Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VI)
Von den heiligen Altvätern, die Wunderzeichen wirkten
De sanctis senioribus qui signa faciebant.Das II. Büchlein. Von den HH. Vättern/ denen die Gnad der Wunderzeichen verliehen war.
Dixit abbas Dulas discipulus abbatis Besarionis: Quia ambulantibus nobis secus littus maris, sitivi; et dixi abbati Besarioni: Abba, sitio valde. Et cum fecisset senex orationem, dixit mihi: Bibe de mari. Et dulcis facta est aqua, et bibi; ego autem hausi modicam in vase, ne forte iterum sitirem. Quod cum vidisset senex, dixit mihi: Ut quid vas implesti aqua? Dixi ei: Ignosce mihi, ne forte iterum sitiam. Et ait senex: Deus qui hic est, et ubique est.
Der Jünger deß Abts Besarionis/ mit Namen Dulas/ pflegte zu verzehlen: Als wir einsmals an dem Meer-Gestad daher reiseten/ da kame mich ein grosser Durst an; Dieses sagte ich meinem Abt Besarion/ er aber thäte sein Gebett/ und sprach hernach zu mir: Gehe hin/ trincke aus dem Meer. Und alsobald ware das Meer-Wasser gantz süß/ davon ich dann auch getruncken hab. Ich nahme ebenmäßig ein wenig dieses Wassers in mein Trinck-Geschirr auf den künfftigen Durst hin. Als der Alt-Vatter dieses sahe/ da fragte er mich; Warum ich das Geschirr mit Wasser gefüllet hätte? ich aber gab ihm zur Antwort: Verzeihe mir/ mein Vatter/ ich habs gethan/ damit ich inskünfftig nit etwan wieder Durst leiden müsse. Darauff sprach er zu mir; derjenige GOtt/ welcher da gegenwärtig gewesen ist/ der ist auch anderstwo/ und allenthalben.
Alio quoque tempore, cum necessarium ei esset, fecit orationem, et transivit Chrysoroan fluvium pedibus; ego autem admiratus satisfeci ei, dicens: Quomodo sentiebas pedes tuos, dum ambulares in aqua? Et ait senex: Usque ad talum sentiebam aquam, reliqua autem erat solida sub pedibus meis.
Auff ein andere Zeit/ als er nothwendiger weiß über den Fluß Chrysoroan hinüber muste/ da verrichtete er zu erst sein Gebett/ und gienge nachmahlen unerschrocken hinüber: ich aber verwunderte mich dessen/ und fragte: wie ihm das Wasser unter den Füssen wäre fürkommen? biß an die Versen/ gab er mir zur Antwort/ thät ich das Wasser empfinden/ das andere aber war mir ein fester Grund unter meinen Füssen.
Rursus euntibus nobis ad alium senem, venit sol ad occasum. Et oravit senex, dicens: Obsecro, Domine, stet sol, donec perveniam ad servum tuum. Et factum est sic.
Ein andersmal als wir zu einem gewissen Alt-Vatter zu reisen Vorhabens waren/ da wolte uns die Sonn schier zu frühe untergehen. Derowegen wendte sich Besarion zu GOTT dem HErrn/ und sprach: Ich bitte dich/ mein GOtt/ lasse die Sonne still stehen/ biß ich zu deinem Diener komme. Und wie er begehrt hat/ also ist es geschehen.
Venit aliquando quidam dæmonium habens in Scythi, et facta est pro eo oratio in ecclesia, et non egrediebatur dæmon ab eo, quia durus erat. Dicunt autem ad invicem clerici loci illius: Quid faciemus huic dæmoni? Nemo potest eum ejicere, nisi abbas Besarion; et si rogaverimus eum pro ipso, neque in ecclesiam veniet. Hoc ergo faciamus: ecce venturus est mane ante omnes in ecclesiam, faciamus eum qui vexatur sedere in loco ipsius, et cum ingredietur, stemus ad orationem, et dicamus ei: Excita fratrem istum, abba. Fecerunt autem sic. Veniente autem mane sene illo, steterunt ad orationem, et dicunt ei: Excita fratrem istum, abba. Et dixit senex illi patienti: Surge, egredere foras. Et confestim exivit ab eo dæmon, et sanus factus est ex illa hora.
Es wurde einsmals ein besessener Mensch in die Scythische Wildnuß gebracht/ und ob man schon für denselbigen das Gebett in der Kirchen auffgeopffert hatte/ so wolte doch der leidige Teuffel nit herauß/ dann es ein sehr hartnäckiger Gesell war. Derowegen sprachen die Geistliche desselbigen Orts unter einander: Was müssen wir mit diesem Teuffel anfangen? allem Ansehen nach kan ihn niemand austreiben/ als der Abt Besarion; werden wir ihn aber dessentwegen ansprechen/ so wird er gar nicht in der Kirchen erscheinen. Derowegen wollen wir dieses thun: Morgens wird er seinem Gebrauch nach gar frühe/ und vor anderen in die Kirch kommen/ so wollen wir dann diesen Besessenen an das Ort des Abts Besarionis hinsetzen/ und mann er zu der Kirchen herein geht/ so wollen wir zum Gebett stehen/ und ihme sagen: Vatter thue doch diesen Bruder auffwecken. Und also thäten sie. Dann des andern Tags/ als der alte Besarion zur Kirchen hinein gieng/ da stunden sie im Gebett/ und sprachen: Vatter/ thue doch diesen Bruder auffwecken. Der Besarion thäte nach ihrem Begehren/ und sprach zu dem Besessenen: stehe auf und gehe herauß. Und alsobald fuhre der böse Feind aus/ und zur selbigen Stund wurde der arme Mensch frisch und gesund.
Dicebant seniores aliquando abbati Eliæ in Ægypto de abbate Agathone: Quia bonus frater est. Et dicit eis senex: Secundum generationem suam bonus est. Qui dixerunt ei: Secundum autem antiquos quid? At ille respondens ait: Jam dixi vobis, quia bonus est secundum generationem suam; secundum antiquos vero, vidi hominem in Scythi, qui poterat facere ut sol staret in cœlo, sicut fecit Jesus filius Nave. Et hæc audientes obstupuerunt, et glorificaverunt Deum.
Dem Abt Eliä in Egypten verzehlten einsmals die Alt-Vätter vom Abt Agathone/ und sagten: dieser ist gar ein guter Mann. Hierauf sprach der Abt Elias/ er ist gut gegen der jetzigen Welt. Wie ist er aber/ fragten die Alt-Vätter gegen der vorigen Welt- und gegen den Alten-Vättern zu rechnen? Ich habs ja schon gesagt/ sprach Elias: er ist gut gegen der jetzigen Welt; Aber die Alten belangend/ so habe ich in der Wüsten Scythi einen Mann gesehen/ welcher die Sonnen am Himmel still stehen machte/ nit anderst als vor zeiten Jesus der Sohn Nave gethan hat. Uber diese Wort verwunderten sich die anwesende Vätter/ und thäten dessentwegen GOtt loben und preisen.
Dicebant de abbate Macario illo majore, quia ascendens de Scythi, portabat sportas, et fatigatus resedit et oravit, dicens: Deus, tu scis, quia jam non prævaleo. Et mox elevatus, inventus est super flumen.
Von Macario dem Aelteren verzehlet man/ daß er seine Sporten und Körb aus Scythi zu Marckt getragen hab/ sintemalen er aber vor Mattigkeit gantz erlegen war/ und nidersitzen muste/ als ruffte er zu GOtt dem Allmächtigen/ und sprach: Ach HErr/ du weist/ daß ich nicht weiters kommen kan. Und alsobald wurde er hin getragen/ und befande sich gleich jenseits des Wassers.
Habebat quidam filium paralyticum in Ægypto, et adduxit eum ad cellam beati Macarii, et relicto eo ad ostium flente, recessit longe. Respiciens ergo senex, vidit puerum plorantem, et dixit ei: Quis te adduxit huc? Qui dixit: Pater meus projecit me hic, et abiit. Et dicit ei senex: Surge, et apprehende eum. Qui statim sanus factus est, et surgens apprehendit patrem suum, et sic abierunt in domum suam.
Einer in Egyptenland hatte einen Gichtbrüchigen Knaben/ den brachte er für die Cellen des H. Macarii/ er liesse aber das Kind allda ligen/ und machte sich zimlich weit darvon. Als nun das Kind weinte/ da sahe der H. Alt-Vatter heraus/ und sprach: Wer hat dich/ mein Kind/ daher gethan? Es hat mich mein Vatter/ antwortete der Knab/ hieher gelegt/ und ist darvon gangen. So stehe dann auff/ sprach der Macarius/ und lauff ihm nach. Und gleich darauff stunde der Knab frisch und gesund auff/ er gienge auch zu seinem Vatter/ und mit demselbigen frölich wiederum nacher Hauß.
Dicebat abbas Sisois: Quando eram in Scythi cum abbate Macario, ascendimus metere cum eo septem nomina. Et ecce una vidua colligebat spicas de post nos, et non cessabat plorans. Vocavit ergo senex dominum agri illius, et dixit ei: Quid est aniculæ huic, quod semper plorat? Qui dixit ei: Quia vir ejus habuit depositum cujusdam, et mortuus est non loquens, et non dixit ubi posuit illud, et vult dominus depositi accipere eam et filios ejus in servitutem. Et ait senex: Dic illi ut veniat ad nos ubi requiescimus in caumate. Et cum venisset, dicit ei senex: Ut quid semper ploras? Quæ ait: Vir meus defunctus est, accipiens commendatum alicujus, et non dixit moriens ubi posuit illud. Et dixit ei senex: Veni, et ostende nobis sepulcrum viri tui. Et assumptis secum fratribus abiit cum ea. Et cum venissent ad locum ubi positus erat, dixit ad illam senex: Recede hinc in domum tuam. Et orantibus illis vocavit senex illum qui mortuus fuerat, dicens illi: Ubi posuisti alienum depositum? Qui respondens dixit ei: In domo mea absconditum est sub pede lectuli. Et ait illi senex: Dormi iterum usque in diem resurrectionis. Videntes autem fratres ceciderunt ad pedes ejus; quibus dixit senex: Non propter me factum est hoc, nihil enim sum; sed propter illam viduam et orphanos ipsius fecit Deus hanc rem: hoc enim est magnum, quia sine peccato vult Deus esse animam, et si quid petierit, accipit. Veniens autem nuntiavit viduæ illi ubi erat illud commendatum. At illa sumens illud, reddidit domino suo, et liberavit filios suos. Et qui audierunt hoc, glorificaverunt Deum.
Der Abt Sisois pflegte das folgende zu verzehlen: Als ich noch in der Wildnüß Scythi/ bey dem Abt Macario war/ da seynd wir einsmals mit ihm ausgangen/ sieben Stück Ackers abzuschneiden. Hinter uns aber klaubte ein Wit-Frau die verlassene Aeher zusammen/ und thäte darneben unauffhörlich weynen. Derowegen fragte der Abt Macarius den Herrn des Ackers und sprach: Was fehlet dieser Alten/ daß sie solcher gestalten weynet? Hierauff gab ihm der Herr zur Antwort: ihr Mann hatte ein hinterlegtes Geld/ nun aber ist er gantz sprachloß gestorben/ und hat diesem seinem Weib nicht können sagen/ wo er das Geld hingelegt habe/ jetzt aber will der Herr des Gelds/ sie/ und ihre Söhn in die Dienstbarkeit wegnehmen. Sagt ihr/ sprach der Macarius/ sie solle zu uns kommen/ wann wir in der grösten Hitz ein wenig ausruhen werden. Als nun das Weib zu ihnen kam/ da fragte sie der Macarius/ warum sie so bitterlich thäte weynen? Sie aber gabe ihm zur Antwort: Mein Mann hatte ein hinterlegtes Geld/ nun aber ist er gestorben/ und hat mir nit gesagt/ wohin er dasselbige behalten hab. Komme nur her/ sprach Macarius/ und zeige uns den Ort/ allwo dein Mann begraben ligt. Und also gienge er neben andern Brüdern mit diesem Weib dahin. Als sie zum Grab kommen waren/ da hiesse der vielgemeldte Macarius das Weib jetzt nur nacher Hauß gehen. Er aber mit samt den Brüdern begabe sich ins Gebett/ und endlich ruffte er dem Verstorbenen und sprach: sag her/ wo hast du das hingelegte Geld hingethan? Auf diese Frage antwortete der Verstorbene aus dem Grab: ich habs in meinem Hauß/ und zwar zu den Füssen meines Beths verborgen. Ist recht/ sprach Macarius/ schlaffe jetzt nur hin/ biß an den Tag der allgemeinen Aufferstehung. Als die Brüder dieses gehört und gesehen hatten/ da fielen sie dem Alt-Vatter zu Füssen; Er aber sagte ihnen: Dieses alles ist nit meinetwegen geschehen/ dann ich bin nichts; sondern der armen Wittib und ihren verlassenen Waisen zu Lieb/ hat GOtt der Allmächtige dieses Wunder gewürcket: das aber ist ein grosses und gewisses Ding/ GOtt will/ daß die menschliche Seel ohne Sünd seye/ und was ein solche Seel von ihm begehret/ das erlangt sie. Darauf gienge der H. Macarius hin/ und sagte der Wittfrauen/ wo sie das hingelegte Geld suchen solte. Sie aber nahme dasselbige/ sie gab es seinem Herrn/ und thäte sich und ihre Kinder darmit von der Dienstbarkeit befreyen. Und alle/ welche dieses erfuhren/ thäten GOtt den HErrn dessentwegen loben und preisen.
Transiens aliquando abbas Emilis per quemdam locum, vidit quemdam monachum detentum a quibusdam tanquam homicidam. Accedens autem senex, atque interrogans fratrem illum, et comperto quia calumniabantur ei, dixit ad eos qui eum tenebant: Ubi est ille qui occisus est? et ostenderunt ei. Tunc approximans ipsi defuncto, dicit omnibus: Orate. Ipso vero expandente manus ad Deum, surrexit is qui defunctus erat. Et dixit ei coram omnibus: Dic nobis, quis est qui te interfecit? At ille dixit: Ingressus in ecclesiam commendavi pecunias presbytero, ipse surgens interfecit me, et portans projecit me in monasterium abbatis hujus; sed rogo vos ut tollantur ipsæ pecuniæ ab eo, et dentur filiis meis. Tunc ait ad eum senex: Vade, dormi, donec veniat Dominus et resuscitet te. Et confestim obdormivit.
Als der Abt Emilis auff ein Zeit an einem Ort durchreisete/ da sahe er/ was gestalten ein Münch eines Todschlags halber im Verhafft war. Er gienge derowegen hinzu/ und redte mit dem Bruder/ und als er hörte/ daß man ihm unrecht thäte/ da fragte er diejenige/ welche den Bruder gefangen hielten/ wo der umgebrachte Cörper thäte ligen? Man zeigt ihm auch denselbigen. Er aber gienge hinzu/ und begehrte von den Anwesenden/ daß sie mit ihm betten wolten. So bald nun dieser Alt-Vatter sein Händ zu GOtt außstreckte/ da thäte sich der Todte auffrichten/ denselbigen fragte der Abt vor jederman: Sag uns/ wer ist derjenige/ welcher dich umgebracht hat? hierauff antwortete der Ermordete: Ich bin in die Kirch gangen/ und hab dem Priester allda mein Geld auffzuheben geben/ derselbige hat mich umgebracht/ und alsdann meinen todten Leib genommen/ und diesem Bruder für sein Thür geworffen; ich bitte aber/ man wolle dasselbige Geld wieder von ihm nehmen/ und es meinen Kindern austheilen. Endlich sprach der Alt-Vatter: Gehe jetzt hin/ und begiebe dich wieder in dein Ruhe/ biß der HErr kommen/ und dich wiederum zum Leben aufferwecken wird. Und alsobald thäte der Umgebrachte wiederum entschlaffen.
Venerunt aliquando plures fratres ad abbatem Pastorem; et ecce quidam de cognatis ipsius habebat filium, et erat facies ejus per operationem diaboli conversa retrorsum. Videns autem pater ejus multitudinem Patrum, accipiens puerum sedebat foris plorans. Contigit autem ut unus seniorum egrederetur foras. Quem cum vidisset, ait: Quid ploras, homo? Qui dixit ei: Cognatus sum abbatis Pastoris, et ecce contigit puero huic tentatio ista; et volens eum huic seni offerre, ut eum curaret, timui; non enim vult nos videre; et nunc si cognoverit quia hic sum, mittit persequens, et minat me hinc. Ego vero videns præsentiam vestram præsumpsi venire hic. Ergo quomodo vis, abba, miserere mei, et introduc intus puerum hunc et ora pro ipso. Et accipiens eum senex, intravit, et usus est prudenter, et non eum statim obtulit abbati Pastori, sed incipiens a minoribus fratribus dicebat: Consignate puerum istum. Cum autem fecisset omnes per ordinem consignare eum, ad ultimum obtulit eum abbati Pastori, qui nolebat tangere eum. At illi rogabant eum, dicentes: Ut omnes, ita et tu, Pater, fac. Et ingemiscens surrexit et oravit, dicens: Deus, salva plasma tuum, ut non dominetur illi inimicus. Et consignans, curavit eum, et reddidit patri sanum.
Gar viel Brüder besuchten einsmals den H. Abt Pastorem: Einer aber aus seinen Befreundten hatte einen Knaben/ deme sein Angesicht durch Zauberey und Teuffels-Werck gantz gegen dem Rücken gewendet war. Als nun der gute Mann sahe/ daß gar viel Vätter zugegen wären/ da nahme er sein übel-zugerichtes Kind/ er setzte sich darmit für die Thür hin/ und weynte. Nun begab es sich/ daß einer von den Alt-Vätteren herauß gienge. Und als er diesen Mann sahe/ da fragte er: warum weynest du? der Mann aber gab ihm zur Antwort: Mein Vatter/ ich bin ein Befreundter des Abts Pastoris: und hab da ein Kind/ welchem leyder ein grosses Unglück widerfahren ist/ nun wolte ich gern dieses Kind dem bemeldten Abt fürtragen/ auff daß er ihm wieder möchte helffen/ ich fürchte mich aber den Handel werckstellig zu machen; Dann er thut seine Freund gar nicht ansehen: und wann er wird erfahren/ daß ich da bin/ so wird er herauß schicken/ und mich lassen von dannen hinweg treiben. Ich aber/ in Ansehung der allda versammleten Vättern/ hab mich dannoch erkühnet hieher zu kommen. Derowegen/ mein Vatter/ wie und wann du wilst/ erbarme dich meiner/ thue diesen Knaben hinein führen/ und für denselbigen betten. Hierauf nahme der Alt-Vatter das Kind/ er gienge mit ihm hinein/ und thäte den Handel gar weißlich angehen/ dann er gieng nit gleich mit demselbigen zu dem H. Abt Pastor/ sondern er fienge bey den jüngsten Brüdern an/ und sprach: bezeichnet diesen Knaben mit dem Zeichen des H. Creutzes. Nachdem nun alle der Ordnung nach das H. Creutz über den Knaben gemacht hatten/ da kame er endlich auch mit ihme zu dem H. Abt Pastor/ derselbige aber wolte das Kind nit anrühren. Derowegen baten ihn die gegenwärtige Vätter/ und sprachen: Thue auch lieber Vatter/ wie wir alle gethan haben. Endlichen stunde er auff/ und bate GOtt den HErren/ mit vielen Seufftzern sprechend: Ach mein GOtt/ hilffe diesem deinem Geschöpff/ und lasse den bösen Feind nit länger über dasselbige herrschen. Damit machte er das Creutz über das Kind/ und alsobald wurde dasselbige gantz frisch und gesund/ und seinem Vatter wiederum zugestellt.
Narravit quidam Patrum de aliquo abbate Paulo, qui erat in inferiores partes Ægypti, habitans juxta Thebaidam. Hic ergo Paulus tenebat manibus eos, qui dicuntur cornutæ, aspides et serpentes atque scorpiones, et scindebat eos per medium. Videntes autem hæc fratres, satisfacientes ei, interrogabant eum, dicentes: Dic nobis quid operatus es, ut acciperes gratiam istam? Qui ait eis: Ignoscite mihi, fratres, si quis possederit puritatem, omnia subjiciuntur ei, sicut Adæ quando erat in paradiso ante prævaricationem divini mandati.
Es hat einer aus den Vättern von demjenigen Abt Paulo/ welcher in den unteren Theilen des Egyptenlandes/ neben Thebaida wohnte/ verzehlet: daß er die Schlangen mit Hörnern/ und allerhand andere vergiffte Nateren/ Viperen und Scorpionen in die blosse Händ genommen/ und mitten von einander gerissen hab. Als die Brüder dieses sahen/ da fragten sie ihn/ wormit er ein solche Gnad verdienet hätte? Er aber gab ihnen zur Antwort: verzeyhet mir meine Brüder/ wann ein Mensch die Reinigkeit besitzt/ so seynd ihm alle Creaturen unterthan/ nit anderst als wie sie unserm ersten Vatter Adam im Paradeyß unterthänig gewesen seynd/ ehe und bevor er das Göttliche Gebott übertretten hat.
Temporibus Juliani apostatæ, cum descenderet in Perside, missus est dæmon ab eodem Juliano, ut velocius vadens in Occidentem, afferret ei responsum aliquod inde. Cum autem pervenisset ille dæmon in quemdam locum, ubi quidam monachus habitabat, stetit ibidem per dies decem immobilis, eo quod non poterat ultra progredi, quia monachus ille non cessabat orando, neque nocte neque die. Et regressus est sine effectu ad eum qui miserat illum. Dixit autem ei Julianus: Quare tardasti? Respondit ei dæmon et dixit: Et moram feci, et sine actione reversus sum; sustinui enim decem dies Publium monachum, si forte cessasset ab oratione ut transirem, et non cessavit, et prohibitus sum transire, et redii nihil agens. Tunc impiissimus Julianus indignatus dixit: Cum regressus fuero, faciam in eum vindictam. Et intra paucos dies interemptus est a providentia Dei. Et continuo unus ex præfectis qui cum eo erant, vadens vendidit omnia quæ habebat, et dedit pauperibus, et veniens ad senem illum, factus est monachus magnus, et sic quievit in Domino.
Als der Abtrinnige Kayser Julianus in Persien verreisete/ und einen Teuffel gegen Nidergang der Sonnen außschickte/ umb durch denselbigen einen eilfertigen Bericht von dar einzuholen/ da ist der Teuffel an ein Orth kommen/ allwo ein heiliger Münch thäte wohnen. Und daselbst wurde er zehen Tag lang an einem Stück auffgehalten/ also daß er nit weiters konte/ dieweilen nemlich derselbige Münch weder Tag noch Nacht niemahlen von seinem Gebett thät aussetzen. Derowegen muste der Teuffel unverrichter Dingen zu demjenigen wider umkehren/ der ihn gesandt hatte. Der Julianus aber fragte den Teuffel/ warum bist du so lang ausgeblieben? Darauff antwortete ihm der Bößwicht: ich bin nit nur lang außgeblieben/ sondern ich hab auch gar nichts ausgerichtet: Dann zehen Tag lang hab ich auff den München Publium Achtung geben/ wann er werde von seinem Gebett auffhören/ damit ich dort könte vorüberfahren/ aber er wolte nit auffhören/ und dahero hab ich auch nit können fort kommen/ sondern ich hab unverrichter Ding wieder zurück müssen. Uber dieses erzürnete sich der gottlose Kayser Julianus und sprach: wann ich wieder werd zurück kommen/ so will ich mich gewiß an diesem München rächen. Aber in wenig Tagen ist der Julianus selbsten auß sonderbarer Schickung GOttes umgebracht worden. Einer aber auß seinen fürnehmsten Hof-Herren ist hingangen/ er hat alles verkaufft/ sein Vermögen unter die Arme außgetheilet/ und hat sich zu dem Alt-Vatter Publio begeben/ bey welchem er auch ein berühmter Münch worden/ und endlich zu seiner Zeit seeliglich gestorben ist.
Venit aliquando quidam sæcularis ad abbatem Sisoi in montem abbatis Antonii, habens filium suum secum; et in itinere mortuus est filius ejus, et non est conturbatus, sed cum fide tulit eum ad illum senem, et procidit cum filio suo tanquam pœnitentiam faciens, ut benediceretur ab eodem sene. Et surgens pater pueri reliquit filium suum ante pedes ipsius senis, et egressus est foras cellam. Porro senex putans, quia pœnitentiam ageret ante pedes ipsius puer ille, dixit ei: Surge, vade foras. Non enim sciebat quia mortuus erat. Et statim surgens egressus est. Et videns eum pater ejus, expavit, et intrans, adoravit senem, et dixit ei causam. Audiens autem hoc senex, contristatus est, non enim volebat hoc fieri. Præcipit itaque ei discipulus senis ut nemini nuntiaret hæc usque ad obitum ipsius senis.
Ein weltlicher Mann reisete einsmahls zu dem Abt Sisois auf den Berg deß H. Antonii/ und hatte seinen Sohn bey sich: Auf dem Weeg ist ihm zwar sein Sohn gestorben/ nichts destoweniger thät er sich dessentwegen nit sonderbar bekümmern/ sondern mit grossem Glauben trug er seinen Sohn zu disem Alt-Vatter/ und warffe sich demselbigen mit sambt seinem todten Sohn zu Füssen/ nit anderst als ein Büssender/ welcher von ihme begehrte gesegnet zu werden. Endlich stunde der Vatter wiederum auf/ und gienge zu der Cellen hinauß/ seinen todten Sohn aber liesse er dem H. Mann vor den Füssen ligen. Nun ware der H. Abt Sisois der gäntzlichen Meynung/ es thäte der Knab auß lauter Reumüthigkeit so lang still ligen/ derowegen sprach er zu ihm: siehe auf/ und gehe hinauß. Dann er wuste nit/ daß er Todt war. Alsobald aber auff seinen Befelch stunde der Knab auff/ und gienge darvon. Als ihn nun sein Vatter wiederum lebendig sahe/ da entsetzte er sich/ er gienge auch gleich wieder hinein/ er fiele dem seeligen Alt-Vatter zu Füssen/ und thät ihm den gantzen Handel erzehlen. Der fromme Sisois/ als er das hörte/ betrübte sich: und wolte/ daß es nit geschehen wäre. Derowegen thäte sein Jünger dem Mann verbieten/ daß er dieses Wunder keinem Menschen/ biß nach dem Todt deß Alt-Vatters Sisois verzehlen solte.
Tentatus est aliquando Abraham discipulus ejusdem abbatis Sisoi a dæmonio; et videns eum idem senex, quia cecidit, surrexit et expandit manus suas ad Deum, dicens: Deus, vis non vis, non dimitto nisi curaveris eum. Et curatus est frater ille.
Der Jünger deß bemeldten Abts Sisois/ mit Namen Abraham/ wurde einsmahls vom Teuffel besessen: Als ihn nun sein Alt-Vatter zur Erden niderfallen sahe/ da stunde er auf/ erhebte seine Hand gen Himmel/ und sprach: Mein GOtt/ du wollest oder wollest nit/ ich lasse nicht nach/ biß du diesem wirst geholffen haben. Und alsobald ist sein Jünger wiederum frisch und gesund worden.
Senex quidam erat solitarius juxta Jordanem fluvium, et ingressus propter cauma in speluncam, invenit ibi leonem, et cœpit leo fremere dentibus suis ac rugire. Dixit autem ei senex: Quid angustiaris? est locus qui capiat et me et te. Si vero non vis, surgens egredere hinc. Leo autem non ferens, egressus est inde foras.
Ein alter Einsidler wohnte an dem Jordan/ einsmahls aber gienge er der grossen Hitz halber in ein Hölin hinein/ und thäte einen Löwen darinnen antreffen/ welcher auch gleich anfienge mit den Zähnen zu kürren und zu brüllen. Der Alt-Vatter aber sagte zu demselben unerschrocken: was hast du für ein Wesen? dieser Orth ist groß genug für mich und dich. Wilst du aber nit/ so thue dich hinauß packen. Und auff diesen Befelch machte sich der Löw alsobald zur Hölin hinauß.
Ascendit quidam senex aliquando in Terenuthim de Scythi, et ibi divertit; videntes laborem abstinentiæ ejus, obtulerunt ei modicum vini. Alii autem audientes de ipso adduxerunt ad eum hominem quemdam, dæmonium habentem. Cœpit autem dæmon ille maledicere senem illum, dicens: Ad istum potatorem vini me adduxistis? Et senex quidem propter humilitatem nolebat eum ejicere; propter vero improperium ejus dixit: Credo in Christo, quia prius quam finem faciam, bibens calicem istum, egredieris ab eo. Et cum cœpisset senex bibere, clamavit dæmon, dicens: Incendis me. Et antequam consummaret bibens, exivit ab eo dæmon per gratiam Christi.
Ein Alt-Vatter reisete auff eine Zeit aus der Scythischen Wildnuß nacher Terenuthim/ und thät alldort einkehren: sintemahlen aber die Brüder allda die Arbeit seines strengen Lebens wohl vermerckten/ als thäten sie ihme wohlmeinend einen Becher mit Wein aufftragen: Andere aber/ als sie von diesem Alt-Vatter hörten/ thäten einen besessenen Menschen dahin bringen. Der Teuffel war dessen nit zu friden/ sondern er fieng gleich an den Alt-Vatter zu verfluchen/ und sprach: Warum habt ihr mich zu diesem Weinsauffer daher geführt? der Alt-Vatter auß lauter Demuth hatte zwar nit im Sinn den Teuffel außzutreiben: Nichtsdestoweniger umb dieser Schamred willen sprach er: Ich glaub in Christum JEsum/ daß du müssest außfahren/ ehe und bevor ich diesen Becher Weins gar außtrincke. Indem nun der Alt-Vatter anfienge zu trincken/ da schrye der Teuffel: Du zündest mich an/ du brennest mich. Und ehender als der Becher gar außgetruncken war/ ist der leidige Teuffel durch die Gnad GOttes von diesem Menschen außgetrieben worden.
Misit quidam Patrum discipulum suum haurire aquam: erat autem puteus procul valde a cella ipsorum, et oblitus est portare funem secum. Dum vero venisset frater ille ad puteum, et cognovisset quia non portaverat funem, fecit orationem et clamans, dixit: O putee, putee, abbas meus dixit ut implerem lagenam istam aqua. Et continuo ascendit aqua usque ad summum putei, et implevit frater ille lagenam suam, et restituta est iterum in locum suum.
Einer auß den Vättern schickte seinen Jünger aus Wasser zu schöpffen: Nun ware der Brunn sehr weit von der Cell entlegen/ der Jünger aber thäte das Seyl vergessen/ mit welchem er das Wasser hätte sollen herauff ziehen. Als er nun zum Brunnen kam/ und sahe/ daß er kein Seyl hatte/ da nahm er sein Zuflucht zum Gebett/ er schrye überlaut/ und sprach: O Brunn/ mein Abt hat mich daher gesandt/ daß ich mein Lägel mit Wasser soll anfüllen. Auff diese Wort stiege das Wasser zu obrist in den Brunnen herauff/ darauß dann der Bruder sein Lägel auch füllte/ hernacher aber thät sich das Wasser wiederum in den Brunnen hinunter begeben.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VI der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Johannes, Subdiakon der römischen Kirche, in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 993–1022, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,7 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden