Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)
Wider den Geist der eitlen Ehre
Contra spiritum vanæ gloriæ.Das XII. Capitel. Die eitele Ehr soll man fliehen.
Quidam frater requisivit abbatem Pimenium: Si melius esset, remotius, an cum aliis manere? Respondit senex: Homo si semetipsum reprehenderit, ubique potest persistere; si autem se magnificat, nusquam stat, sicut scriptum est: Qui se existimat aliquid esse, cum nihil sit, ipse se seducit. Quidquid enim homini fecerit homo, ne exsultet in eo quia mox perdet illud.
Ein Bruder begehrte von dem S. Abt Pimenio zu wissen: Ob es besser wäre alleinig und abgesonderter / oder bey anderen wohnen? Dieser bekame von dem S. Alt-Vatter zur Antwort: Wann sich der Mensch selbsten strafft und beschuldiget / so kan er allenthalben bleiben; wann er aber sich selbsten groß macht / so hat sein Sach nirgends bestand / massen dann die Schrifft sagt: So sich jemand bedüncken lässet / daß er etwas seye / da er doch nichts ist / der verführet sich selbsten. Es thue der Mensch / was er wolle / so soll er sich doch nit übernehmen / sonsten wird er sein Belohnung verliehren.
Abbatem Macarium si quis cum timore velut sanctum virum voluisset audire, suspectus nullum penitus a sene excipiebat responsum. Si quis vero, velut contemnens eum, talibus verbis compellaret: Abba Macari, quando eras camelarius et nitrum furabaris, nunquid non vapulabas a magistris, deprehensus in furto? libenter ei, quidquid requisisset, cum gaudio respondebat.
Wann einer zu dem H. Abt Macario mit Forcht und Ehrenbietigkeit kam / und von ihm / als einem H. Mann / ein gute Lehr hören wolte / so war er demselbigen gleich verdächtig / und bekame gar kein Antwort. Wann ihn aber einer verachtete / und verächtlich mit dergleichen Worten anredte: Hörst du Macari / da du noch ein Camel-Treiber warest / und deinen Meistern den Salpeter thätest stehlen / haben sie dich nit ob der That ertappt / und rechtschaffen geprügelt? Ein solcher bekame von dem Heil. Macario ein fröliche Antwort / geb / was er ihn auch fragte.
Abbas Nesteron, dum cum aliis ambularet fratribus in deserto, viderunt draconem, et fugerunt. Dicit ei unus ex eis: Et tu times, abba? Cui senex: Non timeo, fili, sed oportuit me fugere: quia nisi fugissem, cogitationem vanæ gloriæ non vitassem.
Der Abt Nesteron wanderte einsmals neben anderen Brüdern durch die Wüste / als sie aber allda einen Drachen ersahen / da lieffen sie alle mit einander darvon. Hernacher fragte den Abt Nesteron ein Bruder / und sprach: Mein Vatter / hast du dich auch geforchten? Nein / ich förchtete mich nit / mein Sohn / antwortete der S. Alt-Vatter / und dannoch muste ich auch fliehen: dann sonsten wäre ich der eitlen Ehr nit entrunnen.
Venit aliquando ad abbatem Zenonem in Syria aliquis frater Ægyptius, et cœpit cogitationes proprias accusare, præsente sene. Ille autem audiens hoc, admiratus dixit: Ægyptii quas habent virtutes celant, et vitia quæ non habent manifestant; Syri autem et Græci virtutes quas non habent prædicant, et vitia quæ habent abscondunt.
Zu dem Abt Zenon / welcher in Syrien wohnte / kame einsmals ein Bruder aus Egypten / und thäte sich seiner bösen Gedancken halber vor demselbigen anklagen. Dessen verwunderte sich der alte Zenon / und sprach: Die Egyptier verbergen ihre Tugenden / und offenbaren ihre Laster / welche sie doch nit an ihnen haben: Die Syrier / und die Griechen hingegen / die streichen ihre Tugenden / welche sie doch nicht an sich haben / heraus; Ihre Laster und Untugenden aber thun sie verbergen.
Quidam senex, cum venisset ad alium senem, dixit: Ego mortuus sum huic sæculo. Cui ille alter: Ne confidas in te, donec egrediaris de corpore hoc. Nam etsi dicis tu, Quia mortuus sum; diabolus tamen necdum mortuus est, cujus innumerabiles sunt malæ artes.
Ein Alt-Vatter kam zu einem anderen / und sprach: Ich bin der Welt abgestorben. Der andere aber sagte ihm: Vertraue nicht auff dich selbsten / so lang du lebest. Dann wann du schon sagst / du seyest gestorben / so thut dannoch der Teuffel mit seinen tausenderley Künsten noch immerdar leben.
Abbas Sisois, cum sedens, præsente fratre altero, factus esset in exstasi, et altero audiente nesciens suspirasset, cœpit pœnitere, ac dicere: Indulge mihi, frater, exposco; necdum enim me cognosco esse monachum, quia audiente altero suspiravi. Quoties autem in oratione senex idem stans manus suas erexit ad cœlum, cito deponebat manus, propterea, si alter præsens esset, ne hoc ipsum illi pro laude constaret.
Als der Abt Sisoius einsmals in Gegenwart eines anderen Bruders verzuckt war / und vor demselbigen unwissend laut geseufftzet hatte / da thäte er hernach den Bruder um Verzeihung bitten / und sprach: Ich bitte dich / mein Bruder / verzeihe es mir / jetzt erkenne ich erst / daß ich noch kein rechter Münch bin / dieweilen ich in Gegenwart eines anderen geseufftzet hab. Und so offt dieser H. Mann beym Gebet seine Händ auffhebte / und ein anderer darzu kam / so liesse er die Händ gleich wiederum sincken / damit er nicht vielleicht dessentwegen gelobt wurde.
Quidam senex habitabat in inferioribus partibus Ægypti, et sedebat quiescens. Unus autem sæcularis religiosus ministrabat ei. Contigit autem ut filius sæcularis infirmaretur. Multis ergo precibus postulabat senem, ut veniret ad domum suam, et faceret orationem pro infante. Exsurgens vero senex, ambulabat cum eo. Ille autem præcessit, et ingressus in domum suam, dixit: Venite in occursum anachoretæ. Quos cum senex vidisset a longe egressos cum lampadibus, sensit quod ad se venirent; et statim despolians se vestimenta sua misit in fluvium, et cœpit lavare stans nudus. Ille autem qui ministrabat ei, videns hæc erubuit. Et rogabat homines, dicens: Revertimini, senex enim noster sensum perdidit. Et veniens ad eum, ait illi: Abba, quid est hoc quod fecisti? Omnes enim qui te viderunt dixerunt: Quia dæmonium habet senex. Cui ille: Ego vero volebam hoc audire.
Ein Alt-Vatter wohnte in dem Untern Egyptenland / und lebte gantz still und ruhig. Ein weltlicher und gottseeliger Mann aber der diente demselbigen / und brachte ihm die leibliche Nahrung. Nun begab es sich / daß diesem Mann sein Sohn erkranckte. Derowegen gienge er zu dem besagten Alt-Vatter / und hielte mit vielem Bitten und Beten bey ihm an / daß er in sein Hauß kommen / und für das Kind beten wolte. Endlichen gieng der Alt-Vatter mit ihm fort. Der Mann aber lieffe etwas voran / er kam in sein Hauß / und ermahnte die Leuth / daß sie diesem Einsidler entgegen gehen wolten. Als aber der Alt-Vatter die Leuth von weitem sahe ihme mit Amplen und Liechtern entgegen kommen / und vermerckte / daß diese Ehr auff ihn angesehen wäre / da zog er sich nackend aus / er lieffe dem Bach zu / und fienge an seine Kleider zu waschen. Nachdeme nun der gute Mann / der ihm diente / dieses sahe / da schämte er sich für ihn / und sprach zu den Leuthen: Daß sie nur wieder umbkehren wolten / dann es muß / sprach er / dieser Alte von seinen Sinnen kommen seyn. Er aber gienge zu ihm hin / und fragte: mein Vatter / warum habt ihr diß gethan? Jederman / der dieses sahe / redet euch übel dessentwegen / und sagte: Dieser Alte muß mit dem Teuffel besessen seyn. Ist recht / sprach der Einsidler / eben das ists / was ich gesucht hab.
Item alia vice volebat eum aliquis videre ex judicibus, et præcesserunt clerici, dicentes ei: Abba, præpara te, quoniam judex audiens opera tua veniet ad te, benedici cupiens a te. Ille autem dixit: Ita faciam, ego præparabo me. Vestitus ergo lebetone suo, et tollens panem et caseum in manibus, adscendit in portam, et divaricatis pedibus sedens, cœpit manducare. Veniens autem cum officio suo judex, et videns eum, dixit: Iste est anachoreta de quo talia audiebamus? Et contemnens eum, ita discessit.
Ein andersmal verlangte den bemeldten Alt-Vatter / einer aus den Richtern zu besuchen / derowegen lieffen die Geistliche voran / und sprachen: Vatter / rüstet euch / dann der Richter hat von euren Wercken gehöret / und kommt gleich jetzo daher / den Segen von euch zu empfangen. Ist gar recht / antwortete der Alt-Vatter / ich will mich gleich gerüstet haben. Darauff gienge er hin / und legte seinen leinenen Rock an / er nahme Käß und Brod in die Hand / und setzte sich mit über einander geschlagenen Füssen unter die Hauß-Thür / und thäte dapffer darauff essen. Als aber der Richter mit seinen Beampten dahin kam / und dieses sahe / da sprach er: Solle dann dieser derjenige fürtreffliche Einsidler seyn / von welchem wir so viel gehöret haben? Darauff thäten sie samtlich den Alt-Vatter verachten / und kehrten wiederum nacher Hauß.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden