Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)
Von der Bezähmung des Geizes
De reprimenda avaritia.Das V. Capitel. Die Begierlichkeit des zeitlichen soll man im Zaum halten.
Abbas Silvanus dum modicum discessit a cella, discipulus suus Zacharias cum illis fratribus sepem horti amovit, et fecit hortum majorem. Quod postquam regressus senex agnovit, tulit melotem suam ut discederet. At illi projicientes se ad pedes ejus, propter quid hoc faceret, ut indicaret, postulabant. Tunc senex ait: Non ingredior, inquit, in cellam hanc, nisi sepes fuerit in locum suum revocata. Quo mox facto ita regressus est.
Als der Abt Sylvanus einsmals nicht zu Hauß war / da thäte sein Jünger Zacharias neben andern Brüdern den Garten-Zaun hinweg / und machte den Garten um etwas grösser. Nachmalen aber als der S. Alt-Vatter wiederum heim kam / und dieses sahe / da nahme er sein Schaaf-Fell / und wolte gleich von dannen hinweg ziehen. Als ihm aber die Brüder zu Füssen fielen / und fragten: Warum er doch hinweg wolle? Da sprach er: Ich gehe keinen Tritt mehr in mein Cellen / biß der Garten-Zaun wieder an seinem vorigen Ort stehet. Und als dieses geschehen war / da gienge er wieder in sein Cellen.
Quidam frater requisivit senem, dicens: Si mihi debet paucos nummos frater, jubes ut repetam eos? Cui senex: Semel tantummodo illi dic cum humilitate. At ille dixit: Quod si semel dixero, et nihil mihi dederit, quid faciam? Tunc senex ait: Ulterius ei nihil dicas. At ille iterum ait: Et quid faciam, quia non possum vincere cogitationem meam, nisi fuero illi importunus? Dicit ei senex: Dimitte cogitationes tuas, tantummodo fratrem tuum ne contristeris, qui monachus es.
Ein Bruder fragte einen Alt-Vatter / und sprach: Wann mir einer etlich wenige Pfenning schuldig ist / soll ich ihn dieser Schuld wegen anforderen? Ja / sagte der Alt-Vatter: Aber begehr sie nur einmal von ihm / und nur mit Demuth. Wann er mir aber nichts gibt / fragte der Bruder weiters / was muß ich als dann thun? So begehre die Schuld weiters nicht / antwortete der Alt-Vatter. Ja sprach der Bruder / was muß ich aber alsdann thun / wann mir meine Gedancken kein Ruhe lassen / ich thue dann meinen Nächsten ungestüm anfordern? Lasse / sprach der Alt-Vatter / deine Gedancken sagen / was sie wollen / du aber schaue zu / daß du deinen Bruder nicht betrübest / dann du ein Münch bist.
Abbas Agathon volentibus emere opera manuum suarum, cum requie vendebat: pretium autem erat, cribri quidem nummi centum; sportellæ vero, ducenti quinquaginta; et volentibus comparare dicebat pretium, et quidquid illi dedissent, suscipiebat tacens, nec aliquando dinumerans. Dicebat enim: Quid mihi prodest concertare cum illis, ut illi peccent forsitan jurantes, et quando superfuerint nummi, erogem illos fratribus? Sed quia Deus non vult hujuscemodi eleemosynam a me, neque illi placet ut aliquem permittam in sacrificando peccare. Et dum illi frater diceret: Et panis in cellam unde venturus est? dixit ei: Quid enim panis hominum in cella?
Der Abt Agathon pflegte sein gemachte Arbeit jederzeit gantz ruhig und friedlich zu verkauffen: Ein Sieb oder Reütter gab er um hundert Pfenning; ein Sporten aber um dritthalb hundert: Den Käufferen thät er den Werth mit wenig Worten sagen / und was sie ihm gaben / das nahm er stillschweigend an / und thäte das Geld nicht einmal zählen. Dann er sagte: Was soll ich lang mit den Leuthen zanken / und sie vielleicht zum Schwören verursachen / damit ich etwas könne zum Besten machen / und dasselbige den armen Brüdern außtheilen? GOTT begehrt von mir kein solches Allmosen / und kan ihm ein solches Opffer nicht gefallen / um dessentwillen ich die Leuth hab schwören und sündigen lassen. Als ihn aber hierauff sein Jünger fragte: Wo wird aber / mein Vatter / wann wir nicht anderst verkauffen / das Stück Brod herflügen / und in unsere Cellen kommen? da sprach der S. Alt-Vatter: Was solle das Brod der Menschen in unserer Cellen.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden