Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Wider die Geldliebe, und von der vollkommenen Entsagung

Contra philargyriam, et de perfecta abrenuntiatione.Das II. Capitel. Von dem Geitz / und der gäntzlichen Verlassung aller zeitlichen Dingen.

1

Quidam juvenis volebat abrenuntiare mundo, et frequenter eum egressum de domo sua revocabant cogitationes involventes plurimis negotiis; erat enim dives valde. Uno die egresso eo, hostes immundi circumdederunt eum, et multum pulverem excitaverunt ante illum. Ille vero confestim exspolians se et jactans vestimenta sua, currebat nudus ad monasterium. Declaravit autem Deus uni seni, dicens: Surge, et suscipe athletam meum. Surgens ergo senex, obviavit illi nudo; et cognoscens causam, admiratus est, et dedit illi habitum monachalem. Quando autem aliqui veniebant ad senem requirere de cogitationibus variis, instruebat eos de abrenuntiatione mundana, et dicebat: Illum fratrem requirite, qui nec indumenta sui corporis servavit, quia ego ad mensuram renuntiationis istius necdum perveni.

Ein Bruder war Vorhabens der Welt abzusagen / und als er zu unterschiedlichen mahlen eben jetzo das Werck fürnehmen / und darvon gehen wolte / da thäten ihn seine Gedancken / jederzeit wiederumb zurück ruffen / und mit allerley Geschäfften verwicklen; dann er über die maassen reich war. Eines Tags da er wiederumb fort gehen wolte / thäten ihm die bösen Geister umbgeben / und vor seinen Augen ein grausamen Staub erwecken. Er aber zoge alsobald seine Kleider auß / er warffe dieselbige von sich / und thäte nackend und bloß / dem Kloster zulauffen. Dieses offenbahrte unterdessen GOTT der Allmächtige / einem Alt-Vatter / und sprach: Mache dich auff / und empfange meinen Kämpffer. Derowegen lieffe der Alt-Vatter hinauß dem Jüngling entgegen: und als er sein Vorhaben verstanden hatte da verwunderte er sich zum höchsten / und thäte ihm das geistliche Kleid anlegen. Wann aber hernach die Brüder zu diesem Alt-Vatter kamen / sich bey ihm ihrer Gedancken halber zu befragen / da thäte er dieselbige auffs beste unterrichten / wann sich aber von der Verlassung der Welt die Red gab / da sprach er: Hiervon fragt diesen meinen Bruder / welcher auch so gar kein Kleid am Leib behalten hat / dann ich meines Theils / bin in dieser Sach so hoch noch nicht kommen.

2

Dicebat autem Paulus abbas Galata: Si aliquas res voluerit monachus in cella sua habere præter eas sine quibus non potest vivere, frequenter cogitur e cella egredi, et ita a dæmonibus prævaricatur ac decipitur. Hic autem ipse Paulus in una quadragesima cum sextario lentis et parvo vasculo aquæ perduravit, et unam mattulam faciens, eamdem texebat et retexebat, ne tantummodo foras exiret.

Der Sel. Abt Paulus / ein Galater / pflegte zu sagen: Wann ein Münch etwas anders in seiner Cellen wird haben / als nur diejenige Ding / ohn welche der Mensch nicht leben kan / so wird er öfftermahlen müssen außgehen / und also von dem Teuffel verführet werden. Eben dieser Paulus thäte sich einsmahls die gantze viertzigtägige Fasten hindurch / mit einem sechs-theil Linsen / und einem kleinen Geschür voll Wasser behelffen / er machte ihm auch selbst eine Matten oder Decke / die flochte er etlich mahl auff / und wieder zu / nur damit er nicht draussen herumb lauffen muste.

3

Quidam frater requisivit senem, dicens: Fac, abba, charitatem, et dic mihi sermonem, quid debeam in juventute congregare, ut habeam illud in senectute. Respondit senex: Aut Christum adipiscere, et cogita de te; aut certe pecuniam, ne mendices; ergo tuum est eligere aut Dominum Deum, aut mammonam.

Ein Bruder ersuchte einen Alt-Vatter / und sprach: Mein Vatter / erzeig mir die Liebe / und sage mir was soll ich in meiner Jugend einsamlen / das mir nachmahlen in meinem Alter nutzlich seyn kan? diesem gab der Alt-Vatter zur Antwort: befleisse dich entweder Christum zu erlangen / und für dein Seel zu sorgen: oder aber samle Geld zusammen / damit du nicht bettlen müssest: jetzt magst du meinet halb GOTT den HErrn / oder aber die Reichthum außerwöhlen.

4

Frequenter abbas Agathon suum discipulum commonebat, dicens: Ne aliquando tale aliquid tibi acquiras, quod fratri te petenti dare pigeat, et per hoc inveniaris mandata Dei transgrediens. Qui petit, da ei; et volenti a te mutuari, ne avertaris.

Gar offt und viel ermahnte der Abt Agathon seinen Jünger / und sprach: Thue dich umb nichts solches bewerben / welches du vielleicht deinem Bruder möchtest abschlagen / wann ers von dir entlehnen wolte / damit du nicht also den Befelch deines Heylands übertrettest / welcher sagt: Gibe aber einem jeglichen der dich bittet: Und wende dich nicht ab von demjenigen / welcher von dir entlehnen will.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden