Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Johannes Cassianus, Unterredungen mit den Vätern

Unterredung XVIII. Abt Piamun: von den drei Arten von Mönchen

Conlatio abbatis Piamun. De tribus generibus monachorum.Achtzehnte Unterredung, welche die des Abtes Piammon ist, über drei alle Arten von Mönchen und eine vierte, neu entstandene.

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I. Quemadmodum Diolcon uenientes ab abbate Piamun fuerimus suscepti.

Post conspectum atque conloquium trium illorum senum, quorum conlationes sancto fratre nostro Eucherio conpellente utcumque digessimus, cum etiam ulteriores Aegypti partes, in quibus amplior atque perfectior sanctorum numerus consistebat, maiore flagrantia desideraremus expetere, ad uicum, cui nomen est Diolcos, uni ex septem Nili fluminis Ostiis inminentem, non tam itineris necessitate quam desiderio sanctorum illic commorantium conpellente peruenimus. cum enim uelut cupidissimi mercatores plurima illic celeberrimaque coenobia ab antiquis audissemus patribus instituta, continuo quasi nauigationem inquisitionis incertae spe maioris lucri persuadente suscepimus. ubi cum diutissime fluctuantes ad illos uirtutum sublimitate conspicuos montes undique curiosos oculos tenderemus, abbatem Piamun, omnium anachoretarum illic inhabitantium seniorem eorundemque presbyterum uelut quandam sublimissimam pharum primus circumspectantium notauit intuitus. hic etenim sicut euangelica illa ciuitas in excelsi montis uertice constitutus nostro protinus refulsit aspectui. cuius uirtutes atque mirabilia, quae per eum etiam sub conspectu nostro diuina gratia testimonium meritis eius reddente perfecta sunt, ne uel propositi nostri formam uel modum huius uoluminis excedamus, silentio praetermittenda credimus. non enim de mirabilibus dei, sed de institutis studiisque sanctorum quaedam quae reminisci possibile est nos spopondimus memoriae tradituros, ut necessariam tantum perfectae uitae instructionem, non inutilem absque ulla emendatione uitiorum ac superuacuam admirationem legentibus praeberemus. cum itaque beatus Piamun summa nos gratulatione susceptos humanitate etiam congrua refecisset, intellegens nos non eiusdem esse regionis, primum unde uel cur Aegyptum petissemus sollicite percontatus ac de coenobio Syriae ob desiderium perfectionis nos illo aduenisse cognoscens ita exorsus est.

1. Wie wir bei unserer Ankunft in Diolkos von dem Abte Piammon aufgenommen wurden.

Nach dem Besuche und der Besprechung mit den drei Greisen, deren Unterredungen wir auf Drängen unseres heiligen Bruders Eucherius irgendwie dargestellt haben, sehnten wir uns nun noch heisser, auch die Gegenden des jenseitigen Ägyptens, in welchen eine größere und vollkommenere Anzahl von Heiligen weilte, aufzusuchen und kamen zu einem Dorfe, Namens Diolkos, das an einer der sieben Nilmündungen liegt, nicht als hätte uns der Weg nothwendig hiehergeführt, sondern weil uns eben die Sehnsucht nach den hier wohnenden Heiligen herzog. Denn als wir gehört hatten, daß dort sehr viele und berühmte Klöster von alten Vätern eingerichtet seien, unternahmen wir sogleich wie gierige Kaufleute die Schiffahrt nach dem unsichern Fund, überredet von der Hoffnung auf größern Gewinn. Als wir nun dort sehr lange umhertrieben und unsere Augen allseitig nach jenen durch die Höhe der Tugenden berühmten Bergen erhoben, da zeigte der erste Blick der Umherschauenden den Abt Piammon, den Ältesten und Priester der dort wohnenden Anachoreten, wie einen gar herrlichen Leuchtthurm. Denn dieser war wie jene Stadt im Evangelium auf den Scheitel eines hohen Berges gestellt und leuchtete sofort unserm Anblicke. Seine Tugenden und die Wunder, welche er selbst unter unsern Augen gethan hat, indem die göttliche Gnade seinen Verdienste. Zeugniß geben wollte, glauben wir übergehen zu sollen, damit wir nicht die Umrisse unseres Vorhabens oder den Umfang dieses Bandes überschreiten. Denn nicht über die Wunder Gottes, sondern über die Einrichtungen und Bestrebungen der Heiligen Einiges mitzutheilen, soweit das Gedächtniß es zuläßt, haben wir versprochen, um so den Lesern nur die nothwendige Belehrung über das vollkommene Leben zu bieten, nicht aber eine unnütze und leere Verwunderung ohne jegliche Besserung der Laster. Als nun der hl. Piammon uns mit den besten Grußeswünschen aufgenommen und mit entsprechender Liebe bewirthet hatte, fragte er, weil er sah, daß wir nicht aus jener Gegend seien, zuerst sorgfältig, woher und warum wir nach Ägypten gekommen seien, und begann dann auf die Kunde, wir seien aus einem Kloster Syriens voll Verlangen nach der Vollkommenheit hieher gekommen, also:

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II. Verba abbatis Piamun, quomodo rudes monachi exemplo seniorum debeant erudiri.

Quisque hominum, o filii, cuiuslibet artis peritiam adsequi concupiscit, nisi omni cura atque uigilantia eius se quam nosse desiderat disciplinae studiis manciparit ac perfectissimorum quorumque opificii ipsius uel scientiae magistrorum praecepta atque instituta seruauerit, frustra inanibus uotis eorum similitudinem exoptat adtingere, quorum curam atque industriam detractat aemulari. nouimus enim nonnullos ita ad haec loca de uestris regionibus aduenisse, ut cognoscendi tantummodo gratia fratrum monasteria circumirent, non ut has regulas ob quas huc conmeauerant atque instituta susciperent ac secedentes in cellulis conarentur ea, quae uel uisu uel traditione perceperant, operibus experiri: qui mores suos ac studia quibus inbuti fuerant retentantes, ut eis exprobrari a nonnullis solet, non profectus sui gratia, sed uitandae egestatis necessitate existimati sunt prouincias conmutasse. non solum enim nihil eruditionis adquirere, sed ne diutius quidem in his partibus conmorari pertinacis animi obstinatione potuerunt. cum enim nec ieiuniorum morem neque psalmorum ordinem nec ipsorum denique indumentorum habitum permutassent, quid aliud in hac regione sectari quam sola uictus sui conpendia crederentur?

2. Wie anfangende Mönche durch das Beispiel der alten gebildet werden müssen.

Wer immer, o Söhne, Geschicklichkeit in irgend einer Kunst erlangen will, der wird, wenn er nicht mit aller Sorgfalt und Wachsamkeit sich der Erlernung der gewünschten Kunst widmet und die Lehren und Anweisungen gerade der besten Meister dieser Fertigkeit oder Wissenschaft einhält, vergebens mit seinen leeren Wünschen die Ähnlichkeit mit Jenen zu erreichen verlangen, deren Sorgfalt und Eifer er nachzuahmen verschmäht. Wir wissen nun, daß Einige aus euern Gegenden so hieher kamen, daß sie nur zur Kenntnißnahme in den Klöstern der Brüder umhergiengen, nicht aber um diese Regeln und Einrichtungen, wegen deren sie hieher gewandert waren, auch anzunehmen, und nach der Rückkehr in ihre Zellen den Versuch zu machen, Das, was sie durch Augenschein oder Lehre erfaßt hatten, nun auch durch die That zu erproben. Diese behielten ihre Sitten und Bestrebungen nach gewohnter Übung bei und haben, wie ihnen von Einigen vorgeworfen zu werden pflegt, die Meinung verschuldet, daß sie nicht wegen ihres Fortschrittes, sondern nur um dem Druck der Armuth auszuweichen, die Gegend vertauscht. Denn sie konnten nicht nur keine Ausbildung erlangen, sondern nicht einmal länger hier verweilen bei dem Eigensinn ihres hartnäckigen Gemüthes. Da sie also weder die Weise der Fasten, noch die Ordnung der Psalmen, noch endlich den Brauch in der Kleidung änderten, was sollten sie glaublicher Weise Anderes in dieser Gegend suchen als eine Ersparniß in ihrem Lebensunterhalt?

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III. Quod iuniores discutere seniorum praecepta non debeant.

Quamobrem si uos quemadmodum credimus dei causa ad aemulationem nostrae agnitionis adtraxit, omnibus institutis, quibus illic primordia uestra praeuenta sunt, penitus abdicatis quaecumque seniores nostros agere uel tradere uideritis summa humilitate sectamini. neque uos moueat aut ab imitatione diuertat ac retrahat, etiamsi uobis ad praesens alicuius rei uel facti ratio uel causa non liqueat, quia eos, qui bene de cunctis ac simpliciter sentiunt et uniuersa quae a senioribus tradi geriue perspexerint fideliter imitari magis quam discutere student, per operis experientiam etiam scientia rerum omnium subsequetur. ceterum numquam rationem ueritatis intrabit, quisquis a discussione coeperit erudiri, quia uidens eum inimicus suo potius quam patrum iudicio confidentem facile in id usque propellet, ut etiam illa quae maxime utilia atque saluberrima sunt superflua ei uideantur ac noxia, atque ita praesumptioni eius callidus hostis inludet, ut inrationabilibus definitionibus suis pertinaciter inhaerendo hoc solummodo sibi sanctum esse persuadeat, quod rectum atque iustissimum suae tantum obstinationis errore censuerit.

3. Daß Jüngere die Lehren der Alten nicht untersuchen sollen.

Wenn euch also, wie wir glauben, die Sache Gottes hiehergezogen hat, unsere Erkenntniß anzustreben so müßt ihr alle Anweisungen, mit welchen dort euer Anfang vorbereitet wurde, völlig abthun, und was ihr immer eure Altväter thun oder lehren seht, mit größter Demuth befolgen. Es darf euch nicht aufregen oder von der Nachahmung zurückziehen und abwenden, wenn euch für jetzt die Bedeutung oder der Grund irgend einer Sache oder Handlung nicht klar ist, weil für Jene, welche über Alles gut und einfältig urtheilen und Alles, was sie von den Vätern gelehrt oder gethan sehen, mehr in Treue nachzuahmen als zu untersuchen streben, auch die Wissenschaft aller Dinge durch die Übung und Erfahrung nachfolgen wird. Wer dagegen seine Bildung mit der Untersuchung anfängt, wird nie in das Wesen der Wahrheit eindringen, weil der Feind, der ihn mehr auf sein eigenes als der Väter Urtheil vertrauen sieht, leicht ihn bis dahin treiben wird, daß ihm auch das Nützlichste und Heilsamste überflüssig und schädlich scheint. Und so bethört der schlaue Feind die Anmaßung eines Solchen, daß er hartnäckig an seinen unvernünftigen Entscheidungen hängt, und sich einredet, es sei nur Das heilig, was gerade er in dem Irrthume seines Eigensinnes für recht und gerecht erklärt.

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IIII. De tribus generibus monachorum quae intra Aegyptum sunt.

Quamobrem ordo atque principium professionis nostrae quemadmodum uel unde descenderit, primum debetis agnoscere. tunc etenim poterit quis desideratae artis efficacius adsequi disciplinam et ad exercendam eam ardentius incitari, cum auctorum ac fundatorum eius agnouerit dignitatem, tria sunt in Aegypto genera monachorum, quorum duo sunt optima, tertium tepidum atque omnimodis euitandum. primum est coenobiotarum, qui scilicet in congregatione pariter consistentes unius senioris iudicio gubernantur: cuius generis maximus numerus monachorum per uniuersam Aegyptum commoratur. secundum anachoretarum, qui prius in coenobiis instituti iamque in actuali conuersatione perfecti solitudinis elegere secreta: cuius professionis nos quoque optamus esse participes. tertium reprehensibile Sarabaitarum est. de quibus singillatim per ordinem plenius disseremus. harum igitur trium professionum ut diximus fundatores primum debetis agnoscere. nam profecto ex hoc ipso uel odium professionis illius nasci poterit quae uitanda est uel eius desiderium quae sequenda, quia necesse est unamquamque uiam ad illum finem suum pertrahere sectatorem, ad quem auctor ipsius inuentorque peruenit.

4. Von den drei Arten von Mönchen, die innerhalb Ägyptens sind.

So müßt ihr denn zuerst kennen lernen, wie oder woher die Regel und der Anfang unseres Gelübdes entstand. Denn es kann einer die Gesetze der erwünschten Kunst viel wirksamer erreichen und zur Ausübung derselben viel heftiger entflammt werden, wenn er die Würde der Erfinder und Begründer derselben erkannt hat. — Es sind nun in Ägypten drei Arten von Mönchen, wovon zwei sehr gut sind, die dritte aber matt und auf jede Weise zu meiden. Die erste Art ist die der Cönobiten, die nemlich zusammenleben als Gemeinde, durch das Urtheil eines Älteren geleitet werden und in großer Zahl durch ganz Ägypten hin wohnen. Die zweite Art ist die der Anachoreten, die zuerst in Klöstern unterrichtet wurden und, nachdem sie im thätigen Leben vollkommen waren, die Verborgenheit in der Wüste wählten, ein Beruf, an welchem auch wir Theil zu haben wünschen. Die dritte, tadelnswerthe, ist die der Sarabaiten. Von diesen (dreien) wollen wir nun der Reihe nach im Einzelnen Mehreres anführen. Ihr müßt also, wie gesagt, zuerst die Gründer dieser drei Lebensweisen kennen lernen. Denn in der That kann schon daraus entweder ein Haß jenes Berufes entstehen, der zu meiden ist, oder ein Verlangen nach jenem, dem man beitreten soll, weil ja nothwendig jeder Weg Den, der ihm folgt, zu jenem Ziele hinzieht, zu welchem der Urheber und Erfinder desselben selbst gelangt ist.

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V. Quibus auctoribus coenobiotarum sit instituta professio.

Itaque coenobiotarum disciplina a tempore praedicationis apostolicae sumpsit exordium, nam talis extitit in Hierosolymis omnis illa credentium multitudo, quae in Actibus apostolorum ita describitur: multitudinis autem credentium erat cor et anima una, nec quisquam eorum quae possidebat aliquid suum esse dicebat, sed erant illis omnia communia. possessiones et substantias uendebant, et diuidebant ea omnibus prout cuique opus erat. et iterum: neque enim quisquam egens erat inter illos: quotquot enim possessores agrorum aut domorum erant, uendentes adferebant pretia eorum quae uendebant et ponebant ante pedes apostolorum: diuidebatur autem singulis prout cuique opus erat. talis, inquam, erat tunc omnis ecclesia, quales nunc perpaucos in coenobiis inuenire difficile est. sed cum apostolorum excessu tepescere coepisset credentium multitudo, ea uel maxime quae ad fidem Christi de alienigenis ac diuersis gentibus confluebat, a quibus apostoli pro ipsis fidei rudimentis et inueterata gentilitatis consuetudine nihil amplius expetebant nisi ut ab inmolaticiis idolorum et fornicatione et suffocatis et sanguine temperarent, atque ista libertas quae gentibus propter infirmitatem primae credulitatis indulta est etiam illius ecclesiae perfectionem quae Hierosolymis consistebat paulatim contaminare coepisset, et crescente cotidie uel indigenarum numero uel aduenarum primae illius fidei refrigesceret feruor, non solum hi qui ad fidem Christi confluxerant, uerum etiam illi qui erant ecclesiae principes ab illa districtione laxati sunt. nonnulli enim, existimantes id quod uidebant gentibus pro infirmitate concessum sibi etiam licitum, nihil se detrimenti perpeti crediderunt, si cum substantiis ac facultatibus suis fidem Christi confessionemque sequerentur. hi autem quibus adhuc apostolicus inerat feruor, memores illius pristinae perfectionis, discedentes a ciuitatibus suis illorumque consortio, qui sibi uel ecclesiae dei remissioris uitae neglegentiam licitam esse credebant, in locis suburbanis ac secretioribus conmanere et ea, quae ab apostolis per uniuersum corpus ecclesiae generaliter meminerant instituta, priuatim ac peculiariter exercere coeperunt: atque ita coaluit ista quam diximus discipulorum qui se ab illorum contagio sequestrauerant disciplina. qui paulatim tempore procedente segregati a credentium turbis ab eo, quod a coniugiis abstinerent et a parentum se consortio mundique istius conuersatione secernerent, monachi siue μονάζοντες a singularis ac solitariae uitae districtione nominati sunt, unde consequens fuit ut ex communione consortii coenobiotae cellaeque ac diuersoria eorum coenobia uocarentur. istud ergo solummodo fuit antiquissimum monachorum genus, quod non solum tempore, sed etiam gratia primum est quodque per annos plurimos inuiolabile usque ad abbatis Pauli uel Antoni durauit aetatem: cuius etiam nunc adhuc in districtis coenobiis cernimus residere uestigia.

5. Von welchen Gründern der Orden der Cönobiten errichtet worden sei.

Die Regel der Cönobiten nun nahm ihren Anfang von der Predigt der Apostel; denn es war in Jerusalem jene ganze Menge der Gläubigen von dieser Art, wovon in der Apostelgeschichte so geschrieben steht: „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele, und Niemand nannte Etwas von Dem, was er besaß, sein eigen, sondern es war ihnen Alles gemeinsam.“ Sie verkauften ihre Besitzthümer und ihre Habe und vertheilten unter Alle, wie es Jedem nöthig war. Und wieder: „Auch war kein Dürftiger unter ihnen; denn Alle, welche Besitzer von Äckern oder Häusern waren, verkauften sie und brachten den Erlös für das Verkaufte und legten ihn zu den Füßen der Apostel nieder: ausgetheilt aber wurde Jedem, wie er es nöthig hatte.“ Damals also war die ganze Kirche so beschaffen, wie man jetzt nur Wenige mit Mühe in den Klöstern findet. Aber nach dem Hingange der Apostel fieng die Menge der Gläubigen an, lau zu werden, besonders jene, welche zumeist von fremden und verschiedenen Heidenvölkern her zum Glauben Christi zuströmte, und von welchen die Apostel wegen ihrer Neuheit im Glauben und der veralteten heidnischen Gewohnheiten Nichts verlangen, als daß sie von den Götzenopfern, von der Unzucht, dem Erstickten und vom Blute sich enthalten sollten. Doch diese Freiheit, welche den Heiden wegen der Schwäche des ersten Glaubens vergönnt wurde, fieng allmälig auch an, die Vollkommenheit der Kirche von Jerusalem zu beflecken, und es erkaltete bei dem täglichen Zuwachs an Eingeborenen und Fremden jene erste Glaubensglut. Da ließen nicht nur Jene, welche zum Glauben Christi herbeiströmten, sondern auch Diejenigen, welche die Vorsteher der Kirche waren, von solcher Strenge ab. Denn Manche glaubten, daß Das, was sie den Heiden wegen ihrer Schwäche zugestanden sahen, auch ihnen erlaubt sei, und meinten, sie würden keinen Schaden leiden, wenn sie im Besitze von Hab und Gut dem Glauben und Bekenntnisse Christi folgen würden. Diejenigen aber, welchen noch der apostolische Eifer innewohnte, giengen eingedenk jener frühern Vollkommenheit hinweg von ihren Städten und der Umgebung Jener, die da glaubten, daß die Sorglosigkeit eines freien Lebens ihnen und der Kirche Gottes erlaubt sei, wohnten auf dem Lande und in verborgenen Gegenden und fiengen an, das, was nach ihrer Erinnerung von den Aposteln allgemein für den ganzen Leib der Kirche eingesetzt war, für sich und getrennt zu üben; und so erstarkte die genannte Schule von Jüngern, welche sich von der befleckenden Berührung mit den Andern getrennt hatten. Diese wurden nach und nach im Verlaufe der Zeit in ihrer Trennung von den Schaaren der Gläubigen, deßhalb, weil sie sich der Ehe enthielten und von dem Umgänge mit den Eltern und dem Verkehre mit dieser Welt sich lossagten, Mönche oder Monazontes genannt, wegen der Strenge ihres besondern und einsamen Lebens. Daraus folgte, daß sie wegen ihres gemeinschaftlichen Zusammenlebens Cönobiten, und ihre Zellen und Wohnhäuser Cönobien hießen. Das war also allein die älteste Art der Mönche, war nicht nur der Zeit, sondern auch der Gnade nach die erste, und dauerte durch sehr viele Jahre unentstellt bis zu den Zeiten des Abtes Paulus oder Antonius. Ihre Spuren sehen wir auch jetzt noch in strengen Klöstern vorhanden.

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VI. De anachoretarum ordine atque principio.

De hoc perfectorum numero et ut ita dixerim fecundissima radice sanctorum etiam anachoretarum post haec flores fructusque prolati sunt, cuius professionis principes hos quos paulo ante commemorauimus, sanctum scilicet Paulum uel Antonium, nouimus extitisse: qui non ut quidam pusillanimitatis causa nec inpatientiae morbo, sed desiderio sublimioris profectus contemplationisque diuinae solitudinis secreta sectati sunt, licet eorum prior necessitatis obtentu, dum tempore persecutionis adfinium suorum deuitat insidias, heremum penetrasse dicatur. ita ergo processit ex illa qua diximus disciplina aliud perfectionis genus, cuius sectatores anachoretae id est secessores merito nuncupantur, eo quod nequaquam contenti hac uictoria, qua inter homines occultas insidias diaboli calcauerunt, aperto certamine ac manifesto conflictu daemonibus congredi cupientes uastos heremi recessus penetrare non timeant, ad imitationem scilicet Iohannis Baptistae, qui in heremo tota aetate permansit, Heliae quoque et Helisaei atque illorum de quibus apostolus ita memorat: circumierunt in melotis et in pellibus caprinis angustiati, adflicti, egentes, quibus dignus non erat mundus, in solitudinibus errantes et montibus et speluncis et in cauernis terrae. de quibus etiam figuraliter dominus ad Iob: quis autem est qui dimisit onagrum liberum, et uincula eius resoluit? posui habitaculum eius desertum, et tabernacula eius salsuginem: inridens multitudinem ciuitatis, et querellam exactoris non audiens, considerabit montes pascuae suae, et post omne uiride quaerit. in Psalmis quoque: dicant nunc qui redempti sunt a domino, quos redemit de manu inimici, et post pauca: errauerunt in solitudine in inaquoso: uiam ciuitatis habitaculi non inuenerunt, esurientes, et sitientes: anima eorum in ipsis defecit. et clamauerunt ad dominum cum tribularentur: et de necessitatibus eorum liberauit eos. quos etiam Hieremias ita describit: beatus qui tulit iugum ab adulescentia sua, sedebit solitarius et tacebit quia leuauit super se, quique illud Psalmistae adfectu et opere concinunt: similis factus sum pellicano solitudinis. uigilaui, et factus sum sicut passer solitarius in tecto.

6. Von dem Orden der Anachoreten und seinem Anfang.

Aus der Zahl dieser Vollkommenen sind, so zu sagen wie aus der fruchtbarsten Wurzel auch die Blüthen und Früchte der hl. Anachoreten hervorgegangen. Als die Ersten in dieser Lebensweise sind, wie wir wissen, die kurz vorher Erwähnten, nemlich der hl. Paulus oder der heilige Antonius aufgestanden. Diese haben nicht wie Einige aus Verzagtheit oder aus krankhafter Ungeduld, sondern aus Sehnsucht nach einem höhern Fortschritt und nach göttlicher Beschauung die Verborgenheit der Wüste gesucht, obwohl man von dem Erstern sagt, er sei in der Bedrängniß in die Wildniß gezogen, als er zur Zeit der Verfolgung den Nachstellungen seiner Verwandten entgehen wollte. So gieng also aus der besagten Schule eine andere Art des vollkommenen Lebens hervor, dessen Nachahmer mit Recht Anachoreten, d. i. Weggehende genannt werden, weil sie nicht zufrieden sind mit dem Siege, in welchem sie unter den Menschen die heimlichen Nachstellungen des Teufels niederschlugen, sondern im offenen, sichtbaren Kampfe mit den Dämonen zusammenzutreffen wünschen und sich also nicht scheuen, in die unwirthbaren Schlupfwinkel der Wüste einzudringen, zur Nachahmung des Johannes des Täufers, der sein ganzes Leben in der Wüste blieb; auch des Elias und Elisäus und Jener, deren der Apostel in folgender Weise erwähnt: „Sie giengen umher in Fellen, in Ziegenhäuten, darbend, geängstigt, mißhandelt, sie, deren die Welt nicht werth war, irrten umher in Wüsten, in Gebirgen und Höhlen und den Klüften der Erde.“ Von diesen sagt auch der Herr bildlich zu Job: „Wer aber ist es, der den Waldesel frei ließ und seine Bande löste? Wer gab ihm zur Wohnung die Wüste und zum Zelte die Salzöde? Er lacht ob des Gedränges der Stadt und hört nicht das Schmähen des Treibers. Er sucht die Berge seiner Weide aus und spürt allem Grünen nach.“ Auch in den Psalmen heißt es: „Nun mögen es sagen die Erlösten des Herrn, die er errettet hat aus Feindes Hand.“ Und gleich darauf: „Sie irrten in der Wüste, in wasserloser Gegend, den Weg zu einer Stadt des Wohnsitzes fanden sie nicht. Sie hungerten und dürsteten, ihre Seele verschmachtete in ihnen. Aber sie riefen zum Herrn in der Bedrängniß, und aus ihren Nöthen befreite er sie.“ Diese schildert auch Jeremias in folgender Weise: „Selig, wer das Joch aufnimmt von seiner Jugend an; einsam wird er sitzen und schweigen, weil er sich erhoben hat über sich.“ Solche singen mit Herz und That jenes Wort des Psalmisten: „Ich bin ähnlich geworden dem Pelikan in der Wüste …; schlaflos bin ich und bin geworden wie ein einsamer Sperling auf dem Dache.“

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VII. De Sarabaitarum principio et conuersatione.

Cumque his duabus professionibus monachorum religio Christiana gauderet, coepisset autem in deterius paulatim hic quoque ordo reccidere, emersit post haec illud deterrimum et infidele monachorum genus uel potius noxia illa plantatio rediuiua concreuit, quae per Annaniam et Sapphiram in exordio ecclesiae pullulans apostoli Petri seueritate succisa est: quae inter monachos tamdiu detestabilis execrandaque iudicata est nec a quoquam ulterius usurpata, quamdiu illius tam districtae formido sententiae memoriae fidelium inserta durauit, qua beatus apostolus praedictos noui facinoris principes non paenitentia, non ulla passus est satisfactione curari, sed perniciosissimum germen celeri morte succidit. illo igitur exemplo, quod in Annaniam et Sapphiram apostolica districtione punitum est, a nonnullorum contemplatione paulatim longa incuria et temporis oblitteratione subtracto emersit istud Sarabaitarum genus, qui ab eo, quod semet ipsos a coenobiorum congregationibus sequestrarent ac singillatim suas curarent necessitates, Aegyptiae linguae proprietate Sarabaitae nuncupati sunt, de illorum quos praediximus numero procedentes, qui euangelicam perfectionem simulare potius quam in ueritate adripere maluerunt, aemulatione scilicet eorum uel laudibus prouocati, qui uniuersis diuitiis mundi perfectam Christi praeferunt nuditatem. hi igitur dum inbecillo animo rem summae uirtutis adfectant, uel necessitate ad hanc professionem uenire conpulsi dum censeri tantummodo nomine monachorum absque ulla studiorum aemulatione festinant, coenobiorum nullatenus expetunt disciplinam nec seniorum subduntur arbitrio aut eorum traditionibus instituti suas discunt uincere uoluntates nec ullam sanae discretionis regulam legitima eruditione suscipiunt, sed ad publicam tantummodo id est ad hominum faciem renuntiantes aut in suis domiciliis sub priuilegio huius nominis isdem obstricti occupationibus perseuerant, aut construentes sibi cellulas easque monasteria nuncupantes suo iure in eis ac libertate consistunt, nequaquam euangelicis praeceptionibus subcumbentes, ut nulla scilicet cotidiani uictus sollicitudine, nullis rei familiaris distentionibus occupentur. quod illi soli absque ulla infideli dubitatione consummant, qui cunctis mundi huius facultatibus absoluti ita se coenobiorum praepositis subdiderunt, ut ne sui quidem ipsius fateantur esse se dominos, illi autem qui districtionem ut diximus coenobii declinantes bini uel terni in cellulis commorantur, non contenti abbatis cura atque imperio gubernari, sed hoc praecipue procurantes, ut absoluti a seniorum iugo exercendi uoluntates suas ac procedendi uel quo placuerit euagandi agendiue quod libitum fuerit habeant libertatem, etiam amplius in operibus diurnis quam hi qui in coenobiis degunt diebus ac noctibus consumuntur, sed non ea fide eodemque proposito. hoc enim isti faciunt non ut fructum sui operis subiciant dispensatoris arbitrio, sed ut adquirant pecunias quas recondant. inter quos quantum intersit aduertite. illi nihil de crastino cogitantes gratissimos sudoris sui deo offerunt fructus, isti uero non solum in crastinum, sed etiam in multorum annorum spatia infidelem sollicitudinem prorogantes aut mendacem deum aut inopem credunt, qui promissam cotidiani uictus atque indumentorum sufficientiam praebere eis aut non possit aut nolit. illi hoc omnibus expetunt uotis, ut ἀκτημοσύνην, id est nuditatem omnium rerum ac perpetuam possideant paupertatem, isti ut omnium copiarum afluentiam consequantur. illi ob hoc certatim statutum transcendere canonem diurnis operibus elaborant, ut, quidquid monasterii sanctis usibus redundarit, uel carceribus uel xenodochio uel nosocomio uel indigentibus pro abbatis dispensetur arbitrio, isti ut, quidquid cotidianae superfuerit gulae, aut profusoriae proficiat uoluntati aut certe filargyriae uitio recondatur. postremo ut concedamus ab istis quoque haec quae non optimo proposito congeruntur melius quam diximus posse distribui, nec sic quidem ad meritum uirtutis illius ac perfectionis adspirant. illi etenim tantos monasterio reditus conferentes eisque cotidie renuntiantes in tanta subiectionis humilitate perdurant, ut quemadmodum sui, ita etiam eorum quae proprio sudore conquirunt potestate priuentur, abrenuntiationis primae feruorem, dum cotidie semet ipsos laboris sui fructibus nudant, iugiter innouantes: isti autem in eo ipso quod aliquid pauperibus largiuntur elati in praeceps cotidie conlabuntur. illos patientia atque districtio, qua sic deuote in hac quam semel adripuerunt professione perdurant, ut numquam suas expleant uoluntates, crucifixos huic mundo cotidie uiuosque martyras facit, hos arbitrii sui tepor ad inferna demergit. haec igitur duo genera monachorum in hac quidem prouincia aequali propemodum inter se numerositate contendunt. ceterum per alias prouincias, quas me necessitas catholicae fidei conpulit peragrare, istud tertium Sarabaitarum genus abundare ac prope solum esse cognouimus. temporibus siquidem Luci, qui Arrianae perfidiae episcopus fuit, sub Valentis imperio, dum diaconiam nostris fratribus deferimus, his uidelicet qui de Aegypto ac Thebaida fuerant ob catholicae fidei perseuerantiam metallis Ponti atque Armeniae relegati, licet coenobiorum disciplinam in quibusdam ciuitatibus rarissimam uiderimus, anachoretarum tamen ne ipsum quidem apud illos nomen auditum fuisse conperimus.

7. Von dem Anfange und der Lebensweise der Sarabaiten.

Während sich nun die christliche Religion dieser beiden Mönchsarten erfreute, da entstand hernach, als selbst diese Lebensweise allmälig anfieng, in Verschlimmerung zu fallen, jenes schlechteste, treulose Mönchsgeschlecht, oder vielmehr es wuchs zu neuem Leben auf jene schädliche Pflanzung die mit Ananias und Sapphira im Anfange der Kirche keimte, aber durch die Strenge des Apostels Petrus ausgeschnitten wurde, und die unter den Mönchen so lange für verabscheuungs- und fluchwürdig galt und bei Keinem Annahme fand, als im Gedächtnisse der Gläubigen der Schrecken über jenes so strenge Urtheil haftete, in welchem der hl. Apostel die genannten Urheber eines neuen Verbrechens nicht durch Buße, nicht durch irgend eine Genugthuung zur Heilung kommen ließ, sondern den verderblichen Sprößling in schnellem Tode hinwegriß. Als nun dieß Strafbeispiel, welches gegen Ananias und Sapphira mit apostolischer Strenge aufgestellt worden war, aus der Erwägung Mancher durch lange Sorglosigkeit und die verwischende Zeit nach und nach hinweggenommen war, da entstand jene Art der Sarabaiten, welche davon, daß sie sich selbst von den Klostergemeinden zur Selbstständigkeit abtrennten, und ihre Bedürfnisse für sich besorgten, nach der Eigenthümlichkeit der ägyptischen Sprache Sarabaiten genannt wurden. Sie giengen also aus der Zahl Jener hervor, welche, wie oben gesagt, die evangelische Vollkommenheit lieber heucheln als in Wahrheit annehmen wollten, angeregt von der Eifersucht mit Jenen oder deren Lob, welche die vollkommene Blöße Christi allen Reichthümern der Welt vorziehen. Während also Diese mit schwachem Gemüthe eine Sache von höchster Kraft anstreben, oder nur von Noth getrieben zu diesem Berufe kommen und nur dem Namen nach für Mönche gehalten werden wollen ohne jede Nachahmung der Bestrebungen, suchen sie keineswegs die Zucht der Klöster, noch wollen sie sich dem Willen der Altväter unterwerfen oder nach Anleitung dieser ihre Neigungen überwinden lernen und in geordneter Schule irgend eine Regel der gesunden Vernunft annehmen, sondern indem sie nur nach aussen, d. i. vor den Augen der Menschen entsagen, verharren sie entweder in ihren Wohnungen unter dem Schutze des Mönchs-Namens bei den alten Beschäftigungen, oder sie bauen sich Zellen, nennen sie Klöster und wohnen darin nach eigenem Recht und Gutdünken, ohne sich irgend wie den evangelischen Geboten zu beugen, daß sie sich nemlich mit keiner Ängstlichkeit um den täglichen Lebensunterhalt, mit keinen zerstreuenden Vermögensangelegenheiten abgeben sollen. Das thun allein Jene ohne ungläubiges Schwanken, welche frei von allen Gütern dieser Welt sich den Klostergesetzen so unterworfen haben, daß sie bekennen, sie besäßen nicht einmal sich selbst. Jene aber, welche, wie gesagt, die Strenge des Klosters vermeiden, und zu Zweien oder Dreien in Zellen wohnen, nicht zufrieden, durch die Sorgfalt und den Befehl des Abtes geleitet zu werden, sondern nur darauf besonders bedacht, daß sie los von dem Joche der Väter die Freiheit haben, ihren Willen zu thun, nach Belieben auszugehen und umherzuschweifen und zu thun, was ihnen gefällt, — sie verzehren sich bei Tag und Nacht noch mehr in ihren täglichen Arbeiten als Jene, die in den Klöstern leben, aber nicht mit demselben Glauben und dem gleichen Ziele. Denn sie thun Dieß nicht, um die Frucht ihrer Arbeit dem Gutdünken des Austheilenden zu überlassen, sondern um Geld zu erwerben, das sie verbergen können. Merket nun, was für ein Unterschied zwischen beiden sei. Jene denken nicht an den kommenden Tag und bringen Gott die angenehmsten Opfer ihres Schweißes dar. Diese aber dehnen ihre ungläubige Sorglichkeit nicht nur auf den folgenden Tag, sondern auch auf die Dauer vieler Jahre aus, und halten Gott entweder für lügenhaft oder für arm, so daß er ihnen die versprochene hinreichende Menge der täglichen Nahrung und Kleidung entweder nicht geben wolle oder nicht könne. Jene streben mit all ihren Wünschen darnach, die ἀκτημοσύνη, d. i. die Entblößung von allen Dingen und die Armuth zu besitzen. Diese aber wollen Überfluß an allen Mitteln erlangen. Jene bemühen sich deßhalb in die Wette, die festgesetzte Zeit mit ihren täglichen Arbeiten zu überschreiten, damit, was immer dem geweihten Gebrauche des Klosters überflüssig ist, entweder in den Gefängnissen oder in der Gastherberge, im Krankenhause oder an die Armen nach des Abtes Gutdünken vertheilt werde; Diese aber, damit, was immer die tägliche Gaumenlust überließ, entweder einem noch ausgelassenern Vergnügen diene, oder wenigstens mit dem Laster der Geldgier verborgen werde. Wenn wir endlich auch zugeben, daß Diese Das, was sie nicht in bester Absicht zusammenbringen, vielleicht besser verwenden, als wir gesagt haben, so haben sie nicht einmal so Anspruch auf das Tugend-Verdienst und die Vollkommenheit Jener. Denn indem Diese dem Kloster solche Einkünfte verschaffen, denen sie täglich entsagen, bleiben sie in solch demüthiger Unterwürfigkeit, daß sie sowohl der Macht über sich selbst als über Das, was sie mit eigenem Schweiße erworben, beraubt sind und den Elfer der ersten Entsagung beständig erneuern, da sie täglich die Früchte ihrer Arbeit hingeben. Jene aber fallen gerade dadurch, daß sie den Armen hochmüthig Etwas geben, täglich jählings abwärts. Die Andern macht die Geduld und Strenge, mit der sie so ergeben in dem einmal ergriffenen Berufe verharren, daß sie nie ihren Willen thun, täglich zu Gekreuzigten für diese Welt und zu lebenslangen Märtyrern; Diese stürzt die Lauheit ihres Eigenwillens lebend in die Hölle. Diese zwei Mönchsarten nun wetteifern mit einander in unserer Provinz bei fast gleicher Zahl. Aber in andern Gegenden, welche zu durchwandern die Noth des katholischen Glaubens mich antrieb, sah ich, daß diese dritte Art der Sarabaiten in der Überzahl und fast die einzige sei. Zu den Zeiten des Lucius nemlich, welcher Bischof der arianischen Ruchlosigkeit war, unter der Regierung des Valens, als ich den Brüdern die Liebesgaben brachte, nemlich jenen, welche aus Ägypten und der Thebais wegen ihrer Sündhaftigkeit im katholischen Glauben zu den Bergwerken von Pontus und Armenien verbannt worden waren, fand ich wohl selbst die Klosterregel in manchen Orten sehr selten, von den Anachoreten aber hatten sie nicht einmal den Namen gehört.

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VIII. De quarto genere monachorum.

Sane est etiam aliud quartum genus, quod nuper cernimus emersisse in his qui anachoretarum sibi specie atque imagine blandiuntur quique in primordiis suis feruore quodam breui coenobii perfectionem uidentur expetere, sed continuo tepefacti, dum pristinos mores ac uitia resecare contemnunt nec iugum humilitatis ac patientiae diutius sustinere contenti sunt subdique seniorum imperio dedignantur, separatas expetunt cellas ac solitarie sedere desiderant, ut ita scilicet a nemine lacessiti patientes, mansueti uel humiles possint ab hominibus aestimari: quae institutio, immo tepor eos quos semel infecerit ad perfectionem numquam permittit accedere. hoc enim modo non solum non absciduntur, uerum etiam in deterius eorum uitia conualescunt, dum a nemine prouocata ut quoddam letale et intestinum uirus, quanto amplius celatum fuerit, tanto profundius serpens insanabilem morbum generat aegrotanti. pro reuerentia enim singularis cellae nullus iam uitia solitarii audet arguere, quae ille ignorari maluit quam curari. porro uirtutes non occultatione uitiorum, sed expugnatione pariuntur.

8. Von der vierten Art der Mönche.

In der That gibt es auch eine vierte Art von Mönchen, die wir vor Kurzem unter Solchen entstehen sahen, welche sich mit dem Aussehen und der Nachahmung der Anachoreten schmeicheln. Sie scheinen Anfangs mit irgend welchem kurzen Eifer die Vollkommenheit des Klosters zu suchen, aber bald werden sie lau, und da sie die alten Sitten und Laster nicht ausschneiden und das Joch der Demuth und Geduld nicht länger tragen wollen, auch sich darüber ärgern, den Befehlen der Väter unterworfen zu sein, so suchen sie sich abgesonderte Zellen, und verlangen einsam zu weilen, damit sie so von Niemandem gereizt für geduldig, sanft und demüthig von den Menschen können gehalten werden. Diese Lebensweise oder vielmehr diese Lauheit läßt Diejenigen, welche sie einmal angesteckt hat, nie zur Vollkommenheit gelangen. Denn auf diese Weise werden ihre Laster nicht nur nicht abgethan, sondern sie gedeihen zu noch Schlechtem, da sie von Niemandem gereizt werden, und nun die Schlange dem Kranken mit ihrem tödlichen und innerlichen Gifte, je mehr es verheimlicht wird, die unheilbare Krankheit um so tiefer hineinsenkt. Freilich aus Scheu vor der einsamen Zelle wird es Keiner wagen, den Einsiedler der Laster zu beschuldigen, welche dieser lieber ungekannt wissen will als geheilt. Aber die Tugenden werden nicht durch Verbergung der Laster, sondern durch ihre Bekämpfung erzeugt.

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VIIII. Interrogatio, quid sit inter coenobium et monasterium.

Germanus: Estne aliqua inter coenobium monasteriumque distantia, an utroque nomine res una censetur?

9. Frage, was für ein Unterschied sei zwischen coenobium und monasterium.

Germanus: Ist nun ein Unterschied zwischen coenobium und monasterium, oder wird unter beiden Namen dieselbe Sache verstanden?

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X. Responsio.

Piamun: Licet a nonnullis soleant indifferenter monasteria pro coenobiis appellari, tamen hoc interest, quod monasterium nomen est diuersorii, nihil amplius quam locum, id est habitaculum significans monachorum, coenobium uero etiam professionis ipsius qualitatem disciplinamque designat. et monasterium potest etiam unius monachi habitatio nominari, coenobium, nisi ubi plurimorum cohabitantium deget unita communio, non potest appellari. dicuntur sane monasteria etiam in quibus Sarabaitarum collegia conmorantur.

10. Antwort.

Piammon: Obwohl von Einigen ohne Unterschied die Monasterien statt der Cönobien genannt werden, so besteht doch diese Verschiedenheit, daß Monasterium nur der Name eines Aufenthaltsortes ist, und also nichts Anderes als einen Ort, d. i. den Wohnort der Mönche bezeichnet; Cönobium aber auch die Beschaffenheit des Berufes und der Lebensregel andeutet. Monasterium kann auch die Wohnung eines einzelnen Mönches genannt werden, von einem Cönobium aber kann man nur reden, wo eine Gemeinde mehrerer Bewohner vereint lebt. Man nennt freilich auch Monasterien, wo die Versammlungen der Sarabaiten weilen.

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XI. De humilitate uera et quomodo falsam cuiusdam humilitatem prodiderit abbas Sarapion.

Quamobrem quoniam de optimo genere monachorum uideo uos professionis huius arripuisse principia, id est de laudabili coenobiorum palaestra ad excelsa fastigia anachoreticae tendere disciplinae, humilitatis patientiaeque uirtutem, quam uos illic didicisse non dubito, uero sectamini cordis adfectu, non eam sicut quidam falsa humiliatione uerborum nec adfectata atque superflua in quibusdam officiis corporis inclinatione fingentes. quod humilitatis figmentum abbas Sarapion quodam tempore eleganter inrisit. cum enim quidam ad eum summam sui abiectionem habitu ac uerbis praeferens aduenisset eumque senex secundum morem ut orationem colligeret hortaretur, ille nequaquam adnuens deprecanti tantis se subiciens adserebat flagitiis inuolutum, ut ne usum quidem huius communis aeris capere mereretur, psiathii quoque ipsius refugiens sessionem humi potius insidebat. cum uero ad ablutionem pedum multo minus praebuisset adsensum, tum abbas Sarapion refectione transacta conlationis consuetudine prouocante monere eum benigne ac leniter coepit, ne otiosus ac uagus, praesertim iuuenis tam robustus, instabili leuitate per uniuersa discurreret, sed ut in cella sedens secundum regulam seniorum suo potius opere quam aliena mallet munificentia sustentari. quod ne apostolus Paulus incideret et quidem cum ei in euangelio laboranti haec praebitio merito deberetur, diebus tamen ac noctibus maluit operari, ut cotidianum uictum uel sibi uel his qui eidem ministrantes opus exercere non poterant suis manibus praepararet. ad haec ille tanta est tristitia ac dolore suppletus, ut amaritudinem corde conceptam ne uultu quidem dissimulare potuerit. cui senex: hactenus, inquit, o fili, cunctis te facinorum ponderibus onerabas, non metuens ne confessione tam atrocium criminum notam existimationis incurreres: quid quaeso nunc est, quod ad simplicem admonitiunculam nostram, quae tamen in se non modo nullum obprobrium, sed etiam aedificationis habuit ac dilectionis adfectum, tanta te uideo indignatione permotum, ut eam ne uultu quidem occulere aut frontis serenitate dissimulare potueris? an fortasse illam dum te humilias expectabas a nostro ore sententiam: iustus accusator sui est in primordio sermonis? proinde est uera cordis humilitas retinenda, quae non de affectata corporis atque uerborum, sed de intima mentis humiliatione descendit: quae tunc demum euidentissimis patientiae suae fulgebit indiciis, cum quis non ipse de se crimina aliis non credenda iactauerit, sed ab alio sibimet adroganter ingesta contempserit et inrogatas sibi iniurias mansueta spiritus aequanimitate tolerarit.

11. Von der wahren Demuth und wie Abt Serapion bei irgend Einem die falsche aufgedeckt habe.

Da ich nun also sehe, daß ihr die Grundsätze unseres Berufes von der besten Art der Mönche angenommen habt, nemlich, von der lobenswerthen Ringschule der Klöster aus zu den hohen Gipfeln der anachoretischen Lebensregel zu streben, so übet die Tugend der Demuth und Geduld, die ihr, wie ich nicht zweifle, dort gelernt habt, mit wahrer Neigung des Herzens, und erheuchelt sie nicht, wie so Manche, mit falscher Demüthigung in Worten, oder mit angenommener und überflüssiger Beugung des Körpers in gewissen Leitungen. Diese verstellte Demuth hat der Abt Serapion einmal herrlich verspottet. Als nemlich Einer zu ihm kam, der die größte Erniedrigung seiner selbst in Haltung und Rede zur Schau trug, und der Greis ihn nun der Sitte gemäß mahnte, das Gebet zu sprechen, gab dieser der Aufforderung keineswegs nach, sondern behauptete voll Unterwürfigkeit, er sei in so große Laster verstrickt, daß er nicht einmal verdiene, die gemeinsame Luft mitzubenutzen. Auch vermied er das Sitzen auf der Matte, und setzte sich lieber auf den Boden. Nachdem er noch weniger seine Einwilligung zur Abwaschung der Füße gegeben hatte, begann Abt Serapion nach vollendetem Abendessen, wo ihm die gewöhnliche Unterredungsstunde Gelegenheit gab, ihn gütig und sanft zu ermahnen, er fülle doch besonders bei seiner Jugend und Kraft nicht müssig und unstät mit wechselvollem Leichtsinne überall umherlaufen, sondern er solle in einer Zelle bleiben und lieber nach der Regel der Altväter sich durch seine Arbeit ernähren als durch die Freigebigkeit Anderer. „Der Apostel Paulus wollte, damit er nicht in so Etwas falle, obwohl ihm für seine Mühe in der Predigt des Evangeliums eine Darreichung mit Recht gebührte, lieber Tag und Nacht arbeiten, um sowohl sich als Denen, die in seinem Dienste waren und ein Geschäft nicht ausüben konnten, den täglichen Lebensunterhalt mit seinen Händen zu verschaffen.“ Darauf wurde dieser mit solchem Widerwillen und Mißmuth erfüllt, daß er die im Herzen empfundene Bitterkeit nicht einmal in der Miene verbergen konnte. Da sprach der Greis zu ihm: „Bisher, o Sohn, beludest du dich mit aller Schwere der Unthaten, ohne Furcht, du möchtest etwa durch das Bekenntniß so furchtbarer Verbrechen deinem Rufe einen Schandfleck anhängen; wie kommt es denn nun, ich bitte dich, daß ich dich auf meine einfache kleine Mahnung, die doch nicht nur keine Schande in sich schloß, sondern die Meinung, zu erbauen und Liebe zu beweisen, — von solchem Unwillen bewegt sehe, daß du ihn nicht einmal in der Miene verbergen oder durch eine heitere Stirne uns täuschen kannst? Glaubtest du vielleicht bei deiner Selbstdemüthigung aus unserm Munde jenen Spruch zu hören: „Der Gerechte klagt sich am Anfange seiner Rede selbst an?“ Man muß also die ächte Demuth des Herzens bewahren, welche nicht in der erheuchelten Erniedrigung durch Haltung und Rede, sondern in der innerlichen des Geistes besteht. Diese wird dann in den klarsten Beweisen ihrer Geduld glänzen, wenn Einer nicht selbst Verbrechen von sich ausschreit, die Andere nicht glauben können, sondern wenn er Das, was ihm von Andern in anmaßender Weise zugefügt wird, nicht achtet, und die ihm widerfahrenen Beleidigungen mit sanfter Ruhe des Herzens erträgt.

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XII. Interrogatio, quemadmodum uera patientia possit adquiri.

Germanus: Quemadmodum adquiri uel retentari possit ista tranquillitas optamus agnoscere, ut, sicut indicto nobis silentio oris claustra praecludimus uerborumque licentiam cohercemus, ita etiam cordis lenitatem custodire possimus, quod nonnumquam etiam cum lingua refrenatur, intrinsecus tamen statum suae placiditatis amittit: et idcirco mansuetudinis bonum non alias tenere quempiam posse nisi remotione cellae ac solitario putamus habitaculo.

12. Frage, wie die wahre Geduld erlangt werden könne.

Germanus: Wir wünschen nun zu erfahren, wie diese Ruhe erlangt und bewahrt werden könne, damit, wie wir durch das uns befohlene Stillschweigen die Riegel des Mundes schließen und die Freiheit des Redens im Zaume halten, wir auch ebenso die Sanftmuth des Herzens bewachen können. Es wird wohl zuweilen zugleich mit der Zunge auch das Herz gezügelt, aber es verliert doch innerlich den Zustand seiner Ruhe. Und deßhalb meinen wir, daß man das Gut der Sanftmuth nicht anders bewahren könne als durch die Zurückgezogenheit in der Zelle und das einsame Wohnen.

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XIII. Responsio.

Piamun: Patientia uera atque tranquillitas absque profunda cordis humilitate nec adquiritur nec tenetur: quae si de hoc fonte descenderit, nec beneficio cellae nec perfugio solitudinis indigebit. non enim patrocinium cuiusquam rei extrinsecus quaerit, quae humilitatis, id est generatricis atque custodis suae intrinsecus uirtute fulcitur. ceterum si mouemur ab aliquo lacessiti, certum est non esse in nobis humilitatis fundamenta firmiter stabilita, et ideo ad incursum uel exiguae tempestatis aedificium nostrum ruinosa commotione concutitur. non enim esset laudabilis nec admiranda patientia, si nullis inimicorum iaculis inpetita tranquillitatis propositum retentaret, sed in eo est praeclara atque gloriosa, quod inruentibus in se temptationum procellis immobilis perseuerat. nam in quo uexari frangique aduersitatibus creditur, in eo potius roboratur, et in eo magis acuitur, in quo putatur obtundi. a passionibus enim ac sustentatione patientiam dici nullus ignorat, ideoque constat patientem pronuntiari neminem posse nisi eum, qui uniuersa quae sibi fuerint inrogata absque indignatione tolerarit. et ideo non inmerito a Salomone laudatur: melior patiens forte, et qui continet iram capiente urbem, et iterum: longanimus enim uir nimius in prudentia, pusillanimus autem ualde insipiens est. cum ergo quis uictus iniuria iracundiae igne succenditur, non causa peccati eius acerbitas inlatae contumeliae extitisse credenda est, sed potius manifestatio infirmitatis occultae, secundum illam parabolam domini saluatoris quam de duabus domibus ponit, una quae fundata erat super petram et alia quae super harenam, quibus aequaliter dicit pluuiarum ac fluminum uel tempestatum turbines inruisse: sed illam quae in petrae soliditate fundata nihil penitus detrimenti ex illa tam uiolenta conlisione sensisse, quae uero in harenarum pendula mobilitate constructa est statim fuisse conlapsam. quam utique apparet non propterea conruisse, quia imbrium uel torrentum inundatione pulsata, sed quia super harenam inprudenter extructa est. non enim in hoc differt a peccatore uir sanctus, quia non similiter et ipse temptetur, sed quia hic etiam magna inpugnatione non uincitur, ille autem etiam parua temptatione superatur. neque enim esset ut diximus iusti alicuius uiri laudabilis fortitudo, si uinceret intemptatus, cum utique locum uictoria habere non possit absque aduersitate certaminum. beatus enim uir qui suffert temptationem, quia cum probatus fuerit accipiet coronam uitae, quam repromisit deus diligentibus se. secundum apostolum quoque Paulum uirtus non in otio atque deliciis, sed in infirmitate perficitur. ecce enim, inquit, dedi te hodie in ciuitatem munitam, et in columnam ferream, et in murum aereum, super omnem terram, regibus Iuda, et principibus eius, et sacerdotibus eius, et omni populo terrae. et bellabunt aduersum te, et non praeualebunt: quia ego tecum sum, ait dominus, ut eruam te.

13. Antwort.

Piammon: Die wahre Geduld und Ruhe wird ohne tiefe Demuth des Herzens weder erlangt noch bewahrt. Wenn sie aus dieser Quelle stammen, werden sie weder die Hilfe der Zelle noch die Flucht in die Einsamkeit nöthig haben. Denn sie suchen nicht irgendwo von aussen Schutz, da sie durch die Kraft der Demuth, d. i. ihrer Erzeugerin und Wächterin innerlich gestützt werden. Wenn wir übrigens durch irgend Jemandes Reizung aufgeregt werden, so ist es gewiß, daß die Grundlagen der Demuth in uns nicht stark befestigt sind, und deßhalb wird unser Gebäude schon beim Andrange eines kleinen Sturmes bis zum verderblichen Schwanken erschüttert; denn es wäre ja doch eine Geduld weder lobenswerth noch bewunderungswürdig, wenn sie, ohne von feindlichen Geschoßen angegriffen zu sein, ihren Vorsatz der Ruhe halten würde; vielmehr ist sie darin herrlich und ruhmreich, daß sie trotz der auf sie einbrechenden Stürme der Versuchungen unerschüttert bleibt. Denn gerade Das gereicht ihr zur Stärkung, was, wie man glaubte, durch die Widerwärtigkeit sie beunruhigen und brechen würde, und dort wird sie am Meisten geschärft, wo man meinte, daß sie abgestumpft würde. Es weiß ja Jeder, daß von den Leidenschaften und vom Ertragen der Ausdruck „leiden“ herkommt, und deßhalb steht fest, daß Niemand geduldig genannt werden könne als Der, welcher alles ihm Zugefügte ohne Unwille erträgt. Deßhalb wird er nicht mit Unrecht von Salomon in folgender Weise gelobt: „Besser ist ein Geduldiger als ein Tapferer, und Der, welcher den Zorn im Zaume hält, besser, als ein Städteeroberer.“ Und wieder: „Ein langmüthiger Mann ist gar stark in der Klugheit, ein engherziger aber ist sehr thöricht.“ Wenn also Jemand, übermannt von der Beleidigung, im Zornesfeuer erglüht, so muß man nicht glauben, daß die Bitterkeit der zugefügten Beschimpfung Ursache seiner Sünde sei, sondern sie ist vielmehr eine Offenbarung, der verborgenen Schwäche, nach jener Parabel unsers Erlösers, die er von den beiden Häusern vorlegt, deren eines auf Felsen, das andere auf Sand gebaut war. In gleicher Weise stürzten auf sie, wie er sagt, die wilden Regenströme, Wasserfluthen und Sturmwinde; aber das auf die Festigkeit des Felsen gegründete habe durchaus keinen Schaden von diesem gewaltigen Anprall zu leiden gehabt, während das auf den unsichern, beweglichen Sand gebaute sogleich zusammengefallen sei. Es ist nun durchaus klar, daß dieses nicht deßhalb zusammenstürzte, weil es von den Wogen der Regenströme und der Sturzbäche getroffen wurde, sonders daß es unkluger Weise auf Sand gebaut war. Denn nicht dadurch unterscheidet sich der hl. Mann von dem Sünder, daß er nicht in gleicher Weise versucht wird, sondern daß er auch durch eine große Anfechtung nicht besiegt wird, während Jener schon einer kleinen Versuchung unterliegt. Es wäre ja, wie wir sagten, die Tapferkeit keines Gerechten lobenswerth, wenn er ohne Kampf siegen würde, da doch in allweg ein Sieg gar nicht stattfinden kann ohne Widerstand und Streit. Denn „selig ist der Mann, welcher die Versuchung aushält, weil, wenn er bewährt sein wird, er die Krone des Lebens erlangen wird, welche Gott denen verheissen hat, die ihn lieben.“ Auch nach dem Apostel Paulus wird die Tugend nicht im Müßiggange und Vergnügen, sondern in der Schwäche vollendet. „Siehe,“ heißt es (anderswo), „ich mache dich heute zu einer festen Stadt, zu einer eisernen Säule und ehernen Mauer gegen das ganze Land, wider die Könige von Juda, wider dessen Fürsten und Priester und alles Volk des Landes, und sie werden kämpfen wider dich und nicht obsiegen, weil ich mit dir bin, dich zu erretten, spricht der allmächtige Herr.“

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XIIII. De exemplo patientiae cuiusdam religiosae feminae.

Huius ergo patientiae uolo uobis duo saltim exempla proponere: unum religiosae cuiusdam feminae, quae patientiae uirtutem tanta auiditate sectata est, ut non solum temptationum non uitaret incursus, sed etiam occasiones molestiarum sibimet procuraret, quibus frequentius instigata non cederet. haec namque cum Alexandriae conmaneret essetque non obscuris orta maioribus atque in domo quae sibi fuerat a parentibus derelicta religiose domino deseruiret, ueniens ad beatae memoriae episcopum Athanasium precabatur, ut aliquam sibi alendam uiduam daret, quae ecclesiasticis sumptibus pascebatur. et ut petitionem eius uerbis ipsius exprimamus, da mihi, inquit, aliquam de sororibus quam repausem. pontifex ergo cum laudasset propositum feminae, quod eam ad opus misericordiae uidisset esse promptissimam, iussit ex omnibus eligi uiduam quae et honestate morum et grauitate ac disciplina omnibus praeferretur, ne forte desiderium largitatis percipientis uitio uinceretur et quae mercedem quaereret in egena, prauis eius offensa moribus damnum fidei pateretur. cui cum domum abductae omnibus deseruiret obsequiis, uirtutem modestiae eius ac lenitatis experta uidensque se ab ipsa momentis singulis gratiarum actione pro officio humanitatis honorari, post dies paucos ad memoratum reuersa pontificem, rogaueram, inquit, ut mihi dari praeciperes quam ego reficerem et cui morigeris famularer obsequiis. cumque ille necdum propositum feminae ac desiderium intellegens aestimasset petitionem eius dissimulatione praepositi fuisse neglectam, causasque morae illius non absque animi sui commotione perquirens protinus agnouisset honestiorem ei ceteris uiduam deputatam, occulte praecepit ut ea illi quae esset cunctis nequior traderetur, quae scilicet uel iracundia uel rixis uel uinolentia seu uerbositate cunctas quibus haec uitia dominarentur excederet. quam cum multo facilius inuentam sibique traditam domi habere coepisset atque eadem ei diligentia qua priori illi uiduae uel etiam studiosius ministraret, hoc solum ab ea pro tantis obsequiis recipiebat gratiae, ut indignis iugiter adficeretur iniuriis, conuiciis quoque ab ea exprobrationibusque continuis uexaretur, obiciente ei et maledicis obtrectationibus increpante, eo quod eam non ad refrigerium, sed potius ad cruciatum et contumeliam ab episcopo poposcisset magisque se de requie ad laborem quam de labore transtulisset ad requiem, cum ergo adsiduitas iurgiorum eo usque prorumperet, ut ne ab obiectione quidem manuum procax mulier temperaret, illa autem humilioris obsequii geminaret officia, non furentem uincere renitendo, sed semet ipsam humilius subiciendo discebat, ut multimodis indignitatibus lacessita iurgantis insaniam humanitatis mansuetudine deleniret. quibus ad plenum exercitiis confirmata perfectamque uirtutem desideratae patientiae consecuta ad memoratum pontificem tam pro electionis illius iudicio quam etiam pro beneficio exercitationis suae gratias ei relatura perrexit, eo quod secundum desiderium suum tandem magistram ei patientiae dignissimam prouidisset, cuius iniuriis iugibus ut quodam palaestrae oleo cotidie roborata ad summam animi patientiam perueniret, tandem, inquiens, dedisti mihi quam repausem, nam illa prior suis me potius honorabat ac refrigerabat obsequiis. haec de sexu muliebri dixisse sufficiat, ut conmemoratione hac non solum aedificemur, uerum etiam confundamur, qui patientiam nostram, nisi fuerimus in morem ferarum retrusi in caueis cellarum, tenere non possumus.

14. Über das Beispiel von Geduld, das eine gewisse fromme Frau gab.

Von dieser Geduld also will ich euch zwei Beispiele vorlegen, und zwar das erste von einer gewissen frommen Frau, welche die Tugend der Geduld mit solcher Begierde suchte, daß sie nicht nur die Angriffe der Versuchungen nicht mied, sondern sich auch selbst Gelegenheiten zu Beschwerden verschaffte, um öfter Reizungen zu widerstehen. Da diese, nicht von niedrigen Ahnen entsprossen, zu Alexandria wohnte, und in dem Hause, welches ihr die Eltern hinterlassen hatten, dem Herrn religiös diente, kam sie zu dem Bischofe Athanasius seligen Andenkens und bat ihn, er möge ihr irgend eine Wittwe zu ernähren geben, die aus den kirchlichen Einkünften erhalten wurde. Und damit ich ihre Bitte mit ihren eigenen Worten ausdrücke, so sprach sie: „Gib mir irgend eine von den Schwestern, damit ich sie verpflege.“ Nachdem nun der Priester den Vorsatz des Weibes gelobt hatte, befahl er, weil er sie zu diesem Werke der Barmherzigkeit vollkommen bereit sah, man solle aus Allen eine Wittwe auswählen, die durch anständige Sitte, Ernst und Zucht vor Allen den Vorzug habe, damit nicht etwa das Verlangen nach Freigebigkeit durch die Fehler der Empfangenden überwunden würde, und so Jene, welche sich ein Verdienst um eine Arme zu erwerben suchte, durch die schlechten Sitten derselben Anstoß und Schaden im Glauben erlitte. Als nun diese in ihr Haus geführt worden war und sie ihr alle Dienste erwies, sah sie deren tugendhafte Bescheidenheit und Sanftmuth, und wie sie von derselben alle Augenblicke für die Liebeserweise mit Danksagung geehrt wurde, kehrte nach wenigen Tagen zu dem erwähnten Priester zurück und sprach: „Ich hatte gebeten, daß du mir Eine geben ließest, die ich pflegen und der ich willfährig dienen könnte.“ Als dieser nun, Absicht und Verlangen der Frau noch nicht einsehend, in der Meinung, es sei ihre Bitte von dem Vorsteher absichtlich übersehen und vernachlässigt worden, nicht ohne Aufregung nach den Ursachen dieser Verzögerung forschte und sogleich erfuhr, es sei ihr eine Wittwe zugetheilt worden, anständiger als die übrigen: da befahl er heimlich, man möge ihr Jene geben, welche schlechter sei als alle Andern, die also entweder an Zorn oder Streitsucht, an Gewaltthätigkeit oder Geschwätzigkeit und auch an Eitelkeit Alle überträfe, welche von diesen Lastern beherrscht würden. Als man nun eine solche viel leichter fand und sie ihr ins Haus gab, diente sie derselben mit dem nemlichen Eifer wie der vorigen oder noch eifriger, hatte aber für alle diese Leistungen nur den Dank von ihr, daß ihr beständig unwürdige Beleidigungen angethan wurden, und daß sie mit fortwährenden Schmäh- und Schimpfworten gequält wurde, indem ihr dieselbe vorwarf und mit scheltender Verläumdung die Schuld aufbürdete, sie hätte sie nicht zur Erholung vom Bischofe verlangt, sondern um sie zu quälen und zu beschimpfen, und man habe sie mehr von der Ruhe zur Arbeit als von der Arbeit zur Ruhe gebracht. Als nun die beständigen Zänkereien so hervorbrachen, daß das freche Weib sich nicht einmal mehr enthielt, Hand an Jene zu legen, diese aber nur um so demüthiger die Dienstleistungen verdoppelte, so lernte sie die Wüthende besiegen nicht durch Widerstand, sondern durch immer demüthigere Unterwürfigkeit, so daß sie, obwohl gereizt durch so viel Unwürdiges, den Wahnsinn der Schmähenden durch liebevolle Sanftmuth beruhigte. Nachdem sie nun durch diese Übungen ganz befestigt war, und die vollkommene Tugend der ersehnten Geduld erlangt hatte, kam sie zu dem erwähnten Priester, um ihm sowohl für die getroffene Wahl, als auch für die Wohlthat ihrer Übung zu danken, weil er ihrem Wunsche entsprechend endlich ihr die beste Lehrmeisterin der Geduld verschafft habe, durch deren beständige Beschimpfungen sie wie durch das Öl der Ringschule täglich gestärkt wurde, und zu der höchsten innerlichen Geduld gelangen konnte. „Endlich“, sagte sie, „hast du mir eine gegeben, die ich erquicken konnte, denn jene erstere ehrte und pflegte ja vielmehr mich durch ihre Dienste.“ Es mag genügen, Dieß von dem weiblichen Geschlechte gesagt zu haben, damit wir durch diese Erzählung nicht nur erbaut, sondern auch beschämt werden, da wir die Geduld nicht bewahren können, wenn wir nicht nach Art der wilden Thiere in den Zellenhöhlen verborgen sind.

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XV. De exemplo patientiae abbatis Pafnuti.

Nunc aliud abbatis Pafnuti pandamus exemplum, qui in illius insignis et ubique praedicabilis Scitioticae heremi in qua nunc presbyter est secretis tanto studio semper insedit, ut ei ceteri anachoretae Bubali cognomen indiderint, eo quod ingenito ut ita dixerim desiderio solitudinis semper habitatione gauderet. itaque cum tantae in pueritia esset uirtutis ac gratiae, ut etiam praeclari ac summi id temporis uiri grauitatem eius et inmobilem constantiam mirarentur eumque, licet minor esset aetate, pro uirtutum tamen merito senioribus exaequarent suoque ordini ducerent inserendum, liuor ille qui aduersus Ioseph patriarcham fraternos quondam animos instigauit, quendam de numero fratrum edacis zeli igne succendit: qui naeuo quodam ac macula pulchritudinem eius cupiens deformare hoc genus malignitatis excogitat, ut oportunitatem temporis captaret, quo Pafnutius ad ecclesiam die dominica processurus abesset a cella. in quam furtim inruens codicem suum inter eius plectas, quas de palmarum foliis solebat intexere, latenter abscondit, ac de concinnata factione securus ipse quoque uelut purae ac simplicis conscientiae ad ecclesiam uenit. cumque celebrata omnis fuisset ex more sollemnitas, querellam sancto Isidoro, qui ante hunc eundem Pafnutium eiusdem heremi presbyter fuit, coram cunctis fratribus detulit, adserens sibi codicem de cella furto fuisse sublatum. quae cum eius querimonia ita cunctorum fratrum praecipueque presbyteri animos permouisset, ut quid primum suspicarentur quidue decernerent non haberent, summa cunctis admiratione perculsis de tam inauditi illic facinoris nouitate, quippe quod nec ante illud tempus factum in illa heremo quis meminerat nec post aliquando conmissum est, ille qui rem detulerat accusator urguebat, ut retentis in ecclesia omnibus missi electi quique cunctorum singillatim fratrum cellulas scrutarentur. quod cum tribus senioribus a presbytero fuisset iniunctum, uniuersorum cubilia reuoluentes ad extremum in Pafnutii cellula absconditum codicem inter plectas palmarum, quas illi siras uocant, sicut eum insidiator occulerat, reppererunt, quem cum inquisitores confestim ad ecclesiam delatum coram omnibus protulissent, Pafnutius, licet de conscientiae suae esset sinceritate securus, tamen uelut qui furti crimen agnosceret satisfactioni se totum tradens locum paenitentiae suppliciter postulauit, hoc uerecundiae suae modestiaeque prospiciens, ne si maculam furti uerbis conaretur abluere, insuper etiam mendacii notaretur, nemine scilicet aliud quam id quod inuentum fuerat suspicante. cumque de ecclesia non tam mente deiectus quam iudicio dei fidens protinus abscessisset, profusis in oratione iugiter lacrimis triplicatisque ieiuniis summa se etiam in conspectu hominum mentis humilitate prostrauit. sed cum duabus ferme ebdomadibus ita se omni contritione carnis ac spiritus subiecisset, ut die sabbati uel dominico non ad percipiendam communionem sacram, sed ad prosternendum se in limine ecclesiae atque ad ueniam suppliciter postulandam matutinus occurreret, nequaquam passus est eum occultorum omnium testis et cognitor uel a se amplius conteri uel ab aliis infamari. nam quod ille inuentor sceleris, rei suae fur inprobus, laudis alienae callidus infamator, nullo hominum teste conmiserat, per diabolum qui ipsius criminis incentor fuerat publicauit. adreptus namque dirissimo daemone cunctas factionis occultae patefecit insidias criminationumque ac fraudium idem fuit proditor qui commentor. ita autem spiritu illo inmundo grauiter diuque uexatus est, ut ne orationibus quidem sanctorum illic consistentium, qui diuinorum charismatum merito daemoniis imperabant, potuerit emundari, sed ne ipsius quidem Isidori presbyteri gratia singularis crudelissimum ab eo extruserit uexatorem, cui tanta erat uirtus domini largitate conlata, ut ne usque ad limina quidem eius quisquam adrepticius qui tardius sanaretur aliquando perductus sit, Christo hanc adulescenti Pafnutio gloriam reseruante, ut illius tantum orationibus cui insidiatus fuerat purgaretur, et cuius laudi aliquid inuidus inimicus decerpere se posse crediderat, eius nomen proclamans et delicti sui ueniam et finem supplicii praesentis acciperet. haec ergo ille in adulescentia sua futurae indolis iam tunc indicia praefigurans lineas quasdam perfectionis illius, quae erat maturitate aetatis augenda, adhuc in annis puerilibus designauit. si igitur ad culmen uirtutum eius uolumus peruenire, talia nobis exordiorum fundamenta iacienda sunt.

13. Von dem Beispiele der Geduld, das Abt Paphnutius gab.

Nun wollen wir das andere Beispiel des Abtes Paphnutius vorlegen. Dieser wohnte immer mit solchem Eifer in der Einsamkeit jener herrlichen und überall berühmten scythischen Wüste, daß ihm die übrigen Anachoreten den Beinamen Bubalus (Waldstier) gaben, weil er sich mit einer man möchte fast sagen angebornen Begierde immer an dem Wohnen in der Einöde erfreute. Da nun dieser schon im Knabenalter eine solche Tugend und Gnade besaß, daß selbst berühmte und sehr große Männer jener Zeit seinen Ernst und seine unerschütterliche Standhaftigkeit bewunderten, und ihn, obwohl er dem Alter nach jünger war, doch wegen des Verdienstes seiner Tugenden den Alten gleichsetzten, in der Überzeugung, daß er ihren Reihen müsse einverleibt werden: da entzündete jener Neid, der einst die Bruderherzen gegen den Patriarchen Joseph aufgestachelt hatte, einen aus der Zahl der Brüder mit dem gefräßigen Feuer der Eifersucht. Da dieser nun die Schönheit des Andern mit Brandmal und Flecken zu entstellen wünschte, dachte er diese Art von Bosheit aus, daß er die Gelegenheit wahrnahm zur Zeit, als Paphnutius am Sonntag zur Kirche gieng und also von der Zelle abwesend war. In diese brach er nun wie ein Dieb ein, verbarg heimlich seinen Codex unter den Geflechten, welche jener aus Palmblättern zu machen pflegte, und kam dann, voll Sicherheit über den wohlangelegten Umtrieb wie mit reinem und einfältigem Gewissen selbst zur Kirche. Nachdem nun die ganze Feier dem Herkommen gemäß gehalten war, brachte er dem hl. Isidor, der vor ebendiesem Paphnutius Presbyter dieser Wüste war, vor allen Brüdern die Klage vor, es sei ihm ein Codex aus seiner Zelle durch Diebstahl abhanden gekommen. Als nun diese Klage die Gemüther Aller, besonders des Priesters, so erschüttert hatte, daß sie nicht wußten, was sie zuerst denken oder beschließen sollten, da drang bei dem allgemeinen Staunen über das dort so unerhört neue Verbrechen jener Ankläger, der die Sache gemeldet hatte, darauf, daß Alle in der Kirche zurückgehalten und nur einige Auserwählte abgesandt werden sollten, um die Zellen aller Brüder einzeln zu untersuchen. Als Dieß Dreien der Ältesten von dem Priester aufgetragen worden war, durchsuchten diese die Kammern Aller und fanden zuletzt in der Zelle des Paphnutius den verborgenen Codex unter den Palmgeflechten, die dort Siren heissen, wie ihn der Hinterlistige versteckt hatte. Als sie ihn nun sogleich zur Kirche gebracht und Allen vorgelegt hatten, da bot sich Paphnutius, obwohl er in Betreff seiner Gewissensreinheit sicher war, sogleich ganz zur Genugthuung an, als ob er das Verbrechen des Diebstahls anerkenne, und bat demüthig um Gelegenheit zur Buße. Er wollte insofern seiner Scham und Bescheidenheit nachgeben, als er durch den Versuch den Flecken des Diebstahls mit Gegenreden abzuwaschen, nicht auch noch mit dem der Lüge gezeichnet werden wollte, da ja doch Niemand etwas Anderes glauben würde, als was der Fund zeigte. Als er nun nicht so fast mit gebeugtem Geiste als mit Vertrauen auf das Urtheil Gottes sogleich aus der Kirche fortgegangen war, vergoß er beständig Thränen beim Gebete, verdreifachte seine Fasten und warf sich auch Angesichts der Leute mit der größten Geistesdemuth zu Boden. Aber nachdem er sich fast zwei Wochen so mit aller Zerknirschung des Geistes und körperlicher Buße gedemüthigt hatte, daß er am Sabbath oder Sonntag nicht zum Empfange der hl. Communion, sondern um sich an der Schwelle der Kirche niederzuwerfen und demüthig um Verzeihung zu bitten, in aller Frühe herbeieilte, da duldete jener Zeuge und Kenner alles Verborgenen nicht weiter, daß er sich selbst strafe oder von Andern verachtet werde. Denn was jener Erfinder der Schandthat, der ruchlose Dieb seiner eigenen Habe und schlaue Verderber fremden Rufes ohne menschlichen Zeugen begangen hatte, das offenbarte der Herr durch den Teufel, welcher der Anstifter des Verbrechens gewesen war. Jener nemlich veröffentlicht ergriffen von dem grausamsten Teufel, die ganze Hinterlift der heimlichen Nachstellung, und so war Ein und Derselbe ebenso der Verräther wie der Erfinder der Anschuldigungen und Betrügereien. So schwer und lange aber wurde er von diesem unreinen Geiste geplagt, daß er nicht einmal durch die Gebete der dort lebenden Heiligen, welche im Besitze der göttlichen Gnadengaben den Teufeln geboten, gereinigt werden konnte, ja daß nicht einmal die besondere Gnade des Priesters Isidor den Quälgeist von ihm austrieb. Obwohl diesem durch die Freigebigkeit des Herrn eine solche Kraft verliehen war, daß nie ein Besessener zu seiner Schwelle geführt wurde, der nicht schnell geheilt worden wäre, so wollte doch Christus diesen Ruhm dem jungen Paphnutius aufbewahren, so daß er nur durch die Gebete Desjenigen gereinigt würde, dem er nachgestellt hatte, und nur durch die Anrufung des Namens Dessen, dem er von seinem Lobe als neidischer Feind Etwas hinwegnehmen zu können geglaubt hatte. Verzeihung seines Verbrechens und das Ende seiner Strafe erlange. Diese Zeichen also künftiger Befähigung deutete Jener schon damals in seiner Jugend an und zeichnete so schon in den Knabenjahren einige Umrisse jener Vollkommenheit, die mit der Reife sich mehren sollte. Wenn wir also zu dem Gipfel seiner Tugenden gelangen wollen, so müssen wir solche Grundlagen für den Anfang legen.

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XVI. De perfectione patientiae.

Duplex sane ad narrationem huius facti causa me conpulit, primum ut hanc immobilitatem uiri constantiamque pensantes, quanto minoribus inimici inpugnamur insidiis, tanto maiorem tranquillitatis atque patientiae sumamus affectum, deinde ut firma definitione teneamus a temptationum procellis inpugnationibusque diaboli tutos nos esse non posse, si omne praesidium patientiae nostrae omnemque fiduciam non in interioris hominis nostri uiribus, sed in cellulae claustris aut in solitudinis recessu sanctorumue consortio uel cuiusquam quae extra nos sit rei praesidio conlocemus. nisi enim mentem nostram uirtute protectionis suae ille firmauerit qui in euangelio ait: regnum dei intra uos est, frustra aerii hostis insidias aut auxilio cohabitantium hominum uincere aut localibus spatiis declinare aut munitione tectorum excludere posse nos credimus. nam cum haec omnia sancto Pafnutio non deessent, non tamen inpugnationis aditum aduersus eum temptator inuenire non potuit, neque illum nequissimum spiritum saepta parietum aut heremi solitudo aut tot in illa congregatione sanctorum merita reppulerunt. sed quia sanctus dei famulus non in his quae extrinsecus sunt, sed in ipso occultorum omnium iudice spem sui cordis adfixerat, tantae inpugnationis machinis nequaquam potuit commoueri. e contra ille quem ad tantum facinus praecipitauit inuidia, nonne et solitudinis beneficio et munitione remotioris habitaculi et beati Isidori abbatis atque presbyteri aliorumque sanctorum consortio fruebatur? et tamen quia eum supra harenam repperit turbo diabolicus, non solum inpegit eius, uerum etiam subuertit habitaculum. non ergo quietem nostram extrinsecus inquiramus nec opitulari uitiis inpatientiae nostrae alienam putemus posse patientiam. sicut enim regnum dei intra nos est, ita inimici hominis domestici eius. nemo enim mihi magis quam sensus meus, qui mihi est uere intimus domesticus, aduersatur. et idcirco si fuerimus solliciti, ab intestinis hostibus laedi minime poterimus. ubi enim nobis nostri domestici non aduersantur, ibi et regnum dei in tranquillitate mentis adquiritur. nam si rationem diligenter excutias, laedi ab homine quamuis malignante non potero, si ipse inpacifico aduersum me corde non dimicem. si autem laedor, non est uitium inpugnationis alienae, sed inpatientiae meae. sicut enim grauis ac solidus cibus sano utilis, ita perniciosus est aegrotanti. non autem laedere sumentem potest, nisi ei ad nocendum uires adiecerit percipientis infirmitas. si umquam ergo similis inter fratres fuerit oborta temptatio, nequaquam a cursu tranquillitatis excussi blasphemis saecularium obtrectationibus aditum reseremus nec peruersos atque execrabiles quosque sanctorum uirorum numero insertos latitare miremur, quia, dum in huius saeculi area conculcamur atque conterimur, necesse est etiam paleas igni perpetuo deputandas inter electissima frumenta misceri. denique si uel Satanan inter angelos uel Iudam inter apostolos uel Nicolaum prauissimae haereseos inuentorem inter diaconos reminiscamur electos, hoc, quod nequissimi homines sanctorum ordini deprehenduntur inserti, mirum esse non poterit. nam licet hunc Nicolaum quidam adserant non illum fuisse qui ad opus ministerii ab apostolis est electus, nihilominus tamen eum de illo discipulorum fuisse numero negare non possunt, quos omnes tales tamque perfectos id temporis fuisse manifestum est, quales nunc perpaucos uix in coenobiis inuenimus. non ergo ruinam illius supra dicti fratris, qui in illa heremo tam lugubri lapsus est casu, neque illam horribilem maculam, quam tamen ille ingentibus paenitentiae lacrimis post deleuit, sed beati potius Pafnutii nobis proponamus exempla, nec subuersione illius destruamur cuius antiquum inuidiae uitium etiam auxit in peius adfectata religio, sed huius humilitatem tota uirtute sectemur, quam non illi quies heremi subito genuit, sed inter homines adquisitam consummauit atque excoluit solitudo. sciendum sane est inuidiae morbum difficilius ad medellam quam cetera uitia peruenire. nam eum quem semel ueneni sui peste corruperit paene dixerim carere remedio. ipsa namque est lues de qua figuraliter dicitur per prophetam: ecce ego mittam uobis serpentes regulos, quibus non est incantatio: et mordebunt uos. recte igitur a propheta mortiferis basilisci uenenis morsus inuidiae conparantur, qua primus ille omnium uenenorum auctor et princeps et periit et peremit. nam ante suus quam eius cui inuiderat interemptor priusquam in hominem mortis uirus effunderet, ipse se perdidit: inuidia enim diaboli mors introiuit in orbem terrarum: imitantur ergo illum qui sunt ex parte eius. sicut enim ille qui primus eiusdem mali peste corruptus est nec medellam paenitentiae nec fomentum ullius curationis admisit, ita et hi qui isdem se percutiendos morsibus tradiderunt omnem opem sancti incantatoris excludunt, quia cum utique non culpa eorum quibus liuent, sed prosperitate crucientur, erubescentes ipsam prodere ueritatem extrinsecus sibi quasdam superfluas et ineptas causas offensionis inquirunt: quarum, quia omnimodis falsae sunt, uana curatio est, cum illud mortiferum uirus quod nolunt prodere lateat in medullis. de quibus sapientissimus ille conpetenter expressit: si momorderit serpens non in sibilo, non est abundantia incantatori. isti enim sunt taciti morsus quibus solis sapientium medicina non subuenit. nam usque adeo incurabilis est ista pernicies, ut blandimentis exasperetur, infletur obsequiis, muneribus inritetur, quia, ut idem Salomon ait, nihil sustinet zelus. quanto enim amplius alius aut humilitatis subiectione aut patientiae uirtute aut munificentiae laude profecerit, tanto ille maioribus inuidiae stimulis incitatur, quia non nisi ruinam aut mortem eius cui inuidet concupiscit. denique illorum undecim patriarcharum zelus in tantum nulla innoxii fratris subiectione potuit deleniri, ut de his scriptura commemoret: inuidebant autem ei fratres sui, eo quod diligeret eum pater suus, et non poterant ei loqui quicquam pacificum, donec zelus eorum, qui nulla germani obsequentis atque subiecti sustinuit blandimenta, mortem eius cupiens uix posset uenditionis fraternae crimine satiari. cunctis ergo uitiis perniciosiorem atque ad purgandum difficiliorem esse constat inuidiam, quae ipsis remediis quibus reliqua extinguntur accenditur. nam uerbi gratia qui damnum sibi inlatum dolet, largitatis conpensatione curatur: qui de inlata indignatur iniuria, humili satisfactione placatur. quid illo facias, qui hoc ipso magis quod te humiliorem ac benigniorem sentit offenditur, quem non ad iracundiam cupiditas, quae praemio delenitur, non iniuriae laesio aut amor ultionis accendit, quae officiorum uincitur blandimentis, sed successus tantum alienae felicitatis inritat? quis autem est qui se, ut satisfaciat inuidenti, a bonis conruere aut a prosperis alienari aut a calamitate aliqua optet inuolui? quapropter ne totum, quidquid in nobis uiuidum est et quasi uitali uegetatione sancti spiritus animatum, uno tanti huius mali morsu basiliscus interimat, diuinum cui inpossibile nihil est iugiter inploremus auxilium. cetera enim uenena serpentum, id est carnalia peccata uel uitia, a quibus ut cito inuoluitur, ita facile expurgatur humana fragilitas, habent aliqua uulnerum suorum in carne uestigia, quibus quamuis terrenum corpus perniciosissime contumescat, tamen si theriacae remedium aut illam salutarium uerborum medellam aliquis peritissimus carminum diuinorum incantator admouerit, ad perpetuam animae mortem pernicies uirulenta non peruenit: inuidiae autem quasi a regulo serpente effusum uirus uitam ipsam religionis ac fidei, priusquam uulnus in corpore sentiatur, excludit. non enim aduersus hominem, sed plane aduersus deum blasphemus extollitur, qui nihil in fratre aliud nisi felicitatem carpens non hominis culpam, sed dei tantum iudicia reprehendit. haec ergo est illa sursum germinans amaritudinis radix, quae se erigens ad superna ad contumeliam ipsius qui bona homini confert tendit auctoris. nec quemquam moueat quod deus missurum se serpentes regulos, qui eos quorum criminibus offenditur mordeant, conminatur. nam licet certum sit deum auctorem inuidiae esse non posse, aequum tamen et diuino dignum iudicio est, ut dum bona data humilibus conferuntur et superbis ac reprobis denegantur, eos qui secundum apostolum tradi in reprobum sensum merentur quasi ab ipso missa percutiat et consumat inuidia secundum illud: ipsi me ad aemulationem inritauerunt in non deo: et ego ad aemulationem inducam eos in non gente. Hac beatus Piamun desiderium nostrum, quo de primis coenobii scolis ad secundum anachoreseos gradum tendere coeperamus, disputatione ardentius inflammauit. nam primordia solitariae commorationis, cuius scientiam postea sumus Scitii plenius adsecuti, ipso primum inbuente suscepimus.

16. Von der Vollkommenheit der Geduld.

Ein doppelter Grund bestimmte mich zur Erzählung dieser That. Zuerst daß wir die Festigkeit und Standhaftigkeit dieses Mannes erwägen und eine um so tiefere Stimmung der Ruhe und Geduld annehmen, je geringer die Nachstellungen des Feindes sind, mit denen wir angefochten werden, als jene, von welchen er heimgesucht wurde; dann daß wir es für fest ausgemacht halten, wir könnten vor den Stürmen der Versuchungen und den Kämpfen um dem Teufel nicht sicher sein, wenn wir den ganzen Schutz für unsere Geduld und all unser Vertrauen nicht in die Kraft unseres innern Menschen, sondern in den Verschluß der Zelle oder in die Verborgenheit der Wüste, auf den Umgang mit den Heiligen oder auf die Hilfe von irgend Etwas, was ausser uns ist, setzen. Denn wenn nicht Jener unsern Geist durch die Kraft seines Schutzes stärkt, der im Evangelium sagt: „Das Reich Gottes ist in euch“, so hoffen wir vergebens, die Nachstellungen unsers Feindes in der Luft entweder durch die Hilfe der bei uns wohnenden Menschen zu besiegen, oder durch örtliche Räume zu vermeiden oder durch den Schutz der Dächer aufzuschließen. Obwohl nemlich all dieses dem hl. Paphnutius nicht fehlte, so fand der Versucher doch einen Zugang für seine Anfechtung gegen ihn, und es trieben diesen schlechten Geist nicht die Schranken der Wände, nicht die Einsamkeit der Wüste, nicht die so vielen Verdienste der Heiligen in jener Gemeinde zurück. Weil aber der heilige Diener Gottes nicht auf Das, was aussen ist, sondern auf den Richter alles Verborgenen selbst sein Herz gerichtet hatte, so konnte er durch die Umtriebe einer so großen Anfechtung nicht im Mindesten erschüttert werden. Andererseits aber, genoß denn nicht Jener, welchen der Neid in eine solche Schandthat stürzte, die Wohlthat der Einsamkeit, den Schutz einer abgelegenen Wohnung, und den Umgang mit dem gottseligen Abte und Priester Isidor und andern Heiligen? Und doch hat der teuflische Sturm, der ihn auf dem Sand fand, sein Haus nicht nur schwer getroffen, sondern zerstört. Suchen wir also unsere Ruhe nicht aussen, noch laßt uns wähnen, daß fremde Geduld dem Laster unserer Ungeduld helfen könne. Denn wie das Reich Gottes in uns ist, so sind auch die Feinde des Menschen seine Hausgenossen. Denn Niemand widersteht mir mehr als mein Sinn, der mir wahrhaft der innerste Hausgenosse ist. Und wenn wir also sorgsam sind, so werden wir von den innerlichen Feinden durchaus nicht verletzt werden können. Denn insoweit uns unsere Hausgenossen nicht widerstehen, wird das Reich Gottes in Ruhe des Geistes erlangt. Wenn du nemlich die Sache genau ansiehst, so kann ich von einem wenn auch bösen Menschen nicht verletzt werden, wenn ich nicht selbst mit unfriedlichem Herzen gegen mich kämpfe. Wenn ich aber verletzt werde, so ist das nicht die Schuld der fremden Anfechtung, sondern meiner Ungeduld. Denn wie eine schwere und feste Kost dem Gesunden nützlich ist, so ist sie dem Kranken zum Schaden. Sie kann aber dem, der sie nimmt, nicht nachtheilig sein, wenn ihr nicht die Schwäche des Essenden die Macht zu schaden verleiht. Wenn also je unter den Brüdern eine solche Versuchung entstehen würde, so wollen wir uns durchaus nicht aus dem Geleise der Ruhe hinausdrängen lassen, um den gotteslästerlichen Beschimpfungen der Weltlichen den Zugang zu öffnen. Wir wollen uns auch nicht wundern, daß einige Verkehrte und und Verabscheuungswürdige in der Zahl heiliger Männer eingereiht und versteckt sein können, weil, solange wir auf der Tenne dieses Lebens zerschlagen und zerrieben werden, nothwendig auch die Spreu, die ins ewige Feuer gehört, mit dem auserwählten Getreide vermischt sein muß. Endlich wenn wir uns erinnern, daß der Satan unter den Engeln oder Judas unter den Aposteln und Nikolaus, der Erfinder einer ganz verwerflichen Irrlehre, unter den auserwählten Diakonen war, so wird es nicht wunderbar sein, daß man auch ganz schlechte Menschen in der Gemeinde der Heiligen eingereiht findet. Denn obwohl Einige behaupten, dieser Nikolaus sei nicht jener gewesen, der von den Aposteln zum Amte der Dienstleistung erwählt worden war, so können sie doch nicht läugnen, daß er von der Zahl jener Schüler war, die, wie offenkundig ist, damals Alle so beschaffen und so vollkommen waren, wie wir jetzt kaum Einige in den Klöstern finden. Wir wollen also nicht den Sturz jenes obengenannten Bruders, der in dieser Wüste auf so traurige Weise gefallen ist, und nicht sein furchtbares Schandmal, das es freilich nachher mit vielen Thränen der Buße wegwusch, sondern vielmehr das Beispiel des hl. Paphnutius uns vor Augen stellen. Laßt uns ja nicht zu Grunde gehen durch die Wühlerei Desjenigen, dessen altes Laster des Neides durch die erheuchelte Religion nur noch schlechter wurde, sondern wir wollen mit aller Kraft die Demuth von Diesem nachahmen, wie sie ihm nicht die Wüste plötzlich erzeugt, sondern die Einsamkeit vollendet und ausgebildet hat, nachdem er sie unter den Menschen erworben hatte.

17. Über das Übel des Neides.

Man muß nun fürwahr wissen, daß die Krankheit des Neides schwerer zu einem Heilmittel komme als die übrigen Laster. Denn ich möchte fast sagen, daß es für Denjenigen kein Mittel gibt, welchen sie einmal mit ihrem pestartigen Gifte verdorben hat. Sie ist nemlich jene Seuche, von welcher es bildlich beim Propheten heißt: „Siehe, ich sende über euch Schlangen, Basilisken, gegen die es keine Beschwörung gibt, und sie werden euch beissen.“ Mit Recht wird also von dem Propheten der Biß des Neides verglichen mit dem tödtlichen Gifte des Basilisken, da durch ihn jener erste Urheber und Beherrscher aller Gifte zu Grunde gieng und zu Grunde richtete. Denn er war zuerst sein eigener Mörder, ehe er es für den ward, welchen er beneidete, und ehe er gegen den Menschen das Todesgift ausgoß, vernichtete er sich selbst. Denn durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und es ahmen ihm nach, die auf seiner Seite sind. Wie nemlich Jener, welcher zuerst von der Pest dieses Übels ergriffen wurde, weder das Heilmittel der Buße noch irgend welche Pflege und Arznei zuließ, so haben auch Jene, welche sich von ebendenselben Bissen verwunden ließen, alle Hilfe der heiligen Beschwörung ausgeschlossen, weil sie in der Scham darüber, daß sie nicht über irgendwelche Schuld der Andern sich ärgern, sondern über deren Glück, die Wahrheit nicht eingestehen mögen, und sich nun was immer für unnöthige und thörichte Anlässe suchen, Anstoß zu nehmen. Weil diese nun durchaus falsch sind, so gibt es für sie eine gemeinsame Heilung, da jenes tödtliche Gift, welches sie nicht verrathen wollen, in ihrem Marke verborgen ist. Über diese drückt sich jener Weiseste ganz treffend aus: „Wenn die Schlange beißt, ohne zu zischen, so hat keine Übermacht der Beschwörer.“ Denn das sind jene schweigenden Bisse, denen allein das Heilmittel der Weisen nicht zu Gute kommt. Denn so unheilbar ist dieses Verderben, daß es durch Zärtlichkeit bitterer, durch Dienstleistungen hochmüthiger, durch Geschenke gereizter wird, weil, wie derselbe Salomon sagt, die Eifersucht Nichts erträgt. Denn je mehr der Andere durch demüthige Unterwürfigkeit oder in der Tugend der Geduld oder an Lob der Freigebigkeit fortschreitet, um so heftiger wird Jener von den Stacheln des Neides gequält, da er nur den Untergang oder den Tod des Beneideten begehrt. Konnte ja doch der Neid jener eilf Patriarchen so wenig durch irgend welche Unterwürfigkeit des unschuldigen Bruders besänftigt werden, daß es in der hl. Schrift von ihm heißt: „Es beneideten ihn aber seine Brüder, weil ihn sein Vater liebte, und sie konnten nicht gut mit ihm reden“, bis ihre Eifersucht, die keine Sänftigung durch den diensteifrigen und unterwürfigen Bruder ertrug, bei dem Verlangen nach seinem Tode kaum durch das Verbrechen des Bruderschachers gesättigt werden konnte. Es steht also fest, daß der Neid verderblicher und schwerer zu heilen ist als alle übrigen Laster, da er gerade durch die Mittel entflammt wird, durch welche die andern erlöschen. Denn wer z. B. erbittert ist über einen ihm zugefügten Schaden, der wird durch die Entschädigung der Freigebigkeit geheilt: wer über eine erlittene Beleidigung sich ärgert, wird versöhnt durch demüthige Genugthuung. Was willst du aber mit Jenem thun, der gerade dadurch, daß er dich demüthiger und gütiger sieht, noch mehr erzürnt wird, den nicht die Habsucht, welche durch Geld befriedigt wird, nicht die Beleidigung zum Zorne entflammt oder der Durst nach Rache, der durch schmeichelnde Dienste besiegt wird, sondern den nur Erfolg und Glück des Andern reizt? Wer aber wird denn, um den Neidischen zufrieden zu stellen, wünschen, um sein Gut zu kommen, seines Glückes verlustig zu werden oder in irgend ein Unglück zu fallen? Damit also der Basilisk nicht Alles, was in uns lebendig ist und gleichsam durch den Lebenshauch des hl. Geistes beseelt wird, mit einem einzigen Bisse dieser Bosheit tödte, laßt uns beständig die göttliche Hilfe, der Nichts unmöglich ist, anflehen. Denn das übrige Schlangengift, nemlich die fleischlichen Sünden oder Laster, in welche die menschliche Schwachheit leicht hineingeräth, von denen sie aber auch leicht gereinigt wird, haben doch einige Kennzeichen ihrer Wunden im Fleische, und wenn von diesen auch der irdische Körper sehr gefährlich anschwillt, so kommt doch, wenn irgend ein in den göttlichen Liedern sehr erfahrener Beschwörer das Heilmittel des Theriak oder das Mittel der heilsamen Worte anwendet, das giftige Verderben nicht bis zum ewigen Tode der Seele. Aber Das Gift des Neides, das wie von einer Königsschlange (Basilisk) ausgespritzt ist, nimmt das Leben der Religion und des Glaubens, ehe die Wunde im Körper gefühlt wird. Denn nicht gegen einen Menschen, sondern wahrhaft gegen Gott selbst erhebt sich in Lästerung, wer an dem Bruder Nichts als das Wohlverdienst benergelt und nicht die Schuld des Menschen, sondern nur Gottes Verfügung tadelt. Das ist wohl jene nach oben treibende Wurzel der Bitterkeit, die sich zum Himmel richtet und den Schöpfer selbst, der den Menschen Gutes verleiht, zu schmähen trachtet. Es soll nun auch Niemanden beunruhigen, daß Gott droht, er werde Basilisken senden, um Jene zu beissen, durch deren Verbrechen er beleidigt werde. Denn obwohl es gewiß ist, daß Gott nicht der Urheber des Neides sein kann, so ist es doch billig und den göttlichen Gerichten entsprechend, daß, während den Demüthigen gute Gaben verliehen, den Hochmüthigen und Verworfenen aber verweigert werden. Diejenigen, welche nach dem Apostel verdienen, einer verwerflichen Sinnesart überlassen zu werden, der Neid verwunde und verzehre, gleich als wäre er vom Herrn geschickt, gemäß jener Stelle: „Sie haben mich zur Eifersucht gereizt durch einen Nicht-Gott, und ich will sie eifersüchtig machen durch ein Nicht-Volk.“ Durch diese Unterredung entzündete der gottselige Piammon noch heftiger unser Verlangen, gemäß welchem wir aus der ersten Schule des Klosterlebens zu der zweiten Stufe, der Anachorese, zu streben begonnen hatten. Denn die Anfangsgründe des einsamen Lebens, dessen Kenntniß wir nachher in der scythischen Wüste vollständiger erlangten, haben wir durch seinen Unterricht zuerst erfahren.

Lateinischer Text: Conlationes XXIIII, hg. von M. Petschenig, Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum 13, Wien 1886, an den Scans überprüft; ohne kritischen Apparat. · Übersetzung von Karl Kohlhund († 1883), Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten, Kösel, 1879. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden