Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Dass zeitlicher Gewinn um der Liebe willen aufzugeben ist

Temporalis profectus derelinquendus est propter amorem charitatis.Das XXXVII. Capitel. Um der Liebe willen soll man den zeitlichen Gewinn dahinden lassen.

1

Abbas Sisoius dixit: Cum fuissem aliquando in mercato, et sportellas meas fratri venderem, videns quia iracundia approximabat mihi, dimisi vascula mea fugiens.

Der Abt Sisoius verzehlte von sich selbsten: Als ich einsmals auff dem Marckt meine Körblein einem Bruder verkauffen wolte / und aber darbey vermerckte / daß mir ein Zornmüthigkeit thäte auffsteigen / da lieffe ich davon / und liesse meine Körblein an demselbigen Ort ligen.

2

Dixit abbas Joannes: Ascenderam aliquando per viam eremi in Scythi, texens plectam; et audivi camelarium loquentem sermones vanos, et ne forte irascerer, dimisi plectam meam, et fugi.

Ebenmässig verzehlte auch der S. Abt Joannes von sich selbsten / und sprach: Ich gienge einsmals den Weg hinauff nach der Wildnus Scythi / und thäte ein Stricklein flechten: Dieweilen ich aber einen Camel-Treiber etwelche eitele Reden hörte treiben / als machte ich mich / den Zorn zu verhüten / davon / und liesse meine geflochtene Arbeit ligen.

3

Interrogavit frater abbatem Pimenium, dicens: Quid est quod Dominus dixit: Majorem charitatem nemo habet, quam ut animam suam ponat quis pro amicis suis? quomodo hoc facit? Respondit senex: Si quis audit verbum malum a proximo suo, et dum possit similia respondere, pugnat tamen in corde suo portare laborem, et vim sibi facit, ne respondeat malum, ut contristet illum; iste talis animam suam ponit pro amico suo.

Ein Bruder fragte den Abt Pimenium / und sprach: Mein / was heisset dieses / was der HErr im Evangelio sagt: Niemand hat ein grössere Liebe / als daß er sein Seel für seinen Feind setzet? Mein / sag mir / wie kan das seyn? Auff diese Frag antwortete ihm der Alt-Vatter: Wann einer von seinem Nächsten böse Wort bekommt / und könte ihn hinwieder mit bösen Worten bezahlen / und thuts doch nit / sondern gedultet es mit gutwilligem Hertzen / und thut ihm selbsten Gewalt an / damit er ja seinen Nächsten nicht mit bösen Worten angreiffe / und beleidige: Ein solcher Mensch thut sein Seel für seinen Freund setzen.

4

Abbas Macarius dixit: Si reminiscimur malorum quæ ab hominibus patimur, perdimus memoriæ virtutem. Item dixit: Si autem recolimus malorum quæ nobis a dæmonibus mittuntur, sine perturbatione erimus, scientes quod ab initio bona Deus creavit, diabolus vero mala superseminavit. En sunt perditiones innumeræ. Et addidit, dicens: Culpa est monachi, si læsus a fratribus, primus in charitate purgato corde non occurrit. Nam Sunamitis non meruisset recipere Elisæum prophetam in domum suam, nisi quia cum nullo alio habuit causam. Sunamitis enim in persona est animæ, Elisæus vero in persona Spiritus sancti figuratus; quia nisi pura sit anima, non meretur suscipere Spiritum Dei. Ita ira inveterata excæcat oculos cordis, et animam excludit ab oratione.

Der H. Abt Macarius pflegte zu sagen: Wann wir derjenigen Ublen / welche uns die Menschen zufügen / wollen gedencken / so thun wir die Gedächtnuß der Tugend aus der Acht lassen. Hingegen / wann wir deren Ublen gedencken / welche uns der Teuffel zufügt / so werden wir ohne Verwirrung seyn / wohlwissend / daß GOtt der HErr alles recht und gut erschaffen hat / der Teuffel aber thäte erst hernacher das Unkraut aussäen. So thue derowegen die Augen recht auff / dann auff unzahlbare Weiß und Manieren kan der Mensch verlohren werden. Und ferners sprach dieser H. Alt-Vatter: Derjenige Münch macht sich schuldig / welcher / wann er von seinen Mit-Brüdern verletzt wird / ihnen nit zu erst mit reinem Hertzen in brüderlicher Liebe wieder entgegen geht. Hätte sich jene Frau zu Sunem mit jemand in Handel eingelassen / so hätte der Prophet Elisäus niemalen in ihrem Hauß eingekehret. Unser Seel tragt die Person dieser Sunamitin / durch den Propheten Elisäum aber wird Gott der Heilige Geist verstanden; welchen wir nit werden empfangen / wann unser Seel nit sauber und rein ist. Sonsten thut der veraltete Neid und Zorn die Augen des Hertzen verblenden / und die Seel von der Gnad des Gebets außschliessen.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden