Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Dass ein Mensch, der im bloßen Vorsatz der Buße stirbt, dennoch angenommen wird

Quod et in proposito pœnitentiæ si transeat homo, tamen suscipiatur.Das XXIV. Capitel. Meldet / daß auch nur der Vorsatz / Buß zu thun / wann der Mensch zuvor sterben solte / von GOtt dem Allmächtigen auff- und angenommen werden.

1

Venit quidam frater ad abbatem Pimenium, dicens, quod grandem tribulationem passus esset. Dicit ei senex: Fuge de loco illo, quantum tribus diebus et tribus, noctibus ambulare potes; et fac annum integrum, jejunans usque ad noctem. Cui ille: Si mortuus fuero antequam unus annus transeat, quid de me fiet? Dixit abbas Pimenius: Confido in Deum quia si tu cum tali proposito a me fueris egressus, ut hoc facias, etiam si mox mortuus fueris, cum desiderio bono suscipietur pœnitentia tua apud Deum.

Ein Bruder kam zu dem Abt Pimenio / und klagte demselbigen / daß er in ein schwere Versuchung gefallen wäre. Ihm aber gabe der Alt-Vatter diesen Rath: Lauffe von demselbigen Orth / in welchem du ein solche Anfechtung erlitten hast / so weit hinweg / als du in dreyen Tägen und Nächten lauffen und kommen kanst: und faste ein gantzes Jahr alle Tag biß auff den Abend. Als ihn aber der Bruder fragte: Wann ich vor Außgang deß Jahrs solte sterben / wie wird es alsdann meiner Seel ergehen? da gab ihm der Sel. Pimenius zur Antwort: Ich vertraue auff GOTT den Allmächtigen / wann du in diesem Vorsatz / besagter maassen Buß zu thun / von mir hingehen werdest / wann du auch gleich darauff sterben soltest / so werde dannoch dein guter Will zu büssen / von GOtt dem HErrn auff- und angenommen werden.

2

Quidam frater sedebat in cella sua in Ægypto: in magna humilitate præcipuus, et habebat sororem in civitate meretricem, quæ multis animabus perditio fuerat. Frequenter autem insultabant senes fratri illi, et vix potuerunt persuadere illi, ut veniret ad illam, quatenus per admonitionem ejus posset peccatum quod per eam fiebat evincere. Cum ergo venisset ad locum, quidam ex notis ejus videns eum, præcessit et nuntiavit illi, dicens: Ecce frater tuus venit ad te. Illa autem præ gaudio relictis amatoribus suis, quibus ministrabat, capite discooperto ad occurrendum fratri egressa est. Dum ergo tentaret eum amplecti, dixit ei: Soror mea charissima, parce animæ tuæ, quoniam propter te multi pereunt, et quemadmodum poteris sufferre amara illa et æterna tormenta? Illa autem contremiscens, dixit ad eum: Scis, frater, quia est mihi salus vel amodo? Cui ille: Si volueris, est salus. Illa autem jactans se ad pedes fratris, petebat ut eam secum duceret in desertum. Cui frater: Vade, cooperi caput tuum, et sequere me. Cui illa: Eamus. Oportet me enim deformari inter homines nudo capite deambulantem, quam in officinam peccati mei iterum ingredi. Dum vero pariter ambularent, monebat eam ad pœnitentiam. Videns autem quia quidam obviarent sibi, dixit ei: Quoniam non omnes sciunt quod soror mea es, parum de via secede, donec transeant. Et post, transgressis illis, vocavit eam, et dixit: Eamus, soror, viam nostram. Illa autem non respondente, perquirens invenit eam mortuam, et vestigia pedum ejus sanguine plena, erat enim discalceata. Cum autem senibus renuntiasset factum, contendebant inter se de salute ejus. Manifestavit autem Deus uni seni de ipsa, eo quod nulla cura fuit illi in itinere de corporali usu, sed vulnus proprium neglexit, et suspiravit in tam grandi perditione, ideo pro devotione cordis ejus suscepit Deus pœnitentiam ejus.

Ein Bruder wohnte in Egypten welcher in der Demuth sehr groß / und fürtrefflich war / nun hatte er ein Schwester / welche in der Stadt / ein gemeines Huren-Leben führte / und viel Seelen in das Verderben stürtzte. Die Alt-Vätter ermahnten diesen Bruder zum öfftern / (und könten ihn doch schwerlich dahin bereden) daß er zu ihr hingehen / sie durch seine Ermahnung gewinnen / und soviel Schand und Laster verhüten wolte. Als er endlichen sich dahin begab / und von einem Bekanten erkennt ward / da lieffe derselbige gleich vorhin / er brachte seiner Schwester die Bottschafft / und sprach: Siehe dein Bruder kommt zu dir auß der Wildnüß daher / dich zu besuchen. Als sie dieses hörte / da lieffe sie gleich ihre Buhler und Liebhaber sitzen / und lieffe mit blossem Haupt ihrem Bruder entgegen. In dem sie ihn aber sahe / und umfangen wolte da sprach er: Mein allerliebste Schwester / verschone doch deiner eignen / und andern Seelen / welche umb deinet Willen zu Grund gehen / und mein umb GOttes Willen / wie wilst / und wie wirst du einmahl / die bittere und ewige Peinen der Verdammnuß können außstehen? über diese Wort fiengen sie an zu zittern / und sprach: Weist du / mein Bruder / daß ich noch jetzo Gnad und Verzeyhung könne erlangen? Ja / mein Schwester / antwortete er / du kanst noch Gnad erwerben / wann du nur selbsten wilt. Auff diese Antwort warffe sie sich zu seinen Füssen / und batte ihn / daß er sie doch mit sich in die Wüste nehmen wolte. So gehe dann hin / sprach der Bruder / bedecke zuvor dein Haupt / und folge mir nach. Sie aber sagte ihm: lasse uns alsobald gehen / mein Bruder / dann es ist besser / daß mein Angesicht schwartz und heßlich werde / und daß ich mit blossem Kopff unter den Leuthen herumb gehe / als daß ich in die Werckstatt meiner Sünd und Lastern / noch einmahl soll hinein gehen. Derowegen giengen sie mit einander fort / und im Hingehen / thäte sie ihr Bruder noch mehrer zur Buß ermahnen. Dieweilen er aber einsmahls auff der Strassen sahe / daß ihnen etliche Brüder thäten entgegen kommen / als sprach er zu seiner Schwester: Es weiß nicht jederman / daß du mein Schwester bist / derowegen gehe ein wenig von dem Weg / und auff ein Seithen / biß daß diese Brüder für über seynd / und dieses thäte sie. Als nun die Brüder vorbey waren / da ruffte er ihr / und sprach: komme / mein Schwester / wir wollen weiters unsern Weg fort setzen. Sie aber wolte ihm kein Antwort geben / er suchte sie derowegen selbsten / und fande sie endlichen todt auff der Erden ligen / und sahe daß die Fußstapffen / welche sie gemacht hatte / gantz blutig waren / dann sie ware barfuß / biß dahin gereyset. Der gute Bruder / welcher gantz hierüber betrübt ward / thäte nachmahlen den gantzen Handel / den andern Vättern / mit heulen und weinen erzehlen / sie aber redten von ihrem Tod sehr unterschiedlich. Nun aber thäte GOTT der Allmächtige einem Alt-Vatter offenbahr machen: Sintemahlen sie sich aller leiblichen und zeitlichen Sorgen entschlagen / und die Wunden ihrer Füssen nichts geachtet / sondern auß ihrem üblen Stand so hertzlich zu GOTT geseufftzet hat / als ist ihr Buß von GOTT dem HErrn auff- und angenommen worden.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden