Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Wie man in den Klöstern leben soll

Quomodo in cœnobiis vivendum sit.Das XLII. Capitel. Wie man in den Klöstern und in den Versamlungen leben solle.

1

Cum quidam adolescens frater abbatem Agathonem requireret, dicens: Volo permanere cum fratribus; dic mihi quomodo habitem cum ipsis? Respondit ei senex: Observa præ omnibus hoc, ut qualis primo die ingrederis apud ipsos, talis reliquum peragas tempus, et cum quiete adimplebis peregrinationem tuam. Custodi enim, ne quando fiduciam loquendi assumas, dicente Apostolo: Nemo militans Christo, implicat se negotiis sæcularibus.

Ein junger Bruder fragte den Abt Agathon / und sprach: Mein Vatter / ich möchte gern bey anderen Geistlichen wohnen; so sag mir dann / wie ich mich gegen ihnen verhalten solle? Nimm dieses in Obacht / antwortet der Alt-Vatter / wie du dich den ersten Tag / wann du in das Kloster kommst / gegen ihnen verhaltest / also thue dein Lebtag / so wirst du dein Pilgerfahrt ruhiglich vollführen. Gibe aber gute Achtung / daß du dich nit unterstehest / vermessentlich zu reden / dann der H. Apostel Paulus sagt: Niemand der im Streit GOtt dienet / verwickelet sich in weltliche Händel.

2

Item dixit Agathon: Si habitas cum proximo, esto sicut columna lapidea, quæ si injuriatur, non irascitur; si glorificatur, non extollitur.

Eben derselbige pflegte auch zu sagen: Wann du bey anderen Leuthen must wohnen / so seye wie ein steinerne Bild-Säul / welche sich nit erzürnet / wann man sie schmähet: Und hingegen sich nit übernimmt / wann man sie lobet.

3

Abbas Pimenius abbatem Nesteronem sedentem in cœnobio requisivit, dicens: Unde adeptus es hanc virtutem, frater, ut quotiescunque tribulatio contigit in cœnobio, neque loquaris, neque mediator accedas? Et cum nollet dicere, postea compulsus a sene, dixit: Indulge mihi, abba, quia in principio quando ingressus sum, dixi cogitationi meæ: Ecce. tu et hic asinus estis pares. Sicut enim hic asinus vapulat, et non loquitur; injuriatur, et nihil respondet; ita ergo esto et tu, nam sic dicit et psalmus: Ut jumentum factus sum apud te, et ego semper tecum.

Der Abt Pimenius fragte den Abt Nesteronem / welcher in der klösterlichen Versamlung wohnte / und sprach: Sag mir mein Vatter / wie hast du diese Tugend an dich gebracht / daß du so gar nichts sagest / und dich nicht auch darumb annimmst / wann sich schon ein Widerwertigkeit in dem Kloster ereignet? Anfänglich gabe der Abt Nestero / auff diese Frag kein Antwort / als ihm aber der Sel. Pimenius kein Ruhe liesse / da sprach er endlich: Verzeyhe mir / mein Vatter / wie ich erstlich in das Kloster gangen bin / da hab ich zu mir selbst gesagt: Siehe du und ein Esel soll von nun an ein Ding seyn. Und gleich wie der Esel / wann er geschlagen wird / nichts sagt; und wann man ihn schon schändt und schmächt / dannoch kein Antwort gibt: also sollest du auch thun / nach dem was das Psalter-Buch sagt: Ich bin bey dir worden wie ein unvernünfftiges Thier / ich aber bleibe allezeit bey dir.

4

Cum aliquando gens Mazicorum in Scythi superveniens, multos ex Patribus occidisset, abbas Pimenius una cum alio Patre seniore, nomine Anub, et cum aliis quinque Patribus fugiens inde, venit ad locum qui dicitur Terenuthi; et invenerunt ibi templum antiquum desertum, et manserunt in eo hi septem pariter, donec cognoscerent ubi unusquisque in Ægypto mansurus esset. Decreverunt autem inter se, dicentes: Septimana hac unusquisque requiescat apud se, et alter ad alterum non loquatur. Cum autem id facerent, erat in templo illo statua cujusdam idoli. Abbas ergo Anub exsurgens, mane lapidabat eam in facie; et vespere veniens, dicebat ad eam: Peccavi, indulge mihi. Et sic fecit per totam hebdomadam. Die autem Sabbati, cum venissent pariter, dixit ei abbas Pimenius: Quid voluisti hac tota hebdomada facere, ut homo fidelis diceres idolo, Indulge mihi. Dixit ei senex Anub: Hoc ego propter vos feci; dicite mihi, nunquid quando hoc idolum lapidabam, locutum est aut iratum? aut quando indulgentiam petebam, nunquid exaltavit se aut gloriatum est? Cui abbas Pimenius respondit: Non utique. Tunc dixit senex: Fratres ecce septem sumus, si vultis ergo pariter manere, ut lucrum animæ faciamus, sit idolum nobis istud in exemplum, ne quando injuriatur aliquis, irascatur; ne quando ab eo venia petitur, glorietur, aut extollatur; si autem ita non vultis, unusquisque vadat quo vult. At illi projicientes se in terram, spoponderunt se ita facturos: et sic permanserunt per multos annos, cum magna humilitate et abstinentia, unum ex ipsis facientes dispensatorem. Et erat eis perfectio, et unum desiderium; et quidquid positum esset in mensa, reficiebantur, nullo dicente: Affer nobis illud: aut, Istud nolo comedere. Quatuor siquidem horas dormiebant in nocte, et quatuor psallebant, et quatuor operabantur. In die vero per intervalla horarum officiis divinis insistebant, operantes et legentes, et fundentes folia palmarum, usque ad horam nonam. Post hoc vero victum sibi præparabant, colligentes quasdam herbas terræ.

Als auff ein Zeit die Völcker Mazices genennet / in die Scythische Wildnüß eingebrochen / und viel auß den Vättern umbgebracht hatten / da thäten sich der Abt Pimenius / und der Abt Anub / welcher der Aeltere war / mit fünff andern Vättern in die Flucht begeben / und an ein Orth kommen / welches Therenuthi genennet wird. Allda fanden sie ein zerstörte Götzen-Kirch / in welcher sie alle sieben thäten verbleiben / biß sich ein jeglicher gleichwohl wieder umb ein Wohnung in Egyten-Land könte umbsehen. Als sie nun dahin kommen weren / da unterredeten sie sich und sprachen: Diese gantze Wochen / wollen wir uns zur Ruhe begeben / und keiner mit dem andern reden. Das thäten sie auch alle; es ware aber in demselselbigen Tempel noch ein Götzen-Bild. Der Abt Anub derowegen gienge zu Morgens hin / und thäte das Bild mit Steinen werffen / zu Abends aber kam er wieder und sprach: Ich hab unrecht gethan / verzeyhe mir. Und dieses thät er alle Tag durch die gantze Wochen. Am Sambstag / als sie wieder mit einander redten / da fragte der Abt Pimenius: Was hast du darmit gemeinet / daß du diese gantze Wochen / das Götzen-Bild gesteiniget / zu Abends aber / wiederumb um Verzeyhung gebetten hast / da du doch ein Christglaubiger Mensch bist? dieses / sprach der Alt-Vatter / hab ich umb euertwegen gethan. Dann sagt mir / hat sich wohl das Götzen-Bild erzürnet / oder etwas gesagt / wann ich es mit Steinen geworffen hab? Item / hat es sich vielleicht dessen berühmt / oder übernommen / wann ichs zu Abends umb Verzeyhung gebetten hab? Als aber der Abt Pimenius mit Nein antwortete / da sprach der Abt Anub: Meine Brüder / sehet es seynd unser sieben / wann wir derohalben wollen beysammen wohnen / und verbleiben / so muß uns dieses Götzen-Bild zum Vorbild und Beyspiel dienen / daß sich nehmlich keiner erzürne / wann er beleidiget wird; und daß sich keiner solle berühmen und übernehmen / wann er umb Verzeyhung gebetten wird: könt und wolt ihr aber dieses nicht thun und halten / so gehe ein jeglicher seines wegs / wohin es ihm beliebet. Auff diese Red fielen sie ihm alle zu Füssen / und thäten ihm versprechen / daß sie also thun wolten: und auff solche weiß verbleiben sie viel Jahr beysammen in aller Gedult und Mässigkeit / und einen auß ihnen machten sie zum Schaffner. Es ware aber bey allen / ein vollkommenes Leben / wie auch ein Will und ein Meinung: und was ihnen auff- und fürgesetzt wurde / das thäten sie danckbarlich annehmen / dann keiner sprach: Ich mag dieses nicht essen / oder bring mir etwas anders her. Zu Nachts schlieffen sie vier Stund lang / vier Stund brachten sie zu mit Psalmen-singen / und vier Stundt mit der Hand-Arbeit. Die Stund deß Tags aber thäten sie mit Haltung deß GOttes-Diensts / mit Arbeiten und Lesen / mit Palmen einweyhen und dergleichen Geschäfften zubringen / biß auff die Non-Zeit. Hernach thäten sie ihnen das Essen bereiten / und hierzu etliche Kräuter der Erden eintragen.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden