Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch V)

Dass man ohne Unterlass und nüchtern beten soll

De eo quod sine intermissione et sobrie debet orari.Man soll ohne Unterlass und mit Nüchternheit beten.

1

Dicebant de abbate Arsenio, quia vespere Sabbati lucescente Dominica, relinquebat post se solem, et extendebat manus suas ad cœlum orans, donec mane die Dominico illustraret ascendens sol faciem ejus, et sic residebat.

Man erzählte vom Abte Arsenius, daß er Samstag Abends, wenn die Sonne untergegangen, und der Sonntag seinen Anfang genommen, seine Hände gegen Himmel streckte und so lange fortbetete, bis am Sonntag in der Frühe die Sonne wieder aufging und sein Antlitz beleuchtete; erst dann begab er sich zur Ruhe.

2

Interrogaverunt fratres abbatem Agathonem, dicentes: Pater, quæ virtus in conversatione plus habet laboris? Et dixit eis: Ignoscite mihi, quia puto non esse alium laborem talem, qualem orare Deum; dum enim voluerit homo orare Deum suum, semper inimici dæmones festinant interrumpere orationem ejus, scientes quia ex nulla re impediuntur, nisi per orationem fusam ad Deum. Siquidem omnem alium laborem, quem homo in religiosa conversatione positus assumpserit, quamvis instanter et toleranter agat, habet tamen et possidet aliquam requiem: oratio autem usque ad ultimam exhalationem opus est, ut habeat laborem magni certaminis.

Es fragten einige Brüder den Abt Agathon und sprachen: Vater, welche Tugend kostet im geistlichen Leben die meiste Mühe? Er erwiederte ihnen: Verzeiht mir, meine Brüder, ich halte dafür, man finde in keiner andern Sache eine solche Mühe wie im Gebete zu Gott; denn wenn ein Mensch sein Gebet zu Gott absenden will, beeilen sich die Dämonen immer, es zu unterbrechen, indem sie wohl wissen, daß ihnen kein Ding ein solches Hinderniß bereitet, als das zu Gott verrichtete Gebet. Denn jede andere Arbeit, die ein Mensch im geistlichen Leben vornimmt, läßt ihm doch, wie beharrlich und gelassen er immer dabei sich verhalten möge, einige Ruhe, das Gebet aber ist ein Werk, das ihm Mühe und großen Kampf verursacht bis zum letzten Hauche des Lebens.

3

Narravit abbas Dulas, qui fuit discipulus abbatis Besarionis, dicens: Veni aliquando in cellam abbatis mei, et inveni eum stantem ad orationem: et manus ejus erant extensæ in cœlum. Permansit autem hoc faciens jugiter per quatuordecim dies. Et post hæc vocavit me, et dixit: Sequere me. Et exeuntes perreximus in eremo; cum sitirem dixi ei: Abba, sitio. Ille autem melotem tollens discessit a me, quantum jactus est lapidis, et facta oratione attulit eam plenam aqua. Et abivimus in civitatem Lyco, et venimus ad abbatem Joannem; et salutantes eum, fecimus orationem. Deinde sedentes cœperunt loqui de visione quam viderant. Dixit abbas Besarion: Quia exivit præceptum a Domino ut destruantur templa. Et factum est sic; et destructa sunt.

Es erzählte uns der Abt Dulas, der ein Jünger des Abtes Besarion war und sagte: Ich kam einsmals in die Zelle meines Abtes und fand ihn stehend im Gebete. Seine Hände waren zum Himmel ausgestreckt. Er aber beharrte ununterbrochen vierzehn Tage hindurch in diesem Gebete. Hierauf berief er mich und sagte: Ziehe mit mir. Wir reisten fort und wandelten in der Wüste. Als mich der Durst befiel, sagte ich: Vater, mich dürstet. Er nahm sodann sein Schaffell, ging einen Steinwurf weit von mir abseits, und brachte, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, das Fell mit Wasser angefüllt zurück. Wir gingen hierauf in die Stadt Lyco und kamen zum Abte Johannes, grüßten ihn und verrichteten unser Gebet. Hierauf setzten sie sich und fingen von einem Gesichte, das sie gesehen hatten, zu reden an. Der Abt Besarion sprach: Es ist vom Herrn der Befehl ergangen, die Tempel sollen zerstört werden. Und so geschah es auch: die Tempel wurden zerstört.

4

Dixit abbas Evagrius: Si deficis animo, ora. Ora autem cum timore, et tremore, et labore, sobrie et vigilanter. Ita oportet orare, maxime propter malignos et ad nequitias vacantes invisibiles inimicos nostros, qui nos in hoc præcipue impedire nituntur.

Der Abt Evagrius pflegte zu sagen: Wenn du kleinmüthig wirst, so bete; bete aber mit Furcht und Zittern, mit Anstrengung, Nüchternheit und Wachsamkeit, und dieß besonders unsrer bösen, unsichtbaren und auf alle Bosheit abgerichteten Feinde wegen, die sich vorzüglich bemühen uns im Gebete zu hindern.

5

Dixit iterum: Quando cogitatio contraria in corde venerit, noli alia pro aliis per orationem quærere, sed adversus eum qui te impugnat, gladium lacrymarum exacue.

Wiederum sprach er: Wenn ein böser Gedanke dir ins Herz kömmt, so suche nicht Dieß und Jenes durchs Gebet zu erwirken, sondern ziehe wider den bösen Feind, der dich anficht, das Schwert der Thränen.

6

Mandatum est sanctæ memoriæ Epiphanio episcopo Cyprio, ab abbate monasterii sui, quod habuit in Palæstina: Quia orationibus tuis non negleximus regulam, sed cum sollicitudine tertiam, sextam, nonam atque vesperam celebramus. Ille autem reprehendens eum, mandavit ei: Constat vos vacare ab oratione cæteris horis; eum autem qui verus est monachus, oportet sine intermissione orare, aut certe psallere in corde suo.

Dem heiligen Epiphanius, Bischof von Cypern, entbot der Abt seines Klosters, das in Palästina lag: Durch dein Gebot gekräftiget haben wir unsere Regel nicht vernachlässiget, sondern verrichten mit aller Sorgfalt die Terz, Sext, Non und Vesper. Er aber tadelte ihn und ließ ihm zurücksagen: also habt ihr die übrigen Stunden ohne Gebet dahingebracht; ein wahrer Mönch aber muß ohne Unterlaß beten, oder psalliren wenigstens in seinem Herzen.

7

Dixit abbas Isaias: Quia presbyter Pelusii cum faceret agapem, et fratres in ecclesia comederent et loquerentur sibi ad invicem, increpans eos dixit: Tacete, fratres; ego enim scio unum fratrem manducantem vobiscum, et oratio ejus ascendit in conspectu Dei velut ignis.

Der Abt Isaias erzählte: Als zu Pelusium ein Priester die Spende gab, und die Brüder in der Kirche aßen und miteinander redeten, schalt er sie und sprach: Seyd still, Brüder; ich kenne einen Bruder, der mit euch ißt, dessen Gebet auch unter dem Essen wie Feuer zu Gott aufsteigt.

8

Venit abbas Lot ad abbatem Joseph, et dixit ei: Abba, secundum virtutem meam, facio modicam regulam, et parvum jejunium, et orationem, et meditationem, et quietem, et secundum virtutem meam studeo purgare cogitationes meas; quid ergo debeo de cætero facere? Surgens ergo senex, expandit manus suas in cœlum, et facti sunt digiti ejus velut decem lampades ignis, et dixit ei: Si vis, efficiere totus sicut ignis.

Einsmals kam der Abt Lot zum Abte Joseph und sagte zu ihm: Vater, ich halte nach meinen Kräften meine kleine Regel, faste ein wenig, bete, betrachte und erhalte mich in der Ruhe; auch bin ich bemüht, die Reinigkeit in meinen Gedanken zu erhalten; was soll ich übrigens noch thun? Hierauf stund der Altvater auf, erhob seine Hände zum Himmel, und seine Finger fingen wie brennende Lampen zu leuchten an, und er sprach zu ihm: So kannst du durchs Gebet ganz wie Feuer entzündet werden.

9

Venerunt aliquando ad abbatem Lucium in Ennato monachi quidam, qui dicebantur Euchitæ, hoc est orantes; et interrogavit eos senex, dicens: Quod est opus manuum vestrarum? Et illi dixerunt: Nos non contingimus aliquod opus manuum, sed sicut dicit Apostolus, sine intermissione oramus. Dicit eis senex: Et non manducatis? Illi autem dixerunt: Etiam manducamus. Et dicit eis senex: Quando ergo comeditis, quis pro vobis orat? Et iterum interrogavit eos, dicens: Non dormitis? Et illi dixerunt: Dormimus. Et dixit senex: Et cum dormitis, quis pro vobis orat? Et non invenerunt quid ad hæc responderent ei. Et dixit eis: Ignoscite mihi, fratres, quia ecce non facitis sicut dixistis: ego autem ostendam vobis, quia operans manibus meis, sine intermissione oro. Sedeo enim juvante Deo, infundens mihi paucas palmulas, et facio ex eis plectam, et dico: Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam, et secundum multitudinem miserationum tuarum dele iniquitatem meam. Et dixit eis: Oratio est, an non? Et dixerunt ei: Etiam. Et ille dixit: Quando permansero tota die laborans et orans corde vel ore, facio plus minus sedecim nummos, et pono ex eis ad ostium duos, et residuos manduco. Qui acceperit illos duos denarios, orat pro me tempore quo ego manduco vel dormio; atque ita per gratiam Dei impletur a me quod scriptum est: Sine intermissione orate.

Einsmals kamen zu dem Abte Lucius in der neunten Gegend Alexandriens einige Mönche, die man Euchiten, d. h. Betende nannte. Der Altvater fragte sie und sprach: Was verrichtet ihr für eine Handarbeit? Sie erwiederten: Wir rühren keine Handarbeit an, sondern beten ohne Unterlaß, wie der Apostel sagt. Der Altvater aber entgegnete: Eßt ihr nicht? Sie antworteten: Ja. Der Altvater fuhr fort: Wann ihr demnach eßt, wer betet dann für euch? Ferner fragte er sie und sagte: Schlaft ihr nicht? Sie erwiederten: Wir schlafen wohl. Und der Altvater entgegnete: Wann ihr schlaft, wer betet dann für euch? Sie wußten ihm hierauf nichts zu antworten. Und er sprach zu ihnen: Verzeiht mir, Brüder: sehet, ihr thut nicht, wie ihr gesagt, nämlich ihr betet nicht unablässig; ich aber will euch zeigen, wie ich, wenn ich mit meinen Händen arbeite, auch unablässig bete. Ich setze mich nieder, weiche mit der Hülfe Gottes einige Palmzweige ein und flechte sie, und sage dabey: Erbarme dich meiner, o Gott! nach deiner großen Barmherzigkeit und nach der Größe deiner Erbarmungen vertilge meine Missethat. Ist dieß kein Gebet? sprach er zu ihnen. Sie erwiederten: Ja, das ist Gebet. Er fuhr fort: Wenn ich dann den ganzen Tag so gearbeitet und gebetet mit dem Herzen oder Munde, so gewinne ich mir ungefähr 16 Pfenninge; zwey davon verwende ich zum Almosen, die übrigen dienen zu meinem Unterhalte. Derjenige, welcher von mir das Almosen empfängt, betet für mich zur Zeit, wo ich esse oder schlafe; und so erfülle ich mit der Gnade Gottes, was in der heil. Schrift befohlen wird 1 Thess. 5.: Betet ohne Unterlaß.

10

Interrogaverunt quidam abbatem Macarium, dicentes: Quomodo debemus orare? Et dixit eis senex: Non opus est multum loqui in oratione, sed extendere manus frequenter, et dicere: Domine, sicut vis et scis, miserere mei. Si autem instat bellum in animo, dicere: Adjuva me. Et quia ipse scit quæ expediant, facit misericordiam nobiscum.

Einige Brüder fragten den Abt Macarius und sagten: Wie sollen wir beten? Der Altvater erwiederte ihnen: Beym Gebete soll man nicht viel Worte machen, sondern oft seine Hände zum Himmel erheben und sagen: Herr, wie du willst und weißt, erbarme dich meiner. Erhebt sich aber im Gemüthe ein Kampf, so soll man sagen: Hilf mir! Denn Er weiß, was uns frommt, und verfährt nach seiner Barmherzigkeit mit uns.

11

Dicebant de abbate Sisoi, quia nisi cito deponeret manus suas quando stabat adorationem, replebatur mens ejus in superioribus. Si ergo contingebat cum eo aliquem fratrem orare, festinabat cito deponere, ne raperetur mens ejus et moraretur.

Man erzählte von dem Abte Sisoi: Wann er betete und anfing seine Hände über sich zu erheben, ward er alsogleich entzückt. Wann er nun mit einem Bruder betete, ließ er die Hände schnell sinken, um nicht entzückt zu werden und den Bruder im Gebete zu hindern.

12

Dicebat aliquis senex: Quia assidua oratio cito corrigit mentem.

Ein Altvater pflegte zu sagen: Ein beständiges Gebet verbessert schnell das menschliche Gemüth.

13

Dicebat quidam Patrum: Quia sicut impossibile est ut videat quis in aqua turbida faciem suam, sic et anima, nisi purgata fuerit a cogitationibus alienis, contemplative non potest orare Deum.

Einige von den Vätern pflegten zu sagen: Wie es unmöglich ist, daß Jemand im trüben Wasser sein Angesicht sehe, so kann auch Niemand ein beschauliches Gebet zu Gott verrichten, außer es ist seine Seele von fremden Gedanken gereiniget.

14

Venit quidam senex aliquando in monte Sina; et cum exiret inde, occurrit ei frater in via, et ingemiscens dicebat seni illi: Affligimur, abba, propter siccitatem, quia nobis non pluit. Et dixit ei senex: Quare non oratis et rogatis Deum? Et ille dixit: Et orationem facimus, et deprecamur assidue Deum, et non pluit. Et dixit senex: Credo quia non oratis attentius. Vis autem scire quia ita est? Veni, stemus pariter ad orationem: et extendens in cœlum manus oravit, et statim pluvia descendit. Quod cum vidisset frater ille timuit, et procidens adoravit eum: senex autem statim fugit illinc.

Einsmals kam ein Altvater auf den Berg Sinai. Als er von da wieder fortging, begegnete auf dem Wege ihm ein Bruder, der seufzte und zu dem Altvater sagte: Wir sind sehr betrübt wegen der Trockenheit, Vater! weil es bei uns nicht regnet. Der Altvater erwiederte: Warum sendet ihr weder Bitte noch Gebet zu Gott ab? Er erwiederte: Wir beten zu Gott und bitten ihn beständig; allein es regnet nicht. Der Altvater entgegnete: Ich glaube, ihr betet nicht aufmerksam genug. Willst du wissen, daß ich die Wahrheit rede? komm und laß uns mitsammen beten. Und er erhob seine Hände gegen Himmel und betete, und sieh da, alsogleich fiel der Regen vom Himmel. Als der Bruder dieses gesehen hatte, fürchtete er sich, fiel zur Erde nieder und bezeugte ihm seine Verehrung. Der Altvater aber entfloh unverweilt von dannen.

15

Narraverunt fratres, dicentes: Quia venimus aliquando ad quosdam senes, et cum ex more facta fuisset oratio, salutantes invicem sedimus. Et postquam locuti sumus, cum discederemus, poposcimus ut fieret rursus oratio. Dixit autem unus illorum seniorum ad nos: quid enim, non orastis? Et nos diximus: Etiam. Sed quando intravimus, Pater, tunc est facta oratio, et ex illa hora usque modo locuti sumus. Et ille dixit: Ignoscite mihi, fratres, quia vobiscum sedens quidam frater, et loquens, centum et tres orationes fecit. Hoc cum dixisset, facta oratione dimiserunt nos.

Es erzählten uns einige Brüder und sagten: Wir kamen einsmals zu einigen Vätern, grüßten einander und setzten uns, nachdem das gewöhnliche Gebet verrichtet war, nieder. Nach vollendetem Gespräche foderten wir bey der Abreise wiederholt, daß ein Gebet verrichtet werde. Einer aber von den Altvätern entgegnete uns und sagte: Wie, habt ihr nicht gebetet? Unsere Antwort war: wir haben gebetet. Bey unserm Eintritt, Vater, haben wir gebetet, und von jener Stunde an bis jetzt haben wir geredet. Und er erwiderte: Verzeiht mir, Brüder, ein Bruder, der bey euch sitzt und mit euch redet, hat während dessen hundert und dreimal gebetet. Auf diese Rede entließen sie uns nach verrichtetem Gebete.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch V der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Pelagius, Diakon der römischen Kirche, in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 855–988, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers. · Übersetzung von Franz Sales Handwercher († 1853), Leben und Thaten der heiligen Altväter in der ägiptischen Wüste, Bd. 3–5, Regensburg, Manz, 1841–1843 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Überschriften, Vorreden und Anmerkungen des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % der Sprüche wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (5,4 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Danach wurden die Büchlein 11–18 vollständig Wort für Wort an den Scans korrigiert, die Büchlein 1–10 nach einer gezielten Fehlersuche; eine neue Zufallsstichprobe von 30 Sprüchen aus den Büchlein 11–18 ergab 0,6 Fehler pro 1 000 Wörter (behoben). Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden