Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Dass vollkommene Männer, obwohl sie es könnten, keine Wunder tun wollen, damit sie sich nicht erheben

Quod perfecti viri, quamvis possint, nolunt miracula facere, ne extollantur.Das XIV. Capitel. Sagt / daß die vollkommene Männer / um die Hoffart zu verhüten / keine Wunderzeichen begehren zu würcken / ob sie es schon wohl könten.

1

Abbas Joseph, dum cum aliis fratribus ad abbatem Pimenium veniret, quidam ex parentibus prædicti senis Pimenii attulit infantem, cujus facies per arreptionem diaboli fuerat depravata; et sedens pater ejus cum eo foris monasterium, plorabat. Cum autem unus senex ad vocem flentis egressus esset, et interrogaret eum cur ploraret, ille respondit: Parens sum istius Pimenii, et ob hoc veni, ut videret infantem hunc. Vides, domine, quæ huic infanti per Satanam contigerit tentatio. Timuimus enim usque nunc illum huc offerre, quia non vult nos videre. Et nunc si cognoverit quod hic ego sum, cum confusione ejiciet me. Ego autem vos videns, Patres, qui modo ad eum venistis, præsumpsi venire huc. Quomodo ergo vis, vade et miserere mei, abba; et tolle infantem istum, et defer intus tecum, ut oret pro me. Quem cumsenex tulisset, et ingressus fuisset in cellam, sapienti consilio usus, non illum obtulit primo abbati Pimenio, sed minoribus Patribus, et dicebat: Signate infantem, fratres, facientes orationem, rogans per singulos senes. Et post omnes detulit illum Pimenio. At ille nolebat eum nec aspicere. Cum autem rogarenteum ut sicut omnes, sic et ipse oraret, ingemuit, et surgens oravit, dicens: Deus, sana facturam tuam, ne dominetur ei inimicus. Et signavit infantem, et mox sanus est patri redditus.

Damalen als der Abt Joseph neben anderen Alt-Vättern den S. Pimenium besuchte / brachte ein Vetter dieses Pimenii ein Kind dahin / dessen Angesicht durch teufflische Bezauberung übel verderbt und verstellt war: Es setzte sich aber dieser Mann mit dem Kind nur für das Kloster hin / und weinete. Ein Alt-Vatter hingegen / als er das Weinen hörte / gienge hinaus / und fragte ihn / warum er weinete? Darum / antwortete der Mann: Ich bin ein Vetter des Abts Pimenii / und mit diesem Kind / welches ein schweres Anligen hat / daher kommen / auff daß er es besichtige. Und mein Herr sihet selbsten / was dem armen Kind von dem Teuffel geschehen ist. Nun aber hab ich mir bißhero geforchten / das Kind hiehero zu bringen / dann ich weiß / daß er uns nicht sehen mag. Ja wann er wird innen werden / daß ich da bin / so wird er mich lassen von dannen hinweg treiben. Nichts desto weniger in Ansehung derer Vätter / welche zu ihm kommen seynd / hab ich mich erkühnet auch daher zu reysen. Derowegen / mein Vatter / wann du willst / so erbarme dich meiner / und trage das Kind zum Pimenio hinein / daß er für dasselbige bete. Der Alt-Vatter nahme hierauff das Kind mit sich hinein in die Cellen / und gienge der Handel gantz weißlich an / dann er gienge nit gleich mit demselbigen zu dem Abt Pimenio / sondern er fienge bey dem Jüngsten und Untersten an / und sprach: Bruder / machet das H. Creutz-Zeichen über dieses Kind / und betet für dasselbige / und also trug er es von dem einen zu dem andern. Letztlich brachte er das Kind auch dem H. Abt Pimenio / derselbige aber wolte es nit ansehen. Als ihn aber der Alt-Vatter bate / daß er den anderen Brüdern auch gleich thun wolte; da stund er auf / er betete mit Seufftzen / und sprach: Mein GOtt / heyle dein Geschöpff / und lasse den bösen Feind nit über dasselbige herrschen. Damit bezeichnete er das Kind mit dem H. Creutz / und alsbald wurde dasselbige gantz frisch und gesund / seinem Vatter wiederum zugestellt.

2

Cum quidam sæcularis in ecclesiam veniens ab immundo spiritu teneretur, et omnes orationem fecissent, nullatenus spiritus immundus egrediebatur ab eo. Dicunt ergo inter se fratres: Quid possumus huic spiritui facere? nemo illum potest excutere, nisi abbas Besarion; sed si hoc dixerimus, ille nec ad ecclesiam acquiescit venire. Sed faciamus taliter: quando ad ecclesiam ante omnes solet venire, hunc qui patitur faciamus sedere, et postea dicamus: Abba, abba, suscita hunc dormientem. Fecerunt ergo ita. Et veniente abbate Besarione, steterunt omnes in oratione, et dicunt ei: Abba, suscita istum qui dormit. Ille autem dixit: Surge, et egredere foras. Et mox egressus est ab eo spiritus immundus, et sanus factus est ex illa hora.

Ein weltlicher Mensch / welcher besessen war / kame einsmals in die Kirchen / und obschon die Brüder alle ihr Gebet über ihn gethan hatten / so wolte doch der böse Feind nicht weichen. Dessentwegen sprachen die Brüder unter einander: Was mussen wir mit diesem Teuffel anfangen? Dann niemand kan ihn außtreiben / als der Abt Besarion: werden wir ihm aber etwas darvon sagen / so wird er gar nit in die Kirch kommen. Lasset uns aber dieses thun: Wir wollen den Besessenen an ein Ort hinsetzen / und wann der Abt Besarion kommt / so wollen wir ihm sagen / daß er diesen Schlaffenden soll aufwecken. Sie machtens auf diese Weiß. Und als der Abt Besarion kam / als sie eben im Gebet stunden / da sprachen sie: Vatter / thue auch diesen Schlaffenden aufferwecken. Der Abt Besarion aber gienge gleich hin / er weckte ihn auff / und sprach: Stehe auff / und gehe von dannen. Und also bald fuhre der unreine Geist aus / und verliesse den Menschen frisch und gesund.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden