Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Johannes Cassianus, Unterredungen mit den Vätern

Unterredung XX. Abt Pinufius: vom Ende der Buße und dem Zeichen der Genugtuung

Conlatio abbatis Pinufii. De paenitentiae fine et satisfactionis indicio.Zwanzigste Unterredung, welche die des Abtes Pinusius ist über das Ziel der Buße und die Genugthuung.

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I. De abbatis Pinufii humilitate et eiusdem latebra.

Praeclari ac singularis uiri abbatis Pinufii de fine paenitentiae praecepta dicturus magnam materiae partem mihi uideor amputare, si humilitatis eius laudem, quam in quarto institutionum libro, qui est super instituendis renuntiantibus titulatus, breui sermone praestrinxi, lectoris fastidio consulens hic silentio praetermittam, cum praesertim multi illius opusculi notitiam non habentes in hanc possint incurrere lectionem et omnis dictorum uacillet auctoritas, si dicentis meritum subtrahatur. hic siquidem cum haud longe a Panephysi, Aegypti ut illic dictum est ciuitate, abbas et presbyter ingenti coenobio praesideret tantumque eum omnis illa prouincia uirtutum suarum atque signorum gloria subleuasset, ut sibi iam uideretur retributione laudis humanae laborum suorum recepisse mercedem, timens ne sibi specialiter inuisa popularis fauoris inanitas fructum praemii uacuaret aeterni, occulte monasterium suum fugiens ad intima Tabennensium monachorum secreta contendit, ubi non heremi solitudinem, non singularis uitae securitatem, quam etiam inperfecti quique laborem oboedientiae in coenobiis non ferentes superba nonnumquam praesumptione sectantur, sed celeberrimo praelegit coenobio subiugari. ubi tamen, ne ullo habitus sui proderetur indicio, indutus ueste saeculari multis ut illic moris est diebus lacrimans pro foribus excubauit, atque ad omnium genua prouolutus post diuturna fastidia eorum, qui ad explorandum eius desiderium in ultima eum iam aetate uelut ob panis egestatem conpulsum non sincere illius propositi sanctitatem expetisse dicebant, tandem ut susciperetur obtinuit. ubi adulescenti cuidam fratri, qui hortum susceperat excolendum, in adminiculum deputatus cum non solum omnia, quae idem praepositus imperasset uel quae iniuncti operis cura poscebat, cum admiratione tam sanctae humilitatis impleret, uerum etiam quaedam necessaria opera, quae propter horrorem sui a ceteris uitabantur, ita furtiuo per noctem labore perficeret, ut adueniente diluculo omnis illa congregatio tam utilium operum admirans ignoraret auctorem, cumque ita triennium ferme illic gaudens desideratis tam iniuriosae subiectionis laboribus exegisset, accidit ut quidam frater eidem cognitus ex illis unde ipse discesserat Aegypti partibus adueniret. qui cum de indumentorum eius atque officii uilitate promptissimae agnitionis facilitatem diu haesitans cohiberet, post explorationem manifestissimam ad eius genua prouolutus primum stuporem fratribus cunctis, dehinc prodito etiam nomine, quod apud illos quoque praecipuae sanctitatis fama uulgauerat, etiam dolorem conpunctionis incussit, quod scilicet tanti meriti et sacerdotii uirum tam iniuriosis operibus deputassent. sed postquam flens ubertim et diabolicae inuidiae quasi grauem proditionis suae inputans casum ad monasterium suum honorifica fratrum custodia ambiente perductus est, exiguo illic tempore demoratus rursus offensus est ipsis honoris sui ac primatus obsequiis ac furtim conscendens nauem ad Palaestinam Syriae prouinciam transmeauit, ubi uelut incipiens atque nouicius in illo in quo nos degebamus monasterii receptus habitaculo in nostra cellula ab abbate praeceptus est conmanere. sed nec illic quidem diu uirtutes eius ac merita latere potuerunt. nam simili proditione detectus atque ad monasterium suum cum ingenti honorificentia ac laude reuocatus est.

1. Von der Demuth des Abtes Pinusius und 'seinem Bestreben, verborgen zu bleiben.

Im Begriffe, die Lehren des herrlichen und einzigen Mannes, des Abtes Pinusius über das Endziel der Buße mitzutheilen, scheint es mir, daß ich einen großen Theil des Stoffes hinweglassen würde, wenn ich das Lob seiner Demuth, das ich im vierten Buche der Institutionen, welches den Titel führt: Regeln für die Novizen, aus Sorge vor der Übersättigung der Leser nur mit wenigen Worten berührte, hier mit Stillschweigen übergehen würde. Könnten ja doch Viele, welche keine Kenntniß von jenem Werkchen haben, auf diese Lektüre stoßen, und es wankt alles Ansehen der Worte, wenn das Verdienst des Redenden vorenthalten wird. Da also Dieser, wie dort gesagt wurde, nicht weit von Panepphysis, einer Stadt Ägyptens als Abt und Priester einer ungeheuren Klostergemeinde vorstand, und ihn in jener ganzen Provinz der Ruhm seiner Tugenden und Wunder so erhoben hatte, daß es ihm schien, als habe er schon durch das vergeltende Menschenlob den Lohn für seine Mühen empfangen: da fürchtete er, es möchte die ihm besonders verhaßte Eitelkeit auf die Volksgunst ihm die Frucht seines ewigen Lohnes zu Nichte machen, floh heimlich aus seinem Kloster und ging in die verborgensten Einöden der tabennensischen Mönche, wo er nicht die Einsamkeit der Wüste, nicht die Sicherheit des Einsiedlerlebens suchte, die gerade auch Unvollkommene oft in hochmüthiger Anmaßung anstreben, weil sie die Mühe des Gehorsames im Kloster nicht aushalten, sondern die Unterwürfigkeit in einem sehr berühmten Kloster wählte. Damit ihn nun nicht irgend ein Zeichen seines Gewandes verrathe, lag er in weltlichem Kleide viele Tage, wie es dort Sitte ist, weinend vor den Thoren und warf sich Allen zu Füßen. Hier war man nun lange abstoßend gegen ihn und sagte, um seine Sehnsucht zu erproben, er habe im äussersten Alter nur aus Brodmangel, nicht aus reiner Absicht diesen hl. Beruf gesucht. Endlich erhielt er die Aufnahme, wobei er einem jungen Bruder, der die Pflege des Gartens übernommen hatte, zur Beihilfe zugetheilt wurde, und nun nicht nur Alles, was dieser sein Vorgesetzter ihm befahl, oder was die Besorgung des ihm auferlegten Dienstes erforderte, zur Verwunderung über eine so heilige Demuth verrichtete, sondern auch jene nothwendigen Geschäfte, welche wegen ihrer Abscheulichkeit von den Übrigen gemieden wurden, Nachts mit so heimlicher Arbeit fertig machte, daß am Morgen die ganze Gemeinde voll Staunen nicht wußte, wer diese so nützlichen Arbeiten verrichtet habe. Als er so dort fast drei Jahre voll Freude über die ersehnten Leiden der erniedrigenden Unterwürfigkeit zugebracht hatte, da geschah es, daß ein ihm bekannter Bruder aus jenen Gegenden Ägyptens, die er verlassen hatte, ankam. Nachdem dieser wegen der geringen Kleidung und Dienstleistung die Leichtigkeit der sofortigen Erkennung in langem Zweifel zurückgehalten, warf er sich nach genauer Betrachtung zu dessen Füßen nieder und erregte zuerst bei allen Brüdern Staunen, dann aber, nachdem er seinen Namen genannt hatte, der auch bei ihnen durch den Ruf besonderer Heiligkeit bekannt war, auch Reueschmerz, weil sie nemlich einen Mann von so viel Verdienst und Priesterwürde zu solch niedrigen Verrichtungen angewiesen hatten. Nachdem er nun unter reichlichen Thränen und, seinen Verrath als ein schweres Unglück dem Neide des Teufels zuschreibend, mit einer ehrenvollen Wache der Brüder in sein Kloster zurückgeführt war, blieb er dort eine kurze Zeit, fand sich wieder abgestoßen von den Pflichten seiner Würde und Vorstandschaft, bestieg heimlich ein Schiff und ging nach Palästina, einer Provinz Syriens, wo er wie ein Anfänger und Novize in jener Klosterwohnung, in welcher wir lebten, aufgenommen wurde und auf Befehl des Abtes in unserer Zelle blieb. Aber auch dort konnte der Werth seiner Tugend nicht lange verborgen bleiben. Denn durch ein ähnliches Erkennen entdeckt und in sein Kloster mit ungeheurer Verehrung und Lobeserhebung zurückgerufen, ließ er sich endlich bestimmen, zu sein, was er war.

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II. De aduentu nostro ad eundem.

Cum igitur post non longum tempus nos quoque Aegyptum petere sanctae institutionis desiderium conpulisset, summo eum affectu ac desiderio perquirentes tanta eius sumus gratia atque humanitate suscepti, ut nos tamquam pristinos syncellitas etiam cellulae suae, quam in extrema horti sui parte construxerat, honoraret hospitio. ubi cum satis ardua atque praecelsa cuidam fratri monasterii regulam subeunti coram omnibus in synaxi fratribus praecepta tradidisset, quae in quarto ut diximus institutionum libro quanta potui breuitate conplexus sum, tam inconprehensibilia nobis, tam mirifica uerae abrenuntiationis culmina uidebantur, ut nullo modo illuc humilitatem nostram crederemus posse conscendere. igitur desperatione deiecti et ipso etiam uultu intimam cogitationum amaritudinem non celantes ad beatum senem satis anxia mente recucurrimus: cui protinus causam tantae maestitudinis inquirenti abba Germanus grauiter ingemescens ita respondit.

2. Von unserer Ankunft bei Abt Pinusius.

Als nun nach nicht sehr langer Zeit auch uns das Verlangen nach heiliger Belehrung antrieb, nach Ägypten zu ziehen, suchten wir ihn mit aller Liebe und Sehnsucht, und wurden auch von ihm mit solcher Freundlichkeit und Demuth aufgenommen, daß er uns als seine alten Zellengenossen auch mit dem Gastrechte in seiner eigenen Zelle, die er am äussersten Theile des Gartens erbaut hatte, belehrte. Da er nun einem Bruder, der die Klosterregel auf sich nahm, vor der Versammlung aller Brüder gar schwierige und hohe Lehren gegeben hatte, — welche ich wie gesagt im vierten Buche der Einrichtungen, so kurz ich konnte, zusammenfaßte, — da schienen uns die Höhen der wahren Entsagung so unbegreiflich und so wunderbar, daß wir glaubten, unsere Niedrigkeit könne durchaus nicht da hinaufsteigen. So kehrten wir, von Verzweiflung niedergeschlagen und schon in der Miene die innere Bitterkeit unserer Gedanken offenbarend, zu dem gottseligen Greise mit gar ängstlichem Herzen zurück. Da er sogleich nach der Ursache einer solchen Traurigkeit fragte, antwortete Abt Germanus mit schwerem Seufzen also:

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III. Interrogatio de paenitentiae fine et satisfactionis indicio.

Quanto magnificentior atque sublimior incognitae nobis sermo doctrinae iter arduum praecelsissimae renuntiationis aperuit et quasi remota oculorum nostrorum caligine conditum caelo eius culmen ostendit, tanto maiore desperationis mole deprimimur. inmensitatem siquidem eius cum exiguitate nostrarum uirium metientes et nimiam humilitatem ignorantiae nostrae cum infinita uirtutis ostensae celsitudine conferentes paruitatem nostram non solum ad illam non posse proficere, uerum etiam ab eo quod est deficere posse sentimus. nam ponderibus nimiae desperationis oppressi quodammodo de infimis ad inferiora prolabimur. unum proinde ac singulare praesidium medellam nostris potest conferre uulneribus, ut de fine paenitentiae et maxime satisfactionis indicio aliqua discamus, ut certi de remissione praecedentium delictorum possimus etiam ad conscendenda fastigia praedictae perfectionis animari.

3. Frage über das Endziel der Buße und das Kennzeichen der Genugthuung.

Je herrlicher und erhabener die Worte deiner uns so neuen Lehre den schwierigen Weg der höchsten Entsagung eröffneten, und nach Entfernung der Finsterniß unserer Augen die in den Himmel ragende Spitze desselben zeigten: von um so größerem Drucke der Verzweiflung sind wir niedergehalten. Denn wenn wir die Unermeßlichkeit desselben mit unsern geringen Kräften messen, und die allzu große Niedrigkeit unserer Feigheit mit der unendlichen Höhe der gezeigten Tugend vergleichen, so fühlen wir, daß unsere Unbedeutendheit nicht nur nicht zu jener gelangen, sondern auch von dem, was vorhanden ist, abfallen könne. Denn niedergedrückt von dem Gewichte allzugroßer Verzweiflung fallen wir gewissermaßen von dem Tiefsten zu noch Tieferem. Es kann also für unsere Wunden nur der eine und einzige Heilesschutz bereitet werden, daß wir Einiges über das Ziel der Buße und besonders über das Kennzeichen der Genugthuung lernen, so daß wir durch die Sicherheit der Verzeihung unserer frühern Sünden ermuthigt werden können, auch die Gipfel der besagten Vollkommenheit zu besteigen.

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IIII. Responsio de humilitate interrogationis nostrae.

Pinufius: Delector quidem admodum copiosis humilitatis uestrae fructibus, quos etiam cellulae illius quondam habitatione susceptus non incuriosa aestimatione perspexi, ualdeque gaudeo quia id, quod a nobis omnium Christianorum infimis sola forsitan uerborum libertate praecipitur, tanta admiratione suscipitis, ut, cum ea si non fallor haud segnius quam a nobis dicta sunt impleatis, cumque sicut memini labore operis uestri paene dictorum grauitas adaequetur, ita meritum uestrae uirtutis occultetis, tamquam si nulla ad uos eorum quae cotidie exercetis aura peruenerit. sed quia id ipsum summa laude dignissimum est, quod uelut adhuc rudes incognita esse uobis ista sanctorum instituta testamini, id quod a nobis sedulo postulatis breuiter ut possumus conplectemur. necesse est enim ut ultra possibilitatem nostram atque uirtutem antiquae familiaritatis uestrae pareamus imperio. itaque de paenitentiae exoratione uel merito multi non solum dictis, uerum etiam scriptis plurima uulgauerunt monstrantes quanta eius utilitas, quanta uirtus quantaque sit gratia, ita ut deo praeteritis facinoribus offenso iamque iustissimam poenam pro tantis criminibus inferenti, si dici fas est, quodammodo obsistat et quasi inuiti ut ita dixerim dextram suspendat ultoris. uerum haec omnia uobis uel pro sapientia naturali uel pro indefesso sacrarum studio litterarum ita cognita esse non ambigo, ut de his prima plantatio uestrae conuersionis inoleuerit, denique non de paenitentiae qualitate, sed de eius fine ac satisfactionis iudicio solliciti id quod ab aliis praetermissum est sagacissima interrogatione disquiritis.

4. Antwort des Abtes Pinusius.

Pinusius: Ich freue mich nun sehr über die reichlichen Früchte eurer Demuth, die ich auch einst als Mitbewohner eurer Zelle mit nicht gleichgiltiger Hochschätzung erkannte, und bin ganz froh, daß ihr Das, was von uns, den niedrigsten aller Christen vielleicht nur, weil Worte frei sind, gelehrt wird, mit solcher Bewunderung aufgenommen habt, daß ihr es, wenn ich mich nicht täusche, nicht lässiger, als von uns gesagt wurde, erfüllet. Während so, wie ich mich erinnere, durch die Mühe eurer Thaten fast der Fleiß unserer Worte aufgewogen wird, verberget ihr das Verdienst eurer Tugenden so sehr, als ob nie an euer Ohr nur ein Hauch von Dem gekommen wäre, was ihr täglich thuet. Aber weil gerade Das des höchsten Lobes würdig ist, daß ihr behauptet, es seien euch diese Lehren der Heiligen unbekannt, gerade wie wenn ihr noch ganz ungebildet wäret, so wollen wir, so kurz wir können, zusammenfassen, was ihr so eifrig von uns begehret. Denn wir müssen nothwendig über unser Können und Vermögen dem Gebote der alten Freundschaft mit euch gehorchen. Es haben nun über den Ruf zur Buße und über den Werth derselben Viele nicht nur in Worten, sondern auch in Schriften sehr Vieles veröffentlicht, indem sie zeigten, wie groß ihr Nutzen, wie groß ihre Gnade sei, so daß sie dem durch die frühern Schandthaten beleidigten Gotte, der die gerechtesten Strafen für die so großen Verbrechen verhängen will, sich, wenn man so sagen darf, gewissermaßen in den Weg stellt, und die Rechte des Strafenden, fast mit Gewalt, um mich so auszudrücken, zurückhält. Aber all Dieses ist euch, wie ich nicht zweifle, entweder durch übernatürliche Weisheit oder durch das unermüdete Studium der hl. Schriften so bekannt, daß von hier aus schon die erste Pflanzung eures Wandels zu wachsen begann. Übrigens seid ihr auch nicht wegen der Beschaffenheit der Buße, sondern wegen ihres Zieles und eines Kennzeichens der Genugthuung besorgt und erforschet in gar weiser Frage, was von den Andern übersehen wurde. Deßhalb bestrebe ich mich, in aller Kürze und Gedrängtheit dem Verlangen eurer Frage zu genügen.

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V. De modo paenitentiae et indulgentiae documento.

Quapropter ut omni breuitate atque conpendio propositionis uestrae desiderio satisfiat, paenitentiae plena et perfecta definitio est, ut peccata, pro quibus paenitudinem gerimus uel quibus nostra conscientia remordetur, nequaquam ulterius admittamus. indicium uero satisfactionis et indulgentiae est affectus eorum quoque de nostris cordibus expulisse. nouerit enim unusquisque necdum se peccatis pristinis absolutum, quamdiu ei satisfactioni et gemitibus incubanti uel illorum quae egit uel similium criminum ante oculos imago praeluserit eorumque non dicam oblectatio, sed uel recordatio infestauerit mentis arcana, itaque tunc se is qui pro satisfactione peruigilat criminibus absolutum ac de praeteritis admissis ueniam percepisse cognoscat, cum nequaquam cor suum eorundem uitiorum inlecebris senserit uel imaginatione perstringi. quamobrem uerissimus quidam examinator paenitentiae et index indulgentiae in conscientia residet nostra, qui absolutionem reatus nostri ante cognitionis et iudicii diem adhuc nobis in hac carne commorantibus detegit et finem satisfactionis ac remissionis gratiam pandit, et ut haec eadem quae dicta sunt significantius exprimantur, tum demum praeterita nobis uitiorum contagia remissa credenda sunt, cum fuerint de corde nostro praesentium uoluptatum desideria pariter passionesque depulsae.

5. Über die Weise der Buße und den Beweis der erlangten Verzeihung.

Der ganze und volle Begriff der Buße ist, daß wir die Sünden, für welche wir büßen, oder von welchen unser Bewußtsein gepeinigt wird, fernerhin durchaus nicht mehr begehen. Das Zeichen der Genugthuung und der Verzeihung aber ist, „auch die Neigung zu denselben aus unsern Herzen verdrängt zu haben. Denn es möge ein Jeder wissen, daß er noch nicht von den alten Sünden frei sei, solange ihm bei seinem Ringen nach Genugthuung und Bußseufzern noch das Bild entweder der eigenen oder ähnlicher Verbrechen vor den Augen spielt, und ich will nicht sagen die Ergötzung, sondern auch nur die Erinnerung daran das Innere seines Geistes bestürmt. Dann also mag Derjenige, welcher sich um die Genugthuung kümmert, erkennen, daß er von den Verbrechen losgesprochen sei und Verzeihung für die frühem Unthaten erlangt habe, wenn er sein Herz durchaus nicht mehr von den Lockungen jener Laster und ihren Bildern berührt fühlt. So wohnt also ein ganz wahrheitstreuer Untersucher der Buße und Verzeihung in unserm Gewissen, der uns die Lossprechung von unserer Schuld vor dem Tage der Öffentlichkeit und des Gerichtes noch in diesem Leibesleben entdeckt, und das Ende der Genugthuung und die Gnade der Verzeihung vor uns enthüllt. Und damit gerade dieß Gesagte noch deutlicher ausgedrückt sei, so muß man dann erst glauben, daß uns der alte Schmutz der Laster verziehen sei, wenn aus unserm Herzen ebenso das Verlangen nach den gegenwärtigen Lüsten und die Leidenschaften vertrieben sind.

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VI. Interrogatio, an reminiscenda sint pro cordis conpunctione peccata.

Germanus: Et unde nobis gigni poterit humiliationis tam sancta salutarisque conpunctio, quae ex persona paenitentis ita describitur: peccatum meum cognitum feci, et iniustitiam meam non operui. dixi: pronuntiabo aduersus me iniustitiam meam domino, ut illud quoque quod sequitur efficaciter dicere mereamur: et tu remisisti inpietatem cordis mei, uel quemadmodum in oratione prostrati nosmet ipsos ad confessionis lacrimas ualebimus excitare, per quas delictorum ueniam consequi mereamur secundum illud: lauabo per singulas noctes lectum meum: in lacrimis stratum meum rigabo, si peccatorum nostrorum memoriam de nostris cordibus extrudamus, quam iubemur e contrario tenaciter custodire dicente domino: et iniquitatum tuarum non recordabor. tu uero memento? ob quam rem non solum operans, uerum etiam orans ad peccatorum meorum recordationem mentem meam etiam de industria reuocare contendo, ut ad humilitatem ueram et contritionem cordis efficacius inclinatus audeam dicere cum propheta: uide humilitatem meam, et laborem meum: et dimitte omnia peccata mea.

6. Frage, ob man sich an die frühern Sünden erinnern dürfe zum Zwecke der Herzenszerknirschung.

Woher aber soll uns jene heilige und heilsame Zerknirschung der Demuth kommen, die aus dem Munde des Sünders so beschrieben wird: „Meine Sünde machte ich dir bekannt, und meine Ungerechtigkeit verbarg ich nicht. Ich habe es gesagt, bekennen werde ich gegen mich meine Ungerechtigkeit dem Herrn.“ So nur könnten wir ja Das, was folgt, in Wahrheit zu sagen verdienen: „Und du hast verziehen die Ruchlosigkeit meines Herzens.“ Oder wie werden wir im Gebete niedergeworfen uns zu Thränen der Reue erwecken können, durch welche wir Verzeihung der Sünden zu erlangen verdienen nach jener Stelle: „Ich wasche jede Nacht mein Bett, mit meinen Thränen benetze ich mein Lager“ —; wenn wir das Andenken an unsere Sünden aus unsern Herzen verbannen, das wir im Gegentheile dem Befehle gemäß beharrlich bewahren sollen, wie der Herr sagt: „Und deiner Bosheit will ich nicht gedenken, du aber denke daran“? Deßhalb strenge ich mich nicht nur bei der Arbeit, sondern auch beim Gebete an, meinen Geist absichtlich zur Erinnerung an meine Sünden zurückzurufen, damit ich lebhafter zur wahren Demuth und Herzenszerknirschung mich neige und wagen darf, mit dem Propheten zu sagen: „Sieh meine Demuth und meine Mühsal, und verzeih mir all meine Sünden!“

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VII. Responsio, quo usque anteriorum actuum recordatio sit habenda.

Pinufius: Interrogatio uestra, ut supra iam dictum est, non de paenitentiae qualitate, sed de eius fine proposita est et de satisfactionis indicio: ad quam congrue ut arbitror consequenterque responsum est. ceterum hoc quod de peccatorum recordatione dixistis utile satis ac necessarium est, sed adhuc agentibus paenitentiam, ut cum iugi pectoris sui contusione proclament: quoniam iniquitatem meam ego agnosco: et peccatum meum contra me est semper, illud etiam: et cogitabo pro peccato meo. dum ergo agimus paenitentiam et adhuc uitiosorum actuum recordatione mordemur, necessarium est ut ignem conscientiae nostrae obortus ex confessione culparum lacrimarum imber extinguat. cum uero cuiquam in hac humilitate cordis et spiritus contritione defixo atque in labore et gemitu perduranti horum recordatio fuerit consopita et conscientiae spina de medullis animae gratia dei miserantis euulsa, certum est eum ad satisfactionis finem atque indulgentiae merita peruenisse et ab admissorum criminum labe purgatum. ad quam tamen obliuionem non alias peruenitur nisi per oblitterationem uitiorum atque adfectuum pristinorum et perfectam cordis atque integram puritatem. quam sine dubio nullus eorum qui per ignauiam seu contemptum uitia sua purgare neglexerint adsequetur, nisi qui per gemitus atque suspiria maesta iugitate continuans omnem sordium pristinarum excoxerit labem et uirtute animi atque opere proclamarit ad dominum: delictum meum cognitum feci, et iniustitiam meam non operui, et: fuerunt mihi lacrimae meae panis die ac nocte, ut consequenter mereatur audire: quiescat uox tua a ploratu, et oculi tui a lacrimis: quia est merces operi tuo, ait dominus, illud quoque similiter ad eum uoce domini dirigatur: deleui ut nubem iniquitates tuas, et quasi nebulam peccata tua, et iterum: ego sum, ego sum qui deleo iniquitates tuas propter me, et peccatorum tuorum iam non recordabor. et ita funiculis peccatorum suorum, quibus unusquisque constringitur, absolutus domino cum omni gratiarum actione cantabit: disrupisti uincula mea: tibi sacrificabo hostiam laudis.

7. Antwort, wie weit die Erinnerung an die frühern Thaten gehen soll.

Pinusius: Eure Frage ging, wie schon oben gesagt wurde, nicht nach der Beschaffenheit der Buße, sondern nach ihrem Ziele und nach dem Kennzeichen der Genugthuung, worauf, wie ich glaube, passend und folgerichtig geantwortet wurde. Übrigens ist Das, was ihr von dem Andenken an die Sünden gesagt habt, nützlich und nothwendig genug, aber für Jene, welche noch Buße thun, damit sie, beständig an ihre Brust klopfend, rufen: „Ich erkenne meine Bosheit, und meine Sünde ist immer gegen mich.“ Auch jenes Wort: „Und gedenken will ich meiner Sünde.“ So lange wir also Buße thun, und noch von der Erinnerung an die lasterhaften Handlungen gequält werden, ist es nöthig, daß der Thränenstrom, der aus dem Bekenntnisse unserer Schuld entsteht, das Feuer unseres Gewissens auslösche. Wenn aber Einem, der in dieser Geistesdemuth und Herzenszerknirschung sich befestigt hat und in Mühsal und Seufzen ausdauert, die Erinnerung an diese Dinge eingeschlafen ist und der Stachel des Gewissens durch die Gnade des erbarmungsvollen Gottes aus dem Marke der Seele ausgerissen wurde, so ist es gewiß, daß er zum Ende der Genugthuung und zum Verdienste der Verzeihung gekommen und von dem Schmutze aller Verbrechen gereinigt sei. Aber zu dieser Vergessenheit gelangt man nicht anders als durch Vertilgung der alten Laster und Neigungen und durch die vollkommene und unverletzte Reinheit des Herzens. Diese erreicht ohne Zweifel Keiner von Jenen, welche aus Trägheit oder Gleichgütigkeit vernachlässigen, sich von ihren Lastern zu reinigen, sondern nur, wer in der bittern Beständigkeit des Klagens und Seufzens verharrt, alle Flecken des alten Schmutzes ausbrennt und voll Herzens- und Thatkraft zu Gott ruft: „Mein Vergehen machte ich dir bekannt und meine Ungerechtigkeit verbarg ich nicht“: und: „Es sind mir meine Thränen zur Speise Tag und Nacht“, damit er in Folge dessen zu hören verdiene: „Es ruhe deine Stimme vom Schluchzen und deine Augen von den Thränen, weil der Lohn kommt für dein Werk, spricht der Herr.“ Auch das möchte in ähnlicher Weise von der Stimme des Herrn an ihn gerichtet werden: „Ich vernichtete deine Unthaten wie eine Wolke, und wie den Nebel deine Sünden.“ — Und wieder: „Ich hin es, der ich deine Ungerechtigkeiten vertilge um meinetwillen, und deiner Sünden nicht mehr gedenke.“ Und so wird Jeder, wenn er von den Sündenstricken, mit denen er gebunden war, frei ist, dem Herrn mit aller Danksagung singen: „Du zerrissest meine Bande, dir will ich ein Opfer des Lobes dringen.“

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VIII. De diuersis paenitentiae fructibus.

Post illam namque generalem baptismi gratiam et illud pretiosissimum martyrii donum, quod sanguinis ablutione conquiritur, multi sunt paenitentiae fructus, per quos ad expiationem criminum peruenitur. non enim tantum simplici illo paenitentiae nomine salus aeterna repromittitur, de qua beatus apostolus Petrus paenitemini, inquit, et conuertimini, ut deleantur peccata uestra, et Iohannes Baptista uel ipse dominus: paenitentiam agite: adpropinquauit enim regnum caelorum, sed etiam per caritatis affectum peccatorum moles obruitur: caritas enim operit multitudinem peccatorum. similiter etiam per elemosynarum fructum uulneribus nostris medella praestatur, quia sicut aqua extinguit ignem, sic elemosyna extinguit peccatum. ita et per lacrimarum profusionem conquiritur ablutio delictorum: lauabo enim per singulas noctes lectum meum: in lacrimis stratum meum rigabo. denique subiungit ostendens non inaniter eas fuisse profusas: discedite a me omnes qui operamini iniquitatem: quoniam exaudiuit dominus uocem fletus mei. nec non per criminum confessionem eorum ablutio condonatur: dixi enim: pronuntiabo aduersus me iniustitiam meam domino: et tu remisisti inpietatem cordis mei, et iterum: narra tu iniquitates tuas prius, ut iustificeris. per adflictionem quoque cordis et corporis admissorum scelerum remissio similiter obtinetur: nam uide, inquit, humilitatem meam, et laborem meum: et dimitte omnia peccata mea, praecipueque per emendationem morum: auferte, inquit, malum cogitationum uestrarum ab oculis meis: quiescite agere peruerse, discite bene facere: quaerite iudicium, subuenite obpresso, iudicate pupillo, defendite uiduam. et uenite, arguite me, dicit dominus: et si fuerint peccata uestra ut coccinum, uelut nix dealbabuntur: si fuerint rubra quasi uermiculus, uelut lana munda erunt. interdum etiam intercessione sanctorum inpetratur uenia delictorum: qui enim scit fratrem suum peccare peccatum non ad mortem, petit, et dabit ei uitam, peccanti non ad mortem, et iterum: infirmatur quis ex uobis? inducat presbyteros ecclesiae, et orent super eum, unguentes eum oleo in nomine domini. et oratio fidei saluabit infirmum, et alleuabit eum dominus: et si in peccatis sit, dimittuntur ei. nonnumquam misericordiae ac fidei merito labes excoquitur uitiorum secundum illud: per misericordiam et fidem purgantur peccata. per conuersionem plerumque ac salutem eorum, qui nostris monitis ac praedicatione saluantur, quoniam qui conuerti fecerit peccatorem ab errore uiae suae, saluabit animam eius a morte et cooperiet multitudinem peccatorum, per indulgentiam nihilominus ac remissionem nostram ad indulgentiam nostrorum facinorum peruenitur: si enim dimiseritis hominibus peccata eorum, dimittet et uobis pater uester caelestis delicta uestra. uidetis ergo quantos misericordiae aditus patefecerit clementia saluatoris, ut nemo salutem cupiens desperatione frangatur, cum uideat se tantis ad uitam remediis inuitari. si enim pro infirmitate carnis adflictione ieiuniorum abolere te tua peccata non posse causaris nec potes dicere: genua mea infirmata sunt a ieiunio: et caro mea inmutata est propter oleum, quia cinerem tamquam panem manducabam, et potum meum cum fletu miscebam, elemosynarum ea redime largitate. indigenti si non habes quod inpertias (licet nullum ab hoc opere necessitas inopiae ac paupertatis excludat, quando quidem et illius uiduae duo tantum minuta ingentibus diuitum donariis praeferuntur et pro calice aquae frigidae mercedem se redditurum dominus repromittit), certe morum poteris emendatione purgari. quodsi perfectionem uirtutum extinctione uitiorum omnium non potes adipisci, sollicitudinem piam erga utilitatem alienae salutis inpende. si autem idoneum te huic ministerio non esse conquereris, operire peccata poteris caritatis affectu. in hoc quoque si te fragilem fecerit quaelibet mentis ignauia, oratione saltim atque intercessione sanctorum remedia uulneribus tuis humilitatis affectu submissus inplora. postremo quis est qui non possit suppliciter dicere: peccatum meum cognitum feci: et iniustitiam meam non operui? ut per hanc professionem etiam illud subiungere mereatur: et tu remisisti inpietatem cordis mei. quodsi uerecundia retrahente reuelare ea coram hominibus erubescis, illi quem latere non possunt confiteri ea iugi supplicatione non desinas ac dicere ei: iniquitatem meam ego agnosco: et peccatum meum coram me est semper, tibi soli peccaui, et malum coram te feci, qui et absque ullius uerecundiae publicatione curare et sine inproperio peccata donare consueuit. post istud quoque tam promptum certumque subsidium aliud quoque adhuc facilius largita nobis est diuina dignatio ipsamque remedii opem nostro conmisit arbitrio, ut indulgentiam nostrorum scelerum pro nostro praesumamus affectu dicentes ei: dimitte nobis debita nostra sicut et nos dimittimus debitoribus nostris. quisquis igitur ad indulgentiam suorum criminum desiderat peruenire, istis semet ipsum aptare studeat instrumentis. neminem obdurati cordis peruicacia a remedio salutari et fonte tantae pietatis auertat, quia etiamsi haec omnia fecerimus, non erunt idonea ad expiationem scelerum nostrorum, nisi ea bonitas domini clementiaque deleuerit. qui cum religiosi conatus obsequia supplici mente a nobis oblata perspexerit, exiguos paruosque conatus inmensa liberalitate prosequitur dicens: ego sum, ego sum qui deleo iniquitates tuas propter me, et peccatorum tuorum iam non recordabor. ad hunc igitur quem praediximus statum quisque contenderit, satisfactionis gratiam cotidianis ieiuniis et mortificatione cordis et corporis adsequetur, quia, sicut scriptum est, sine sanguinis effusione non fit remissio. nec inmerito. caro enim et sanguis regnum dei possidere non possunt. et ideo quisquis ab huius sanguinis effusione gladium spiritus, quod est uerbum dei, uoluerit inhibere, absque dubio illa Hieremiae maledictione plectetur: nam maledictus, inquit, qui prohibet gladium suum a sanguine, hic namque est gladius, qui illum noxium sanguinem quo animatur materia peccatorum salubriter fundens, quidquid reppererit in membris animae nostrae carnale terrenumue concretum, resecat et abscidit ac mortificatos uitiis uiuere deo et spiritalibus facit uigere uirtutibus. et ita iam non recordatione ueteris admissi, sed spe futurorum flere incipiet gaudiorum, nec tam de praeteritis malis quam de uenturis cogitans bonis non ex peccatorum maerore lacrimas, sed ex aeternae illius laetitiae alacritate profundet, atque obliuiscens ea quae posteriora sunt, id est carnalia uitia, ad ea quae in ante sunt extendetur, hoc est spiritalia dona atque uirtutes.

8. Daß man auf vielfache Weise zur Sühnung der Sünden gelangen könne.

Nach jener allgemeinen Gnade der Taufe und jenem so kostbaren Geschenk des Marterthums, welches durch die Abwaschung mit dem Blute erlangt wird, gibt es viele Früchte der Buße, durch welche man zur Sühnung der Verbrechen gelangt. Denn das ewige Heil wird nicht nur jener schlechthin sogenannten Buße versprochen, von welcher der Apostel Petrus sagt: „Thut Buße und bekehret euch, damit eure Sünden getilgt werden,“ und Johannes der Täufer oder der Herr selbst: „Thut Buße, denn nahe ist das Himmelreich!“ sondern auch durch den Affekt der Liebe stürzt die Sündenlast; denn „die Liebe bedeckt die Menge der Sünden.“ Ähnlich wird auch durch die Frucht der Almosen ein Heilmittel für unsere Wunden geliefert, weil „wie Wasser das Feuer löscht, so auch Almosen die Sünde tilgt.“ So wird auch durch die Vergießung von Thränen Abwaschung der Sünden erlangt, denn: „Ich wasche jede Nacht mein Bett, mit meinen Thränen benetze ich mein Lager.“ Dann ist beigefügt zum Zeichen, daß sie nicht vergeblich vergossen worden: „Weichet von mir Alle, die ihr Unrecht thut, denn der Herr hat die Stimme meines Flehens erhört.“ Auch für das Bekenntniß der Verbrechen wird ihre Tilgung zugestanden, denn es heißt: „Ich habe es gesagt, bekennen werde ich wider mich meine Ungerechtigkeit dem Herrn, und du hast nachgelassen die Gottlosigkeit meiner Sünde.“ Und wieder: „Bekenne du zuerst deine Sünden, damit du gerechtfertigt werdest.“ In ähnlicher Weise erlangt man durch die Peinigung des Herzens und des Körpers Nachlaß der begangenen Frevel; denn es heißt: „Siehe meine Erniedrigung und meine Mühsal, und verzeihe alle meine Sünden.“ Vorzüglich über durch die Besserung der Sitten, wie gesagt ist: „Leget ab die Bosheit eurer Gedanken vor meinen Augen, höret auf, verkehrt zu handeln, lernet Gutes thun, suchet Gerechtigkeit, kommet zu Hilfe dem Unterdrückten, schaffet Recht den Waisen, vertheidigt die Wittwen, und dann kommet und klaget über mich, sagt der Herr. Wenn eure Sünden wären wie Scharlach, sollen sie weiß werden wie Schnee; und wenn sie roth sind wie Purpur, weiß sollen sie sein wie Wolle.“ Zuweilen wird auch durch die Fürbitte der Heiligen Verzeihung der Sünden erlangt. Denn: „Wer da weiß, daß sein Bruder sündige in einer Sünde, die nicht zum Tode ist, der bitte, und der Herr wird ihm das Leben schenken, dem, der sündigt nicht zum Tode;“ und wieder: „Ist Einer unter euch krank, so rufe er die Priester der Kirche zu sich, und sie, sollen über ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben; und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird es ihm leichter machen, und wenn er in Sünden ist, werden sie ihm vergeben werden.“ Zuweilen wird die Sündenmakel auch durch das Verdienst der Barmherzigkeit und der Treue ausgebrannt nach jener Stelle: „Durch Barmherzigkeit und Treue wird man rein von Sünde;“ häufig auch durch die Bekehrung und Rettung Derjenigen, welche durch unsere Ermahnung und Predigt zum Heile kommen; denn: „Wer einen Sünder zur Bekehrung brachte von dem Irrthume seines Weges, rettet dessen Seele vom Tode und bedeckt die Menge von Sünden.“ Ebenso gelangen wir durch unsere eigene Nachsicht und Verzeihung zur Nachlassung unserer Vergehen; denn: „Wenn ihr den Menschen ihre Sünden vergebet, so wird euer himmlischer Vater auch euch eure Sünden verzeihen.“ Ihr sehet also, welche Zugänge zur Barmherzigkeit die Güte des Erlösers eröffnet hat, damit Niemand, der nach dem Heile verlangt, von Verzweiflung gebrochen werde, wenn er sieht, daß er durch solche Hilfsmittel zum Leben eingeladen werde. Denn wenn du vorgibst, du könnest wegen Leibesschwäche deine Sünden nicht durch die Plage der Fasten abbüßen, und wenn du nicht sagen kannst: „Meine Kniee sind schwach vom Fasten, und mein Fleisch ist verändert wegen des (mangelnden) Öles; denn Asche aß ich als Brod, und meinen Becher mischte ich mit Thränen:“ nun, so kaufe dich los durch die Freigebigkeit in Almosen! Oder hast du nicht, was du dem Darbenden mittheilen könntest? Es schließt zwar von diesem Werke Keinen der Zwang der Noth und Armuth aus, da ja die zwei Heller jener Wittwe den großen Gaben der Reichen vorgezogen werden und der Herr für einen Becher frischen Wassers Lohn zu geben verspricht; — aber du kannst doch sicherlich durch die Besserung der Sitten gereinigt werden. Wenn du die Vollkommenheit der Tugend durch Ausrottung aller Laster nicht erreichen kannst, so wende eine fromme Sorgfalt darauf, fremdem Heile zu dienen. Wenn du aber klagst, daß du für diesen Dienst nicht tauglich seiest, so kannst du durch den Affekt der Liebe die Sünden bedecken. Wenn dich eine gewisse Trägheit des Geistes auch hierin schwach macht, so bitte, in demüthiger Stimmung dich erniedrigend, wenigstens durch das Gebet und die Fürsprache der Heiligen um Heilmittel für deine Wunden! Endlich, wo gibt es Einen, der nicht flehend sagen könnte: „Meine Sünde habe ich dir bekannt gemacht und meine Ungerechtigkeit nicht verborgen,“ damit er durch dieses Bekenntniß verdiene, vertrauensvoll beizufügen: „Und du hast verziehen die Ruchlosigkeit meines Herzens“? Wenn du dich nun scheuest, vor den Menschen Etwas zu offenbaren, weil die Scham dich zurückhält, so höre nicht auf, in beständigem Flehen es Jenem zu bekennen, dem es nicht verborgen sein kann, und zu sprechen: „Ich erkenne meine Ungerechtigkeit, und meine Sünde ist immer vor mir; dir allein habe ich gesündigt und Böses vor dir gethan.“ Er ist ja gewöhnt, auch ohne jene beschämende Öffentlichkeit zu heilen und ohne Schmach die Sünden nachzulassen. Nach diesem so zugänglichen und sichern Hilfsmittel hat uns die göttliche Herablassung auch noch ein anderes, leichteres geschenkt und die Heilshilfe selbst unserm freien Willen übergeben, so daß wir die Verzeihung unserer Sünden je nach unserer eigenen Gesinnung annehmen dürfen, indem wir zu Gott sprechen: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern.“ Wer also immer zur Tilgung seiner Sünden zu gelangen wünscht, der suche sich in diesen Mitteln zurecht zu finden und nehme nicht in der Verstocktheit seines verhärteten Herzens der Quelle einer so großen Liebe das heilsame Mittel hinweg, weil, wenn wir auch all Dieses gethan haben, es doch nicht im Stande sein wird, unsere Laster zu sühnen, wenn nicht die Güte und Milde des Herrn sie tilgt, der, wenn er sieht, wie wir die Leistungen unseres frommen Versuches in flehendem Geiste ihm darbringen, die geringen und kleinen Versuche mit unermeßlicher Freigebigkeit begleitet, da er sagt: „Ich bin es, ich bin es, der ich deine Ungerechtigkeiten tilge um meinetwillen und deiner Sünden nicht mehr gedenke.“ Wer also immer zu dem vorgenannten Zustande gelangt ist, der wird die Gnade der Genugthuung durch tägliche Fasten und durch die Abtödtung des Herzens und Körpers erlangen, weil es, wie geschrieben steht, ohne Blutvergießung keine Verzeihung gibt. Und nicht mit Unrecht: denn Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht besitzen, und wer also immer das Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist, von dieser Blutvergießung abhalten will, der wird ohne Zweifel mit jener Verwünschung des Propheten Jeremias bestraft werden, da er sagt: „Verflucht sei, wer sein Schwert zurückhält vom Blute.“ Dieß ist nemlich das Schwert, welches jenes schädliche Blut, durch das der Sündenkörper belebt wird, heilsam vergießt und, was es immer in unsern Gliedern Fleischliches oder Irdisches zusammengewachsen findet, zurückschneidet und abbaut und so die den Lastern Erstorbenen für Gott leben und in geistigen Tugenden erblühen macht. Dann wird Einer schon nicht mehr wegen der Erinnerung an die vergangene That, sondern aus Hoffnung auf die zukünftigen Freuden zu weinen beginnen, und nicht so fast des vergangenen Bösen als des zukünftigen Guten gedenkend wird er nicht aus Trauer über die Sünden, sondern aus Jubel über jene ewige Wonne Thränen vergießen, und vergessend Das, was rückwärts liegt, nemlich die fleischlichen Laster, wird er sich ausstrecken nach Dem, was vorwärts ist, nemlich den geistigen Gaben und Tugenden.

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VIIII. Quod utilis sit perfectis obliuio peccati.

Ceterum quod paulo ante dixisti te etiam de industria praeteritorum peccatorum memoriam retractare, hoc fieri penitus non oportet, quin immo si uiolenter obrepserit, protinus extrudatur. multum namque retrahit mentem a contemplatione puritatis, eius praecipue qui in solitudine commoratur, inplicans eam sordibus mundi huius et praefocans faetore uitiorum. dum enim recolis ea, quae secundum principem saeculi huius per ignorantiam seu lasciuiam conmisisti, ut concedam tibi quod in hac cogitatione posito oblectatio nulla subrepat, certe antiquae putredinis uel sola contagio necesse est ut taetro mentem faetore conrumpat et spiritalem uirtutum fragrantiam, id est suauitatem boni odoris excludat. cum ergo praeteritorum memoria uitiorum pulsauerit sensum, ita ab ea resiliendum est, sicut refugit uir honestus et grauis, si inpudicae ac procacis feminae in publico aut conloquiis aut amplexibus adpetatur. qui utique nisi se a contactu eius festinus abstraxerit et uel breuissimam moram inhonestae confabulationis admiserit, etiamsi consensum pudendae respuat uoluptatis, infamiae tamen ac reprehensionis notam cunctorum praetereuntium iudicio non euadet. ita igitur etiam nos oportet, cum fuerimus ad huiusmodi cogitationes pestifera recordatione deducti, raptim ab earum contemplatione discedere et implere illud quod a Salomone praecipitur: sed exili, inquit, noli demorari in loco eius, neque intendas oculum tuum in eam, ne uidentes nos angeli inmundis ac turpibus cogitationibus inuolutos non possint de nobis praetereuntes dicere: benedictio domini super uos. inpossibile namque est mentem bonis cogitationibus inmorari, cum principale cordis ad turpes atque terrenos intuitus fuerit deuolutum. uera est enim illa Salomonis sententia: oculi tui cum uiderint alienam, os tuum tunc loquetur praua, et iacebis tamquam in corde maris, et sicut gubernator in magna tempestate. dices autem: feriunt me, sed non dolui, et deluserunt me, ego autem nesciui. derelictis ergo non solum turpibus, sed etiam terrenis cogitationibus uniuersis erigenda semper est ad caelestia nostrae mentis intentio secundum saluatoris nostri sententiam: ubi enim ego sum, inquit, illic et minister meus erit. solet enim frequenter accidere, ut dum uel suos uel aliorum lapsus imperitorum quispiam miserantis retractat affectu, ipse etiam subtilissimi teli uoluptario perstringatur adsensu et initium sub specie pietatis exortum obsceno ac noxio fine concludat: sunt enim uiae quae uidentur apud homines rectae, nouissima autem earum uenient in profundum inferi.

9. Daß den Vollkommenen das Vergessen der Sünde nützlich und die Erinnerung an die Schandthaten zu vermeiden sei.

Was übrigens deine kurz vorher gemachte Äusserung betrifft, daß du sogar mit Fleiß das Andenken an die vergangenen Sünden zurückrufest, so sollte Das durchaus nicht geschehen; ja selbst wenn es sich mit Gewalt aufdrängt, sollte es sogleich weggeschafft werden. Denn es zieht den Geist zu sehr von der Betrachtung der Reinheit zurück, besonders bei Dem, der in der Einsamkeit weilt, verwickelt ihn in den Schmutz dieser Welt und erstickt ihn im Gestanke der Laster. Während du nemlich Das wieder hernimmst, was du nach dem Sinne des Weltfürsten, sei es in Unwissenheit, sei es in Ausgelassenheit, begangen hast, so muß, wenn ich auch zugebe, daß dir bei dem Aufenthalte in solchen Gedanken keine Lüsternheit naht, doch schon die bloße Berührung der alten Fäulniß den Geist mit häßlichem Gestanke verderben und den geistigen Duft der Tugenden, also die Süßigkeit des Wohlgeruches verdrängen. Wenn also eine Erinnerung an frühere Laster den Geist trifft, so muß man davor so fliehen, wie ein anständiger und ernster Mann zurückreicht, wenn sich ein schamloses, freches Weib öffentlich mit Ansprache oder Umarmung ihm naht. Sicherlich, wenn sich dieser nicht jeder Berührung mit derselben sogleich entzieht und auch nur die kürzeste Dauer einer so unanständigen Unterredung zuläßt, so wird, obwohl er die Einwilligung in eine schändliche Lust verabscheut, er dennoch der Makel der Ehrlosigkeit und Tadelswürdigkeit in dem Urtheile aller Vorüberkommenden nicht entgehen. So also müssen auch wir, wenn wir durch gefährliche Erinnerung in solche Gedanken hineingekommen sind, sogleich von ihrer Betrachtung ablassen und thun, was Salomon befiehlt, indem er sagt: „Geh weg, verweile nicht auf ihrem Platze und schaue nicht mit deinem Auge nach ihr,“ damit nicht etwa die Engel, wenn sie uns in unreine und schändliche Gedanken verstrickt sehen, bei ihrem Vorübergehen nicht im Stande seien, über uns zu sprechen: „Der Segen des Herrn sei über euch, wir segnen euch im Namen des Herrn!“ Es ist nemlich unmöglich, daß der Geist in guten Gedanken verweile, wenn der edelste Theil des Herzens in schändliche und irdische Anschauungen herabgestürzt ist. Denn wahr ist jener Ausspruch Salomons: „Wenn deine Augen eine Fremde gesehen haben, wird dein Mund Verkehrtes reden, und du wirst sein wie ein Schlafender in Mitte des Meeres und wie ein Steuermann in großem Sturm. Du wirst aber sagen: Sie haben mich geschlagen, und ich empfand keinen Schmerz; sie haben mich hingezogen, und ich wußte es nicht.“ Wir müssen also nicht nur die schändlichen, sondern auch alle irdischen Gedanken verlassen und die Meinung unseres Geistes immer nach dem Himmlischen richten nach dem Ausspruche unseres Erlösers. „Denn wo ich bin,“ sagt er, „dort wird auch mein Diener sein.“ Denn es pflegt häufig zu geschehen, daß, während ein Unerfahrener seinen eigenen oder fremden Fall in der Stimmung des Klagenden sich wieder vorstellt, er auch wieder von dem so seinen Pfeile der lüsternen Zustimmung getroffen wird, und so schließt das unter dem Scheine der Frömmigkeit Begonnene mit einem gemeinen und schädlichen Ende. „Es gibt eben Wege, welche den Menschen recht scheinen, aber ihr Ende führt in die Tiefen der Hölle.“ Wir müssen also streben, uns mehr durch Verlangen nach den Tugenden und durch die Sehnsucht nach dem Himmelreiche, als durch schädliche Erinnerungen an unsere Laster zu lobenswerther Zerknirschung zu bewegen. Denn nothwendig muß Einer so lange durch den pestartigen Gestank einer Kloake im Athem gehemmt werden, als er über derselben stehen oder ihren Koth aufrühren will.

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X. Quod flagitiorum recordatio sit uitanda.

Quapropter studendum nobis est, ut uirtutum potius adpetitu et desiderio regni caelorum quam noxiis uitiorum recordationibus nosmet ipsos ad conpunctionem laudabilem prouocemus, quia necesse est tamdiu quempiam pestilentissimis cloacae faetoribus praefocari, quamdiu super eam stare uel caenum eius uoluerit commouere.

↑ mit dem vorigen Vers übersetzt

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XI. De satisfactionis indicio et abolitione praeteritorum criminum.

Nouerimus autem nos, ut saepe diximus, tunc demum pro praeteritis satisfecisse peccatis, cum ipsi motus atque adfectus, per quos paenitenda conmisimus, fuerint de nostris cordibus amputati. quod tamen nullus obtinere posse se credat, qui non prius ipsas causas atque materias, pro quibus in illa conlapsus est crimina, omni spiritus sui feruore succiderit: ut uerbi gratia si in fornicationem uel adulterium perniciosa feminarum familiaritate conlapsus est, summa festinatione etiam ipsum earum deuitet aspectum, aut certe si per abundantiam uini epularumque est nimietatem succensus, inlicientium ciborum crapulam summa districtione castiget. et rursum si in periurium aut furtum aut homicidium aut blasphemiam pecuniarum desiderio atque amore corruptus incurrit, materiam auaritiae inlectricem suae deceptionis abscidat: si in iracundiae uitium superbiae passione conpellitur, adrogantiae ipsius fomitem summa humilitatis uirtute conuellat. et ita ut unumquodque peccatum possit extingui, causa atque occasio per quam uel ob quam admissum est debet primitus amputari. isto enim curationum remedio ad obliuionem quoque admissorum criminum sine dubio peruenitur.

10. Über das Kennzeichen der Genugthuung und das Vergessen der frühern Verbrechen.

Wir mögen aber, wie ich schon oft gesagt habe, wissen, daß wir dann erst für die frühern Sünden genug gethan haben, wann die Regungen und Affekte, durch welche wir das zu Büßende begiengen, aus unsern Herzen entfernt sind. Glaube aber nur Keiner, Dieß erreichen zu können, wenn er nicht zuvor die Ursachen und Gegenstände, durch welche er in jene Verbrechen fiel, mit allem Geisteseifer abgethan hat, so daß er z. B., wenn er durch den verderblichen Umgang mit Weibern in Unzucht und Ehebruch gefallen ist, so bald wie möglich selbst den Anblick derselben vermeidet; oder daß er, wenn zu reichlicher Genuß von Wein und Speisen ihn entzündet hat, mit größter Strenge die unerlaubte Betäubung durch Nahrung beschneidet. Und wieder, wenn Einer von Gier und Liebe zum Gelde bestochen in Meineid, Diebstahl oder Gotteslästerung fiel, so trenne er sich von dem Gegenstande des Geizes, der ihn zu seinem Wahne verführte. Wenn Einer durch die Leidenschaft des Hochmuthes zu dem Laster des Zornes getrieben wird, so zerzause er den Zündstoff der Anmaßung durch die größte Tugend der Demuth. Und so muß bei jeder Sünde, damit sie erlöschen kann, zuerst die Ursache und Gelegenheit abgeschnitten werden, durch welche und wegen welcher sie begangen wurde. Durch dieses Heilverfahren kommt man ohne Zweifel auch zur Vergessenheit der begangenen Verbrechen.

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XII. In quo temporaliter sit agenda paenitudo et in quo finem habere non possit.

Verum ista praedictae obliuionis definitio super capitalibus tantum sit criminibus constituta, quae Moysaica quoque lege damnantur, quorum sicut per conuersationem bonam abiciuntur uel consumuntur adfectus, ita etiam paenitentia accipit finem. ceterum ab istis minutis, in quibus septies iustus cadit ut scriptum est et resurgit, numquam deerit paenitudo. aut enim per ignorantiam, aut per obliuionem, aut per cogitationem, aut per sermonem, aut per obreptionem, aut per necessitatem, aut per fragilitatem carnis et somnii pollutionem singulis diebus uel inuiti uel uolentes frequenter incurrimus, pro quibus et Dauid orans dominum purificationem atque indulgentiam deprecatur dicens: delicta quis intellegit? ab occultis meis munda me: et ab alienis parce seruo tuo, et apostolus: non enim quod uolo facio bonum, sed quod nolo malum, hoc ago, et pro quibus idem etiam heiulans proclamauit: infelix ego homo: quis me liberabit de corpore mortis huius? tanta enim in his facilitate tamquam naturali lege prolabimur, ut, quantalibet circumspectione atque custodia caueantur, non possint ad plenum ista uitari. de istis siquidem unus discipulorum, quem diligebat Iesus, abrupta definitione pronuntiat dicens: si dixerimus quia peccatum non habemus, ipsi nos seducimus et uerbum eius non est in nobis, proinde perfectionis culmen pertingere cupienti non magne proderit ad finem paenitentiae peruenisse, id est ab inlicitis temperare, nisi etiam in illis uirtutibus indefesso cursu semet ipsum semper extenderit, quibus ad satisfactionis indicia peruenitur. nec enim a faetidis criminum sordibus quae abhorret dominus quemquam abstinuisse sufficiet, nisi etiam illam bonam uirtutum fragrantiam, qua dominus delectatur, puritate cordis et apostolicae caritatis perfectione possederit. Huc usque abbas Pinufius de satisfactionis indicio ac paenitentiae fine disseruit. qui licet ut in eius coenobio residere mallemus sollicito precaretur affectu, tamen fama Scitioticae solitudinis inuitatos, cum retinere non posset, emisit.

11. Die läßlichen Sünden brauchen wir nicht zu vergessen, sondern nur die Todsünden.

Aber jene Lehre von der vorgenannten Vergessenheit soll nur über die Hauptsünden aufgestellt sein, die auch im mosaischen Gesetze verworfen worden. Wie die Neigungen zu diesen durch einen guten Wandel abgelegt oder verzehrt werden, so erreicht (hiedurch) auch die Buße ihr Ende. Aber von jenen kleinen Fehlern, in welchen, wie geschrieben steht, der Gerechte siebenmal fällt und wieder aufsteht, wird die Buße nie ablassen. Denn durch Unwissenheit oder Vergeßlichkeit, in Gedanken oder in Worten, durch Erschleichung oder Drang oder die menschliche Gebrechlichkeit fallen wir jeden Tag mit oder gegen unsern Willen häufig in solche Dinge, wegen welcher auch David im Gebete den Herrn um Reinigung und Verzeihung bittet, indem er sagt: „Wer sieht die Sünden ein? Von meinen verborgenen reinige mich und mit den fremden verschone deinen Diener!“ Und der Apostel sagt: „Denn ich thue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, welches ich hasse. Das thue ich!“ Ebenderselbe ruft hierüber klagend aus: „O ich unglücklicher Mensch, wer wird mich befreien von dem Leibe dieses Todes?“ Denn wir fallen hierin mit einer solchen Leichtigkeit wie nach einem Naturgesetz, daß sie nicht vollständig vermieden werden können, man mag sich mit noch so großer Umsicht und Wachsamkeit davor hüten. Über diese fällt ja auch Einer der Jünger, nemlich Der, den Jesus liebte, ein kurz entscheidendes Urtheil, indem er sagt: „Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und sein Wort ist nicht in uns.“ Nun wird es aber Dem, der den Gipfel der Vollkommenheit erreichen will, nicht genug nützen, zum Ende der Buße gelangt zu sein, nemlich des Unerlaubten sich zu enthalten, wenn er sich nicht auch immer mit unermüdetem Laufe in jenen Tugenden vorwärts bringt, durch welche man zu den Zeichen der Genugthuung gelangt; denn es wird nicht hinreichen, daß sich Einer von dem ekelhaftesten Schmutze der Laster, die Gott verabscheut, frei halte, wenn er nicht auch jenen guten Geruch der Tugenden, an welchem der Herr Freude hat, durch die Reinheit des Herzens und die Vollkommenheit der apostolischen Liebe besitzt.

So weit handelte Abt Pinusius von dem Kennzeichen der Genugthuung und dem Ende der Buße. Obwohl Dieser mit sorglicher Liebe bat, daß wir lieber in seinem Kloster bleiben möchten, so entließ er uns doch, da er die von dem Rufe der scythiotischen Wüste Angezogenen nicht aufhalten konnte.

Lateinischer Text: Conlationes XXIIII, hg. von M. Petschenig, Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum 13, Wien 1886, an den Scans überprüft; ohne kritischen Apparat. · Übersetzung von Karl Kohlhund († 1883), Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten, Kösel, 1879. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden