Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Von der Mühe der Heiligen

De labore sanctorum.Das XXVIII. Capitel. Von dem mühseligen Leben der Heiligen.

1

Quidam senex dixit: Usque tunc laboret homo, usquequo possideat Christum. Qui autem semel illum adeptus fuerit, jam non periclitatur. Permittitur tamen laborare, rememorans tribulationem laboris, undique semetipsum custodiat, timens ne tantos labores amittat. Nam et filios Israel ideo Deus per desertum quadraginta annis circumduxit, ut rememorantes viæ tribulationem, nollent redire retrorsum.

Ein alter Einsidler spricht also: So lang und viel muß der Mensch arbeiten / biß er Christum den HErrn besitzet. Derjenige aber / welcher Christum erlangt hat / der wird nachmahlen nicht mehr zu Grund gehen. Nichts destoweniger muß er noch jederzeit arbeiten / damit er in Erinnerung seiner Arbeit und Trübseligkeit / sich desto besser beobachte / und sein grosse Mühe nicht verliehre. Und eben darumb hat GOTT der Allmächtige die Kinder Israel viertzig Jahr in der Wüste herumb geführet / damit sie in Erinnerung deß mühseligen Reysens / nimmermehr solten zurück gedencken.

2

Quidam frater requisivit senem: Quemadmodum laborant postulantes de remissione peccatorum? Respondit senex: Antequam perveniat in eos gratia quæ operetur pro labore ipsorum, ipsi pallidi et in labore sunt; super quos vero ex priori patientia jam gratia Christi pervenit, isti florent, et exsultant animæ eorum, et facies eorum clara est sicut sol, cum nubes non habet, et lucet; quando vero sol nube cooperitur, pallescit; sic et anima, quando passiones eam et tentationes obscurant. Quæ autem per gratiam Dei mundata est, ita fulget sicut scriptum est: Magna est gloria ejus in salutari tuo.

Ein Bruder fragte einen Alt-Vatter / sprechend: Mein / wie bearbeiten sich diejenige welche die Verzeyhung ihrer Sünden von GOTT dem HERRN begehren? diesem gabe der Alt-Vatter zur Antwort: ehe und bevor sie die Gnad GOttes wieder erlangen / welche mit ihnen würcket / so seynd sie bleich / und leben in grosser Mühseligkeit: diejenige Seelen aber / welche in Ansehung ihrer vorigen Gedult / würcklich die Gnad GOttes wieder erlanget haben / die blühen / die frolocken / und glántzen wie die Sonnen / wann kein Nebel oder Wolcken enthalten ist. Dann gleich wie die Sonn durch dergleichen Ding bleich und verduncklet wird: gleicher gestalten wird die Seel durch die böse Anmuthungen und Versuchungen verfinstert. Diejenige Seel aber / welche durch die Gnad GOttes wiederumb ist gereiniget worden / dieselbige leuchtet und glántzet / und groß ist ihr Ehr in deinem Heyl / maassen es die heilige Schrifft bezeuget.

3

Item dixit: Qamvis laborent hic sancti viri, tamen et aliquam requiem possident, quoniam liberi sunt a cogitationibus hujus mundi.

Eben derselbige hat auch gesagt: Ob schon die heilige Leuth auff dieser Welt / grosse Mühe und Arbeit haben / so seynd sie doch zum theil auch ruhig darbey / dieweilen sie nehmlich von den weltlichen Gedancken und Sorgen befreyt seynd.

4

Quidam frater requisivit a sene, dicens: Quemadmodum nunc laborantes in conversationibus viri, non accipiunt gratiam sicut antiqui? Ait enim senex: Tunc erat charitas, et unusquisque proximum suum sursum trahebat; nunc vero postquam charitas refriguit, singuli proximos suos ad inferiora deducunt; et ideo gratiam Dei non merentur.

Ein Bruder fragte einen Alt-Vatter / und sprach: Warumb thun diejenige Männer / welche sich jetzo im geistlichen Leben und Wandel üben / kein solche Gnad mehr von GOTT dem HErrn empfangen / wie die vorige Alt-Vätter? dieser bekam die folgende Antwort: Vor Zeiten ware noch ein Liebe zu finden / und ein jeglicher suchte seinen Nechsten übersich zu ziehen: jetziger Zeit aber / nachdem die Liebe erkaltet ist / ziehet ein jeglicher seinen Nechsten nur unter; und eben dahero thun wir kein solche Gnad mehr von GOTT dem Allmächtigen empfangen.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden