Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Dass man die Ehre des geistlichen Standes fliehen soll

De fugiendo clericatus honorem.Das XXXIII. Capitel. Lehret / daß man die Ehr des Priester-Stands fliehen solle.

1

Abbas Theodorus, cum esset in Scythi diaconus ordinatus, nullatenus permanere acquiescebat, sed multis locis fugiebat. Et iterum senes reducebant eum, dicentes: Ne derelinquas locum tuum. Quibus ille ait: Permittite me deprecari Deum, si me jubet ministrare loco meo. Et oravit sic: Domine, si voluntas tua est, ut in ordinatione mea persistam, ostende mihi. Et ostensa est illi columna ignea, a terra usque ad cœlum pertingens, et vox ad eum: Theodore, si potes fieri sicut columna ista, vade et ministra. Sufficit quod levitis et sacerdotibus per Moysen dictum est, ut mundo corde et corpore, innoxiis manibus et vestimento mundissimo, pro filiis Israel offerrent sacrificia. Quod ille audiens ultra nullatenus acquievit. Sed cum venisset in ecclesiam, deprecabantur eum, ut si non ministraret, vel calicem teneret. Qui non acquievit, dicens: Si mihi de hac re amplius verbum feceritis, discedo hinc: et sic eum dimiserunt.

Als der Abt Theodorus in der Wildnus Scythi / zu einem Diacon / oder Evangelier geweyht wurde / da wolte er diese Würde nit annehmen / sondern er nahm die Flucht bald da / bald dort hin. Es führten ihn aber die Vätter jederzeit wiederum heim / und sprachen ihm zu: Daß er doch sein Geistliches Ampt verrichten wolte. Endlichen aber gab ihnen Theodorus zur Antwort: Lasset mich nur gehen / und zuvor GOtt den Allmächtigen ersuchen / ob es sein Will seye. Drauff ruffte er GOtt den HErrn an / und sprach: Mein GOTT / wann es dein Will ist / daß ich das Ambt eines Evangeliers vertretten solle / so gib mir dessen ein Zeichen. Und alsbald wurde ihm ein feurige Säul gezeiget / welche von der Erden biß in den Himmel hinauff reichte / und darbey hörte er diese Wort: Theodore / wann du kanst seyn und werden / wie diese Säul / so gehe hin / und thue dein Ampt verrichten. Im übrigen ist es genug gesagt / daß GOTT der Allmächtige den Priestern und Leviten durch den Moysen hat lassen befehlen / daß ihr Hertz / ihr Leib / ihre Händ und ihre Kleider sollen rein seyn / wann sie das Opffer für die Kinder Israel thäten verrichten. Als der Abt Theodorus diß hörte / da erklärte er sich / das Ampt eines Diacons sein Lebtag niemalen zu verrichten. Und weilen ihn hernach die Vätter / als er in die Kirch kam / baten / daß er auffs wenigste den Kelch halten solte / da wolt er auch dieses nicht thun / sondern er gab ihnen einen kurtzen Bescheid / und sprach: Sagt ihr mir mehr ein Wort von dieser Sach / so gehe ich von dannen: Und also musten sie ihn endlich mit fried lassen.

2

Abbas Isaac audiens, quia presbyterum eum Patres volebant facere in Scythi, fugit in Ægyptum; et ingressus in agrum, latuit inter herbas. Contigit autem ut Patres, qui sequebantur eum, in eodem agro requiescerent quia jam nox erat, et dimiserunt asinum, ut pasceretur. Ille autem pervenit pascendo ad locum ubi latebat abbas Isaac. Et mane facto, quærentes asinum, invenerunt et senem; et mirati sunt. Cum autem vellent eum ligare, dicit eis: Jam non fugio, quia scio ex jussione Dei esse; et quocunque fugero, ad hoc perventurus sum.

Als der Abt Isaac hörte / daß ihn die Vätter in der Scythischen Wildnuß zu ihrem Priester wolten lassen weyhen / da nahm er die Flucht in Egypten: Und thäte sich allda auff einem Acker in dem Kraut und Gesträuß verbergen. Nun aber begab es sich / daß die Brüder / welche ihm nacheileten / eben allda ihr Nacht-Läger schlugen / ihre Esel aber liessen sie ungefehr dort herum weyden. Derselbige kame auch die folgende Nacht im hin und her weyden eben dahin / wo der Abt Isaac verborgen lag. Des Morgens / als die Brüder den Esel suchten / da fanden sie mit grosser Verwunderung auch den frommen Alt-Vatter Isaac. Als sie ihn aber wolten binden / damit er ihnen nimmer entrinnen möchte / da sprach er: Lasset mich nur gehen / ich begehr nit mehr zu fliehen / dann ich sihe wohl / daß es also der Will GOttes ist; und geb wo ich hinfliehe / so wird mir eben dieses wiederfahren.

3

Abbas Motois venit aliquando de loco qui vocatur Ragita, in partibus Gebilonis. Erat autem cum eo etiam discipulus ejus. Videns autem illum episcopus loci illius, tenens eum, invitum presbyterum fecit. Et dum pariter comederent, dicit ei episcopus: Indulge mihi, abba; scio enim quia hunc honorem nolebas, sed ego a te benedici desiderans, hoc facere præsumpsi. Cui senex pro humilitate ait: Et mea cogitatio parum volebat, sed in hoc laboro, quia dividi habeo a fratre qui mecum est, et solus non sufficio orationes meas implere. Dixitque ei episcopus: Si scis eum dignum, ordinabo et ego illum. Respondit abbas Motois: Si quidem dignus sit, nescio; unum tamen scio, quia melior est me. Ordinavit autem et illum. Uterque tamen ita permanserunt usque ad finem suum, ut ad altare, quantum ad oblationem sacrandam, nunquam accederent. Unde dicebat senex: Confido in Deum meum quia non habeo grande judicium propter ordinationem hanc, quia oblationem offerre non præsumpsi; nam ordinatio illorum est qui sine culpa sunt, justi et immaculati: ego autem me bene cognosco.

Der Abt Motois kam einsmals von Ragita in die Gegend Gebilonis / und hatte bey sich seinen Jünger. Nun ersahe der Bischoff desselbigen Orts diesen Alt-Vatter / derowegen hielte er ihn auff / und weyhte ihn zu einem Priester. Als sie aber hernacher mit einander assen / da sprach der Bischoff: Vatter / verzeih es mir: Dann ich weiß wohl / daß du diese Weyhung nit verlangt hast! Jedoch weilen ich verlangte von dir gesegnet zu werden / als hab ich mich dessen unterstanden. Hierauff antwortete der Alt-Vatter mit aller Demuth: Ja freylich stunden meine Gedancken nit dahin / dieses aber ist mir das beschwerlichste / daß ich von meinem Mit-Bruder solle abgesondert werden / und daß ich mein Gebet allein nit verrichten kan. Wann du weist / sprach der Bischoff / daß er es würdig ist / so will ich ihn auch zum Priester machen. Ob er es würdig seye oder nit / sprach Motois / das kan ich nicht sagen; aber dieses weiß ich / daß er besser ist als ich. Derowegen wurde auch sein Jünger zum Priester geweyhet. Und dannoch dürfften sich diese beyde ihr Lebtag niemalen unterstehen / daß sie das H. Opffer des Altars thäten verrichten. Dahero tröstete sich der gute Alt-Vatter selbs mit folgenden Worten: Ich vertraue auff meinen GOTT / daß ich dieser Weyhung halber kein schwere Verantwortung haben werde / dann ich mich niemalen erkühnet hab / das hochheilige Opffer des Altars auffzuopffern; dann dieses Ampt stehet nur denjenigen zu / welche gantz gerecht / unbefleckt / und unschuldig seynd; ich aber kenne mich selbsten am besten.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden