Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Wider den Geist des Hochmuts

Contra spiritum superbiæ.Das XIII. Capitel. Von dem Geist der Hoffart.

1

Quidam senex dixit: Qui ab hominibus amplius honoratur aut laudatur, non parvum damnum patitur; qui autem ab hominibus non honoratur, desuper gloriam accipit.

Ein Alt-Vatter pflegte zu sagen: Ein Mensch / welcher von den Leuthen zuviel gelobt und geehrt wird / der leidet keinen geringen Schaden an seiner Seelen: Welcher aber von den Leuthen gantz und gar nicht geehrt wird / der hat die himmlische Glory von GOTT dem HErrn zu empfangen.

2

Item dixit: Fieri non potest ut simul herba nascatur et semen; ita impossibile est ut laudem et gloriam habentes sæcularium, simul et fructum faciamus cœlestem.

Eben derselbige sagte auch: Gleichwie es nicht seyn kan / daß Kraut und Samen zugleich wachsen: Also ist es auch nicht möglich / daß wir zugleich auff dieser Welt die menschliche Ehr / und dorten die himmlische Glory geniessen.

3

Item dixit: Quando cogitatio superbiæ, vel certe vanæ gloriæ te impugnat, perscrutare teipsum, si omnia mandata Dei servasti, si inimicos diligis, si gaudes de gloria inimici tui, et contristaris in dejectione ejus; si apud te habes, quoniam servus inutilis es, et quod plus omnibus hominibus sis peccator; et neque tunc tam grande aliquid sapias, tanquam aliquid boni feceris, sciens quod elata cogitatio illa omnia bona dissolvit.

Ebenmässig sagte er: Wann dich ein ruhmsüchtiger oder hoffärtiger Gedancken versuchet / so erforsche dich hierüber / ob du alle Gebott GOttes gehalten habest / ob du deine Feind liebest / ob du dich erfreuest? wann es deinem Feind wohl gehet / und dich betrübest / wann es ihm übel gehet: Item / ob du dich für einen unnützen Knecht / und den allergrösten Sünder erkennest: Und wann du schon dieses alles bey dir findest / so sollest du dannoch nichts von dir selbsten halten / als wann du etwas Guts gethan hättest / dann du must wissen / daß die Hoffärtige Gedancken alle deine gute Werck zernichten.

4

Dixit senex cuidam: Non apponas cor tuum adversus fratrem tuum, dicens: Quomodo tu amplius sobrius es quam ille, et continentior? sed subditus esto gratiæ Dei in spiritu paupertatis, et per charitatem non fictam, ne spiritu exaltationis perdas laborem tuum.

Ein Alt-Vatter gab einem diese Lehr: Erhebe dein Hertz niemalen wider deinen Nächsten / und sage nicht: Daß du mässiger oder keuscher seyest / als er. Sondern thue dich im Geist der Demuth / und in einer unverfälschten Liebe der Göttlichen Gnad unterwerffen / damit dich nemlich der Geist der Auffgeblasenheit nicht um deine Belohnung bringe.

5

Item dixit senex: Quantumcunque enim se deposuerit homo in humilitate, tantum quoque proficit in altum. Sicut enim superbia, si ascenderit in cœlum, usque ad infernum deducitur: ita et humilitas, si descenderit ad infernum, tunc exaltabitur usque ad cœlum.

Ein Alt-Vatter pflegte zu sagen: Je mehr sich ein Mensch durch die Demuth ernidriget / desto mehr wird er erhöhet. Und gleichwie die Hoffart / wann sie schon biß in den Himmel hinauff steiget / dannoch biß in die Hölle hinnunter wird gestürtzt werden: Ebener massen die Demuth / wann sie sich schon in die Höllen hinunter ernidriget / dannoch biß in den Himmel erhöhet.

6

Abbas Macarius, dum diluculo palmarum folia portans ad cellam suam reverteretur, occurrit ei diabolus cum falce præacuta, volens eum percutere, et non valebat. Qui exclamans, ait: Magnam vim a te patior, Macari, qui cum te cupio nocere, non valeo; dum quæcunque tu facis, ego magis exsuperem. Tu ergo interdum jejunas, ego nunquam ullo cibo reficior. Tu sæpe vigilas, me vero nunquam sopor oppressit, sed una re me vincis ipse, fateor. Cumque ab eo rem ipsam Macarius requisisset, ait: Humilitas tua sola me vincit. Hæc dicente inimico, et extendente beato Macario manus suas ad orationem, spiritus immundus inter auras evanuit.

Als der H. Abt Macarius einsmals bey anbrechendem Tag mit Palmen-Blättern seiner Cellen wieder zu eilte / da begegnete ihm der Teuffel mit einer spitzigen Sichel / er wolte zwar darmit auff den heiligen Macarium zu hauen / aber er vermochte es nicht. Derowegen schrye er überlaut: Macari / du thust mir grosse Pein und Plagen an / dann wann ich dir schon schaden will / so kan ich es nicht. Da ich doch eben dasjenige thue / was du thust / ja noch ein mehrers. Du fastest bißweilen / ich aber esse gar nicht. Du wachest zwar offt / ich aber thue niemalen schlaffen: Aber ich muß bekennen / in einem Stück übertriffst du mich. Als nun der H. Macarius dieses Stück von ihme wissen wolte / da sprach der Teuffel: Dein Demuth allein thut mich überwinden. Nach diesen Reden / als der H. Macarius seine Hände anfienge auffzuheben / und zu beten / da verschwandte der Teuffel vor seinen Augen.

7

Quidam ex Patribus dicebat: Omnis labor sine humilitate vanus est. Humilitas enim præcursor est charitatis. Sicut Joannes præcursor erat Jesu, omnes trahens ad eum: ita et humilitas attrahit ad charitatem, id est, ad ipsum Deum, quia Deus charitas est.

Einer aus den heiligen Vättern sprach: Alle Mühe und Arbeit eines München ist ohne Demuth umsonst und vergebens: Dann die Demuth ist ein Vorlaufferin der Liebe. Und gleichwie der H. Joannes ein Vorläuffer Christi des HErrn gewesen ist / und ihme die Leuth zugeführt hat: Also führet die Demuth zu der Liebe / das ist / zu GOtt dem Allmächtigen / welcher die Liebe selbsten ist.

8

Quidam frater requisivit a sene: Quid est humilitas? Cui senex: Arbor est vitæ, in altum excrescens.

Ein Bruder fragte einen Alt-Vatter: Mein / was ist die Demuth? Und bekame zur Antwort: Sie ist der Baum des Lebens / welcher sehr hoch über sich wachset.

9

Item dixit: Terra, in qua Deus dixit sibi sacrificium offerre, humilitas est.

Eben derselbige pflegte auch zu sagen: Die Demuth ist das Land / in welchem GOtt der Allmächtige befohlen hat / daß man ihm opfferen solle.

10

Iterum requisitus senex quidam: Quomodo potest anima humilitatem adipisci? Respondit: Si sua tantummodo mala homo consideret. Dicebat autem, Quia perfectio hominis est humilitas.

Als ein Alt-Vatter gefragt wurde: Wie ein Seel die Tugend der Demuth erlangen könte? Da gab er zur Antwort: Wann der Mensch nur auff seine eigene Mißethaten thut Achtung geben / so kan er die Demuth erlangen. Sonsten sagte er auch: Die Demuth ist des Menschen sein gröste Vollkommenheit.

11

Dixit abbas Motois: Humilitas nec ipsa irascitur, nec alios irasci permittit.

Der S. Abt Motois hat gesagt: Die Demuth thut sich selbsten nicht erzürnen / und lasset auch andere nicht zornig werden.

12

Item dixit: Humilitas est, si quando peccaverit in te frater tuus, antequam pœniteat, indulseris ei.

Eben derselbige sagte auch: In diesem bestehet die Demuth / daß du deinem Bruder / wann er wider dich gesündiget hat / vergebest / ehe und bevor er dich um Verzeyhung bittet.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden