Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)
Dass der Mönch über nichts trauern soll, was er verloren hat
Nihil dolendum monacho, si quid perdiderit aut amiserit.Das III. Büchlein. Ein Münch solle sich keinen zeitlichen Verlust bekümmern lassen
Abbas Macarius dum esset in Ægypto, et egressus fuisset de cella sua, regressus invenit quemdam latronem furantem id quod in cella sua haberet. Stetit ergo et ipse tanquam peregrinus, et carricavit animal cum illo; et cum magna patientia deduxit eum, dicens: Nil intulimus in hunc mundum: Dominus dedit, Dominus abstulit, sicut illi placuit, ita factum est, benedictus Dominus in omnibus.
Der Abt Macarius wohnte in Egypten / und verreysete einsmahls von seiner Cellen / als er aber wieder heim kam / da fande er einen Dieb / welcher ihm all sein Armuth eben damahlen thäte stehlen / und außtragen. Der H. Macarius stellete sich damahlen nicht anderst / als wann er gantz frembd wäre / und halffe dem Dieb sein Maulthier laden: er thät ihm auch fort helffen / und sprach bey sich selbsten: Nichts haben wir auff diese Welt gebracht: der HErr hats geben / der HErr hats genommen / wie es ihm gefallen hat / also ist es geschen: der HErr sey gebenedeyt umb alles.
Quidam frater vicinus cujusdam magni senis, occulte ingrediebatur cellam ejus; et quidquid habebat senex, furabatur. Cum autem videret senex, non illum arguebat, sed amplius operabatur, dicens: Puto, frater ille necessarius est. Habebat ergo senex grandem tribulationem ex penuria panis. Cum autem moriturus esset, et circumdedissent eum illi fratres, ille cum vidisset illum fratrem qui solebat illi furari, dicit ei: Accede huc ad me, frater. Et apprehendens manus ejus, osculatus est eas, dicens: Gratias ago manibus istius fratris, quia propter eum arbitror me iturum in regnum cœlorum. Ille autem compunctus, et agens pœnitentiam, factus est et ipse strenuus monachus, ex actibus suis quos vidit.
Ein Bruder / welcher sein Wohnung nicht weit von einem fürnehmen Alt-Vatter hatte / gienge demselbigen öfftermahl heimlich in sein Cellen / und thät ihm sein Armuth stehlen. Und ob schon der Handel dem Alt-Vatter nicht unbekant war / so wolt er ihm doch sein Ubelthat nicht verweisen / sondern er arbeitete desto mehr / und sprach: Meines Gedünckens ist dieser Bruder gantz arm und nothdürfftig. Es hatte aber der gemeldte Alt-Vatter selbsten am Brod gar grossen Mangel. Als er nun sterben wolte / und würcklich alle Brüder umb ihn herumb stunden / da erblickte te er unter andern auch denjenigen Bruder / welcher ihm so offt sein Säckle gestohlen hatte / und sprach zu ihm: Komme her / mein Bruder. Und als derselbige hinzu gieng / da nahm er ihn bey den Händen / er küssete dieselbige / und sprach: Ich sage Danck den Händen dieses Bruders / und umb seinet wegen verhoffe ich das Himmelreich zu erlangen. Hierauff gienge der verstockte Bruder in sich selbsten / er thäte Buß / und wurde durch die That dieses Alt-Vatters zu einem dapffern Menschen.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden