Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)
Wider den Geist der Traurigkeit, der Verzweiflung bewirkt
Contra spiritum tristitiæ, qui desperationem facit.Das XI. Capitel. Von dem Geist der Traurigkeit / welcher endlich ein Verzweiflung verursachet.
Abbas Arsenius dixit: Non coctus laterculus, si missus in fundamentum fuerit prope fluvium, neque uno die sufferre poterit; si autem bene fuerit coctus, permanet tanquam lapis. Sic et homo non coctus neque inflammatus, secundum quod de Joseph dictum est, Eloquium Domini inflammavit eum, mox in principio carnalis cogitationis dissolvitur.
Der S. Abt Arsenius pflegte zu sagen: Wann ein ungebrennter Ziegelstein zu dem Fundament eines Gebäus / welches an dem Wasser ligt / gebraucht wird / so wird derselbige nicht wohl einen gantzen Tag außdauren: Hingegen / wann einer wohl gebrennt ist / so wird er so wohl als die andere Stein halten. Ebnermassen wird derjenige Mensch / welcher nicht wohl gebachen / und mit dem seeligen Joseph / nicht durch das Wort des HErrn / und im Feuer / wie die Schrifft sagt / bewährt worden / gleich anfangs von den fleischlichen Gedancken erweichet und überwunden werden.
Idem requisitus ab altero fratre dicente: Si peccavero, etiam in quocunque minuto peccato, et consumit me cogitatio mea, et arguit me, dicens: Quare peccasti? quid faciam? Respondit senex: Quacunque hora ceciderit homo in culpam, et dixerit ex corde: Domine Deus, peccavi, indulge mihi; mox cessabit cogitationis vel tristitiæ illa consumptio.
Eben denselbigen H. Vatter Arsenium fragte ein Bruder / und sprach: Wann ich sündige / und nur ein kleine und geringe Sünd begangen hab / so lassen mir meine Gedancken dieser Sünd halber kein Ruhe / sondern sie rupffen mir immerdar für / warum hast du diß gethan? was muß ich nun in dieser Sach thun / und anfangen? Hierauf gab ihm der S. Mann die folgende Antwort: Wann der Mensch in ein Sünd fallet / und aber wiederum von Hertzen zu GOTT rufft / und sagt: Mein HErr / und mein GOtt / ich hab gesündiget / verzeihe mir; so werden ihn alsobald solche unruhige und traurige Gedancken verlassen.
Dicebat autem abbas Pimenius de abbate Isidoro, quia solus ille se cognovisset. Nam quoties illi dicebat cogitatio sua: Quia magnus es, tunc et ipse respondebat sibi: Nunquid talis qualis Antonius, aut certe abbas Piamon, vel reliqui Patres qui Deo placuerunt? Quoties ergo hæc cogitabat, requiescebat. Quando vero inimicus, conturbans eum, suggerebat ei desperationem et pœnam, dicens: Quoniam post hæc omnia iturus es ad tormenta, dixit ipse: Quia quamvis ego in tormenta mittar, tamen vos subtus me invenio.
Von dem H. Abt Isidoro bezeugte der Alt-Vatter Pimenius / daß er sich selbst auff das beste erkennt habe. Dann wann ihn seine Gedancken hoffärtig und groß machen wolten / da sprach er zu sich selbsten: Du bist gewiß dem H. Antonio / dem S. Abt Piamon / und anderen heiligen Vättern / welche GOtt dem Allmächtigen gefallen haben haben / zu vergleichen? und auff diese Weiß konte er die böse Gedancken vertreiben. Wann ihn aber der Teuffel mit Kleinmüthigkeit und Verzweifflung versuchte / ja ihm gar die höllische Pein fürbildete / und sprach: in Dhöll must: Da antwortete der S. Isidorus: Wann ich schon in die Höll hinunter muß / so wirst du Teuffel dannoch noch unter mir drunten seyn.
Abbati Moysi frequenter apparuerunt spiritus maligni, dicentes: Vicisti nos, et nihil tibi possumus facere; quoniam quoties per desperationem humiliare te volumus, exaltaris; quoties te exaltare, ita te humilias, ut nullus de nobis accedat ad te.
Dem H. Abt Moysi thäten die Teuffel gar offt erscheinen / und sagen: Moyses du hast uns überwunden / und wir können dir nit zu: Dann so offt wir dich mit einer Verzweiffelung unterdrucken und demüthigen wollen / so schwingst du dich empor; wann wir dich aber wollen hoffärtig machen / so thust du dich dermassen demüthigen / daß keiner unter uns zu dir in die Nähe hinzu darff.
Cum quidam ad abbatem Sisoium frequenter talem sermonem requireret, Quid faciam, Pater, quoniam cecidi? Ille respondit: Surge. Et surrexit. Et iterum se cecidisse professus est. Ait senex: Et iterum surge. Cum autem frater frequenter se cecidisse narraret, eodem senex utebatur sermone, exclamans: Non cesses surgendo, fili. Cui frater: Usquequo possum surgere, Pater, explana. Ait senex: Quousque aut in bono opere, aut in malo deprehensus, occumbas. In quo enim opere deprehensus fuerit homo, judicabitur.
Als ein Bruder den Abt Sisoium gar offt fragte / und sagte: Mein Vatter / was muß ich thun / dann ich bin gefallen? da gab ihm der Alt-Vatter zur Antwort: Du must halt wieder auffstehen. Und das thäte der Bruder. Bald aber kam er wieder / und bekennte / daß er abermal gefallen wäre. So must du dann / antwortete Sisoius / wiederum auffstehen. Sintemalen aber der gute Bruder bekennte / daß er schon gar zu offt gefallen / und wiederum auffgestanden wäre: Als sprach der Alt-Vatter wie zuvor / und überlaut: Mein Sohn / stehe dannoch auff. Als ihn aber der Bruder fragte: Wie lang dieses Fallen und dieses Auffstehen noch dauren könte? Da sprach er: Biß dich der Tod entweder im guten oder bösen Stand ertappet. Und wie der Mensch erfunden wird / also wird er gerichtet werden.
Item dixit: Qui laborat, et arbitratus se fuerit aliquid facere, recipit hic mercedem suam.
Eben derselbige pflegte auch zu sagen: welcher zwar fleissig arbeitet / ihm selbsten aber etwas darbey einbildet / der thut seinen Lohn auff dieser Welt empfangen.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden