Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Welche Brüder einander gleich und von gleichem Verdienst sind

Qui sint similes unius meriti fratres.Das XXXVI. Capitel. Von Gleichheit der Verdiensten und Miß-Verdiensten.

1

Quidam frater interrogavit Pimenionem abbatem dicens: Qui sunt unius meriti fratres? Respondit senex: Si fuerint tres simul, unus quidem in omni verbo vel opere quiescens, alter autem infirmans et gratias agens, tertius vero cum munda conscientia illis obsequium faciens: hi tres unius meriti sunt.

Ein Bruder fragte den Abt Pimenion / und sprach: Sag mir / welche Brüder seynd einanderen gleich in Verdiensten? Und darauff bekam er zur Antwort: Wann drey Brüder beysammen wohnen / deren der eine in allen seinen Worten und Wercken / eines ruhigen und friedsamen Gemüths ist / wann der andere kranck ligt / und doch GOtt lobet und preiset / und der dritte diesen beyden mit einem reinen Hertzen dienet: So seynd sie alle drey ein anderen gleich in den Verdiensten.

2

Dixit senex: Injuriari, aut mentiri, aut perjurare, alienum a Christo est. Per has quatuor res anima maculatur, id est, si amicitiam quis cum potentibus habuerit, concupiscentiis carnalibus studens; vel si de proximo suo detractaverit; aut si per civitatem ambulans, oculos suos non custodierit; et si quamcunque notitiam cum muliere habuerit.

Ein Alt-Vatter pflegte zu sagen: Seinem Nächsten ein Unbild zufügen / liegen / und falsch schwören / das stehet einem Christen übel an. Durch die nachfolgende Ding aber wird ein Christliche Seel bemacklet / nemlich / wann sie mit fürnehmen und mächtigen Leuthen Gemeinschafft machet / wann sie sich den fleischlichen Begierlichkeiten ergibt / oder dem Nächsten übel nachredt: Item / wann einer durch ein Stadt gehet / und seine Augen nit beobachtet / und wann er sich / es seye / worinnen es wolle / mit Weibs-Personen bekandt macht.

3

Beatus Arsenius referebat quod cum in propria cella resideret, vocem sibi audiret dicentem ut egrederetur foras propter opera manuum contemplanda. Et egressus, vidit hominem quemdam aquam de puteo haurientem, atque in vas perforatum mittentem, et aqua egrediens, refundebatur in puteum. Et iterum parum progressus, vidit Æthiopem ex lignis a se concisis sarcinam facientem. Quam cum tentasset, et importabilem sensisset, alia iterum ligna super ea congessit. Similiterque tentans, cum nec movere potuisset, tamen alia addere ligna non destitit. Et iterum progressus Arsenius, vidit ante portam civitatis duos juvenes sedentes in equis: qui lignum transversum portantes, ingredi non poterant civitatem. Lignum enim, quod ab eis portabatur, non eos permittebat intrare, et sequi vel humiliare alteri alter non volebat, et ita foris civitatem uterque remanserunt. Ille vero, qui hoc sancto Arsenio in spiritu ostendebat, dixit ei: Hic, quem prius vidisti aquam de puteo haurire, et de vase perforato rursum in puteum fundere, similitudo est hominis facientis eleemosynam, qui bonum opus imitatur efficere: sed quia in aliis operibus sæpe committit iniquitatem, propter hæc mala illud parum boni se coinquinans, perdit. Ille autem, quem vidisti ligna concidere, et gravem sarcinam addidisse, facereque graviorem, homo est in peccatis plurimis constitutus, qui post pœnitentiam aliud super peccatis suis onus augmentat. Hi vero quos, transverso ligno renitente, civitatem non posse ingredi conspexisti, sunt qui jugum miserabile videntur ferre superbiam, et alteri se humiliare noluerunt, ut per hoc emendati, viam Christi humilem sequerentur; atque ideo extra regnum Dei tam hi quam illi remanserunt.

Der S. Arsenius verzehlte von sich selbsten / daß er einsmals / als er in seiner Cell sasse / ein Stimm gehört hab / welche ihm sagte / daß er hinaus gehen / und die Werck der Menschen sehen solte. Als er hinaus kam / da sahe er einen Menschen Wasser schöpffen / welcher aber das Wasser in ein zerbrochenes Geschirr giessete / also zwar / daß es gleich hindurch war / und wiederum in den Brunnen lieffe. Nach diesem Gesicht gienge er etwas weiters fort / und sahe einen Mohren das gehauene Holtz an ein Büschel binden. Dieweilen ihm aber die Bürde zu groß war / also / daß er sie nit konte auffnehmen / noch viel weniger ertragen / als thäte er mehr Holtz nehmen / und die Büschel noch grösser machen. Und ob er schon den Last viel weniger als zuvor konte auffheben / nichts destoweniger thät er noch fort und fort mehr Holtz darzu binden. Als der H. Arsenius noch weiter gienge / da sahe er vor einem Stadt-Thor zwey Jüngling auff Pferden sitzend / welche ein grosses Stück Holtz überzwerch daher trugen / und eben darum nit zum Thor hinein konten. Dann keiner wolte sich demütigen / und dem andern bevor geben / oder ihn vorhin einlassen / und dessentwegen musten sie alle beyde heraus bleiben. Endlichen sprach derjenige / welcher dem H. Arsenio dieses alles im Geist gezeigt hatte: Derjenige / welcher das Wasser aus dem Brunnen in ein durchlöchertes Geschirr giessete / vergleichet sich einem Menschen / welcher zwar Allmosen gibt / und ein gutes Werck begehrt zu verrichten: dieweilen er aber in seinen andern Wercken / unterschiedliche Boßheiten begehet / als thut er durch solche Ubel sein Seel bemacklen / und seine gute Werck wiederum verlieren und umschütten. Der andere aber / welcher die Büschel Holtz immerdar grösser machte / bedeutet einen grossen und schweren Sünder / welcher nach gethaner Buß den Last seiner Sünden gleich wiederum erneuert und vermehret. Durch diejenige endlich / welche mit ihrem Zwerch-Holtz nit zu dem Stadt-Thor hinein konten / werden die Hoffärtige verstanden / welche sich nicht demüthigen / und Christo unserm HErrn und Heyland auff dem Weg der Demuth keines wegs nachfolgen wollen: Und eben darum werden sich auch nit in das Reich der Himmlen hineinkommen / sondern unfehlbar müssen heraus bleiben.

4

Interrogavit frater abbatem Sisoium, dicens: Dimissa est mihi hæreditas a parentibus meis; quid faciam de illa? Respondit senex: Si dixero, Da illam in ecclesiam clericis, illi epulantur ex ipsa. Si dixero, Da illam consanguineis tuis, nullam habebis mercedem. Si ergo vis implere mandatum divinum, da hanc pauperibus et egenis, et perfectus eris.

Ein Bruder fragte den Abt Sisoium / und sprach: Es ist mir von meinen Eltern ein Erbschafft heim gefallen: Was soll ich darmit anfangen? Diesem gabe der S. Abt zur Antwort: Sage ich / du sollest dasselbige den Geistlichen und Kirchen-Dienern geben / so werden sie nur Gastereyen und Mahlzeiten darmit anstellen. Sag ich aber / du sollest es deinen Freunden geben / so hast du keinen Verdienst darvon. Wilst du derowegen den Befelch Christi erfüllen / und vollkommen werden / so thue dein Erb den Armen und Dürfftigen austheilen.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden