Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch VII)

Welches die Ordnung der geistlichen Zucht ist

Quæ sit observantia spiritualis disciplinæ.Das XLIII. Capitel. Sagt von Beobacht- und Haltung geistlicher Zucht.

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Quidam frater requisivit sanctum Serapionem abbatem, habentem sub regimine suo decem millia monachorum, dicens: Alii fratres de cœnobio elegerunt me, ut ego illis præcipiam; ostende mihi quomodo jubes? Respondit Serapion: Durum est meum fortasse imperium. Nam Dominus noster Jesus Christus per Evangelium suum instruit, dicens: Si diligitis me, mandata mea servate. Et cum discipuli de primatu inter se disceptarent, quis eorum esset senior, ait ad eos: Si quis voluerit inter vos major fieri, erit vester minister, et quicunque voluerit in vobis prior esse, erit omnium servus. Petrus apostolus, in epistola sua, monet pastores: Pascite qui in vobis est gregem Dei, providentes, non coacte, sed voluntarie secundum Deum; nec turpis lucri gratia, sed forma estote gregis; et cum apparuerit princeps pastorum, percipietis immarcescibilem gloriæ coronam. Ita facito prius quod præcipis, ut non tantum illis præcepta, sed formulam præbeas, ut tua imitentur exempla. Ne sis mercenarius, sed pastor ovium, quia Salvator noster beatum dixit, quem constituit super familiam suam, ut det illis cibum in tempore.

Ein Bruder fragte den Abt Serapion / welcher zehen tausend München unter seiner Regierung hatte / und sprach: Die Brüder unsers Klosters haben mich erwöhlet / daß ich ihnen solle vorstehen; so zeige mir dann / mein Vatter / wie verhaltest du dich gegen deinen Untergebenen im Befehlen und Gebiethen? Diesem gabe der selige Vatter zur Antwort: Vielleicht kan mein Regierung / und meine Befelch zu streng seyn. Dann unser HErr und Heyland JEsus Christus lehret und ermahnet uns: Habt ihr mich lieb so haltet meine Gebott. Und als seine Jünger mit einander zanckten / welcher unter ihnen der Gröste wäre / da sprach er: Wer unter euch will der Grössere werden / der soll euer Diener seyn / und welcher der Fürnehmste seyn will / der soll euer aller Knecht seyn. So ermahnet auch der Heil. Apostel Petrus / alle Hirten und Vorsteher / mit den folgenden Worten: Weidet die Heerd GOttes / welche unter euch ist / und habt Auffsicht nicht gezwungen sondern freywillig nach GOtt: auch nit umb deß schändlichen Gewinns willen / sondern auß geneigtem Gemüth. Als die da worden seynd auß Hertzen ein Vorbild der Heerd / und wann unser Ertz-Hirt erscheinen wird / so werdet ihr auch die unverwelckliche Kron der Herrlichkeit empfangen. So thue derowegen zu erst selbsten was du andern gebietest / und gib deinen Untergebenen nicht nur die Befelch / sondern auch dein Vorbild / damit sie dir wissen nachzufolgen. Seye kein Mietling / sondern ein rechter Hirt: dann unser Heyland spricht denjenigen selig / welchen der HErr über sein Hauß-Gesind gesetzt hat / daß er ihnen Speiß gebe zur rechten Zeit.

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Interrogavit abbas Moyses abbatem Silvanum, dicens: Potest homo per singulos dies apprehendere conversationis initium? Respondit: Oportet enim apprehendere unumquemque aliquid ex omnibus. Surgens mane, sumat initium sapientiæ: in omni virtute, et in omni mandato Dei, in magna patientia, et longanimitate, et charitate Dei, cum humilitate animæ et corporis, in multa sustentatione et commoratione cellæ, in oratione et deprecatione, cum gemitu, cum puritate cordis et oculorum, et custodia linguæ ac sermonum, in abrenuntiatione rerum materialium, desideriorum carnis, cruciationem habentes in certamine, in continentia spiritali et agone pugnæ, in pœnitentia et luctu, in simplicitate animæ et taciturnitate, in jejuniis et vigiliis nocturnis, in operatione manuum, secundum quod dicit apostolus Paulus, operantes manibus vestris, in fame et siti, in frigore et nuditate, in laboribus et augustiis et persecutionibus, in foveis et speluncis et cavernis. Esto factor verbi, et non auditor tantum, operans talentum in duplum, habens vestem nuptialem, firmatus supra firmam petram. Eleemosyna et fides non te derelinquant. Cogitans esto, omni die mortem vicinam esse: et quasi jam clausus in monumento, nihil de hoc sæculo cures, quia sollicitudo sæculi et cupiditas divitiarum, hæc sunt spinæ, quas Dominus cavere dixit in Evangelio, quæ bonum semen suffocant. Inedia escarum, humilitas et luctus non recedant a te, quia Dominus dissipat ossa hominum sibi placentium. Timor omni hora permaneat in te, sicut scriptum est: Propter timorem tuum, Domine, in utero concepimus, et doluimus, et peperimus spiritum salutis. Hæc ergo, et si qua alia virtus est, in his prospice; et ne te mensures cum magnis, aut justum te æstimes; sed te crede inferiorem esse totius creaturæ, id est, viliorem quovis homine peccatore. Qui se existimat aliquid esse, cum nihil sit, ipse se seducit. Non dijudices proximum, neque despicias aliena delinquentium, sed tua plange peccata, et de nullius hominis actu sollicitus sis. Esto mansuetus spiritu, et non iracundus. Nihil in corde tuo, neque odium, neque contra inimicum aliquid sine causa habeas: neque despicias eum in tribulatione ejus, neque reddas malum pro malo, sed esto pacificus cum omnibus: hoc est vinculum perfectionis. Non te credas malum facienti, neque congaudeas ei qui fecit proximo suo malum. Non detrahas aliis quia Deus judex et testis est in omnibus. Ne oderis aliquem propter peccatum ejus, quia scriptum est: Nolite judicare, ut non judicemini. Dum alium arguis, vide ne pejora committas. Non despicias peccantem, sed ora pro illo, ut Deus illi det conversionem ad pœnitentiam; et si audieris de aliquo quod agat iniqua, responde dicens: Nunquid ego horum sum judex? homo sum peccator, mortuus sum peccatis meis. Mortuus enim causam non habet curare pro aliquo. Qui hæc omnia procurat et cogitat, operarius est omnis justitiæ, dum de Christo redemptore nostro propheta denuntiet, dicens: Ego autem sum vermis, et non homo. Et alius propheta Habacuc dicit: Lapis de pariete clamavit, et scarabeus de ligno loquitur; nos vero dum in multis extollimur, in multis supplantamur. Qui vero hæc custodit, vivit sub gratia et virtute Domini nostri Jesu Christi.

Der Abt Moyses fragte den Abt Silvanum / sprechend: Kan auch der Mensch täglich den Anfang seines Wandels und Vornehmens wiederum ergreiffen? Ja freylich / antwortete der S. Silvanus: Dann es geziemet sich in allweg / daß der Mensch aus allem guten etwas ergreiffe. Wann er derowegen zu Morgens auffstehet / so mache er den Anfang mit der Forcht GOttes in aller Tugend / in allen Gebotten / in grosser Gedult / in Langmüthigkeit / und in der Liebe GOttes / in Demüthigkeit des Leibs und der Seelen / in Einsamkeit und Verbleibung in der Cellen / mit Beten und Seufftzen / in Reinigkeit der Augen und des Hertzens / mit Beobachtung unsrer Zungen und aller Reden / mit Absagung und Verlaugnung der zeitlichen Sachen und der fleischlichen Begierden / in Trübsal und Widerwärtigkeit / mit geistlicher Behutsamkeit / in Streiten und Kämpffen / in Buß und Besserung / in Einfältigkeit des Hertzens / und im Stillschweigen / in Fasten / Wachen und Arbeiten / massen der Heil. Paulus lehret: In Arbeit und Bekümmernuß / in Hunger und Durst / in Kälte und Blösse / in Mühseeligkeit / in Angst und Verfolgung / in den Speluncen / Löchern und Hölinen der Erden. So seye derowegen ein Thäter des Worts / und nit nur ein Zuhörer / befleissige dich / das dir anvertraute Pfund zu vermehren / und zu verdopplen / bewerbe dich umb das hochzeitliche Ehren-Kleid / und bevestige dich auff den unbeweglichen Felsen. Lasse nit ab von deinem Glauben und dem Allmosen geben. Bilde dir täglich ein / der Tod seye nimmer weit von dir: Und als ein Todter / welcher schon im Grab ligt / lasse dich die Welt nichts anfechten / dann die zeitliche Sorgfaltigkeiten und die Reichthumb dieser Welt seynd die Dörner / darvor wir uns sollen in Obacht nehmen / sintemalen sie den guten Saamen verstecken. Das Fasten / die Demuth / das Weinen und Leid-tragen / nimm wohl in acht: Dann der HErr zerstreuet die Gebein deren / welche ihnen selbsten gefallen. Förchte GOtt jederzeit / massen geschrieben stehet: Um deiner Forcht willen / O HErr / haben wir empfangen / Schmertzen gelitten / und den Geist des Heyls gebohren. Nach diesen und dergleichen Tugenden sihe dich um. Thue dich den vollkommen Leuthen niemalen vergleichen / oder dich für gerecht halten: Sondern demüthige dich unter alle Creaturen / und erkenne dich für den grösten Sünder. Dann so sich jemand bedüncken lasset / daß er etwas seye / da er doch nichts ist / der verführet sich selbsten. Urtheile deinen Nächsten nit / verachte keinen Sünder / sondern beweine deine eigene Missethaten / und lasse dich anderer Leuthen ihr Thun und Lassen nicht anfechten. Sey sanfftmüthig im Geist / und keines Wegs zornmüthig. Behalte weder Haß noch Unwillen / noch etwas anders / wider deine Feind in deinem Hertzen: Und verachte ihn nit in seiner Trübsaal / thue keinem Böses mit Bösem vergelten / sondern seye mit jederman zufrieden: Dann dieses ist das Band der Vollkommenheit. Vertraue dich keinem / der übels thut / und mit demjenigen / der seinem Nächsten etwas übels zugefügt hat / thue dich niemalen erfreuen. Schneide niemand sein Ehr ab; dann GOtt der HErr ist der Richter und der Zeug in allem. Hasse niemand um seiner Sünd willen / dann es stehet geschrieben: Richtet nicht / so werdet ihr auch nit gerichtet werden. Und sihe zu / indeme du andere richtest und bezüchtigest / daß du nit ärgers begehest. Ferners verachte keinen Sünder / sondern bitte vielmehr für denselbigen / damit ihn GOtt der HErr bekehre: Und wann du must hören / daß dieser oder jener Ubels thue / so sprich: Bin ich dann sein Richter? Ich bin selbs ein boßhaffter Mensch / und in meinen Sünden verstorben. Ein Todter aber achtet es nit / was andere Leut machen. Derjenige nun / welcher dieses alles gedencket und beobachtet / der ist ein Arbeiter der Christlichen Gerechtigkeit / dann in der Person Christi / sagt der Psalmist David: Ich bin ein Wurm / und kein Mensch. So sagt auch der Prophet Abacuc: Es werden die Stein aus der Mauren ruffen / und der Holtz-Wurm wird antworten. Wir aber / indeme wir uns vielfältig thun übernehmen / nach deme werden wir auch in vielen Dingen gestürtzt werden. Derjenige aber / welcher dieses beobachtet / der lebt unter der Gnad und Krafft unsers HErrn JEsu Christi.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch VII der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Paschasius von Dumio für Abt Martin (Martin von Braga), in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 1025–1062, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers und ohne den griechischen Text von Kapitel XLIV in den Anmerkungen. · Übersetzung von Matthäus Rottler, Pfarrer zu Hausen im Ehinger Kapitel, Vitae Patrum, oder Leben der Vätter, Augsburg und Dillingen, J. C. Bencard, 1735 (Erstausgabe 1691; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Randbemerkungen und Quellenangaben des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (1,3 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Druckfehler der Ausgabe sind beibehalten. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden