Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)
Wider den Zorn, und vom Ursprung des Zornes
Contra iram, et de origine iræ.Das VI. Capitel. Von der Zornmüthigkeit / und dem Ursprung des Zorns.
Dixit quidam ex sanctis Patribus: Ira per hos quatuor actus exsurgit, propter cupiditatem avaritiæ dandi et accipiendi, resque alienas rapiendi, et si quis propriam sententiam amans defendit; et si quis se vult honoribus esse dignum; et si quis doctorem se esse vult, plus omnibus sapientem se esse sperans. Ira etiam per hæc quatuor humanos sensus obscurat, si odio habuerit homo proximum suum, aut si pro nihilo habuerit, aut si inviderit illi, aut si detractaverit de eo. Ad hoc sanctum Joannem evangelistam ostendam auctorem: Qui odit, inquit, fratrem suum, in tenebris est, et nescit quo eat, et manet in morte. Passionis autem hujus retributio quatuor modos habet: primum ex corde, secundum ex facie, tertium ex lingua, quartum ex facto. Si quis ergo potuerit ita portare malum, ut non ingrediatur in corde, non pervenit usque ad faciem. Si autem venerit in faciem, custodiat linguam suam, ne loquatur illud. Quod si locutus fuerit, vel hoc custodiat, ne reddat in facto, sed mox abscidat a corde. Tres enim gradus sunt hominum in passione iræ. Nam qui nulli voluntarie nocet, et resistentibus non injuriatur, et parcit proximo suo, hic secundum Christi naturam est. Qui autem nec alium lædit, neque se lædi vult, hic secundum Adam est. Qui vero aliis nocet, aut injuriatur, aut calumnias ingerit, aut usuras exigit, hic secundum diabolum est.
Einer aus den heiligen Alt-Vättern pflegte zu sagen: Der Zorn hat viererley Wurtzlen / als nemlich den Geitz / und die Begierlichkeit etwas zu geben / oder gar das Frembde an sich zu ziehen. Item / wann einer sein eigene Meynung zu sehr liebet: wann sich einer der Ehren würdig schätzet; und endlichen gelehrter und gescheider will seyn als andere Leuth. Der Zorn thut ferners den menschlichen Sinn und Verstand durch diese vier Stück verdunckeln / wann der Mensch seinen Nächsten hasset / für nichts haltet / wann er ihm mißgünstig und neidig ist / und endlich wann er ihm übel thut nachreden. Und hiervon redet der heilige Evangelist Joannes also: Wer aber seinen Bruder hasset / der ist in der Finsternuß / und wandelt in der Finsternuß / und weist nicht / wohin er gehet / sondern er bleibt im Tod. Es pflegt aber der Zorn auff viererley Manier zu geschehen: In dem Hertzen / mit dem Angesicht / mit der Zungen / und in dem Werck selbsten. Wann einer derowegen ein Ubel dergestalten übertragen kan / daß er dasselbige nicht in das Hertz lasset / so wird sich der Zorn niemalen im Angesicht erzeigen. Wann aber je der Zorn das Angesicht eingenommen hat / so solle man doch die Zungen nicht lassen schwätzen. Oder wann man auch im Zorn etwas geredt hat / so soll mans doch nicht werckstellig machen / sondern den Zorn gleich wieder aus dem Hertzen hinaus stossen. Es gibt aber bey uns Menschen des Zorns halber dreyerley unterschiedliche Grad und Manieren: Dann derjenige / welcher niemand freywillig beschädiget / seine Widersacher nicht schmähet / sondern seinem Nächsten verschonet / der hat die Natur Christi des HErrn. Derjenige aber / welcher zwar niemand verletzet / aber auch nichts dergleichen von anderen will leiden / der hat die Natur des Adams. Letztlichen aber / so hat derjenige / der andere beschädiget / schändt / schmähet / und Wucher fordert / die Natur des leydigen Teuffels.
Quidam fratres venientes ad abbatem Antonium, postulabant ab eo audire sermonem per quam salvarentur. Quibus ille ait: Scripturas audivistis, et scitis quæ vobis a Christo sufficiant. At illi, ut ipse quoque aliquid eis dicere dignaretur, instabant. Tunc dicit eis: Evangelium dicit: Si quis te percusserit in maxillam dexteram, præbe illi et alteram. At illi se facere hoc non posse dixerunt. Respondit senex: Præbere alteram non potestis? vel in illam iterum, si voluerit, ferire sustinete. Sed cum neque hoc se posse facere testarentur, dicit eis senex: Ergo si hoc non potestis, ne reddatis malum pro eo quod accepistis. Et cum idem verbum, quod superius dixerant, repeterent, dixit abbas Antonius discipulo suo: Vade, fac illis escas, ut comedant, vides enim quod valde infirmi sunt. Et ait ad illos: Si enim hoc non potestis, et alterum non vultis, quid a me requiritis? ut video, necessaria est vobis oratio, per quam infirmitas vestra sanetur.
Erliche Brüder kamen einsmals zu dem H. Abt Antonio / und begehrten von demselbigen eine Lehr / dadurch sie könten seelig werden. Diesen gabe der S. Alt-Vatter zur Antwort: Ihr habt ohne Zweiffel gehört / was die Heilige Schrifft sagt / und ihr wisset ja was Christus der HErr befohlen hat / dasselbige haltet. Als sie aber gantz inständig anhielten / daß er ihnen doch auch ein Lehr ertheilen wolte / da sprach er endlich: Das heilige Evangelium sagt: Schlägt dich jemand auff den rechten Backen / so reich ihm den andern auch dar / dieses beobachtet. Sie aber gaben ihm zur Antwort: Daß sie dieses nicht thun könten. Derowegen sprach der S. Antonius weiters: Wie? könt ihr dann den andern Backen nicht darbieten? kans nicht seyn / so lasset euch auffs wenigste noch einmal auff den rechten Backen schlagen. Als sie aber sagten / daß ihnen auch dieses unmöglich wäre / da sagte er: so thut auffs wenigste nicht Böses mit Bösem vergelten. Sintemalen sie aber auch dieses nicht annehmen wolten / als wendte sich der H. Antonius zu seinem Jünger / und sprach: Gehe hin / und mache diesen Brüdern etwas zu essen: Dann du sihest wohl / daß sie sehr kranck und schwach seynd. Zu den Brüdern aber sprach er letztlichen: Wann ihr dann das eine nicht thun könt / und das andere nicht thun wollet / was ich euch sage / warum thut ihr dann ein Lehr von mir begehren? So viel ich sihe und vermeine / so ist euch das heilige Gebet vonnöthen / damit euer Schwachheit dardurch zu recht gebracht werde.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden