Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Von der Verleugnung des eigenen Willens

De refutatione propriæ voluntatis.Das XVIII. Capitel. Von der Verlaugnung des eignen Willens.

1

Quidam anachoreta sedebat juxta cœnobium, multas virtutes faciens. Et cum venissent ad illum aliqui monachi de cœnobio, compulerunt eum non consueta hora manducare. Et post hoc dixerunt ei fratres: Contristatus es, abba, aliquid, quia hodie contra consuetudinem fecisti? Quibus ille respondit: Tunc est mihi tribulatio, quando propriam fecero voluntatem.

Ein Einsidler wohnte neben einem Kloster / und führte ein tugendsames Leben. Einsmals kamen etliche Brüder aus dem Kloster zu ihm / und thäten ihn nöthigen / daß er zur ungewöhnlichen Zeit mit ihnen essen muste. Hernacher aber fragten sie ihn / ob er sich nit bekümmert hätte dessentwegen / daß er heutiges Tags wider sein Ordnung und Gewonheit hätte essen müssen? Er aber antwortete ihnen mit Nein / und sprach: Das allein bekümmert mich / wann ich meinen eigenen Willen gethan hab.

2

Quidam frater veniens in Scythi, ut videret abbatem Arsenium postulabat. Cumque alii fratres ei, ut paululum requiesceret, suaderent, respondit: Non manduco panem, nisi illum videre meruero. Tunc unus ex fratribus ipsum duxit ad abbatem Arsenium, pulsatoque ostio cellulæ, introduxit eum. Deinde suscepti, et oratione facta, consederunt. Cum autem beatus taceret Arsenius, ille, qui fratrem adduxerat, ait: Ego discedo. Sed et is qui ex magno desiderio venerat, videns quia nihil ei locutus fuisset abbas Arsenius, præ verecundia tacitus sedens, dixit: Et ego quoque tecum, frater, abscedo. Ac sic uterque discesserunt. Postulabat autem ut etiam ad abbatem Moysen, qui ex latronibus conversus fuerat, deduceretur. A quo susceptus, facta charitate dimissus est. Frater autem qui ad utrosque ipsum duxerat, dixit illi: Ecce utrosque quos postulabas vidisti: quis tibi plus ex ambobus placet? At ille ait: Mihi interea hic melior videtur, qui nos utrosque et bene suscepit, et bene pavit. Quo sermone comperto, unus ex Patribus ad Dominum oravit, dicens: Domine, hanc mihi rem precor ostende, quia unus propter nomen tuum omnes homines videre aut appellare refugit, alter vero omnibus propter nomen tuum communis est. Et ecce, in exstasi duæ illi naves per fluvium ostensæ sunt: et in una quidem vidit Spiritum sanctum cum silentio et requie, una cum abbate Arsenio navigantem; in altera vero navi vidit abbatem Moysen et angelos Dei, mel et favum in os et in dentes ejus inserentes.

Ein Bruder kam in die Scythische Wildnuß / und begehrte den H. Abt Arsenium zu sehen. Und als ihm die Brüder zusprachen / er solte zuvor ein wenig außruhen / da gab er ihnen zur Antwort: Gewißlich werd ich zuvor nichts essen / biß daß ich diesen H. Mann gesehen hab. Derowegen wurde er von einem Bruder für die Cellen des S. Arsenii geführt / und nachdeme sie angeklopfft hatten / da wurden sie hineingelassen. Der H. Arsenius thäte sie auch grüssen / und nachdem sie das gewöhnliche Gebet verrichtet hatten / da setzten sie sich zusammen. Dieweilen aber der S. Alt-Vatter kein Wort mit ihnen reden wolte / als sprach der Bruder / welcher den Frembden dahin geführt hatte: Ich will wieder nacher Hauß gehen. Der frembde Bruder / welcher gantz schamroth und stillschweigend da sasse / dieweil der S. Arsenius so gar nichts mit ihm redte / sprach ebenmässig: und ich mein Bruder / will auch mir dir gehen. Darauff giengen sie beyde darvon. Nachmahlen aber begehrte der frembde Bruder / daß er auch zu dem Abt Moyses / welcher auß einem Mörder ein Münch worden / möchte geführet werden. Er kame derowegen auch dahin / und wurde von dem S. Abt Moyse mit Erzeugung aller brüderlichen Liebe auffs freundlichst empfangen / und endlichen wieder im Frieden entlassen. Hernach aber fragte der Bruder / welcher diesen Frembling zu den bemeldten zweyen Vättern geführet hatte / und sprach: Siehe nun hast du nach deinem Begehren alle beyde gesehen: sage mir jetzunder / welcher gefällt dir besser? darauff antwortete der frembde Bruder: Mir thut derjenige für besser und frömmer fürkommen / welcher uns beyde solcher Gestalten auffgenommen / und mit Speiß und Tranck erquickt hat. Nachdem nun diese Red unter den heiligen Vättern kundbar wurde / da thäte einer auß denselbigen bey GOTT dem Allmächtigen anhalten / und sprach: Mein GOTT / ich bitte dich / zeige mir die Beschaffenheit dieser zweyen Männern / deren der eine umb deinet willen / die Leuth fliehet und scheuet / und mit niemand handlen und reden will / der andere aber / thut allen guts / umb deines heiligen Namens willen / und machet sich mit jederman gemein Nach solchem Gebett / wurden dem Alt-Vatter in einer Verzuckung zwey Schiff auff einem Fluß gezeiget: in dem einen Schiff thäte GOTT der heilige Geist / mit dem H. Arsenio / gantz ruhig und still daher fahren: in dem andern Schiff aber ware der Heil. Abt Moyses / und bey ihm die H. Engel / welche ihm seinen Mund mit Honig und Honig-saim anfülleten.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden