Worte der Väter (Verba seniorum, Buch V)
Dass man gastfreundlich und barmherzig sein soll in Fröhlichkeit
De eo quod oporteat hospitalem esse et misericordem in hilaritate.Daß man sich gegen den Nächsten mit Fröhlichkeit, Gastfreiheit und Barmherzigkeit erweisen soll.
Perrexerunt aliquando quidam Patrum ad abbatem Joseph in Panepho, ut interrogarent eum de susceptione fratrum, qui superveniunt ad eos, si deberent sibi relaxare abstinentiam suam cum ipsis, et congaudere eis. Et priusquam interrogarent eum, dixit senex discipulo suo: Considera quod facio hodie, et exspecta; et posuit duo sedilia de scirpo in fasciculis ligata, unum a dextra et unum a sinistra; et dixit: Sedete. Et intravit in cellam suam, et vestivit se res vetustas. Et exiens transivit in medio eorum; et iterum intravit et vestivit se rescellas suas, quas prius habuerat. Et egressus iterum sedit in medio eorum. Illi autem stupentes in id quod fecerat senex, interrogaverunt eum quid hoc esset. Et dixit eis: Vidistis quid feci? Dixerunt: Etiam. Et ille dixit: Ne mutatus sum ego pro contumeliosa veste? Et dixerunt: Non. Et ipse dixit iterum: Ne læsus sum de meliori veste? Et dixerunt: Non. Et ille dixit: Sic ego ipse sum in utrisque; et sicut priori veste mutatus non sum, nec sequenti læsus sum; ita debemus in susceptione fratrum facere, sicut in sancto Evangelio legitur: Date quæ sunt Cæsaris, Cæsari; et quæ sunt Dei, Deo. Quando ergo est præsentia fratrum, cum gaudio debemus suscipere eos; quando vero soli sumus, opus habemus lugere. Illi autem audientes, admirati sunt: quia quæ in corde eorum erant ut interrogarent eum, prius agnovit, et glorificaverunt Deum.
Einsmals reisten einige Väter zum Abte Joseph, welcher in Panepho wohnte, ihn zu befragen, wie sie die Brüder empfangen sollen, die zu ihnen kommen; ob sie nicht mit ihnen ihren Abbruch mildern und sich mit denselben erfreuen dürften? Bevor sie ihn darum fragten, sagte der Altvater zu seinem Jünger: Gieb acht, was ich thue, und gedulde dich ein wenig. Hierauf stellte er zwei Sitze, von Binsen geflochten, den Einen zur Rechten, den Andern zur Linken und sprach: Setzet euch. Er ging sodann in seine Zelle und zog ein altes abgeschmutztes Kleid an. Er ging wieder aus der Zelle und mitten in dieser Bekleidung durch sie durch. Hierauf ging er wieder in seine Zelle und zog sein tägliches Kleid an, das er früher anhatte. Als er damit wieder herausgetreten, setzte er sich mitten unter sie hin. Sie waren voll Staunen über diese Handlungen des Altvaters und fragten, was sie bedeuteten? Er erwiederte: Habt ihr gesehen, was ich gethan habe? Als sie dieß bejahten, entgegnete er: Bin ich durch das schmähliche Kleid verändert worden? Sie sagten: Nein! Er fragte wieder: hat mir das bessere Kleid geschadet? Als sie dieß verneinten, erwiederte er: Also bin ich in beyden Kleidern derselbe; so wie mich das erste Kleid nicht geändert, so hat mich das zweite auch nicht beschädigt, so sollen auch wir uns beym Empfange der Brüder verhalten, wie man im Evangelium liest: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Wann also Brüder ankommen, sollen wir sie mit Freuden empfangen; wann wir wieder allein sind, können wir Bußtrauer üben. Ueber diese Worte wunderten sie sich und priesen Gott um der Gnade Josephs willen, indem er die Gedanken ihres Herzens schon früher erkannt hat, als sie ihn darum befragten.
Dixit abbas Cassianus: Quia venimus a Palæstina in Ægypto ad quemdam Patrum. Et cum hospitalitatem nobis impendisset, interrogavimus eum: Quare tempore susceptionis fratrum regulam jejunii non custoditis, sicut et in Palæstina fit? Et respondens dixit: Jejunium semper mecum est, vos hic semper tenere non possum: et jejunium quidem quamvis utilis et necessaria res sit, in nostra voluntate est; charitatis autem plenitudinem lex Dei exigit a nobis. Unde suscipiens in vobis Christum, debeo exhibere quæ charitatis sunt cum omni sollicitudine: cum autem dimisero vos, regulam jejunii possum recuperare, quoniam non possunt filii sponsi jejunare quandiu cum illis est sponsus, cum autem ablatus fuerit ab eis, tunc ex sua potestate jejunant.
Der Abt Cassian erzählte: Wir kamen von Palästina nach Aegypten zu einem Altvater. Als er uns die Liebe der Gastfreundschaft erzeigt hatte, fragten wir ihn: Warum haltet ihr, so oft ihr Brüder beherberget, eure Fastenregel nicht, wie es auch in Palästina im Brauche ist? Er antwortete und sprach: Das Fasten ist immer bey mir; euch aber kann ich nicht immer bey mir haben; das Fasten ist zwar eine nützliche und nothwendige Sache, allein das Gesetz Gottes fordert von uns die Fülle der Liebe. Wenn ich daher Christus in euerer Person aufnehme, so bin ich schuldig, die Pflichten der Liebe mit aller Sorgfalt zu erfüllen. Sobald ihr aber fortgegangen seyd, kann ich mein Fasten wieder fortsetzen. Die Söhne des Bräutigams können nicht fasten, so lange der Bräutigam bey ihnen ist; wann aber der Bräutigam wird genommen werden, dann fasten sie so viel es in ihrer Macht steht.
Dixit iterum qui supra: Quia venimus ad alium senem, fecit nos gustare: et hortabatur nos satiatos adhuc sumere cibum; et cum dixissem quia jam non possum, ille respondit: Ego jam supervenientibus diversis fratribus sexies mensam posui; et dum singulos hortor, etiam ego ipse manducavi, et adhuc esurio; tu vero hic semel manducans ita satiatus es, ut jam manducare non possis?
Ferner erzählte der oben Erwähnte: Wir kamen zu einem andern Altvater, der uns auch zu essen gab, und als wir gesättiget waren, drang er in uns, noch mehr zu essen. Auf meine Aussage, daß ich nicht mehr essen kann, gab er zur Antwort: Ich habe, da verschiedene Brüder ankamen, sechsmal heute schon den Tisch gedeckt, und während ich Jeden einzeln ermahnte, auch selbst mitgegessen, und bin noch hungrig, und du assest nur einmal und bist schon so gesättiget, daß du nicht mehr solltest essen können?
Factum est aliquando in Scythi mandatum ut jejunarent illa hebdomada, et facerent Pascha; contigit autem ut in ipsa hebdomada venirent ad abbatem Moysem fratres quidam ab Ægypto; et fecit eis modicum pulmentum; et cum vidissent vicini fumum, dixerunt clericis ecclesiæ quæ illic est: Ecce Moyses solvit mandatum, et coxit apud se pulmentum. Illi autem dixerunt: Quando venerit, loquemur ei nos. Facto autem Sabbato, videntes clerici magnam conversationem abbatis Moysis, dicunt ei coram omni plebe: O abbas Moyses, mandatum quidem hominum solvisti, sed Dei mandata fortiter alligasti.
In Scythi ward einsmal geboten, in jener Woche, die vor Ostern hergeht, zu fasten. Nun fügte es sich, daß in derselben Woche von Aegypten einige Brüder zum Abte Moses kamen. Er kochte ihnen ein kleines Muß. Als die benachbarten Brüder den Rauch aufgehen sahen, sprachen sie zu den Geistlichen der dortigen Kirche: Seht, Moses hat das Gebot übertreten und hat etwas in seiner Zelle gekocht? Sie erwiederten: Wann er kommen wird, wollen wir mit ihm darüber reden. Als am darauffolgenden Samstag die Geistlichen die Brüder bey dem Abte Moses in großer Anzahl versammelt sahen, sprachen sie vor allem Volke zu ihm: O Abt Moses! du hast zwar ein Gebot der Menschen übertreten, aber das Gebot Gottes starkmüthig gehalten.
Frater quidam venit ad abbatem Pastorem in secunda hebdomada Quadragesimæ, et dicens ei cogitationes suas, atque responsione ejus inveniens requiem, dicit ei frater ille: In modico impediri habui, ne venirem ad te hodie. Et dixit ei senex: Quare? Et ille dixit: Metuebam ne propter Quadragesimam mihi non aperiretur. Et respondit ei abbas Pastor: Nos non didicimus januam ligneam claudere, sed magis linguæ januam cupimus clausam habere.
Ein Bruder kam zum Abte Pastor in der zweiten Fastenwoche, entdeckte ihm seine Gedanken und fand Beruhigung in dessen Belehrung. Der Bruder sprach hierauf: Ich hätte mich bald hindern lassen, heute zu dir zu kommen. Der Altvater fragte ihn um die Ursache. Er antwortete: Weil ich fürchtete, es möchte mir wegen der Fasten nicht aufgethan werden. Der Abt Pastor erwiederte: Wir haben nicht im Brauche die hölzerne Thüre zu schließen, sondern wünschen vielmehr die Thüre der Zunge geschlossen zu halten.
Frater quidam dixit abbati Pastori: Si dedero fratri meo modicum panis aut aliquid aliud, dæmones polluunt illud, ut videatur ad placendum hominibus fieri. Et dixit ei senex: Et si ad placendum fiat tale opus, nos tamen fratribus debemus præbere quæ egent. Dixit autem ei parabolam talem: Duo homines erant agricolæ, habitantes in una civitate; et unus ex eis seminans, collegit pauca et sordida; alius autem negligens seminare, nihil omnino collegit. Si ergo fiat fames, quis duorum potest evadere? Et respondit frater ille: Qui fecit, quamvis parum atque immundum. Et dixit ei senex: Ita et nos seminemus pauca, etsi immunda, ne famis tempore moriamur.
Ein Bruder sprach zum Abte Pastor: Wenn ich meinem Bruder nur ein wenig Brod oder etwas Anderes gebe, so beflecken die Dämonen gleich dieses gute Werk mit dem Unflath der eitlen Ehre, so daß es den Anschein hat, als thue es ich nur, um den Menschen zu gefallen. Der Altvater erwiederte ihm auf diese Anfrage: Und wenn auch ein solches Werk geschehen sollte aus Eitelkeit, um den Menschen zu gefallen, so müssen wir doch den Brüdern das reichen, was sie bedürfen. Er trug ihm sodann die Sache in einem Bilde vor: Zwei Bauern wohnten in einer Stadt: Einer von ihnen säete noch, und was er von den Früchten sammelte, war wenig und schlecht. Der Andere aber, der die Aussaat versäumte, sammelte gar nichts mehr ein. Wenn nun eine Hungersnoth entstünde, welcher von Beyden kann besser durchkommen? Die Antwort lautete: Derjenige, der noch etwas eingesammelt hat, wenn es auch wenig und schlecht war. Hierauf sprach der Altvater: So sollten auch wir aussäen und einsammeln, wenn es auch wenig und schlecht ist, damit wir zur Zeit der geistlichen Hungersnoth nicht sterben.
Frater quidam venit ad quemdam solitarium: et cum egrederetur ab eo, dixit: Ignosce mihi, abba, quia impedivi regulam tuam. Ille respondit, et dixit ei: Mea regula est ut recipiam te in hospitalitate, et cum pace dimittam.
Ein Bruder besuchte einen Einsiedler. Als er von ihm wieder Abschied nahm, sprach er: Verzeihe mir, Vater, daß ich dir hinderlich war in Haltung deiner Regel. Er erwiederte ihm und sagte: Meine Regel ist, daß ich dich gastfreundlich aufnehme und im Frieden wieder entlasse.
Solitarius quidam habitabat non longe a congregatione fratrum, operationes faciens plurimas: contigit autem quosdam venire in monasterio illo ubi congregatio erat, et divertentes ad solitarium illum, fecerunt eum extra horam manducare. Postea vero dixerunt ei fratres illi: Non contristaris, abba? Et ille respondit eis: Mea tristitia est, si propriam fecero voluntatem.
Ein Einsiedler wohnte nicht weit von einem Kloster. Er übte sich in allen Tugenden. Nun trug es sich zu, daß etliche Brüder in dieses nächst gelegene Kloster kamen und auch den Einsiedler besuchten. Da sie Veranlassung gegeben, außer der gewöhnlichen Stunde zu essen, so fragten ihn die Brüder: Bist du nicht deßhalb betrübt? Er antwortete: Ich bin nur traurig, wenn ich meinen eigenen Willen thue.
Dicebant de quodam sene in Syria qui juxta viam eremi habitabat, et hoc erat opus ejus, ut quacunque hora veniret monachus de eremo, cum fiducia faciebat eum reficere. Venit ergo aliquando unus solitarius, et ille petebat ab eo ut gustaret. Qui cum nollet gustare, dicens: Ego jejuno. Contristatus senex, dixit ei: Ne prætermittas puerum tuum, obsecro te, ne despicias me, sed veni oremus; ecce enim arbor hic est, cum quo curvante genu et orante inclinata fuerit, ipsum sequamur. Curvavit ergo ille solitarius genu in oratione, et nihil factum est. Flexit etiam ille, qui eum susceperat, genu, et statim curvata est etiam arbor illa cum ipso: quod cum vidissent, gavisi sunt, et gratias egerunt Deo semper mirabilia facienti.
Man erzählte von einem Altvater in Syrien, der am Wege in die Wüste wohnte, daß er dieß zu seiner Hauptbeschäftigung machte, jeden Mönch, der von der Wüste kam, es mochte zu welcher Stunde immer seyn, mit Speis und Trank zu erfrischen. Einsmals kam demnach ein Einsiedler. Der Altvater verlangte auch von diesem, daß er essen sollte. Als er aber nicht essen wollte und sagte: Ich habe einen Fasttag, ward der Altvater traurig und sprach zu ihm: Gehe bey deinem Knechte nicht vorbey, ich bitte dich, verachte mich nicht, komm vielmehr hieher, und laß uns um den Willen Gottes bitten. Sieh, hier ist ein Baum; da wollen wir denn Einer nach dem Andern niederknien und beten, mit wem sich der Baum neigt und beugt, wenn er betet, dem soll der Andere folgen. Jener Einsiedler bog demnach zuerst sein Knie und betete, allein es geschah nichts. Als aber der Altvater, der ihn gastfreundlich aufgenommen hatte, sein Knie bog und sein Gebet verrichtete, da bog sich mit ihm auch der Baum. Ueber diesen Anblick erfreuten sie sich und dankten Gott, der immer Wunder wirkt.
Venerunt aliquando duo fratres ad quemdam senem: consuetudo autem erat seni, non manducare quotidie. Qui cum vidisset fratres, gaudens suscepit eos, et dixit: Jejunium suam mercedem habet. Et iterum: Qui manducat propter charitatem, duo mandata implet; quoniam voluntatem propriam dereliquit, et mandatum implevit reficiens fratres.
Einst kamen zwey Brüder zu einem Altvater, der im Brauche hatte, nicht alle Tage zu essen. Als er Brüder ankommen sah, nahm er sie mit Freuden auf und sagte: Das Fasten hat zwar seinen Lohn, wer aber um der Liebe willen ißt, erfüllt zwei Gebote, weil er den eigenen Willen verläugnet und zugleich seine Brüder durch Speis und Trank erquickt.
Erat quidam senum in Ægypto, habitans in deserto loco: erat etiam alter longe ab eo Manichæus, et hic erat presbyter ex his quos ipsi vocabant presbyteros. Qui cum vellet pergere ad quemdam ejusdem erroris hominem, comprehendit eum nox in illo loco, quo erat vir ille sanctus et orthodoxus, et anxiabatur volens pulsare, ut maneret apud eum; sciebat enim quia cognosceret quod esset Manichæus, et revocabatur a cogitatione sua, ne forte non acquiesceret suscipere eum, compulsus autem necessitate pulsavit. Et aperiens senex, et cognoscens eum, suscepit cum hilaritate, et coegit eum orare, et reficiens eum collocavit ubi dormiret: Manichæus autem cogitans in se nocte, mirabatur, dicens: Quomodo nullam suspicionem habuit in me? vere iste servus Dei est. Et surgens mane cecidit ad pedes ejus, dicens: Ab hodie orthodoxus sum, et non recedam a te. Et deinceps permansit cum eo.
Einer von den ägyptischen Altvätern wohnte in der Wüste; ziemlich weit von ihm lebte ein Priester, der ein Manichäer war. Als nun dieser Letztere einmal zu einem Andern, der mit dem nämlichen Irrthume behaftet war, verreisen wollte, überfiel ihn auf der Reise gerade an dem Orte, wo jener heilige und katholische Einsiedler seine Wohnung hatte, die Nacht. Lange nahm er Anstand und trug Bedenken, ob er anklopfen und bey ihm über Nacht bleiben sollte; denn er wußte wohl, daß er ihn als Manichäer erkennen würde. Und selbst seine Gedanken gaben ihm ein, der Einsiedler werde ihn nicht aufnehmen; endlich zwang ihn die Noth, anzuklopfen. Der Einsiedler machte die Thüre auf und empfing ihn doch, obwohl er ihn erkannte, mit Fröhlichkeit. Er hieß ihn sodann beten, und wies ihm, als er ihn mit Speis und Trank erquickt hatte, einen Ort zum Schlafen an. Der Manichäer dachte in jener Nacht bey sich nach, wunderte sich und sprach: Wie! dieser Mann schöpfte gar keinen Unwillen und Argwohn über mich? Er ist ein wahrer Diener Gottes. Als er in der Frühe vom Schlafe sich erhoben hatte, fiel er dem Einsiedler zu Füßen und sagte: Von heute an bin ich katholisch und will nimmer von dir weichen. Er blieb hernach auch immer bey ihm.
Monachus quidam Thebæus accepit gratiam ministerii a Deo, ut singulis indigentibus ministraret quod necessarium esset. Contigit autem aliquando in quodam vico, ut faceret agapem; et ecce mulier quædam venit ad eum, ut acciperet, et hæc erat vestita vetustissimas res: quam cum vidisset ita vetustis rebus indutam, implevit manum ut daret ei multum, clausa est manus ejus, et levavit parum. Alia vero venit ad eum, vestita bene; et videns ejus vestes, misit manum ut daret ei parum; et aperta est manus ejus, et levavit multum. Et requisivit de utrisque mulieribus illis, et cognovit quia illa quæ bonis vestibus utebatur de honestis mulieribus ad paupertatem pervenerit, et quia pro opinione natalium suorum bonis fuerit rebus induta; illa vero alia accipiendi causa vestierit se res vetustas.
Ein Thebäischer Mönch erhielt von Gott die Gnade, allen Armen und Dürftigen in ihren Nöthen zu Hülfe zu kommen und beyzuspringen. Als er einst in einem Dorfe war, um eine Spende zu halten, sieh, da kam ein Weib zu ihm, um von ihm ein Almosen zu empfangen. Sie trug ein Kleid, das sehr schlecht war. Kaum hatte er diese in ihren zerlumpten Kleidern erblickt, als er seine Hand ausstreckte, um ihr viel zu geben; allein die Hand ward geschlossen, und er hob nur wenig heraus. Es kam aber auch eine Andere zu ihm, die wohlgekleidet war. Als er ihre Kleidung sah, streckte er seine Hand aus, um ihr wenig zu geben; seine Hand ward aber geöffnet, so daß er viel herauslangte. Er fragte nun beyden Weibern nach und erfuhr: jenes Weib, das schöne Kleider getragen, war von guten Eltern geboren und in die Armuth gerathen, und habe sich ihres Standes wegen wohl gekleidet, die Andere aber habe nur, um Almosen zu bekommen, die alten Lumpen angezogen.
Monachus quidam erat habens fratrem sæcularem pauperculum, et quidquid laborabat præbebat ei; sed quantum ille præbebat, tantum ille pauperior fiebat. Pergens autem monachus ille indicavit hæc seni cuidam. Senex autem dixit ei: Si me vis audire, ultra nihil præbeas ei, sed dic ei: Frater quando habui præbui tibi: tu ergo modo labora, et ex eo quod laboraveris, præbe mihi, et quidquid tibi attulerit, accipe ab eo, et ubi scis peregrinum aut senem pauperem, da illud, et roga eos ut orent pro eo. Ille autem frater hæc audiens, fecit ita; et veniente ad se illo sæculari fratre, locutus est ei quemadmodum dixerat senex, et discessit tristis. Et ecce quadam die tollens de horto minuta olera, attulit ei: accipiens autem frater ille, dedit senibus, et rogavit eos ut orarent pro eo. Qui cum accepissent benedictionem, reversus est in domum suam. Postea vero iterum attulit olera et tres panes; et accipiens frater ejus, fecit sicut prius. Et consecuta benedictione iterum discessit. Tertio veniens attulit multas expensas, et vinum, et pisces. Quod cum vidisset frater ejus, miratus est, et vocavit pauperes, et refecit eos. Dixit autem illi sæculari fratri suo: Ne opus habes aliquantos panes? Et ille dixit: Non, domine: quoniam quando aliquid accipiebam a te, velut ignis intrabat in domum meam, et consumebat illud; nunc autem quando a te nihil accipio, superabundo, et Deus benedicit mihi. Pergens autem frater, indicavit omnia quæ facta fuerant seni. Et dicit ei senex: Nescis quia opus monachorum ignis est, et ubicumque ingreditur, consumit? Hoc autem utile est fratri tuo, ut de labore suo misereatur, et orationem a sanctis viris accipiat; et ita benedictionem consequens, multiplicabitur labor ejus.
Es war ein Mönch, der einen weltlichen, sehr armen Bruder hatte. Alles, was er sich durch Arbeit erübrigte, gab er ihm. Jemehr er aber demselben gab, desto ärmer wurde er. Deßhalb reiste dieser Mönch einsmals zu einem Altvater und zeigte ihm dieß an. Der Altvater erwiederte: Wenn du mich hören willst, so gieb ihm nichts mehr, sondern sage zu ihm: So lange ich etwas hatte, gab ich es dir: nun aber arbeite du selbst, und gieb mir etwas von dem, was du durch deine Arbeit gewonnen hast. Und was er dir bringen wird, das nimm an, und wenn du einen Fremdling oder armen Altvater weißt, dem gieb's, und bitte sie, daß sie für ihn beten möchten. Der Mönch machte es so, wie er hier vernommen hatte. Als der weltliche Bruder wieder zu ihm kam, sprach er zu ihm, wie der Altvater gesagt hatte; und er ging traurig wieder fort. Sieh, eines Tages nahm der weltliche Bruder von seinem Garten ein wenig Gemüskräuter und brachte sie dem Mönche. Dieser aber nahm sie und gab sie den Altvätern und stellte die Bitte an sie, für ihn zu beten. Nachdem sie den Segen erhalten hatten, kehrte der nach Hause zurück. Nachhin kam er wieder und brachte Kohlkräuter und drei Laibe Brodes. Sein Bruder nahm sie in Empfang und that wie vorher. Nach empfangenem Segen kehrte er wieder zurück. Er kam zum dritten Male und brachte diesmal viele Sachen, und Wein und Fische. Darüber verwunderte sich der Bruder, berief die Armen und erquickte sie. Er fragte sodann seinen weltlichen Bruder: Hast du kein Brod vonnöthen? Er erwiederte: Nein, mein Herr. Als ich noch etwas von dir empfing, da verzehrte Alles, was in mein Haus kam, gleichsam ein Feuer; nun aber, wo ich von dir nichts mehr bekomme, habe ich an Allem Ueberfluß und den Segen Gottes. Der Bruder aber ging hin und zeigte Alles, was geschehen war, dem Altvater an. Dieser erwiederte: Weißt du nicht, daß das Gut der Geistlichen ein Feuer ist, das Alles verzehrt, wo es immer hinkommt? Das ist aber deinem Bruder nützlich, daß er von seiner Arbeit auch Andern mittheile und so des Gebetes der Heiligen theilhaft wird; denn auf solche Weise erlangt er Gottes Segen und sein Vermögen vermehrt sich.
Dicebat quidam senum: Quia est quidam faciens multa bona frequenter, et diabolus mittit et scrupulositatem in animo pro parvis rebus, ut aliorum omnium, quæ facit, mercedem amittat. Sedente enim me aliquando in Oxyrincho cum quodam presbytero qui faciebat multas eleemosynas, venit quædam mulier vidua postulans ab eo modicum tritici. Et dixit ei: Vade, affer modium, et mensuro tibi. Et attulit ei. Ille autem mensurans modium ad manum, dixit ei: Major est; et fecit verecundiam viduæ illi. Cum vero discessisset vidua illa, dixi ego: Abba; mutuasti viduæ isti triticum, aut quid? Et ille dixit: Non, sed donavi illi. Ego autem dixi: Ergo si totum gratis dedisti, quomodo in modico sic scrupulosus esse voluisti, et fecisti verecundiam mulieri?
Ein Altvater pflegte zu sagen: Es gibt Menschen, die oft viel Gutes thun, allein der Teufel giebt ihnen in kleinen Sachen wieder eine Aengstlichkeit in das Herz, daß sie den Lohn aller ihrer Wohlthaten verlieren. Ich war in der Stadt Oxyrinchus bey einem Priester, der viel Almosen gab. Einsmals kam eine Wittwe, die von ihm ein wenig Waizen verlangte. Er sprach zu ihr; Gehe und bring mir einen Sester, so will ich dir ihn fürmessen. Sie brachte ihm Einen. Als er den Sester zur Hand nahm, um ihn anzufüllen, sprach er: er ist zu groß, und beschämte jene Wittwe. Nachdem dieselbe fort gegangen, sagte ich zu ihm: Vater, hast du der Wittwe den Waizen geliehen, oder wie sonst übergeben? Er antwortete: Nein; sondern ich habe ihn ihr geschenkt. Ich entgegnete ihm: Wenn du also ihn ihr ganz umsonst gegeben hast, wie mochtest du im Kleinen so ängstlich seyn und das Weib so beschämen?
Senex quidam cum alio uno fratre habebat communem vitam, erat enim senex ille misericors. Contigit autem ut fieret fames, et cœperunt quidam venire ad hospitium ejus, ut acciperent agapem; senex vero omnibus venientibus ministrabat panem. Videns autem frater quod fiebat, dicit seni: Da mihi partem meam de panibus, et quod vis fac de parte tua. Senex vero divisit panes, et faciebat more solito eleemosynam de parte sua. Multi autem concurrebant ad senem, audientes quia omnibus daret. Videns autem Deus propositum voluntatis ejus, benedixit panes. Frater autem ille, qui acceperat partem suam, et nulli dabat, consumpsit panes suos, et dixit seni: Quoniam modicum est, quod adhuc habeo de panibus meis, abba, suscipe me ad communem vitam. Et dixit ei senex: Quomodo vis, facio. Et cœperunt iterum simul esse et communiter vivere. Facta autem iterum egestate victualium, veniebant iterum indigentes, ut acciperent agapem. Contigit autem una die ut intraret frater ille, et videret quia defecerant panes. Venit autem et pauper postulans agapem. Senex ergo dixit fratri illi: Da ei panem. Et dixit: Jam non habeo, Pater. Et dixit senex: Intra, et quære. Ingressus autem frater, attendit et vidit repositionem, in qua panes haberi solebant, repletam panibus. Quod cum vidisset, timuit; et tollens dedit pauperi: atque ita cognoscens fidem et virtutem senis, glorificavit Deum.
Ein Altvater, der sehr barmherzig war, führte mit einem andern Bruder ein gemeinschaftliches Leben. Es entstund aber zufällig eine Hungersnoth; da kamen denn einige Leute in seine Wohnung, um von ihm Almosen zu empfangen; der Altvater aber reichte Allen, die zu ihm kamen, Brod. Als der Bruder diese Barmherzigkeit des Altvaters sah, sprach er zu ihm: Gieb mir meinen Theil von dem Brode, und thue mit deinem Theile, was du willst. Der Altvater theilte das Brod mit ihm und gab wie gewöhnlich von seinem Theile Almosen. Es kamen aber Viele zum Altvater, weil sie hörten, daß er Allen Almosen gäbe. Gott aber, der den guten Willen seines Herzens sah, segnete ihm das Brod. Jener Bruder aber, der seinen Theil genommen, sein Brod aber schon aufgezehrt hatte, obwohl er Niemanden etwas davon gegeben, sprach nun zum Altvater: Weil das, Vater, was ich von meinem Brode noch habe, wenig ist, so nimm mich wieder in die Gemeinschaft auf. Der Altvater entgegnete ihm: Ich thue, wie du willst. Und sie fingen wieder an beysammen zu wohnen und ein gemeinschaftliches Leben zu führen. Als aber wiederum eine Theuerung und Mangel an Lebensmitteln eingetreten, kamen die Armen wiederholt vor seine Thüre, um Almosen zu empfangen. Es fügte sich aber eines Tages, daß der Bruder in das Zimmer trat, wo sie das Brod hatten, und merkte, daß das Brod ausgegangen. So eben kam auch ein Armer, der Almosen begehrte. Der Altvater sprach zum Bruder: Gieb ihm Brod. Dieser dagegen erwiederte: Vater, es ist keines mehr da. Der Altvater fuhr fort und sagte: Gehe hinein und suche. Der Bruder ging hinein in die Kammer, wo das Brod gewöhnlich aufbewahrt wurde, und fand sie, als er nach Brod sich umgesehen, voll Brod. Als er dieses mit eigenen Augen gesehen hatte, fürchtete er sich, nahm Brod und gab es dem Armen. So lernte er den Glauben und die Tugend des Altvaters kennen und pries Gott.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch V der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Pelagius, Diakon der römischen Kirche, in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 855–988, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers. · Übersetzung von Franz Sales Handwercher († 1853), Leben und Thaten der heiligen Altväter in der ägiptischen Wüste, Bd. 3–5, Regensburg, Manz, 1841–1843 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Überschriften, Vorreden und Anmerkungen des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % der Sprüche wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (5,4 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Danach wurden die Büchlein 11–18 vollständig Wort für Wort an den Scans korrigiert, die Büchlein 1–10 nach einer gezielten Fehlersuche; eine neue Zufallsstichprobe von 30 Sprüchen aus den Büchlein 11–18 ergab 0,6 Fehler pro 1 000 Wörter (behoben). Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden