und eingeschränkt durch den Mangel am Nothwendigsten würde man stets ein beschwerliches und elendes Leben zu ertragen haben und es nie zu Etwas bringen. In seiner Armuth und Entblößung könne man nie ohne Vorwürfe und Beschämung von fremdem Gute leben. — Und hat nun der Mönch seinen Geist von derartigen Gedanken umstricken lassen, so überlegt er, wie er wenigstens einen Zehner sich verschaffen kann. Dann sieht er sich voll Besorgniß nach einer Arbeit um, an der er ohne des Abtes Wissen arbeitet. Diese verkauft er nun heimlich, und endlich im Besitze der gewünschten Münze plagt er sich noch viel ärger mit dem Gedanken, wie er sie verdoppeln könnte, noch im Zweifel, wohin er sie legen oder wem er sie anvertrauen soll. Dann quält ihn noch mehr die Sorge, was er mit ihr kaufen und mit welchem Geschäfte er sie verdoppeln könne. Und ist ihm das nach Wunsch gelungen, so wächst sein Heißhunger nach Gold noch mehr und wird um so heftiger gereizt, je größer die Summe ist, die vor ihm liegt. Denn mit dem Anwachsen des Geldes wächst auch die rasende Gier nach demselben. Schließlich verspricht er sich ein langes Leben, ein ungebeugtes Greisenalter und verschiedene langwierige Krankheiten, die er im Alter nicht ertragen könne, wenn er nicht in der Jugend für eine größere Geldsumme gesorgt habe. So geht die unglückliche, von den Windungen der Schlange umstrickte Seele zu Grunde, indem sie den sündhaft zusammengerafften Besitz mit noch nichtswürdigerer Sorge zu vermehren begehrt. Das verderbliche Feuer, dessen Flammen immer grausamer an ihr nagen, selbst erzeugend und von dem Gedanken an Gewinn ganz eingenommen hält sie ihren Blick auf nichts Anderes gerichtet, als woher sie Geld gewinnen könne, um vermittelst desselben der Zucht des Klosters möglichst bald zu entfliehen. Denn Glaube und Vertrauen werden da über Bord geworfen, wo die Hoffnung auf ein Geldstück aufleuchtet. Diese Hoffnung läßt den Mönch nicht vor Lüge und Meineid, nicht vor Diebstahl und Treubruch, nicht vor der sündigen Wuth des Jähzornes zurückschaudern. Wenn er, von der Hoffnung auf Gewinn verlockt, in eine Sünde gefallen ist, fürchtet er nicht das Maß der Ehrbarkeit und Demuth zu überschreiten, und in Allem wird ihm, wie Andern der Bauch, das Geld und die Hoffnung auf Gewinn zum Gott. Daher hat der heilige Paulus, im Hinblick auf das schädliche Gift dieser Krankheit, sie nicht nur die Wurzel aller Uebel, sondern auch Götzendienst genannt, indem er sagt: „Und die Habsucht, welche Götzendienst ist“. Du siehst also, zu welchem Verderben diese Wuth allmählig anwächst, so daß sie sogar Idololatrie oder Götzendienst vom Apostel genannt wird, weil sie Gottes Bild und Gleichniß, das der Mensch durch treuen Dienst gegen Gott unversehrt in sich hätte bewahren sollen, mißachtet und lieber in Gold geformte Götzenbilder als Gott lieben und bewahren will.
VIII. Quod filargyria omnes uirtutes inpediat.
Talibus igitur decessionum profectibus in deterius crescens nullam deinceps humilitatis, nullam caritatis, nullam oboedientiae non dicam uirtutem, sed ne umbram quidem retinere contentus indignatur ad omnia et ad singula opera murmurat atque suspirat, nullaque iam reuerentia reseruata uelut equus durissimus ad praecipitium fertur infrenis: nec uictu cotidiano nec solito indumento contentus non se diutius haec toleraturum esse testatur deumque non ibi solummodo esse proclamat nec salutem suam in illo tantum loco esse conclusam, unde si quoquam se non celerius asportarit, periturum protinus grauiter ingemescit.
8. Die Habsucht verhindert alle Tugenden.
Auf dieser abschüssigen Bahn mit aller Schnelligkeit dem Schlechten zueilend ist der Habsüchtige, ich will nicht sagen die Tugend, sondern nicht einmal den Schatten von Demuth, Liebe und Gehorsam zu bewahren bestrebt, sondern entrüstet sich bei jeder Gelegenheit, murrt und seufzt bei jeder Arbeit. Und sich über alle Scham hinwegsetzend stürzt er wie ein halsstarriges, ungezügeltes Pferd in den Abgrund des Verderbens. Nicht zufrieden mit der täglichen Nahrung und gewöhnlichen Kleidung äussert er sich in der Weise, als werde er Dieß nicht länger mehr aushalten. Auch sagt er, Gott sei nicht bloß dort, und sein Heil sei nicht einzig an diesen Ort gebunden. Wenn er daher nicht bald sich anderswohin begebe, werde er, so klagt er seufzend und stöhnend, bald zu Grunde gehen.
VIIII. Quod monachus habens pecunias in coenobio permanere non possit.
Itaque instabilitatis suae uiaticum habens nummos, in quorum praesidio alarum sibi instar aptauit, iamque ad transmigrandum paratus insolenter ad omnia praecepta respondet, et tamquam peregrinum extraneumque se gerens, quaecumque indigentia correctione perspexerit, neglegit atque contemnit. cumque furtim possideat reconditam pecuniam, ne calciamenta quidem ac uestimenta se habere conqueritur darique sibi tardius indignatur. ac si forte dispensatione senioris ei prius, qui nihil penitus habere cognoscitur, aliquid horum fuerit inpertitum, maioribus irae stimulis inardescit seque despici ueluti extraneum putat, nec ad ullum opus manus suas adcommodare contentus reprehendit omnia quae necessario fieri monasterii conpellit utilitas. deinde occasiones quibus offendi uel irasci debeat studiose perquirit, ne leuiter motus de coenobii disciplina uideatur exire. nec solus tamen transmigrare contentus, ne tamquam suo uitio deseruisse credatur, quantos potuerit susurrationibus clandestinis deprauare non desinit. quodsi etiam temporis asperitas itineris seu nauigationis eius intercluserit commeatum, per omne illud tempus suspenso anxioque residens corde tristitias serere uel excitare non cessat, discessus solacium et excusationem leuitatis non se aliter credens quam nota uel macula monasterii reperturum.
9. Ein Mönch, der Geld besitzt, kann nicht im Kloster bleiben.
Ein Mönch, der in den Münzen, durch die er sich geschützt und gleichsam mit Flügeln versehen wähnt, ein Reisegeld besitzt und schon zum Fortziehen bereit ist, gibt auf alle Befehle eine trotzige Antwort, gebahrt sich wie ein Fremder und Auswärtiger und vernachläßigt und verachtet Alles, was er als der Verbesserung bedürftig erkennt. Und obgleich er heimlich verborgenes Geld besitzt, beklagt er sich, daß er nicht einmal Schuhe und Kleider habe, und entrüstet sich darüber, daß solche ihm zu säumig gereicht würden. Und wenn einmal nach Anordnung des Vorstehers Einem, der offenbar gar Nichts hat, etwas Derartiges früher gegeben wird, flammt das Feuer des Zornes noch mehr in ihm auf, und er wähnt sich wie einen Fremden verachtet, und nicht Willens, seine Hände zu einer Arbeit zu bequemen, tadelt er Alles, dessen nothwendige Ausführung der Nutzen des Klosters erheischt. Dann sucht er sorgsam Gelegenheiten, sich beleidigt und erzürnt stellen zu können, damit es nicht den Anschein habe, als verlasse er nur aus einer geringfügigen Veranlassung die klösterliche Zucht. Und obendrein nicht zufrieden, allein auszuwandern, damit man nicht glaube, als sei er aus eigener Schuld fahnenflüchtig geworden, sucht er unablässig durch heimliche Einflüsterungen möglichst Viele zu verderben. Wenn auch schlechtes Wetter die Ausführung einer Land- oder Seereise vereitelt, hört er, während dieser ganzen Zeit von Ungewißheit und Angst gequält, doch nicht auf, Überdruß zu säen und zu wecken, in dem Wahn, einzig durch den üblen Ruf des Klosters sich über seinen Austritt trösten und seinen Leichtsinn entschuldigen zu können.
X. Quem filargyriae laborem subeat desertor monasterii, qui ante pro leuissimis operibus murmurabat.
Agitur itaque facibus pecuniarum suarum magis ac magis accensus, quae possessae numquam monachum uel in monasterio residere uel uiuere sub regulae institutione permittunt. cumque exinde eum uelut feralis quaedam bestia de coetu gregis separans pecus oportunum praedae destitutione sodalium fecerit et deuorationi facilem contubernii priuatione reddiderit, eum, qui prius opera monasterii leuia exercere despexerat, die ac nocte spe quaestus infatigabiliter laborare conpellit: non orationum sollemnia, non ieiuniorum modum, non uigiliarum regulam custodire permittit, non honestarum intercessionum explere officia sinit, dummodo uel auaritiae rabiem satiare uel cotidianis usibus possit occurrere, cupiditatis ignem, dum adquirendo extinguendum credit, accendens.
10. Von den schlimmen Folgen, welche das Entlaufen aus dem Kloster nach sich zieht.
Gleich einer Fackel brennt sein Geld den Mönch immer mehr und läßt, einmal in seinen Besitz gelangt, ihn nimmermehr im Kloster bleiben und unter der Ordensregel leben. Wenn es ihn dann, gleich einem wilden Thiere, von der Heerde weggerissen und, fern von den Brüdern, ihn zur Beute gemacht, des Obdachs beraubt und dem Rachen der Raubthiere überliefert hat, zwingt es ihn, der es früher unter seiner Würde hielt, die leichten Arbeiten im Kloster zu verrichten, Tag und Nacht für Gelderwerb unermüdlich zu arbeiten. Dieses Geld erlaubt ihm weder das regelmäßige Gebet noch die Fasten noch die Nachtwachen zu beobachten, nicht läßt es ihn die Pflicht heilsamer Fürbitten erfüllen, wenn er nur die Wuth seines Geizes stillen und die täglichen Bedürfnisse befriedigen kann. Denn während er das Feuer der Begierde durch stetes Erwerben zu ersticken wähnt, facht er dasselbe nur immer mehr an.
XI. Quod occasione custodiendae pecuniae feminarum contubernia requirantur.
Hinc iam nonnulli per abruptum praecipitium lapsi inreuocabili ruina feruntur ad mortem, et non contenti soli possidere quas uel numquam habuerant uel initio malo reser-uarant pecunias inquirunt contubernia feminarum, quae debeant ea quae male congesta uel retenta sunt custodire. tantisque se occupationibus noxiis ac perniciosis inuoluunt, ut usque ad profundum inferi deuoluti, dum adquiescere illi apostolicae sententiae rennuunt, ut habentes uictum et uestimentum his sint contenti quae monasterii frugalitas exhibeat, sed uolentes diuites fieri incidant in temptationem et laqueum diaboli et desideria multa et inutilia et noxia, quae mergunt homines in interitum et perditionem. radix enim omnium malorum est cupiditas, id est filargyria, quam quidam adpetentes errauerunt a fide et inseruerunt se doloribus multis.
11. Um das Geld aufzubewahren, sucht man die Wohnungen von Frauen auf.
Einige, die so in das jähe Verderben gefallen sind, stürzen sich in unaufhaltsamem Sturze in den Tod. Nicht zufrieden, das Geld, das sie einst gehabt oder aus sündhaften Beweggründen zurückgelegt hatten, zu besitzen, suchen sie die Wohnungen von Frauen auf, welche das sündhaft Erworbene oder Zurückbehaltene aufbewahren sollen. In Folge davon kommen sie zu so gefährlichen und verderblichen Beschäftigungen, daß sie in die Tiefe der Hölle hinabrollen; und anstatt das Wort des Apostels zu befolgen, man solle mit Nahrung und Kleidung sich begnügen, welcher Vorschrift auch die klösterliche Genügsamkeit nachkommt, wollen sie reich werden und fallen so in die Versuchungen und Schlingen des Teufels und in viele unnütze und schädliche Begierden, welche den Menschen in Untergang und Verderben stürzen.
XII. Exemplum cuiusdam tepidi monachi filargyriae laqueis obligati.
Non ignoro quendam, qui semet ipsum autumat monachum sibique (quod est deterius) de perfectione blanditur. qui receptus in coenobio cum a suo moneretur abbate, ne reuolueretur ad illa quae renuntians abdicarat, seseque de radice omnium malorum filargyria terrenisque laqueis expediret, ac, si mallet pristinis passionibus emundari, quibus eum grauissime singulis momentis uidebat urgueri, cessaret adfectare ea quae ne antea quidem possederat, quorum nexibus conpeditus ad purgationem uitiorum suorum sine dubio peruenire non posset, truculento uultu eidem respondere non haesitauit: si tu habes plurimos unde sustentes, me similiter habere cur prohibes?
12. Beispiel eines lauen und in die Schlingen des Geizes verwickelten Mönches.
Ich kenne Jemanden, der sich selbst für einen Mönch hält und, was noch schlimmer ist, sich mit dem Besitze vollkommener Tugend schmeichelt. Bei seiner Aufnahme in’s Kloster ermahnte ihn der Abt, nicht in Das zurückzufallen, dem er eben entsagt habe; besonders solle er sich von der Wurzel alles Uebels, dem Geize, und den Schlingen der Welt frei halten. Und als ob er lieber von den früheren Leidenschaften sich reinigen wolle, von denen ihn der Abt jeden Augenblick sehr heftig bedrängt sah, und als ob er aufhöre nach den Gütern zu streben, die er vorher gar nicht besessen, deren Besitz ihn aber stets gefangen halten und ihn ohne Zweifel an der Austilgung seiner Fehler hindern könnte, scheute er sich nicht, dem Abte mit trotziger Miene zu entgegnen: „Wenn du die Mittel hast, gar Viele zu ernähren, willst du mich hindern, sie ebenfalls zu besitzen?“
XIII. Quid conferant seniores iunioribus in denudatione uitiorum.
Haec autem nemini uideantur uel superflua uel molesta. nisi enim prius exposita fuerint genera uulnerum et origines causaeque morborum fuerint indagatae, nec infirmis poterit adhiberi congrua medicinae curatio nec ualidis conferri perfectae custodia sanitatis. nam et haec et multo his plura ad instructionem iuniorum solent a senioribus, qui innumeros diuersorum casus ac ruinas experti sunt, in conlatione proferri. quorum multa saepenumero cognoscentes in nobis, ita senioribus exponentibus ac reuelantibus, uelut qui isdem ipsi quoque passionibus pulsarentur, absque confusionis nostrae uerecundia curabamur, cum et remedia pariter et causas infestantium nos uitiorum taciti disceremus. quae nos non fraternitatis ueriti corpus uel obteximus uel praeteriuimus, sed ne forte delapsus liber in manus eorum, qui in hoc proposito minus instituti uidentur, patefaciat inexpertis, quae desudantibus solis ac festinantibus culmen perfectionis adtingere debent esse conperta.
13. Die älteren Brüder sind den jüngeren bei Ablegung ihrer Fehler behilflich.
Das Vorausgegangene aber erscheine Keinem überflüssig oder lästig. Denn wenn nicht vorher die verschiedenen Arten von Wunden auseinandergesetzt und die Ursachen und Quellen der Krankheiten aufgesucht sind, kann man weder den Kranken die passenden Arzneien reichen, noch können die Gesunden ihre Gesundheit vollständig schützen. Dieß und noch viel mehr pflegen die Vorsteher, die unzählige Mal den Fall und Sturz verschiedener Mönche erlebt haben, zur Belehrung der Jüngeren in Gesprächen darzulegen. Vieles davon fanden wir dann in uns selbst wieder, und indem es so die Vorsteher darlegten und offenbarten, als wenn sie selbst von denselben Leidenschaften geplagt würden, wurden wir ohne Beschämung von ihnen geheilt; denn wir lernten sowohl die Ursachen als auch die Mittel gegen die uns anfeindenden Fehler schweigend kennen, die wir sonst aus Scheu vor den Brüdern verborgen oder verschwiegen hätten. Aber wenn dieß Buch etwa Solchen in die Hände fallen sollte, die in diesem Punkte weniger unterrichtet scheinen, so soll es die Unerfahrenen über Das belehren, was nur Denen bekannt sein dürfte, welche mit Mühe und Anstrengung den Gipfel der Vollkommenheit zu erreichen streben.
XIIII. Quibus exemplis morbus filargyriae triplex esse doceatur.
Triplex itaque est huius ualitudinis morbus, qui ab uniuersis patribus aequali detestatione damnatur: unus hic, cuius superius descripsimus labem, qui decipiens miserabiles quosque ea, quae ne ante quidem cum in saeculo degerent possidebant, congerere persuadet: alius qui haec, quae in primordiis suae renuntiationis abiecerant, post haec resumere ac rursum desiderare conpellit: tertius qui initio malo uitiosoque contractus et ab inperfectione incipiens eos, quos semel hoc tepore mentis infecerit, paupertatis ac diffidentiae timore perterritos spoliare se cunctis mundi facultatibus non sinit, eosque pecunias uel substantias, quas utique renuntiantes abicere debuerant, reseruantes ad euangelicam perfectionem numquam peruenire concedit. quarum trium ruinarum exempla etiam in scripturis sanctis inuenimus non leui poena fuisse damnata. nam Giezi ea quae ne ante quidem possederat uolens adquirere non modo gratiam prophetiae possidere non meruit, quam per successionem uelut hereditariam a suo habuit magistro suscipere, uerum etiam e contrario aeterna lepra sancti Helisaei maledictione perfunditur, Iudas autem uolens resumere pecunias, quas antea Christum secutus abiecerat, non solum ad proditionem domini lapsus apostolatus gradum perdidit, sed etiam uitam ipsam communi exitu finire non meruit eamque biothanati morte conclusit, Annanias et Sapphira reseruantes partem quandam ex his quae possederant apostolico ore morte multantur.
14. Von der dreifachen Krankheit der Habsucht.
Dreifach ist diese Krankheit, die von allen Vätern gleichmäßig verwünscht und verdammt wird. Die eine ist jene, deren Verderben wir oben beschrieben, welche die Unglücklichen täuscht und überredet, Solches zusammen zu scharren, was sie nicht einmal früher besaßen, als sie noch in der Welt lebten. Die zweite drängt ihre Opfer zu dem Wunsche, Dasjenige, dem sie im Anfange ihrer Bekehrung entsagt hatten, später wieder an sich zu ziehen und wieder zu begehren. Die dritte Krankheit, die man sich in Folge eines schlimmen und sündhaften Anfanges seiner Bekehrung zugezogen hat, und die mit der Unvollkommenheit ihren Anfang nimmt, flößt Denen, welche sie einmal in diese Geisteserschlaffung versetzt hat, Furcht und Schrecken vor der Armuth, sowie Mißtrauen ein und läßt nicht zu, daß sich dieselben aller irdischen Güter berauben. Diejenigen aber, welche Geld und sonstige Gegenstände, denen sie durchaus hätten entsagen müssen, behalten, läßt diese Krankheit nimmermehr zur evangelischen Vollkommenheit gelangen. Wie dieser dreifache Fall gar schwer bestraft wurde, davon finden wir auch Beispiele in der heiligen Schrift. Giezi, der Das erlangen wollte, was er selbst vorher nicht besessen, wurde nicht bloß der Gabe der Prophezie unwürdig erachtet, die er wie durch erbliche Nachfolge von seinem Meister hätte empfangen können, sondern er wurde im Gegentheil auf die Verfluchung des heiligen Elisäus hin von unheilbarem Aussatze übergossen. Judas aber, welcher das Geld wieder an sich ziehen wollte, dem er vorher, als er Christo sich anschloß, entsagt hatte, fiel nicht nur so tief, daß er seinen Herrn verrieth und der Würde des Apostolates verlustig ging, sondern verlor auch die Gnade, eines natürlichen Todes zu sterben, und beschloß sein Leben mit einem zweifachen Morde. Ananias und Saphira endlich, welche einen Theil von ihrem früheren Besitzthume zurückbehielten, vernahmen aus des Apostels Munde ihr Todesurtheil.
XV. Male renuntians a non renuntiante quo differat.
De his igitur, qui dicentes renuntiasse se huic mundo rursus incredulitate fracti nudari terrenis opibus timent, in Deuteronomio mystice praecipitur: si quis est homo formidolosus, et corde pauido, non egrediatur ad bellum: uadat, et reuertatur in domum suam, ne pauere faciat corda fratrum suorum, sicut et ipse timore perterritus est. hoc testimonio quid euidentius quaeso? nonne manifeste mauult eos scriptura professionis huius nec initium sibimet usurpare nec nomen, quam exhortatione exemploque corrupto etiam alios ab euangelica perfectione reuocare et infideli infirmare terrore? iubetur itaque eis ut discedentes e pugna reuertantur in domum suam, quia non potest quisquam duplici corde bella domini proeliari (uir enim duplex animo inconstans in omnibus uiis suis), et cogitantes secundum illam euangelii parabolam eum, qui cum decem milibus progreditur, contra regem cum uiginti milibus uenientem non posse confligere, adhuc eo longe posito postulent pacem, id est ut ne initium quidem renuntiationis arripiant potius quam tepide eam post exsequentes maiori discrimine semet inuoluant. melius est enim non uouere, quam uouere et non reddere. pulchre autem hic cum decem milibus et ille cum uiginti uenire describitur. amplior enim inpugnantium nos uitiorum numerus est quam uirtutum pro nobis dimicantium. nemo autem potest deo seruire et mamonae, nec ponens quisquam manum suam super aratrum et respiciens retro aptus est regno dei.
15. Unterschied zwischen einer schlechten und keiner Bekehrung.
Es gibt Leute, welche trotz ihrer Behauptung, der Welt entsagt zu haben, und trotz des Aufgebens ihrer irdischen Schätze doch aus Mangel an Vertrauen wieder in Furcht gerathen. Ihnen wird im Deuteronomium die mystische Vorschrift ertheilt: „Ist ein Mann furchtsam und verzagten Herzens, so ziehe er nicht in den Krieg; er gehe und kehre zurück in sein Haus, daß er nicht zaghaft mache die Herzen seiner Brüder, sowie er selbst von Furcht ergriffen ist.“ Was ist deutlicher als dieses Wort? Will nicht offenbar die heilige Schrift lieber, daß dieselben diesen Stand weder antreten noch den Namen desselben sich beilegen sollen, als daß sie durch übel angebrachte Ermahnungen und böses Beispiel auch Andere von der evangelischen Vollkommenheit abziehen und durch Mißtrauen und Schrecken zaghaft machen? Es wird ihnen daher befohlen, den Krieg zu verlassen und in ihre Heimath zurückzukehren, weil Keiner mit getheiltem Herzen die Kämpfe des Herrn kämpfen kann. „Denn ein doppelsinniger Mann ist unbeständig in allen seinen Wegen;“ und von der Parabel im Evangelium ausgehend, daß Derjenige, welcher mit zehntausend Mann heranzieht, mit Jenem, der mit zwanzigtausend heranrückt, sich nicht schlagen kann, mögen sie, wenn der Feind auch noch so weit entfernt ist, um Frieden bitten d. h. lieber gar keinen Anfang mit der Weltentsagung machen, als durch eine laue Bethätigung derselben sich in noch größeres Unglück stürzen. „Denn besser ist nicht geloben als geloben und nicht geben.“ Schön aber wird von dem Einen gesagt, er komme mit zehntausend, und von dem Andern, er komme mit zwanzigtausend Mann. Denn größer ist die Zahl der uns angreifenden Sünden als die Zahl der für uns streitenden Tugenden. Niemand aber kann Gott dienen und dem Mammon, und „wer immer seine Hand auf den Pflug legt und hinter sich schaut, ist nicht tauglich für das Reich Gottes.“
XVI. Cuius testimonii se colore tueantur, qui exui facultatibus suis nolunt.
Hi ergo occasionem auaritiae pristinae sibimet intromittere quadam scripturae sanctae auctoritate conantur, quam uitiosiore intellectu interpretantes apostoli, immo domini sententiam corrumpere atque ad suum desiderium gestiunt deprauare. non suam uitam uel intellectum scripturarum sensui coaptantes, sed uim scripturis pro desiderio suae libidinis inferentes consentire eas suis opinionibus uolunt aiuntque scriptum esse: beatius est magis dare quam accipere. cuius interpretatione prauissima eneruatam domini putant illam esse sententiam qua dicitur: si uis perfectus esse, uade uende omnia quae habes et da pauperibus, et habebis thesaurum in caelo, et ueni sequere me, et hoc arbitrantur colore diuitias suas se abicere non debere, beatiores scilicet semet ipsos pronuntiantes, si pristinis suffulti substantiis aliis quoque de earum superabundantia largiantur, dum erubescunt pro Christo gloriosam cum apostolo suscipere nuditatem nec opere manuum nec monasterii parsimonia uolunt esse contenti. quibus superest ut se aut circumuenire nouerint semet ipsos et nequaquam renuntiasse huic mundo diuitiis pristinis incubantes, aut si professionem monachi re atque opere cupiunt experiri, dispersis abiectisque omnibus nihilque ex eis quae renuntiauerant reseruantes cum apostolo glorientur in fame et siti, in frigore et nuditate.
16. Mit welchem falschen Zeugniß sich Jene zu decken suchen, die sich ihres Vermögens nicht entledigen wollen.
Solche Leute nun wagen es, ihre ehemalige Habsucht bei irgend einer Veranlassung wieder in sich aufzunehmen und gar durch das Ansehen der heiligen Schrift zu stützen. Vermittelst einer durchaus fehlerhaften Auslegung sind sie bedacht, das Wort des Apostels, ja des Herrn zu fälschen und nach ihren Gelüsten zu entstellen. Denn nicht ihren Lebenswandel und ihre Einsicht richten sie nach der heiligen Schrift, sondern umgekehrt thun sie, wie es ihre Leidenschaft erfordert, den Schriften Gewalt an und wollen, daß dieselben mit ihren Meinungen übereinstimmen, und behaupten, es sei geschrieben: „Glückseliger ist es zu geben als zu nehmen.“ Durch diese ganz gottlose Auslegung glauben sie das Wort des Herrn entkräftet zu haben, worin gesagt wird: „Wenn du vollkommen sein willst, so gehe hin und verkaufe Alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Dann komme, und folge mir nach!“ Sie glauben, wegen dieses vermeintlichen Zeugnisses dürften sie nicht allen ihren Reichthümern entsagen, da sie ja sich selbst für glückseliger halten, wenn sie, gestützt auf ihr früheres Vermögen, auch Andern ihren Ueberfluß mittheilen. Und während sie sich schämen, für Christus mit dem Apostel die freiwillige Entsagung auf sich zu nehmen, wollen sie weder mit der Arbeit ihrer Hände noch mit den spärlichen Mitteln des Klosters sich begnügen. Diesen bleibt nur übrig, entweder einzusehen, daß sie sich selbst getäuscht und keineswegs dieser Welt entsagt haben, da sie ihre früheren Reichthümer nicht aufgeben, oder, wenn sie ein Mönchsleben in der That und Wahrheit führen wollen, Alles auszutheilen und von sich zu werfen und, ohne Etwas von Dem, welchem sie entsagt haben, zurückzubehalten, sich mit dem Apostel zu rühmen in Hunger und Durst, in Kälte und Entblößung.
XVII. De renuntiatione apostolorum et ecclesiae primitiuae.
Quasi uero et ille similiter non potuerit facultatibus pristinis sustentari, qui se non ignobilem etiam in huius mundi ordine fuisse testatur, cum se adserit a natiuitate ciuis Eomani dignitate praelatum, si hoc esse ad perfectionem commodius iudicauisset, et illi qui Hierosolymis, cum essent possessores agrorum aut domorum, uendentes omnia nihilque sibi ex his penitus reseruantes adferebant pretia eorum et ponebant ante pedes apostolorum, non potuerint necessitatem corporis sui facultatibus propriis sustinere, si hoc perfectius fuisset ab apostolis iudicatum uel ipsi esse utilius probauissent : sed uniuersas simul abicientes substantias maluerunt labore proprio uel conlatione gentium sustentari. de quorum sumptu sanctus apostolus ad Bomanos scribens suumque eis in hoc ministerium praedicans ac subtiliter eos ad hanc conlationem prouocans ait: nunc uero proficiscar Hierusalem ministrare sanctis. conplacuit enim Macedoniae et Achaiae conlationem aliquam facere in pauperes sanctorum qui sunt Hierusalem. conplacuit enim, et debitores sunt eorum: quoniam si spiritalium eorum participes factae sunt gentes, debent et in carnalibus ministrare eis. ad Corinthios quoque horum sollicitudinem similiter gerens monet eos, ut ante aduentum suum conlationem, quam ad usus eorum mittere disponebant, sollicitius praepararent: de collectis autem quae fiunt in sanctis, sicut ordinaui ecclesiis Galatiae, ita et uos facite. unusquisque uestrum per unam sabbati thesaurizet apud semet ipsum recondens quod ei bene placuerit, ut non cum uenero tunc collectae fiant. cum autem uenero, quoscumque probaueritis per epistulas, hos transmittam perferre gratiam uestram in Hierusalem. et ut eos ad largiorem prouocaret conlationem, infert: quodsi dignum fuerit ut et ego eam, mecum ibunt, id est si talis fuerit oblatio uestra, quae mea quoque mereatur prosecutione deferri. ad Galatas quoque, cum praedicationis ministerium cum apostolis partiretur, hoc idem se depectum cum Iacobo, Petro et Iohanne testatur, ut licet praedicationem susciperet gentium, pauperum tamen qui erant Hierosolymis nequaquam sollicitudinem curamque respueret, qui propter Christum uniuersis rebus suis renuntiantes spontaneam subierant egestatem: et cum uidissent, inquit, gratiam dei quae data est mihi Iacobus et Cephas et Iohannes, qui uidebantur columnae esse, dextras dederunt mihi et Barnabae societatis, ut nos inter gentes praedicaremus, ipsi autem in circumcisionem: tantum ut pauperum memores essemus. quam rem omni sollicitudine se testatur inplesse dicens: quod etiam sollicitus fui hoc ipsum facere. qui igitur sunt beatiores? utrumnam hi qui nuper de numero gentium congregati nec praeualentes euangelicam perfectionem conscendere adhuc suis substantiis inhaerebant, in quibus magnus fructus apostolo ducebatur, si saltim ab idolorum cultu et fornicatione et suffocatis et sanguine reuocati fidem Christi cum suis facultatibus suscepissent, an illi qui euangelicae satisfacientes sententiae crucem domini cotidie portantes nihil sibi de propriis facultatibus superesse uoluerunt? cumque ipse beatus apostolus uinculis et carceribus obligatus seu uexatione itineris inpeditus et ob haec consuetam uictus substantiam parare, ut erat solitus, suis manibus non occurrens a fratribus se, qui de Macedonia uenerant, supplementum suae necessitatis adserit accepisse (nam quod mihi, inquiens, deerat subpleuerunt fratres qui uenerunt a Macedonia, et ad Philippenses ipse referens: scitis enim et uos, Philippenses, quia in principio euangelii, quando profectus sum a Macedonia, nulla mihi ecclesia communicauit in ratione dati et accepti nisi uos soli, quia et Thessalonicam et semel et bis in usum mihi misistis), erunt secundum istorum sententiam, quam mente tepida conceperunt, et isti beatiores apostolo, quia de suis inueniuntur ei substantiis inpertisse? quod amens quilibet dicere non audebit.
17. Die Entsagung der Apostel und der ersten Kirche.
Hätte nicht auch der heilige Apostel, wenn er es als einen leichteren Weg zur Vollkommenheit erkannt hätte, von seinem früheren Vermögen leben können? er, der nach seinem eigenen Zeugnisse auch in der Rangordnung dieser Welt keine geringe Stufe einnahm; versichert er ja doch, er sei von Geburt mit der Würde eines römischen Bürgers ausgezeichnet. Oder hätten Jene, die zu Jerusalem Aecker und Häuser besaßen, aber Alles verkauften und, ohne Etwas für sich zu behalten, den Erlös dafür brachten und zu den Füßen der Apostel legten, nicht ihre leiblichen Bedürfnisse aus ihren eigenen Mitteln bestreiten können, wenn Dieß nach dem Urtheil der Apostel vollkommener und nach ihrem eigenen Ermessen nützlicher gewesen wäre? Aber allen Dingen entsagend wollten sie lieber von ihrer Arbeit oder von dem Almosen der Gemeinde leben. Im Briefe an die Römer, wo der heilige Apostel von ihren Gaben schreibt und von der Verpflichtung spricht, die er ihnen gegenüber auf sich geladen, und wo er die römischen Christen auf eine geschickte Weise zu dieser Sammlung auffordert, sagt er: „Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. Denn für gut haben erachtet Macedonien und Achaia eine Sammlung zu veranstalten für die Armen der Heiligen, die in Jerusalem sind. Sie erachteten es für gut und sind ihre Schuldner. Denn wenn ihres Geistes theilhaftig geworden sind die Heiden (indem sie Christen wurden gleich den Judenchristen in Jerusalem), schulden sie (die bekehrten Heiden) auch, in dem Leiblichen ihnen zu dienen.“ Auch bei den Korinthiern für sie Sorge tragend ermahnt er dieselben (die Korinthier), vor seiner Ankunft mit aller Sorgfalt eine Beisteuer aufzubringen, die er zu ihrem Besten ihnen schicken ließ. „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft,“ schreibt er, „wie ich es angeordnet habe bei den Kirchen Galatiens, also machet es auch ihr! Je am ersten Wochentage lege Jeder von euch bei sich zurück, aufsparend, was ihm leicht ankommt, damit nicht, wenn ich komme, erst dann Sammlungen veranstaltet werden. Wenn ich aber anwesend bin, will ich Die, so ihr durch Briefe begutachten werdet, abschicken, um eure Liebesgaben zu überbringen nach Jerusalem.“ Um sie zu noch reicherer Sammlung aufzumuntern, fügt er bei: „Wenn es werth ist, daß ich selber gehe, werden sie mit mir gehen,“ d. h. wenn euere Sammlung so ausfällt, daß sie es verdient, unter meinem Geleite überbracht zu werden. Im Briefe an die Galater sagt er, obwohl er das Predigtamt mit den Aposteln theilte, so sei er doch mit Petrus, Jakobus und Johannes übereingekommen, zwar die Predigt unter den Heiden zu übernehmen, jedoch die Bekümmerniß und Sorge um die Armen zu Jerusalem keineswegs aufzugeben, die, um Christi Willen Allem entsagend, freiwillige Armuth auf sich genommen hätten. „Als Jakobus, Kephas und Johannes die Gnade Gottes sahen,“ sagt er, „die mir gegeben ist, reichten sie mir und dem Barnabas aus der Versammlung die Hand (mit dem Wunsche), wir sollten unter den Heiden predigen, sie aber bei der Beschneidung; nur sollten wir der Armen eingedenk sein.“ Daß er diesen Auftrag mit der größten Gewissenhaftigkeit ausgeführt hat, bezeugt er selbst mit den Worten: „Und ich war auch besorgt, gerade Dieses zu thun.“ Welche sind nun glückseliger, Jene, die vor Kurzem aus der Zahl der Heiden sich sammelten und, nicht im Stande, sich zur evangelischen Vollkommenheit zu erheben, noch an ihrem Eigenthume hängen, bei denen der Apostel eine große Frucht zu ernten glaubte, wenn sie wenigstens von dem Götzendienste, der Unzucht und dem Genusse des Blutes und Erstickten sich enthielten und den Glauben Christi mit ihren Reichthümern annähmen, oder Jene, welche, dem Gebote im Evangelium folgend das Kreuz des Herrn täglich tragen und Nichts von ihrem Eigenthum für sich behalten wollen? Und als der selige Apostel, in Kerker und Banden schmachtend und durch die Bedrängniß auf der Reise gehindert, keine Gelegenheit fand, seinen täglichen Lebensunterhalt, wie er es gewohnt war, mit seinen Händen zu erwerben, da hat er nach seiner Aussage von den aus Macedonien gekommenen Brüdern eine Unterstützung erhalten; denn er schreibt: „Denn was mir mangelte, reichten mir die Brüder, die aus Macedonien gekommen waren.“ Und an die Philipper berichtet er: „Ihr wisset denn auch, Philipper, daß im Anfange der Verkündigung des Evangeliums, als ich von Macedonien wegreiste, keine Kirche mir eine Gabe mitgetheilt hat als ihr allein; denn auch nach Thessalonich sandtet ihr mir ein und das andere Mal zu meinem Bedarf.“ — Werden nach ihrer Meinung, die sie in ihrem lauen Herzen gebildet haben, auch Jene glückseliger sein als der Apostel, die ihm von ihrem Vermögen mitgetheilt haben? Niemand wird so wahnsinnig sein, Dieß behaupten zu wollen.
XVIII. Quod, si apostolos imitari uelimus, non debeamus nostris definitionibus uiuere, sed illorum exempla sectari.
Quamobrem si euangelico praecepto uolumus oboedire et apostoli ac totius ecclesiae illius primitiuae seu patrum, qui uirtutibus ac perfectioni eorum nostris temporibus successerunt, imitatores exsistere, non nostris definitionibus adquiescamus, de hoc tepido ac miserabili statu perfectionem nobis euangelicam pollicentes, sed illorum sectantes uestigia circumuenire nosmet ipsos minime studeamus et ita monasterii disciplinam institutionemque pariter expetamus, ut in ueritate renuntiemus huic mundo, nihil ex his quae contempsimus infidelitate nos retrahente seruantes, cotidianum uictum non recondita pecunia, sed opere proprio conquiramus.
18. Wollen wir die Apostel nachahmen, so dürfen wir nicht nach unsern Anschauungen leben, sondern müssen ihrem Beispiele folgen.
Wollen wir also der Vorschrift des Evangeliums nachkommen und uns erweisen als Nachahmer des Apostels der ganzen ersten Christenheit oder der Väter, welche zu unsern Zeiten das Erbe ihrer Tugenden und Vollkommenheiten angetreten haben, so dürfen wir nicht bei unseren beschränkten Ansichten stehen bleiben und uns von diesem lauen und elenden Stande die evangelische Vollkommenheit versprechen; sondern wir müssen in ihre Fußtapfen treten und uns ganz besonders vor Selbsttäuschung hüten. So müssen wir uns der klösterlichen Zucht und Ordnung befleissen, daß wir in Wahrheit dieser Welt entsagen, daß wir uns nicht durch Mangel an Vertrauen verleiten lassen, Etwas von den Gütern zurückzubehalten, die wir verachtet haben, daß wir endlich unsern täglichen Lebensunterhalt nicht durch heimliches Geld, sondern durch eigene Arbeit erwerben.
XVIIII. Sententia sancti episcopi Basili aduersus Syncletium prolata.
Fertur sententia sancti Basili Caesariensis episcopi ad quendam prolata Syncletium tali quo diximus tepore torpentem. qui cum se renuntiasse diceret huic mundo, quaedam de propriis facultatibus sibimet reseruauit, nolens exercitio suarum manuum sustentari et humilitatem ueram nuditate et operis contritione monasteriique subiectione conquirere. et senatorem, inquit, Syncletium perdidisti et monachum non fecisti.
19. Ein Wort des heiligen Bischofs Basilius gegen Synkletikus.
Man erzählt sich ein Wort des heiligen Basilius, Bischofs von Cäsarea, das er an einen gewissen Synkletikus richtete, einen vor Lauheit ganz erstarrten Mann. Obwohl dieser behauptete, der Welt entsagt zu haben, behielt er doch Einiges von seinem Vermögen zurück; denn er wollte sich nicht von seiner Hände Arbeit nähren noch die wahre Demuth durch Entblößung durch Bußwerke und Unterwerfung unter die Satzungen des Klosters erwerben. Allein der Bischof sprach zu ihm: „Den Senator hast du ausgezogen, den Mönch aber nicht angezogen.“
XX. Quam ignominiosum sit a filargyria superari.
Itaque si agonem spiritalem certare legitime cupimus, hunc quoque perniciosum hostem a nostris cordibus extrudamus: quem quantum superare non magnae uirtutis est, tantum ab eodem uinci ignominiosum plenumque dedecoris. a potente enim elidi, licet sit in deiectione dolor et gemitus in amissione uictoriae, tamen quodammodo de aduersarii robore uictis nascitur consolatio: sin uero et inimicus exilis et genus conluctationis infirmum, ultra deiectionis dolorem confusio turpior et ignominia detrimento grauior infertur.
20. Es ist eine große Schmach, sich von der Habsucht beherrschen zu lassen.
Wenn wir also die Geisteskämpfe rechtmäßig kämpfen wollen, müssen wir auch diesen verderblichen Feind aus unserem Herzen verdrängen. Je weniger tugendhaft es ist, ihn zu überwinden, um so schmählicher und schändlicher ist es, von ihm besiegt zu werden. Denn wird man von einem Mächtigen aus dem Felde geschlagen, so ist die Niederlage wohl schmerzlich, und der Verlust des Sieges bereitet Kummer; allein es fließt aus der Stärke des Feindes dem Besiegten ein gewisser Trost zu. Ist aber der Feind machtlos, und erfordert der Kampf keine besondere Kraftanstrengung, so tritt zu dem Schmerze der Niederlage eine schimpfliche Beschämung und eine Schande, die den Besiegten mehr niederdrückt als der Verlust selbst.
XXI. Quemadmodum superanda sit filargyria.
De quo haec erit summa uictoria triumphusque perpetuus, ut, quemadmodum dicitur, ne minuto quidem nummo conscientia monachi polluatur. inpossibile namque est eum, qui uictus in exigua stipe concupiscentiae semel in corde suo radicem susceperit, non maioris desiderii protinus incendio conflagrari. tamdiu namque miles Christi uictor ac securus cunctaque cupiditatis inpugnatione erit externus, donec initia concupiscentiae huius hic nequissimus spiritus in eius corde non seuerit. quapropter cum in cunctis generibus uit-iorum generaliter serpentis caput oporteat obseruari, in hoc praecipue diligentius conuenit praecaueri. quod si fuerit intromissum, sua materie conualescens ipsum sibimet uehementiora suscitabit incendia. ideoque non solum pecuniarum cauenda possessio, uerum etiam uoluntas ipsa de animo penitus extrudenda. non enim tam effectus filargyriae uitandus est quam affectus ipsius radicitus amputandus: nihil enim proderit pecunias non haberi, si uoluntas in nobis fuerit possidendi.
21. Von der Überwindung der Habsucht.
Der größte Sieg und beständige Triumph über dieses Laster besteht darin, daß der Mönch, so zu sagen, auch nicht mit der kleinsten Münze sein Gewissen beflecke. Denn es kann nicht ausbleiben, daß Derjenige, welcher, im Kleinen überwunden, einmal die Wurzel der Begierde in sein Herz aufgenommen hat, auch bald von dem Feuer größeren Verlangens entbrenne. Denn so lange wird der Kämpfer Christi siegreich, frei und gegen jegliche Anfechtung der Begierden sicher sein, solange nicht der böse Geist den Samen der Begierde in sein Herz gesät hat. Wie man daher bei allen Sünden im Allgemeinen sich vor dem Kopfe der Schlange hüten muß, so muß man besonders bei diesem Fehler sich sorgfältig vor ihm in Acht nehmen. Ist er einmal eingelassen, so nimmt er an Ausdehnung zu und gibt dem Feuer der Begierde immer mehr Nahrung. Darum muß man sich nicht bloß vor dem Besitze des Geldes in Acht nehmen, sondern auch das Verlangen darnach aus seinem Herzen gänzlich verbannen. Man muß nämlich nicht so sehr die Wirkung der Habsucht vermeiden, als vielmehr die Neigung zu derselben mit der Wurzel ausreissen. Denn Nichts nützt es, kein Geld zu besitzen, wenn man doch den Willen hat, solches zu besitzen.
XXII. Quod possit quis etiam non habens pecunias filargyrus iudicari.
Possibile namque est etiam non habentem eas nequaquam filargyriae morbo carere nihilque ei prodesse beneficium nuditatis, quia cupiditatis uitium resecare non ualuit, paupertatis bono non uirtutis merito delectatus et necessitatis onere non sine cordis languore contentus. quemadmodum etiam corpore non pollutos euangelicus sermo pronuntiat corde moechatos, ita pecuniae quoque pondere minime sarcinatos affectu ac mente cum filargyris condemnari possibile est: occasio enim eis habendi defuit, non uoluntas, quae semper apud deum solet magis quam necessitas coronari. itaque festinandum nobis est, ne in uanum laborum nostrorum emolumenta depereant. miserabile namque est paupertatis ac nuditatis exitus tolerasse, fructus uero earum cassae uoluntatis uitio perdidisse.
22. Auch ohne Geld zu besitzen kann Einer für einen Geizhals gelten.
Es ist möglich, daß Einer, wenn er auch kein Geld besitzt, dennoch nicht von der Krankheit des Geizes frei ist und ihm das Gelübde der Armuth Nichts nützt, weil er die unordentliche Begierde nicht auszurotten vermochte. Ein Solcher erfreut sich wohl des Standes der Armuth, nicht aber der Tugend und des Verdienstes derselben; nicht ohne inneren Schmerz erträgt er die Bürde der Noth. Denn wie das Evangelium von Solchen redet, die, ohne den Leib befleckt zu haben, im Herzen die Ehe gebrochen haben, ebenso ist es möglich, daß Solche, welche in keiner Weise mit der Last des Geldes beladen sind, vermöge ihrer inneren Neigung demselben Urtheile wie die Habsüchtigen verfallen. Denn ihnen fehlte zum Besitze die Gelegenheit, nicht aber der Wille, der stets bei Gott mehr belohnt wird als die Nöthigung. Deßhalb müssen wir dahin zielen, daß das Verdienst unserer Mühen nicht elend zu Grunde gehe. Denn beklagenswerth ist es, wenn man Armuth und Entblößung bis an’s Ende ertragen, die daraus erwachsenden Früchte aber durch einen verkehrten Willen vereitelt und zu Grunde gerichtet hat.
XXIII. Exemplum de Iuda.
Uis nosse quam perniciose, quam noxie fomes iste, nisi fuerit diligenter excisus, ad eius interitum qui eum conceperit fruticet et omnigenis pullulet ramunculis uitiorum? respice Iudam apostolorum numero deputatum, quia noluit serpentis huius caput letale conterere, qualiter eum suo ueneno peremerit et concupiscentiae laqueis inretitum ad quam abrupti praecipitii crimen inpegerit, ut redemptorem mundi et humanae salutis auctorem triginta argenteis persuaserit uendere. qui nequaquam esset ad tam scelestum proditionis facinus deuolutus, si non filargyriae morbo fuisset infectus, nec dominicae negationis reus sacrilegus extitisset, nisi prius solitus fuisset creditos sibi loculos conpilare.
23. Das Beispiel des Judas.
Willst du die unheilvollen und schädlichen Früchte kennen lernen, welche dieser Keim (der habsüchtige Wille) zum Verderben Desjenigen hervorbringt, der ihn in sich aufgenommen hat, und willst du wissen, in welche Laster der verschiedensten Arten er sich verzweigt, so schaue auf Judas, der unter die Zahl der Apostel gesetzt war. Weil er nicht den tödtlichen Kopf dieser Schlange zertreten wollte, hat sie ihn mit ihrem Gifte getödtet. Nachdem sie ihn in die Schlingen der Habgier verwickelt, hat sie ihn in den Abgrund eines so ruchlosen Verbrechens gestürzt, daß sie ihn dazu verleitete, den Erlöser der Welt und den Urheber des Heiles der Menschheit um dreissig Silberlinge zu verkaufen. Er wäre gewiß nimmer zu dieser so verbrecherischen That des Verrathes gekommen, wenn er nicht von der Krankheit der Habsucht angesteckt gewesen wäre, und er hätte nicht die gottesräuberische Schuld am Tode des Herrn auf sich geladen, wenn er nicht früher die Gewohnheit gehabt hätte, die ihm anvertraute Kasse zu plündern.
XXIIII. Quod filargyria nisi nuditate uinci non possit.
Inmane satis et euidens tyrannidis huius exemplum, quae semel, ut diximus, animae captiuatae nullam permittit honestatis regulam custodire nec ulla quaestus adiectione satiari. finis enim rabiei huius non diuitiis, sed nuditate conquiritur. denique cum hic ipse ob hoc loculos dispensationi pauperum deputatos suae potestati creditos accepisset, ut saltim pecuniarum abundantia satiatus concupiscentiae suae modum inponeret, in tantum copia earum in abundantiorem fomitem cupiditatis exarsit, ut iam non loculos clancule conpilare, sed ipsum dominum uenundare maluerit. uniuersas enim diuitiarum moles rabies cupiditatis huius exsuperat.
24. Nur durch gänzliche Entsagung kann die Habsucht besiegt werden.
Dieß ist in der That ein erschreckliches und schlagendes Beispiel der Tyrannei der Habsucht, welche die einmal gefangene Seele keine Regel der Wohlanständigkeit mehr beobachten, an keiner Vermehrung des Gewinnes Sättigung finden läßt. Denn das Ende dieser rasenden Gier erreicht man nicht durch Reichthümer, sondern durch gänzliche Entsagung. Wohl hätte nämlich Judas, dem die zur Vertheilung an die Armen bestimmte Kasse anvertraut war, soviel erreichen können, daß er durch die Menge des Geldes seine Habgier hätte stillen und ihr ein Ziel setzen können; allein der Zündstoff der Begierde griff ob der Menge des Geldes so sehr um sich, daß er nicht mehr die Kasse heimlich bestehlen, sondern lieber den Herrn selbst verkaufen wollte. Denn diese rasende Begierde geht weit über alle Haufen von Schätzen hinaus.
XXV. De exitu Annaniae et Sapphirae et Iudae, quem filargyria inpellente subierunt.
Denique princeps apostolorum his eruditus exemplis, sciens habentem quippiam cupiditatis frena non posse moderari nec finem eius in parua summa magnaue consistere, sed in sola uirtute nuditatis, Annaniam et Sapphiram, quorum superius fecimus mentionem, quia sibi quippiam de sua facultate seruauerant, morte multauit, ut interitum, quem ille ultro sibi pro reatu dominicae proditionis intulerat, hi pro mendacio cupiditatis exciperent. quanta in hoc quoque facinoris ac supplicii similitudo concurrit. ibi filargyriam proditio, hic falsitas subsecuta est. ibi ueritas proditur, hic mendacii crimen admittitur. licet enim operis eorum dissimilis uideatur effectus, unus tamen finis in utroque concurrit. ille namque refugiens paupertatem resumere quae abiecerat concupiuit, hi, ne fierent pauperes, de substantia sua, quam aut apostolis offerre fideliter aut totam dispergere fratribus debuerant, quiddam retinere temptauerunt: et idcirco utrubique sequitur mortis damnatio, quia utrumque crimen de filargyriae radicibus pullulauit. itaque si in eos, qui non alienas concupierunt substantias, sed propriis parcere temptauerunt, nec habuere desiderium adquirendi, sed reseruandi tantummodo uoluntatem, processit tam seuera sententia, quid censendum de his, qui numquam possessas pecunias cupiunt congregare et nuditatem coram hominibus praeferentes affectu concupiscentiae coram deo diuites conprobantur?
25. Der Tod des Ananias, der Saphira und des Judas als Strafe für ihre Habsucht.
Durch die oben genannten Beispiele belehrt hegte auch der Fürst der Apostel die Ueberzeugung, daß Der, welcher Etwas besitzt, die Zügel der Regierung nicht führen könne, und daß es schließlich nicht auf die Größe der Summe, sondern einzig auf die Tugend der Selbstentäusserung ankomme. Deßhalb bestrafte er Ananias und Saphira, von denen oben schon die Rede war, mit dem Tode, weil sie Etwas von ihrem Vermögen zurückbehalten hatten. So erlitten Diese den Tod als Strafe für die von ihrer Habsucht eingegebene Lüge; Judas aber that ihn sich freiwillig an, gleichsam zur Sühne der durch den Verrath des Herrn auf sich geladenen Schuld. Welcher Aehnlichkeit in der Frevelthat und Strafe begegnen wir hier! Dort folgte auf die Habsucht der Verrath, hier die Täuschung. Dort wird die Wahrheit verrathen, hier die Sünde der Lüge begangen. Erscheint auch die Wirkung beider Thaten unähnlich, so wird doch Beiden dasselbe Ende zu Theil. Denn um der Armuth zu entgehen, begehrte Jener Das wieder an sich zu bringen, dem er entsagt hatte; um nicht arm zu werden, wagten Diese, von ihrem Vermögen, das sie entweder dem Apostel vertrauensvoll entgegen bringen oder ganz unter die Brüder hätten vertheilen sollen, Etwas zurückzubehalten. Und deßhalb folgt auch in beiden Fällen die Verurtheilung zum Tode, weil beide Verbrechen aus der Wurzel der Habsucht emporgesproßt sind. Wenn daher über Diejenigen, die nicht fremde Güter begehrten, sondern die eigenen zu schonen suchten und sie nicht erwerben, sondern nur behalten wollten, ein so strenges Urtheil gefällt wurde: was soll man von Denen halten, die niemals besessenes Geld zusammenzuscharren begehren und, indem sie die Armuth vor den Menschen zur Schau tragen, vermöge ihrer habsüchtigen Gesinnung vor Gott als reich gelten?
XXVI. Quod filargyria lepram animae inferat spiritalem.
Qui secundum similitudinem Giezi spiritu ac mente leprosi esse noscuntur, qui mundi huius caducas pecunias concupiscens inmundae leprae contagione respersus est. per quam nobis euidens reliquit exemplum, omnem animam cupiditatis labe pollutam spiritali uitiorum lepra respergi inmundamque apud deum perenni maledictione reputari.
26. Die Habsucht befleckt die Seele mit einem geistigen Aussatze.
Gleich Giezi, der ob des Verlangens nach den hinfälligen Gütern dieser Welt von der Ansteckung des unreinen Aussatzes befleckt wurde, erscheint auch am Geiste und Herzen der Habsüchtigen ein Aussatz. Jenes Ereigniß zeigt uns klar und deutlich, daß jede mit der Makel der Habgier befleckte Seele von dem geistigen Aussatze der Sünden übergossen wird und als unrein vor Gott dem Fluche verfällt.
XXVII. Testimonia de scripturis, quibus perfectionem desiderans edocetur non resumere quae renuntians abdicauit.
Igitur si perfectionis desiderio dimittens omnia secutus es Christum dicentem tibi: uade uende omnia quae habes et da pauperibus, et habebis thesaurum in caelo, et ueni sequere me, quid missa super aratrum manu respicis retro, ut eiusdem domini uoce pronuntieris non esse aptus regno caelorum? super tectum euangelici culminis stabilitus quid descendis tollere aliquid de domo tua, ex his uidelicet quae antea contempsisti? constitutus in agro atque operatione uirtutum substantia mundi, qua te renuntians spoliasti, quid recurrens niteris reuestiri? si uero paupertate praeuentus nihil quod dimitteres habuisti, multo minus adquirere debes quod nec antea possedisti. ob id enim ita domini beneficio praeparatus es, ut expeditior ad eum nullis pecuniarum laqueis inpeditus adcurreres. uerumtamen nullus in hoc egens frangatur: nemo est enim qui non habeat quod dimittat. uniuersis renuntiauit facultatibus mundi, quisquis affectum possidendi eas radicitus amputauit.
27. Die heilige Schrift belehrt den Ordensmann, daß er Nichts von dem einmal aufgegebenen Gute wieder an sich bringen darf.
Wenn du also aus Verlangen nach Vollkommenheit Alles verlassen hast und Christo gefolgt bist, der zu dir spricht: „Gehe hin, und verkaufe Alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben,“ und: „Dann komme und folge mir nach“; warum legst du dann die Hand auf den Pflug und schaust hinter dich, so daß du, wie der Herr wiederum sagt, des Himmelreiches unwürdig erachtet wirst? Warum steigst du von dem Dache der evangelischen Vollkommenheit herab, um Etwas aus deinem Hause zu holen, d. h. von Dem, was du ehemals verachtet hast? Stehest du auf dem Arbeitsfelde der Tugenden, warum willst du dich wieder mit den Gütern der Welt umkleiden, deren du dich freiwillig beraubt hast? Wenn dir aber die Armuth zuvorgekommen ist, so daß du Nichts zu verlassen hattest, so darfst du noch viel weniger erstreben, was du vorher nicht besessen hast. Denn deßwegen erhieltest du durch die Güte des Herrn eine solche Vorbereitung, damit du um so freier ihm entgegen eilen solltest, da dich keine Schlingen des Geldes hinderten. Jedoch lasse Keiner den Muth sinken, wenn er auch hierin arm ist. Denn es gibt Niemanden, der nicht Etwas zu verlassen habe. Allen Gütern der Welt hat nur Der entsagt, der auch die Neigung zum Besitze derselben mit der Wurzel ausgerottet hat.
XXVIII. Quod aduersus filargyriam uictoria non aliter possit nisi nuditate conquiri.
Haec est igitur de filargyria perfecta uictoria, ut paruissimae cuiuslibet stipis in corde nostro residere non sinamus igniculum, certi quod restinguendi eum non habebimus ulterius facultatem, si quantulamcumque scintillae huius in nobis materiam fouerimus.
28. Nur durch Selbstentäusserung ist der Sieg über die Habsucht möglich.
Darin besteht also der vollkommene Sieg über die Habsucht, daß wir auch nicht einen Funken von Verlangen nach irgend einem noch so geringfügigen Gegenstande in unserem Herzen dulden. Denn es steht fest, daß wir nicht mehr im Stande sein werden, ihn auszulöschen, wenn wir einen noch so kleinen Stoff dieses Fünkleins in uns nähren.
XXVIIII. Quemadmodum possit nuditas a monacho retentari.
Quam uirtutem non alias retinere ualebimus inlibatam, nisi in monasterio consistentes secundum apostolum habentes uictum et uestimentum his contenti fuerimus.
29. Worin die freiwillige klösterliche Armuth bestehe.
Diese Tugend unverletzt zu bewahren werden wir nur dann im Stande sein, wenn wir während unseres Aufenthaltes im Kloster mit Nahrung und Kleidung uns zufrieden geben.
XXX. Remedia contra morbum filargyriae.
Damnationem ergo Annaniae et Sapphirae memoriter retinentes horrescamus aliquid ex his reseruare quae renuntiantes penitus abdicare deuouimus. Giezi quoque pertimescamus exemplum, qui ob filargyriae culpam aeterno supplicio leprae multatur, et aliquid ex his quae nec ante possedimus caueamus adquirere. nec non etiam Iudae uel meritum uel exitum formidantes quicquam pecuniae resumere, quam semel a nobis abiecimus, tota uirtute uitemus. super haec omnia considerantes condicionem fragilis incertaeque naturae nostrae caueamus, ne dies domini sicut fur in nocte superueniens maculatam uel uno obolo nostram conscientiam deprehendat, qui omnes fructus nostrae renuntiationis euacuans illud, quod in euangelio diuiti dictum est, ad nos quoque faciat uoce dominica dirigi: stulte, hac nocte animam tuam expetunt a te: quae autem praeparasti, cuius erunt? nihilque de crastino cogitantes numquam nos de coenobii disciplina patiamur auelli.
30. Heilmittel gegen die Krankheit der Habsucht.
Behalten wir das Urtheil über Ananias und Saphira im Gedächtniß und scheuen wir uns, Etwas von Dem zu behalten, auf was wir freiwillig zu verzichten gelobt haben. Fürchten wir auch das Beispiel des Giezi, der wegen Versündigung durch Geiz mit ewigem Aussatze bestraft wird, und hüten wir uns, Etwas von unserem ehemaligen Besitzthum wieder an uns zu bringen. Betrachten wir auch das anfängliche Verdienst des Judas und fürchten wir sein Ende, um mit allen Kräften es zu vermeiden, Etwas von dem Gelde wieder zu nehmen, das wir einmal von uns geworfen haben. Aber mehr als alles Dieses sollte die Betrachtung unserer unstäten und schwachen Natur uns antreiben, darauf Acht zu haben, daß nicht der Tag des Herrn wie ein Dieb in der Nacht uns überrasche und unser Gewissen auch nur mit einem einzigen Obolen befleckt finde; denn ein solcher würde alle Früchte unserer Weltentsagung werthlos machen und schuld sein, daß nach dem Ausspruche des Herrn auch an uns das Wort ergeht, welches im Evangelium zu dem Reichen gesprochen wurde: „Du Thor, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Was du aber gesammelt hast, wessen wird es sein?“ Ohne an den morgigen Tag zu denken, wollen wir uns niemals von der klösterlichen Zucht losreissen.
XXXI. Quod non possit quis filargyriam uincere nisi in coenobio perseuerans, et quemadmodum possit ibidem permanere.
Quod sine dubio nequaquam permittimur inplere, sed ne sub institutionis quidem regula permanere, nisi prius patientiae uirtus, quae non aliunde quam de humilitatis fonte procedit, in nobis fuerit firma soliditate fundata. illa namque nulli commotiones nouit inferre, haec uero inlatas sibi magnanimiter tolerare.
31. Nur wer im Kloster ausharrt, kann die Habsucht besiegen.
Niemals ohne Zweifel wird es uns vergönnt sein, Dieß zu erfüllen, selbst nicht einmal nach der klösterlichen Regel zu leben, wenn nicht zuvor die Tugend der Geduld, welche aus keiner anderen Quelle als aus der Demuth entspringt, in uns einen festen Grund gelegt hat. Denn jene weiß keine Aufregungen zu verursachen, diese weiß die ihr verursachten großmüthig zu ertragen.
Lateinischer Text: De institutis coenobiorum, hg. von M. Petschenig, Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum 17, Wien 1888, an den Scans überprüft; ohne kritischen Apparat. · Übersetzung von Antonius Abt († 1895), Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus, Bd. 1, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten, 1879 (Text nach bkv.unifr.ch). Abt übersetzt die Vorrede und die Kapitel X und XI des ersten Buches nicht. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden