Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)
Dass man den Feinden nicht vergelten soll
De non retribuendo inimicis.Das VIII. Capitel. Lehret / daß man auch den Feinden nichts Ubels zufügen solle.
Quidam frater interrogavit abbatem Sisoi, dicens: Si latrones aut barbari super me irruerint, occidere me volentes, et ego si prævaluero, jubes ut occidam? Cui ille respondit: Ne facias istud, ne nomineris homicida, sed totum Deo contrade; et quidquid tibi contigerit adversi, profitere hoc tibi propter peccata tua venire; si quid vero boni fueris consecutus, divinæ dispensationi totum debes ascribere.
Ein Bruder fragte den Abt Sisoium / und sprach: Wann die Mörder / oder andere wilde barbarische Leuth über mich solten kommen / und mich wollen ermorden / was soll ich thun / wann ich ihrer kan Meister werden / soll ich sie umbringen? Der S. Sisoius aber gab ihm hierauff ein solche Antwort: Das thue bey Leib nicht / damit du kein Mörder genennet werdest / sondern thue dich gäntzlich GOTT dem Allmächtigen übergeben: Und was dir widerwärtiges begegnet / so bekenne / daß es dir deiner Sünden halber widerfahre; Geschicht dir aber etwas liebes und gutes / so thue dasselbige gäntzlich der göttlichen Verordnung und Gütigkeit zuschreiben.
Erat eremita quidam magnus in monte qui dicitur Athabeos, et venerunt super eum latrones. Cum autem ille vocem dedisset, de vicinis locis fratres illi confluentes comprehenderunt eos. Quos transmissos in civitatem judex misit in carcerem. Fratres vero illi contristati sunt nimis, quia propter eos latrones traditi essent ad pœnam; et venientes ad abbatem Pimenionem, narraverunt ei factum. Qui scripsit ad eremitam, dicens: Reminiscere primam proditionem, unde facta est, et tunc videbis secundam proditionem. Nisi enim proditus fuisses ab interioribus tuis, secundam publicationem nunquàm perpetrasses. Cumque ille talem audisset sermonem, compunctus est; et cum esset in illa regione nominatus, et per multum tempus de cella sua non exiens, exsurgens tamen in civitatem, et expellens latrones de carcere, liberavit eos publice.
Ein fürnehmer Einsidler / welcher auf dem Berg Athabeos wohnte / wurde einsmahls von den Mördern überfallen. Sintemahlen er aber um Hülff schrye / als thäten sich gleich die andere Brüder alle versamlen / und die Mörder fangen. Diselbige wurden hernach in die Stadt gesandt / und von dem Richter in den Kercker geworffen. Endlichen aber reuete es die Brüder / daß die Mörder umb ihrentwillen dem Richter in die Händ gerathen wären: Sie giengen derowegen zu dem Abt Pimenion und verzehlten demselbigen den gantzen Handel. Welcher dann alsobald jenem berühmten Einsidler mit folgenden Worten zuschriebe: Besinne dich / woher die erste Verrätherey ihren Ursprung habe? so wird dir diese dein andere Verrätherey nicht können verborgen seyn. Dann wärest du nit von dir selbsten / und von einem herauß verrathen gewesen / so hättest du diese Verrätherey nicht begangen. Auff dieses Schreiben gienge der fürtreffliche Einsidler in sich selbst: und ohn angesehen / daß er allenthalben berühmt / und lange Zeit nie auß seiner Cellen kommen war / so machte er sich dannoch anjetzo auff / er lieffe der Stadt zu / und thäte die Mörder öffentlich auß dem Kercker / und von der bevorstehenden Straff erledigen.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden