Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Von der Wüste, und warum sie in die Einsamkeit flohen

De eremo; et quare fugerunt in solitudinem.Das XXXIV. Capitel. Von den Wildnussen; und warum die Alt-Vätter in die Wüste geflohen seyen.

1

Abbas Arsenius ab abbate Marco requisitus est aliquando cur fugeret homines. At ille respondit: Scit Deus quia diligo homines, sed cum Deo pariter et hominibus esse non possum. Supernæ enim multitudines ac virtutes unius sunt voluntatis: homines vero et multas habent voluntates, et varias; et ob hoc Deum relinquere, et cum hominibus esse non possum,

Der Abt Marcus fragte einsmals den H. Arsenium: Warum er doch die Leuth solcher Gestalten thät fliehen? Ihme aber gabe der S. Arsenius zur Antwort: GOTT weist / daß ich die Menschen liebe / jedoch kan ich nicht zumal bey GOTT und den Menschen seyn. Zu deme so haben die himmlische Kräfften und Heer-Schaaren einerley Willen; die Menschen aber haben viel und unterschiedliche Willen: Und eben darum kan ich GOtt den Allmächtigen nit verlassen / und den Menschen anhangen.

2

Quidam fratres dum linum ex Thebaida pergerent comparare, dixerunt: Per occasionem beatum Arsenium videamus. Quod cum Daniel discipulus ejus ei nuntiasset, præcepit ut pro qua causa illic advenissent de Alexandria ab eis inquireret. Cum ergo nuntiasset quod propter linum pergerent comparandum, respondit Arsenius: Ergo faciem meam non videbunt, quia non propter me, sed propter suum opus advenerunt. Vade itaque, et susceptis eis fac obsequium, ac dimitte eos, dicens: Quia senex non potest vobis occurrere.

Etliche Brüder aus Thebaida / welche einen Flachs kauffen wolten / sprachen zu einander: Auff dem Weg können wir bey dieser Gelegenheit auch den H. Arsenium sehen. Als sie nun dahin gelangten / und von dem Jünger Daniele angemeldt wurde / da sprach der S. Arsenius / gehe hin und frag / warum sie von Alexandria daher kommen? Sintemalen ihm aber sein Jünger die Antwort brachte / daß sie um einen Flachs zu kauffen ausgereist wären: als sprach der S. Arsenius / so sollen sie eben darum mein Angesicht nit sehen / dann sie nit meinetwegen sondern ihrer Handelschafft halber daher kommen seynd. Gehe derowegen hin / nimme sie auff / und gib ihnen ihr Nothdurfft / schick sie aber hernacher nur wiederum hin / und sage: Daß ich für dißmal nit Zeit habe mit ihnen zu reden.

3

Abbas Besarion dum deambularet cum discipulo suo per eremum, venerunt ad quamdam speluncam. Et ingressi ibi, invenerunt fratrem sedentem, et funiculum operantem, qui neque respexit in eos, neque salutavit eos, neque aliud locutus est eis. Dixit ergo abbas Besarion ad discipulum suum: Eamus hinc, quia non vult hic senex loqui nobiscum. Et profecti sunt ad Joannem abbatem. Cum autem reverterentur, venerunt ad eamdem speluncam, et dixit abbas Besarion: Ingrediamur iterum ad hunc fratrem, si forte vel modo persuadeat illi Deus, ut loquatur nobiscum. Et cum ingressi fuissent, invenerunt eum mortuum. Et dixit discipulo suo: Veni, frater, componamus illum, quia propter eum Deus huc transmisit nos. Cum autem sepelirent eum, invenerunt quia mulier esset: et admirati sunt, et dixerunt: Quia magna misericordia Domini est, quia et mulieres colluctantur, et vincunt dæmonia. Et glorificantes Deum qui est protector omnium, ad propria redierunt, narrantes quæ viderant.

Der Abt Besarion / als er mit seinem Jünger durch die Wüste wanderte / kame zu einer Hölin. Sie giengen beyde hinein / und fanden einen Bruder allda / welcher einen Strick thäte flechten. Er sahe aber diese Frembdling gantz und gar nit an / er grüssete sie auch nit / und thäte gar nichts mit ihnen reden. Der Abt Besarion diß sehend sprach zu seinem Jünger: Lasse uns wieder hingehen / dann dieser Alt-Vatter hat nit Lust mit uns zu reden. Darauff reiseten sie fort zum Abt Joannes. Im Rückkehren kamen sie wieder zu dieser Hölin / der Abt Besarion aber sprach zu seinem Jünger: Lasse uns noch einmal zu dem Bruder hinein gehen / vielleicht wird ihm GOtt eingeben / daß er dißmal mit uns redet. Als sie nun hinein kamen / da fanden sie nichts als seinen todten Leichnam. Der Abt Besarion derowegen seufftzete / und sprach zu seinem Jünger: Komme her mein Bruder / wir wollen diesem sein letzt Recht anthun / dieweilen uns GOtt dessentwegen hiehero gesandt hat. Indeme sie aber den todten Leib begrabten / da erkennten sie / daß es ein Weibs-Bild wäre: Dessen verwunderten sie sich zum höchsten / und sprachen: Das ist lauter Barmhertzigkeit Gottes / daß sich auch die Weiber dörffen unterstehen / mit den Teufflen zu kämpffen / und dieselbige unter die Füß zu drucken. Endlich lobten sie GOtt / welcher die seinige beschützet / und damit kehrten sie wiederum nacher Hauß / und verzehlten alles dasjenige / was sie gesehen hatten.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden