Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Johannes Cassianus, Unterredungen mit den Vätern

Unterredung XV. Abt Nesteros: von den göttlichen Gnadengaben

Conlatio abbatis Nesterotis secunda. De charismatibus diuinis.Fünfzehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Nesteros ist, über die göttlichen Gnadengaben.

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I. Disputatio abbatis Nesterotis de tripertita charismatum ratione.

Post synaxin uespertinam ad repromissam narrationem intenti psiathiis pariter ex more consedimus: cumque silentium aliquantisper pro senis reuerentia praeberemus, taciturnitatem uerecundiae nostrae tali praeuenit eloquio. usque ad spiritalium rationem charismatum proferendam praecedens disputationis ordo peruenerat, quam tripertitam esse maiorum traditione percepimus. prima siquidem curationis causa est, cum pro merito sanctitatis electos quosque ac iustos uiros signorum gratia comitatur, sicut apostolos multosque sanctorum signa ac prodigia secundum auctoritatem domini fecisse manifestum est ita dicentis: infirmos curate, mortuos suscitate, leprosos mundate, daemonas eicite: gratis accepistis, gratis date. secunda, cum ob aedificationem ecclesiae uel eorum qui infirmos suos ingerunt uel eorum qui curandi sunt fidem sanitatum uirtus etiam a peccatoribus indignisque procedit. de quibus saluator in euangelio multi, inquit, dicent mihi in illa die: domine domine, nonne in tuo nomine prophetauimus, et in tuo nomine daemonia eiecimus, et in tuo nomine uirtutes multas fecimus? et tunc confitebor illis quia numquam noui uos: discedite a me, operarii iniquitatis. et e contrario si offerentum uel infirmorum desit fides, etiam illos quibus curationum dona conlata sunt non sinit sanitatum exercere uirtutem. de qua re Lucas euangelista et non poterat, inquit, Iesus facere inter eos uirtutes propter incredulitatem eorum: unde idem dominus multi, inquit, leprosi erant in Israhel sub Helisaeo propheta, et nemo eorum mundatus est nisi Neman Syrus. tertius curationum modus etiam conludio daemonum ac factione simulatur, ut, dum homo manifestis criminibus obligatus propter admirationem signorum sanctus ac dei famulus creditur, etiam uitiorum eius aemulatio suadeatur et per hoc obtrectationis aditu reserato etiam religionis sanctitas infametur, uel certe ut is qui curationum dona habere se credit per superbiam cordis elatus grauius elidatur. inde est quod inuocantes eorum nomina, quos nulla merita sanctitatis nec ullos spiritales fructus habere cognoscunt, uri se eorum meritis ac de obsessis simulant corporibus effugari. de quibus in Deuteronomio si surrexerit, inquit, in medio tui prophetes, aut qui somnium uidisse se dicat, et praedixerit signum atque portentum, et euenerit quod locutus est, et dixerit tibi: eamus, et sequamur deos alienos quos ignoras, et seruiamus eis: non audies uerba prophetae illius aut somniatoris: quia temptat uos dominus deus uester, ut palam fiat utrum diligatis eum an non, in toto corde, et in tota anima uestra: et in euangelio exsurgent, inquit, pseudochristi et pseudoprophetae, et dabunt signa magna et prodigia, ita ut in errorem inducantur etiam, si fieri potest, electi.

1. Eintheilung der Charismen und die Gründe ihrer Verleihung.

Nach der abendlichen Gebetsversammlung setzten wir uns wieder, voll Begierde nach der versprochenen Unterredung, dem Brauche gemäß auf die Psiathien (Matten). Da wir aus Ehrfurcht vor dem Greise eine Zeit lang Schweigen beobachteten, brach er zuvorkommend unsere schüchterne Stille mit folgender Rede: Der Verlauf der vorigen Unterredung führte uns bis zur Darlegung des Grundes der geistlichen Gnadengaben, und dieser ist, wie wir der Überlieferung der Vorfahren entnehmen, ein dreifacher. Die erste Ursache der Heilgabe nemlich ist es, wenn irgend welchen auserwählten und gerechten Männern, je nach dem Verdienste ihrer Heiligkeit, die Gabe der Wunder zur Seite steht. So ist es ganz bekannt, daß die Apostel und viele Heilige auf die Autorität des Herrn hin Zeichen und Wunder thaten, da er ja sagte: „Heilet die Kranken, erwecket Todte, reinigt die Aussätzigen und treibet die Teufel aus; umsonst habt ihr es erhalten, umsonst gebt es!“ — Die zweite Ursache ist es, wenn zur Erbauung der Kirche oder wegen des Glaubens Jener, welche die Kranken bringen, oder auch der zu Heilenden die Kraft der Heilung auch von Sündern und Unwürdigen ausgeht. Von diesen sagt der Erlöser im Evangelium: „Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir denn nicht in deinem Namen prophezeit, in deinem Namen Teufel ausgetrieben und in deinem Namen viele Wunder gethan? Und dann werde ich Ihnen sagen: Ich habe euch nie gekannt: weichet von mir, ihr Übelthäter!“ Anderseits aber, wenn bei Jenen, welche die Kranken bringen, oder bei diesen selbst der Glaube fehlt, läßt er auch Die, welchen die Gabe der Heilung verliehen ist, die gesundmachende Kraft nicht ausüben. Hievon sagt der Evangelist Lukas: „Und nicht konnte Jesus unter ihnen Wunder wirken wegen ihres Unglaubens.“ Deßhalb sagt derselbe Herr: „Viele Aussätzige waren in Israel zur Zeit des Propheten Elisäus, und keiner von ihnen wurde gereinigt, als Naaman, der Syrer.“ — Nun wird noch eine dritte Art von Heilgabe durch des Teufels Trug und Umtrieb vorgespiegelt, damit, wenn ein offenbar in Laster verstrickter Mensch von den über seine Wunder Erstaunten für einen Heiligen und Diener Gottes gehalten wird, auch die Nachahmung seiner Laster sich empfehle und so, wenn den Feinden der Religion eine Blöße erschlossen ist, auch die Heiligkeit dieser selbst in Verruf komme. Oder es soll doch wenigstens Derjenige, welcher die Heilgnade zu haben glaubt, durch Hochmuth des Herzens sich überheben und so zu schwererem Falle gebracht werden. Daher geschieht es, daß die Teufel die Namen Solcher anrufen, bei welchen sie gar keine Verdienste der Heiligkeit und keine geistlichen Erfolge sehen, und nun heucheln, als litten sie durch deren Verdienste brennende Schmerzen und würden von den besessenen Körpern ausgetrieben. Von Solchen heißt es im Deuteronomium: „Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufgestanden ist oder Einer, der sagt, er habe ein Traumbild gesehen, und der Zeichen und Wunder voraussagt, und bei dem auch eintrifft, was er sagt; aber er sagt dir: „Kommt, wir wollen fremden Göttern folgen, die du nicht kennst, und wir wollen ihnen dienen;“ so höre nicht auf die Worte dieses Propheten oder Träumers, weil euch der Herr euer Gott versucht, damit offenbar werde, ob ihr ihn liebet oder nicht von ganzem Herzen und mit ganzer Seele.“ Und im Evangelium wird gesagt: „Es werden falsche Christus aufstehen und falsche Propheten und werden große Zeichen und Wunder thun, so daß, wenn es möglich wäre, selbst die Auserwählten irre geführt würden.“

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II. In quo quis sanctos uiros debeat admirari.

Quapropter numquam debemus eos qui haec adfectant in his uirtutibus admirari, sed potius intueri utrum uitiorum omnium expulsione et morum emendatione perfecti sint, quod utique non pro alterius fide aut diuersitate causarum, sed pro uniuscuiusque studio dei gratia dispensante conceditur. haec namque est actualis scientia, quae alio uocabulo caritas ab apostolo nuncupatur et uniuersis linguis hominum et angelorum et plenitudini fidei, quae etiam montes transferat, et omni scientiae ac prophetiae et erogationi omnium facultatum ipsique postremo glorioso martyrio apostolica auctoritate praefertur. nam cum dinumerasset uniuersa charismatum genera et dixisset: alii datur per spiritum sermo sapientiae, alii sermo scientiae, alii fides, alii gratia sanitatum, alii operatio uirtutum et reliqua, de caritate dicturus quemadmodum eam cunctis praetulerit charismatibus paucis aduertite: et adhuc, inquit, supra modum excellentiorem uiam uobis demonstro. per quod euidenter ostenditur perfectionis ac beatitudinis summam non in illorum mirabilium operatione, sed in caritatis puritate consistere. nec inmerito. omnia enim illa euacuanda ac destruenda sunt, caritas uero perpetuo permansura. ideoque a patribus nostris opera ista signorum nequaquam uidimus adfectata: quin immo cum ea spiritus sancti gratia possiderent, numquam exercere uoluerunt, nisi forte extrema illos et ineuitabilis necessitas coartasset.

2. Worin man die hl. Männer bewundern müsse.

Wir müssen also Jene, welche Solches zur Schau tragen, nie wegen dieser Macht bewundern, sondern vielmehr darauf sehen, ob sie durch Ausrottung aller Laster und Besserung der Sitten vollkommen seien. Das wird in allweg nicht nach dem Glauben eines Andern und nicht aus verschiedenen Ursachen, sondern gerade nach dem Eifer eines Jeden durch die Gnadenspendung Gottes verliehen. Denn diese Wissenschaft der That, die mit einem andern Worte vom Apostel Liebe genannt wird, ist allen Sprachen der Menschen und Engel, jener Fülle des Glaubens, die selbst Berge versetzt, und aller Wissenschaft und Prophezie und der Austheilung alles Vermögens, ja endlich sogar dem glorreichen Marterthum durch apostolische Autorität vorgezogen. Denn nachdem er alle Arten der Gnadengaben aufgezählt und gesagt hatte: „Dem Einen wird durch den Geist gegeben das Wort der Weisheit, dem Andern das Wort der Wissenschaft, dem Einen der Glaube, einem Andern die Gabe zu heilen, dem Dritten die Kraft, Wunder zu wirken“ u. s. f. — da will er über die Liebe reden, und nun merket kurz, wie er sie allen Charismen vorzieht. Er sagt: „Ich will euch noch einen über das Maß herrlichern Weg zeigen.“ Dadurch wird augenscheinlich gezeigt, daß die Hauptsache der Vollkommenheit und Seligkeit nicht in der Ausübung jener wunderbaren Dinge, sondern in der Reinheit der Liebe bestehe. Und mit Recht; denn all Jenes muß verschwinden und zu Nichte werden; die Liebe aber wird ewig dauern. Deßhalb sehen wir, daß unsere Väter jene Wunderwerke nicht zur Schau trugen; ja sie wollten dieselben, wenn sie durch die Gnade des hl. Geistes in deren Besitz waren, niemals ausüben, wenn nicht gerade eine sehr große und unvermeidliche Noth sie zwang.

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III. De suscitato mortuo ab abbate Macario.

Sicut et ab abbate Macario, qui habitationem Scitioticae solitudinis primus inuenit, mortuum suscitatum esse reminiscimur. nam cum haereticus quidam, qui Eunomii perfidiam sectabatur, sinceritatem catholicae fidei arte dialectica subuertere conaretur magnamque iam hominum multitudinem decepisset, rogatus a catholicis uiris, qui ruina tantae subuersionis grauissime mouebantur, beatus Macarius, ut simplicitatem totius Aegypti ab infidelitatis naufragio liberaret, aduenit. quem cum haereticus arte dialectica fuisset adgressus et ad Aristotelicas ignorantem spinas uellet abducere, beatus Macarius apostolica multiloquium eius breuitate concludens, non est, inquit, in uerbo regnum dei, sed in uirtute: eamus igitur ad sepulchra et nomen domini super mortuum qui primus inuentus fuerit inuocemus ac sicut scriptum est ostendamus ex operibus fidem nostram, ut manifestissima rectae fidei documenta eius testimonio declarentur et perspicuam ueritatem non inani disputatione uerborum, sed uirtute signorum et illo quod non potest falli iudicio conprobemus. quo audito haereticus coram circumstanti plebe pudore constrictus cum ad praesens praebere se condicioni propositae simulasset adsensum seque adfuturum in crastinum promisisset, postero die expectantibus uniuersis, qui studiosius ad condictum locum spectaculi huius cupiditate confluxerant, exterritus conscientia suae infidelitatis aufugit ac protinus ab uniuersa Aegypto transmigrauit. quem cum beatus Macarius usque ad horam nonam cum populis praestolatus pro sua conscientia declinasse uidisset, adsumens plebem, quae ab illo fuerat deprauata, ad condicta sepulchra perrexit. hunc autem Aegyptiis morem Nili fluminis inuexit eluuies, ut, quoniam uniuersa terrae illius latitudo instar inmensi pelagi non paruo anni tempore solita aquarum eruptione contegitur, ita ut nulla tunc cuiquam uiandi copia nisi lemborum transuectione tribuatur, corpora mortuorum pigmentis condita redolentibus in editioribus cellulis recondantur. nam madens ebrietate continua terrae illius solum humandi arcet officium. si qua enim cadauera defossa susceperit, euomere ad superficiem suam inundationum nimietate conpellitur. cum igitur antiquissimo cuidam cadaueri beatus Macarius adstitisset, ait: o homo, si uenisset huc mecum haereticus ille filius perditionis et adstante ipso nomen Christi dei mei inuocans exclamassem, utrumne coram his, qui paene eius fuerant fraude subuersi, surrecturus fuisses edicito. tum ille consurgens adnuentis uoce respondit. quem interrogans abbas Macarius quidnam fuisset aliquando, cum frueretur hac uita, uel qua hominum fuisset aetate aut si nomen Christi tunc temporis cognouisset, ille sub antiquissimis regibus se uixisse respondit Christique nomen adseruit illis se nec audisse temporibus. cui rursus abbas Macarius, dormi, inquit, in pace cum ceteris in tuo ordine, a Christo in fine temporum suscitandus. haec igitur eius uirtus et gratia quantum in ipso fuit semper fortasse latuisset, nisi eum necessitas totius prouinciae periclitantis et erga Christum plena deuotio amorque sincerus istud exercere miraculum conpulisset. quod utique ut ab eo fieret non ostentatio gloriae, sed caritas Christi et totius plebis extorsit utilitas: ut beatum quoque Heliam fecisse Regnorum lectio manifestat, qui ignem de caelo super hostias inpositas pyrae idcirco descendere postulauit, ut periclitantem pseudoprophetarum praestigiis fidem totius populi liberaret.

3. Von dem Todten, der von dem Abte Makarius auferweckt worden.

So erinnern wir uns, daß von dem Abte Makarius, der zuerst Wohnung in der scythischen Wüste fand, ein Todter erweckt worden sei. Als nemlich ein Häretiker, der sich zu dem Abfall des Eunomius bekannte, die Reinheit des katholischen Glaubens durch dialektische Künste zu trüben trachtete und schon eine große Menge Menschen verführt hatte, da wurde der gottselige Makarius von katholischen Männern, welchen das Unglück einer solchen Umwälzung schwer zu Herzen gieng, gebeten, er möge die Treue von ganz Ägypten vor dem Schiffbruche des Unglaubens bewahren, und kam. Als ihn der Häretiker nun mit seiner dialektischen Kunst angriff und den Unkundigen mit aristotelischen Spitzfindigkeiten in die Irre führen wollte, da machte der hl. Makarius seinem vielen Gerede mit apostolischer Kürze ein Ende und sprach: „Das Reich Gottes liegt nicht im Worte, sondern in der Kraft. Wir wollen also zu den Gräbern geben, den Namen des Herrn über den Todten, der zuerst sich findet, anrufen, und, wie geschrieben steht, unsern Glauben durch die Werke zeigen. Es sollen dann die Beweise des wahren Glaubens durch sein Zeugniß festgestellt werden, und wir wollen so die offenbare Wahrheit nicht durch leeren Wortstreit bewähren, sondern durch die Kraft der Wunder und jenes Kennzeichen, das untrüglich ist.“ Nachdem der Häretiker Dieß gehört hatte, gab er, voll Verwirrung und Scham vor dem umstehenden Volke, für den Augenblick vor, daß er in die gestellte Bedingung einwillige, und versprach, daß er am folgenden Tage da sein werde. Als ihm aber am folgenden Tage Alle erwarteten, die aus Neugier nach einem solchen Schauspiel übereifrig an dem bestimmten Ort zusammengeströmt waren, da floh er, erschreckt durch das Bewußtsein seines Unglaubens, und verließ sogleich ganz Ägypten. Nachdem der hl. Makarius mit dem Volke bis zur neunten Stunde auf ihn gewartet hatte, sah er, daß Jener wegen seines schlechten Gewissens entwichen sei, und nahm die von ihm verführte Menge zu den bestimmten Gräbern mit. Es hat aber bei den Ägyptern wegen der Beschaffenheit des Nilflußbettes die Sitte sich gebildet, daß die Leichname der Verstorbenen, mit stark riechenden Gewürzen einbalsamirt, in höher gelegenen Zellen beigesetzt werden, weil die ganze Weite jenes Landes geraume Zeit des Jahres hindurch wie ein großes Meer von der gewöhnlichen Überfluthung des Wassers bedeckt wird, so daß dann Niemand im Stande ist, einen menschlichen Körper zu begraben, bis nicht die Überschwemmung abgelaufen ist; denn der beständig getränkte, feuchte Boden des Landes verhindert die Pflichtleistung der Beerdigung. Wenn er auch begrabene Leichname aufgenommen hat, so zwingt ihn doch die übergroße Fluth, sie wieder an die Oberfläche zu geben. Als nun der hl. Makarius bei einem sehr alten Leichname stand, sprach er: „O Mensch, wenn jener häretische Sohn des Verderbens mit mir hieher gekommen wäre und ich in seiner Gegenwart den Namen Christi meines Gottes angefleht und dich herausgerufen hätte, sage, wärest du vor Diesen, welche durch seinen Trug beinahe verführt worden sind, auferstanden?“ Da stand Jener auf und antwortete mit bejahender Rede. Da fragte ihn der Abt Makarius, was er einst gewesen sei, als er dieses Lebens genoß, oder in welcher Zeit er gelebt und ob er den Namen Christi damals gekannt habe. Jener antwortete, daß er unter den ältesten Königen gelebt habe, und versicherte, daß er zu jenen Zeiten den Namen Christi nicht einmal gehört habe. Da sagte ihm wieder der Abt Makarius: „Schlafe im Frieden mit den Andern, wie es für dich gehört, da du von Christus am Ende der Zeiten wirst auferweckt werden.“ Also diese seine Kraft und Gnade wäre, so viel an ihm lag, vielleicht immer in ihm verborgen gelegen, wenn ihn nicht die Bedrängniß einer ganzen gefährdeten Provinz und die volle Verehrung und aufrichtige Liebe zu Christus angetrieben hätten, dieses Wunder zu wirken. Gewiß also hat nicht ruhmsüchtige Prahlerei ihn bezwungen, daß Dieß von ihm geschah, sondern die Liebe zu Christus und der Nutzen des ganzen Volkes, wie uns ja auch die Lesung im Buche der Könige zeigt, daß der hl. Elias ebenso gethan, da er über die aufgelegten Opfer kein nur deßhalb Feuer vom Himmel rief, damit er den durch die Blendwerke der falschen Propheten bedrohten Glauben des ganzen Volkes rette.

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IIII. De miraculo quod abbas Abraham in mulieris fecit uberibus.

Quid etiam abbatis Abrahae gesta conmemorem, qui ἁπλοῦς, id est simplex pro simplicitate morum et innocentia cognominatur? qui cum metendi gratia ad Aegyptum de heremo diebus Quinquagensimae perrexisset et a muliere quadam paruulum suum lactis inopia iam tabidum atque seminecem praeferente lacrimosis precibus fuisset obstrictus, calicem ei aquae potandum inpresso crucis signaculo dedit, cuius haustu confestim mirum in modum arida iam penitus ubera lactis copia redundante fluxerunt.

4. Von dem Wunder, welches Abt Abraham an den Brüsten eines Weibes that.

Was soll ich nun noch die That des Abtes Abraham anführen, der παῖς genannt wird, d. i. der Einfältige, wegen der Einfalt der Sitten und seiner Unschuld? Als dieser in den Tagen der Quinquagesima der Ernte wegen aus der Wüste nach Ägypten gezogen war, wurde er von einem Weibe mit Thränen und Bitten angehalten, indem sie ihm ihren Kleinen zutrug, der wegen Mangel der Milch schon abgezehrt und halbtodt war. Er gab ihr nun einen Becher Wasser, nachdem er das Kreuzzeichen darüber gemacht, zu trinken, und als sie ihn geschlürft hatte, da floßen plötzlich in wunderbarer Weise die fast ganz ausgetrockneten Brüste von reichlicher Menge der Milch.

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V. De claudi cuiusdam curatione quam idem est operatus.

Vel cum idem ipse pergens ad uicum circumdatus est inludentium turbis, qui subsannantes ostendebant ei quendam hominem contracto genu multis iam annis gressus officio destitutum et antiqua debilitate reptantem, ac temptantes eum, ostende, aiebant, abba Abraham, si seruus es dei, et restitue hunc pristinae sanitati, ut nomen Christi quem colis uanum non esse credamus. tum ille confestim inuocato Christi nomine inclinans se et adprehendens aridum pedem hominis traxit. cuius tactu continuo siccum genu incuruumque directum est ac recepto usu gressuum, quem obliuioni iam tradiderat annosa debilitas, laetus abscessit.

5. Von der Heilung eines Lahmen, welche Ebenderselbe wirkte.

Als Ebenderselbe ein ander Mal nach einem Dorfe ging, wurde er von Schaaren von Spöttern umringt, die unter höhnischen Geberden ihm einen Menschen zeigten, der wegen zusammengekrümmter Kniee schon viele Jahre lang zum Gehen unfähig war und in der veralteten Krankheit daherkroch. Da versuchten sie ihn nun und sagten: „Zeige, Vater Abraham, ob du ein Diener Gottes bist, und gib diesen der frühern Gesundheit zurück, damit wir nicht glauben, daß der Name Christi, den du verehrst, eitel sei.“ Da bückte sich dieser sogleich unter Anrufung des Namens Christi, ergriff und zog den vertrockneten Fuß des Mannes, und bei seinem Zuge wurde plötzlich das trockene und krumme Knie gerade, und jener ging nach wiedererlangter Fähigkeit zu gehen, an die er sich wegen der langen Krankheit kaum mehr erinnerte, fröhlich von dannen.

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VI. Quod meritum uniuscuiusque non ex signis debeat aestimari.

Hi itaque uiri nihil sibi pro talium mirabilium uirtute donabant, quia non haec suo merito agi, sed domini misericordia fatebantur, apostolicis uerbis in admiratione signorum humanam gloriam refutantes: uiri fratres, quid miramini in hoc, aut nos quid intuemini, quasi nostra uirtute aut pietate fecerimus hunc ambulare? nec quemquam in donis ac mirabilibus dei, sed potius ex propriis uirtutum fructibus praedicandum esse censebant, qui industria mentis et operum uirtute generantur. plerumque enim, ut supra iam dictum est, homines mente corrupti, reprobi circa fidem, in nomine domini et daemonia expellunt et uirtutes maximas operantur. de quibus cum apostoli causarentur et dicerent: praeceptor, uidimus quondam in nomine tuo eicientem daemonia, et prohibuimus eum, quia non sequitur nobiscum, licet eisdem ad praesens responderit Christus: nolite prohibere: qui enim non est aduersus uos, pro uobis est, tamen eis in fine dicentibus: domine domine, nonne in tuo nomine prophetauimus, et in tuo nomine daemonia eiecimus, et in tuo nomine uirtutes multas fecimus? responsurum se esse testatur: quia numquam noui uos: discedite a me, operarii iniquitatis. et idcirco etiam istos, quibus hanc gloriam signorum atque uirtutum pro merito sanctitatis ipse concessit, ne in his extollantur admonet dicens: nolite gaudere quia daemonia uobis subiciuntur, gaudete autem quia nomina uestra scripta sunt in caelis.

6. Daß man das Verdienst eines Jeden nicht nach den Wunderzeichen abschätzen müsse.

Diese Männer also nahmen sich wegen dieser Wunderkraft Nichts heraus, weil sie bekannten, daß Dieß nicht durch ihr Verdienst geschehe, sondern durch die Barmherzigkeit des Herrn, und sie wiesen mit apostolischen Worten den Ruhm der Menschen, welche diese Zeichen bewunderten, zurück. „Männer, Brüder,“ sagen sie, „was wundert ihr euch hierüber, oder warum sehet ihr uns an, als hätten wir aus eigener Kraft und Macht bewirkt, daß Dieser gehen kann?“ Sie glaubten auch, daß Keiner wegen der Gaben und Wundergnaden Gottes zu preisen sei, sondern vielmehr wegen der eigenen Tugendfrüchte, die durch den Eifer des Geistes und die Kraft der Werke erzeugt werden. Denn häufig treiben, wie schon oben gesagt, Menschen von verdorbenem Geiste und verwerflichem Glauben Teufel aus im Namen des Herrn und wirken die größten Wunder. Über solche klagten die Apostel und sagten: „Meister! Wir sahen Einen, der in deinem Namen Teufel austrieb, und wehrten es ihm, weil er nicht mit uns folgt.“ Für damals antwortete Christus freilich: „Wollet es nicht wehren; denn wer nicht gegen euch ist, ist für euch.“ Wenn aber Solche am Ende sagen werden: „Herr, Herr! Haben wir nicht in deinem Namen prophezeit und in deinem Namen viele Wunder gethan?“ — dann wird der Herr, wie er bezeugte, antworten: „Niemals kannte ich euch; weichet von mir, ihr Übelthäter!“ Deßhalb ermahnt er auch Jene, welchen er diese Ehre der Zeichen und Wunder wegen des Verdienstes ihrer Heiligkeit selbst zugestand, sie sollten sich hierin nicht überheben, und sagt: „Freuet euch nicht darüber, daß euch die Teufel unterworfen sind, sondern darüber freuet euch, daß eure Namen eingeschrieben sind im Himmel!“

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VII. Quod charismatum uirtus non in mirabilibus, sed in humilitate consistat.

Denique ipse auctor signorum omnium atque uirtutum, cum ad doctrinae suae magisterium discipulos aduocaret, quid ab eo ueri atque lectissimi sectatores peculiariter discere deberent euidenter ostendit: uenite, inquit, et discite a me, non utique ut daemonas caelesti potestate pellatis, non ut leprosos emundetis, non ut caecos inluminetis, non ut mortuos suscitetis: haec enim etiamsi per quosdam seruos meos operor, non potest se inserere laudibus dei humana condicio nec ullam sibi in hoc minister et famulus decerpere portionem, ubi solius diuinitatis est gloria: nos autem, inquit, hoc discite a me quia mitis sum et humilis corde. hoc enim est quod cunctis generaliter discere et exercere possibile est, opera autem signorum atque uirtutum nec semper necessaria nec omnibus conmoda sunt nec omnibus conceduntur. humilitas ergo est omnium magistra uirtutum, ipsa est caelestis aedificii firmissimum fundamentum, ipsa est donum proprium atque magnificum saluatoris. is etenim uniuersa miracula quae Christus operatus est sine periculo elationis exercet, qui mitem dominum non sublimitate signorum, sed patientiae atque humilitatis uirtute sectatur. qui uero inmundis spiritibus imperare aut languentibus sanitatum dona conferre aut aliquod signum mirabile populis gestit ostendere, quamuis in ostentationibus suis Christi inuocet nomen, tamen alienus a Christo est, quia humilitatis magistrum superba mente non sequitur. nam etiam cum ad patrem remeans quoddam ut ita dixerim conderet testamentum, hoc discipulis dereliquit: mandatum, inquit, nouum do uobis ut diligatis inuicem, sicut dilexi uos ut et uos diligatis inuicem, statimque subiunxit: in hoc cognoscent omnes quia mei estis discipuli, si dilectionem habueritis inuicem. non ait 'si signa atque uirtutes similiter feceritis’, sed si dilectionem inuicem habueritis, quam certum est nisi mites atque humiles seruare non posse. quapropter numquam monachos probos nec morbo cenodoxiae uacuos nostri maiores esse duxerunt, qui semet ipsos exorcistas coram hominibus profitentur et inter admirantium turbas hanc quam uel meruerunt uel praesumpserunt gratiam iactantissima ostentatione diffamant. sed in cassum. qui enim innititur mendaciis, hic pascit uentos: idem autem ipse sequitur aues uolantes. sine dubio enim eueniet eis illud quod in Prouerbiis dicitur: sicut uenti et nubes et pluuiae manifestissimae sunt, ita qui gloriantur in dato falso. et ideo si quis coram nobis horum aliquid fecerit, non de admiratione signorum, sed de ornatu morum debet apud nos esse laudabilis, nec utrum daemonia ei subdita sint, sed utrum caritatis membra quae describit apostolus possideat inquirendum.

7. Daß die Tugend bei den Gnadengaben nicht in den Wundern, sondern in der Demuth bestehe.

Endlich hat der Urheber aller Zeichen und Wunder, als er die Jünger zur Verkündigung seiner Lehre berief, deutlich gezeigt, was seine wahren und auserwählten Nachfolger besonders von ihm lernen sollten: „Kommet“, sagt er, „und lernet von mir,“ wahrhaftig nicht, daß ihr die Teufel mit himmlischer Macht austreibet, nicht die Aussätzigen rein oder die Blinden sehend zu machen oder Todte zu erwecken. Denn wenn ich Dieß auch durch einige meiner Diener wirke, so kann sich doch der Antheil des Menschen nicht mit dem Ruhme Gottes verbinden, und der Diener und Knecht kann sich dort keinen Theil nehmen, wo nur die Herrlichkeit der Gottheit ist. „Ihr aber,“ sagt er, „lernet das von mir, daß ich sanftmüthig bin und demüthig von Herzen.“ Denn Das ist es, was Alle insgesammt lernen und ausüben können; aber die Zeichen und Wunderwerke sind weder immer nothwendig. noch sind sie Allen verliehen. Die Demuth ist also die Meisterin aller Tugenden, sie ist die festeste Grundlage des himmlischen Gebäudes, die eigentliche, herrliche Gabe des Erlösers. Durch sie wirkt alle Wunder, welche Christus gethan hat, ohne Gefahr der Überhebung, wer immer dem sanften Herrn nicht in der Erhabenheit der Zeichen, sondern in der Tugend der Geduld und Demuth nachfolgt. Wer aber die Herrschaft über die bösen Geister oder die Verleihung der Gesundheit an Kranke oder irgend ein Wunderzeichen den Leuten zur Schau tragen will, der ist, obwohl er bei seinen Prahlereien den Namen Christi anruft, doch fern von Christus, weil er dem Lehrer der Demuth mit seinem hochmüthigen Geiste nicht folgt. Denn auch als dieser zum Vater ging und so zu sagen ein Testament machte, hinterließ er das den Jüngern, daß er sagte: „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet.“ Und sogleich fügt er hinzu: „Daran werden Alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe zu einander habt.“ Er sagt nicht, wenn ihr Zeichen und Wunder gleich mir thut, sondern wenn ihr eine würdige Liebe zu einander habt, welche ganz gewiß nur die Sanftmüthigen und Demüthigen bewahren können. Deßhalb sagten unsere Vorfahren nie, daß Diejenigen rechtschaffene Mönche seien und frei von der Krankheit der Ruhmsucht, welche sich selbst bei den Leuten als Beschwörer vorstellen und nun diese Gabe, welche sie entweder verdienten oder sich anmaßten, unter Schaaren von Bewunderern mit prahlerischer Schaustellung kund geben; aber vergeblich! „Denn wer sich auf Lügen stützt, der weidet Winde, ja er folgt selbst fliegenden Vögeln.“ Ohne Zweifel wird Diesen begegnen, was in den Sprüchwörtern gesagt ist: „Wie Wind und Wolken und Regen gar sichtbar sind, so ist Einer, der sich rühmt mit einer falschen Gabe.“ Wenn also Jemand Etwas von solchen Dingen vor uns thut, so darf er nicht wegen der bewunderungswürdigen Zeichen uns lobwürdig sein, sondern wegen des Schmuckes seiner Sitten; und wir dürfen nicht fragen, ob ihm die Teufel unterworfen sind, sondern ob er die Bestandtheile der Liebe besitze, welche der Apostel aufzählt.

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VIII. Quod mirabilius sit de semet ipso uitia quam de altero daemonas extrusisse.

Et re uera maius miraculum est de propria carne fomitem eradicare luxuriae quam expellere inmundos spiritus de corporibus alienis, et magnificentius signum est uirtute patientiae truculentos motus iracundiae cohercere quam aeriis principibus imperare, plusque est exclusisse edacissimos de corde proprio tristitiae morsus quam ualitudines alterius febresque corporeas expulisse: postremo multis modis praeclarior uirtus sublimiorque profectus est animae propriae curare languores quam corporis alieni. quanto enim haec sublimior carne est, tanto praestantior eius est salus, quantoque pretiosioris excellentiorisque substantiae, tanto grauioris ac perniciosioris est et ruinae.

8. Daß es wunderbarer sei, aus sich selbst die Laster ausgestoßen zu haben, als aus einem Andern die Teufel.

Und in der That ist es ein größeres Wunder, aus dem eigenen Fleische den Zunder der Lust herauszureissen, als die unreinen Geister aus fremden Körpern zu treiben; und es ist ein herrlicheres Zeichen, durch die Tugend der Geduld die wilden Bewegungen des Zornes im Zaume zu halten, als den Herrschaften der Lust zu gebieten. Ebenso ist es mehr, die so gefräßigen Krankheiten der Traurigkeit aus dem eigenen Herzen ausgeschlossen zu haben, als die Krankheit eines Andern und die körperlichen Fieber zu vertreiben. Endlich ist es eine um viele Grade erhabenere Tugend und höherer Erfolg, die Schwächen der eigenen Seele zu heilen, als die eines fremden Körpers. Denn um wie viel jene höher ist als das Fleisch, um so viel werthvoller ist ihr Heil: und um wie viel kostbarer und ausgezeichneter ihre Substanz ist, um so viel schwerer und verderblicher ist ihr Ruin.

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VIIII. Quantum praecellat uitae probitas opera signorum.

Et de illis quidem curationibus ita beatissimis apostolis dicitur: nolite gaudere quia daemonia uobis subiciuntur. hoc enim faciebat non eorum potestas, sed uirtus nominis inuocati: et idcirco monentur ut ex hac parte nihil sibi beatitudinis aut gloriae audeant uindicare, quae dei tantum potentia ac uirtute perficitur, sed ex illa uitae suae cordisque intima puritate, ob quam nomina eorum inscribi merentur in caelis.

9. Wie sehr die Rechtschaffenheit des Lebens sich auszeichne vor den Wunderwerken.

Von diesen Heilungen wird den hl. Aposteln gesagt: „Freuet euch nicht darüber, daß euch die Teufel unterworfen sind;“ denn das that nicht ihre Macht, sondern die Kraft des angerufenen göttlichen Namens, und deßhalb werden sie ermahnt, daß sie nicht wagen sollten, sich wegen dieser Dinge, die nur durch Gottes Kraft und Macht geschehen, Etwas an Freude oder Ruhm zuzuschreiben, sondern nur aus jener innern Reinheit ihres Lebens und Herzens, wegen deren ihre Namen verdienen, eingeschrieben zu sein im Himmel.

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X. Reuelatio de perfectae castitatis experimento.

Et ut hoc ipsum quod diximus uel testimoniis ueterum uel diuinis oraculis adprobemus, quid beatus Pafnutius uel de admiratione signorum uel de gratia senserit puritatis, immo quid angeli reuelatione cognouerit, ipsius uerbis atque experimentis rectius proferemus. hic namque ita multis uigens annis districtione praecipua, ut crederet se etiam carnalis concupiscentiae laqueis penitus absolutum, eo quod cunctis infestationibus daemonum quibus diu aperteque conflixerat superiorem se esse factum sentiret, dum aduenientibus uiris sanctis pulmentum lenticulae, quod illi atheran nominant, praepararet, manus eius, ut adsolet, in clibano flamma superuolitante conbusta est. quo facto tristificatus magnum in modum coepit secum tacitus uoluere, cur ignis, inquiens, mecum non habet pacem, cum diriora mihi daemonum cesserint proelia? aut quemadmodum me in illo metuendo examinis die pertransiturus ille ignis inextinguibilis et inquisitor meritorum omnium non tenebit, cui nunc extrinsecus hic temporalis ac paruulus non pepercit? cumque aestuanti huiuscemodi cogitationibus atque tristitia sopor subitus obrepsisset, adueniens angelus domini, cur, inquit, Pafnuti, tristis es, quod necdum tibi pacatus sit ignis iste terrenus, cum adhuc resideat in membris tuis carnalium motuum necdum ad purum excocta conmotio? cuius radices donec in tuis uiuunt medullis, ignem istum materialem nequaquam tibi pacificum esse permittent. quem utique innoxium alias sentire non poteris, nisi omnes internos motus his indiciis in temet ipso experiaris extinctos: uade, adprehende nudam et pulcherrimam uirginem, et si illam tenens tranquillitatem tui cordis inmobilem aestusque carnales pacificos in te senseris perdurasse, huius quoque uisibilis flammae mitis atque innoxius in modum illorum trium in Babylonia puerorum te adlambet adtactus. itaque senex huiusmodi reuelatione perculsus non quidem experimenti diuinitus demonstrati pericla consuluit, sed interrogans conscientiam suam et puritatem sui cordis examinans nec adhuc pondus castimoniae suae huius probationis ponderi conpensare coniectans, non mirum est, ait, si cedentibus mihi inmundorum spirituum proeliis adustiones ignis, quas dirissimis congressibus daemonum inferiores esse credebam, adhuc aduersum me senserim saeuientes. maior quippe est uirtus ac sublimior gratia internam libidinem carnis extinguere quam nequitias daemonum extrinsecus inruentes signo domini ac uirtutis altissimae potentia subiugare uel de obsessis corporibus nominis diuini inuocatione propellere. Huc usque abba Nesteros rationem de uera charismatum operatione consummans nos ad senis Ioseph cellam, quae sex ferme milibus ab ipso aberat, properantes doctrinae suae institutione prosecutus est.

10. Offenbarung über eine Probe der vollkommenen Keuschheit.

Damit wir nun das Gesagte entweder durch Zeugnisse der Alten oder durch göttliche Wahlsprüche bestätigen, wollen wir, was der hl. Paphnutius theils über die Bewunderung der Zeichen, theils über die Gnade der Reinheit gedacht hat, oder vielmehr, was er durch Offenbarung eines Engels erkannt hat, am besten mit seinen eigenen Worten und Erprobungen darstellen. Dieser hatte nemlich so viele Jahre mit besonderer Strenge gelebt, daß er glaubte, er sei von den Fesseln der fleischlichen Begierde vollkommen befreit, weil er ja fühlte, er habe bei allen Anfechtungen der Teufel, mit denen er lange und sichtbar gekämpft hatte, die Oberhand erhalten. Als er nun einmal bei der Ankunft heiliger Männer ein Linsenmuß, was Jene Athera nennen, bereitete, wurde seine Hand im Ofen verbrannt, weil das Feuer, wie es zu geschehen pflegt, überschlug. Dadurch betrübt fing er an, sehr bei sich selbst und schweigend hin- und herzudenken, und sagte: „Warum hat das Feuer nicht Friede mit mir, da mir doch die härteren Kämpfe der Teufel gewichen sind? Oder wenn ich an jenem fürchterlichen Tage des Gerichtes durch das unauslöschliche Feuer gehe, wie wird es mich nicht festhalten und all meine Verdienste untersuchen, da mich jetzt dieses zeitliche und kleine Feuer von aussen nicht schonte?“ Als ihn nun über diesem quälendem Gedanken und dieser Traurigkeit plötzlich Schlaf befiel, da kam ein Engel des Herrn und sprach: „Warum, o Paphnutius, bist du traurig darüber, daß dieses irdische Feuer noch nicht in Friede mit dir ist, da doch in deinen Gliedern die noch nicht bis zur Reinheit ausgebrannte Aufregung der fleischlichen Bewegungen wohnt? So lange in deinem Mark die Wurzeln derselben lebendig sind, werden sie nicht zulassen, daß jenes körperliche Feuer mit dir versöhnt sei. Du wirst dieses nicht anders ohne Schaden fühlen können, als wenn du durch folgendes Kennzeichen alle innern Bewegungen in dir erloschen findest: Geh und nimm eine nackte und sehr schöne Jungfrau, und wenn du sie haltend fühlst, daß die Ruhe deines Herzens unbewegt und die fleischliche Glut in dir im Frieden bleibe, dann wird dich auch die Berührung dieser sichtbaren Flamme sanft und unschädlich streicheln wie die drei Jünglinge von Babylon.“ Der Greis nun, durch diese Offenbarung erschüttert, versuchte zwar nicht die Gefahr der von oben gezeigten Probe, sondern er befragte sein Gewissen und erforschte die Reinheit seines Herzens, und da er zum Schlusse kam, daß das Gewicht seiner Keuschheit sich noch nicht mit dem Gewichte einer solchen Probe ausgleiche, sagte er: „Es ist kein Wunder, wenn ich auch nach dem Aufhören des Kampfes mit den unreinen Geistern den Brand dieses Feuers, den ich für so viel geringer hielt als die grausamen Angriffe der Teufel, doch noch gegen mich wüthen fühle. Denn es ist eine größere Tugend und höhere Gnade, die innerliche Begierlichkeit des Fleisches auszulöschen, als die von aussen anstürmenden bösen Geister mit dem Zeichen des Herrn und der mächtigen Kraft des Allerhöchsten zu unterjochen oder sie von besessenen Körpern durch die Anrufung des göttlichen Namens auszutreiben.“ — Damit endete Abt Nesteros seine Rede über die wahre Bethätigung der Charismen und hatte uns, die wir zur Zelle des Greises Joseph eilten, welche von der seinen fast sechs Meilen entfernt ist, mit seinem belehrenden Unterrichte begleitet.

Lateinischer Text: Conlationes XXIIII, hg. von M. Petschenig, Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum 13, Wien 1886, an den Scans überprüft; ohne kritischen Apparat. · Übersetzung von Karl Kohlhund († 1883), Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten, Kösel, 1879. Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden