Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Von der Gottesfurcht

De timore Dei.Das XXI. Capitel. Von der Forcht GOttes.

1

Abbas Piemon requisitus a fratre quemadmodum anima resisteret, et timere Deum non vult. Et respondit senex: Anima quidem vult timere Deum, sed necdum tempus est. Timor enim Domini, magna perfectio est.

Ein Bruder fragte den Abt Piemon / warumb doch die menschliche Seel so widerspenstig wäre / und sich so ungern zu der Forcht GOttes bequemen thäte? disem gabe der bemeldte Alt-Vatter zur Antwort: Die Seel verlanget zwar die GOttes-Forcht / aber es ist noch nicht Zeit. Dann die Forcht deß HERRN ist ein grosse Vollkomenheit.

2

Quidam frater a sene requisivit, dicens: Quomodo timor Dei venit in animam? Et ait senex: Si quis prius humilitatem possederit, ut neminem judicet vel condemnet, vel largitor sit eleemosynarum, et ut nihil habeat, tunc venit timor Dei in animam.

Ein Bruder fragte einen Alt-Vatter / und sprach: Mein / wie muß der Mensch zu der Forcht GOttes gelangen? Hierauff antwortete der Alt-Vatter: Wann der Mensch die Demuth hat / niemand urtheilt / und verdammt / auch gern Allmusen gibt / und die heilige Armuth liebet / so wird er auch endlich die GOttes-Forcht bekommen.

3

Dixit senex: Timor, et humilitas, et egestas victualium maneant in te.

Ein anderer Alt-Vatter pflegte zu sagen: GOttes Forcht und Demuth / Mangel und Abgang der Lebens Mittlen / sollen jederzeit bey dir seyn.

4

Frater quidam interrogavit senem, dicens: Unde est, abba, cor meum durum, et non timet Deum? Dixit ei senex: Puto quod si homo teneat increpationem in corde suo, possideat timorem Domini. Dixit ei frater: Quid est increpatio? Ait senex: Ut in omni re increpet homo animam suam, dicendo ei: Memor esto, quoniam oportet te Deo occurrere. Dicit autem et hic: Quid ego volui cum homine? Existimo autem quia si quis in his permanet, veniet ei timor Dei.

Ein Bruder fragte einen Alt-Vatter / und sprach: woher kommt es / mein Vatter / daß ich ein so hartes Hertz hab / und GOtt den Allmächtigen so wenig fürchte? diesem antwortete der Alt-Vatter: ich vermeyne / wann der Mensch die Bestraffung seiner selbst an sich habe / so werde er auch die Furcht GOttes bekommen. Als ihn aber der Bruder fragte: worinnen dann diese Bestraffung bestehe? da sprach er: In deme daß sich der Mensch selbst in allen Dingen zu Red stelle / und seiner Seel sage: Gedencke daß du GOtt dem Allmächtigen müssest Rechnungschafft geben. So spreche auch bey dir selbsten: was will ich mit dem Menschen anfangen? und meines Erachtens / wann einer dieses beobachtet / so wird ihm die Furcht GOttes nicht außbleiben.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden