Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Johannes Cassianus, Unterredungen mit den Vätern

Unterredung XI. Abt Chäremon: von der Vollkommenheit

Conlatio abbatis Chaeremonis prima. De perfectione.Elfte Unterredung, welche die erste des Abtes Chäremon ist über die Vollkommenheit.

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I. Descriptio Thenneseos oppidi.

Cum in coenobio Syriae consistentes post prima fidei rudimenta succedentibus aliquatenus incrementis maiorem perfectionis desiderare gratiam coepissemus, statuimus confestim Aegyptum petere ac remotissima etiam Thebaidos heremo penetrata sanctorum plurimos, quorum gloriam fama per uniuersa diffuderat, si non aemulandi, saltim agnoscendi studio inuisere. igitur ad oppidum Aegypti, cui Thennesus nomen est, emensa nauigatione peruenimus. cuius accolae ita uel mari uel stagnis salsis undique circumluuntur, ut solis, quia terra deest, negotiationibus dediti opes atque substantiam nauali conmercio parent, ita ut aedificiis cum uoluerint extruendis terra non suppetat, nisi de longinquo nauigiis adportetur.

1. Reise in die Thebais.

Als wir im Kloster Syriens nach der ersten Grundlegung des Glaubens einige Fortschritte gemacht hatten und nun anfiengen, uns nach der Gnade einer höhern Vollkommenheit zu sehnen, da beschloßen wir, sofort nach Ägypten zu ziehen, ja selbst die so ferne thebaische Wüste zu durchdringen und die Meisten der Heiligen, deren Ruhm die Sage überallhin verbreitet hatte, zu besuchen, voll des Eifers, sie, wenn auch nicht nachzuahmen, so doch kennen zu lernen. So kamen wir also nach überstandener Schifffahrt in einen Ort Ägyptens, der Thenessus heißt. Die Bewohner desselben sind so von allen Seiten vom Meere und salzigen Sümpfen umspült, daß sie sich, weil Land fehlt, nur dem Handel hingeben und sich, Hab und Gut im Wasserverkehr erwerben, da ja zur Erbauung von Häusern, wenn sie auch wollten, kein Boden da ist, ausser er würde weit zu Schiffe hergeführt.

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II. De episcopo Archebio.

Vbi cum aduenientibus nobis fauens desideriis nostris diuinitas beatissimi atque praecipui uiri Archebi episcopi praestitisset aduentum, qui raptus de anachoretarum coetu et episcopus Panephysi oppido datus tanta districtione omni aeuo suo propositum solitudinis custodiuit, ut nihil de praeteritae humilitatis tenore laxauerit aut de adiecto sibi honore blanditus sit (non enim tamquam idoneum se ad istud officium testabatur adscitum, sed ut indignum ab illa anachoreseos disciplina querebatur expulsum, eo quod triginta et septem annis in eadem conmoratus ad puritatem tantae professionis nequaquam peruenire potuisset): hic igitur cum in supra dicta Thenneso, quo eum eligendi illic episcopi causa perduxerat, pie nos atque humanissime suscepisset, agnito desiderio nostro, quo sanctos patres etiam in ulterioribus Aegypti partibus inquirere desiderabamus: uenite, inquit, uidete interim senes haud longe a nostro monasterio consistentes, quorum ita et antiquitas in corporibus iam curuatis et sanctitas in ipso etiam fulget aspectu, ut uel sola contemplatio eorum magnam intuentibus possit conferre doctrinam: a quibus id, quod ego amissum doleo quodque tradere iam perditum nequeo, non tam uerbis quam ipso sanctae uitae discatis exemplo. credo autem inopiam meam hoc studio aliquatenus subleuandam, si inquirentibus uobis illam euangelicam margaritam, quam ipse non habeo, saltim prouidero ubi eam conmodius conparetis.

2. Von dem Bischofe Archebius.

Dort verlieh uns nun die unserm Streben günstige Gottheit, daß zugleich mit uns der so heilige und ausgezeichnete Mann, der Bischof Archebius, ankam, der, herausgerissen aus der Gesellschaft der Anachoreten und der Stadt Panephysus als Bischof geschenkt, sein Leben lang mit solcher Strenge Das in der Wüste Vorgenommene hielt, daß er Nichts von der Weise seiner vorigen Niedrigkeit aufgab noch von der ihm gewordenen Ehre sich einnehmen ließ. Denn er sagte, daß in ihm nicht der Taugliche zu diesem Amte erwählt worden sei, sondern er klagte, daß er wegen seiner Unwürdigkeit aus der Schule der Anachorese vertrieben worden sei, deßhalb, weil er trotz eines siebenunddreissigjährigen Aufenthaltes in derselben doch nicht zu der Reinheit dieses so hohen Berufes habe gelangen können. Als uns nun Dieser in dem obengenannten Thenessus, wohin ihn die Angelegenheit einer Bischofswahl geführt, liebevoll und gar wohlwollend aufgenommen hatte, da sprach er, nachdem er unser Verlangen, die hl. Väter auch in den jenseitigen Theilen Ägyptens aufzusuchen, erkannt hatte: „Kommet und sehet unterdeß die Väter, die nicht weit von unserm Kloster weilen, deren Alter an den gebeugten Körpern, deren Heiligkeit aber so sehr schon beim bloßen Anblick glänzend sichtbar ist, daß schon die Betrachtung derselben den Anschauenden eine große Belehrung bieten kann. Von ihnen könnt ihr Das, was ich als verloren betraure und wegen des Verlustes nicht mehr lehren kann, nicht nur durch Worte, sondern durch Das Beispiel des hl. Lebens lernen. Ich glaube aber, daß ich meiner eigenen Armseligkeit ein wenig aufhelfen kann durch Das Bestreben, euch, die ihr nach der evangelischen Perle suchet, welche ich nicht habe, die Gelegenheit zu verschaffen, dieselbe leichter zu erwerben.“

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III. Descriptio heremi in qua conmorabantur Chaeremon, Nesteros et Ioseph.

Sumpto itaque baculo et pera, ut illic cunctis uiam ingredientibus monachis moris est, ad ciuitatem nos suam, id est Panephysin itineris dux ipse perduxit: cuius terras, immo etiam contiguae regionis plurimam partem quondam opulentissimam (siquidem ex ea cuncta, ut fama est, in regios cibos subministrabantur) repentino terrae motu excussum mare transgressis limitibus occupauit atque ita conlapsis fere omnibus uicis opimas olim terras salsis paludibus supertexit, ut illud quod in psalmo spiritaliter decantatur: posuit flumina in desertum: et exitus aquarum in sitim. terram fructiferam in salsuginem, a malitia habitantium in ea, secundum litteram de illa putent regione praedictum. in his igitur locis multa in hunc modum oppida eminentioribus tumulis collocata fugatis habitatoribus suis eluuies illa uelut insulas fecit, quae desideratam secedentibus sanctis solitudinem praebent, in quibus tres senes, id est Chaeremon, Nesteros et Ioseph, anachoretae antiquissimi consistebant.

3. Beschreibung der Wüste, in welcher Chäremon, Nesteros und Joseph wohnten.

Nachdem wir also Stab und Tasche genommen hatten, wie es dort bei allen reisenden Mönchen Brauch ist, führte er selbst uns als Wegweiser in seine Stadt Panephyhsus. Die Umgebung derselben, ja auch den größten Theil der ganzen Gegend, die einst sehr reich und, wie man sagt, die Kornkammer des ganzen Landes war, überfluthete einst Das Meer, Das durch ein plötzliches Erdbeben erschüttert und aus seinen Ufern getreten war. So zerfielen fast alle Ortschaften und die einst so herrlichen Ländereien wurden mit salzigen Sümpfen bedeckt, so daß man glaubt, es sei wörtlich von jener Gegend vorausgesagt, was im Psalme mit geistiger Bedeutung gesungen ist: „Er wandelte Flüsse in Wüste, und Wasserquellen in dürstend Land, fruchtbares Land in Salzsteppe wegen der Bosheit der Bewohner.“ Auf diese Art also wurden in jener Gegend viele Ortschaften, die auf höhern Hügeln lagen, von der Überschwemmung zu Inseln gemacht und boten, da die Einwohner geflohen waren, den sich zurückziehenden Heiligen die erwünschte Einsamkeit. Hier wohnten denn drei Väter, Chäremon, Nesteros und Joseph, Einsiedler vom höchsten Alter.

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IIII. De abbate Chaeremone et excusatione eius super postulata doctrina.

Itaque beatus Archebius primum nos perducere ad Chaeremonem maluit, quia et monasterio eius propior et duobus aliis prouectior esset aetate. nam cum centenarium uitae annum spiritu tantum alacer excessisset, ita dorsum eius temporis fuerat uetustate atque orationum iugitate curuatum, ut quasi in primaeuam redactus infantiam submissis ac protentis terra tenus manibus progrederetur. huius igitur et uultum mirabilem et incessum pariter intuentes (siquidem defectis mortificatisque iam omnibus membris nequaquam censuram praeteritae districtionis amiserat) cum sermonem atque doctrinam suppliciter posceremus ac desiderium tantum spiritalium institutionum causam fuisse aduentus nostri protestaremur, grauiter ille suspirans: quid uobis, ait, possum conferre doctrinae, cui inbecillitas senectutis ut rigorem pristinum relaxauit, ita loquendi quoque ademit fiduciam? quemadmodum enim docere praesumam quod ipse non facio, aut alium in eo instruam quod me iam uel minus uel tepidius exercere cognosco? ob quam rem nullum iuniorum mihi in hanc usque aetatem cohabitare permisi, ne exemplo meo alterius districtio relaxetur. numquam enim erit efficax instituentis auctoritas, nisi eam effectu operis sui cordi adfixerit audientis.

4. Von dem Abte Chäremon und seiner Entschuldigung in Betreff der verlangten Belehrung.

Es wollte uns nun der gottselige Archebius zuerst zu Chäremon führen, der näher bei seinem Kloster und älter war als die beiden Andern. Denn obwohl er Das hundertste Lebensjahr voll geistiger Frische überschritten hatte, so war doch sein Rücken durch Das Alter und Das beständige Gebet so gekrümmt, daß er gleichsam zum ersten Kindesalter zurückgekehrt war und mit herabhängenden und bis zur Erde ausgestreckten Händen einherging. Als wir nun Antlitz und Gang desselben verwundert anblickten, — denn er hatte ja trotz der ganz gebrechlichen und abgetödteten Glieder die frühere strenge Buße nicht aufgegeben, — als wir ferner ihn um Unterredung und Belehrung demüthig baten und betheuerten, daß nur die Sehnsucht nach geistlichen Unterweisungen Ursache unserer Ankunft sei: da seufzte Jener tief und sprach: „Was kann ich Euch an Lehre bieten, da die Schwäche des Greisenalters sowohl die frühere Strenge lähmte, als auch die Sicherheit im Reden nahm? Oder wie soll ich mir herausnehmen, zu lehren, was ich selbst nicht thue, und einen Andern in dem unterweisen, was ich selbst, wie ich wohl sehe, bereits zu wenig und zu lau übe? Ich habe deßhalb nicht geduldet, daß ein Jüngerer bis zu diesem Alter mit mir zusammenwohne, damit nicht durch mein Bespiel die Strenge eines Andern nachlasse. Denn nie wird der Einfluß des Lehrenden wirksam sein, wenn er ihn nicht durch die Kraft seiner That im Herzen des Hörenden festigt.“

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V. De responsione nostra contra excusationem eius.

Ad haec nos non mediocri confusione conpuncti ita respondimus: Licet sufficere nobis ad omnem instructionem debeat uel loci istius difficultas uel ipsa etiam solitaria adhuc uita, quam iuuentas quoque robusta uix tolerat, quae nos etiam te tacente satis abundeque instruunt atque conpungunt, rogamus tamen ut taciturnitate paululum praetermissa ea nobis potius dignanter infundas, per quae hanc quam uidemus in te uirtutem non tam imitatione conplecti quam admiratione possimus. nam etiamsi reuelatus tibi tepor noster inpetrare id quod expetimus non meretur, debet hoc saltim labor tanti itineris obtinere, quo huc de Bethleemitici coenobii rudimentis institutionis uestrae desiderio et profectus nostri amore properauimus.

5. Unsere Antwort auf die Entschuldigung des Vaters.

Durch diese Worte wurden wir von nicht geringer Beschämung ergriffen und antworteten: „Es müßte eigentlich schon dieser rauhe Ort und ein so einsames Leben, wie es kaum die kräftige Jugend ertragen könnte, hinreichen zu unserer vollen Belehrung. Und in der That unterweist und ergreift uns Das, auch wenn du schweigst, genugsam und überfließend; aber wir bitten doch, du wollest deine Schweigsamkeit ein wenig aufgeben und uns vielmehr gütigst Das beibringen, was wir brauchen, um die Tugend, die wir an dir sehen, nicht sowohl in der Nachahmung als in der Bewunderung zu erfassen. Denn wenn auch unsere dir offenbare Lauheit Das Erbetene nicht zu erlangen verdient, so muß es doch wenigstens die Mühe einer so weiten Reise erreichen, da wir von der Anfangsschule des Bethlehemitischen Klosters aus Sehnsucht nach eurem Unterricht und aus Liebe zu unserem Fortschritt Hieher geeilt sind.“

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VI. Propositio abbatis Chaeremonis, quod tribus modis uitia uincantur.

Tunc beatus Chaeremon: Tria sunt, inquit, quae faciunt homines a uitiis temperare, id est aut metus gehennae siue praesentium legum aut spes atque desiderium regni caelorum aut affectus boni ipsius amorque uirtutum. nam timor ita mali contagium legitur exsecrari: timor domini odit malitiam. spes etiam uitiorum omnium excludit incursum: non enim delinquent omnes qui sperant in eum. amor quoque ruinam non metuit peccatorum, quia caritas numquam cadit, et iterum: caritas operit multitudinem peccatorum. et idcirco beatus apostolus omnem salutis summam in istarum trium uirtutum consummatione concludens nunc, inquit, manet fides, spes, caritas, tria haec. fides namque est quae futuri iudicii ac suppliciorum metu uitiorum facit contagia declinari, spes quae mentem nostram de praesentibus auocans uniuersas corporis uoluptates caelestium praemiorum expectatione contemnit, caritas quae nos ad amorem Christi et spiritalium uirtutum fructum mentis ardore succendens, quidquid illis contrarium est, toto facit odio detestari. quae tria licet ad unum finem tendere uideantur (prouocant enim nos a rebus inlicitis abstinere), magnis tamen excellentiae suae gradibus ab inuicem disparantur. duo namque superiora proprie hominum sunt eorum qui ad profectum tendentes necdum affectum concepere uirtutum, tertium specialiter dei est et eorum qui in sese imaginem dei ac similitudinem receperunt. ille namque solus ea quae bona sunt nullo metu, nulla remunerationis gratia prouocante, sed solo bonitatis operatur affectu. omnia enim, ut ait Salomon, operatus est dominus propter semet ipsum. suae namque bonitatis obtentu omnem bonorum copiam dignis indignisque largitur, quia nec fatigari iniuriis potest nec iniquitatibus hominum passibiliter permoueri, semper scilicet manens perfecta bonitas inmutabilisque natura.

6. Lehrsatz des Abtes Chäremon, daß die Laster auf dreierlei Weise besiegt werden.

Dann sprach der gottselige Chäremon: „Drei Dinge sind es, welche die Menschen veranlassen, sich der Laster zu enthalten, nemlich entweder die Furcht, sei es vor der Hölle oder den irdischen Gesetzen, oder die Hoffnung und Das Verlangen nach dem Himmelreich oder die Neigung zum Guten selbst, die Liebe zu den Tugenden. Wie die Furcht eine Ansteckung mit dem Bösen austreibt, darüber lesen wir: „Die Furcht des Herrn haßt die Bosheit.“ Auch die Hoffnung wehrt Das Eindringen aller Laster ab. „Denn Alle, die auf ihn hoffen, werden nicht sündigen.“ Die Liebe ferner fürchtet nicht Das Sündenelend, denn „die Liebe fällt nie“; und wieder: „Die Liebe bedeckt die Menge der Sünden.“ Deßhalb faßt der hl. Apostel den ganzen Inhalt des Heiles in die Vollendung dieser drei Tugenden und sagt: „Nun bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei;“ der Glaube nemlich ist es, der da macht, daß aus Furcht vor dem künftigen Gericht und Strafurtheil die Ansteckung der Laster vermieden wird. Die Hoffnung ist es, die unsern Geist von dem Gegenwärtigen abruft und alle Lüste des Körpers in der Erwartung des himmlischen Lohnes verachtet. Die Liebe endlich ist es, die uns zur Anhänglichkeit an Christus und zur Hervorbringung geistiger Tugenden mit innerer Glut entflammt und alles dem Widersprechende mit vollem Hasse verabscheuen läßt. Obwohl diese drei, wie man sieht, zu einem Ziele streben, da sie uns auffordern, von Unerlaubtem abzustehen, so unterscheiden sie sich doch Betreffs ihres Werthes in großen Abstufungen von einander. Denn die zwei erstern sind jenen Menschen eigen, die nach Fortschritt ringen und noch nicht zur Liebe der Tugenden gelangen konnten. Die dritte ist Sache Gottes und Derjenigen, welche Das Bild und die Ähnlichkeit Gottes in sich aufgenommen haben. Jener nemlich allein thut Das Gute, ohne durch Furcht oder Lohn angetrieben zu sein, aus bloßer Liebe zum Guten; denn, wie Salomon sagt, „Alles thut der Herr um seiner selbst willen.“ Nur wegen seiner Güte nemlich gibt er Überfluß an allem Guten sowohl den Würdigen als den Unwürdigen, weil er weder durch Beleidigungen ermüdet, noch durch die Bosheit der Menschen leidenschaftlich aufgeregt werden kann, sondern immer die vollkommene Güte bleibt und die unveränderliche Natur.

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VII. Quibus gradibus ad sublimitatem caritatis possit ascendi et quae sit in ea stabilitas.

Si quis igitur ad perfectionem tendit, de illo primo timoris gradu quem proprie diximus esse seruilem, de quo dicitur: cum omnia feceritis, dicite: quia serui inutiles sumus, ad altiorem spei tramitem gradu proficiente conscendet, qui iam non seruo, sed mercennario conparatur, quia mercedem retributionis expectat et quasi de peccatorum absolutione et poenali timore securus ac bonorum sibi operum conscius, licet placiti praemium uideatur expetere, tamen ad affectum illum filii, qui de paternae indulgentiae liberalitate confidens omnia quae patris sunt sua esse non ambigit, peruenire non potuit. ad quem etiam ille prodigus, qui cum substantia patris etiam filii nomen amiserat, adspirare non audet dicens: iam non sum dignus uocari filius tuus: post illas enim porcorum siliquas quarum ei satietas negabatur, id est uitiorum sordidos cibos, quia in semet ipsum reuersus et salutari timore conpunctus inmunditiam porcorum horrere iam coeperat ac dirae famis supplicia formidabat, uelut iam seruus effectus etiam mercennarii statum de mercede iam cogitans concupiscit ac dicit: quanti mercennarii patris mei abundant panibus, et ego hic fame pereo. reuertar ergo ad patrem meum et dicam illi: pater, peccaui in caelum et coram te, iam non sum dignus uocari filius tuus: fac me sicut unum de mercennariis tuis. sed istam humilis paenitentiae uocem in occursum eius pater prosiliens maiore quam emissa fuerat pietate suscepit eumque non contentus minora concedere utroque gradu sine dilatione transcurso pristinae filiorum restituit dignitati. festinandum proinde etiam nobis est, ut ad tertium filiorum gradum, qui omnia quae patris sunt sua esse credunt, per indissolubilem caritatis gratiam conscendentes caelestis illius patris imaginem ac similitudinem recipere mereamur et ad imitationem ueri illius filii proclamare possimus: omnia quae habet pater, mea sunt. quod etiam de nobis beatus apostolus profitetur dicens: omnia uestra sunt, siue Paulus siue Apollo siue Cephas, siue mundus siue uita siue mors, siue praesentia siue futura: omnia uestra sunt. ad quam similitudinem etiam saluatoris praecepta nos prouocant: estote, inquit, uos perfecti, sicut et pater uester caelestis perfectus est. in illis enim nonnumquam solet interrumpi bonitatis affectus, cum aliquo uel tepore uel laetitia uel oblectatione uigor animi relaxatus aut metum ad praesens gehennae aut desiderium subtrahit futurorum. et est quidem in illis gradus cuiusdam profectus inbuens nos, ut dum uel poenarum metu uel praemiorum spe incipimus uitia declinare, ad caritatis gradum transire possimus, quia timor, inquit, non est in caritate, sed perfecta caritas foras mittit timorem: quoniam timor poenam habet, qui autem timet non est perfectus in caritate. nos ergo diligamus, quia deus prior dilexit nos. non ergo aliter ad illam ueram perfectionem conscendere poterimus, nisi, quemadmodum nullius alterius nisi nostrae salutis gratia prior nos ille dilexit, ita eum nos quoque nullius alterius rei nisi sui tantum amoris dilexerimus obtentu. quamobrem studendum nobis est, ut de hoc timore ad spem, de spe ad caritatem dei uel ipsarum uirtutum amorem perfecto mentis conscendamus ardore, ut transmigrantes in affectum boni ipsius inmobiliter, quantum humanae possibile est naturae, quod bonum est retentemus.

7. Auf welchen Stufen man zu der Höhe der Liebe aufsteigen könne, und welche Beständigkeit in ihr sei.

Wenn Jemand also nach Vollkommenheit strebt, so wird er von jener ersten Stufe der Furcht, welche wir die eigentlich knechtische nannten, und von der es heißt: „Wenn ihr Alles gethan habt, so saget: Wir sind unnütze Knechte.“ — mit vorwärtsstrebendem Schritte aufsteigen zu jenem höhern Wege der Hoffnung, der im Gleichnisse schon nicht mehr dem Knechte, sondern dem Lohndiener zugeschrieben wird. Sie erwartet ja den Lohn der Vergeltung, und fast in Sicherheit Betreffs der Sündenvergebung und der Strafe, sowie im Bewußtsein guter Werke scheint sie allerdings den Lohn des Beifalls anzusprechen, kann sich aber nicht zu jenem Gefühle des Sohnes erschwingen, der im Vertrauen auf die Freigebigkeit der väterlichen Nachsicht nicht zweifelt, daß alle Güter des Vaters auch die seinen seien. Das wagt auch jener Verschwender, der mit dem väterlichen Vermögen zugleich den Namen des Sohnes verloren hatte, nicht anzusprechen, da er sagt: „Ich bin nicht mehr werth, dein Sohn zu heissen; halte mich nur wie einen deiner Diener.“ Denn als er nach jenen Eicheln der Schweine, mit denen er sich nicht sättigen durfte, also nach der schmutzigen Lasternahrung zu sich selbst zurückgekehrt war und in heilsamer Furcht und Zerknirschung anfing, die Unreinigkeit der Schweine zu verabscheuen, da wurde er wohl aus Furcht vor der Strafe des harten Hungers eigentlich ein Knecht und sehnte sich nun im Gedanken an den Lohn nach dem Stande eines Lohndieners und sprach: „Wie viele Diener im Hause meines Vaters haben Überfluß an Brod, und ich sterbe hier vor Hunger!“ Ich will also zurückkehren zu meinem Vater und zu ihm sagen: „Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr werth, dein Sohn zu heissen, halte mich nur wie einen deiner Diener!“

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VIII. Quantum excellant qui per caritatis affectum declinant a uitiis.

Multum namque differt inter eum qui metu gehennae uel spe retributionis futurae uitiorum in se extinguit incendia, et eum qui diuinae caritatis affectu ipsam malitiam et inmunditiam perhorrescit ac puritatis possidet bonum amore tantum ac desiderio castitatis, nec iam remunerationem futurae promissionis aspiciens, sed praesentis boni delectatus conscientia agit omnia non contemplatione poenarum, sed delectatione uirtutum. hic namque status nec submotis cunctorum hominum testimoniis abuti occasione peccati nec occultis cogitationum uiolari oblectationibus potest, dum affectum uirtutis ipsius medullitus retinens, quidquid illi contrarium est, non solum corde non recipit, uerum etiam summo detestatur horrore. aliud namque est praesenti bono quempiam delectatum odio habere uitiorum carnisue contagia, aliud futurae remunerationis intuitu inlicitas concupiscentias refrenare, aliudque est praesens metuere detrimentum et aliud futurum formidare supplicium. postremo multo maius est propter bonum ipsum a bono nolle discedere, quam propter metum mali malis non praebere consensum. in illo enim uoluntarium bonum est, in isto uero uelut coactum et tamquam nolenti uiolenter extortum uel metu supplicii uel cupiditate praemiorum. nam qui timoris obtentu a uitiorum abstinet blandimentis, adempto timoris obstaculo rursum ad illud quod diligit reuertetur et ob id nec stabilitatem boni iugiter obtinebit, sed ne ab inpugnatione quidem aliquando requiescet, quia nec firmam ac perpetuam pacem castimoniae possidebit. ubi enim est inquietudo bellorum, non possunt non etiam uulnerum interuenire discrimina. necesse est enim quempiam in conflictu situm, quamuis bellator sit ac fortiter dimicans letalia aduersariis uulnera frequenter infligat, nonnumquam tamen hostili mucrone perstringi. qui uero superata inpugnatione uitiorum pacis iam securitate perfruitur et transiit in ipsius uirtutis affectum, iugem statum illius boni cuius iam totus est retentabit, quia damno intimae castitatis nihil credit esse damnosius. nec enim carius ac pretiosius quicquam praesenti iudicat puritate, cui poena grauis est uel uirtutum perniciosa transgressio uel ipsius uitii uirulenta contagio. huic, inquam, nec reuerentia humanae praesentiae quicquam adiciet honestatis nec minuet solitudo, sed ubique secum semperque circumferens arbitram non solum actuum, sed etiam cogitationum suarum conscientiam illi potissimum studere contendet, quam nec circumueniri nec falli nec subterfugere se posse cognoscit.

8. Wie sehr Jene hervorragen, die sich aus Liebe von den Lastern abwenden.

Aber bei diesem Worte demüthiger Buße eilte der Vater ihm entgegen, nahm ihn mit größerer Innigkeit, als Jener gesprochen hatte, auf, und nicht zufrieden, Das Geringere zu gewähren, überschritt er ohne Zögern die zwei ersten Stufen und setzte Jenen wieder in die frühere Sohneswürde ein. Wir müssen also eilen, daß wir zu der dritten Stufe der Söhne, die da alles Gut des Vaters auch für Das ihrige halten, durch die Gnade unauflöslicher Liebesbande aufsteigen und Das Bild und die Ähnlichkeit mit diesem himmlischen Vater zu erlangen vermögen, so daß wir nach dem Beispiele seines wahren Sohnes ausrufen können: „Alles, was der Vater hat, ist mein.“ Das sagt auch der Hl. Apostel von uns mit den Worten: „Alles ist Euer, sei es Paulus oder Apollo oder Cephas, sei es Welt, Leben oder Tod, Gegenwart oder Zukunft — Alles ist Euer.“ Ebenso fordert uns zu dieser Ähnlichkeit auch Das Gebot des Erlösers auf, der da sagt: „Seid auch ihr vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Es pflegt hier zuweilen die Liebe zum Guten unterbrochen zu werden, wenn der Schwung des Gemüthes durch Lauheit oder Freude und Ergötzlichkeit nachläßt und so für den Augenblick entweder die Furcht vor der Hölle oder Das Verlangen nach dem Jenseits wegnimmt. Es ist aber ja auch der Fortschritt ein stufenreicher, der uns nach und nach einführt, so daß wir aus Furcht vor der Strafe und aus Hoffnung auf Lohn beginnen, die Laster zu meiden, und dann zu der Stufe der Liebe übergehen können, weil „Furcht“, wie es heißt, „nicht ist in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe die Furcht auftreibt, da die Furcht Pein hat; wer aber fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe; lieben wir dann Gott, weil Gott uns zuerst geliebt hat.“ Nicht anders also werden wir zu jener wahren Vollkommenheit aufsteigen können, als wenn wir, wie Jener uns aus keiner andern Ursache als wegen unseres Heils zuerst geliebt bat, so nun auch ihn wegen nichts Anderem lieben, als wegen seiner Liebe. Wir müssen uns also bestreben, daß wir von obiger Furcht zur Hoffnung, von der Hoffnung zur Liebe Gottes oder der Tugenden selbst mit voller Geistesglut aufsteigen, so daß wir übergehend zur Liebe des Guten selbst, so unbeweglich, als es der menschlichen Natur möglich ist, Das festhalten, was gut ist.

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VIIII. Quod caritas non solum de seruis filios faciat, sed etiam imaginem dei ac similitudinem conferat.

Quem statum si quis de adiutorio dei, non de studii sui labore praesumens meruerit possidere, de condicione seruili, in qua timor est, et mercennaria spei cupiditate, in qua non tam bonitas largientis quam praemium retributionis expetitur, in adoptionem incipiet transire filiorum, ubi iam non timor, non cupiditas, sed illa caritas quae numquam cadit iugiter perseuerat. de quo timore et caritate quosdam increpans dominus quid cui personae conueniret ostendit: filius honorat patrem, et seruus dominum suum timet: et si pater ego sum, ubi est honor meus: etsi dominus ego sum, ubi est timor meus? necesse est enim timere eum qui seruus est, quia si sciens uoluntatem domini sui fecerit digna plagis, uapulabit multis. per hanc itaque caritatem quisque ad imaginem dei similitudinemque peruenerit, bono iam propter boni ipsius delectabitur uoluptatem, ac similem quodammodo possidens patientiae ac lenitatis affectum nullis deinceps peccantium uitiis irascetur, sed ueniam potius infirmitatibus eorum condolens atque conpatiens inplorabit, seque reminiscens tamdiu similium passionum stimulis inpugnatum, donec miseratione domini saluaretur, nec suo eruditum studio ab inpugnatione carnali, sed dei protectione saluatum, non iracundiam, sed misericordiam errantibus intelleget inpendendam, illum uersiculum ad deum cum omni cordis tranquillitate decantans: tu disrupisti uincula mea: tibi sacrificabo hostiam laudis, et: nisi quia dominus adiuuit me: paulo minus habitauerat in inferno anima mea. et in hac mentis humilitate consistens poterit etiam euangelicum illud perfectionis explere mandatum: diligite inimicos uestros, bene facite his qui oderunt uos, et orate pro persequentibus et calumniantibus uos. et ita ad illud praemium quod subiungitur merebimur peruenire, per quod non solum imaginem dei et similitudinem praeferamus, uerum etiam filii nuncupemur: ut sitis, inquit, filii patris uestri qui in caelis est, qui solem suum oriri facit super bonos et malos, et pluit super iustos et iniustos. quem affectum beatus Iohannes adsecutum se esse cognoscens ait: ut fiduciam habeamus in die iudicii, quia sicut ille est et nos sumus in hoc mundo. in quo enim infirma et fragilis humana natura esse, sicut ille est, potest, nisi si in bonos et malos, iustos et iniustos ad imitationem dei placidam semper sui cordis extenderit caritatem, et ut bonum propter boni ipsius operetur affectum, perueniens ad illam ueram adoptionem filiorum dei, de qua idem beatus apostolus ita pronuntiat: omnis qui natus est ex deo peccatum non facit, quia semen ipsius in eo est, et non potest peccare, quoniam ex deo natus est, et iterum: scimus quoniam omnis qui natus est ex deo non peccat, sed generatio dei conseruat eum, et malignus non tangit eum? quod intellegendum est non de omni genere peccatorum, sed de capitalibus tantum criminibus dici. a quibus se quisquis extrahere atque emundare noluerit, pro illo in alio loco praedictus apostolus ne orari quidem debere pronuntiat qui scit, inquiens, fratrem suum peccare peccatum non ad mortem, petet, et dabit ei uitam, peccantibus non ad mortem, est peccatum ad mortem: non pro illo dico ut roget. ceterum de illis quae pronuntiantur non esse ad mortem, a quibus etiam hi qui fideliter Christo deseruiunt, quantalibet semet ipsos circumspectione custodiant, inmunes esse non possunt, ita dicitur: si dixerimus quia peccatum non habemus, ipsi nos decipimus et ueritas in nobis non est, et iterum: si dixerimus quia non peccauimus, mendacem facimus eum et uerbum eius non est in nobis. inpossibile namque est quemlibet sanctorum non in istis minutiis, quae per sermonem, per cogitationem, per ignorantiam, per obliuionem, per necessitatem, per uoluntatem, per obreptionem admittuntur, incurrere. quae licet ab illo peccato quod ad mortem esse dicitur aliena sint, culpa tamen ac reprehensione carere non possunt.

9. Daß die Liebe nicht nur aus Knechten Söhne mache, sondern auch Das Ebenbild und die Ähnlichkeit mit Gott verleihe.

Es ist ja ein großer Unterschied zwischen Dem, der aus Furcht vor der Hölle oder aus Hoffnung auf den künftigen Lohn den Brand der Laster in sich auslöscht und zwischen dem, der sich bewegt von der göttlichen Liebe die Bosheit und Unreinigkeit als solche verabscheut und Das Gut der Reinheit nur aus Liebe und Verlangen nach der Keuschheit besitzt, und der nicht im Hinblick auf die jenseits versprochene Belohnung, sondern aus Freude an dem Bewußtsein der gegenwärtigen Güte Alles thut, nicht an die Strafe denkend, sondern an der Tugend sich weidend. Der so Beschaffene kann weder, auch wenn alle menschlichen Zeugen fern waren, die Gelegenheit zur Sünde benützen noch durch die geheimen Reize der Gedanken verletzt werden, da er die Liebe zur Tugend als solcher im Innersten bewahrt und, was immer ihr entgegen ist, nicht nur im Herzen nicht aufnimmt, sondern mit dem größten Abscheu verwirft. Es ist nemlich etwas Anderes, ob Einer aus Freude an einem gegenwärtigen Gute die Befleckung mit Lastern und der Fleischlichkeit haßt, oder ob er im Hinblick auf den künftigen Lohn die unerlaubten Begierden zügelt; und etwas Anderes ist es, ein gegenwärtiges Unglück zu fürchten oder eine künftige Strafe zu scheuen. Endlich ist es viel höher, um des Guten selbst willen nicht von ihm ablassen zu wollen, als aus Furcht vor Bösem in Das Böse nicht einzuwilligen. Denn in Jenem ist Das Gute freiwillig, in Diesem aber wie erzwungen und gegen seinen Willen ihm abgepreßt, sei es nun durch die Furcht vor der Strafe oder durch die Begierde nach Lohn. Wer sich nemlich aus Furcht von den Reizen der Laster fern hält, der wird, wenn Das Hinderniß der Furcht entfernt ist, wieder zu dem zurückkehren, was er liebt, und wird deßhalb nicht nur die Festigkeit im Guten nicht beständig bewahren, sondern nicht einmal vor Anfechtung je Ruhe haben, weil er nicht den festen und ewigen Frieden der Reinheit besitzen wird; denn wo die Unruhe des Kampfes ist, da muß nothwendig auch die Gefahr der Wunden da sein. Denn Jeder, der im Kampfe ist, er mag noch so kriegstüchtig sein und im tapferen Streit oft den Gegnern tödtliche Wunden beibringen, wird doch sicher auch zuweilen von dem feindlichen Stahle getroffen werden. Wer aber nach Überwindung der lasterhaften Anfechtung schon die Sicherheit des Friedens genießt und zur Liebe der Tugend als solcher gelangt ist, der wird Das Gute, dem er schon ganz angehört, beständig in Stand halten, weil er glaubt, daß kein Verlust größer sei als der einer recht innerlichem Reinheit. Denn er hält Nichts für werthvoller und kostbarer als die gegenwärtige Reinheit, welcher die verderbliche Verletzung der Tugend oder die giftige Ansteckung des Lasters die größte Strafe ist. Diesem, sage ich, wird weder die Achtung vor gegenwärtigen Menschen Etwas zu seiner Ehrbarkeit zufügen noch die Einsamkeit Etwas nehmen; denn da er immer und überall Das Gewissen als Schiedsrichter der Handlungen und sogar der Gedanken mit sich herum trägt, so wird er dem am Meisten zu entsprechen streben, von dem er weiß, daß er weder umgangen noch getäuscht noch gemieden werden könne.

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X. Quod perfectio caritatis sit pro inimicis orare, et quo indicio anima necdum purgata noscatur.

Cum ergo quis hunc quem praediximus bonitatis affectum et imitationem dei fuerit adsecutus, tunc uisceribus dominicae longanimitatis indutus pro persecutoribus quoque suis orabit similiter dicens: pater, ignosce eis: non enim sciunt quid faciunt. ceterum euidens indicium est animae necdum uitiorum faecibus eliquatae in criminibus alienis non affectu misericordiae condolere, sed rigidam iudicantis tenere censuram. nam quemadmodum perfectionem cordis poterit obtinere is, qui non habet illud quo apostolus plenitudinem legis consummari posse signauit alterutrum, inquiens, onera uestra portate, et sic adimplebitis legem Christi, sed nec illam uirtutem possidet caritatis, quae non inritatur, non inflatur, non cogitat malum, quae omnia suffert, omnia sustinet? iustus enim miseretur animas pecorum suorum: uiscera autem inpiorum sine misericordia. ideoque isdem uitiis monachum subiacere certissimum est, quae in alio inclementi atque inhumana seueritate condemnat. rex enim rigidus incurret in mala, et qui obturat aures suas ne audiat infirmum, et ipse inuocabit, et non erit qui exaudiat eum.

10. Daß es die Vollkommenheit der Liebe sei, für die Feinde zu beten, und an welchem Zeichen eine noch nicht gereinigte Seele erkannt werde.

Wenn es nun Jemand im Vertrauen auf die Hilfe Gottes, nicht auf seine eigene Anstrengung dahin gebracht hat, diesen Zustand zu besitzen, so wird er von der knechtischen Stellung, in welcher die Furcht herrscht, und von der Miethlingsbegierde der Hoffnung, in der nicht sowohl die Güte des Gebers, als der Werth des Lohnes gesucht wird, zu der Annahme an Kindesstatt übergehen, wo nicht Furcht, nicht Begehren, sondern jene Liebe, die niemals verfällt, ununterbrochen dauert. Indem der Herr in Betreff dieser Furcht und Liebe Einige anklagt, zeigt er, was für Jeden passe: „Der Sohn ehrt seinen Vater, und der Knecht fürchtet feinen Herrn. Wenn ich nun Vater bin, wo ist meine Ehre? Und wenn ich Herr bin, wo ist die Furcht vor mir?“ Freilich muß nothwendig ein Knecht fürchten: denn er weiß, daß, wenn er den Willen seines Herrn, den er doch kennt, nicht thut, er mit vielen Streichen wird gezüchtigt werden. Wer immer also durch diese Liebe zur Ebenbildlichkeit und Ähnlichkeit mit Gott gelangt ist, der freut sich am Guten, weil er Das Gute als solches will, und da er auch eine derartige Liebe zu Geduld und Sanftmuth hat, so wird er nie mehr in Zorn gerathen über die Fehler der Sünder, sondern wird vielmehr voll Theilnahme und Mitleid mit ihren Schwächen um Gnade für sie bitten, eingedenk, daß er von den Stacheln ähnlicher Leidenschaften so lange angefochten wurde, bis ihn die Barmherzigkeit des Herrn rettete; daß er also nicht durch eigenes Streben aus dem fleischlichen Streite gerissen, sondern durch Gottes Schutz befreit wurde, damit er einsehe, daß er den Irrenden gegenüber nicht Zorn, sondern Barmherzigkeit haben solle, damit er mit aller Herzensruhe jenen Vers dem Herrn singen könne: „Du hast zerrissen meine Bande, dir will ich ein Opfer des Lobes bringen;“ und: „Hätte der Herr mir nicht geholfen, so hätte fast meine Seele in der Hölle gewohnt.“ In dieser Demuth des Geistes wandelnd wird er auch jenes evangelische Gebot der Vollkommenheit erfüllen können: „Liebet eure Feinde, thut Gutes denen, die euch hassen, und betet für eure Verfolger und Verläumder“ — und wird so zu dem damit verbundenen Lohne gelangen, durch den wir nicht nur Bild und Gleichniß Gottes an uns tragen, sondern auch Söhne Gottes genannt werden. „Damit ihr,“ heißt es, „Söhne eures Vaters seid, der im Himmel ist, und der seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte.“ Diese Gemüthsstimmung erreicht zu haben, war der hl. Johannes sich bewußt und sagt: „Damit wir Zuversicht haben am Tage des Gerichtes, weil, wie Jener ist, so auch wir sind in dieser Welt.“ Worin nun kann die schwache und gebrechliche Menschennatur sein, wie Jener ist, wenn sie nicht nach dem Beispiele Gottes über Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte ihre immer versöhnliche Herzensliebe erstreckt, damit so Das Gute aus Liebe zu ihm selbst geschehe und wir endlich zu jener wahren Annahme an Kindesstatt von Seite Gottes gelangen, von der ebenderselbe hl. Apostel so sagt: „Jeder, der aus Gott geboren ist, sündigt nicht, weil der Same von Jenem in ihm ist, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist;“ und wieder: „Wir wissen, daß Jeder, der aus Gott geboren ist, nicht sündigt, sondern die Geburt aus Gott bewahrt ihn, und der Böse tastet ihn nicht an.“ Das ist nun nicht von jeder Art der Sünden zu verstehen, sondern nur von den Hauptsünden. Wer immer sich von diesen nicht enthalten und reinigen will, für den darf, wie der genannte Apostel an einem andern Orte sagt, nicht einmal gebetet werden. „Wer da weiß,“ sagt er, „daß sein Bruder sündige, aber nicht zum Tode, der bitte, und es wird Leben gegeben werden dem, der nicht sündigt zum Tode. Es gibt eine Sünde zum Tode, nicht für diese sage ich, daß Jemand bete.“ Von den übrigen Sünden aber, die als nicht tödtlich bezeichnet werden, und von denen auch die, welche Christo treu dienen, trotz aller Umsicht und Wachsamkeit nicht frei sein können, heißt es: „Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns;“ und wieder ebendort: „Wenn wir sagen, daß wir nicht sündigten, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.“ Denn es ist unmöglich, daß irgend ein Heiliger nicht in jene Kleinigkeiten hineingerathe, die in Wort und Gedanken, in Unwissenheit und Vergeßlichkeit, in Drang oder Freiheit oder Überraschung begangen werden. Obwohl diese von jener Sünde, welche zum Tode ist, verschieden sind, so können sie doch nicht ohne Schuld und Ahndung sein. — Wenn nun Jemand die genannte Liebe zum Guten und die Ähnlichkeit mit Gott erlangt hat, so wird er auch, mit dem innersten Wesen der göttlichen Langmuth begabt, für seine Verfolger beten und sagen: „Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.“ Andererseits ist es ein deutliches Kennzeichen einer noch nicht von dem Schmutze der Laster gereinigten Seele, bei den Sünden Anderer nicht mit inniger Barmherzigkeit Mitleid zu haben, sondern Das strenge Urtheil des Richters vorzukehren. Denn wie soll der die Vollkommenheit des Herzens erlangen können, der Das nicht hat, wovon der Apostel zeigt, daß es die Fülle des Gesetzes erreichen könne? „Traget,“ sagt er, „Einer des Andern Last, und so erfüllet ihr Das Gesetz Christi.“ Aber er besitzt auch jene Tugend der Liebe nicht, die nicht aufgeregt wird, sich nicht aufbläht, nichts Böses denkt, die Alles aushält, Alles erträgt. Denn „der Gerechte erbarmt sich auch des Lebens seines Viehes; aber des Gottlosen Herz ist ohne Erbarmen.“ Daher ist es ganz gewiß, daß ein Mönch denselben Lastern unterworfen sei, die er an einem Andern mit liebloser, unmenschlicher Strenge verurtheilt. Ein strenger König fällt in Böses, und „wer seine Ohren verstopft, um nicht zu hören den Schwachen, der wird selbst auch flehen, und es wird Keiner sein, der ihn erhöre.“

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XI. Interrogatio, cur affectum timoris et spei dixerit inperfectum.

Germanus: Potenter quidem atque magnifice de perfecta dei caritate dissertum est. uerumtamen illud nos permouet, quod, cum eam tanta laude praetuleris, timorem dei et spem retributionis aeternae inperfecta esse dixisti, cum utique multo aliud uideatur de eis propheta sensisse dicens: timete dominum omnes sancti eius: quia nihil deest timentibus eum, et iterum in obseruandis iustificationibus dei retributionis se contemplatione fateatur exercitum inclinaui, inquiens, cor meum ad faciendas iustificationes tuas in aeternum, propter retributionem. et apostolus fide, inquit, Moyses grandis factus negauit se esse filium filiae Pharaonis, magis eligens adfligi cum populo dei quam temporalis peccati habere iucunditatem, maiores diuitias aestimans thesauris Aegyptiorum inproperium Christi: aspiciebat enim in remunerationem. quomodo ergo inperfecta esse credenda sunt, cum et beatus Dauid retributionis obtentu iustificationes domini se fecisse glorietur, et legislator praemia futura prospiciens spreuisse adoptionem regiae dignitatis et adflictionem dirissimam thesauris Aegyptiorum praetulisse dicatur?

11. Frage, warum er den Affekt der Furcht und der Hoffnung unvollkommen genannt habe.

Germanus: Kräftig und herrlich ist nun über die vollkommene Liebe Gottes gesprochen worden; allein Das stört uns sehr, daß du sagtest, die Furcht Gottes und die Hoffnung auf den ewigen Lohn seien unvollkommen, während du jene mit solchem Lobe vorzogest. Scheint doch wahrlich der Prophet hierüber ganz anders gedacht zu haben, da er sagt: „Fürchtet den Herrn alle seine Heiligen, weil Nichts denen mangelt, die ihn fürchten.“ Und wieder gesteht er, sich in Beobachtung der göttlichen Gebote durch den Hinblick auf die Belohnung geübt zu haben, da er sagt: „Ich neigte mein Herz zur Erfüllung deiner Gebote auf ewig, um der Vergeltung willen.“ Und der Apostel sagt: „Durch den Glauben verschmähte Moses, groß geworden, ein Sohn der Tochter Pharaos zu sein, da er lieber mit dem Volke Gottes hart behandelt werden wollte, als die Ergötzlichkeit einer zeitlichen Sünde haben, weil er die Schmach Christi für größern Reichthum hielt als die Schätze der Ägypter, denn er blickte bin auf die Vergeltung.“ Wie soll man sie also für unvollkommen halten, da selbst der hl. David sich rühmt, die Satzungen des Herrn gehalten zu haben im Hinblick auf die Vergeltung, und da man uns sagt, daß der Gesetzgeber wegen der Aussicht auf den künftigen Lohn die Annahme der königlichen Würde verachtet und die härteste Bedrückung den Schätzen der Ägypter vorgezogen habe?

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XII. Responsio de diuersitate perfectionum.

Chaeremon: Pro statu atque mensura uniuscuiusque mentis scriptura diuina ad diuersos perfectionum gradus arbitrii nostri prouocat libertatem. nec enim poterat uniformis omnibus perfectionis corona proponi, quia nec omnium una uirtus aut uoluntas aut feruor est, et idcirco ipsarum quodammodo perfectionum diuersos ordines diuersasque mensuras sermo diuinus instituit. quod ita esse euangelicarum quoque beatitudinum uarietas euidenter ostendit. licet enim beati dicantur quorum sunt regna caelorum, et beati qui possidebunt terram, et beati qui consolationem recipient, et beati qui saturitate potientur, tamen multum credimus interesse inter habitationem regni caelorum et possessionem illius quaecumque est terrae, et inter perceptionem consolationis et plenitudinem saturitatemque iustitiae, multumque distare inter illos qui misericordiam consequentur et illos qui gloriosissima uisione dei perfrui merebuntur. alia enim gloria solis, et alia gloria lunae, et alia gloria stellarum: stella enim a stella differt in gloria. ita et resurrectio mortuorum. cum igitur iuxta hunc modum scriptura diuina timentes deum laudet et dicat: beati omnes, qui timent dominum, et plenam per hoc illis beatitudinem repromittat, iterum tamen dicit: timor non est in caritate, sed perfecta caritas foras mittit timorem: quoniam timor poenam habet, qui autem timet non est perfectus in caritate. et rursus, cum seruire deo gloriosum sit et dicatur: seruite domino in timore, et: magnum tibi est uocari seruum meum, et: beatus seruus ille, quem cum uenerit dominus suus inueniet sic facientem, tamen ad apostolos dicitur: iam non dico uos seruos, quia seruus nescit quid faciat dominus suus: uos autem dico amicos, quia omnia quaecumque audiui a patre nota feci uobis, et iterum: uos amici mei estis, si feceritis ea quae praecipio uobis. uidetis ergo perfectionum gradus esse diuersos et de excelsis ad excelsiora nos a domino prouocari ita, ut is qui in timore dei beatus et perfectus extiterit, ambulans sicut scriptum est de uirtute in uirtutem et de perfectione ad aliam perfectionem, id est de timore ad spem mentis alacritate conscendens, ad beatiorem denuo statum, quod est caritas, inuitetur, et qui fuerit fidelis seruus ac prudens, ad amicitiae sodalitatem et adoptionem transeat filiorum. secundum hunc ergo sensum nostra quoque est intellegenda sententia: non quo contemplationem perpetuae illius poenae uel beatissimae retributionis quae repromittitur sanctis nullius pronuntiemus esse momenti, sed quia, cum sint utiles et sectatores suos ad initia beatitudinis introducant, caritas rursum, in qua plenior fiducia perpetuumque iam gaudium est, adsumens eos de timore seruili et mercennaria spe ad dilectionem dei et adoptionem transferet filiorum et quodammodo perfectiores faciet de perfectis. multae enim ait saluator mansiones sunt apud patrem meum, et licet omnia astra esse uideantur in caelo, inter claritatem tamen solis et lunae atque luciferi ceterarumque stellarum multa distantia est. et idcirco beatus apostolus non solum timori ac spei, sed etiam cunctis charismatibus, quae magna ac mirifica habentur, eam praeferens supra modum excellentiorem omnibus uiam caritatis ostendit. nam cum uellet expleto omni catalogo spiritalium charismatum uirtutum eius membra describere, ita praefatus est: et adhuc supra modum excellentiorem uobis uiam demonstro. si linguis hominum loquar et angelorum, et si habuero prophetiam et nouerim mysteria omnia et omnem scientiam, et si habuero omnem fidem ita ut montes transferam, et si distribuero in cibos pauperum omnes facultates meas, et tradidero corpus meum ut ardeam, caritatem autem non habuero, nihil mihi prodest. uidetis ergo nihil pretiosius, nihil perfectius nihilque sublimius et ut ita dixerim nihil caritate perennius inueniri. siue enim prophetiae, euacuabuntur: siue linguae, cessabunt: siue scientia, destruetur. caritas autem numquam excidet, sine qua non solum illa praecellentissima charismatum genera, sed etiam martyrii ipsius gloria euacuatur.

12. Antwort über die Verschiedenheit der Vollkommenheit.

Chäremon: Die göttliche Schrift ruft unsere Freiheit je nach dem Zustande und Maße eines jeden Geistes zu verschiedenen Graden der Vollkommenheit. Denn es konnte ja nicht Allen die gleiche Krone der Vollendung vorgehalten werden, weil ja auch nicht Alle die gleiche Tugend, den gleichen Willen und Eifer haben, und deßhalb lehrt Das göttliche Wort gleichsam verschiedene Stufen und Maße der Vollkommenheit. Daß Das so sei, lehrt deutlich die Verschiedenheit der evangelischen Seligkeiten. Denn obwohl ebenso selig genannt werden Diejenigen, deren Das Himmelreich ist, und selig, welche Das Erdreich besitzen oder Trost empfangen oder Sättigung erlangen werden: so glauben wir doch, daß ein großer Unterschied sei zwischen der Bewohnung des Himmelreiches und dem Besitze jenes wie immer beschaffenen Erdreiches, zwischen der Tröstung und der Fülle und Sättigung in der Gerechtigkeit: ferner zwischen Denen, welche Barmherzigkeit erlangen werden, und Jenen, die der herrlichen Anschauung Gottes genießen dürfen. „Denn anders ist der Glanz der Sonne, anders der des Mondes oder der Sterne. Stern nemlich unterscheidet sich von Stern an Glanz, und so ist auch die Auferstehung der Todten.“ Wenn also demnach die göttliche Schrift Jene lobt, welche Gott fürchten, und sagt: „Selig sind Alle, die den Herrn fürchten,“ und ihnen damit volle Seligkeit verspricht, so sagt sie doch wieder: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. weil die Furcht Pein hat; wer aber fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe.“ Dann aber ist es wieder glorreich, Gott zu dienen, und es heißt: „Dienet dem Herrn in Furcht!“ und: „Es ist etwas Großes für dich, mein Knecht zu heissen;“ oder: „Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, so handelnd findet.“ Jedoch zu den Aposteln wird gesagt: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr thut; euch aber nenne ich Freunde, weil Ich euch Alles bekannt gemacht, was ich von meinem Vater gehört habe;“ und wieder: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr thut, was ich euch befehle.“ Ihr seht also, daß es verschiedene Stufen der Vollkommenheit gibt, und daß wir von Hohem zu Höherem vom Herrn gerufen werden, damit also der, welcher in der Furcht Gottes selig und vollkommen ist, schreite, wie geschrieben steht, von Tugend zu Tugend, von Vollkommenheit zu Vollkommenheit, d. h. er soll von der Furcht zur Hoffnung mit Heiterkeit des Geistes aufsteigen und dann zu einem noch seligern Zustand, der die Liebe ist, eingeladen sein. Und wer ein treuer und kluger Knecht war, der gehe über zu der Verbindung der Freundschaft und zu der Annahme an Kindesstatt. In diesem Sinne ist also auch unsere Lehre zu verstehen, nicht als ob wir die Betrachtung jener ewigen Strafe oder des so glückseligen Lohnes, der den Heiligen versprochen ist, für unrichtig erklären, sondern so, daß diese allerdings nützlich sind und ihre Schüler zum Anfang der Seligkeit führen, daß aber die Liebe, in welcher die vollere Zuversicht und schon die ewige Freude ist, dieselben aufnimmt und von der knechtischen Furcht und Miethlingshoffnung zur Liebe Gottes und zur Kindschaft führt und so aus Vollkommenen noch Vollkommenere macht. „Denn,“ sagt der Erlöser, „bei meinem Vater sind viele Wohnungen;“ und obwohl alle Sterne am Himmel sind, so ist doch zwischen der Klarheit der Sonne, des Mondes oder des Lucifer und der übrigen Sterne ein großer Unterschied. Deßhalb zieht der hl. Apostel die Liebe nicht nur der Furcht und Hoffnung, sondern auch allen Charismen, die für groß und wunderbar gelten, ohne Vergleich vor und zeigt, daß sie vortrefflicher sei als alle. Denn da er nach vollendetem Verzeichniß der Geistesgaben ihre Kräfte zergliedern und beschreiben wollte, sprach er so: „Und noch einen, über Das Maß herrlichern Weg zeige ich euch. Wenn ich die Sprachen der Menschen und der Engel reden würde, und wenn ich die Prophetie hätte und wüßte alle Geheimnisse und alle Wissenschaft — und wenn ich Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, und würde all mein Vermögen zur Speisung der Armen austheilen; ja wenn ich meinen Leib hingeben würde zum Verbrennen: hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir Nichts.“ Ihr seht also, daß nichts Kostbareres, nichts Vollkommeneres und Erhabeneres, nichts — so zu sagen — Ewigeres zu finden sei als die Liebe. „Seien es Weissagungen — sie werden abgethan; seien es Sprachen — sie werden aufhören; sei es Wissenschaft — sie wird abgethan,“ aber „die Liebe fällt nie dahin,“ da ohne sie nicht nur jene herrlichen Arten von Gaben, sondern selbst der Ruhm des Martyrthums zu nichte wird.

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XIII. De timore qui de caritatis magnitudine generatur.

Quisquis igitur huius fuerit caritatis perfectione fundatus, necesse est ut ad illam sublimiorem caritatis timorem gradu excellentiore conscendat, quem non poenarum terror nec cupido praemiorum, sed amoris generat magnitudo, quo uel filius indulgentissimum patrem uel frater fratrem uel amicum amicus uel coniugem coniunx sollicito reueretur affectu, dum eius non uerbera neque conuicia, sed uel tenuem amoris formidat offensam atque in omnibus non solum actibus, uerum etiam uerbis adtonita semper pietate distenditur, ne erga se quantulumcumque feruor dilectionis illius intepescat. cuius timoris magnificentiam unus prophetarum eleganter expressit diuitiae, inquiens, salutis sapientia et scientia: timor domini ipse thesaurus eius. non potuit timoris istius dignitatem ac meritum magis euidenter exprimere, quam ut diuitias salutis nostrae, quae in uera sapientia dei scientiaque consistunt, diceret nisi a timore domini non posse seruari. ad hunc igitur metum non peccatores, sed sancti propheticis inuitantur eloquiis dicente psalmographo: timete dominum omnes sancti eius: quia nihil deest timentibus eum. qui enim hoc timore dominum metuit, perfectioni eius certum est nihil deesse. nam de illo timore poenali euidenter Iohannes apostolus dicit: qui timet non est perfectus in caritate, quia timor poenam habet. multa ergo distantia est inter istum timorem cui nihil deest, qui sapientiae scientiaeque thesaurus est, et illum inperfectum, qui principium sapientiae nuncupatur quique poenam in sese continens de perfectorum cordibus superueniente plenitudine caritatis extruditur. timor enim non est in caritate, sed perfecta caritas foras mittit timorem. et re uera si principium sapientiae in timore consistit, quae erit eius nisi in Christi caritate perfectio, quae illum in sese perfectae dilectionis continens metum non iam principium, sed thesaurus sapientiae et scientiae nuncupatur? et idcirco duplex timoris est gradus. unus incipientium, id est eorum qui adhuc sub iugo et terrore seruili sunt, de quo dicitur: et seruus dominum suum timebit, et in euangelio: iam non dico uos seruos, quia seruus nescit quid faciat dominus suus. et ideo seruus, inquit, non manet in domo in aeternum, filius manet in aeternum. inbuit enim nos ut ab illo poenali metu ad caritatis plenissimam libertatem et amicorum filiorumque dei fiduciam transeamus. denique beatus apostolus, qui seruilem illum timoris gradum olim caritatis dominicae uirtute transcenderat, inferiora despiciens maioribus se ditatum bonis a domino profitetur. non enim, inquit, dedit nobis deus spiritum timoris, sed uirtutis et dilectionis et sobrietatis. eos etiam, qui perfecta caelestis illius patris dilectione flagrabant quosque ex seruis filios adoptio diuina iam fecerat, hoc adhortatur eloquio: non enim accepistis spiritum seruitutis iterum in timore, sed accepistis spiritum adoptionis, in quo clamamus Abba pater. de hoc etiam metu, cum illum septiformem spiritum propheta describeret, quem in homine illo dominico secundum incarnationis dispensationem descendisse non dubium est, dixissetque: et requiescet super eum spiritus domini: spiritus sapientiae, et intellectus, spiritus consilii, et fortitudinis, spiritus scientiae, et pietatis, nouissime uelut quiddam praecipuum intulit dicens: et replebit eum spiritus timoris domini. in quo primitus illud est diligentius intuendum, quod non dixerit et requiescet super eum spiritus timoris domini’, sicut de illis prioribus dixerat, sed replebit, inquit, eum spiritus timoris domini. tanta enim ubertatis eius est magnitudo, ut, quem semel sua uirtute possederit, non partem, sed totam eius occupet mentem. nec inmerito. illi etenim quae numquam excidet cohaerens caritati non solum replet, sed etiam perpetua et inseparabili eum quem ceperit possidet iugitate, nullis laetitiae temporalis uel uoluptatum oblectationibus inminutus: quod nonnumquam illi qui foras mittitur timori euenire consueuit. hic est igitur perfectionis timor, quo homo ille dominicus, qui non solum redimere humanum genus, sed etiam praebere uenerat perfectionis formam atque exempla uirtutum, repletus fuisse narratur. illum enim seruilem suppliciorum timorem uerus dei filius, qui peccatum non fecit, nec dolus inuentus est in ore eius, habere non potuit.

13. Von jener Furcht, die von der Größe der Liebe erzeugt wird.

Wer also in der Vollkommenheit dieser Liebe gegründet ist, der muß noch auf höherer Stufe jene erhabenere Furcht der Liebe ersteigen, die nicht Angst vor den Strafen oder Begierde nach Lohn, sondern die Größe der Liebe erzeugt. So verehrt ein Sohn den gütigen Vater, ein Bruder, Freund oder Gatte den andern mit sorgsamer Zärtlichkeit, wobei sie nicht Schläge oder Schimpf fürchten, sondern jede, auch die leiseste Verletzung der Liebe. Nicht nur in allen Handlungen, sondern auch in allen Worten sind sie stets mit ängstlicher Zärtlichkeit und aller Spannung aufmerksam, daß nicht im Geringsten die Liebesglut Jener gegen sie lau werde. Die Herrlichkeit dieser Furcht hat einer der Propheten, Isaias, schön geschildert: „Reichthümer des Heiles, Weisheit und Wissenschaft; die Furcht des Herrn ist ihr Schatz.“ Er konnte die Würde und den Werth dieser Furcht nicht deutlicher bezeichnen, als daß er sagte, die Reichthümer unseres Heiles, die in der wahren Weisheit und Wissenschaft von Gott bestehen, könnten nur von der Furcht des Herrn bewahrt werden. Zu dieser Furcht nun werden nicht Sünder, sondern Heilige durch Das prophetische Wort eingeladen, indem der Psalmendichter sagt: „Fürchtet Gott all seine Heiligen; denn Nichts mangelt denen, die ihn fürchten.“ Freilich, wer Gott mit dieser Furcht fürchtet, zu dessen Vollkommenheit fehlt sicher Nichts. Denn von jener Furcht vor der Strafe sagt deutlich der Apostel Johannes: „Wer fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe, weil die Furcht Pein hat.“ Also besteht ein großer Unterschied zwischen jener Furcht, der Nichts mangelt, und welche der Schatz der Weisheit und Wissenschaft ist, und zwischen jener unvollkommenen, die der Anfang der Weisheit genannt wird und Pein in sich hat, weßhalb sie von den Herzen der Vollkommenen durch die hinzu kommende Fülle der Liebe ausgetrieben wird. „Denn Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ Und in der That, wenn der Anfang der Weisheit in der Furcht besteht, worin wird dann ihre Vollendung bestehen, wenn nicht in der Liebe Christi, welche jene Furcht der vollkommenen Liebe in sich enthält und so nicht bloß Anfang, sondern Schatz der Weisheit und Wissenschaft genannt wird? Deßhalb gibt es zwei Stufen der Furcht: die eine die der Anfänger, d. i. Jener, welche noch unter dem Joche und der Angst der Knechtschaft sind, und von denen es heißt: „Der Knecht fürchtet seinen Herrn“ und im Evangelium: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, weil der Knecht nicht weiß, was sein Herr thut.“ „Und deßhalb,“ heißt es, „bleibt der Knecht nicht immer im Hause.“ Er leitet uns also an, von jener Furcht der Strafe zu der vollkommenen Freiheit der Liebe und zu der Zuversicht der Freunde und Söhne aufzusteigen. Endlich bekennt der hl. Apostel, der die Stufe jener knechtischen Furcht einst durch die Macht der Gottesliebe überwunden hatte, daß er für die Verachtung des Niedrigen vom Herrn mit größern Gütern bereichert worden sei, und sagt: „Denn Gott gab uns nicht den Geist der Furcht, sondern der Tugend und Liebe und Nüchternheit.“ Auch Jene, welche in voller Liebe dieses himmlischen Vaters brannten, und welche die göttliche Annahme schon aus Knechten zu Kindern gemacht hatte, ermahnt er wie folgt: „Denn ihr habt nicht wieder den Geist der Knechtschaft empfangen in Furcht, sondern den Geist der Kindschaft, in welchem wir rufen: Abba, Vater!“ Von dieser Furcht redet auch der Prophet, da er jene siebenfache Gnade des hl. Geistes beschreibt, der unzweifelhaft nach der Anordnung der Inkarnation in jenem göttlichen Menschen herabgekommen ist. Nachdem er nemlich gesagt hat: „Und es wird ruhen auf ihm der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und Einsicht, der Geist des Rathes und der Stärke, der Geist der Wissenschaft und Frömmigkeit“: da fügt er zuletzt wie etwas Besonderes bei und sagt: „Und erfüllen wird ihn der Geist der Furcht des Herrn.“ Hiebei ist vor Allem Das gar aufmerksam zu betrachten, daß er nicht gesagt hat: „Und es wird ruhen auf ihm der Geist der Furcht Gottes,“ wie er sich bei den andern Gaben ausgedrückt hatte, sondern er sagt: „Erfüllen wird ihn der der Gottesfurcht.“ Denn so groß ist seine Fülle, daß, wenn er einmal Einen ergriffen hat, er nicht bloß einen Theil des Geistes, sondern den ganzen in Besitz nimmt. Und mit Recht. Denn da er mit jener Liebe, die nie hinfällig wird, verbunden ist, so erfüllt er nicht nur, sondern besitzt den Ergriffenen mit ewiger und unabweisbarer Beständigkeit, ohne durch die Reize der zeitlichen Freuden und Vergnügungen vermindert zu werden, was wohl zuweilen jener Furcht zu begegnen pflegt, die ausgetrieben wird. Das ist also die Furcht der Vollkommenheit, von der, wie gelehrt wird, jener göttliche Mensch erfüllt war, der nicht nur kam, Das menschliche Geschlecht zu erlösen, sondern auch Das Bild der Vollkommenheit darzustellen und die Beispiele der Tugenden. Denn jene knechtische Furcht vor der Strafe konnte ja der wahre Sohn Gottes, der keine Sünde begangen hatte, und in dessen Mund kein Trug sich fand, gar nicht haben.

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XIIII. Interrogatio de consummatione castitatis.

Germanus: Quia de perfectione caritatis sermo digestus est, uolumus etiam de castitatis fine aliqua liberius sciscitari. non enim ambigimus illud praecelsum fastigium caritatis, per quam, sicut hac usque dissertum est, ad imaginem dei similitudinemque conscenditur, sine castitatis perfectione subsistere omnino non posse: sed utrum ita eius possit perpetuitas obtineri, ut numquam libidinis titillatio integritatem nostri cordis infestet, et ita ualeamus ab hac passione carnali in carne degentes peregrinari, ut numquam incentiuorum aestibus aduramur, uolumus edoceri.

14. Frage über die vollendete Keuschheit.

Germanus: Da nun über die Vollkommenheit der Liebe verhandelt wurde, so wollen wir auch über den Gipfel der Keuschheit uns zu fragen erlauben. Wir zweifeln freilich nicht, daß jene erhabene Höhe der Liebe, durch welche man. wie bisher gezeigt wurde, zur Ebenbildlichkeit und Ähnlichkeit mit Gott aufsteigt, ohne vollkommene Keuschheit überhaupt nicht bestehen könne; aber wir möchten belehrt werden, ob eine solche Beständigkeit in derselben erlangt werden könne, daß nie ein Zucken der Begierde die Reinheit unseres Herzens angreife, so daß wir in diesem Leibesleben uns so von dieser fleischlichen Leidenschaft trennen können, daß wir nie in der Glut dieser Brunst brennen.

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XV. Dilatio expositionis postulatae.

Chaeremon: Summae quidem beatitudinis ac singularis est meriti ita istum per quem domino cohaeremus affectum uel discere iugiter uel docere, ut meditatio eius secundum psalmographi sententiam omnes uitae nostrae dies noctesque consumat et mentem nostram insatiabiliter esurientem sitientemque iustitiam caelestis huius cibi perpetua ruminatione sustentet. sed consulendum est etiam iumento corporis nostri secundum benignissimam saluatoris nostri prouidentiam, ne deficiat in uia: spiritus enim promptus, caro autem infirma. quae etiam nunc uel exigui cibi perceptione curanda est, ut post refectionem eius etiam ad ea quae desideratis diligentius indaganda mentis quoque addatur intentio.

15. Aufschub der verlangten Darlegung.

Chäremon: Es ist zwar die größte Gottseligkeit und ein besonderes Verdienst, jene Liebe, durch die wir Gott anhängen, beständig zu lernen oder zu lehren, so daß die Betrachtung derselben nach dem Ausspruche des Psalmensängers alle Tage und Nächte unseres Lebens einnehme und unsern Geist, der unersättlich hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, mit der immerwährenden Benützung dieser himmlischen Speise erhalte. Aber wir müssen auch nach dem Beispiele der so liebevollen Vorsorge unseres Erlösers für Das Thierlein, nemlich unsern Leib, sorgen, damit es nicht erliege auf dem Wege. Denn „der Geist ist zwar willig, aber Das Fleisch ist schwach.“ Das muß also auch jetzt durch Aufnahme von etwas Speise gepflegt werden, damit nach der Erfrischung der Geist um so eifriger sei zur genauern Erforschung dessen, was ihr verlangt.

Lateinischer Text: Conlationes XXIIII, hg. von M. Petschenig, Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum 13, Wien 1886, an den Scans überprüft; ohne kritischen Apparat. · Übersetzung von Karl Kohlhund († 1883), Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten, Kösel, 1879. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden