Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)
Dass wir zu unserem Nutzen bisweilen in unreinen Gedanken gelassen werden, damit wir uns nicht erheben
Quod utiliter aliquoties in sordidis cogitationibus relinquimur, ne extollamur.Das XV. Capitel. Sagt / daß der Mensch bißweilen zu seinem eigenen Nutzen in die böse Gedancken gesteckt werde / damit er sich nit übernehme.
Sæpe dicebat beatus Antonius: Nisi pistor velaret oculos animalis, mercedem suam recipiens, ipse consumeret. Ita et nos per Dei dispensationem tegimen accipimus, ut ea quæ operamur bona, non valeamus intendere, ne nos ipsi beatificantes, possimus extollere, et mercedem propriam amittamus. Nam et ob hoc quando relinquimur in sordidis cogitationibus, necesse est ut hoc tantummodo prævideamus, ut nos ipsos et nostram sententiam condemnemus; et ea quæ sunt in nobis sordida, illud parvum bonum opus nostrum in nobis obscurent. Nunquam enim homo bonus est, etiam si bonus esse desideret, nisi Deus habitaverit in ipso, quia nemo bonus nisi solus Deus. Oportet autem ut nos ipsos semper veraciter incusemus. Quando enim se quisque non reprehendit, mercedem propriam amittit.
Gar offt sagte der H. Antonius: Wann ein Beck / der da mahlet / seinem Thier / welches die Mühle umtreibt / die Augen nit bedeckte / so wurde dasselbige den Gewinn bald hinweg fressen. Ebner massen thut uns auch die Anordnung GOttes eine Deck machen / damit wir unsere gute Werck nit können sehen; auff daß wir nemlich uns selbst nicht sollen seelig sprechen / oder übernehmen / und also unseren Lohn und Gewinn verlieren. Darum gerathen wir bißweilen in die böse Gedancken / und bleiben eine Zeit lang darinnen stecken / auff daß wir gut Achtung geben / daß wir uns und unseren bösen Willen verdammen: Damit nit durch das Böse / unsere gute Werck verfinstert werden. So ist auch der Mensch niemalen gut / wann er schon gut zu seyn begehrt / es seye dann / daß GOtt in ihm wohne: Dann niemand ist gut / als GOtt allein. Es geziemet sich derowegen / daß wir uns selbsten wahrhafftig sollen in die Schuld geben. Dann alle diejenige / welche sich selbsten nicht straffen / und straffwürdig erkennen / die thun ihren Lohn verlieren.
Idem beatus Antonius, dum in cella propria oraret, venit ad eum vox, dicens: Antoni, necdum pervenisti ad mensuram coriarii, qui est in Alexandria. Quo audito, senex consurgens mane, arrepto baculo in civitatem festinus pervenit. Cumque ad designatum hominem pervenisset, et ingressus fuisset, ille viso tanto viro obstupuit. Cui dixit senex: Refer mihi opera tua, quia propter te, relicto deserto, huc veni. Qui respondens, ait: Nescio me aliquando aliquid boni perpetrasse, unde ex cubili proprio mane consurgens, antequam in opere meo resideam, dico quod omnis hæc civitas a minore usque ad majorem, ingreditur in regnum Dei propter justitias suas, ego autem solus propter peccata mea pœnam sempiternam ingrediar. Quod verbum mane, et antequam quiescam sero, ex cordis mei sentio veritate. Quod audiens beatus Antonius, respondit: In veritate, fili, sicut bonus artifex sedens in domo tua, cum requie regnum Dei adeptus es: ego autem velut sine discretione omne tempus meum in solitudine conversatus, necdum verbi tui assumpsi mensuram.
Als der H. Antonius auff ein Zeit in seiner Cellen betete / da hörte er eine Stimm / welche sprach: Antoni / du bist jenem Gerber in der Stadt Alexandria noch nicht zu vergleichen. Des andern Tags nahme der alte Antonius gleich seinen Stecken / und lieffe darmit eilfertig auff Alexandriam zu. Als er nun in das Hauß des besagten Gerbers kam / und sich derselbige über die Ankunfft eines solchen Manns höchlich verwunderte / da sprach der H. Antonius: Erzehle mir deine gute Werck / dann um dessentwegen bin ich aus der Wildnuß hiehero kommen. Der Gerber aber sprach: Ich weiß mich gar keines guten Wercks zu erinneren. Daher wann ich zu Morgens auffstehe / ehe und bevor ich an meine Arbeit gehe / so sage ich bey mir selbsten: Alle Menschen in dieser grossen Stadt / von dem Kleinsten biß auff den Grösten / kommen um ihrer Gerechtigkeit willen in das Reich GOttes; Ich aber allein komme meiner Sünden halber in die ewige Verdamnuß. Und eben diese Wort thue ich zu Abends / ehe ich mich zur Ruhe begibe / abermalen von Grund meines Hertzens wiederholen. Als nun der H. Antonius diese Wort vernommen hatte / da sprach er: In der Warheit / mein Sohn / du sitzest in deinem Hauß als ein verständiger Künstler / und ohne Mühe erlangst du das Reich GOttes: Ich aber hab all mein Zeit in der rauhen Wildnuß gleichsam ohne Bescheidenheit zugebracht / und bin dir dannoch bißhero noch nicht gleich worden.
Quidam frater requisivit abbatem Pimenium, dicens: Quid est, Pater, quod Apostolus dicit: Omnia munda mundis? At ille dixit: Siquis ad hunc sermonem pervenire potuerit, ut eum intelligat, videbit se minorem esse totius creaturæ. Cui frater: Et quomodo me possum videre minorem ab eo qui homicida est? Respondit senex: Si potuerit homo ad sermonem hunc Apostoli pervenire, et viderit hominem qui forte alium occiderit, dicit in semetipso: Ille quidem hoc solum peccatum fecit, ego autem omni hora homicidium committo, meipsum interficiens. Et cum frater requireret quomodo hoc posset fieri, respondit senex: Hæc sola hominis justitia est, ut semper semetipsum reprehendat; et tunc justificabitur, cum sua peccata condemnat.
Ein Bruder fragte den Abt Pimenium / und sprach: Sag mir / mein Vatter / wie muß ich dasjenige verstehen / was der Heil. Apostel Paulus sagt: Daß nemlich den Reinen alles rein seye? Hierauff antwortete der S. Abt: Wann einer / mein Bruder / so hoch kommt / daß er diese Wort verstehet / so wird er sehen / daß er weniger und minder seye / als alle andere Menschen. Wie kan ich aber / fragte der Bruder weiters / mich selbsten weniger und minder schätzen / als etwan einen Mörder / und Todtschläger? Wann einer / antwortete der S. Pimenius / die Wort des H. Apostels recht ergriffen hat / und einen Todtschläger sihet / so spricht er: Dieser hat eintzig und alleinig die Sünd begangen / ich aber begehe alle Stund einen Todtschlag / indeme ich meine Seel mit Sünden tödte. Als aber der Bruder fragte: wie dieses seyn könte? Da sprach der Alt-Vatter: Das ist des Menschen sein eintzige Gerechtigkeit / daß er sich selbs solle in die Schuld geben: Und alsdann ist er gerecht / wann er seine Sünden verwirfft und verdammt.
Quidam frater dixit ad senem: Cogitatio mea dicit mihi, Bonus sum. Respondit ei senex: Qui non videt peccata sua, semper ille in bonis esse se credit; qui autem videt illa, cogitationes illi suadere non possunt quod in bonis sit; scit enim quod videt. Opus ergo est laborare multum, ut se quisque consideret; nam negligentia, ignaviaque, et relaxatio excæcant oculos cordis nostri,
Ein Bruder sprach auff ein Zeit zu einem Alt-Vatter: Meine Gedancken geben mir jederzeit ein / ich seye fromm und gerecht. Diesem gabe der Alt-Vatter zur Antwort: Derjenige / welcher seine Sünden nit erkennt / der haltet sich jederzeit für fromm: Ein anderer aber / welcher seine Sünd erkennt / der lässet sich seine Gedancken nit bereden / daß er gerecht seye: Dann er weißt / wie sein Sach stehet. So sollen wir uns dann dahin bearbeiten / und befleissigen / daß wir uns selbsten erkennen: Dann Faul- und Trägheit und die Nachlässigkeit / die thun die Augen unsers Hertzens verblenden.
Quidam frater dixit abbati Pimenio: Cogitationes meæ non permittunt me peccata mea respicere, sed Patres mei cogunt me cogitare peccata. Respondit abbas Pimenion, de abbate Isidoro referens, et dicens: Dum plangeret abbas Isidorus in cella sua, et discipulus ejus in alia cella sederet, contigit ut illa hora idem discipulus ad illum veniret, quia ille plangebat, et requisivit eum, dicens: Quid plangis, Pater? At ille respondit: Peccata mea plango, fili. Iterum dicit ei: Non habes peccata, abba. Dicit ei senex: O fili, si peccata mea Deus manifestaret hominibus nec tres, nec quatuor sufficerent, sed nec plures.
Ein Bruder klagte dem Abt Pimenio / und sprach: Mein Vatter / die Gedancken lassen mich meine Sünd nit sehen und erkennen / wiewohlen mich meine geistliche Vätter dahin halten / daß ich jederzeit an meine Sünden gedencken solle. Diesem verzehlte der Alt-Vatter / an statt der Antwort das Folgende von dem Abt Isidoro / und sprach: Der Abt Isidorus und sein Jünger wohnten ein jeglicher in seiner besonderen Cellen / einsmals aber / als der S. Isidorus seine Sünde bitterlich beweinte / da kam sein Jünger ungefehr darzu / und fragte: Mein Vatter / was weinest du mein Sohn? Ich beweine meine Sünd / sprach der Abt Isidorus. Als ihm aber sein Jünger widersetzte / und sprach: Mein Vatter / hast du doch keine Sünden / was wilst du sie dann beweinen? Da antwortete der S. Isidorus: Ach mein liebes Kind / wann GOTT der Allmächtige den Menschen meine Sünden solte offenbaren / so würden zu diesem Handel / weder drey noch vier / ja noch mehr Menschen nit genug seyn.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden