Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Johannes Cassianus, Von den Einrichtungen der Klöster

Buch XII. Von dem Geiste des Hochmuthes

Liber duodecimus. De spiritu superbiae.Zwölftes Buch: Von dem Geiste des Hochmuthes.

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I. Quod octauum certamen aduersus spiritum superbiae sit, et de natura eius.

Octauum, quod extremum, aduersus spiritum superbiae nobis certamen est. qui morbus licet ultimus sit in conflictu uitiorum atque in ordine ponatur extremus, origine tamen et tempore primus est, saeuissima et superioribus cunctis inmanior bestia, perfectos maxime temptans et propemodum iam positos in consummatione uirtutum morsu diriore depascens.

1. Einleitung.

Den achten und letzten Kampf haben wir gegen den Geist des Hochmuthes zu führen. Obwohl die Krankheit im Kampfe mit den Lastern die letzte ist und in der Reihenfolge an letzter Stelle erscheint, so ist sie doch dem Ursprunge und der Zeit nach die erste, das grausamste Unthier und unbändiger als alle früheren, das selbst die Vollkommenen anficht und die schon in der Vollendung der Tugend Stehenden mit gar grausamem Bisse verwundet.

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II. Quod superbiae duo sint genera.

Cuius duo sunt genera, unum hoc, quo diximus spiritales summosque pulsari, aliud, quod etiam incipientes carnalesque conplectitur. et licet utrumque superbiae genus tam in deum quam in homines noxia inflet elatio, tamen illud primum specialiter refertur ad deum, secundum ad homines proprie pertinet. cuius originem ac remedia in posterioribus libelli huius donante deo in quantum possumus exsequemur. nunc de illo priore, quo praefati sumus perfectos praecipue temptari, propositum nobis est pauca disserere.

2. Es gibt zwei Arten von Hochmuth.

Von dieser Sünde gibt es zwei Arten: die eine ist diejenige, von der, wie wir sagten, geistig gesinnte und vollkommene Männer geplagt werden, die andere umstrickt auch die Anfänger und die fleischlich gesinnten Menschen. Und obwohl beide Gattungen des Stolzes eine sündhafte Auflehnung sowohl gegen Gott wie gegen die Menschen einflößen, so ist doch die erste besonders gegen Gott gerichtet, die zweite erstreckt sich eigentlich mehr auf die Menschen. Ueber den Ursprung dieser letzten Gattung und über die Mittel gegen dieselbe werden wir später, soweit es uns mit Gottes Hilfe möglich ist, ausführlich handeln. Jetzt ist es unsere Absicht, über die erste Gattung, von der die Vollkommenen vorzüglich versucht werden, einiges Wenige zu sagen.

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III. Quod superbia omnes pariter uirtutes auferat.

Nullum est igitur aliud uitium, quod ita omnes uirtutes exhauriat cunctaque iustitia et sanctitate hominem spoliet ac denudet ut superbiae malum, tamquam generalis quidam ac pestifer morbus non unum membrum partemue eius debilitare contentus, sed solidum corpus letali corrumpit exitio et in uirtutum iam fastigio conlocatos grauissima ruina deicere ac trucidare conatur. omne namque uitium suis est terminis ac fine contentum, et licet contristet alias quoque uirtutes, contra unam tamen principaliter tendit eamque specialiter opprimit et inpugnat. et ut hoc ipsum quod diximus clarius possit intellegi, gastrimargia, id est adpetitus uentris seu concupiscentia gulae temperantiae rigorem corrumpit, castitatem libido contaminat, ira patientiam uastat, ut nonnumquam uni quis deditus uitio aliis uirtutibus non penitus destituatur, sed illa tantum uirtute truncata, quae e diuerso aemulo sibi uitio repugnante subcumbit, reliquas possit uel ex parte retinere. haec uero cum infelicem possederit mentem, ut quidam saeuissimus tyrannus sublimissima capta arce uirtutum uniuersam funditus ciuitatem diruit atque subuertit, excelsa quondam sanctitatis moenia uitiorum solo coaequans atque permiscens nullam deinceps imaginem libertatis animae sibi subditae superesse concedit, quantoque ceperit ditiorem, tanto grauiori seruitutis iugo subditum uniuersis uirtutum facultatibus crudelissima depraedatione nudabit.

3. Der Stolz vernichtet alle Tugenden.

Es gibt kein anderes Laster, das so alle Tugenden zu Grunde richtet und den Menschen aller Gerechtigkeit und Heiligkeit gänzlich beraubt, als das Übel des Stolzes; denn es gleicht einer allgemeinen und verderblichen Krankheit, welche, nicht zufrieden ein Glied oder einen Theil desselben zu lähmen, den ganzen Leib todbringendem Verderben anheimgibt. Keine Sünde versucht so die schon auf dem Gipfel der Tugenden Stehenden in den gräßlichsten Abgrund zu stürzen und zu tödten wie diese. Denn jedes andere Laster ist auf sein Gebiet und seine Grenzen beschränkt, und mag es auch mehr oder weniger alle Tugenden verdunkeln, so ist es doch hauptsächlich gegen eine Tugend gerichtet, die es besonders bekämpft und zu unterdrücken sucht. Und um das Gesagte klarer einzusehen: die Gaumenlust verdirbt die Strenge der Enthaltsamkeit; die Wollust hingegen befleckt die Keuschheit; der Zorn verwüstet die Geduld. Darum wird Jemand, der nur einer Sünde sich hingegeben hat, nicht ganz von den übrigen Tugenden verlassen; ja, wenn nur jene Tugend ertödtet ist, welche im Kampfe mit dem ihr gerade entgegengesetzten Laster unterliegt, kann er die übrigen Tugenden wenigstens theilweise behalten. Wenn aber diese Sünde den unglücklichen Geist in Besitz genommen hat, so stürzt und zerstört sie gleich einem grausamen Tyrannen nach der Einnahme der hochgelegenen Veste der Tugenden von Grund aus die ganze Stadt. Die einst so hohen Mauern der Heiligkeit bricht sie und macht sie dem Boden der Laster gleich und läßt fürderhin der von ihr unterworfenen Seele keinen Schein von Freiheit mehr übrig. Und je reicher sie dieselbe angetreten, ein um so drückenderes Joch der Knechtschaft legt sie ihr auf durch die grausame Plünderung und Entblößung von allen Reichthümern der Tugend.

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IIII. Quod ob superbiam Lucifer ille de archangelo diabolus factus sit.

Et ut grauissimae tyrannidis eius potentiam cognoscamus, angelum illum, qui pro nimietate splendoris ac decoris sui Lucifer nuncupatus est, nullo alio quam hoc uitio deiectum caelitus inuenimus et ex illa beata sublimique angelorum statione telo superbiae uulneratum ad inferna fuisse conlapsum. si igitur tantam uirtutem, tantae potentiae praerogatiua decoratam una elatio cordis potuit de caelestibus ad terrena deuoluere, qua nos obseruantia carnis fragilitate circumdatos cauere oporteat, ipsius ruinae magnitudo demonstrat. quemadmodum uero huius morbi uirus perniciosissimum deuitemus, instrui poterimus, si ruinae ipsius causas atque originem persequamur. numquam enim curari languores nec remedia poterunt malis ualitudinibus exhiberi, nisi prius inquisitione sagaci origines earum inuestigentur et causae. hic namque indutus diuina claritate et inter ceteras supernas uirtutes conditoris largitate praefulgens splendorem sapientiae et uirtutum pulchritudinem, qua ornabatur gratia creatoris, naturae suae potentia, non munificentiae illius beneficio se credidit obtinere, et ob hoc elatus, tamquam qui ad perseuerantiam puritatis huius diuino non egeret auxilio, deo se similem iudicauit, utpote qui nullius indigeret quemadmodum deus, liberi scilicet arbitrii facultate confisus, per illam credens afluenter sibimet omnia subpeditari, quae ad consummationem uirtutum uel perennitatem summae beatitudinis pertinerent. haec ei sola cogitatio facta prima ruina est, ob quam desertus a deo, quo credidit non egere, instabilis repente ac nutabundus effectus et infirmitatem propriae naturae persensit et beatitudinem, qua dei munere fruebatur, amisit. et quia dilexit uerba praecipitationis, quibus dixerat: in caelum conscendam, et linguam dolosam, qua uel de se dixit: ero similis altissimo, uel de Adam et Eua: eritis sicut dii, propterea deus destruet illum in finem, euellet eum, et emigrabit de tabernaculo: et radicem eius de terra uiuentium. tunc ruinam eius uidentes iusti timebunt, et super eum ridebunt dicentes (quod etiam ad hos, qui se sine protectione auxilioque dei summum bonum perficere posse confidunt, iustissime dirigetur): ecce homo, qui non posuit deum adiutorem suum: sed sperauit in multitudine diuitiarum suarum: et praeualuit in uanitate sua.

4. Durch den Hochmuth wurde Lucifer aus einem Erzengel ein Teufel.

Damit wir die Macht dieser überaus grausamen Tyrannei erkennen mögen, lesen wir von jenem Engel, der wegen der Fülle seines Glanzes und seiner Zierde Luzifer genannt wurde, daß er um keiner andern als um dieser Sünde willen vom Himmel herabgestürzt wurde und, durch den Pfeil des Stolzes verwundet, von jenem glückseligen und erhabenen Sitze der Engel in den Abgrund der Hölle hinabgefallen ist. Wenn also eine so hohe und mit der Auszeichnung einer so großen Macht gezierte Tugend eine einzige stolze Ueberhebung des Geistes vom Himmel zur Erde zu stürzen vermochte, mit welcher Wachsamkeit müssen dann wir, die wir mit gebrechlichem Fleische umkleidet sind, vor derselben auf der Hut sein! Dieß zeigt uns die Größe dieses Sturzes. Wie wir aber das so verderbliche Gift dieser Krankheit vermeiden sollen, darüber werden wir uns belehren können, wenn wir den Grund und den Ursprung des Falles selbst verfolgen. Denn niemals kann ein Gebrechen geheilt noch ein Mittel gegen eine Krankheit mit Erfolg angewandt werden, wenn man nicht vorher durch eine scharfsinnige Untersuchung den Ursprung und die Ursachen derselben aufzufinden sucht. Luzifer nämlich, mit himmlischem Glanze umkleidet und unter den übrigen höheren Mächten in dem Reichthume des Schöpfers strahlend, glaubte den Glanz der Weisheit und die Schönheit der Tugend, womit ihn die Gnade des Schöpfers geziert hatte, kraft seiner Natur, nicht durch Gottes gnädige Freigebigkeit zu besitzen. Und darüber stolz geworden, als ob er, um in dieser Klarheit zu verharren, Gottes Hilfe nicht bedürfe, erachtete er sich Gott gleich, da er ja gleich Gott Niemandes bedürfe; denn er vertraute auf die Kraft seines freien Willens, durch die, wie er glaubte, ihm reichlich Alles zufließen würde, was zur Vollendung in den Tugenden und zur Ewigkeit der höchsten Glückseligkeit gehöre. Dieser eine Gedanke wurde ihm zum ersten Falle. Wegen dieses Gedankens von Gott verlassen, dessen er nicht mehr zu bedürfen glaubte, wurde er plötzlich unstät und wankend, und die Schwäche seiner eigenen Natur gründlich fühlend verlor er die Glückseligkeit, die er durch Gottes Gnade genoß. Und weil er die Worte des Sturzes geliebt hatte, indem er gesprochen: „In den Himmel will ich steigen,“ und eine trügerische Zunge, mit der er sowohl von sich sagte: „Gleich will ich dem Allerhöchsten sein,“ als auch zu Adam und Eva sprach: „Ihr werdet sein wie Götter,“ deßhalb hat Gott ihn auf immer verdorben, ihn hinweggerafft und ihn gerissen aus seinem Zelte und seine Wurzeln aus dem Lande der Lebendigen. Sehen werden dann seinen Sturz die Gerechten und sich fürchten und über ihn lachen und sagen: „Siehe da der Mann, welcher Gott nicht gemacht zu seinem Helfer, sondern vertraut hat auf seines Reichthums Fülle und übermächtig war in seinem Aberwitze.“

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V. Quod fomites omnium uitiorum de superbia pullularint.

Haec est primae ruinae causa et origo principalis morbi, qui rursum per illum, qui fuerat a se deiectus, in protoplastum serpens infirmitates omnium uitiorum et materias germinauit. dum enim gloriam deitatis arbitrii libertate et industria sua credidit se posse conquirere, etiam illam perdidit, quam adeptus fuerat gratia conditoris.

5. Aller Sünden Keim sproßt aus dem Stolz hervor.

Dieser Gedanke ist die erste Ursache des Sturzes und der Hauptursprung der Krankheit. Diese hinwiederum ging durch Den, der sich selbst gestürzt hatte, auf den ersten Menschen über und erzeugte so die Krankheit und den Stoff zu allen Sünden. Denn indem er die Herrlichkeit der Gottheit in Folge der Freiheit seines Willens und durch seine eigene Thätigkeit erlangen zu können glaubte, verlor er auch jene Herrlichkeit, die ihm des Schöpfers Gnade verliehen hatte.

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VI. Quod superbiae uitium, cum sit in ordine conluctationis extremum, tempore tamen et origine primum sit.

Itaque exemplis ac testimoniis scripturarum manifestissime conprobatur superbiae labem, cum sit posterior in ordine conflictuum, origine tamen anteriorem esse omniumque peccatorum et criminum esse principium, nec sicut cetera uitia solummodo contrariam sibi uirtutem, id est humilitatem tantum extinguere, uerum etiam cunctarum simul interemptricem esse uirtutum, nec mediocres tantum paruosque temptare, sed maxime in fortitudinis culmine consistentes. ita enim de hoc spiritu propheta commemorat: et escae eius electae. ideoque beatus Dauid, licet tanta circumspectione cordis sui custodiret arcana, ut ad eum, quem secreta suae conscientiae non latebant, audenter proclamaret: domine non est exaltatum cor meum: neque elati sunt oculi mei. neque ambulaui in magnis: neque in mirabilibus super me. nisi humiliter sentiebam, et iterum: non habitabit in medio domus meae faciens superbiam, sciens tamen quam sit difficilis etiam perfectis ista custodia, non de sua tantum praesumit industria, sed orans domini inplorat auxilium, ut huius inimici telum possit insauciatus euadere, dicens: non ueniat mihi pes superbiae, pauens ac metuens, ne illud incidat quod dicitur de superbis: deus superbis aduersatur, et iterum: inmundus est apud deum omnis qui exaltat cor suum.

6. Die Sünde des Stolzes ist in der Ordnung des Kampfes die letzte, jedoch der Zeit und dem Ursprunge nach die erste.

Es erhellt aus den Beispielen und Zeugnissen der heiligen Schrift ganz deutlich, daß die Sünde des Stolzes wohl in der Reihe der Kämpfe zuletzt steht, jedoch dem Ursprunge nach früher zu stehen kommt, da sie aller Sünden und Laster Anfang ist, und daß sie ferner nicht, wie die übrigen Sünden, bloß die ihr entgegenstehende Tugend, nämlich nur die Demuth vernichtet, sondern daß sie auch die Mörderin aller Tugenden zumal ist, und endlich nicht nur Diejenigen versucht, die nur geringe oder mittelmäßige Fortschritte in der Tugend gemacht haben, sondern hauptsächlich Jene, die auf dem Gipfel der Tugend stehen. Denn also spricht von diesem Geiste der Prophet: „Seine Speise ist ausgewählt.“ Und obwohl der selige David die geheimen Gedanken seines Herzens mit solcher Umsicht bewachte, daß er zu Dem, welchem die Geheimnisse seines Gewissens nicht verborgen waren, rufen konnte: „Herr, nicht hat sich erhoben mein Herz, und nicht sind stolz geworden meine Augen, und nicht erging ich mich in großen, in wunderbaren Sachen über mir; fürwahr, demüthig dacht’ ich;“ und ferner: „Nicht soll wohnen inmitten meines Hauses, wer Übermuth verübt“: so war er sich doch bewußt, wie schwierig auch für die Vollkommenen die Wachsamkeit in dieser Beziehung sei. Darum wagt er sie nicht von seinen eigenen Bemühungen zu hoffen, sondern fleht im Gebete die Hilfe Gottes an, daß es ihm vergönnt sei, unverwundet dem Geschoße dieses Feindes zu entrinnen, indem er spricht: „Nicht trete auf mich der Fuß des Übermuthes.“ Denn er fürchtet der Strafe zu verfallen, welche den Hochmüthigen angedroht ist mit den Worten: „Gott widersteht den Stolzen;“ und ferner: „Unrein ist vor Gott Jeder, der sein Herz erhebt.“

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VII. Quod tantum sit malum superbiae, ut ipsum deum aduersarium habere mereatur.

Quantum est malum superbiae, ut non angelum, non alias uirtutes sibi contrarias, sed ipsum deum aduersarium habere mereatur. notandum siquidem est quod nequaquam dixerit super his qui ceteris sunt uitiis inuoluti, quod habeant sibi dominum resistentem, id est 'dominus gastrimargis, fornicariis, iracundis seu filargyris aduersatur', sed solis superbis. illa namque uitia uel in unumquemque delinquentium tantummodo retorquentur uel in suos participes, id est in alios homines uidentur admitti: haec uero proprie pertingit ad deum et idcirco eum specialiter digna est habere contrarium.

7. So groß ist das Übel des Stolzes, daß es Gott selbst zum Widersacher zu haben verdient.

Wie groß muß das Übel des Hochmuthes sein, da es nicht einen Engel, nicht andere Tugenden zum Gegner, sondern Gott selbst zum Widersacher zu haben verdient! Man muß nämlich darauf Acht haben, daß es keineswegs von Jenen, die in die übrigen Laster verstrickt sind, heißt, Gott widerstehe ihnen, z. B. Gott widerstehe den Bauchdienern, den Unzüchtigen, den Zornigen, den Geizigen, sondern nur den Stolzen. Denn jene Sünden kehren sich entweder nur gegen jeden betreffenden Sünder, oder sie scheinen gegen Die, welche daran Theil haben, d. h. gegen andere Menschen begangen zu werden; diese aber richtet sich im eigentlichen Sinne gegen Gott und verdient deßhalb ihn in besonderer Weise zum Gegner zu haben.

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VIII. Quemadmodum deus superbiam diaboli uirtute humilitatis extinxerit, et diuersa super hoc testimonia.

Ideoque uniuersitatis creator et medicus deus causam principiumque morborum superbiam esse cognoscens contrariis sanare contraria procurauit, ut ea scilicet, quae per superbiam corruerant, per humilitatem resurgerent. ille namque dicit: in caelum conscendam, hic dicit: humiliata est in terra anima mea. ille dicit: ero similis altissimo, hic, cum esset in forma dei, exinaniuit semet ipsum formam serui accipiens, humiliauitque se factus oboediens usque ad mortem. ille dicit: super astra dei exaltabo solium meum, iste dicit: discite a me quia mitis sum et humilis corde. ille dicit: nescio dominum, et Israhel non dimitto, iste dicit: si dixero quia non noui eum, ero similis uobis mendax: sed noui eum et mandata eius seruo. ille dicit: mea sunt flumina et ego feci ea, iste dicit: non possum ego a me ipso facere quicquam, sed pater meus in me manens ipse facit opera. ille dicit: mea sunt omnia regna mundi et gloria eorum, et cui uoluero do ea, iste cum diues esset, pauper effectus est, ut eius inopia nos diuites redderemur. ille dicit: sicut colliguntur oua, quae derelicta sunt, sic uniuersam terram ego congregaui: et non fuit qui moueret pennam, et aperiret os, et ganniret, iste dicit: similis factus sum pellicano solitario: uigilaui, et factus sum sicut passer solitarius in tecto. ille dicit: exsiccaui uestigio pedum meorum omnes riuos aggerum, hic dicit: numquid non possum rogare patrem meum, et exhibebit mihi modo plus quam duodecim milia legiones angelorum? si principalis ruinae causam et salutis nostrae fundamenta perspeximus, a quo et qualiter uel ista iacta sint uel illa emerserit, quemadmodum deuitare tam atrocem mortem superbiae debeamus, uel illius ruina uel huius doceamur exemplo.

8. Gott hat den Stolz des Teufels durch die Tugend der Demuth ertödtet.

Deßhalb war Gott, der Schöpfer und Heiland der Welt, der in dem Stolze die Ursache und den Anfang aller Krankheiten erkannte, Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem zu heilen besorgt, damit Das, was durch den Stolz gefallen war, durch die Demuth sich wieder erheben solle. Denn Jener (Luzifer) sprach: „Zum Himmel will ich hinaufsteigen.“ Dieser (der Heiland) durch den Mund des Psalmisten: „Gebeugt zur Erde ist meine Seele.“ Jener sagt: „Dem Höchsten will ich gleich sein;“ als Dieser in der Gestalt Gottes war, entäusserte er sich selbst und nahm die Gestalt des Knechtes an, erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode. Jener spricht: „Ueber die Sterne des Himmels will ich meinen Thron erhöhen;“ Dieser: „Lernet von mir, denn ich bin demüthig und sanftmüthig von Herzen.“ Jener sagt: „Ich kenne keinen Herrn und werde Israel nicht entlassen;“ Dieser sagt: „Wenn ich sagen würde, ich kenne ihn nicht, so wäre ich gleich euch ein Lügner; aber ich kenne ihn und halte seine Gebote.“ Jener rühmt sich: „Mein sind die Flüsse, und ich machte sie;“ Dieser spricht: „Ich kann aus mir selbst Nichts thun, sondern mein Vater, der in mir wohnt, er thut die Werke.“ Jener spricht: „Mein sind alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit, und wem ich will, dem gebe ich sie;“ Dieser aber ist arm geworden, obwohl er reich war, damit wir durch seine Dürftigkeit reich würden. Jener prahlt: „Wie man die übriggelassenen Eier sammelt, so habe ich alle Länder gesammelt, und es war Niemand, der, wie ein Vogel, nur eine Feder bewegte, der seinen Mund öffnete und athmete.“ Dieser spricht: „Dem Pelikan in der Wüste bin ich ähnlich geworden, ich habe gewacht und bin geworden wie die Eule, einsam im Bauwerke.“ Jener sagt: „Ich habe mit dem Tritte meines Fußes alle Bäche ausgetrocknet;“ Dieser: „Könnte ich nicht meinen Vater bitten, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel senden?“ Wenn wir die Ursache des ersten Falles und zugleich die Grundlage unseres Heiles erwägen, wenn wir bedenken, was den Teufel veranlaßte, sich zu rühmen, und Christus, demüthig zu reden, so werden wir durch den Fall des ersteren und das Beispiel des Letzteren belehrt werden, wie wir dem jähen Tode entgehen können, den uns der Hochmuth bereiten will.

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VIIII. Quemadmodum nos quoque superbiam superare possimus.

Itaque hunc nequissimi spiritus laqueum taliter poterimus euadere, si in singulis quibus senserimus nos uirtutibus profecisse illud apostolicum dixerimus: non ego, sed gratia dei mecum, et: gratia dei sum quod sum, et deum esse qui operatur in nobis et uelle et perficere pro bona uoluntate, dicente etiam ipso auctore salutis nostrae: qui manet in me et ego in illo, hic fert fructum multum, quia sine me nihil potestis facere, et: nisi dominus aedificauerit domum, in uanum laborauerunt qui aedificant eam, nisi dominus custodierit ciuitatem, frustra uigilauit qui custodit eam, et: in uanum uobis est ante lucem surgere, quia non est uolentis neque currentis, sed miserentis est dei.

9. Auch wir vermögen den Stolz zu überwinden.

Darum werden wir dieser Schlinge des verruchtesten aller Geister nur dann zu entrinnen im Stande sein, wenn wir bei jedem einzelnen Fortschritte, den wir nach unserer Beobachtung in der Tugend machen, mit dem Apostel sprechen: „Nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir,“ und: „Gott ist es, der in uns wirket das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen;“ sagt ja doch auch der Urheber unseres Heiles: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr Nichts thun;“ und: „Wenn der Herr das Haus nicht baut, bauen die Bauleute umsonst; wenn der Herr die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter umsonst;“ und: „Vergeblich ist’s, vor Tagesanbruch aufzustehen:“ „denn nicht ist es Sache des Wollenden noch des Laufenden, sondern des erbarmenden Gottes.“

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X. Quod nemo possit perfectionem uirtutum uel promissam beatitudinem suis tantum uiribus obtinere.

Nullius namque quamuis feruentis et cupientis tam idonea potest uoluntas esse uel cursus, ut carne spiritui repugnante circumdatus ualeat tantum perfectionis praemium et palmam integritatis ac puritatis adtingere, nisi fuerit diuina miseratione protectus, ut ad illud, quod magnopere uult et ad quod currit, peruenire mereatur. omne enim datum bonum et omne donum perfectum de sursum est descendens a patre luminum. quid enim habes quod non accepisti? quodsi accepisti, quid gloriaris quasi non acceperis?

10. Niemand kann vollkommene Tugend noch die verheissene Glückseligkeit einzig aus eigener Kraft erringen.

Niemandes Wille und Lauf, mag er noch so sehr wollen und laufen, kann so geschickt sein, daß er, umkleidet mit dem Fleische, das dem Geiste widerstrebt, einen solchen Preis der Vollkommenheit und eine solche Palme der Reinheit und Unbeflecktheit erreichen kann, daß er zu dem Ziele, das er eifrig will, und zu dem er hineilt, zu gelangen verdient, wenn ihn Gottes gnadenreiche Erbarmung nicht stützt. Denn „alle gute Gabe und jegliches vollkommene Geschenk kommt von oben, kommt vom Vater des Lichtes;“ „denn was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als ob du es nicht empfangen hättest?“

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XI. Exemplum latronis siue Dauid uel uocationis nostrae ad dei gratiam demonstrandam.

Si enim uel illum latronem ob unam confessionem introductum in paradisum recordemur, intellegemus eum non cursus sui merito tantam beatitudinem consecutum, sed dono dei miserentis indeptum. uel si reminiscamur Dauid regis duo tam grauia tamque inmania crimina uno paenitudinis sermone deleta, nec hic uidebimus ad indulgentiam tanti criminis obtinendam laboris aequiperasse merita, sed dei gratiam superabundasse, qui uerae paenitudinis occasione percepta tantam peccatorum materiem sub unius uerbi plena confessione consumpsit. principium quoque discutientes uocationis ac salutis humanae, qua non ex nobis nec ex operibus nostris secundum apostolum, sed dei sumus dono gratiaque saluati, liquido poterimus aduertere, quemadmodum perfectionis summa non uolentis neque currentis, sed miserentis sit dei, qui nequaquam laborum uel cursus nostri merito conpensante uitiorum nos facit esse uictores nec aequiperante nostrae uoluntatis industria tam arduum integritatis culmen subiugata qua utimur carne conscendere. nulla siquidem corporis huius adflictio nullaque cordis contritio ad capessendam ueram illam interioris hominis castitatem possit esse condigna, ut tantam puritatis uirtutem angelis solis ingenitam caelique uernaculam nudo humano labore, id est sine adiutorio dei ualeat obtinere, quia totius boni effectus ab illius profluit gratia, qui tantam perennitatem beatitudinis et inmensitatem gloriae exiguae uoluntati breuique ac paruo cursui nostro multiplicata largitate donauit.

11. David’s und des frommen Schächers Beispiel bestätigt diese Wahrheit.

Wenn wir jenen Schächer, der einzig wegen seines Bekenntnisses in das Paradies aufgenommen wurde, uns vor die Seele führen, so müssen wir erkennen, daß er nicht durch das Verdienst seines Laufes eine solche Glückseligkeit erlangt habe, sondern daß sie ihm durch die Gnade des erbarmenden Gottes zu Theil geworden sei. Oder wenn wir uns erinnern, daß des Königs David zwei so schwere und große Verbrechen durch ein einziges Reuegebet getilgt wurden, so werden wir sehen, daß auch bei David die Verdienste seines Leidens nicht hinreichten, um die Verzeihung einer so großen Sünde zu erlangen, sondern daß Gottes Gnade überschwänglich war, die in Verbindung mit einer wahren Reue diese großen Sünden bei dem in einem Worte Alles umfassenden Bekenntnisse tilgte.

Betrachten wir auch den Anfang der Berufung und Rettung des Menschen, welche uns nicht aus uns noch aus unsern Werken, wie der Apostel sagt, sondern durch Gottes Güte und Gnade zu Theil wurde, so können wir klar erkennen, wie die Höhe der Vollkommenheit nicht Sache des Wollenden noch des Laufenden, sondern des begnadigenden Gottes ist, der, ohne das Verdienst unserer Arbeiten und unseres Laufes abzuwägen, uns über die Sünden Sieger sein läßt und, ohne das Streben unseres Willens strenge anzurechnen, uns unser Fleisch unterwerfen und den Gipfel der Heiligkeit ersteigen läßt. Denn kein körperliches Leiden und keine Zerknirschung des Herzens besitzt einen zur Erlangung jener wahren Reinheit des inneren Menschen hinreichenden Werth, so daß der Mensch eine so große nur den Engeln angeborene Tugend der Keuschheit und den Besitz der himmlischen Heimath bloß durch menschliche Anstrengung d. h. ohne göttliche Hilfe zu erlangen im Stande wäre. Denn das Wirken eines jeden guten Werkes fließt aus der Gnade Dessen, der eine solche ewige Glückseligkeit und unermeßliche Herrlichkeit unserem geringen guten Willen und unserem kurzen und kleinen Laufe in grenzenloser Freigebigkeit geschenkt hat.

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XII. Quod nullus sit labor, qui possit repromissae beatitudini conparari.

Omnis enim longaeuitas uitae praesentis, cum ad illam futurae gloriae perennitatem respexeris, euanescit, et dolores cuncti contemplatione illius inmensae beatitudinis effugantur atque ut fumus ad nihil extenuati liquescunt et nusquam ut fauilla conparent.

12. Es gibt kein Leiden, das mit der verheissenen Glückseligkeit sich vergleichen lassen könnte.

Auch das längste Menschenleben verschwindet, wenn man die Ewigkeit der künftigen Herrlichkeit betrachtet; und alle Schmerzen entfliehen bei der Betrachtung jener unendlichen Glückseligkeit, und sie zerfließen, wie Rauch zu einem Nichts verduftet, und gleich der Asche erscheinen sie nirgends.

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XIII. Traditio seniorum de consequenda puritate.

Quapropter iam tempus est ut ipsis quibus tradunt uerbis patrum sententiam proferamus, eorum scilicet qui uiam perfectionis et qualitatem eius non uerborum iactantia depinxerunt, sed potius re et opere ac uirtute spiritus possidentes experimentis eam propriis et exemplis certissimis tradiderunt. aiunt itaque non posse ad purum quempiam carnalibus uitiis emundari, nisi uniuersum laborem suum atque conatum ad tantum perfectionis finem intellexerit non posse sufficere, nec eam nisi dei miseratione et adiutorio conprehendi non tam tradentis institutione quam affectu atque uirtute et experimentis propriis eruditus agnoscat. ad capessenda namque tam magnifica tamque praecelsa puritatis et integritatis praemia quantuslibet ieiuniorum, uigiliarum, lectionis, solitudinis ac remotionis labor fuerit inpensus, condignus esse non poterit qui haec industriae suae merito uel sudoris obtineat. numquam enim diuinum munus labor proprius humanaue conpensabit industria, nisi desideranti diuina fuerit miseratione concessum.

13. Überlieferung der Väter über die Erlangung der Reinheit.

Doch es ist Zeit, daß wir die Lehre der Väter gerade mit den Worten, mit denen sie dieselbe überliefern, anführen, und zwar die Lehre jener Väter, die den Weg der Vollkommenheit und seine Beschaffenheit nicht mit Wortschwall dargestellt, sondern vielmehr im Werke und in der Tugend besessen und ihn durch ihre eigene Erfahrungen und ganz zuverläßige Beispiele gelehrt haben. Sie behaupten also, nicht könne Einer gründlich sich von den Fleischessünden rein machen, wenn er nicht einsehe, daß alle seine Mühe und Anstrengung zum Zwecke einer so großen Vollkommenheit nicht ausreichen könnte, und wenn er, nicht so sehr durch die Anleitung eines Lehrers, als durch die eigene Neigung, Kraft und Erfahrung belehrt, nicht erkenne, daß man dieselbe nur durch Gottes Hilfe und Erbarmung erlangen kann. Denn welche Anstrengung des Fastens, der Nachtwachen, der Lesung, Einsamkeit und Zurückgezogenheit man auch auf die Erreichung so herrlicher und erhabener Preise der Reinheit und Heiligkeit verwenden mag, niemals wird man die Kraft besitzen, durch das Verdienst eigener Thätigkeit und Anstrengung dieselbe zu erlangen. Denn nimmer wird die eigene Anstrengung und menschliches Bemühen Gottes Gabe aufwiegen, es sei denn dem Verlangen des Menschen durch die Gnade Gottes so verliehen.

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XIIII. Quod adiutorium dei laborantibus tribuatur.

Nec hoc dico ut humanos conatus euacuans ab industria et laboris intentione quemquam reuocare contendam, sed plane constantissime non mea, sed seniorum sententia definio perfectionem quidem sine his omnino capi non posse, his autem solis sine gratia dei posse eam a nemine consummari. ut enim dicimus conatus humanos adprehendere eam per se ipsos non posse sine adiutorio dei, ita pronuntiamus laborantibus tantum ac desudantibus misericordiam dei gratiamque conferri et, ut uerbis apostoli loquar, uolentibus et currentibus inpertiri secundum illud, quod etiam in psalmo octogensimo octauo ex persona dei cantatur: posui adiutorium super potentem: et exaltaui electum de plebe mea. dicimus enim secundum saluatoris sententiam dari quidem petentibus, aperiri pulsantibus et a quaerentibus inueniri, sed petitionem et inquisitionem et pulsationem nostram non esse condignam, nisi misericordia dei id quod petimus dederit uel aperuerit quod pulsamus uel illud quod quaerimus fecerit inueniri. praesto est namque, occasione sibi tantummodo a nobis bonae uoluntatis oblata, ad haec omnia conferenda. amplius enim ille quam nos perfectionem salutemque nostram desiderat et expectat. et in tantum beatus Dauid prouentum sui operis ac laboris propria tantum industria non posse nouerat obtineri, ut a domino promereri directionem suorum operum iterata prece deposceret dicens: et opera manuum nostrarum dirige super nos, et opus manuum nostrarum dirige, et rursum: confirma deus hoc, quod operatus es in nobis.

14. Denen, welche sich Mühe geben, wird Gottes Hilfe zu Theil.

Nicht sage ich Dieß, um den menschlichen Bemühungen allen Werth abzusprechen und so Jemanden von dem Eifer und dem Vorsatze mühevoller Anstrengung abziehen zu wollen; sondern standhaft nicht bei meiner, sondern bei der Väter Ansicht beharrend behaupte ich, daß die Vollkommenheit ohne diese menschlichen Anstrengungen sich überhaupt gar nicht erreichen lasse, daß sie aber durch dieselbe allein ohne Gottes Gnade von Niemandem zu Stande gebracht werden könne. Denn wie wir behaupten, daß menschliche Bemühungen ohne Gottes Gnade, durch sich selbst, die Vollkommenheit nicht erreichen könnten, so erklären wir auch, daß nur Jenen, die sich anstrengen und abmühen, die Erbarmung und Gnade Gottes zu Theil werde und, um mit dem Apostel zu reden, den Wollenden und Laufenden geschenkt werde nach jenem Worte des achtundachtzigsten Psalmes, das Gott in den Mund gelegt wird: „Geliehen habe ich Beistand einem Helden und erhöhet einen Erkorenen aus meinem Volke.“ Auch sagen wir nach den Worten des Erlösers, daß gegeben werde den Bittenden, aufgethan werde den Anklopfenden, gefunden werde von den Suchenden; aber unser Bitten, Suchen und Anklopfen hat kein Verdienst, wenn nicht die Barmherzigkeit Gottes Das gibt, um was wir bitten, und öffnet, wo wir anklopfen, und Das, was wir suchen, uns auch finden läßt. Denn er ist bereit, Dieß alles zu gewähren, wenn ihm nur von uns die Gelegenheit des guten Willens geboten wird. Denn mehr als wir erwartet und ersehnt er unsere Vervollkommnung und Heiligung. Und so sehr war der fromme David davon überzeugt, daß ein Erfolg seines Wirkens und seiner Bemühung durch seine eigene Anstrengung nicht erzielt werden könne, daß er von dem Herrn die Leitung seiner Werke in wiederholtem Gebet mit den Worten begehrte: „Und unserer Hände Werk leite über uns, und das Werk unserer Hände leite;“ und: „Bekräftige das, o Gott, was du in uns gewirkt hast!“

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XV. A quibus perfectionis uiam discere debeamus.

Ideoque si ad ueram consummationem uirtutum uolumus effectu et opere peruenire, illis debemus adquiescere magistris ac ducibus, qui hanc non uaniloqua disputatione somniantes, sed re atque experimentis adprehendentes nos quoque docere atque ad eam dirigere similiter possunt et uiam, quemadmodum perueniamus ad eam, certissimo tramite demonstrare, quique ad hanc fide se potius peruenisse quam laborum merito testabantur. quibus etiam hoc praecipuum sui cordis adquisita puritas conferebat, ut magis magisque se deprimi peccatis agnoscerent (tanta namque in eis delictorum conpunctio per dies singulos augebatur, quanta puritas animi profecisset) traherentque iugiter intimo corde suspiria, eo quod semet ipsos sentirent nequaquam posse delictorum naeuos ac maculas deuitare, quae eis per multiplices cogitationum minutias inurebantur. et idcirco futurae uitae stipendia non operum sperare se merito, sed misericordia domini proclamabant, nihil sibi de tanta circumspectione cordis aliorum conparatione donantes, quippe qui hanc ipsam non suae industriae, sed diuinae gratiae adscribebant: nec blandientes sibi de inferiorum ac tepidorum neglegentia, sed contemplatione potius illorum, quos uere peccato carere atque in regno caelorum aeterna iam beatitudine perfrui nouerant, humilitatem perpetuam conquirebant. atque ita consideratione hac et elationis ruinam pariter declinabant et quo contenderent uel quod dolerent semper inueniebant, intellegentes semet ipsos ad illam puritatem cordis quam cupiunt obsistente carnis sarcina peruenire non posse.

15. Von wem sollen wir den Weg der Vollkommenheit lernen?

Wenn wir daher zur wahren Vollendung der Tugenden in Wirklichkeit und in der That gelangen wollen, so müssen wir auf jene Lehrer und Führer hören, die nicht in eitler Rede von ihr träumen, sondern sie in der That und Übung erfassen und darum auch uns dieselbe lehren und uns zu ihr hinführen und den Weg, auf dem wir zu ihr gelangen, auf sicherem Pfade zeigen können; bezeugten sie ja doch, mehr durch vertrauensvolle Hingabe an Gott als durch das Verdienst ihrer Werke zur Vollkommenheit gelangt zu sein. Ihnen verlieh auch die Reinheit ihres Herzens diesen Vorzug, mehr und mehr zu erkennen, daß sie von ihren Sünden niedergedrückt würden. Denn in dem Maße mehrte sich in ihnen täglich der Schmerz über ihre Vergehen, als die Reinheit des Herzens Fortschritte machte und stets aus der Tiefe ihres Herzens Seufzer emporstiegen, weil sie fühlten, wie sie nicht selbst die Brandmale und Flecken der Sünden zu meiden im Stande seien, welche ihnen durch vielfache kleinliche Gedanken eingebrannt wurden. Und deßwegen hofften sie den Lohn des künftigen Lebens nicht von dem Verdienste ihrer Werke, sondern von Gottes Barmherzigkeit. Im Gegensatz zu Andern legten sie auf die innere Wachsamkeit gar kein so großes Gewicht, da sie ja auch diese nicht ihrer Bemühung, sondern Gottes Gnade zuschrieben; und nicht huldigten sie der Nachläßigkeit der Niederen und Lauen, sondern suchten vielmehr aus der Betrachtung Jener, die sie wahrhaft von Sünden frei und im Himmelreich schon im Genusse der ewigen Glückseligkeit wußten, beständige Demuth, und wandten sie durch diese Betrachtung sowohl den Sturz des Hochmuthes ab, wie sie auch immer ein Ziel ihres Strebens und einen Grund zur Betrübniß fanden; denn sie erkannten, daß sie zur ersehnten Herzensreinheit bei dem Widerstand, den die Last des Fleisches leistet, nicht selbst gelangen könnten.

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XVI. Non posse nos sine misericordia et inspiratione dei ad ipsum laborem obtinendae perfectionis accedere.

Igitur secundum traditiones et institutiones eorum sic ad eam festinare debemus ieiuniis, uigiliis, orationibus, contritioni cordis et corporis operam dantes, ne haec omnia morbo hoc inflante uacuemus. non solum namque ipsam perfectionem oportet credere industria nos uel labore nostro possidere non posse, sed ne haec ipsa quidem, quae illius exercemus obtentu, id est labores conatusque nostros ac studia sine diuinae protectionis auxilio inspirationisque eius et castigationis atque exhortationis gratia posse perficere, quam scilicet cordibus nostris uel per alium solet uel per semet ipsum, nos uisitans, clementer infundere.

16. Ohne Gottes Erbarmung und Erleuchtung können wir nicht einmal um die Erlangung der Vollkommenheit uns bemühen.

Also müssen wir nach den Überlieferungen und Belehrungen der Väter auf diese Weise nach Erlangung der Vollkommenheit streben und uns der Fasten, der Nachtwachen, des Gebetes, der leiblichen und geistigen Zerknirschung befleissen, damit wir Dieß alles durch den Einfluß dieser Krankheit nicht seines Werthes berauben. Denn nicht nur müssen wir in dem Glauben leben, daß wir die Vollkommenheit an sich nicht durch unser Bemühen erlangen können, sondern nicht einmal Das, was wir mit Rücksicht auf dieselbe üben, nämlich unsere Anstrengungen, Versuche und Bestrebungen ohne die Hilfe des göttlichen Schutzes und die Gnade seiner Eingebungen, Züchtigung und Ermahnung nicht vollbringen können; und diese pflegt er entweder durch einen Andern oder selbst, durch seine eigene Heimsuchung in unsere Herzen gnädig einzugießen.

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XVII. Testimouia diuersa, quibus euidenter ostenditur nihil posse nos quod ad salutem nostram pertinet sine adiutorio dei perficere.

Postremo instruat auctor salutis nostrae, quid nos oporteat in singulis quibusque quae gerimus non modo sentire. sed etiam confiteri. non possum ego, inquit, a me ipso facere quicquam. pater autem in me manens ipse facit opera. ille ex persona hominis adsumpti dicit nihil a semet ipso posse se facere, et nos cinis ac terra in his, quae ad nostram salutem pertinent, arbitramur nos adiutorio domini non egere? discamus itaque et nos, per singula nostram simul infirmitatem et illius adiutoria sentientes, cotidie proclamare cum sanctis: inpulsus uersatus sum ut caderem: et dominus suscepit me. fortitudo mea, et laudatio mea dominus: et factus est mihi in salutem, et: nisi quia dominus adiuuit me: paulo minus habitauerat in inferno anima mea. si dicebam: motus est pes meus: misericordia tua domine adiuuabat me. secundum multitudinem dolorum meorum in corde meo: consolationes tuae laetificauerunt animam meam. uidentes etiam cor nostrum in timore domini et patientia roborari dicamus: et factus est dominus firmamentum meum. et eduxit me in latitudine. scientiam quoque profectu operum intellegentes nobis augeri dicamus: quoniam tu inluminas lucernam meam domine: deus meus inlumina tenebras meas. quoniam in te eripiar a temptatione, et in deo meo transgrediar murum. deinde sentientes nosmet ipsos fortitudinem tolerantiae conquisisse et in semita uirtutum facilius ac sine labore dirigere adiciamus: deus qui praecinxit me uirtute: et posuit inmaculatam uiam meam. qui perfecit pedes meos tamquam cerui, et super excelsa statuit me, qui docet manus meas ad proelium. consecuti etiam discretionem, qua roborati possimus aduersarios nostros elidere, proclamemus ad deum: disciplina tua erexit me in finem: et disciplina tua ipsa me docebit. dilatasti gressus meos subtus me: et non sunt infirmata uestigia mea. et quia taliter sum roboratus scientia tua atque uirtute, inferam confidenter ea quae sequuntur et dicam: persequar inimicos meos, et conprehendam illos: et non conuertar donec deficiant. conteram illos, nec poterunt stare: cadent sub pedes meos. rursus infirmitatis nostrae memores nec posse nos tam acerbos uitiorum hostes fragili carne circumdatos sine illius adiutorio superare dicamus: in te inimicos nostros uentilabimus, et in nomine tuo spernemus insurgentes in nos. non enim in arcu meo sperabo: et gladius meus non saluabit me. tu enim saluasti nos de adfligentibus nos: et odientes nos confudisti. sed etiam praecinxisti me uirtute ad bellum: subplantasti omnes insurgentes in me subtus me. et inimicos meos dedisti mihi dorsum, et odientes nos confudisti. sed nec armis nostris posse nos uincere cogitantes dicamus: adprehende arma et scutum: et exsurge in adiutorium mihi. effunde frameam, et conclude aduersus eos, qui persequuntur me: dic animae meae: salus tua ego sum. et posuisti arcum aereum brachia mea. et dedisti mihi protectionem salutis meae: quia nec patres nostri in gladio suo possederunt terram, et brachium eorum non saluauit eos: sed dextera tua, et brachium tuum, et inluminatio uultus tui: quoniam conplacuit tibi in eis. postremo uniuersa beneficia eius cum gratiarum actione mente sollicita perlustrantes super his omnibus, quod uel pugnauimus uel inluminationem scientiae uel disciplinam discretionis ab eo consecuti sumus, uel quod suis nos armis instruxit et uirtutis cingulo conmuniuit, uel quod inimicorum nostrorum nobis praebuit dorsum et tribuit uirtutem comminuendi eos ut puluerem ante faciem uenti, intimo cordis affectu clamemus ad eum: diligam te domine uirtus mea: dominus firmamentum meum, et refugium meum, et liberator meus. deus meus adiutor meus, et sperabo in eum. protector meus, et cornu salutis meae, et susceptor meus. laudans inuocabo dominum: et ab inimicis meis saluus ero.

17. Verschiedene Zeugnisse, nach denen wir in Dingen unseres Heiles ohne Gottes Hilfe Nichts vollbringen können.

Zuletzt belehrt uns der Urheber unseres Heiles nicht nur, welche Gesinnung wir bei jedem einzelnen Werke, das wir verrichten, haben müssen, sondern auch, was wir dabei bekennen sollen. „Nicht kann ich,“ sagt er, „Etwas aus mir selbst thun: der Vater aber, der in mir wohnt, er thut die Werke.“ Er sagt seiner angenommenen Menschennatur nach, daß er aus sich selbst Nichts thun könne: und wir, Staub und Asche, wähnen in dem, was unser Heil betrifft, Gottes Hilfe nicht zu bedürfen! Lernen wir daher in dem Gefühl unserer Schwäche in allen Dingen und zugleich im Vertrauen auf seine Hilfe täglich mit den Heiligen ausrufen: „Gedrängt, gestoßen ward ich, daß ich fallen sollte, aber der Herr nahm mich auf. Meine Stärke und mein Lob ist der Herr, und er ward mir zum Heile;“ und: „Wenn nicht der Herr mir geholfen, hätte schier wohnen müssen im Todtenreich meine Seele. Sprach ich: „Es wankt mein Fuß,“ da half, Herr, dein Erbarmen mir. Bei der Menge meiner Sorgen in meinem Herzen erfreuen deine Tröstungen meine Seele.“ Sehen wir auch unser Herz in der Furcht Gottes und Geduld befestigt, so laßt uns sprechen: „Und es ward der Herr meine Veste und führte mich heraus in’s Weite.“ Erkennen wir, daß sich auch unser Wissen durch einen guten Fortschritt unserer Arbeiten mehret, so laßt uns sagen: „Denn du, o Herr, machest licht meine Leuchte, mein Gott, erhelle meine Finsterniß; denn durch dich ward ich entrissen aus Versuchung, und mit meinem Gotte überspring’ ich Mauern.“ Bemerken wir ferner, daß auch wir Kraft im Ertragen errungen haben und uns auf dem Pfade der Tugenden leichter und ohne Mühe leiten lassen, so laßt uns sprechen: „Gott, der du mich umgürtet hast mit Kraft und makellos gemacht hast meinen Weg, der du geschaffen hast meine Füße wie die eines Hirsches und mich auf Höhen gestellt hast, der unterwiesen meine Hände zu dem Kriege.“ Haben wir auch Klugheit erlangt, durch die gestärkt wir unsere Feinde aus dem Felde schlagen können, so rufen wir zu Gott: „Und deine Führung lenkt mich bis zu Ende, und deine Führung, sie belehret mich. Raum gabst du meinen Schritten unter mir, und nicht wankten meine Tritte.“ Und weil ich so durch deine Weisheit und Kraft gestärkt bin, will ich mit Vertrauen auch die folgenden Worte sprechen: „Ich verfolgte meine Feinde und ergriff sie und kehrte nicht um, bis sie erlagen. Ich schmetterte sie nieder, und sie konnten nicht erstehen, hin stürzten sie unter meine Füße.“ Wieder unserer Schwäche eingedenk und im Bewußtsein, daß wir, mit gebrechlichem Leibe umkleidet, die Sünden, jene heftigen Feinde, ohne Gottes Hilfe nicht überwinden können, laßt uns sprechen: „Durch dich werfen wir unsere Feinde mit dem Horn, und in deinem Namen verachten wir Die, so sich erheben wider uns. Denn nicht auf meinen Bogen werd’ ich hoffen, und mein Schwert wird mir nicht Heil verschaffen. Denn du schaffest uns Heil vor unsern Drängern und machest zu Schanden, die uns hassen.“ „Aber auch mit Kraft gürtetest du mich zum Kriege und warfst, die wider mich gestanden, unter mich; und gabst mir meiner Feinde Rücken preis, und die mich hassen, sie vertilgtest du.“ Aber wenn wir auch bedenken, daß wir nicht mit unseren Waffen siegen können, so wollen wir sprechen: „Ergreife Wehr und Schild, erhebe dich, mir zur Hilfe.“ „Du hast festgemacht wie eherne Bogen meine Arme und gabest mir die Schutzwehr deines Heiles, und deine Rechte stützet mich.“ „Denn nicht durch ihr Schwert nahmen unsere Väter das Land in Besitz, und ihr Arm half ihnen nicht; sondern deine Rechte, und dein Arm, und deines Antlitzes Licht, weil du Gefallen gehabt an ihnen.“ Lassen wir zuletzt alle seine Wohlthaten an unserm bekümmerten Geiste vorüberziehen, zugleich ihm Dank sagend für alles Dieß, daß wir gestritten und Erleuchtung in der Weisheit und Unterweisung in der Klugheit von ihm erhalten haben, und daß er uns mit seinen Waffen ausgerüstet und mit dem Gürtel der Tugend bewahrt hat und uns den Rücken unserer Feinde preisgegeben und die Kraft verliehen hat, sie zu zerstreuen, wie den Staub vor dem Angesichte des Windes, so rufen wir zu ihm mit dem innigsten Gefühle unseres Herzens: „Lieben will ich dich, Herr, meine Stärke, Herr, meine Veste und meine Zuflucht und mein Erretter, mein Gott, mein Helfer, und ich vertraue auf ihn. Mein Schirmherr, meines Heiles Horn, der mich aufnimmt! Lobpreisend rufe den Herrn ich an, und von meinen Feinden bin ich erlöset.“

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XVIII. Quod non solum in naturali condicione, sed etiam in cotidiana dispensatione dei gratia muniamur.

Non solum pro his ei gratias referentes, quod uel rationabiles nos condidit uel liberi arbitrii potestate donauit uel baptismi largitus est gratiam uel scientiam legis adiutoriumque concessit, sed etiam pro his, quae erga nos cotidiana eius prouidentia conferuntur, quod scilicet aduersariorum nos insidiis liberat, quod cooperatur in nobis, ut carnis uitia superare possimus, quod a periculis nos etiam ignorantes protegit, quod a lapsu peccati communit, quod adiuuat nos et inluminat, ut ipsum adiutorium nostrum, quod non aliud quidam interpretari uolunt quam legem, intellegere et agnoscere ualeamus, quod pro neglegentiis delictisque nostris eius inspiratione latenter conpungimur, quod dignatione eius uisitati saluberrime castigamur, quod ab eo nonnumquam etiam inuiti trahimur ad salutem, postremo quia ipsum liberum arbitrium nostrum, quod procliuius fertur ad uitia, ad meliorem dirigit frugem et ad uirtutum uiam instigationis suae uisitatione contorquet.

18. Nicht nur in der Ordnung der Natur, sondern auch der steten Vorsehung werden wir mit Gottes Gnade bewaffnet.

Nicht bloß dafür müssen wir uns gegen Gott dankbar erweisen, daß er uns als vernünftige Wesen geschaffen, uns mit der Macht des freien Willens ausgestattet, die Gnade der Taufe geschenkt und uns die Kenntniß des Gesetzes und Beistand verliehen hat, sondern auch für Das, was uns, Dank seiner steten Fürsorge für uns, zu Theil wird: nämlich daß er uns von feindlichen Nachstellungen befreit, daß er mit uns wirkt, damit wir die Sünden des Fleisches überwinden können, daß er auch ohne unser Wissen uns vor Gefahren schützt, daß er uns gegen den Fall in die Sünde stärkt, daß er uns Hilfe und Erleuchtung spendet, damit wir seine Hilfe (unter der Einige nur das Gesetz verstehen wollen) zu verstehen und zu erkennen vermögen, daß wir für unsere Nachläßigkeiten und Vergehen in Folge seiner Einsprechung unzweifelhafte Reue und Zerknirschung fühlen, daß er sich würdigt, uns heimzusuchen und uns eine recht heilsame Züchtigung angedeihen zu lassen, daß wir von ihm zuweilen gleichsam wider unsern Willen zum Heile gezogen werden, weil er endlich gar unsern freien Willen, der gar leicht zu Sünden herabsinkt, zu einer besseren Frucht lenket und durch die Heimsuchung seiner Einsprechungen zum Wege der Tugend hinwendet.

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XVIIII. Quod haec fides ab antiquis patribus tradita sit de gratia dei.

Haec est proprie humilitas erga deum, haec est antiquissimorum patrum sincera fides, quae penes successores ipsorum mera nunc usque perdurat. cui fidei uirtutes apostolicae, quae saepenumero per eos manifestatae sunt, non solum apud nos, sed etiam apud infideles et incredulos indubitatum testimonium reddunt. qui simplicem piscatorum fidem corde simplici retinentes non eam syllogismis dialecticis et Tulliana facundia spiritu concepere mundano, sed experimento uitae sinceris actuque purissimo, correctione quoque uitiorum, et ut uerius dixerim in ipsa perfectionis inesse naturam oculatis indiciis deprehenderunt, sine qua nec pietas in deum nec uitiorum purgatio nec emendatio morum nec uirtutum consummatio poterit adprehendi.

19. Dieser Glaube von der Gnadenhilfe Gottes ist ein Erbe der Väter.

Das eigentlich ist Demuth gegen Gott, das der reine Glaube der ältesten Väter, der bei ihren Nachkommen unversehrt bis beute fortdauert. Diesem Glauben geben die apostolischen Tugenden, welche oft an den Vätern sich gezeigt haben, nicht allein bei uns, sondern auch bei den Ungläubigen unbezweifeltes Zeugniß. Diese mit ihrem einfältigen Glauben im einfältigen Herzen nahmen ihn nicht durch dialektische Vernunftschlüsse oder tullianische Beredsamkeit in einen weltlich gesinnten Geist auf, sondern fanden aus augenfälligen Zeichen, daß in einem reinen Lebenswandel, einer lauteren Handlungsweise und in der Besserung von Sünden und, besser gesagt, in diesem Glauben selbst das Wesen der Vollkommenheit enthalten sei, ohne welche man weder Gottesliebe noch Sündenreinheit, noch Besserung der Sitten, noch Vollendung der Tugenden erreichen kann.

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XX. De eo, qui propter blasphemiam traditus est inmundissimo spiritui.

Noui quendam de fratrum numero (quem utinam minime scissem, siquidem post haec ordinis mei gradu se passus est praegrauari), qui probatissimo cuidam senum uitio carnis semet ipsum grauissimo confessus est inpugnari: nam contra usum naturae desiderio patiendi magis quam inferendi ignominiam intolerabili aestu libidinis urebatur. tum illum ut spiritalem uerumque medicum interiorem causam morbi huius et originem protinus peruidisse: qui grauiter suspirans, nequaquam, ait, tam nequam spiritui tradi te dominus permisisset, nisi aliquid blasphemasses in eum. quo ille conperto confestim procidit ad pedes eius in terram, summaque admiratione perculsus tamquam deo cernens arcana sui pectoris patefacta confessus est in dei se filium cogitatione impia blasphemasse. unde perspicuum est eum, qui superbiae spiritu possidetur uel qui in deum blasphemus exsistit, tamquam qui inroget illi iniuriam, a quo puritatis speranda sunt dona, perfectionis integritate priuari et sanctificationem castimoniae non mereri.

20. Von Einem, der wegen Gotteslästerung einem unreinen Geiste anheimfiel.

Ich kenne einen Bruder, den ich gar nicht zu kennen wünschte; dieser ließ sich nämlich später denselben Grad der Weihe aufbürden, mit dem ich bekleidet war. Er bekannte einem sehr erprobten Oberen, daß er von der Sünde des Fleisches auf das Heftigste angefochten werde; denn gegen die Gewohnheit der Natur von dem Verlangen ergriffen, eher Schmach zu dulden als zuzufügen, wurde er von einer unerträglichen Gluth der Wollust verzehrt. Sofort durchschaute der Abt als wahrer Seelenarzt die innere Ursache und den Ursprung dieser Krankheit. Denn schwer seufzend sprach er: „Keineswegs hätte dich Gott einem so verruchten Geiste anheimfallen lassen, wenn du nicht irgendwie gegen ihn gelästert hättest.“ Kaum hatte er Dieß gehört, so warf er sich vor dessen Füßen zur Erde nieder, und von der höchsten Verwunderung ergriffen, als sähe er von Gott die Geheimnisse seiner Brust aufgedeckt, bekannte er, gegen Gottes Sohn mit frevelhaftem Gedanken gelästert zu haben. Hieraus erhellt deutlich, daß der, den der Geist des Stolzes in Besitz hat, oder der gegen Gott lästert und Demjenigen gleichsam ein Unrecht zur Last legt, von dem er die Gabe der Reinheit zu hoffen hat, die unverletzte Vollkommenheit und Heiligkeit der Keuschheit nicht verdient.

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XXI. Exemplum Ioas regis Iudae, quo ostenditur quid propter superbiam meruerit.

Legimus tale aliquid in Paralipomenon libro. Ioas enim rex Iuda septem annorum ab loiade pontifice adscitus in regnum atque in omnibus, quoad uixit memoratus pontifex, testimonio scripturae laudatus est. de quo post obitum loiade audi quid scriptura commemoret et quemadmodum elatus superbia ignominiosae fuerit traditus passioni: postquam autem obiit loiade, ingressi sunt principes Iuda, et adorauerunt regem, qui delenitus obsequiis eorum adquieuit. et dereliquerunt templum domini dei patrum suorum, seruieruntque lucis et sculptilibus, et facta est ira contra Iudam et Hierusalem propter hoc peccatum. et post pauca: cumque euolutus esset annus, ascendit contra eum exercitus Syriae: uenitque in Iudam et Hierusalem, et interfecit cunctos principes populi, atque uniuersam praedam miserunt regi Damascum. et certe cum permodicus uenisset numerus Syrorum, tradidit dominus in manus eorum infinitam multitudinem, eo quod reliquissent dominum deum patrum suorum: in Ioas quoque ignominiosa exercuere iudicia. et abeuntes dimiserunt cum in languoribus magnis. uides quam flagitiosis ac sordidis passionibus tradi mereatur superbia. qui enim elatus adrogantia ut deum se passus est adorari, traditur secundum apostolum in passiones ignominiae et in reprobum sensum, ut patiatur ea quae non conuenit. et quia dicente scriptura inmundus est ante deum omnis qui exaltat cor suum, iste, qui tumida elatione cordis inflatus est, turpissimae confusioni traditur deludendus, ut humiliatus taliter sentiret semet ipsum esse uel inmunditia carnis et conscientia inpurae passionis inmundum, quod animi sui noluerat elatione sentire, et ut carnis ignominiosa contagio patefaceret inmunditiam cordis eius occultam, quam superbiae malo contraxerat, ac manifesta pollutione corporis sui probaretur inpurus, qui per elationem spiritus factum se non sentiebat inmundum.

21. Was der König Joas von Juda durch seinen Hochmuth verdient hat.

Etwas Ähnliches lesen wir im Buche Paralipomenon. Nämlich Joas, der König von Juda, wurde im siebenten Lebensjahre von dem Hohenpriester Jojada zur Regierung gezogen und, solange der erwähnte Hohepriester lebte, in allen Dingen von dem heiligen Geiste gelobt. Höre, was nach des Jojada Tode die heilige Schrift von ihm erzählt, und wie er, vom Stolze aufgeblasen, einer schmählichen Leidenschaft anheim fiel. „Als aber Jojada gestorben war, kamen die Fürsten von Juda, verehrten den König, und erweicht durch ihre Bitten gab er ihnen nach. Und sie verließen den Tempel des Herrn, des Gottes ihrer Väter, und dienten Hainen und Schnitzbildern; und Zorn entstand über Juda und Jerusalem ob dieser Sünde.“ Und bald darauf heißt es: „Und als ein Jahr abgelaufen war, da zog heran gegen ihn ein Heer von Syrien und kam nach Juda und Jerusalem und tödtete alle Fürsten des Volkes; und sie schickten die ganze Beute dem Könige nach Damaskus. Und sicherlich, da eine sehr mäßige Zahl Syrer gekommen war, gab der Herr die unzählige Menge in ihre Hände, dafür, daß sie verlassen hatten den Herrn, den Gott ihrer Väter; auch an Joas hatten sie geübt schmähliches Gericht. Und als sie abzogen, verließen sie ihn in großen Leiden.“ Du siehst hier, welch’ schändlichen und schmutzigen Leidenschaften der Stolz anheim zu fallen verdient. Denn wer vom Hochmuth aufgeblasen sich wie Gott verehren läßt, wird nach dem Apostel schandbaren Leidenschaften und einem verworfenen Sinne dahingegeben, damit er Solches leide, was sich nicht ziemt. Und weil nach dem Worte der heiligen Schrift unrein vor Gott Jeder ist, der sein Herz erhebt, wird Derjenige, der von stolzer Erhebung des Herzens sich aufblähen ließ, zu seiner Beschämung der schmachvollsten Verwirrung preisgegeben, damit er, also gedemüthigt, fühle, daß er durch Unreinheit des Fleisches oder durch das Bewußtsein einer unlauteren Leidenschaft unrein sei, was er wegen der Erhebung seines Herzens nicht fühlen wollte; und damit die schmähliche Krankheit des Fleisches die verborgene Unreinheit des Herzens offenbare, die er sich durch das Uebel des Stolzes zugezogen hatte, und durch die äussere Befleckung seines Leibes Jener unrein befunden werde, der in Folge der Ueberhebung seines Geistes nicht merkte, daß er unrein geworden war.

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XXII. Omnem animam superbam subdi spiritalibus nequitiis inludendam.

Quibus manifeste probatur omnem animam, quae superbiae fuerit tumore possessa, intellectualibus Syris, id est nequitiis spiritalibus tradi eamque passionibus carnis inuolui, ut saltim uitiis humiliata terrenis inmundam se carnaliter polluta cognoscat, quae tepore mentis erecta inmundam se in conspectu dei per elationem cordis effectam intellegere ante non potuit, quo uel sic humiliatus quis a pristino tepore discedat et ignominia carnalium passionum deiectus atque confusus ad spiritalem feruorem deinceps semet ipsum ardentius conferre festinet.

22. Jede stolze Seele wird zu ihrer Beschämung den bösen Geistern unterworfen.

Die obige Erzählung beweist klar, daß jede von dem Dünkel des Stolzes in Besitz genommene Seele syrischen Geistern d. h. bösen Geistern überliefert und in die Leidenschaften des Fleisches verstrickt wird, damit sie wenigstens, durch gemeine Sünden gedemüthigt, sich fleischlich unrein und befleckt erkenne, sie, die vorher wegen Geisteslauheit sich nicht aufrichten und wegen Geisteserhebung nicht erkennen konnte, daß sie in Gottes Augen unrein geworden sei. Auf diese Weise gedemüthigt, fühlt sich der Mensch mächtig genug, die frühere Lauheit aufzugeben, und durch die Schande fleischlicher Leidenschaften gestürzt und beschämt kann er in Zukunft um so feuriger dem Eifer eines geistigen Lebens sich hinzugeben bestrebt sein.

23

XXIII. Quod perfectio adtingi nisi humilitatis uirtute non possit.

Euidenter itaque demonstratur non posse quemquam perfectionis finem ac puritatis adtingere nisi per humilitatem ueram, quam primitus fratribus reddens deo quoque in penetralibus cordis exhibeat, credens sine protectione eius atque auxilio per singula sibi momenta delato perfectionem, quam cupit et ad quam magnopere currit, se penitus obtinere non posse.

23. Nur durch die Tugend der Demuth läßt sich der Gipfel der Vollkommenheit erreichen.

So ist es also klar erwiesen, daß man das Ziel der Vollkommenheit und Reinheit nur durch wahre Demuth erreichen kann, die man hauptsächlich gegen die Mitbrüder bethätigen und auch Gott im Innern des Herzens erweisen soll, beseelt von dem Glauben, daß man ohne Gottes Schutz und stete Hilfe die Vollkommenheit, die man erstrebt, und zu der man mit großer Anstrengung hineilt, gar nicht erlangen kann.

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XXIIII. Quos spiritalis superbia pulset quosque carnalis.

Huc usque de spiritali superbia, qua diximus perfectos quosque pulsari, quantum tenuitas ingenii nostri praeualuit, donante deo dixisse sufficiet. quod superbiae genus non multis cognitum nec expertum est, quia nec plures student perfectam cordis adprehendere puritatem, ut ad hos proeliorum gradus ualeant peruenire, nec praecedentium uitiorum, quorum in singulis libellis naturam pariter remediaque praemisimus, procuratur ulla purgatio: sed illos solummodo pulsare solet, qui deuictis superioribus uitiis iam propemodum sunt in uirtutum culmine conlocati. quos quia lapsu carnali subtilissimus hostis superare non quiuit, spiritali ruina deicere ac subplantare conatur, per hanc illos uniuersis ueterum stipendiorum meritis multo labore quaesitis spoliare contendens. ceterum nos, qui adhuc terrenis sumus passionibus inuoluti, nequaquam hoc modo temptare dignatur, sed crassiore et ut ita dixerim carnali elatione subplantat. et idcirco de hac quoque, qua maxime nos seu nostrae mensurae homines ac praecipue iuniorum uel incipientium mentes periclitari solent, necessarium reor secundum promissionem nostram pauca depromere.

24. Wer von geistigem und wer von fleischlichem Hochmuthe geplagt wird.

Was wir bisher, soweit es unsere geringen Geistesgaben vermochten, von dem geistigen Hochmuthe gesagt haben, von dem, wie bemerkt, nur die Vollkommenen geplagt werden, das mag genügen. Diese Art Hochmuth ist von Vielen gar nicht gekannt, weil auch nicht gar Viele die vollkommene Reinheit des Herzens zu erreichen streben, um zu dieser Stufe des Kampfes gelangen zu können, noch auch um eine gründliche Reinigung von den vorausgehenden Sünden sich bemühen, deren Wesen und Heilmittel wir in einzelnen Abhandlungen vorausgeschickt haben; vielmehr pflegt dieser Hochmuth nur Diejenigen zu plagen, die nach Besiegung der früheren Fehler beinahe auf dem Gipfel der Tugenden stehen. Weil Solche der schlaue Feind nicht durch einen Fall in Fleischessünden besiegen konnte, versucht er sie durch einen geistigen Sturz zum Falle zu bringen und will durch diesen Sturz sie aller mit vieler Mühe erworbener Verdienste der früheren guten Werke berauben. Uebrigens würdigt er uns, die wir noch in niederen Leidenschaften verstrickt sind, keineswegs dieser Art Versuchung, sondern bringt uns durch eine grobe und, so zu sagen, fleischliche Hoffart zum Falle. Und deßwegen halte ich es für nothwendig, über diesen Hochmuth, von dem hauptsächlich wir und Leute von unserer Beschaffenheit und vorzüglich der Geist der Jüngeren und Anfänger im geistigen Leben gefährdet zu sein pflegten, gemäß unseres Versprechens Einiges zu sagen.

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XXV. Descriptio carnalis superbiae, uel quae mala in monachi mente parturiat.

Haec igitur quam diximus carnalis superbia cum tepido ac male adrepto renuntiationis principio in monachi resederit mente, de pristino ac saeculari eum tumore ad ueram Christi humilitatem descendere non permittens primum inoboedientem eum reddit et asperum, deinde mitem atque adfabilem esse non patitur, aequalem quoque fratribus fieri communemque non sinit nec secundum dei ac saluatoris nostri mandatum spoliari terrenis opibus nudarique concedit, et cum renuntiatio nihil aliud sit nisi mortificationis et crucis indicium nec ualeat aliis inchoari uel consurgere fundamentis, quam ut se non solum actibus huius mundi spiritaliter nouerit interemptum, uerum etiam corporaliter cotidie credat esse moriturum, e contrario facit eum uitam sperare longaeuam, infirmitates proponit ei prolixas et multas, confusionem quoque incutit ac pudorem, si nudus effectus alienis et non propriis facultatibus coeperit sustentari, persuadet etiam multo esse melius uictum indumentumque sibi sua potius quam aliena substantia ministrari, secundum illud scilicet, quod quemadmodum dictum sit tali hebitudine ac tepore cordis obtunsi ne intellegere quidem aliquando poterunt: beatius est magis dare quam accipere.

25. Beschreibung des fleischlichen Hochmuthes.

Hat also dieser fleischliche Hochmuth, wie wir ihn genannt haben, bei einem lauen und zum Unglücke in eiliger Hast gemachten Anfange der Bekehrung im Geiste des Mönches sich eingenistet, so läßt er ihn von der ehemaligen weltlichen Aufgeblasenheit nicht zur wahren Demuth Christi herabsteigen und macht ihn zuerst ungehorsam und mürrisch, und dann läßt er ihn nicht milde und freundlich sein. Auf Gleichheit und Gemeinschaft mit den Brüdern zu sehen, erlaubt er ihm nicht; auch duldet er nicht, daß er nach dem Gebote Gottes und unseres Erlösers sich der irdischen Reichthümer gänzlich beraube. Und obwohl die Entsagung nichts Anderes ist als das Kennzeichen der Abtödtung und des Kreuzes und auf keiner anderen Grundlage gründen und sich erheben kann, als daß man sich für die Werke dieser Welt geistig getödtet weiß und auch täglich dem Leibe nach sterben zu können glaubt, so läßt dagegen dieser Hochmuth den Menschen auf ein langes Leben hoffen, hält ihm lange und viele Krankheiten vor und flößt ihm Bestürzung und Scham ein. Wenn er, von Allem entblößt, von fremden und nicht von den eigenen Mitteln zu leben begonnen hat, so redet dieser Hochmuth ihm zu, daß es viel besser sei, wenn er sich Nahrung und Kleidung eher mit seinem als mit fremdem Vermögen verschaffe, und zwar nach jenem biblischen Worte, dessen Sinn in Folge eines solchen Stumpfsinnes und einer solchen Lauheit des Herzens man gar nimmer zu verstehen vermag: „Glückseliger ist es zu geben als zu empfangen.“

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XXVI. Quod male fundatus quis ad deteriorem statum cotidie prolabatur.

Tali igitur diffidentia mentis obsessi et a scintilla fidei, qua uisi fuerant in primordiis suae conuersionis accensi, diabolica infidelitate reuocati incipiunt pecunias, quas ante dispergere coeperant, diligentius custodire et eas, uelut qui semel profligatas ulterius reparare non possint, auaritia uehementiore conseruant, seu, quod est deterius, ea quae prius abiecerant resumentes uel certe, quod est tertium ac deterrimum nequitiae genus, quae ne ante quidem possederant congregantes nihil amplius egressi de saeculo quam nomen adquisisse tantummodo ac uocabulum monachi conprobantur. super haec igitur initia male uitioseque fundata necesse est ut uniuersa deinceps uitiosius structura consurgat nec quicquam superponi pessimis ualeat fundamentis, nisi quod miserabilem animam ruina lugubriore prosternat.

26. Wer auf einen schlechten Grund baut, fällt täglich tiefer.

Von solchem inneren Mißtrauen erfüllt und von dem Funken des Glaubens, von dem sie im Anfange ihrer Bekehrung entzündet schienen, durch den Unglauben des Teufels weggezogen beginnen sie, das Geld, das sie zuvor auszugeben angefangen hatten, sorgfältiger zu hüten, und als ob es, einmal beseitigt, nicht mehr zu erlangen sei, bewahren sie es mit noch ärgerer Habsucht auf, oder, was noch schlimmer ist, Das, was sie früher weggegeben hatten, ziehen sie wieder an sich, oder, was die dritte und schlimmste Art von Bosheit ist, sie scharren gar Solches, was sie nicht einmal vorher besessen hatten, zusammen und beweisen dadurch, daß sie nach ihrem Austritt aus der Welt Nichts als den Namen eines Mönches angenommen haben. Ueber diesen schlecht und fehlerhaft gelegten Grundlagen nun muß sich dann das ganze Gebäude der Sünden erheben, und Nichts läßt sich über einem so schlechten Fundamente aufbauen, ohne daß es der unglücklichen Seele einen noch kläglicheren Sturz bereite.

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XXVII. Expositio uitiorum quae per morbum superbiae generantur.

Talibus siquidem mens passionibus obdurata atque a detestabili tepore incipiens necesse est ut in deterius cotidie proficiat et reliquam quoque uitam suam deformiore fine concludat, dumque cupiditatibus pristinis oblectatur ac secundum apostolum sacrilega filargyria uincitur (ita eodem pronuntiante de illa: et filargyria, quae est simulacrorum siue idolorum seruitus, et iterum: radix, inquit, omnium malorum est filargyria), numquam possit in corde suo humilitatem Christi simplicem ueramque suscipere, cum sibi uel de nobilitate natalium gloriatur uel inflatur de saeculi, quam corpore, non mente deseruit, dignitate uel pecuniis, quas ad ruinam suam retentat, extollitur. per quae iam non monasterii iugum sustinere contentus est, non senioris ullius institui disciplina, et non solum nullam subiectionis aut oboedientiae regulam custodire dignatur, uerum ne ipsam quidem auribus suis doctrinam perfectionis admittit. tantumque concrescit in corde eius spiritalis uerbi fastidium, ut, cum forte talis fuerit oborta conlatio, uno in loco stare nesciat eius obtutus, sed huc illucque stupidus circumferatur intuitus, aliorsum et in obliquum quam moris est oculi defigantur. pro suspiriis enim salutaribus sputa de sicco gutture contrahuntur, excreationes etiam sine ulla interpellatione flegmatis prouocantur, digiti ludunt et in modum quiddam scribentis uolitant atque depingunt, et ita huc atque illuc uniuersa membra corporis commouentur, ut, dum spiritalis agitatur conlatio, totum se uel scatentibus uermibus uel acutissimis sudibus credat insidere, et quidquid simplex conlatio ad aedificationem protulerit audientium, ob suam suggillationem aestimet esse prolatum. totoque tempore, quo uitae spiritalis examinatio uentilatur, suis suspicionibus occupatus non quid exinde ad profectum suum capere debeat aucupatur, sed causas, cur unumquodque sit dictum, sollicita mente perquirit, uel quid eis possit obicere tacita intra se cordis uolutatione coniectat, ut nihil ex his, quae saluberrime sunt digesta, penitus adprehendere aut in aliquo ualeat emendari. et ita fit ut non solum in nullo ei proficiat conlatio spiritalis, uerum etiam damnosa magis exsistat efficiaturque ei causa maioris peccati. dum enim pro conscientia sua totum contra se suspicatur esse prolatum, uehementiore cordis obstinatione duratur iraeque stimulis acrius instigatur: deinde post haec excelsa uox, sermo rigidus, amara turbulentaque responsio, incessus erectus ac mobilis, lingua facilis, procax loquella nec umquam taciturnitatis amica, nisi cum contra fratrem rancorem quendam in suo corde conceperit: fitque silentium eius non conpunctionis nec humilitatis ullius, sed superbiae et indignationis indicium, ita ut quid in eo detestabilius sit haud facile discernatur, utrum diffusa illa petulansque laetitia an dira haec uirulentaque serietas. in illa namque sermo non oportunus, risus leuis ac fatuus, effrenata atque indisciplinata cordis elatio: in ista uero ira plenum uirulentumque silentium et quod ob hoc tantum concipitur, ut aduersus fratrem rancor taciturnitate seruatus protelari diutius possit, non ut ex eo uirtus humilitatis ac patientiae praebeatur. et cum ipse tumore possessus facile cunctis tristitias inferat atque ad satisfactionem laesi fratris semet ipsum submittere dedignetur, etiam ab illo sibimet oblatam respuit atque contemnit et non solum nulla fratris satisfactione conpungitur neque mollitur, uerum etiam cur ab eo sit in humilitate praeuentus grauius indignatur, fitque ei salutaris humilitas ac satisfactio, quae finem diabolicis intentionibus solet inferre, causa uehementioris incendii.

27. Schilderung der aus der Krankheit des Stolzes erzeugten Sünden.

Durch solche Leidenschaften verhärtet und mit einer solchen Lauheit beginnend macht die Seele nothwendig täglich Fortschritte im Schlechten und beschließt ihr übriges Leben mit einem noch schlimmeren Ende; und indem sie an den früheren Leidenschaften Gefallen findet und, wie der Apostel sagt, von der gottesräuberischen Habsucht sich besiegen läßt, von welcher gleichfalls der Apostel sagt: „Welche ist Bilder- oder Götzendienst,“ und ferner sagt: „Denn die Wurzel aller Uebel ist die Habsucht,“ kann sie nimmer die einfältige und wahre Demuth Christi in sich aufnehmen. Denn er brüstet sich entweder mit dem Adel seiner Geburt oder läßt sich aufblähen von einer ehemals in der Welt bekleideten Würde und bekundet dadurch, daß er sie bloß dem Leibe, nicht aber dem Geiste nach verlassen hat, oder er wird stolz auf das Geld, das er zu seinem Verderben zurückbehalten. Dieß alles wird ihm die Ertragung des klösterlichen Joches und die Belehrung durch einen Anderen gründlich verleiden. Denn wer immer von der Krankheit des Stolzes beherrscht wird, hält es nicht nur unter seiner Würde, irgend eine Regel der Unterordnung und des Gehorsams zu erfüllen, sondern leiht nicht einmal der Lehre der Vollkommenheit sein Ohr; und dergestalt wächst in seinem Herzen der Ueberdruß am geistigen Worte, daß, wenn einmal eine solche Unterhaltung begonnen hat, sein Blick nicht an einem Orte zu verweilen weiß, sondern hierhin und dorthin der stumpfsinnige Blick schweift, nach dieser und jener Seite hin die Augen sich wenden. Statt heilsamer Seufzer kommt Speichel aus trockenem Halse, auch Verwünschungen werden ausgestoßen, ohne irgendwie den Auswurf des Schleimes zu unterbrechen; die Finger spielen, und gleichsam als schrieben sie Etwas, fliegen sie hin und her und malen. So drehen sich alle Glieder des Leibes hin und her, daß er während eines geistigen Vortrages auf einem Haufen Würmer oder auf spitzen Pfählen zu sitzen meint und, was der einfache Vortrag zur Erbauung der Brüder vorbringt, zu seiner Beschämung gesagt wähnt. Und in der ganzen Zeit, in welcher eine Prüfung des geistigen Lebens vorgenommen wird, mit seinen Verdächtigungen beschäftigt sieht er nicht darauf, was er von jetzt an zu seinem Fortschritte ergreifen muß, sondern ängstlich forscht er nach den Gründen, weßhalb Jegliches geredet sei; oder schweigend bei sich überlegend grübelt er darüber nach, was er jedem einzelnen Punkte entgegenstellen könne, so daß er von Dem, was zu seinem wahren Heile dargelegt wurde, Nichts ganz zu erfassen oder sich dadurch in irgend einem Punkte zu bessern vermag. Und so kommt es, daß der geistige Vortrag ihm nicht nur in keinem Punkte Etwas nützt, sondern sogar noch mehr Schaden verursacht und ihm Ursache zu größerer Sünde wird. Denn indem er in seinem Gewissen argwöhnt, das sei alles gegen ihn gesprochen, verhärtet er sich in einer engeren inneren Hartnäckigkeit und wird heftiger von dem Stachel des Zornes gereizt; hierauf hochfahrende Reden, abstoßende Unterhaltung, bittere und verwirrte Antwort, hochaufgerichteter und flüchtiger Gang, geläufige Zunge, freche Beschwerde, niemals freundliche Verschwiegenheit, ausser wenn er gegen einen Bruder Groll im Herzen hegt. Sein Schweigen wird nicht ein Zeichen der Zerknirschung nach der Demuth, sondern des Stolzes und des Zornes, so daß sich nicht leicht unterscheiden läßt, was an ihm verabscheuungswürdiger ist: ob jene ausgelassene und freche Fröhlichkeit oder diese heftige und giftige Schweigsamkeit. Denn in jener herrscht eine ungeziemende Sprache, ein leichtsinniges und albernes Lachen, zügel- und zuchtlose Erhebung des Herzens vor; in dieser aber ein zorniges und giftiges Schweigen, das man nur deßhalb annimmt, um den Groll gegen einen Bruder durch Verschwiegenheit bewahren und die Aussöhnung noch weiter hinausschieben zu können. Und da er, selbst vom Hochmuthsdünkel eingenommen, Andern leicht Verdrießlichkeiten bereitet und es unter seiner Würde hält, sich zur Genugthuung gegen einen beleidigten Bruder herbeizulassen, weist er auch die angebotene mit Verachtung zurück. Und nicht nur wird er durch die Genugthuung eines Bruders nicht erschüttert, sondern geräth in noch größeren Zorn darüber, daß jener ihm in der Demuth zuvorgekommen ist. Und eine heilsame Demüthigung und Genugthuung, die sonst den Versuchungen des Teufels ein Ende zu machen pflegt, wird ihm zur Ursache eines noch heftigeren Brandes.

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XXVIII. De fratris cuiusdam superbia.

Audiui in hac dumtaxat regione, quod horret pudetque reuoluere, quendam iuniorum, cum a suo increparetur abbate, cur humilitatem, quam renuntians permodico tempore retentarat, coepisset excedere ac diabolica inflari superbia, summa contumacia respondisse: numquid ob hoc memet ipsum humiliaui pro tempore, ut semper subditus sim? ad quod eius tam effrenatum scelestumque responsum ita est senior obstupefactus omnisque eius interceptus est sermo, uelut qui ab illo ipso antiquo Lucifero uerba haec prolata, non ab homine percepisset, ut nullam uocem aduersus tantam proteruiam de ore suo prorsus emittere nisi gemitus de corde tantummodo ac suspiria potuerit, illud solum tacitus intra semet ipsum uoluens, quod de domino nostro dicitur saluatore: qui cum in forma dei esset, humiliauit se factus oboediens, non ut ille ait diabolico spiritu ac tumore possessus 'pro tempore', sed usque ad mortem.

28. Von dem Hochmuthe eines Bruders.

Ich hörte gerade in unserem Lande (mit Schauder nur und Scham kann ich es erzählen) von einem Novizen, welcher auf die Frage seines Abtes, warum er die Schranke der Demuth, die er nach seiner Aufnahme nur sehr kurze Zeit eingehalten, zu überschreiten wage und sich von teuflischem Stolze aufblähen lasse, ganz trotzig antwortete: „Hab’ ich vielleicht deßhalb eine Zeit lang mich verdemüthigt, um immer unterthan zu sein?“ Bei seiner so frechen und frevelhaften Antwort wurde der Vorsteher, gleichsam als habe er vom alten Lucifer selbst, nicht von einem Menschen diese Worte sprechen hören, dermaßen bestürzt und stockte seine ganze Rede, daß gegen diese so große Frechheit sein Mund keine Worte hervorbringen, sondern sein Herz nur Seufzer und Stöhnen hervorstoßen konnte. Er erwog nur das schweigend bei sich, was von unserm Heilande gesagt wird: „Als er in der Gestalt Gottes war, demüthigte er sich und wurde gehorsam (nicht, wie Jener, vom teuflischen Geiste der Hoffart eingenommen, sagte, „eine Zeit lang,“ sondern) bis zum Tode.“

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XXVIIII. Indicia quibus superbia carnalis animae inesse cognoscitur.

Et ut breuius ea quae dicta sunt de hoc superbiae genere praestringamus, quaedam signa eius in quantum possumus colligentes, ut his, qui de perfectione sitiunt erudiri, quodammodo characteres eius de exterioris hominis motibus exprimamus, necessarium puto paucis eadem replicari, ut conpendiosius agnoscamus quibus eam discernere ac deprehendere ualeamus indiciis, quo nudatae atque in superficiem productae passionis huius radices et oculatim deprehensae atque perspectae uel conuelli facilius ualeant uel uitari. tunc enim poterit pestifer morbus ad integrum declinari, cum contra ipsius perniciosos aestus et inpetus noxios non sera obseruatio, cum iam dominantur, adsumitur, sed cum praecedentes eius ut ita dixerim lineas agnoscentes prouida eum sagacique discretione praecurrimus. de exterioris namque sicut praediximus hominis motu status interioris agnoscitur. his igitur indiciis carnalis ista quam praefati sumus superbia declaratur. inest primitus in loquella eius clamor, in taciturnitate amaritudo, excelsus et effusus in laetitia risus, inrationabilis in serietate tristitia, in responsione rancor, facilitas in sermone, uerba passim sine ulla cordis grauitate erumpentia. expers patientiae est, caritatis aliena, audax ad contumelias inrogandas, ad tolerandas pusillanimis, ad oboediendum difficilis, nisi in quo eam desiderium suum uoluntasque praeuenerit, ad recipiendam exhortationem inplacabilis, ad resecandas uoluntates suas infirma, ad succumbendum alienis durissima, semperque suas definitiones statuere contendens, ipsa uero nequaquam cedere alterius adquiescens: et ita fit ut etiam incapax consilii salutaris effecta in omnibus suo potius credat quam seniorum iudicio.

29. Zeichen, an denen man das Vorhandensein des fleischlichen Stolzes in der Seele erkennt.

Um alles über diese Art Hochmuth bis jetzt Gesagte kurz zusammenzufassen, wollen wir, soweit Dieß uns möglich ist, einige Kennzeichen desselben zusammenstellen, um für Diejenigen, welche nach Belehrung in der Vollkommenheit dürsten, gewissermaßen die Grundzüge desselben aus den Regungen des äusseren Menschen darzustellen. Zu diesem Zwecke halte ich es für nothwendig, gerade Dieses in wenigen Worten zu enthüllen, damit wir um so vollständiger zu erkennen vermögen, an welchen Merkmalen wir den Stolz kennen lernen und erfassen können. Sind die Wurzeln dieser Leidenschaft bloßgelegt, an die Oberfläche gezogen, mit Augen wahrgenommen und geschaut, so kann man denselben leichter ausreissen oder vermeiden. Dann nämlich wird man dieser schädlichen Krankheit ganz aus dem Wege gehen können, wenn man gegen ihre verderbliche Fieberhitze und ihre schädlichen Anfälle nicht zu spät, wann sie schon zu herrschen beginnt, seine Wachsamkeit richtet, sondern wenn wir sofort, sobald wir, so zu sagen, die ihr vorausgehenden Schatten bemerken, mit fürsorglicher und weiser Klugheit ihr zuvorkommen. Denn aus der äusseren Haltung des Menschen erkennt man den inneren Zustand desselben. An folgenden Merkmalen läßt sich klar der fleischliche Stolz, wie wir ihn vorhin nannten, erkennen: Vorherrschend ist in seinem Reden das Schreien, in seinem Schweigen das Abstoßende, in seiner Freude das stolze und ausgelassene Lachen, im Ernste eine unvernünftige Trauer, in der Antwort Zorn, häufiges Schwätzen und oft plötzlich hervorbrechende gehaltlose Worte. Geduld geht ihm ab, Liebe ist ihm fremd, er ist verwegen im Schmähen, demüthig im Ertragen von Schmähungen, schwierig im Gehorchen, ausser wenn dabei ihm seine Wünsche und seine Einsicht zuvorkommen, unversöhnlich beim Anhören einer Ermahnung, schwach, wo es gilt, seinem Willen Abbruch zu thun, ganz unbeugsam, wenn er Andern sich unterordnen soll, und stets bestrebt, seine Behauptungen aufrecht zu erhalten, ohne seinerseits sich dazu zu verstehen, den Ansichten eines Anderen zu weichen. So wird er auch zur Annahme eines heilsamen Rathes unfähig und glaubt in Allem lieber seinem als der Vorgesetzten Urtheil.

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XXX. Quod tepefactus quis per superbiam aliis quoque praeesse desideret.

Quibus decessuum gradibus is quem semel possidet deuolutus iam ipsam disciplinam coenobii perhorrescit, ac ueluti qui fratrum consortio de perfectione retrahatur ac de bono patientiae atque humilitatis aliorum uitio et inpedimento reuocetur, habitationem solitariae cellae desiderat, seu certe uelut plures alios lucraturus construere monasterium et quos docere atque instruere debeat congregare festinat, ex discipulo nequam detestabilior magister effectus. nam cum huiusmodi elatione cordis in perniciosissimum teporem noxiumque conruerit et nec uerus monachus nec saecularis effectus sit, quod est deterius, etiam perfectionem sibi ex hoc ipso miserabili statu et conuersatione promittit.

30. Wer durch Hochmuth in Lauheit versunken ist, strebt auch darnach, Anderen sich zum Herrn aufzuwerfen.

Wen der Stolz einmal in Besitz genommen und auf dieser abschüssigen Bahn von Stufe zu Stufe herabgestürzt hat, dem ist alsdann überhaupt die Klosterregel zuwider, und als ob er durch das Zusammenleben mit den Brüdern von der Übung der Vollkommenheit abgezogen würde und die Tugend der Geduld und Demuth ihm erschwert oder entzogen würde, wünscht er in einer einsamen Zelle zu wohnen oder gar, in der Hoffnung, mehrere Andere zu gewinnen, ein neues Kloster zu bauen; er beeilt sich, Leute um sich zu schaaren, um sie zu belehren und zu unterweisen, und wird so aus einem unbrauchbaren Schüler ein viel verderblicherer Lehrer. Denn obwohl er durch eine solche Erhebung seines Herzens in die verderblichste und schädlichste Lauheit gesunken und weder ein ächter Mönch noch Laie geworden ist, verspricht er sich, was noch schlimmer ist, von diesem unseligen Zustande und Wandel gar noch Vollkommenheit.

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XXXI. Quomodo superbiam uincere uel ad perfectionem peruenire possimus.

Quamobrem si aedificii nostri fastigia perfecta uolumus ac placentia deo consurgere, fundamenta eius non secundum nostrae libidinis uoluntatem, sed secundum districtionis euangelicae disciplinam iacere festinemus. quae alia esse non possunt quam timor dei atque humilitas, quae de mansuetudine et cordis simplicitate descendit. humilitas uero nullatenus poterit absque nuditate conquiri. qua peregrinante nec oboedientiae bonum nec patientiae robur nec mansuetudinis tranquillitas nec consummatio caritatis poterit adprehendi, sine quibus cor nostrum habitaculum spiritus sancti penitus esse non poterit, ita pronuntiante domino per prophetam: super quem requiescet spiritus meus nisi super quietum et humilem et trementem uerba mea? siue secundum exemplaria quae Hebraicam exprimunt ueritatem: ad quem autem respiciam, nisi ad pauperculum, et contritum spiritu, et trementem uerba mea?

31. Wie man den Stolz besiegen und zur Demuth gelangen kann.

Wollen wir daher, daß sich die Zinne unseres Gebäudes als eine vollkommene und Gott wohlgefällige erheben soll, so laßt uns eilen, sein Fundament nicht nach dem Willen unserer Begierde, sondern nach der Zucht evangelischer Strenge zu legen. Dieß aber kann kein anderes sein als Gottesfurcht und Demuth, welche aus der Sanftmuth und Einfalt des Herzens entspringt. Die Demuth aber kann nimmer ohne gänzliche Entsagung erlangt werden. Wohnt diese nicht in uns, so werden wir weder das Gut des Gehorsams noch die Kraft der Geduld noch die Vollkommenheit der Liebe je erreichen können. Ohne diese Tugenden kann unser Herz durchaus kein Tempel des heiligen Geistes sein; denn also spricht der Herr durch den Propheten: „Auf wem wird mein Geist ruhen, wenn nicht auf dem Demüthigen und Ruhigen, welcher zittert vor meinen Worten?“ oder nach den Ausgaben, welche den hebräischen Text wiedergeben: „Auf wen werde ich schauen, wenn nicht auf den Armen und im Geiste Gebeugten und auf Den, welcher vor meinen Worten zittert?“

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XXXII. Quomodo depopulatrix omnium uirtutum superbia per ueram humilitatem possit extingui.

Quapropter athleta Christi, qui spiritalem agonem legitime certans a domino desiderat coronari, hanc quoque ferocissimam bestiam ut deuoratricem cunctarum uirtutum omnimodis festinet extinguere, certus quod hac in suo pectore commorante non solum omnigenis uitiis carere non possit, uerum etiam, si quid uirtutis habere uideatur, huius ueneno depereat. nullo enim modo poterit in anima nostra uirtutum structura consurgere, nisi prius iacta fuerint uerae humilitatis in nostro corde fundamina, quae firmissime conlocata perfectionis et caritatis culmen ualeant sustinere, ita scilicet, ut quemadmodum diximus primum fratribus nostris humilitatem ueram intimo cordis exhibeamus affectu, in nullo scilicet adquiescentes eos contristare uel laedere. quod nullatenus poterimus implere, nisi abrenuntiatio uera, quae in expoliatione omnium facultatum ac nuditate consistit, in nobis fuerit Christi amore fundata, deinde oboedientiae iugum et subiectio simplici corde ac sine ulla fuerit simulatione suscepta, ita ut praeter abbatis mandatum nulla penitus uoluntas uiuat 'in nobis. quod non aliter poterit obseruari, nisi quis non solum se mortuum huic mundo, uerum etiam insipientem iudicarit ac stultum, uniuersa, quae sibi fuerint a senioribus imperata, sine ulla discussione perficiens, sacrosancta ea credens ac diuinitus promulgata.

32. Wie man die Hoffart, die Verwüsterin aller Tugenden, durch wahre Demuth vernichten kann.

Darum strebe der Streiter Christi, der den geistigen Kampf rechtmäßig zu kämpfen und vom Herrn gekrönt zu werden verlangt, auch dieses gar wilde, alle Tugenden verschlingende Unthier auf alle Weise zu tödten; denn er kann sicher erwarten, daß, solange dieses in seiner Brust wohnt, er nicht bloß von keiner Sünde frei sein kann, sondern, wenn er auch einige Tugend zu besitzen scheint, dieselbe durch dieses Unthieres Gift zu Grunde geht. Denn unmöglich kann in unserer Seele das Gebäude der Tugenden sich erheben, wenn nicht vorher in unserm Herzen das Fundament einer wahren Demuth gelegt worden ist, das, gehörig befestigt, die Spitze der Vollkommenheit und Liebe zu stützen vermag, so zwar, daß wir vor Allem gegen unsere Mitbrüder eine wahre, in dem innigsten Gefühle unseres Herzens begründete Demuth hegen, indem wir uns nie erlauben, sie irgendwie zu betrüben oder zu verletzen. Allein Dieß werden wir nimmer zu erfüllen im Stande sein, wenn nicht eine wahre Entsagung, die in der gänzlichen Losschälung von allen irdischen Gütern besteht, durch die Liebe Christi in uns begründet ist und wir dann das Joch des Gehorsams und der Unterwerfung mit einfältigem Herzen und ohne alle Verstellung auf uns genommen haben, so daß ausser dem Befehle des Abtes gar kein Wille mehr in uns lebt. Dieß aber kann nur von Jenem beobachtet werden, der sich nicht nur dieser Welt abgestorben glaubt, sondern sich auch für unklug und thöricht hält, der Alles, was ihm die Vorgesetzten auftragen, ohne je darüber nachzudenken, verrichtet und es geheiligt und von Gott selbst befohlen glaubt.

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XXXIII. Remedia aduersus morbum superbiae.

In qua consistentibus qualitate procul dubio status ille humilitatis uere tranquillus atque inmobilis subsequetur, ut nosmet ipsos inferiores omnibus iudicantes uniuersa, quae nobis fuerint inrogata, tametsi iniuriosa sint uel tristia uel damnosa, tamquam a superioribus nostris inlata patientissime toleremus. quae quidem a nobis non solum facillime tolerabuntur, uerum etiam parua iudicabuntur ac nulla, si menta iugiter recolamus uel domini nostri uel sanctorum omnium passiones, considerantes tanto leuioribus nos iniuriis adtemptari, quanto longius a meritis eorum et conuersatione distamus, pariter etiam cogitantes in breui nos de hoc saeculo migraturos eorumque nos celeri uitae huius fine mox futuros esse consortes. peremptoria namque est haec contemplatio non solum superbiae, uerum etiam generaliter omnium uitiorum. deinde post haec hanc eandem humilitatem erga deum firmissime retentemus. quod a nobis ita conplebitur, ut nihil nosmet ipsos absque illius opitulatione uel gratia, quod ad uirtutum consummationem pertinet, posse perficere cognoscamus, sed et hoc ipsum, quod intellegere meruimus, eius esse muneris in ueritate credamus.

33. Mittel gegen die Krankheit der Hoffart.

Sind wir in einer solchen Verfassung, so wird ohne Zweifel jener wahrhaft ruhige und unwandelbare Zustand der Demuth bald folgen. Er besteht aber darin, daß wir uns geringer achten als Alle, daß wir Alles, was man uns zufügt, sei es auch beleidigend, unangenehm und schädlich, gleichsam von unsern Vorgesetzten uns angethan mit der größten Geduld ertragen. Doch Dieß werden wir nicht nur ganz leicht ertragen, sondern auch für gering erachten, wenn wir stets mit frommer Verehrung der Leiden unseres Herrn und aller Heiligen gedenken und erwägen, daß wir von um so geringeren Beleidigungen heimgesucht werden, je weiter wir von ihren Verdiensten und ihrem Wandel entfernt sind, und wenn uns endlich auch der Gedanke vorschwebt, daß wir nach kurzer Zeit aus dieser Welt wandern werden, um nach dem bald eintretenden Schlusse dieses Lebens ihre Genossen zu werden. Diese Betrachtung ist geeignet, nicht nur den Hochmuth, sondern auch alle übrigen Sünden zu tilgen. Alsdann wollen wir auch eben diese Demuth gegen Gott auf’s Festeste bewahren. Das aber werden wir nur so erfüllen, daß wir inne werden, wie wir aus uns selbst nichts auf die vollkommene Uebung der Tugend Bezügliches ohne seine Gnadenhilfe vollbringen können, daß wir aber auch in Wahrheit glauben, eben Dieses, daß wir es einzusehen verdient haben, sei seine Gabe.

Lateinischer Text: De institutis coenobiorum, hg. von M. Petschenig, Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum 17, Wien 1888, an den Scans überprüft; ohne kritischen Apparat. · Übersetzung von Antonius Abt († 1895), Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus, Bd. 1, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten, 1879 (Text nach bkv.unifr.ch). Abt übersetzt die Vorrede und die Kapitel X und XI des ersten Buches nicht. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden