Johannes Cassianus, Unterredungen mit den Vätern
Unterredung XIII. Abt Chäremon: vom Schutz Gottes
Conlatio abbatis Chaeremonis tertia. De protectione dei.Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.
I. Prooemium.
Cum ad synaxin matutinam percepto paululum sopore remeantes senem opperiremur, ingenti abba Germanus scrupulo mouebatur, quod in praeterita disputatione, cuius uirtus summum desiderium incognitae nobis castitatis infuderat, unius adiectione sententiae beatus senex meritum humanae cassasset industriae, adstruens hominem, quamuis summis ad bonam frugem uiribus enitatur, tamen boni conpotem esse non posse, nisi id diuini tantum muneris largitate, non operis sui studio percepisset. hanc igitur quaestionem adtonite uoluentibus nobis progressus cellam beatus Chaeremon, cum quiddam nos inuicem mussitare sensisset, solito breuius orationum atque psalmorum sollemnitate transcursa, quid moueret, inquirit.
1. Ein Zweifel des Germanus.
Als wir nach einigem Schlafe zur Versammlung des Frühgebetes gingen und den Greis trafen, wurde Abt Germanus von einem argen Zweifel beunruhigt, weil der heilige Greis in der letzten Unterredung, deren Kraft uns ein so großes Verlangen nach der uns unbekannten Keuschheit eingeflößt hatte, durch einen eingeschalteten Ausspruch Das Verdienst der menschlichen Thätigkeit abgethan hatte mit der Behauptung, es könne der Mensch, wenn er auch mit größter Kraft nach guten Früchten strebe, doch des Guten sich nicht bemächtigen, wenn er es nicht lediglich durch die Freigebigkeit der göttlichen Gnade erlange, statt durch den Eifer seines Wirkens. Da wir nun diese Frage bestürzt hin- und herkehrten, kam der fromme Chäremon aus der Zelle, und als er merkte, daß wir Etwas mit einander murmelten, hielt er die Gebets- und Psalmenfeier rascher als gewöhnlich ab und fragte, was uns beunruhige.
II. Interrogatio, quare non merita uirtutum laborantis industriae deputentur.
Tum Germanus: Quantum excellentissimae, inquit, sublimitate uirtutis, quae nocturna disputatione patefacta est, paene ut ita dixerim a fide possibilitatis excludimur, tantum nobis (pace tui dictum sit) uidetur absurdum, si laborum stipendium, id est perfectio castitatis, quae instantia proprii sudoris adquiritur, non specialiter laborantis deputetur industriae. ineptum est enim, ut si uerbi gratia agricolam erga culturam terrae inremissum studium uiderimus inpendere, non illius efficaciae adscribamus et fructum.
2. Frage, warum die Tugendverdienste nicht dem sich abmühenden Fleiße angerechnet werden sollen.
Da sprach Germanus: So sehr wir durch die Erhabenheit der herrlichen Tugend, die uns in der nächtlichen Unterredung dargestellt wurde, fast so zu sagen des Glaubens an ihre Möglichkeit beraubt werden, ebenso sehr scheint es uns — im Frieden mit dir sei Das gesagt — absurd, wenn der Preis der Mühen, nemlich die Vollkommenheit der Keuschheit, welche durch den Schweiß der eigenen Ausdauer erlangt wird, nicht gerade besonders dem mühevollen Fleiße zugerechnet wird. Denn es wäre doch thöricht, wenn wir z. B. einen Landmann unermüdeten Eifer auf die Bebauung des Landes würden verwenden sehen und nun nicht seiner Thätigkeit auch die Frucht zuschreiben wollten.
III. Responsio, quod sine adiutorio dei non solum perfectio castitatis, sed omnino nihil boni perfici possit.
Chaeremon: Hoc ipso quod proposuistis exemplo euidentius adprobatur nihil posse perficere sine adiutorio dei laborantis industriam. nec enim agricola cum omnes conatus suos in excolendis expenderit terris, confestim etiam prouentum segetum et ubertatem frugum suae poterit industriae deputare, quam inritam esse frequenter expertus est, nisi eam et pluuiarum oportunitas et hiemis tranquilla serenitas subsequatur, ita ut adultos iam fructus ac perfecta maturitate solidatos de manu quodammodo tenentium uiderimus plerumque praereptos nihilque laborantibus illam iugem sudoris instantiam contulisse, quia non fuit domini opitulatione directa, sicut igitur inertibus agricolis, qui sua frequenti uomere arua non subigunt, hanc ubertatem segetum pietas diuina non confert, ita laborantibus pernox sollicitudo non proderit, nisi misericordia domini fuerit prosperata. in quo tamen humana superbia nullatenus se gratiae dei uel exaequare uel admiscere contendat participemque se in muneribus dei per hoc conetur inserere, ut laborem suum auctorem esse diuinae existimet largitatis ac prouentum copiosissimarum frugum industriae suae meritis respondisse glorietur. consideret namque ac ueridica examinatione perpendat, quod ne ipsos quidem conatus, quos pro desiderio opulentiae intentus exercuit, suis uiribus inpendere potuisset, nisi eum ad exercendum omne opus ruris protectio domini ac misericordia roborasset, et inefficax eius uoluntas fuisset ac uirtus, nisi etiam peragendi copiam, quae nonnumquam uel siccitatis uel imbrium nimietate fraudatur, diuina clementia praestitisset. nam cum et boum uirtus et sanitas corporis et omnium effectus operum actuumque prosperitas a domino fuerit condonata, orandum est ne fiat ei sicut scriptum est caelum aereum et terra ferrea, et ne residuum lucustae comedat bruchus et residuum bruchi eruca deuoret et residuum erucae robigo consumat. nec in hoc tantum eget diuinitatis auxilio agricolae laborantis industria, nisi etiam insperatos auertat casus, quibus, etiamsi desiderata fructuum fecunditate ager fuerit opimatus, non solum spei suae uana expectatione frustrabitur, uerum etiam perceptarum et reconditarum iam uel in area uel in horreo frugum ubertate fraudabitur. quibus manifesto colligitur non solum actuum, uerum etiam cogitationum bonarum ex deo esse principium, qui nobis et initia sanctae uoluntatis inspirat et uirtutem atque oportunitatem eorum quae recte cupimus tribuit peragendi: omne enim datum bonum et omne donum perfectum de sursum est descendens a patre luminum, qui et incipit quae bona sunt et exsequitur et consummat in nobis, dicente apostolo: qui autem dat semen seminanti, et panem ad manducandum praestabit et multiplicabit semen uestrum et crescere faciet fructus iustitiae uestrae. nostrum uero est, ut cotidie adtrahentem nos gratiam dei humiliter subsequamur, uel certe dura ceruice et incircumcisis ut scriptum est auribus eidem resistentes per Hieremiam mereamur audire: numquid qui cadit, non resurget? aut qui auersus est, non reuertetur? quare ergo auersus est populus iste in Hierusalem auersione contentiosa? indurauerunt ceruices suas, noluerunt reuerti.
3. Antwort, daß ohne die Hilfe Gottes nicht nur nicht die Vollkommenheit der Keuschheit, sondern überhaupt nichts Gutes fertig gebracht werden könne.
Chäremon: Gerade durch Das vorgelegte Beispiel wird noch deutlicher gezeigt, daß der Fleiß des Arbeitenden ohne die Hilfe Gottes Nichts ausrichten könne. Denn es wird der Landmann, wenn er auch Alles versucht hat für die Bebauung der Ländereien, doch nicht sofort auch Das Gedeihen der Saaten und den Reichthum an Früchten seiner Thätigkeit zuschreiben können, da er schon oft erfahren hat, wie vergeblich dieselbe ist, wenn nicht rechtzeitiger Regen und ein ruhiger heiterer Winter sie begleitet. Haben wir deßhalb doch oft die schon hochgewachsenen und in voller Reife schweren Früchte gleichsam den sie schon in Händen Haltenden entrissen gesehen, so daß den Arbeitern ihre beharrliche Ausdauer im Schweiße Nichts eintrug, weil sie nicht von Gottes Hilfe beschützt war. Wie nun die göttliche Güte trägen Landleuten, die ihre Fluren nicht fleissig unter die Pflugschar bringen, keine reiche Ernte verleiht, so wird auch den Arbeitenden ihre nächtliche Sorge Nichts nützen, wenn sie nicht durch die Barmherzigkeit des Herrn gesegnet wird. Suche doch ja der menschliche Hochmuth sich hierin nicht der göttlichen Gnade gleichzustellen oder beizumischen und sich seinen Antheil an den Gottesgaben dadurch zu nehmen, daß er seine Mühe für die bewirkende Ursache der göttlichen Freigebigkeit halte und sich rühme, es habe der Erfolg so reicher Früchte dem Verdienste seiner Thätigkeit entsprochen. Er mag sicher sein und es in wahrheitsliebender Prüfung erwägen, daß er aus eignen Kräften die Anstrengungen, denen er im eifrigen Verlangen nach Reichthum sich unterzog, nicht einmal hätte aufwenden können, wenn ihn nicht zu Vollbringung einer jeden ländlichen Arbeit die gnädige Hilfe Gottes gestärkt hätte; und sein Wille und seine Kraft wären unwirksam gewesen, wenn nicht die göttliche Güte ihm die Möglichkeit zu arbeiten verliehen hätte, die bald durch zu viele Trockenheit, bald durch übermäßigen Regen genommen wird. Denn wenn auch die Wohlthat der Kraft und die Gesundheit des Körpers, der Erfolg der Arbeit und Das Gelingen der Unternehmungen vom Herrn geschenkt wird, so darf man doch noch beten, daß nicht, wie geschrieben steht, der Himmel werde wie Erz und die Erde wie Eisen, und damit nicht, was übrig ließ die Heuschrecke, verzehre der Käfer, und was übrig ließ der Käfer, zernage die Raupe, und was übrig ließ die Raupe, vernichte der Mehlthau. Und nicht nur hierin bedarf der Fleiß des arbeitenden Landmannes der göttlichen Hilfe, sondern sie muß auch unverhoffte Fälle abwenden, durch welche, wenn auch der Acker voll wäre von dem erwünschten ReIchthum an Früchten, doch nicht nur seine Hoffnung und Erwartung eitel und nichtig würde, sondern er auch um die ganze Menge der schon geärnteten und in Tenne und Scheune untergebrachten Früchte kommen könnte. Daraus nehmen wir offenbar ab, daß nicht nur der Anfang der Handlungen, sondern auch der guten Gedanken von Gott sei, der uns sowohl die Keime des guten Willens einflößt als auch Kraft und Gelegenheit gibt, unsere guten Begierden auszuführen: „denn jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk ist von oben, kommt vom Vater des Lichts,“ der Das Gute in uns anfängt und ausführt und vollendet, wie der Apostel sagt: „Der aber Samen gibt dem Säenden, wird auch Brod zum Essen geben und wird mehren euern Samen und wachsen machen die Früchte eurer Gerechtigkeit.“ Bei uns aber steht es, täglich der uns ziehenden Gnade Gottes demüthig zu folgen oder aber „mit hartem Nacken“ und, wie geschrieben steht, „unbeschnittenen Ohren“ ihr zu widerstehen, so daß wir durch Jeremias zu hören verdienen: „Wird dann nicht aufstehen, wer fällt, und nicht zurückkehren, der sich abwandte?“ Warum also ist abgewendet dieß Volk in Jerusalem mit beharrlicher Abkehr? Verhärtet haben sie ihre Nacken und wollten nicht zurückkehren.
IIII. Obiectio, quemadmodum gentiles absque gratia dei castimoniam habuisse dicantur.
Germanus: Huic sensui, cuius pietas abrupte a nobis non potest inprobari, illud uidetur obsistere quod ad destructionem liberi tendit arbitrii. nam cum multos gentilium, qui utique diuini adiutorii gratiam non merentur, non solum frugalitatis atque patientiae, sed, quod magis mirum est, etiam castitatis uideamus fulgere uirtutibus, quomodo captiuato liberae uoluntatis arbitrio dei munere conlatae illis fuisse credendae sunt, cum utique mundanae sapientiae sectatores non solum dei gratiam, sed ipsum etiam uerum deum penitus ignorantes, quantum uel serie lectionis uel quorundam traditione cognouimus, summam castimoniae puritatem proprii laboris industria possedisse dicantur?
4. Einwendung, wie von den Heiden gesagt werden könne, daß sie ohne Gottes Gnade doch die Keuschheit gehabt hätten.
Dieser Meinung, deren Pietät von uns nicht geradezu mißbilligt werden kann, scheint Das entgegenzustehen, daß sie auf Vernichtung der Freiheit hinausläuft. Denn da wir sehen, daß viele Heiden, die doch wohl die Gnade der göttlichen Hilfe nicht verdienen, doch nicht nur durch die Tugenden der Nüchternheit und Geduld, sondern auch, was merkwürdiger ist, durch die der Keuschheit glänzen, wie sollen wir da glauben, daß diese ihnen, da die freie Willenskraft gefesselt ist, durch Gottes Gnadengabe verliehen wurden? Sollen doch in der That Jünger der weltlichen Weisheit, obwohl sie nicht nur die Gnade Gottes, sondern auch den wahren Gott selbst durchaus nicht kannten, doch die größte Reinheit der Keuschheit durch den Fleiß eigenen Ringens besessen haben, wie wir theils aus der Lektüre, theils durch Mittheilung Anderer erfahren haben!
V. Responsio de philosophorum imaginaria castitate.
Chaeremon: Gratum mihi est quod, dum summo agnoscendae ueritatis amore flammamini, quaedam etiam inepta proponitis, quorum obiectione probatior atque ut ita dixerim exploratior catholicae fidei uirtus adpareat. quis etenim sapiens tam contrariis propositionibus uteretur, ut caelestem castimoniae puritatem, quam hesterna die nec per dei gratiam mortalium cuiquam adserebatis posse conferri, nunc eandem etiam a gentilibus crederet uirtute propria fuisse possessam? sed quia haec explorandae procul dubio ut dictum est studio ueritatis opponitis, quid de his teneamus aduertite. primum philosophos nequaquam credendum est talem animi castitatem qualis a nobis exigitur adsecutos, quibus iniungitur ut non solum fornicatio, sed ne inmunditia quidem nominetur in nobis. habuerunt autem illi quandam μερικήν, hoc est portiunculam castitatis, id est abstinentiam carnis, ut tantum a coitu libidinem cohercerent: hanc autem internam mentis ac perpetuam corporis puritatem non dicam opere adsequi, sed nec cogitatione potuerunt. denique famosissimus ille ipsorum Socrates hoc, ut ipsi concelebrant, de se non erubuit profiteri. nam cum intuens eum quidam φυσιογνώμων dixisset: ὄμματα παιδεραστοῦ, hoc est oculi corruptoris puerorum, et inruentes in eum discipuli inlatum magistro uellent ultum ire conuicium, indignationem eorum hac dicitur conpressisse sententia: παύσασθε, ἑταῖροι· εἰμὶ γάρ, ἐπέχω δέ, id est: quiescite, o sodales: etenim sum, sed contineo. apertissime igitur non solum adsertione nostra, sed etiam ipsorum professione monstratur consummationem tantummodo inpudicitiae, id est conmixtionis turpitudinem uiolenta ab illis necessitate conpressam, non tamen desiderium de cordibus eorum et oblectationem illius passionis exclusam. cum quo autem horrore proferenda est illa sententia Diogenis? factum enim, quod philosophos mundi huius uelut quiddam memorabile proferre non puduit, neque dici a nobis sine uerecundia neque audiri potest. nam cuidam in adulterii crimine puniendo, ut ferunt, ait: τὸ δωρεὰν πωλούμενον θανάτῳ μὴ ἀγόραζε, id est: quod gratis uenditur, morte non emas. constat ergo illos uerae castitatis quae a nobis expetitur nec agnouisse uirtutem, et ideo satis certum est circumcisionem nostram, quae in spiritu est, non posse nisi dei tantum munere possideri et his inesse solummodo, qui deo tota spiritus sui contritione deseruiunt.
5. Antwort über die eingebildete Keuschheit der Philosophen.
Chäremon: Es ist mir lieb, daß ihr, entflammt von der größten Liebe zur Erkenntniß der Wahrheit, auch hie und da Ungereimtes vorbringet, da durch solchen Widerspruch die Kraft des katholischen Glaubens bewährter und so zu sagen zuverlässiger sich zeigen kann. Denn wer möchte bei klugem Verstand so widersprechende Behauptungen aufstellen, daß er von dieser himmlischen Reinheit der Keuschheit, von der ihr gestern sagtet, sie könne nicht einmal durch Gottes Gnade irgend einem Sterblichen zu Theil werden, heute glauben will, die Heiden hätten sie durch eigene Kraft besessen? Aber weil ihr, wie gesagt, Das ohne Zweifel im Eifer für die Erforschung der Wahrheit entgegnet, so höret, was ich davon halte. Zuerst darf man durchaus nicht glauben, daß die Philosophen eine solche innerliche Keuschheit, wie sie von uns gefordert wild, erreicht haben, da ja uns geboten wird, daß nicht nur die Hurerei, sondern auch keinerlei Unreinigkeit bei uns auch nur genannt werde. Es hatten aber Jene ein gewisses Theilchen der Keuschheit, nämlich die Enthaltsamkeit des Fleisches, daß sie nur in Betreff des Beischlafes ihre Begierde im Zaume hielten; aber diese innere Reinheit des Geistes und die vollkommene und beständige Reinheit des Leibes konnten sie, ich will nicht sagen nicht in der That erreichen, sondern nicht einmal denken. Schämte sich doch, wie sie selbst öffentlich verkünden, der Berühmteste von ihnen, Sokrates, nicht, Dieß selbst einzugestehen. Denn als ihn ein gewisser Physionom ansah und sagte: ὄμματα παιδεραστοῦ, d. i. er hat die Augen eines Knabenschänders, da drangen seine Schüler auf denselben ein und wollten die ihrem Lehrer zugefügte Schmähung rächen; er aber soll ihren Unwillen mit diesem Ausspruch unterdrückt haben: παύσασθε, ἑταῖροι, εἰμὶ γὰρ, ἀλλ᾿ ἀπέχω, d. i.: „Beruhiget euch, Freunde, denn ich bin es, aber ich halte mich zurück.“ Es ist also auf’s Klarste nicht nur durch meine Behauptung. sondern durch Das Eingeständniß Jener bewiesen, daß nur die Ausführung der Unzucht, d. i. die Schändlichkeit der geschlechtlichen Verbindung von Jenen mit Gewalt und Zwang unterdrückt wurde, daß aber aus ihren Herzen nicht die Begierde und die Lust an jener Leidenschaft ausgeschlossen war. Mit welchem Abscheu aber müssen wir jenen Ausspruch des Diogenes wiedergeben? Denn die Thatsache, welche dieser weltliche Philosoph als etwas Beachtenswerthes vorzubringen sich nicht schämte, dürfen wir ohne Scham weder nennen noch anhören. Er soll also Einem, der wegen des Verbrechens des Ehebruches bestraft werden mußte, gesagt haben: „Was umsonst feil geboten wird, hättest du nicht mit dem Leben erkaufen sollen.“ Es steht also fest, daß Jene die Tugend der wahren Keuschheit, die von uns verlangt wird, gar nicht gekannt haben. Deßhalb ist es sicher genug, daß man unsere Beschneidung, die im Geiste ist, nur durch Gnadengabe Gottes besitzen kann, und daß sie nur denen innewohne, die Gott mit der ganzen Zerknirschung ihres Geistes dienen.
VI. Quod sine gratia dei nullos industrios conatus exsequi ualeamus.
Et idcirco licet in multis, immo in omnibus possit ostendi semper auxilio dei homines indigere nec aliquid humanam fragilitatem quod ad salutem pertinet per se solam, id est sine adiutorio dei posse perficere, in nullo tamen euidentius quam in adquisitione atque custodia castitatis ostenditur. ut enim tantisper de integritatis eius difficultate disputatio differatur, de instrumentis eius breuiter interim disputemus. quis praeualeat quaeso quamuis feruens spiritu uel squalorem solitudinis uel sicci panis non dicam cotidianam esuriem, sed ipsam saturitatem nulla hominum laude suffultus suis uiribus sustinere? quis aquae perpetuam sitim sine domini consolatione tolerare illumque dulcem ac delectabilem matutinum soporem humanis fraudare oculis et intra terminos horarum quattuor omnem quietis refectionem iugi possit lege concludere? quis indesinentem lectionis instantiam, quis inremissam operis sedulitatem nullum praesentis lucri conmodum captans absque gratia dei explere sufficiat? quae omnia sicut desiderari a nobis iugiter absque diuina inspiratione non possunt, ita nec perfici quidem sine eius auxilio ullatenus queunt. et ut haec eadem non solum probata nobis experientiae disciplina, sed etiam certis indiciis et argumentis manifestiora reddamus, nonne in multis quae utiliter optamus inplere, cum desiderii plenus ardor ac uoluntas perfecta non desit, interpellans quaecumque fragilitas cassat uota concepta nec proposito nostro adsistit effectus, nisi uirtus perficiendi fuerit domini miseratione donata, ita ut, cum sit innumera multitudo illorum qui fideliter uirtutum studiis desiderent inhaerere, summam tamen eorum qui haec perficere uel tolerare praeualeant inuenias raritatem? ut praetermittam quod ne tunc quidem, cum omnino nulla nos arcet infirmitas, facultas uniuersa quae uolumus peragendi nostrae subiacet potestati. nam neque remotionis silentium nec districtionem ieiuniorum nec lectionis instantiam etiam illo quo possumus tempore pro nostro arbitrio retentamus, sed quibusdam occurrentibus causis etiam inuitissimi frequenter retrahimur a salutaribus institutis, ita ut uel loci uel temporis copiam, in quo haec exercere possimus, necesse sit nos a domino deprecari. nec sufficere nobis id quod possumus certum est, nisi etiam oportunitas peragendi ea quae nobis utique possibilia sunt a domino tribuatur (de quibus et apostolus quoniam uoluimus, inquit, uenire ad uos et semel et iterum, et inpediuit nos Satanas), ita ut nonnumquam nos etiam utiliter ab istis spiritalibus sentiamus studiis auocari, ut, dum nolentibus nobis interrumpitur nostri cursus intentio et infirmitati carnis aliquid relaxamus, etiam inuiti ad salutarem perseuerantiam reseruemur. de qua dispensatione dei simile aliquid beatus apostolus propter quod, inquit, ter dominum rogaui ut discederet a me. et dixit mihi: sufficit tibi gratia mea: nam uirtus in infirmitate perficitur, et iterum: quid enim oremus secundum quod oportet nescimus.
6. Daß wir ohne die Gnade Gottes keine Thätigkeitsäusserungen vollbringen können.
Obwohl man nun in Vielem, ja in Allem zeigen kann, daß die Menschen immer der Hilfe Gottes bedürfen, und daß die menschliche Gebrechlichkeit Nichts, was zum Heile gehört, durch sich allein, d. i. ohne die Hilfe Gottes vollbringen könne, so wird Dieß doch nirgends deutlicher als in Erwerbung und Bewahrung der Keuschheit; denn um die Besprechung der Schwierigkeit ihrer Unversehrtheit ein wenig aufzuschieben, wollen wir einstweilen kurz von ihren Mitteln reden. Oder wer, ich bitte euch, vermöchte, wenn er auch glühenden Geisteseifer hätte, aus eigenen Kräften die rauhe Wüste oder bei trockenem Brode, ich will nicht sagen den täglichen Hunger, sondern auch nur die Sättigung zu ertragen, und Das ohne die Stütze des Menschenlobes? Wer könnte den immerwährenden Durst nach Wasser ohne die Tröstung Gottes aushalten oder jenen süßen, erquickenden Morgenschlummer den Augen rauben und die ganze Schlafesstärkung nach einem beständigen Gesetze innerhalb vier Stunden beschließen? Wer vermöchte die unaufhörliche Ausdauer in der Lesung, wer den ununterbrochenen Fleiß in der Arbeit, von der er in der Gegenwart keinen Gewinn und Vortheil zieht, ohne die Gnade Gottes zu leisten? Wie wir nach all Diesem ohne göttliche Eingebung nie ein Verlangen haben können, so können wir es auch ohne seine Hilfe durchaus nicht ausführen. Damit nun Ebendieß uns nicht nur durch die bewährte Lehre der Erfahrung, sondern auch durch sichere Zeichen und Beweise noch offenbarer werde: macht denn nicht in vielem Nützlichen, was wir zu thun wünschen, eine gewisse Einsprache der Schwäche unsere schon gefaßten Wünsche nichtig, obwohl die volle Glut des Verlangens und der vollkommene Wille nicht fehlt, und bleibt so nicht unser Vorsatz ohne Wirkung, wenn nicht die Kraft der Ausführung von der Barmherzigkeit des Herrn geschenkt wird? Obwohl es deßhalb eine unzählige Menge Solcher gibt, die getreulich wünschen, dem Tugendstreben sich zu widmen, so sind doch Jene sehr selten, welche Das zu vollenden oder auszuhalten vermögen, wobei ich noch übergehen will, daß ja nicht einmal dann, wenn uns keine Schwäche abhält, die volle Freiheit, Alles zu thun, was wir wollen, in unserer Macht ist. Denn nicht einmal zu der Zeit, wo wir könnten, vermögen wir die stille Zurückgezogenheit, Das strenge Fasten, die eifrige Lesung ganz nach unserm Willen einzuhalten, sondern werden durch gewisse dazwischenkommende Ursachen häufig von den heilsamen Gebräuchen abgehalten, so daß wir nothwendig die Gelegenheit nach Zeit und Ort, diese Dinge auszuüben, von Gott erbitten müssen, und es ist also gewiß, daß unser Können nicht ausreicht, wenn nicht von dem Herrn auch die günstige Gelegenheit, Das uns Mögliche auszuführen, geschenkt wird, wovon auch der Apostel sagt: „Wir wollten wieder und wieder zu euch kommen, aber Satan hat uns gehindert.“ Dabei geschieht es auch, daß wir zuweilen uns in nützlicher Weise von diesen geistigen Bestrebungen abgerufen fühlen und so, indem gegen unsern Willen die Eile unseres Laufes unterbrochen wird und wir der Körperschwäche etwas Erholung gönnen, unsere Beharrlichkeit durch Schonung gewahrt wird, ohne daß wir selbst Dieß beabsichtigen. Über dieses Walten Gottes spricht sich der hl. Apostel ähnlich aus: „Deßhalb habe ich den Herrn dreimal gebeten, daß Jener von mir weiche: aber er sagte mir: Es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft wird in der Schwäche vollendet;“ und wieder: „Denn um was wir bitten sollen wie sich’s gebührt, wissen wir nicht.“
VII. De principali proposito dei et prouidentia cotidiana.
Propositum namque dei, quo non ob hoc hominem fecerat ut periret, sed ut in perpetuum uiueret, manet inmobile. cuius benignitas cum bonae uoluntatis in nobis quantulamcumque scintillam emicuisse perspexerit uel quam ipse tamquam de dura silice nostri cordis excuderit, confouet eam et exsuscitat suaque inspiratione confortat, uolens omnes homines saluos fieri et ad agnitionem ueritatis uenire, quia non est, inquit, uoluntas ante patrem uestrum qui in caelis est ut pereat unus ex pusillis istis, et iterum nec uult, inquit, deus perire animam, sed retractat cogitans ne penitus pereat qui abiectus est. uerax namque est et non mentitur, cum obtestatione definiens: uiuo ego, dicit dominus deus: quia nolo mortem inpii, sed ut conuertatur a uia sua, et uiuat. qui enim ut pereat unus ex pusillis non habet uoluntatem, quomodo sine ingenti sacrilegio putandus est non uniuersaliter omnes, sed quosdam saluos fieri uelle pro omnibus? ergo quicumque pereunt, contra illius pereunt uoluntatem, ita eo contra unumquemque eorum cotidie proclamante: conuertimini a uiis uestris pessimis: et quare morimini domus Israhel? et iterum: quotiens uolui congregare filios tuos, sicut gallina congregat pullos suos sub alas suas, et noluisti. et: quare, inquit, auersus est populus iste in Hierusalem auersione contentiosa? indurauerunt facies suas, noluerunt reuerti. praesto est ergo cotidie Christi gratia, quae, dum uult omnes homines saluos fieri et ad agnitionem ueritatis uenire, cunctos absque ulla exceptione conuocat dicens: uenite ad me omnes qui laboratis et onerati estis, et ego reficiam uos. si autem non omnes uniuersaliter, sed quosdam aduocat, sequitur ut nec omnes sint onerati uel originali uel actuali peccato nec uera sit illa sententia: omnes enim peccauerunt et egent gloria dei, nec per omnes homines mors pertransisse credatur. et in tantum omnes qui pereunt contra dei pereunt uoluntatem, ut nec ipsam mortem deus fecisse dicatur, ita scriptura testante: quia deus mortem non fecit, nec gaudet in perditione uiuorum. et inde est quod plerumque, dum pro bonis contraria postulamus, uel tardius uel nequaquam nostra exauditur oratio, et rursus ea quae credimus esse contraria utiliter ut benignissimus medicus etiam inuitissimis dominus inferre dignatur ac nonnumquam perniciosas dispositiones nostras letalesque conatus ab effectu detestabili retardat ac reuocat, ac properantes ad mortem retrahit ad salutem et de inferni faucibus extrahit ignorantes.
7. Über die erste Absicht Gottes und seine tägliche Fürsorge.
Die Absicht Gottes, in der er den Menschen nicht dazu geschaffen hatte, daß er zu Grunde gehe, sondern daß er ewig lebe, bleibt fest stehen. Wenn seine Güte ein noch so kleines Fünklein guten Willens in uns aufleuchten sieht oder eines, Das er selbst gleichsam aus dem harten Kiesel unseres Herzens geschlagen hat, so pflegt er es und weckt es und stärkt es durch seine Eingebung, da er will, daß alle Menschen selig werden und zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen. „Es ist nicht,“ sagt er, „Wille bei euerm Vater, der im Himmel ist, daß eines von diesen Kleinen verloren gehe.“ Und wieder heißt es: „Gott will nicht, daß eine Seele verloren gehe, sondern hält Rath und gedenket, daß nicht ganz zu Grunde gehe, der verstoßen ist.“ Denn Gott ist wahrhaft und lügt nicht, wenn er mit Betheuerung versichert: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, Gott, ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre von seinem Wege und lebe.“ Denn wer nicht den Willen hat, daß eines von den Kleinen zu Grunde gehe, wie darf man von ihm ohne große Gotteslästerung glauben, daß er nicht durchaus Alle, sondern nur Einige statt Aller gerettet wissen wolle? Welche immer also zu Grunde gehen, sie gehen verloren gegen seinen Willen, da er ja einem Jeden von ihnen täglich zuruft: „Bekehret euch von euren schlechten Wegen! Warum auch wolltet ihr des Todes sein, Haus Israel?“ Und wieder: „Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Jungen sammelt unter ihre Flügel, und du hast nicht gewollt!“ „Und warum,“ heißt es, „hat sich abgewendet dieses Volk in Jerusalem mit hartnäckiger Abkehr? Verhärtet haben sie ihr Angesicht und wollen nicht zurückkehren.“ Zu Handen also ist täglich die Gnade Christi, und da sie will, daß alle Menschen selig werden und zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen, ruft sie auch Alle ohne irgend eine Ausnahme und sagt: „Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken.“ Wenn sie aber nicht Alle insgesammt, sondern nur Einige ruft, so folgt daraus, daß auch nicht Alle beladen sind, sei es mit der Erbsünde oder persönlichen Schuld, und daß auch jener Ausspruch nicht wahr ist: „Alle haben gesündigt und entbehren der Ehre vor Gott;“ daß man ferner nicht glauben darf, es sei der Tod auf alle Menschen übergegangen. Und so sehr gehen alle Verlorenen gegen den Willen Gottes zu Grunde, daß man nicht einmal sagt, Gott habe den Tod geschaffen, da Solches die hl. Schrift bezeugt: „Gott hat den Tod nicht gemacht, noch freut er sich an dem Untergange der Lebendigen.“ Daher kommt es, daß unser Gebet sehr oft später oder gar nicht erhört wird, weil wir etwas für uns Schädliches verlangen, während sich der Herr ein ander Mal herabläßt, uns zu unserm Nutzen selbst gegen unsern Willen wie der wohlmeinendste Arzt Das zu geben, was wir für schädlich halten. Oft auch hält der Herr unsere verderblichen Anordnungen und todbringenden Unternehmungen in ihrem fluchwürdigen Erfolge auf, macht sie zu nichte und zieht die dem Tode Entgegeneilenden zum Heile oder entreißt die Blinden dem Abgrunde der Unterwelt.
VIII. De gratia dei et arbitrii libertate.
Quam curam atque prouidentiam circa nos suam sub figura meretricis Hierusalem et perniciosa ad idolorum cultum alacritate tendentis per Osee prophetam sermo diuinus eleganter expressit. dicente namque ea: uadam post amatores meos, qui dant panes mihi, et aquas meas, lanam meam, et linum meum, oleum meum, et potum meum, respondet saluti eius, non uoluntati consulens diuina dignatio: ecce ego saepiam uias eius spinis, et saepiam eam maceria, et semitas suas non inueniet. et sequetur amatores suos, et non adprehendet: et quaeret eos, nec inueniet illos, et dicet: reuertar ad uirum meum priorem: quia bene mihi erat tunc magis quam nunc est. ac rursum contumacias nostras atque contemptus, quibus eum ad salutares inuitantem recursus rebelli spiritu dedignamur, tali conparatione describit: et dixi, inquit: patrem uocabis me, et post me ingredi non cessabis. sed quomodo si contemnat mulier amatorem suum, sic contempsit me domus Israhel, ait dominus. satis congrue, quoniam Hierusalem adulteratae conparauerat a suo coniuge discedenti, amorem quoque ac perseuerantiam benignitatis suae uiro qui feminam deperit conparauit. pietas enim ac dilectio dei quam circa humanum genus semper inpendit, eo quod nullis ita uincatur iniuriis, ut a cura nostrae salutis abscedat et quodammodo superata iniquitatibus nostris a principali suo proposito reuocetur, magis proprie exprimi alia conparatione non potuit quam exemplo uiri ardentissimo amore feminam diligentis, qui quanto magis neglegi se ac despici ab ea senserit, tanto uehementioris circa eam zeli ardore flammatur. adest igitur inseparabiliter nobis semper diuina protectio tantaque est erga creaturam suam pietas creatoris, ut non solum comitetur eam, sed etiam praecedat iugiter prouidentia, quam expertus propheta apertissime confitetur dicens: deus meus misericordia eius praeueniet me. qui cum in nobis ortum quendam bonae uoluntatis inspexerit, inluminat eam confestim atque confortat et incitat ad salutem, incrementum tribuens ei quam uel ipse plantauit uel nostro conatu uiderit emersisse. nam et ante quam clament, inquit, ego audiam: adhuc loquentibus eis ego audiam, et iterum: ad uocem clamoris tui statim ut audierit, respondebit tibi. et non solum sancta desideria benignus inspirat, sed etiam occasiones praestruit uitae et oportunitatem boni effectus ac salutaris uiae directionem demonstrat errantibus.
8. Von der Gnade Gottes und der Freiheit des Willens.
Diese seine Sorgfalt und Vorsehung für uns hat uns Das göttliche Wort durch den Propheten Oseas unter dem Bilde des buhlerischen Jerusalem, Das mit verderblicher Hast sich dem Götzendienste ergab, herrlich ausgesprochen. Da nemlich jenes spricht: „Ich will meinen Buhlen nachgehen, die mir Brod geben und mein Wasser, meine Wolle und mein Linnen, mein Öl und meinen Trank“ — da antwortet die göttliche Herablassung in der Sorge für sein Heil, nicht für seinen Willen: „Siehe, ich will umzäunen ihren Weg mit Dornen und umgeben sie mit einer Mauer, und sie wird ihre Pfade nicht finden; sie wird ihren Buhlen nachgehen und sie nicht erreichen, wird sie suchen und nicht finden und wird sagen: „Ich will zu meinem frühern Manne zurückkehren, weil mir damals wohler war als jetzt.“ Und wieder schildert er die Hartnäckigkeit und Verachtung, mit der wir ihn voll Widersetzlichkeit erzürnen, wenn er uns zu heilsamer Einkehr einladet, mit folgender Vergleichung: „Und ich sprach: Vater wirst du mich nennen und wirst nicht aufhören, wir nachzugehen; doch wie ein Weib treulos wird dem sie Liebenden, so ward treulos an mir Das Haus Israel, spricht der Herr.“ Ganz passend verglich er, weil er Jerusalem einem ehebrecherischen, den Gatten verlassenden Weibe ähnlich genannt hatte, auch seine Liebe und ausdauernde Güte mit einem Manne, der vom Weibe verlassen wird. Denn die Zärtlichkeit und Liebe Gottes, die dem menschlichen Geschlechte immer erwiesen wird, kann gerade deßhalb, weil sie durch keine Unbilden so überwunden wird, daß sie von der Sorgfalt für unser Heil abstünde, und weil sie nur überwältigt von unserer Ungerechtigkeit von ihrem ersten Vorhaben abläßt durch keine andere Vergleichung treffender ausgedrückt werden, als durch Das Beispiel eines Mannes, der seine Gattin innigst liebt, und der nun, je mehr er sich von ihr vernachlässigt sieht, um so mehr von heftig glühender Eifersucht gegen sie entflammt wird. Es ist uns also die göttliche Hilfe immer und unzertrennlich gegenwärtig, und so groß ist die Zärtlichkeit des Schöpfers gegen sein Geschöpf, daß er es nicht nur begleitet, sondern ihm auch mit beständiger Sorgfalt zuvorkommt. So bekennt der Prophet, der diese erfahren hatte, dem Herrn aufrichtigst und spricht: „Mein Gott, seine Barmherzigkeit kommt mir zuvor.“ Ja wenn er nur einen Anfang des guten Willens in uns sieht, so erleuchtet er ihn sogleich, stärkt ihn und regt ihn zum Heile an, Demjenigen Wachsthum verleihend, was er selbst in uns gepflanzt hatte, oder was er durch unsern Versuch aufkeimen sah. Denn „bevor sie rufen,“ sagt er, „werde ich sie hören und, da sie noch reden, sie erhören;“ und wieder: „Er wird dir antworten auf die Stimme deines Rufens, sobald er sie gehört hat.“ Und nicht nur heilige Begierden flößt er in seiner Güte ein, sondern auch die Vorkommnisse des Lebens ordnet er im Voraus und die günstigen Gelegenheiten zu gutem Erfolg und zeigt den Irrenden die Richtung des Heilsweges.
VIIII. De uirtute bonae uoluntatis nostrae et gratiae dei.
Vnde non facile humana ratione discernitur quemadmodum dominus petentibus tribuat, a quaerentibus inueniatur aperiatque pulsantibus, et rursus inueniatur a non quaerentibus se, palam adpareat inter illos qui eum non interrogabant, et tota die expandat manus suas ad populum non credentem sibi et contradicentem, resistentes ac longe positos uocet, inuitos adtrahat ad salutem, peccare cupientibus explendae copiam subtrahat uoluntatis, ad nequitiam properantibus benignus obsistat. cui autem facile pateat, quomodo salutis summa nostro tribuatur arbitrio, de quo dicitur: si uolueritis, et audieritis me, quae bona sunt terrae manducabitis, et quomodo non uolentis neque currentis, sed miserentis sit dei? quid etiam sit illud, quod deus reddet unicuique secundum opera eius, et: deus est qui operatur in uobis et uelle et perficere, pro bona uoluntate, et: hoc non ex uobis, sed dei donum est: non ex operibus, ut ne quis glorietur? quid sit etiam illud quod dicitur: adpropinquate domino, et adpropinquabit uobis, et quod alibi dicit: nemo uenit ad me nisi pater qui misit me adtraxerit eum? quid sit quod dicitur: rectos cursus fac pedibus tuis, et uias tuas dirige, et quid sit quod orantes dicimus: dirige in conspectu tuo uiam meam, et: perfice gressus meos in semitis tuis: ut non moueantur uestigia mea? quid sit quod iterum conmonemur: facite uobis cor nouum, et spiritum nouum, et quid sit illud quod repromittitur: dabo eis cor unum, et spiritum nouum tribuam in uisceribus eorum: et auferam cor lapideum de carne eorum, et dabo eis cor carneum: ut in praeceptis meis ambulent, et iudicia mea custodiant? quid sit quod praecipit dominus dicens: laua a malitia cor tuum Hierusalem, ut salua fias, et quid sit quod id ipsum propheta a domino postulat dicens: cor mundum crea in me deus, et iterum: lauabis me, et super niuem dealbabor? quid sit quod ad nos dicitur: inluminate uobis lumen scientiae, et quid sit quod de deo dicitur: qui docet hominem scientiam, et: dominus inluminat caecos, uel certe quod orantes dicimus cum propheta: inlumina oculos meos ne umquam obdormiam in mortem, nisi quod in his omnibus et gratia dei et libertas nostri declaratur arbitrii, quia etiam suis interdum motibus homo ad uirtutum adpetitus possit extendi, semper uero a domino indigeat adiuuari? nec enim cum uoluerit quis sanitate perfruitur aut de aegritudinis morbo pro arbitrii sui desiderio liberatur. quid autem prodest sanitatis gratiam concupisse, nisi deus, qui uitae ipsius usum tribuit, etiam uigorem incolumitatis inpertiat? ut autem euidentius clareat etiam per naturae bonum, quod beneficio creatoris indultum est, nonnumquam bonarum uoluntatum prodire principia, quae tamen nisi a domino dirigantur ad consummationem uirtutum peruenire non possunt, apostolus testis est dicens: uelle enim adiacet mihi, perficere autem bonum non inuenio.
9. Über die Kraft unseres guten Willens und die Gnade Gottes.
Es läßt sich also nicht leicht mit der menschlichen Vernunft begreifen, wie der Herr den Bittenden gibt, von den Suchenden gefunden wird, den Anklopfenden öffnet und doch wieder von den nicht nach ihm Forschenden gefunden wird, offen sichtbar erscheint unter Denen, die nicht nach ihm fragten, und den ganzen Tag seine Hände ausbreitet nach einem Volke, Das ihm nicht glaubt, sondern widerspricht, wie er die Widerstrebenden und weit Entfernten ruft, die Nichtwollenden zum Heile zieht, denen, die sündigen wollen, die Gelegenheit entzieht, ihren Willen, auszuführen, und denen, die sich in Ungerechtigkeiten stürzen, voll Güte im Wege steht. Wem aber sollte es leicht begreiflich sein, wie die Hauptsache des Heiles unserm Willen zugeschrieben werden könne, von dem es heißt: „Wenn ihr wollt und mich höret, so sollt ihr essen, was gut ist auf Erden;“ und wie Dieß dann wieder nicht Sache des Wollenden und Laufenden, sondern des erbarmenden Gottes sein solle? Wie soll es sein, daß Gott einem Jeden nach seinen Werken vergelte, und daß doch Gott es ist. „der in euch Das Wollen und Vollbringen bewirkt nach seinem Wohlgefallen,“ und daß es also nicht aus euch ist, sondern Gottes Geschenk, nicht nach den Werken, damit Niemand sich rühme. Was soll auch Das sein, wenn es heißt: „Nahet euch Gott, und er wird sich euch nahen,“ während er anderswo sagt: „Niemand kommt zu mir, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht.“ Warum heißt es (Sprüchw. 4, 26): „Mache recht den Lauf deiner Füße und richte deine Wege“? Und wie können wir dann im Gebete sagen: „Lenke meinen Weg nach deinem Angesichte“ und: „Mache vollkommen meine Schritte auf deinen Wegen, daß nicht wanken meine Füße“? Wozu ferner werden wir ermahnt: „Machet euch ein neues Herz und einen neuen Geist,“ wenn doch versprochen wird: „Ich werde ihnen ein neues Herz geben und einen neuen Geist einsenken in ihr Inneres; und ich werde hinwegnehmen Das Herz von Stein aus ihrem Leibe und ihnen ein Herz von Fleisch geben, damit sie in meinen Gesetzen wandeln und meine Aussprüche bewahren“? Warum befiehlt der Herr und sagt: „Wasche dein Herz, o Jerusalem, von der Bosheit, damit du gerettet werdest“? Und was erbittet dann der Prophet vom Herrn, wenn er sagt: „Ein reines Herz erschaffe in mir, o Gott!“ und wieder: „Wasche mich, und ich werde weisser als Schnee“? Wie ist es zu verstehen, wenn uns gesagt wird: „Erleuchtet euch mit dem Lichte der Wissenschaft,“ während es dann von Gott heißt: „Der da lehret die Menschen Wissenschaft“ und: „Der Herr erleuchtet die Blinden,“ oder doch wie wir mit dem Propheten bittend sagen: „Erleuchte meine Augen, damit ich nicht sinke in Todesschlaf“? Ist nicht in all Dem ebensowohl die Gnade Gottes als die Freiheit unseres Willens verkündigt, und daß der Mensch zuweilen auch aus eigenem Antrieb sich zum Verlangen nach Tugenden erheben kann, immer aber der Hilfe bedarf? Denn es genießt Einer die Gesundheit nicht gleich, wenn er will, und wird von Krankheit nicht gleich nach jenem Verlangen befreit. Was nützt es nun aber, die Gnade der Gesundheit zu begehren, wenn nicht der Herr, der den Genuß des Lebens gibt auch die Frische der Gesundheit verleiht? Damit es aber um so deutlicher erhelle, daß auch durch die natürliche Güte, die uns durch des Schöpfers Geschenk verliehen ist, zuweilen die Anfänge guter Willensregungen entstehen können, die jedoch ohne Gottes Führung nicht zur Vollendung der Tugenden gelangen können: so ist uns der Apostel Zeuge, wenn er sagt: „Das Wollen liegt bei mir; aber Das Verwirklichen des Guten finde ich nicht.“ (Röm. 7. 18.)
X. De liberi arbitrii infirmitate.
Nam libertatem scriptura diuina nostri confirmat arbitrii dicens: omni custodia serua tuum cor, sed infirmitatem eius apostolus manifestat dicens: dominus custodiat corda uestra et intellegentias uestras in Christo Iesu. uirtutem liberi arbitrii Dauid enuntiat dicens: inclinaui cor meum ad faciendas iustificationes tuas, sed infirmitatem eius idem orans similiter docet inclina, inquiens, cor meum in testimonia tua: et non in auaritiam, Salomon quoque: inclinet dominus corda nostra ad se, ut ambulemus in uniuersis uiis eius, et custodiamus mandata eius, et caerimonias eius, et iudicia eius. potestatem designat arbitrii nostri psalmographus dicens: cohibe linguam tuam a malo: et labia tua ne loquantur dolum: infirmitatem eius nostra protestatur oratio dicentibus nobis: pone domine custodiam ori meo: et ostium circumstantiae labiis meis. arbitrii nostri facultas a domino declaratur, cum dicitur: solue uincula colli tui captiua filia Sion: fragilitatem eius propheta decantat dicens: dominus soluit conpeditos, et: disrupisti uincula mea: tibi sacrificabo hostiam laudis. audimus in euangelio dominum conuocantem, ut ad eum per liberum properemus arbitrium: uenite ad me omnes qui laboratis et onerati estis, et ego reficiam uos, sed infirmitatem eius idem dominus protestatur dicens: nemo potest uenire ad me nisi pater qui misit me adtraxerit eum. apostolus liberum arbitrium nostrum indicat dicens: sic currite ut conprehendatis, sed infirmitatem eius Iohannes Baptista testatur, cum ait: non potest homo accipere a se quicquam nisi fuerit ei datum de caelo. iubemur animas nostras sollicite custodire propheta dicente: custodite animas uestras, sed eodem spiritu alius propheta proclamat: nisi dominus custodierit ciuitatem, in uanum uigilauit qui custodit eam. apostolus Philippensibus scribens, ut liberum eorum designet arbitrium, cum metu et tremore, inquit, uestram salutem operamini: sed ut infirmitatem eius ostendat, adiungit: deus est enim qui operatur in uobis et uelle et perficere, pro bona uoluntate.
10. Von der Schwäche des freien Willens.
Die Freiheit nun unseres Willens bestätigt die göttliche Schrift, da sie sagt: „Mit aller Wachsamkeit bewahre dein Herz;“ aber seine Schwäche zeigt der Apostel mit den Worten: „Der Herr bewahre eure Herzen und euern Verstand in Christo Jesu.“ Die Kraft des freien Willens verkündet David, da er sagt: „Ich neigte mein Herz zur Haltung deiner Gebote;“ aber seine Schwäche lehrt Ebenderselbe, wenn er betend spricht: „Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen und nicht zur Habsucht!“ Auch Salomon sagt: „Er neige unsere Herzen zu sich, damit wir wandeln auf all seinen Wegen und seine Gebote halten und seine hl. Bräuche und Aussprüche.“ Die Macht unseres Willens bezeichnet der Psalmist, da er singt: „Halte zurück deine Zunge vom Bösen, und deine Lippen sollen nicht Trug reden.“ Seine Schwäche bekennt unser Gebet, wenn wir sprechen: „Setze, o Herr, eine Wache an meinen Mund und eine feste Thüre an meine Lippen!“ Vom Herrn selbst wird die Fähigkeit unsers Willens erklärt, wenn es heißt: „Löse die Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Sions;“ dagegen singt der Prophet von seiner Gebrechlichkeit in den Worten: „Der Herr löst die Gefesselten“ und: „Du brachest meine Fesseln, dir will ich bringen ein Opfer des Lobes.“ Wir hören den Herrn im Evangelium uns zusammenrufen, daß wir zu ihm eilen durch den freien Willen: „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken;“ aber ebenderselbe Herr bezeugt dessen Schwäche und sagt: „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht.“ Der Apostel eifert unsern freien Willen an, wo es heißt: „Laufet so, daß ihr es erreichet;“ aber Johannes der Täufer bezeugt seine Schwäche so: „Nichts kann der Mensch von sich aus ergreifen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.“ Es wird uns befohlen, unsere Seelen sorgsam zu bewahren, da ja der Prophet sagt: „Bewahret eure Seelen;“ allein in demselben Geiste ruft ein anderer Prophet aus: „Wenn der Herr die Stadt nicht bewacht, so raubt sich vergeblich den Schlaf der Wächter.“ Der Apostel schreibt an die Philipper, um ihren freien Willen zu zeigen, Folgendes: „Mit Furcht und Zittern wirket euer Heil;“ aber um seine Schwäche kund zu thun, fügt er an anderer Stelle bei: „Denn Gott ist es, der in euch Das Wollen und Vollbringen bewirkt nach seinem Wohlgefallen.“
XI. Vtrum bonam uoluntatem nostram sequatur an praecedat gratia dei.
Et ita sunt haec quodammodo indiscrete permixta atque confusa, ut quid ex quo pendeat inter multos magna quaestione uoluatur, id est utrum quia initium bonae uoluntatis praebuerimus misereatur nostri deus, an quia deus misereatur consequamur bonae uoluntatis initium. multi enim singula haec credentes ac iusto amplius adserentes uariis sibique contrariis sunt erroribus inuoluti. si enim dixerimus nostrum esse bonae principium uoluntatis, quod fuit in persecutore Paulo, quod in publicano Matthaeo, quorum unus cruori ac suppliciis innocentum, alius uiolentiis ac rapinis publicis incubans adtrahitur ad salutem? sin uero a gratia dei semper inspirari bonae uoluntatis principia dixerimus, quid de Zacchaei fide, quid de illius in cruce latronis pietate dicemus, qui desiderio suo uim quandam regnis caelestibus inferentes specialia uocationis monita praeuenerunt? consummationem uero uirtutum et exsecutionem mandatorum dei si nostro deputauerimus arbitrio, quomodo oramus: confirma deus hoc, quod operatus es in nobis, et: opera manuum nostrarum dirige super nos? scimus ad maledicendum Israheli Balaam fuisse conductum, sed uidemus maledicere cupienti non fuisse permissum. custoditur Abimelech, ne Rebeccam tangens peccet in deum. Ioseph fratrum liuore distrahitur, ut descensio filiorum Israhel in Aegypto fieret et illis de germani nece tractantibus futurae famis remedia pararentur. quod idem Ioseph a fratribus agnitus manifestat dicens: nolite pauere, nec durum uobis uideatur quod uendidistis me in his regionibus: pro salute enim uestra misit me deus ante uos, et infra: praemisit enim me deus ut reseruemini super terram, et escas ad uiuendum habere possitis. non uestro consilio, sed uoluntate dei missus sum: qui fecit me quasi patrem Pharaonis, et dominum totius domus eius, et principem in omni terra Aegypti. et cum post obitum patris formidantibus fratribus suspicionem timoris auferret, nolite, inquit, timere: numquid dei possumus resistere uoluntati? uos cogitastis aduersus me malum: sed deus uertit illud in bonum, ut exaltaret me, sicut in praesentiarum cernitis, ut saluos faceret populos multos. quod etiam beatus Dauid oeconomice tunc factum in psalmo centesimo quarto similiter declarauit dicens: et uocauit famem super terram: et omne firmamentum panis contriuit. misit ante eos uirum: in seruum uenundatus est Ioseph. haec ergo duo, id est uel gratia dei uel liberum arbitrium sibi quidem inuicem uidentur aduersa, sed utraque concordant et utraque nos pariter debere suscipere pietatis ratione colligimus, ne unum horum homini subtrahentes ecclesiasticae fidei regulam excessisse uideamur. nam cum uiderit nos deus ad bonum uelle deflectere, occurrit, dirigit atque confortat: ad uocem enim clamoris tui statim ut audierit, respondebit tibi, et inuoca me, inquit, in die tribulationis: et eripiam te, et glorificabis me. et rursus si nos nolle uel intepuisse perspexerit, adhortationes salutiferas admouet cordibus nostris, quibus uoluntas bona uel reparetur uel formetur in nobis.
11. Ob die Gnade Gottes unserm guten Willen folge oder vorhergehe.
Diese Beiden nun sind gewissermaßen so ununterschieden vermischt und in einander, daß es unter Vielen als große Streitfrage behandelt wird, welches vom Andern abhänge, ob sich nemlich Gott unser erbarme, weil wir den Anfang des guten Willens darbieten, oder ob wir diesen Anfang des guten Willens erlangen, weil Gott sich erbarmt. Denn Viele, welche je einer dieser Behauptungen für sich allein nachgehen und sie mehr, als recht ist, bejahen, sind in verschiedene und sich widersprechende Irrthümer verwickelt. Denn wenn wir sagen, daß der Anfang des guten Willens unsere Sache sei, nun, was war denn in Paulus, dem Verfolger, was in dem Zöllner Matthäus, deren Einer nach Blut und Qual Unschuldiger, der Andere nach amtlicher Gewaltthätigkeit und Räuberei trachtend zum Heile gezogen wird? Wenn wir aber sagen, daß die Keime des guten Willens immer durch die Gnade Gottes eingegeben werden, was werden wir dann über den Glauben des Zachäus, was über die Frömmigkeit jenes Räubers am Kreuze sagen, die beide durch ihr Verlangen den himmlischen Mächten eine gewisse Gewalt anthaten und der besondern Mahnung und Berufung zuvorkamen? Wenn wir aber die Vollendung der Tugenden und die Ausführung der Gebote Gottes unserm freien Willen zuschreiben, wozu beten wir dann: „Befestige, o Gott, was du in uns gewirkt hast;“ und: „Die Werke unserer Hände lenke du über uns“? Wir wissen, daß Balaam gerufen wurde, Israel zu fluchen, daß es aber trotz seiner Bereitwilligkeit ihm nicht gestattet wurde. Bewahrt wird Abimelech, daß er Rebekka nicht berührt und gegen Gott sündigt. Joseph wird durch den Neid seiner Brüder fortgeführt, damit eine Wanderung der Söhne Israels nach Ägypten geschehe und so Jenen, die mit dem Morde ihres Bruders umgingen, Hilfe für die künftige Hungersnoth bereitet werde. Das sprach derselbe Joseph, als er von seinen Brüdern erkannt wurde, aus: „Fürchtet euch nicht und laßt es euch nicht hart scheinen, daß ihr mich in diese Gegenden verkauft habt. Zu euerm Heile sandte mich der Herr vor euch.“ Und dann: „Denn es sandte mich der Herr voraus, damit ihr erhalten werdet auf Erden und Speise haben möget zum Leben. Nicht durch euern Beschluß wurde ich hieher gesandt, sondern durch den Willen Gottes, der mich gleichsam zum Vater des Pharao und zum Herrn des ganzen Landes gemacht hat und zum Fürsten im Reiche Ägypten.“ Und als nach dem Tode des Vaters die Brüder sich fürchteten, nahm er ihnen den Wahn der Furcht und sprach: „Fürchtet euch nicht; können wir dem Willen Gottes widerstehen? Ihr sannet Böses wider mich, und Gott wandte es zum Guten, um mich zu erhöhen, wie ihr jetzt sehet, und zu retten viel Volk.“ Daß Dieß damals planmäßig so geschehen sei, erklärt im 104. Psalme auch der hl. David, indem er sagt: „Er rief den Hunger auf die Erde, vernichtete alle Stärke des Brodes; aber ihnen voraus sandte er einen Mann, zum Sklaven verkauft ward Joseph.“ (16. 17.) Diese Beiden, nemlich die Gnade und der freie Wille scheinen sich zwar wechselseitig entgegenzustehen, allein sie stimmen beide überein, und in Ehrfurcht schließen wir, daß wir beide gleichmäßig annehmen müssen, damit wir nicht, wenn wir Eins dem Menschen entziehen, die Regel des kirchlichen Glaubens zu übertreten scheinen. Wenn also Gott sieht, daß wir uns zum Wollen des Guten neigen, so kommt er uns entgegen, leitet und stärkt uns. Denn: „Auf deines Rufens Stimme, sobald er sie gehört hat, wird er antworten.“ Und ferner heißt es: „Rufe mich an am Tage deiner Bedrängniß, und ich werde dich erretten, und du wirst mich preisen.“ Anderseits wenn er sieht, daß wir nicht wollen oder lau sind, so gibt er heilsame Ermahnungen in unsere Herzen, durch welche der gute Wille in uns entweder wiederhergestellt oder erzeugt werden soll.
XII. Quod uoluntas bona nec semper gratiae nec semper sit homini tribuenda.
Nec enim talem deus hominem fecisse credendus est, qui nec uelit umquam nec possit bonum. alioquin nec liberum ei permisit arbitrium, si ei tantummodo malum ut uelit et possit, bonum uero a semet ipso nec uelle nec posse concessit, et quomodo stabit illa domini post praeuaricationem primi hominis lata sententia: ecce Adam factus est sicut unus ex nobis, sciens bonum et malum? non enim talis ante fuisse putandus est, qui boni esset prorsus ignarus. alioquin uelut quoddam inrationabile atque insensatum animal eum fatendum est fuisse formatum: quod satis absurdum atque a catholica fide omnimodis alienum est. quin immo secundum sapientissimi Salomonis sententiam fecit deus hominem rectum, id est, ut tantummodo boni scientia iugiter frueretur, sed ipsi quaesiuerunt cogitationes multas: facti enim sunt, ut dictum est, scientes bonum et malum. concepit ergo Adam post praeuaricationem quam non habuerat scientiam mali, boni uero quam acceperat scientiam non amisit. denique non amisisse humanum genus post praeuaricationem Adae scientiam boni etiam apostoli sententia euidentissime declaratur, qua dicit: cum enim gentes, quae legem non habent, naturaliter ea quae legis sunt faciunt, hi legem non habentes ipsi sibi sunt lex, qui ostendunt opus legis scriptum in cordibus suis, testimonium reddente eis conscientia et inter se inuicem cogitationibus accusantibus aut etiam defendentibus, in die qua iudicabit deus occulta hominum. quo sensu etiam dominus per prophetam increpat Iudaeorum non naturalem, sed uoluntariam caecitatem, quam ipsi sibi contumaciter inferebant. surdi, inquit, audite, et caeci intuemini ad uidendum. qui surdus, nisi seruus meus? et caecus, nisi ad quem nuntios meos misi? et ne forte hanc eorum caecitatem aliquis naturae, non uoluntati possit adscribere, alibi ait: educ foras populum caecum, et oculos habentem: surdum, et aures ei sunt, et iterum qui habentes, inquit, oculos non uidetis: et aures, et non auditis. dominus etiam in euangelio quia uidentes, inquit, non uident et audientes non audiunt neque intellegunt. et adinpletur in eis prophetia Esaiae dicens: auditu audietis, et non intellegetis: et uidentes uidebitis, et non uidebitis. incrassatum est enim cor populi huius, et auribus grauiter audierunt: et oculos suos concluserunt: ne quando uideant oculis, et auribus suis audiant, et corde intellegant, et conuertantur, et sanem illos. denique ut possibilitatem boni eis inesse signaret, increpans Pharisaeos quid autem, inquit, etiam ex uobis ipsis non iudicatis quod iustum est? quod utique non eis dixisset, nisi eos iudicio naturali id quod aequum est scisset posse discernere. unde cauendum nobis est, ne ita ad dominum omnia sanctorum merita referamus, ut nihil nisi id quod malum atque peruersum est humanae adscribamus naturae, in quo quidem sapientissimi Salomonis, immo domini cuius haec uerba sunt testimonio confutamur: ita enim, cum consummata templi extructione oraret, effatus est: uoluitque Dauid pater meus aedificare domum nominis domini dei Israhel: et ait dominus ad Dauid patrem meum: quod cogitasti in corde tuo aedificare domum nomini meo, bene fecisti, hoc ipsum mente tractans. uerumtamen non tu aedificabis domum nomini meo. haec ergo cogitatio atque iste tractatus regis Dauid utrumne bonus et ex deo, an malus et ab homine fuisse dicendus est? si enim bona atque ex deo fuit illa cogitatio, cur ab eo a quo inspirata est eidem negatur effectus? si autem mala et ex homine fuit, cur laudatur a domino? restat ergo ut et bona et ex homine fuisse credatur. in quem modum etiam nostras cotidie cogitationes possumus iudicare. neque enim aut soli Dauid bonum ex semet ipso cogitare concessum est, aut nobis, ne quid boni umquam sapere aut cogitare possimus, naturaliter denegatur. dubitari ergo non potest inesse quidem omni animae naturaliter uirtutum semina beneficio creatoris inserta: sed nisi haec opitulatione dei fuerint excitata, ad incrementum perfectionis non poterunt peruenire, quia secundum beatum apostolum neque qui plantat est aliquid, neque qui rigat, sed qui incrementum dat deus. adiacere autem homini in quamlibet partem arbitrii libertatem etiam liber ille qui dicitur Pastoris apertissime docet, in quo duo angeli unicuique nostrum adhaerere dicuntur, id est bonus ac malus, in hominis uero optione consistere, ut eligat quem sequatur. et idcirco manet in homine liberum semper arbitrium, quod gratiam dei possit uel neglegere uel amare. non enim praecepisset apostolus dicens: cum metu et tremore uestram salutem operamini, nisi scisset eam uel excoli a nobis posse uel neglegi. sed ne crederent se ad opus salutis diuino auxilio non egere, subiungit: deus est enim qui operatur in uobis et uelle et perficere, pro bona uoluntate. et idcirco Timotheum monens noli, inquit, neglegere gratiam dei quae est in te, et iterum: ob quam causam moneo ut resuscites gratiam dei quae est in te. inde est quod etiam Corinthiis scribens hortatur et conmonet, ne indignos se gratia dei infructuosis operibus exhiberent, dicens: adiuuantes autem et obsecramus ne in uacuum gratiam dei recipiatis. quam sine dubio quia in uacuum receperat Simon, non profuit ei perceptio gratiae salutaris. non enim praeceptis beati Petri maluit oboedire dicentis: paenitentiam age ab hac nequitia tua, et ora deum si forte remittatur tibi haec cogitatio cordis tui: in felle enim amaritudinis et obligatione iniquitatis uideo te esse. praeuenit ergo hominis uoluntatem, quia dicitur: deus meus misericordia eius praeueniet me, et rursum deum remorantem atque utiliter quodammodo subsistentem, ut nostrum experiatur arbitrium, uoluntas praeuenit nostra, cum dicitur: et mane oratio mea praeueniet te, et iterum: praeueni in maturitate, et clamaui, et: praeuenerunt oculi mei ad diluculum. aduocat etiam nos et inuitat, cum dicit: tota die expandi manus meas ad populum non credentem mihi et contradicentem, et inuitatur a nobis, cum dicimus ei: tota die expandi manus meas ad te. expectat nos, cum dicitur per prophetam: propterea expectat dominus ut misereatur uestri, et expectatur a nobis, cum dicimus: expectans expectaui dominum, et respexit me, et: expectaui salutare tuum domine. confortat nos, cum dicit: et ego erudiui, et confortaui bracchia eorum: et in me cogitauerunt malitiam, et ut nosmet ipsos confortemus hortatur, cum dicit: confortate manus dissolutas, et genua debilia roborate. clamat Iesus: si quis sitit, ueniat ad me et bibat, clamat etiam ad eum propheta: laboraui clamans, raucae factae sunt fauces meae: defecerunt oculi mei, dum spero in deum meum. quaerit nos dominus dicens: quaesiui, et non erat uir: uocaui, et non erat qui responderet, quaeritur et ipse a sponsa flebiliter conquerente: in cubili meo in noctibus quaesiui quem dilexit anima mea: quaesiui eum et non inueni eum, uocaui eum et non respondit mihi.
12. Daß der gute Wille weder stets der Gnade noch stets dem Menschen zuzutheilen sei.
Wir dürfen doch wohl nicht glauben, Gott habe den Menschen so geschaffen, daß er Das Gute weder irgend einmal wolle noch könne. Sonst hätte er ihm ja keinen freien Willen gelassen, wenn er ihm nur verliehen hätte, das Böse zu wollen und zu können, das Gute aber von sich selbst aus weder zu wollen noch zu können. Und wie soll denn jenes nach dem Abfall des ersten Menschen gesprochene Wort Gottes bleiben: „Siehe, Adam ist geworden wie Einer aus uns, kennend Das Gute und Böse“? Denn man darf doch nicht Das von ihm annehmen, daß er vorher des Guten völlig unkundig war; sonst müßte man ja zugeben, daß er als unvernünftiges und sinnloses Thier geschaffen worden sei, was doch abgeschmackt genug und ganz gegen den katholischen Glauben ist. Im Gegentheil hat Gott nach dem Ausspruche des so weisen Salomon den Menschen recht gemacht, nemlich so, daß er sich, nur der Erkenntniß des Guten beständig erfreue, dieser selbst aber sich in viele Ränke verwickelt habe, denn er wurde, wie gesagt, erkennend das Gute und Böse. Es erhielt also Adam nach dem Falle die Erkenntniß des Bösen, die er nicht gehabt hatte, und verlor nicht die des Guten, die er erhalten hatte. Daß endlich das menschliche Geschlecht die Erkenntniß des Guten nach dem Falle nicht verloren habe, wird auch durch den Ausspruch des Apostels aufs Deutlichste erklärt, wenn er sagt: „Denn wenn die Heiden, welche das Gesetz nicht haben, von Natur aus das thun, was zum Gesetze gehört: so sind sie, die kein Gesetz haben, sich selbst Gesetz, da sie zeigen, daß das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben sei, soferne ihnen Zeugniß gibt ihr Gewissen und ihre Gedanken sich wechselseitig anklagen oder vertheidigen an dem Tage, an welchem Gott richten wird die Geheimnisse der Menschen.“ In diesem Sinne tadelt der Herr auch durch den Propheten die nicht naturnothwendige, sondern freiwillige Blindheit der Juden, welche sie sich selbst hartnäckig verursachten, und sagt: „Ihr Tauben höret, und ihr Blinden öffnet die Augen zum Sehen! Wer ist taub als mein Knecht, und wer blind als Der, zu welchem ich meine Boten sandte?“ Und damit nicht allenfalls Jemand diese ihre Blindheit der Natur zuschreibe statt dem freien Willen, sagt er an anderer Stelle: „Führe heraus das Volk, das blind ist, obwohl es Augen hat, und taub, obwohl ihm Ohren sind.“ Und wieder sagt er: „Die ihr Augen habt und nicht sehet, Ohren und nicht höret.“ Auch im Evangelium sagt der Herr: „Sehend sehen sie nicht, und hörend hören sie nicht und verstehen nicht.“ Erfüllt wird an ihnen die Prophezeiung des Isaias, die da sagt: „Mit dem Gehöre werdet ihr hören und nicht verstehen, und schauend werdet ihr sehen und nicht sehen; denn verstockt war das Herz dieses Volkes, und mit den Ohren hörten sie schwer und schloßen ihre Augen, damit sie nicht etwa sehen mit den Augen und hören mit den Ohren und verstehen im Herzen und sich bekehren und ich sie heile.“ Endlich, um zu zeigen, daß die Möglichkeit des Guten ihnen innewohne, schilt er die Pharisäer und sagt: „Warum nun beurtheilet ihr nicht von euch selbst, was recht ist?“ Das hätte er ihnen gewiß nicht gesagt, wenn er nicht gewußt hätte, daß sie mit dem natürlichen Urtheile unterscheiden können, was recht ist. Wir müssen uns also hüten, alle Verdienste der Heiligen so auf den Herrn zu beziehen, daß wir der menschlichen Natur Nichts zuschreiben, als was böse und verkehrt ist. Darin würden wir widerlegt durch den Ausspruch des hochweisen Salomon, ja des Herrn selbst, dessen Worte dieß sind. Denn so sprach er, als er nach Vollendung des Tempelbaues betete: „Es wollte mein Vater David ein Haus erbauen dem Namen des Herrn, des Gottes Israels, und es sprach Gott der Herr zu meinem Vater David: Daß du in deinem Herzen dachtest, meinem Namen ein Haus zu bauen, so hast du wohl daran gethan, Solches in deinem Geiste zu erwägen; aber nicht du wirst meinem Namen ein Haus bauen!“ Muß man also von diesem Gedanken und Plane Davids sagen, daß er gut war und aus Gott, oder daß er böse war und vom Menschen? Wenn dieß Denken gut war und aus Gott, warum wird ihm von Ebendemselben, der es eingab, der Erfolg verweigert? Wenn es aber böse war und vom Menschen, warum wird es vom Herrn gelobt? Man muß also glauben, daß es gut war und vom Menschen kam. Auf diese Weise können mir auch unsere täglichen Gedanken beurtheilen. Denn es ist weder dem David allein verliehen, aus sich selbst Gutes zu denken, noch ist es uns von Natur aus verwehrt, irgend Gutes zu verstehen oder zu denken. Man kann also nicht zweifeln, daß zwar alle Keime der Tugenden durch die Gnade des Schöpfers der Seele von Natur aus eingepflanzt seien; aber wenn sie nicht durch die Hilfe Gottes erweckt werden, so können sie nicht zu dem Wachsthum der Vollkommenheit gelangen, weil nach dem hl. Apostel weder Der Etwas ist, der pflanzt, noch Der, welcher begießt, sondern der das Wachsthum gibt, Gott. Daß aber dem Menschen die Freiheit des Willens nach jeder Seite hin zu Gebote stehe, lehrt auch ganz offenbar jenes Buch, welches das des Hirten heißt, da in ihm gesagt wird, daß einem Jeden von uns zwei Engel zur Seite stehen, nemlich ein guter und ein böser, daß es aber in der Wahl des Menschen liege, zu entscheiden, welchem er folgen wolle. Und so bleibt in dem Menschen immer der freie Wille, der die Gnade Gottes vernachlässigen oder schätzen kann; denn es hätte der Apostel nicht befohlen und gesagt: „Mit Furcht und Zittern wirket euer Heil!“ wenn Dasselbe von uns nicht entweder gesucht oder vernachlässigt werden könnte. Damit sie aber nicht glaubten, daß sie zum Heilswerke der göttlichen Hilfe entbehren könnten, fügt er bei: „Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und Vollbringen bewirkt nach seinem Wohlgefallen.“ Und deßhalb sagt er, den Timotheus ermahnend: „Verachte nicht die Gnade Gottes, die in dir ist;“ und wieder: „Deßhalb ermahne ich dich, daß du erweckest die Gnade Gottes, die in dir ist.“ Darum ermahnt und drängt er auch in dem Briefe an die Korinther, daß sie sich nicht durch unfruchtbare Werke der Gnade Gottes unwerth machen sollen, und sagt: „Als Mitarbeitende ermahnen wir euch, daß ihr nicht vergebens die Gnade Gottes empfanget.“ Weil Simon ohne Zweifel diese vergebens erhalten hatte, war ihm der Empfang der Heilsgnade nicht von Nutzen; denn er wollte dem Befehle des hl. Petrus nicht gehorchen, der ihm sagte: „Thue Buße wegen dieser deiner Bosheit und bitte Gott, ob dir vielleicht verziehen werde dieser Gedanke deines Herzens; denn ich sehe, daß du in Galle der Bitterkeit und in Banden des Frevels bist.“ Es kommt also die Barmherzigkeit Gottes dem Willen des Menschen zuvor, wovon es heißt: „Mein Gott, seine Barmherzigkeit kommt mir zuvor!“ Und wieder kommt dem Herrn, der zögert und gewissermaßen stehen bleibt, um unsere Wahl kennen zu lernen, unser Wille zuvor, wenn es heißt: „Und früh am Morgen kommt mein Gebet dir entgegen;“ und wieder: „Ich kam in der Frühe und rief, und meine Augen wandten sich dir entgegen beim Morgenlicht.“ Er ruft uns auch und ladet uns ein, wenn er sagt: „Den ganzen Tag breitete ich meine Hände aus nach einem Volke, das mir nicht glaubt und mir widerspricht.“ Er aber wird von uns eingeladen, wenn wir sagen: „Den ganzen Tag breite ich meine Hände nach dir aus.“ Er erwartet uns, da es beim Propheten heißt: „Deßhalb wartet der Herr, daß er sich euer erbarme;“ und er wird von uns erwartet, da wir sagen: „Harrend hoffte ich auf den Herrn, und er sah auf mich,“ und: „Ich hoffte auf dein Heil, o Herr!“ Er stärkt uns, da er sagt: „Und Ich belehrte sie und stärkte ihre Arme, aber sie dachten gegen mich Böses.“ Doch er ermahnt uns auch, daß wir uns selbst stärken sollen, wenn es heißt: „Kräftiget die schlaffen Hände und stärket die wankenden Kniee!“ Es rief Jesus: „Wenn Jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke,“ — und es ruft zu ihm der Prophet: „Ich mühte mich ab mit Rufen, heiser wurde meine Kehle, es vergehen meine Augen, während ich hoffe auf meinen Gott.“ Es sucht der Herr und sagt: „Ich suchte, und kein Mann war da; ich rief, und Niemand war, der Antwort gab;“ er selbst aber wird gesucht von der mit Thränen klagenden Braut: „In meinem Gemache suchte ich in den Nächten ihn, den meine Seele liebt; ich suchte und fand ihn nicht; ich rief ihn, und nicht antwortete er mir.“
XIII. Quod gratiam dei humani conatus conpensare non possint.
Et ita semper gratia dei nostro in bonam partem cooperatur arbitrio atque in omnibus illud adiuuat, protegit ac defendit, ut nonnumquam etiam ab eo quosdam conatus bonae uoluntatis uel exigat uel expectet, ne penitus dormienti aut inerti otio dissoluto sua dona conferre uideatur, occasiones quodammodo quaerens quibus humanae segnitiae torpore discusso non inrationabilis munificentiae suae largitas uideatur, dum eam sub colore cuiusdam desiderii ac laboris inpertit et nihilominus gratia dei gratuita perseuerat, dum exiguis quibusdam paruisque conatibus tantam inmortalitatis gloriam, tanta perennis beatitudinis dona inaestimabili tribuit largitate. nec enim quia illius in cruce latronis praecesserat fides, idcirco pronuntiandum est non ei beatam conmorationem paradisi gratuito esse promissam, aut paenitentiam Dauid regis illam unius uerbi qua dixit: peccaui domino, duo tam grauia eius crimina et non potius clementiam dei abstulisse credendum est, ut per Nathan prophetam mereretur audire: et dominus transtulit iniquitatem tuam: non morieris. quod igitur homicidium adulterio addidit, liberi utique fuit arbitrii: quod autem arguitur per prophetam, diuinae dignationis est gratia. rursum quod peccatum suum humiliatus agnoscit, suum est: quod uero sub breuissimo temporis puncto indulgentiam tantorum criminum promeretur, domini miserentis est donum, et quid de hac tam breui confessione et inconparabili diuinae retributionis inmensitate dicamus, cum beatus apostolus ad illam magnitudinem futurae remunerationis aspiciens quid de illis tam innumeris persecutionibus suis pronuntiauerit, considerare perfacile sit? nam momentaneum hoc, inquit, et leue tribulationis nostrae supra modum ultra conparationem aeternum pondus gloriae operatur in nobis, de quo et alibi constanter enuntiat dicens: quia non sunt condignae passiones huius temporis ad futuram gloriam quae reuelabitur in nobis, quantumlibet ergo enisa fuerit humana fragilitas, futurae retributionis par esse non poterit nec ita laboribus suis diuinam inminuet gratiam, ut non semper gratuita perseueret. et idcirco praedictus magister gentium, licet gratia dei apostolatus gradum sortitum se fuisse testetur dicens: gratia autem dei sum quod sum, tamen se quoque diuinae gratiae respondisse pronuntiat dicens: et gratia eius in me uacua non fuit, sed abundantius illis omnibus laboraui: non autem ego, sed gratia dei mecum. nam cum dicit laboraui, conatum proprii signat arbitrii: cum dicit non autem ego, sed gratia dei, uirtutem diuinae protectionis ostendit: cum dicit mecum, non otioso neque securo, sed laboranti ac desudanti eam cooperatam fuisse declarat.
13. Daß die menschlichen Anstrengungen die Gnade Gottes nicht ersetzen können.
So also wirkt die Gnade Gottes immer mit unserer Freiheit zum Guten zusammen und unterstützt, beschützt und vertheidigt diese in Allem, daß sie zuweilen auch einige Versuche des guten Willens verlangt oder erwartet, damit es nicht scheine, als ob sie völlig Schlafenden oder in träger Ruhe Erschlafften ihre Gaben verleihe. Sie sucht gewissermaßen Gelegenheiten, mittels deren, wenn die Schläfrigkeit der menschlichen Trägheit abgeschüttelt ist, der Reichthum ihrer Freigebigkeit nicht unvernünftig scheine, da sie denselben auf den Vorwand eines Verlangens oder einer Mühe hin austheilt, wobei nichts desto weniger die Gnade immer Geschenk bleibt, weil sie ja für unbedeutende und kleine Versuche eine so große Glorie der Unsterblichkeit, solche Gaben ewiger Seligkeit mit unschätzbarer Freigebigkeit verleiht. Denn man darf doch deßhalb, weil der Glaube jenes Räubers am Kreuze vorausgegangen war, nicht sagen, daß ihm das selige Wohnen im Paradiese nicht als Gnade versprochen worden sei; und man darf nicht glauben, daß jene Buße des Königs David mit dem einen Worte: „Ich habe gesündigt vor dem Herrn“ seine zwei so schweren Verbrechen getilgt habe, und nicht vielmehr die Barmherzigkeit des Herrn, so daß er durch den Propheten Nathan hören durfte: „Und der Herr hat hinweggenommen deine Sünde von dir, du wirst nicht sterben.“ Daß er also Mord zum Ehebruch fügte, war die That seines freien Willens; daß er aber durch den Propheten gestraft wird, ist die Gnade der göttlichen Herablassung. Daß er ferner in Demuth seine Sünde einsteht, ist das Werk seiner eigenen Freiheit; daß er aber so augenblicklich Verzeihung der schwersten Verbrechen erlangt, ist Geschenk des erbarmenden Gottes. Was werden wir aber von diesem kurzen Bekenntniß und der unvergleichlichen, unermeßlichen Vergeltung Gottes sagen, wenn der hl. Apostel im Aufblicke zu jener Größe des künftigen Lohnes erklärt, was man mit Leichtigkeit von seinen unzähligen Verfolgungen denken könne? Denn er sagt: „Das Augenblickliche und Leichte unserer Drangsal wirkt über das Maß ohne Vergleich eine ewige Wucht der Herrlichkeit in uns.“ Das behauptete er auch anderwärts beharrlich und sagt: „Es sind nicht würdig die Leiden dieser Zeit der künftigen Herrlichkeit, die an uns wird offenbar werden.“ Wie sehr sich also auch die menschliche Schwäche anstrengen mag, sie wird der zukünftigen Belohnung nicht ebenbürtig sein können, noch vermindert sie durch ihre Mühen die göttliche Gnade so, daß diese nicht immer ein Gnadengeschenk bliebe. Obwohl deßhalb der genannte Völkerlehrer gesteht, daß ihm durch Gottes Gnade der Apostelrang zugefallen sei, indem er sagt: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“, — so erklärt er doch auch, daß er der göttlichen Gnade entsprochen habe, mit den Worten: „Und seine Gnade ist in mir nicht vergeblich gewesen; denn ich habe mehr als jene alle gearbeitet (und erreicht), — nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes mit mir.“ Da er also sagt: „Ich habe gearbeitet,“ bezeichnet er die Anstrengung des eigenen Willens; und wenn er sagt: „nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes,“ — so zeigt er die Macht der göttlichen Hilfe. Wenn er sagt: „mit mir,“ so erklärt er, daß sie nicht dem Trägen und Ruhigen, sondern dem Arbeitenden und Mühebeladenen beigestanden sei.
XIIII. Quod temptationibus suis deus uirtutem humani experiatur arbitrii.
Quod etiam in Iob probatissimo athleta suo, cum eum diabolus expetisset ad singulare certamen, diuinam legimus prouidisse iustitiam. si enim contra inimicum non sua uirtute, sed dei solius fuisset gratia protegente congressus et absque ulla uirtute patientiae suae diuina tantum opitulatione suffultus multiplices illas ac tota inimici crudelitate quaesitas temptationum moles et exitia pertulisset, quomodo non illam calumniosam diabolus quam prius emiserat uocem aduersus eum iustius iterasset: numquid gratis Iob colit deum? nonne tu uallasti eum et uniuersam substantiam eius per circuitum? sed aufer manum tuam, id est sine eum suis mecum uiribus decertare, nisi in faciem tuam benedixerit tibi. sed cum nullam huiuscemodi querimoniam calumniosus hostis post conflictum audeat iterare, non dei, sed illius se euictum uiribus confitetur: licet etiam gratia dei non in totum illi defuisse credenda sit, quae tantam temptatori temptandi tribuit potestatem, quantam et illum resistendi nouerat habere uirtutem, non eum ab illius inpugnatione sic protegens, ut nullum uirtuti humanae relinqueret locum, sed hoc tantum procurans, ne uiolentissimus inimicus animam eius amentem faciens et inpotem sensu inpari eum atque iniquo certaminis pondere praegrauaret. quod ergo soleat interdum temptare dominus fidem nostram, ut fortior uel gloriosior fiat, euangelici illius centurionis edocemur exemplo, cuius puerum cum sciret utique potestate sermonis sui se dominus curaturum, offerre maluit praesentiam corporalem dicens: ego ueniam et curabo eum. sed illo hanc eius oblationem feruentioris fidei flagrantia supergrediente atque dicente: domine, non sum dignus ut intres sub tectum meum: sed dic tantum uerbo, et sanabitur puer meus, miratur eum dominus atque conlaudat cunctisque illis qui ex Israhelis populo crediderant praefert dicens: amen dico uobis, non inueni tantam fidem in Israhel. nullius enim laudis esset aut meriti, si id in eo Christus quod ipse donauerat praetulisset. quam explorationem fidei etiam in illo magnificentissimo patriarcha diuinam legimus dispensasse iustitiam, cum dicitur: et factum est post haec uerba, temptauit deus Abraham, non enim illam fidem quam ei dominus inspirabat, sed illam quam uocatus semel atque inluminatus a domino per libertatis arbitrium poterat exhibere, experiri uoluit diuina iustitia. unde non inmerito fidei eius constantia conprobatur, atque ad eum subueniente gratia dei, quae eum paulisper subreliquerat ut probaret, ita dicitur: ne inferas manum tuam in puerum, neque facias ei quicquam: nunc enim scio quia times dominum tu, et non pepercisti filio tuo dilecto propter me. quod temptationis genus nobis quoque ad probationis meritum posse contingere in Deuteronomio satis euidenter a legislatore praedicitur: si surrexerit inter uos propheta aut qui somnium uidisse se dicat et praedixerit signum atque portentum, et euenerit quod locutus est et dixerit tibi: eamus et seruiamus diis alienis quos ignoratis, ne audias uerba prophetae illius aut somniatoris: quia temptans temptat te dominus deus tuus utrum diligas eum in toto corde tuo et custodias mandata illius an non. quid ergo? cum istum prophetam aut somniatorem surgere permiserit deus, itane eos, quorum fidem probare disponit, protecturus esse credendus est, ut nullum penitus locum, quo suis uiribus cum temptatore confligant, libero eorum reseruet arbitrio? et quid eos necesse est uel temptari, quos ita infirmos nouit ac fragiles, ut nequaquam uirtute sua ualeant resistere temptatori? sed utique nec temptari eos iustitia domini permisisset, nisi parem in eis resistendi scisset inesse uirtutem, qua possent aequitatis iudicio in utroque merito uel rei uel laudabiles iudicari. tale est et illud quod ab apostolo dicitur: itaque qui se existimat stare, uideat ne cadat. temptatio uos non adprehendit nisi humana. fidelis autem deus, qui non permittat uos temptari supra id quod potestis, sed faciat cum temptatione et exitum, ut sustinere possitis. cum enim dicit: qui stat, uideat ne cadat, sollicitam reddit arbitrii libertatem, quam utique nouerat percepta gratia uel stare per industriam uel cadere per neglegentiam posse. cum autem infert: temptatio uos non adprehendit nisi humana, infirmitatem eorum et inconstantiam necdum robustae mentis exprobrat, qua adhuc spiritalium nequitiarum turbinibus non poterant inpugnari, aduersum quos se ipsum uel illos perfectos nouerat cotidie dimicare, de quibus ad Ephesios dicit: iam non est nobis conluctatio aduersus carnem et sanguinem, sed aduersus principatus, aduersus potestates, aduersus mundi rectores tenebrarum harum, contra spiritalia nequitiae in caelestibus. cum uero subiungit: fidelis autem deus, qui non permittat uos temptari supra id quod potestis, non utique optat ne eos dominus temptari permitteret, sed ne supra id quod sustinere poterant temptarentur. illud enim indicat humani arbitrii facultatem, hoc uero domini gratiam temptationum luctamina moderantis ostendit. in his igitur omnibus adprobatur ita semper diuinam gratiam arbitrium hominis incitare, ut illud non in omnibus taliter protegat ac defendat, ut non etiam propriis eum conatibus congredi aduersus spiritales faciat inimicos, in quibus uel gratiam dei uictor uel infirmitatem suam superatus intellegat et ita discat non de sua fortitudine, sed de diuino semper sperare suffragio atque ad suum iugiter recurrere protectorem. et ut hoc non nostra coniectura, sed euidentioribus adhuc scripturae diuinae testimoniis adprobetur, illud quod in Iesu Naue legitur retractemus: has, inquit, gentes dimisit dominus ac disperdere noluit, ut in eis experiretur Israhelem, utrum custodiret mandata domini dei sui, et ut haberent consuetudinem cum hostibus proeliandi. et ut inconparabili creatoris nostri clementiae mortale aliquid non pro aequalitate pietatis, sed ex aliqua indulgentiae similitudine conparemus: si nutrix pia atque sollicita diu paruulum sinu gestat, ut quandoque ingredi doceat, et primum quidem eum reptare permittit, dein erectum ut alternis passibus innitatur dexterae suae uirtute sustentat, mox paululum derelictum si titubantem uiderit protinus adprehendit, nutantem suscipit, lapsum erigit et uel arcet a casu uel etiam decidere leuiter sinens eleuat post ruinam, cum autem eum ad pueritiam uel adulescentiae ac iuuentatis perduxerit robur, quaedam etiam pondera uel labores quibus non obprimatur sed exerceatur iniungit et cum aemulis decertare permittit: quanto magis caelestis ille omnium pater nouit quem sinu gratiae suae gestet, quem liberae uoluntatis arbitrio in conspectu suo exerceat ad uirtutem, et tamen adiuuat laborantem, exaudit uocantem, non relinquit quaerentem, eripit de periculo interdum etiam nescientem.
14. Daß Gott durch seine Prüfungen die Kraft des menschlichen Willens erprobe.
Wir lesen, daß die göttliche Gerechtigkeit Dieß auch in Job, ihrem bewährtesten Kämpfer, so angeordnet habe, als ihn der Teufel zum Zweikampf suchte. Denn wenn er gegen seinen Feind nicht mit eigener Kraft, sondern nur mit Hilfe der göttlichen Gnade aufgetreten wäre und ohne irgendwelche eigene Tugend der Geduld, nur gestützt auf den göttlichen Beistand, jene vielfachen, mit aller Grausamkeit des Feindes ausgesuchten Lasten der Prüfung und des Elends ertragen hätte: wie hätte da nicht der Teufel jenes früher vorgebrachte, verläumderische Wort mit mehr Recht gegen ihn wiederholen sollen: „Verehrt etwa Job Gott umsonst? Hast du nicht ihn und sein Haus und seine ganze Habe rings wie mit einem Walle umgeben? Aber zieh hinweg deine Hand, d. i. laß ihn mit seinen eigenen Kräften gegen mich streiten — ob er dich nicht ins Angesicht verwünscht?“ Da aber der verläumderische Feind nach dem Kampfe keine derartige Klage zu wiederholen wagt, so gesteht er ein, daß er nicht durch die Kraft Gottes, sondern des Job besiegt worden sei; obwohl man glauben muß, daß die Gnade Gottes Jenem nicht ganz fehlte, da sie dem Versucher nur so viele Macht ließ, als sie wußte, daß Jener zu besiegen im Stande sei. Sie beschützte ihn nicht so vor der Anfechtung, daß sie der menschlichen Tugend keinen Raum ließ, sondern sorgte nur dafür, daß der grausame Feind seine Seele nicht wahnsinnig und geistesschwach mache und so mit ungleicher, ungerechter Kampfeslust auf ihn drücke. Daß nun der Herr zuweilen unsern Glauben zu prüfen pflegt, damit er kräftiger und rühmlicher werde lehrt uns auch das Beispiel jenes Hauptmanns im Evangelium. Obwohl der Herr wußte, daß er dessen Knecht immerhin durch die Macht seines Wortes heilen könne, wollte er doch lieber seine leibliche Gegenwart anbieten und sprach: „Ich werde kommen und ihn heilen.“ Da aber jener in der Glut eines lebendigen Glaubens über dieses Anerbieten hinwegging und sagte: „O Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehest unter mein Dach, sondern sprich nur ein Wort und mein Knecht wird gesund:“ — da bewundert und lobt ihn der Herr und zieht ihn allen Jenen, welche aus Israels Volk geglaubt hatten, vor mit den Worten: „Wahrlich, ich sage euch, einen solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“ Es wäre wohl kein Lob und Verdienst, wenn Christus in ihm das ausgezeichnet hätte, was er selbst gegeben hatte; da hätte er ja wohl gesagt: „Ich gab nicht solchen Glauben in Israel.“ Wir lesen, baß die göttliche Gerechtigkeit diese Glaubensprüfung auch in jenem herrlichen Patriarchen angeordnet habe, da es heißt: „Und es geschah nach diesen Worten, daß Gott den Abraham versuchte.“ Nicht jenen Glauben nämlich wollte die göttliche Gerechtigkeit erproben, den der Herr ihm eingeflößt hatte, sondern jenen, den er nach der Berufung und Erleuchtung durch seine Willensfreiheit bieten konnte. Deßhalb wird nicht mit Unrecht seine Standhaftigkeit im Glauben anerkannt, und da ihm die Gnade Gottes, die ihn zur Prüfung ein wenig verlassen hatte, wieder naht, wird zu ihm gesagt: „Lege nicht Hand an den Knaben, noch füge ihm Etwas zu; denn jetzt weiß ich, daß du den Herrn fürchtest und deines geliebten Sohnes nicht schontest um meinetwillen.“ Daß diese Art der Versuchung auch uns zu Verdienst und Bewährung begegnen könne, wird deutlich genug von dem Gesetzgeber im Deuteronomium erklärt, der da sagt: „Wenn unter euch ein Prophet aufgestanden sein wird oder Einer, der sagt, er habe ein Traumbild gesehen, und der nun Zeichen und Wunder angibt — und es trifft ein, was er sagte; — er spräche aber zu dir: Wir wollen hingehen und fremden Göttern dienen, die ihr nicht kennt: so höre nicht auf die Worte dieses Propheten oder Träumers, weil Gott der Herr dich mit der Versuchung erproben will, ob du ihn liebst von deinem ganzen Herzen, und ob du seine Gebote hältst oder nicht.“ Wie nun? Wenn Gott zuläßt, daß ein solcher Prophet oder Träumer aufstehe, muß man dann glauben, er werde Die, deren Glauben er zu prüfen beschloß, so unterstützen, daß er ihrem freien Willen durchaus keinen Raum läßt, in eigener Kraft mit dem Versucher zu streiten? Und wozu ist es nöthig, daß Diejenigen geprüft werden, die er als so schwach und gebrechlich kennt, daß sie durchaus nicht mit eigener Kraft dem Versucher zu widerstehen vermögen? Und in der That hätte die Gerechtigkeit des Herrn die Versuchung nicht gestattet, wenn sie nicht gewußt hätte, daß Jenen eine angemessene Kraft des Widerstandes innewohne, nach der sie in gerechtem Urtheil entweder für schuldig oder für todwürdig könnten erklärt werden, je nachdem sie es verdient. So ist es auch mit dem Ausspruche des Apostels: „Wer also zu stehen glaubt, der sehe zu, daß er nicht falle. Versuchung mag euch nicht befallen ausser menschliche. Treu ist aber Gott, der nicht gestatten wird, daß ihr versucht werdet über eure Kraft, sondern der mit der Versuchung auch einen Ausweg schaffen wird, damit ihr bestehen könnet.“ Denn wenn er sagt: „Wer steht, sehe zu, daß er nicht falle,“ so regt er die Freiheit des Willens auf, von der er wohl weiß, daß sie nach Empfang der Gnade entweder durch ihren Eifer stehen oder durch ihre Nachlässigkeit fallen könne. Wenn er aber beifügt: „Versuchung mag euch nicht befallen, ausser eine menschliche,“ so hält er ihnen die Schwäche und Unbeständigkeit des noch nicht erstarkten Geistes vor, in Folge deren sie noch nicht angegriffen werden durften von den Stürmen jener bösen Geister, gegen welche, wie er wußte, sowohl er selbst täglich kämpfte als auch jene Vollkommenen, von denen er zu den Ephesern sagt: „Wir haben nicht mehr bloß den Kampf gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften und Gewalten, gegen die Beherrscher der Welt dieser Finsterniß, gegen die Geister der Bosheit in den Lüften.“ Wenn er aber beifügt: „Doch treu ist Gott, der euch nicht wird versucht werden lassen über eure Kraft,“ — so wünscht er wahrhaftig nicht, daß Gott sie nicht möge versucht werden lassen, sondern nur, daß sie nicht versucht werden über das hinaus, was sie ertragen könnten. Denn Jenes beweist die Fähigkeit der menschlichen Freiheit. Dieses aber die Gnade des Herrn, der die Kämpfe der Versuchungen mäßigt. In all Dem bestätigt es sich, daß die göttliche Gnade den freien Willen des Menschen immer so anrege und ihn in Allem so beschütze und vertheidige, daß sie ihn auch mit eigenen Versuchen gegen die geistigen Feinde kämpfen läßt, wodurch er entweder als Sieger die Gnade Gottes oder als Besiegter die eigene Schwäche einsehen und so lernen könne, nicht auf seine Kraft, sondern immer auf die göttliche Hilfe zu bauen und beständig zu seinem Beschützer Zuflucht zu nehmen. Damit nun Das nicht durch unsere Meinung, sondern durch die kräftigeren Zeugnisse der hl. Schrift bestätigt werde, wollen wir das, was in Jesus Nave steht, wieder durchnehmen. Es heißt dort: „Diese Völker ließ der Herr (und wollte sie nicht vernichten), um an ihnen Israel zu prüfen (ob es beobachte die Gebote des Herrn seines Gottes), und damit sie eine Übung hätten, mit den Feinden zu kämpfen.“ Und nun wollen wir mit der unvergleichlichen Güte unseres Schöpfers etwas Sterbliches vergleichen, nicht wie es nach der vollen Ehrfurcht sein müßte, sondern wie es die Ähnlichkeit in Etwa erlaubt. Eine liebevolle und besorgte Mutter trägt ihren Kleinen lange am Busen, bis sie ihn einmal gehen lehrt; dann läßt sie ihn zuerst kriechen, richtet ihn dann auf und hält ihn mit der Kraft ihrer Rechten, damit er in wechselndem Schritte sich mühe; bald läßt sie ihn ein wenig allein, ergreift ihn sogleich, wenn sie ihn wanken sieht, erfaßt den Taumelnden, richtet den Gefallenen auf und hindert ihn entweder am neuen Fall oder läßt ihn auch leicht hinsinken und hebt ihn erst darnach auf. Wenn ihn aber die Erstarkung ins Knaben- oder Jünglingsalter geführt hat. so fügt sie einige Lasten oder Mühen hinzu, durch die er nicht erdrückt, sondern geübt werde, und läßt ihn mit Gegnern kämpfen. Wie viel mehr weiß nun jener himmlische Vater Aller, wen er an dem Busen seiner Gnade tragen, wen er vor seinen Augen durch die Entscheidung des freien Willens in der Tugend üben solle! Und so hilft er dem Mühevollen, erhört den Rufenden, verläßt nicht den Suchenden, reißt aus der Gefahr zuweilen auch den, der nicht darum weiß.
XV. De multiplici uocationum gratia.
Per quae euidenter ostenditur inscrutabilia esse iudicia dei et inuestigabiles uias eius, quibus ad salutem humanum adtrahit genus, quod etiam euangelicarum uocationum exemplis possumus adprobare. Andream namque ac Petrum ceterosque apostolos nihil de salutis suae remedio cogitantes spontanea gratiae suae dignatione praelegit: Zacchaeum ad conspectum se domini fideliter extendentem et exiguitatem staturae suae sycomori celsitudine subleuantem non solum suscipit, uerum etiam benedictione cohabitationis inlustrat: inuitum ac repugnantem adtrahit Paulum: alium ita praecipit sibi inseparabiliter inhaerere, ut ei postulanti breuissimas pro sepultura patris non concedat indutias: Cornelio precibus et elemosynis iugiter insistenti uelut remunerationis uice uia salutis ostenditur eique angeli uisitatione praecipitur, ut accersiens Petrum uerba salutis ab eo quibus una cum omnibus suis saluaretur agnoscat. et ita multiformis illa sapientia dei salutem hominum multiplici atque inscrutabili pietate dispensat ac secundum capacitatem uniuscuiusque gratiam suae largitatis inpertit, ut ipsas quoque curationes non secundum uniformem maiestatis suae potentiam, sed secundum mensuram fidei, in qua unumquemque repperit uel sicut unicuique ipse partitus est, maluerit exercere. credentem namque, quod ad emundationem leprae suae uoluntas Christi sola sufficeret, solo uoluntatis suae curauit adsensu dicens: uolo, mundare: alteri deprecanti ut adueniens per inpositionem manus suae defunctam filiam suscitaret, ingressus domum eius eodem modo quo ille sperauerat id quod rogabatur indulsit: alii credenti summam salutis in uerbi eius praeceptione consistere ac respondenti: dic tantum uerbo, et sanabitur puer meus, per sermonis imperium resolutos artus pristino robore solidauit dicens: uade, et sicut credidisti fiat tibi: aliis de tactu fimbriae eius sperantibus medicinam ubertim sanitatis dona largitus est: aliorum morbis medellam rogatus indulsit: aliis spontaneam praestitit medicinam: alios hortatus est ut sperarent dicens: uis sanus fieri? aliis non sperantibus ultro ingessit auxilium: aliorum desideria, priusquam uoluntati eorum satisfaceret, explorauit dicens: quid uultis ut faciam uobis? alii ignoranti uiam, qua id quod concupierat obtineret, benignus ostendit si credideris, inquiens, uidebis gloriam dei: inter alios ita uirtutem curationum afluenter effudit, ut de eis euangelista conmemoret: et curauit omnes languidos eorum: inter alios uero inmensa illa beneficiorum Christi abyssus ita obturata est, ut dicatur: et non poterat inter illos Iesus facere uirtutes propter incredulitatem illorum. et ita largitas dei secundum capacitatem humanae fidei etiam ipsa formatur, ut huic quidem dicat: secundum fidem tuam fiat tibi, illi uero: uade, et sicut credidisti fiat tibi, alii autem: fiat tibi sicut uis, et rursum alteri: fides tua te saluum fecit.
15. Über die vielfache Gnade der Berufungen.
Hierin zeigt sich auch deutlich, wie unerforschlich die Rathschlüsse Gottes sind und wie unausspürbar seine Wege, durch die er das menschliche Geschlecht zum Heile zieht. Das können wir auch durch die Beispiele der Berufungen im Evangelium erhärten. Den Andreas nemlich und Petrus, sowie die übrigen Apostel erwählte er im Voraus durch die freie Herablassung seiner Gnade, ohne daß sie über das Mittel zu ihrem Heile nachdachten. Den Zachäus, der sich treulich abmüht, den Herrn zu sehen, und die Kleinheit seiner Gestalt durch die Höhe des Feigenbaumes unterstützt, nimmt er nicht nur auf, sondern zeichnet ihn auch durch die Gnade der Einkehr aus. Gegen seinen Willen zieht er den widerstrebenden Paulus an. Einen Andern heißt er so unzertrennlich ihm anhängen, daß er ihm nicht einmal einen ganz kurzen Aufschub zur Begrabung seines Vaters gestattet. Dem Cornelius, der beständig im Gebet und Almosen eifrig ist, wird der Weg des Heils gleichsam als Belohnung gezeigt, und es wird ihm durch die Erscheinung eines Engels geboten, daß er den Petrus herbeirufe und von ihm die Worte des Heiles erfahre, durch die er sammt all den Seinen gerettet würde. Und so ordnet jene vielgestaltige Weisheit Gottes das Heil der Menschen in vielfacher und unerforschlicher Liebe und theilt die Gnade ihrer Freigebigkeit nach der Fassungskraft der Einzelnen aus, wie sie auch die Heilungen nicht nach der einfachen Macht ihrer Majestät, sondern nach dem Maße des Glaubens wirken wollte, in welchem sie den Einzelnen traf, oder das sie selbst ihm zugetheilt hatte. Denjenigen nämlich, der da glaubte, daß zur Reinigung seines Aussatzes der Wille Christi allein hinreiche, machte er nur durch die Beistimmung seines Willens gesund, indem er sagte: „Ich will, sei rein!“ Einem Andern, der bat, er möge kommen und durch Auflegung der Hände seine verstorbene Tochter erwecken, ging er in’s Haus und verlieh ihm in derselben Weise, in der er gehofft hatte, das Erbetene. Einem Dritten, der glaubte, daß alles Heil in der Aussprache eines Wortes von ihm liege, und der antwortete: „Sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund“ — stärkte er die erschlafften Glieder (des Dieners) mit der frühern Kraft, indem er sprach: „Geh, und wie du geglaubt hast, so geschehe dir.“ Anderen, die von der Berührung seines Kleidsaumes Heilung hofften, gab er reichlich das Geschenk der Gesundheit. Den Einen verlieh er Hilfe für ihre Krankheit auf ihre Bitten. Andern gab er sie aus eigenem Antrieb. Die Einen ermahnte er zur Hoffnung, indem er sagte: „Willst du gesund werden?“ —Anderen, die nicht hofften, half er freiwillig. Bei den Einen fragte er nach ihren Wünschen, ehe er ihrem Willen Genüge leistete, und sprach: „Was wollt ihr, daß ich euch thue?“ — Einer Andern, die den Weg nicht wußte, auf welchem sie das erreichen sollte, was sie wünschte, zeigte er diesen gütig und sagte: „Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit des Herrn sehen.“ Bei den Einen goß er die Kraft der Heilung überreich aus, so daß der Evangelist davon sagt: „Und er heilte alle ihre Kranken;“ bei Andern aber war jener unermeßliche Abgrund der Wohlthaten Christi so verschlossen, daß es heißt: „Und nicht konnte Jesus unter ihnen Wunder thun wegen ihrer Ungläubigkeit.“ Und so gestaltet sich selbst die Freigebigkeit Gottes nach der Fassungskraft des menschlichen Glaubens, so daß sie Diesem sagt: „Es geschehe dir nach deinem Glauben“ — und Jenem: „Gehe, und es geschehe dir, wie du geglaubt hast,“ einem Andern aber: „Dir geschehe wie du willst,“ und wieder einem Dritten: „Dein Glaube hat dich gerettet.“
XVI. De gratia dei, eo quod humanae fidei transcendat angustias.
Nemo autem aestimet haec a nobis ob hoc fuisse prolata, ut nitamur adstruere summam salutis in nostrae fidei dicione consistere secundum quorundam profanam opinionem, qui totum libero arbitrio deputantes gratiam dei dispensari secundum meritum uniuscuiusque definiunt: sed absoluta plane pronuntiamus sententia etiam exuberare gratiam dei et transgredi humanae interdum infidelitatis angustias. quod in illo euangelico regulo factum fuisse reminiscimur, qui dum facilius credit aegrotantem filium suum posse curari quam mortuum suscitari, praesentiam domini festinus inplorat dicens: domine, descende prius quam moriatur filius meus. cuius infidelitatem licet his sermonibus Christus arguerit: nisi signa et prodigia uideritis, non creditis, tamen non secundum infirmitatem fidei eius gratiam suae diuinitatis exercuit nec praesentia corporali, quemadmodum ille crediderat, letales febrium morbos, sed uerbo suae potestatis exclusit dicens: uade, filius tuus uiuit. quam superabundantiam gratiae etiam in illius paralytici curatione dominum legimus effudisse, cum ei languoris sui tantum, quo corpus fuerat resolutum, remedia poscenti animae prius ingerit sospitatem dicens: constans esto fili, dimittuntur tibi peccata tua. post quod non credentibus scribis posse eum remittere humana peccata ad confundendam incredulitatem eorum etiam membra eius paralyseos ualitudine resoluta potestatis suae sermone restrinxit dicens: quid cogitatis mala in cordibus uestris? quid est facilius, dicere: dimittuntur tibi peccata, aut dicere: surge et ambula? ut sciatis autem quia filius hominis potestatem habet in terra dimittendi peccata, tunc ait paralytico: surge, tolle lectum tuum et uade in domum tuam. similiter etiam in illo, qui triginta et octo annos iuxta natatoriae crepidinem frustra decumbens de aquae illius motu sperauerat medicinam, munificentiam ultroneae largitatis ostendit. nam cum uolens eum ad salutis remedia prouocare dixisset ei: uis sanus fieri? cumque ille de humani adiutorii inopia quereretur ac diceret: hominem non habeo ut cum turbata fuerit aqua mittat me in piscinam, incredulitati eius et ignorantiae ueniam tribuens pristinae eum sanitati non illa qua sperauerat uia, sed qua uoluit dominus miseratione restituit dicens: surge, tolle lectum tuum et uade in domum tuam. et quid mirum si haec domini potestate gesta narrentur, cum similia etiam per seruos suos diuina gratia fuerit operata? ingredientibus namque templum Petro et Iohanne cum ille claudus ex utero matris, qui gressum penitus ignorabat, elemosynam postularet, illi non uilia aera quae poscebat infirmus, sed gressus officia largiuntur et paruissimae stipis sperantem solacia insperatae salutis praemiis locupletant dicente Petro: argentum et aurum non est mihi: quod autem habeo, hoc tibi do: in nomine Iesu Christi Nazareni surge et ambula.
16. Von der Gnade Gottes, infofern sie die engen Gränzen des menschlichen Glaubens überschreitet.
Niemand aber möge glauben, daß wir Dieß vorbringen, um die Behauptung festzuhalten, es bestehe der Grund unseres Heiles in der Macht unseres Glaubens, nach der unheiligen Meinung Einiger, die Alles dem freien Willen zuschreiben und lehren, die Gnade Gottes werde nach dem Verdienste eines Jeden zugetheilt. Nein, wir erklären für unsere bestimmte Meinung, daß die Gnade Gottes zuweilen die engen Grenzen des menschlichen Unglaubens überströme und übersteige. Das geschah, wie wir uns erinnern, an jenem Königsbeamten des Evangeliums, der in dem Glauben, daß es leichter sei, seinen kranken Sohn zu heilen, als ihn nach dem Tode aufzuerwecken, eilends um die Nähe des Herrn fleht und sagt: „Herr, komm, bevor mein Sohn stirbt.“ Christus tadelte zwar seinen Unglauben, indem er sagte: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, glaubet ihr nicht;“ aber er entfaltete doch in Rücksicht auf die Schwäche dieses Glaubens die Gnade seiner Gottheit und vertrieb die tödtlichen Fieber, wenn auch nicht durch seine Gegenwart, wie Jener geglaubt hatte, so doch durch das Wort seiner Macht und sprach: „Geh, dein Sohn lebt.“ Diesen Überfluß der Gnade hat, wie wir lesen, der Herr auch bei der Heilung des Gichtbrüchigen ausgegossen, da er ihm, der nur um Heilung der Krankheit bat, durch die der Körper geschwächt war, zuvor die Gesundheit der Seele verlieh, indem er sagte: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Hierauf erst, um den Unglauben der Schriftgelehrten, die nicht annehmen wollten, daß er die Sünden der Menschen vergeben könne, zu beschämen, stärkte er durch die Macht seines Wortes auch die Glieder des Kranken, welche durch die Gicht gelähmt waren, und sprach: „Was denkt ihr Böses in euern Herzen?“ Was ist leichter zu sagen: „Deine Sünden sind dir erlassen, oder zu sagen: Steh auf und geh? Damit ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Macht hat auf Erden, Sünden zu vergeben:“ so sprach er zu dem Gichtbrüchigen: „Steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus!“ Ähnlich zeigte er bei Jenem, der acht und dreissig Jahre vergebens am Rande des Teiches gelegen war und von der Erregung des Wassers Heilung gehofft hatte, den Reichthum seiner ungebetenen Freigebigkeit. Denn als er in der Absicht, Diesen für die Heilsmittel anzuregen, ihn gefragt hatte: „Willst du gesund werden?“ — und als Jener über den Mangel menschlicher Beihilfe klagte und sprach: „Ich habe keinen Menschen, der mich, wenn das Wasser bewegt wird, in den Teich bringen würde:“ da war er nachsichtig mit dem Unglauben und der Unwissenheit desselben und gab ihm die frühere Gesundheit wieder zurück, aber nicht auf dem Wege, auf welchem Jener gehofft hatte, sondern wie der Herr in seiner Erbarmung es wollte, indem er sprach: „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!“ Und warum soll man sich wundern, wenn erzählt wird, daß Solches durch die Macht des Herrn geschehen sei, da ja die göttliche Gnade Ähnliches durch ihre Diener gewirkt hat? Denn als beim Eintritte des Petrus und Johannes in den Tempel jener vom Mutterleibe aus Lahme, der das Gehen gar nicht konnte, sie um Almosen bat, schenkten Jene nicht das elende Erz, welches der Kranke verlangte, sondern als Liebesgabe das Gehen und bereicherten so den auf eine ganz kleine Unterstützung Hoffenden mit der Gabe der Gesundheit, indem Petrus sprach: „Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh!“
XVII. De inscrutabili dispensatione dei.
Per haec igitur exempla quae de euangelicis protulimus monumentis euidentissime poterimus aduertere diuersis atque innumeris modis et inscrutabilibus uiis deum salutem humani generis procurare et quorundam quidem uolentium ac sitientium cursum ad maiorem incitare flagrantiam, quosdam uero etiam nolentes inuitosque conpellere, et nunc quidem ut inpleantur ea quae utiliter a nobis desiderata perspexerit adiuuare, nunc uero etiam ipsius sancti desiderii inspirare principia et uel initium boni operis uel perseuerantiam condonare. inde est quod orantes non solum protectorem ac saluatorem, sed etiam adiutorem ac susceptorem dominum proclamamus. in eo enim quod prior aduocat et ignorantes nos atque inuitos adtrahit ad salutem, protector atque saluator est, in eo autem quod adnitentibus nobis opem ferre refugientesque suscipere ac munire consueuit, susceptor ac refugium nominatur. denique hanc dispensationis dei multiplicem largitatem beatus apostolus mente pertractans et in quoddam inmensum atque interminabile pietatis dei pelagus se incidisse conspiciens exclamauit: o altitudo diuitiarum sapientiae et scientiae dei: quam inscrutabilia iudicia dei et inuestigabiles uiae eius. quis enim cognouit sensum domini? huius ergo scientiae admirationem, quam ille talis ac tantus gentium magister expauit, euacuare conabitur, quisque crediderit illius inaestimabilis abyssi profunditatem humana ratione se posse metiri. nam qui ad plenum dispensationes dei, quibus salutem in hominibus operatur, uel mente concipere uel disserere se posse confidit, procul dubio inpugnans apostolicae sententiae ueritatem scrutabilia esse dei iudicia et uestigabiles uias eius profana pronuntiabit audacia. hanc igitur dispensationem atque amorem suum, quem nobis tribuere dominus indefessa pietate dignatur, uolens motu humanae affectionis exprimere nec inueniens in hac creatura talem caritatis affectum, cui eum conparare dignius posset, tenerrimis piae matris uisceribus conparauit. et utitur quidem hoc exemplo, quia carius aliud in natura hominum non potest inueniri, dicens: numquid obliuisci potest mulier infantem suum, ut non misereatur filio uteri sui? sed non contentus hac conparatione transcendit eam confestim atque subiungit dicens: et si illa oblita fuerit, ego autem non obliuiscar tui.
17. Von der unerforschlichen Anordnung Gottes.
Aus diesen Beispielen nun, die wir aus den evangelischen Urkunden beigebracht haben, können wir ganz deutlich abnehmen, daß Gott auf verschiedene und unzählige Weisen und nach unerforschlichen Wegen für das Heil des menschlichen Geschlechtes sorge; daß er bei Einigen, die verlangen und dürsten, den Lauf zu größerer Heftigkeit anrege, Andere aber gegen ihren Willen antreibe; daß er jetzt Hilfe leiste, damit Das, was er nützlich von uns ersehnt sieht, erfüllt werden könne; ein ander Mal aber selbst die Anfänge der hl. Begierde einflöße und so entweder den Beginn des guten Werkes oder die Beharrlichkeit schenke. Daher kommt es, daß wir im Gebete den Herrn nicht bloß als Beschützer und Erlöser, sondern auch als Helfer und Zuflucht anrufen. Denn darin, daß er uns zuerst ruft und uns ohne unser Wissen und Wollen zum Heile zieht, ist er unser Beschützer und Erlöser; darin aber, daß er uns in unserm Streben zu helfen und die zu ihm Fliehenden aufzunehmen und zu schützen pflegt, heißt er unser Erhalter und unsere Zuflucht. Kurz, da der hl. Apostel diese vielfache Freigebigkeit des göttlichen Waltens im Geiste erwägt und nun sieht, daß er in ein unermeßliches, unbegrenztes Meer göttlicher Liebe gestürzt sei, ruft er aus: „O Tiefe des Reichthums, der Weisheit und des Wissens Gottes, wie unerforschlich sind seine Rathschlüsse und wie unaussspürbar seine Wege! Denn wer hat erkannt den Sinn des Herrn?“ Diese bewunderungswürdige Erkenntniß nun, vor welcher jener so herrliche und große Völkerlehrer erschauerte, sucht nichtig zu machen, wer immer glaubt, daß er die Tiefe jenes unberechenbaren Abgrundes mit menschlicher Vernunft ermessen könne. Denn wer sich zutraut, die Anordnungen Gottes, nach denen er das Heil unter den Menschen wirkt, entweder vollständig im Geiste zu erfassen oder darstellen zu können, der erklärt offenbar mit unheiliger Kühnheit im Widerspruche gegen die Wahrheit des apostolischen Wortes, daß Gottes Rathschlüsse erforschlich und seine Wege erfindbar seien, während doch der Herr selbst Folgendes bezeugt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr; denn so hoch der Himmel steht über der Erde, so hoch stehen meine Wege über den euern und meine Gedanken über euern Gedanken.“ Dieses sein Liebeswalten, wie er es uns mit unermüdeter Zärtlichkeit zu erweisen sich herabläßt, will der Herr mit der Aufwallung einer menschlichen Neigung darstellen, und da er in dieser Geschöpflichkeit keinen Liebesaffekt findet, mit welchem er es entsprechender vergleichen könnte, so stellt er es zusammen mit dem so zärtlichen Herzen einer liebevollen Mutter und bedient sich dieses Beispieles, weil ein lieberes in der Menschennatur nicht gefunden werden kann, und sagt: „Kann eine Mutter vergessen ihres Kindes, so daß sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Schooßes?“ Aber nicht zufrieden mit dieser Vergleichung überbietet er dieselbe sogleich und fügt bei: „Und wenn jene vergessen hätte, ich jedoch werde deiner nicht vergessen.“
XVIII. Definitio patrum, eo quod arbitrium ad saluandum non sit idoneum.
Per quod euidenti ratione colligitur ab his qui non loquacibus uerbis, sed experientia duce uel magnitudinem gratiae uel modulum humani metiuntur arbitrii, quia non leuibus cursus, nec fortibus proelium, nec sapientibus panis, nec prudentibus diuitiae, nec scientibus gratia, sed operatur haec omnia unus atque idem spiritus, diuidens unicuique prout uult. et idcirco fide non dubia et ut ita dicam palpabili experientia conprobatur uniuersitatis deum uelut piissimum patrem benignissimumque medicum secundum apostolum indifferenter omnia in omnibus operari et nunc quidem salutis inspirare principia et inserere unicuique bonae uoluntatis ardorem, nunc uero ipsius operationis effectum et consummationem donare uirtutum: et nunc a ruina iam proxima lapsuque praecipiti etiam inuitos et inscios reuocare, nunc autem occasiones et oportunitates salutis ingerere ac praecipites uiolentosque conatus a letalibus dispositionibus inhibere: et alios quidem uolentes currentesque suscipere, alios uero nolentes resistentesque pertrahere et ad bonam cogere uoluntatem. totum uero non semper resistentibus nec perseueranter inuitis nobis a diuinitate concedi et summam salutis nostrae non operum nostrorum merito, sed caelesti gratiae deputandam ita domini ipsius uocibus edocemur: et recordabimini uiarum uestrarum, et omnium scelerum uestrorum, quibus polluti estis in eis: et displicebitis uobis in conspectu uestro in omnibus malitiis uestris, quas fecistis. et scietis quia ego dominus, cum bene fecero uobis propter nomen meum, non secundum uias uestras malas, neque secundum scelera uestra pessima domus Israhel. et idcirco hoc ab omnibus catholicis patribus definitur, qui perfectionem cordis non inani disputatione uerborum, sed re atque opere didicerunt, diuini esse muneris primum ut accendatur unusquisque ad desiderandum omne quod bonum est, sed ita ut in alterutram partem plenum sit liberae uoluntatis arbitrium: itemque etiam secundum diuinae esse gratiae ut effici ualeant exercitia praedicta uirtutum, sed ita ut possibilitas non extinguatur arbitrii: tertium quoque ad dei munera pertinere ut adquisitae uirtutis perseuerantia teneatur, sed ita ut captiuitatem libertas addicta non sentiat. sic enim uniuersitatis deus omnia in omnibus credendus est operari, ut incitet, protegat atque confirmet, non ut auferat quam semel ipse concessit arbitrii libertatem. si quid sane uersutius humana argumentatione ac ratione collectum huic sensui uidetur obsistere, uitandum magis est quam ad destructionem fidei prouocandum (non enim fidem ex intellectu, sed intellectum meremur ex fide, sicut scriptum est: nisi credideritis, non intellegitis), quia, quemadmodum et deus omnia operetur in nobis et totum libero adscribatur arbitrio, ad plenum humano sensu ac ratione non potest conprehendi. Hoc nos beatus Chaeremon confirmatos cibo laborem fecit tam inuii itineris non sentire.
18. Lehrbestimmung der Väter darüber, daß der freie Wille nicht im Stande sei, uns zu retten.
Daraus schließen nun mit festem Beweisgrund Jene, welche nicht nach Redseligkeit, sondern nach der Lehre der Erfahrung entweder die Größe der Gnade oder das kleine Maaß der menschlichen Freiheit messen: daß nicht den Leichtfüßigen der Lauf, nicht den Starken der Kampf, nicht den Weisen das Brod oder den Klugen der Reichthum und den Wissenden die Gnade zuzuschreiben ist, sondern daß Dieß alles ein und derselbe Geist wirkt, der einem Jeden austheilt, wie er will. Und deßhalb ist es durch unzweifelhafte Glaubwürdigkeit und so zu sagen durch handgreifliche Erfahrung bewährt, daß der Gott des Weltalls wie der zärtlichste Vater und gütigste Arzt nach dem Apostel ohne Unterschied Alles in Allen wirke, und daß er nun die Anfänge des Heiles einflöße und Jedem die Inbrunst des guten Willens gebe; nun aber die Verwirklichung der That und die Vollendung der Tugenden schenke und dann wieder Andere ohne ihr Wissen und Wollen von dem schon ganz nahen Sturze und jähen Falle zurückziehe; daß er ferner Gelegenheiten und günstige Umstände des Heiles herbeiführe und übereilte, gewaltige Versuche an ihrem todbringenden Walten hindere; daß er die Einen nach ihrem Wollen und Laufen aufnehme, Andere aber gegen ihr Wollen und Widerstreben anziehe und zum guten Willen zwinge. Daß aber nicht Dieß alles den immer Widerstrebenden und beharrlich Nichtwollenden von der Gottheit zugestanden werde, und daß die Hauptsache unseres Heiles nicht dem Verdienste unserer Werke, sondern der göttlichen Gnade zuzuschreiben sei, lehrt uns das Wort des Herrn wie folgt: „Und ihr werdet gedenken eurer Wege und all eurer Laster, in denen ihr euch befleckt habt, und ihr werdet Abscheu haben vor euch selbst wegen all der Bosheit, die ihr gethan, und werdet erkennen, daß ich der Herr bin, wenn ich euch werde Gutes erzeigt haben um meines Namens willen, nicht gemäß eurer bösen Wege und nicht nach euren argen Lastern, o Haus Israel!“ Und so wird denn von allen katholischen Vätern, welche die Vollkommenheit des Herzens nicht durch eitles Gerede, sondern in That und Wahrheit gelernt haben, festgesetzt, es sei Sache des göttlichen Gnadengeschenkes: erstens, daß Jeder zum Verlangen nach allem Guten entflammt werde, jedoch so, daß die Entscheidung des freien Willens nach beiden Seiten hin vollständig bewahrt bleibe. So sei es ferner zweitens Sache der Gnade Gottes, daß die besagte Übung der Tugenden verwirklicht werden könne, aber so, daß die Möglichkeit der Freiheit nicht unterdrückt werde. Drittens gehöre es zu den Gnadengaben Gottes, daß die Beharrlichkeit in der erworbenen Tugend bewahrt werde, jedoch so, daß die uns geschenkte Freiheit keine Gefangenschaft fühle. Denn man muß glauben, daß der Gott des Weltalls so Alles in Allen Wirke, daß er anregt, beschützt und stärkt, nicht aber so, daß er die Freiheit der Wahl, welche er selbst nun einmal zugestanden hat, hinwegnehme. Wenn wirklich Etwas, was menschliche Beweisführung und Vernunftarbeit gar zu fein ausgedacht hat, diesem Sinne zu widersprechen scheint, so muß man es viel eher vermeiden als zur Zerstörung des Glaubens hervorziehen; denn wir erwerben nicht den Glauben durch die Einsicht, sondern die Einsicht durch den Glauben, wie geschrieben steht: „Wenn ihr nicht glaubet, werdet ihr nicht einsehen.“ Kann ja doch nach meiner Meinung mit menschlichem Sinn und Verstand nicht vollkommen erfaßt werden, wie einerseits Gott Alles in uns wirke, anderseits wieder Alles dem freien Willen zugeschrieben werde, dem gesagt wird: „Wenn ihr wollt und auf mich hört, so sollt ihr das Beste der Erde essen.“ Mit dieser (geistigen) Speise stärkte uns der gottselige Chäremon und bewirkte, daß wir die Mühe des unwegsamen Marsches nicht fühlten.
Lateinischer Text: Conlationes XXIIII, hg. von M. Petschenig, Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum 13, Wien 1886, an den Scans überprüft; ohne kritischen Apparat. · Übersetzung von Karl Kohlhund († 1883), Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten, Kösel, 1879. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden