Worte der Väter (Verba seniorum, Buch V)
Von der Unterscheidung
De discretione.Von der Bescheidenheit.
Dixit abbas Antonius: Quia sunt quidam conterentes corpora sua in abstinentia; sed quia non habuerunt discretionem, longe facti sunt a Deo.
Der Abt Antonius sagte: Es giebt Einige, die ihren Leib durch Abbruch schwächen; sie sind aber ferne von Gott, weil sie keine Bescheidenheit haben.
Fratres quidam venerunt ad abbatem Antonium, ut nuntiarent ei phantasias quas videbant, et cognoscerent ab eo utrum veræ essent, an a dæmonibus illuderentur. Habebant autem asinum secum, et mortuus est eis in via. Cum ergo venissent ad senem, prævenit eos, dicens: Quomodo mortuus est ille asinus in via? Dicunt ei: Unde scis, Pater? Et ille dixit: Dæmones mihi ostenderunt. Dicunt ei: Et nos propterea venimus interrogare te, quia vidimus phantasias, et plerumque fiunt in veritate, ne forte erremus. Et satisfecit eis senex sumpto exemplo de asino, ostendens quia a dæmonibus fiunt ista. Supervenit autem quidam venationem faciens in silvam agrestium animalium, et viderat abbatem Antonium gaudentem cum fratribus, et displicuerat ei. Volens autem senex ei ostendere quia oportet aliquando condescendere fratribus, dicit ei: Pone sagittam in arcu tuo, et trahe; et fecit sic. Et dixit ei: Iterum trahe; et traxit. Et rursus dixit ei: Trahe adhuc; et traxit. Dixit ei venator: Si supra mensuram traxero, frangetur arcus. Dicit ei abbas Antonius: Ita est et in opere Dei: si plus a mensura tendimus, fratres cito deficiunt; expedit ergo una et una relaxare rigorem eorum. Hæc audiens venator compunctus est, et multum proficiens in sermone senis, discessit; et fratres confirmati, reversi sunt in locum suum.
Es kamen einstmals einige Brüder zum Abte Antonius, um ihm von den Gespenstern zu erzählen, die sie sahen, und von ihm zu erfahren, ob sie wahr wären, oder ob sie von den Teufeln getäuscht würden. Sie hatten aber einen Esel bei sich, der ihnen auf dem Wege starb. Da sie dennoch beim Altvater angelangt waren, kam er ihnen zuvor, und sagte: Wie ist denn euer Esel auf dem Wege gestorben? Sie erwiederten ihm: Woher weißt du dieses, Vater? Er antwortete: Die Dämonen hatten es mir angezeigt. Sie sprachen ferner: Wir sind eben deßhalb gekommen, um dich zu fragen, wir haben Gespenster gesehen, die vielmals in der That sich zeigen, ob wir uns nicht irren? Und der Altvater gab ihnen hinreichende Auskunft, nahm von dem Esel das Beispiel, und zeigte ihnen, daß diese Erscheinungen von den Teufeln kommen. Inzwischen kam ein Jäger, der im Walde nach wilden Thieren jagte; als er den Abt Antonius mit seinen Brüdern sich ergötzen sah, mißfiel ihm dieses. Der Altvater aber, der ihm zeigen wollte, daß man sich auch zuweilen zu den Brüdern herablassen müsse, entgegnete ihm: Lege einen Pfeil auf deinen Bogen und spanne ihn; er that es. Der Abt sprach ferner: Spanne den Bogen noch mehr; und er that es. Der Altvater sagte abermal zu ihm: Spanne ihn nochmals; und er spannte ihn noch mehr. Nun sagte der Jäger zum Abte: Wenn ich den Bogen übermäßig spanne, so wird er brechen. Der Abt Antonius erwiederte ihm: So verhält es sich im Gottesdienste. Wenn wir den Bogen zu hoch spannen, so werden die Brüder alsobald ihre Kräfte verlieren; es ist daher gut für sie, die Strenge und den Ernst des geistlichen Lebens ihnen ein und das andere Mal zu mildern. Diese Worte rührten das Herz des Jägers; er erbaute sich sehr an den Worten des Abtes, und ging dann fort; die Brüder aber kehrten bestärkt wieder an ihren Ort zurück.
Frater dixit abbati Antonio: Ora pro me. Et respondit ei senex: Nec ego tui misereor, nec Deus, nisi pro teipso sollicitus fueris et poposceris a Deo.
Ein Bruder sagte zum Abte Antonius: Bete für mich. Der Altvater erwiederte ihm: Weder ich noch Gott werden uns deiner erbarmen, wenn du nicht für dich selbst sorgst, und Gott um Gnade bittest.
Dixit iterum abbas Antonius: Quia non permittit Deus bella excitari in generatione hac, quoniam scit quia infirmi sunt et portare non possunt.
Der Abt Antonius sprach ferners: Gott läßt über Menschen keine großen Kämpfe kommen, von denen er weiß, daß sie schwach sind, und sie nicht ertragen können.
Dixit aliquando abbas Evagrius abbati Arsenio; Quomodo nos excitati eruditione et scientia nullas virtutes habemus, hi autem rustici in Ægypto habitantes tantas virtutes possident? Respondit abbas Arsenius: Nos quia mundanæ eruditionis disciplinis intenti sumus, nihil habemus; hi autem rustici Ægyptii ex propriis laboribus acquisierunt virtutes.
Einstmals sprach der Abt Evagrius zum Abte Arsenius: Woher kömmt das, daß wir gelehrte und gebildete Menschen keine Tugenden haben; die Bauersleute aber, die in Aegypten wohnen, dieselben in so hohem Grade besitzen? Der Abt Arsenius antwortete: Weil wir uns so sehr bemühen um die Bildung in der weltlichen Gelehrsamkeit, und darum haben wir keine Tugenden; die Bauersleute aber in Aegypten haben durch eigene Anstrengung und Mühe sich in den Besitz der Tugenden gesetzt.
Dicebat beatæ memoriæ abbas Arsenius: Peregrinus monachus in alia provincia habitans, nullis rebus se medium faciat, et quietus erit.
Der Abt Arsenius seligen Andenkens pflegte zu sagen: Ein Mönch, der in einem fremden Lande wohnt, wird Ruhe haben, wenn er sich in keine Sache einmischt.
Interrogavit abbas Marcus abbatem Arsenium, dicens: Bonum est non habere aliquam in cella consolationem. Vidi enim quemdam fratrem habentem parvum olus in cella, et eradicabat ea. Et dixit abbas Arsenius: Bonum quidem est, sed secundum exercitationem hominis uniuscujusque agendum est: etiam si non habuerit virtutem hujusmodi tolerare, iterum plantaturus est ea.
Der Abt Markus fragte den Abt Arsenius und sagte: Es ist gut, nichts zu seinem Troste in seiner Zelle zu haben; denn ich sah einen Bruder, der nur einige wenige Gemüsekräuter bei seiner Zelle hatte, und auch diese noch vernichtete. Der Abt Arsenius erwiederte: Es ist zwar gut, Nichts zu haben allein man muß auch hiebei die Geistes-Uebung und Stärke eines jeden Menschen im Leben berücksichtigen; denn, wenn er die Kraft nicht hat, so etwas zu ertragen, so wird er oft das wieder einpflanzen, was er ausgerottet hat.
Narravit abbas Petrus, qui fuit discipulus abbatis Lot, dicens: Eram aliquando in cella abbatis Agathonis, et venit frater quidam ad eum, dicens: Volo habitare cum fratribus, sed dic mihi quomodo habitem cum eis. Dicit ei senex: Sicut in prima die quando ingrederis ad eos, ita custodi peregrinationem tuam omnibus diebus vitæ tuæ, nec assumas fiduciam. Dicit ei abbas Macarius: Quid enim facit fiducia? Dicit ei senex: Sic est sicut æstus grandis, qui quando exarserit, omnes fugiunt a facie ejus, quia æstus etiam arborum fructus corrumpit. Dixit abbas Macarius: Sic mala fiducia est? Respondit abbas Agathon: Non est pejor altera passio quam fiducia; genitrix est enim omnium passionum. Convenit ergo operatio monacho, non sumere fiduciam, vel si solus sit in cella.
Es erzählte der Abt Petrus, der ein Schüler des Abtes Lot war, und sprach: Ich war einstmals in der Zelle des Abtes Agathon, als ein Bruder zu ihm kam und sprach: Ich möchte gerne bei den Brüdern wohnen; allein sage mir, wie ich mich bei ihnen zu verhalten habe. Der Altvater erwiederte ihm: Wie dir zu Muthe ist am ersten Tage, wo du in das Kloster eingehst, so soll dir auch alle Tage deines Lebens seyn; laß nie Selbstvertrauen in deiner Seele auftauchen. Der Abt Macarius sprach ferners: Was thut denn das Selbstvertrauen? Der Altvater erwiederte: Es ist wie eine große Hitze; wenn diese zu brennen anfängt, so fliehen Alle von ihr; ja sie versengt auch die Früchte an den Bäumen. Der Abt Macarius entgegnete: Ist also das Selbstvertrauen so böse? Ja, antwortete Agathon. Keine andere Leidenschaft ist so schlimm, als das Selbstvertrauen; denn sie ist die Mutter aller Leidenschaften. Der Mönch soll also Gutes wirken, jedoch ohne Selbstvertrauen, wenn er auch allein in der Zelle ist.
Dicebat abbas Daniel: Quia cum moriturus esset abbas Arsenius, delegavit nobis, dicens: Videte ne velitis pro me agapem facere; quoniam si feci ego pro meipso, id invenio.
Der Abt Daniel sagte: Als der Abt Arsenius im Begriffe zu sterben war, gebot er uns, und sagte: Sehet zu, daß ihr für mich kein Almosen austheilet; denn was ich für mich selbst gethan habe, das werde ich dort finden.
Dicebant de abbate Agathone quia abierunt quidam ad eum, audientes quia magnæ discretionis vir esset; et volentes eum probare si irasceretur, dicunt ei: Tu es Agatho? Audivimus de te, quia fornicator es, et superbus. Et ille respondit: Etiam sic est. Et dixerunt ei: Tu es Agatho verbosus et detractor? Et respondit: Ego sum. Dicunt ei iterum: Tu es Agatho hæreticus? Et respondit: Non sum hæreticus. Et rogaverunt eum, dicentes: Dic nobis cur tanta dicentibus nobis in injuria tua patienter tuleris; hunc autem sermonem quia diximus, Hæreticus es, non sustinuisti? Et ille respondit, et dixit eis: Illa prima mihi ascribo, utilitas enim animæ meæ est: quod autem dixistis hæreticum me esse, ideo non acquievi, quia separatio est a Deo, et non opto separari a Deo. Illi audientes admirati sunt discretionem ejus, et ædificati discesserunt.
Man erzählte von dem Abte Agathon: Einstmals kamen einige Mönche zu ihm, weil sie gehört hatten, daß er ein Mann von großer Bescheidenheit sey, und wollten ihn prüfen, ob er zornig werden könnte; sie sagten daher zu ihm: Bist du der Agathon? Wir haben von dir gehört, daß du ein unkeuscher und stolzer Mensch bist. Er antwortete: Es ist so. Sie sagten ferners zu ihm: Du bist auch ein geschwätziger Mensch und ein Verleumder. Er antwortete: Ich bin's. Sie sprachen wiederum: Du bist auch ein Ketzer; und er antwortete: Ich bin kein Ketzer. Nun fragten sie ihn, und sprachen: Sag' uns, warum hast du unsere so vielen beleidigenden Reden mit Geduld ertragen, als wir dich aber einen Ketzer nannten, dieses Wort nicht ertrugst? Er antwortete und sagte: Jenes Erstere schreibe ich mir zu, weil es meiner Seele nützlich ist; da ihr aber gesagt habt, daß ich ein Ketzer sey, dieses gab ich deßhalb nicht zu, weil die Ketzerei eine Trennung von Gott ist, und ich wünsche nicht von Gott getrennt zu werden. Als sie dieses hörten, bewunderten sie seine Bescheidenheit, und gingen voll Erbauung von dannen.
Interrogatus est idem abbas Agatho: Quid est majus, labor corporis, aut custodia interioris hominis? Dicit abbas: Homo similis est arbori; corporalis igitur labor velut folia arboris, custodia autem interioris hominis fructus est. Quoniam ergo, secundum quod scriptum est, Omnis arbor non faciens fructum bonum excidetur, et in ignem mittetur, oportet propter fructum nostrum omnem in nobis sollicitudinem esse, hoc est mentis custodiam. Opus tamen habemus etiam tegumento et ornatu foliorum, quæ sunt labor corporis. Erat autem abbas Agatho sapiens ad intelligendum, et impiger ad laborandum, et sufficiens in omnibus, intentus etiam assidue ad laborem manuum, parcus in cibo atque vestimento.
Man fragte eben diesen Abt Agathon: Was ist größer, die leibliche Arbeit, oder die Bewahrung des inneren Menschen? Der Abt erwiederte: Der Mensch ist einem Baume ähnlich; die leibliche Arbeit ist gleich den Blättern des Baumes, die Bewahrung des inneren Menschen ist die Frucht. Da nach dem Ausspruche der Schrift jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, abgehauen und in das Feuer geworfen wird, so müssen wir uns alle Mühe geben, in uns diese Frucht zu erzeugen, nämlich die Bewahrung des Geistes. Wir haben aber auch zur Bedeckung und Zierde der Blätter nothwendig; diese sind die leibliche Arbeit. Es war aber der Abt Agathon weise und einsichtsvoll, unverdrossen zur Arbeit, genügsam in Allem, stets bedacht auf Handarbeit, und sparsam in der Nahrung und Kleidung.
Idem abbas Agatho cum fuisset conventus pro quadam causa in Scythi, et fuisset causa ipsa ordinata, postea venit, et dicit eis: Non bene ordinastis causam. Illi autem dixerunt ei: Tu quis es, qui vel loquaris? Et ille respondit: Filius hominis; scriptum est enim: Si vere utique justitiam loquimini, justa judicate, filii hominum.
Als in der Wüste Scythi einer Sache wegen eine Versammlung gehalten wurde, und die Sache selbst schon geschlichtet war, kam nachhin derselbe Abt Agathon und sagte zu ihnen: Ihr habt die Sache nicht gut ausgemacht. Sie aber fragten ihn: Wer bist du, daß du es wagst, uns einzureden? Seine Antwort war: Ich bin ein Menschenkind; denn es steht geschrieben: Wenn ihr in der Wahrheit und nach Gerechtigkeit redet, so fällt auch ein gerechtes Urtheil, ihr Menschenkinder.
Dixit abbas Agatho: Iracundus si mortuos suscitet, non placet Deo propter iracundiam suam.
Der Abt Agathon sagte ferners: Der Jähzornige, sollte er auch Todte auferwecken, kann Gott wegen seines Jähzorns nicht gefallen.
Venerunt aliquando tres senes ad abbatem Achillem, et unus ex eis habebat opinionem malam. Dicit autem ei unus de senibus: Abba, fac mihi unam sagenam ad piscandum. Et ille dixit: Non facio. Et alius dixit ei: Fac nobis, ut habeamus memoriam tui in monasterio nostro. Et ille respondit: Non mihi vacat. Dixit ei tertius ille, qui habebat malam opinionem: Mihi fac sagenam, ut habeam de manibus tuis benedictionem, abba. Et ille statim respondit ei: Ego tibi faciam. Dixerunt autem ei secreto duo priores, quibus non acquieverat: Quomodo sic, quia nobis rogantibus noluisti facere, et huic dixisti: Ego tibi faciam? Respondit eis senex: Vobis ideo dixi. Non facio, quia non mihi vacat, et non contristabimini; huic autem si non fecero, dicturus est, quia de opinione mea, quæ mala est, audivit senex, et ideo noluit facere sagenam; et statim incidebamus funem ad sedandum animum ejus, ne tristitia absorberetur hujusmodi.
Es kamen einstmals drei Altväter zum Abte Achilles. Einer von ihnen hatte keine gute Meinung über ihn. Es sprach Einer von den Altvätern zu dem Abte: Vater mache mir ein Netz zum Fischen. Er antwortete: dieses thue ich nicht. Ein Anderer sagte zu ihm: Mach uns eines, Vater! damit wir ein Andenken von dir in unserm Kloster haben. Und er antwortete: Ich habe nicht Zeit; endlich sprach jener Dritte, der eine böse Meinung von ihm hatte: Mache mir ein Netz, damit ich, o Vater, den Segen von deinen Händen bekomme, und er antwortete ihm sogleich: Ich will dir eines machen. Jene zwei Ersteren, denen er ihre Bitte nicht bewilliget hatte, fragten ihn in Geheim: wie kömmt das, Vater, daß du dieses nicht thun wolltest auf unsere Bitte, zu diesem aber sagtest du sogleich, ich will dir eines machen? Der Altvater antwortete ihnen: Ich habe deßhalb zu euch gesagt: Ich thue das nicht, ich habe nicht Zeit, weil ich wußte, daß ihr euch darüber nicht betrüben werdet; hätte ich aber diesem kein Netz gemacht, so würde er gesagt haben: Weil der Altvater von meiner bösen Meinung, die ich von ihm hatte, gehört hat, deßwegen wollte er mir kein Netz machen, und aus dieser Ursache, um sein Gemüth zu befriedigen und jedem bösen Urtheile den Faden abzuschneiden, habe ich ihm ein Netz gemacht, damit er von keiner solchen Traurigkeit verschlungen werde.
Dicebant de quodam sene, quia fecerit quinquaginta annos neque panem comedens, neque facile aquam bibens; et dicebat: Quia exstinxi fornicationem, et avaritiam, et vanam gloriam. Et quia abbas Abraham audierat quod hæc dixisset, venit ad eum, et dixit ei: Tu dixisti hunc sermonem? Et ille respondit: Etiam. Et dixit ei abbas Abraham: Ecce intras in cellam tuam, et invenis supra mattam tuam mulierem, potes non cogitare quia mulier est? Et dixit: Non; sed impugno cogitationem meam, ut non tangam mulierem illam. Dixit abbas Abraham: Ecce igitur non fornicationem interfecisti, quia vivit passio ipsa, sed alligata est. Iterum si ambulas in via, et vides lapides et testas vasorum, et in ipsis jacens aurum, quod videris, potes velut lapides reputare? Et respondit: Non; sed resisto cogitationi meæ ne colligam illa. Et dicit ei abbas Abraham: Ecce ergo vivit passio; sed alligata est. Et dixit iterum abbas Abraham: Si audieris de duobus fratribus, quia unus diligit te et bona de te loquitur, alius autem odit et detrahit tibi, et venerint ad te, utrosque æqualiter suscipis? Et dixit: Non; sed extorqueo animo, ut similiter bene faciam ei qui me odit, sicut illi qui diligit me. Et dixit ei abbas Abraham: Vivunt ergo passiones, sed tantum a sanctis viris quodammodo religantur.
Man erzählte von einem Altvater, der fünfzig Jahre kein Brod aß, und nicht leicht ein Wasser trank, daß er sagte: Ich habe die Hurerei, den Geiz und die eitle Ehre in mir ausgelöscht. Als der Abt Abraham von dieser Aussage gehört hatte, ging er zu ihm hin, und sagte: Hast du diese Rede gethan? Er antwortete: Ja. Und der Abt Abraham sprach ferner zu ihm: Sieh jetzt frage ich dich: Wenn du in deine Zelle gehst und findest auf deiner Matte ein Weib, kannst du dir denken, daß es kein Weib sey? Er sagte: Nein; allein ich kämpfe gegen meine Gedanken, um dieses Weib nicht zu berühren. Der Abt Abraham sprach ferners: Sieh! du hast also die Hurerei nicht ertödtet, weil die Leidenschaft in dir noch lebt, allein gebunden. Ferner wenn du auf der Straße gehst, und siehst Steine und Stücke von gebrochenen Geschirren und darunter Gold liegen, kannst du das Gold, das du gesehen hast, für Steine ansehen? Er antwortete: Nein; allein ich widerstehe meinen Gedanken, um es nicht aufzuheben. Der Abt Abraham entgegnete ihm aber: Sieh, es lebt also die Leidenschaft noch in dir; allein sie ist gebunden. Der Abt Abraham sprach ferners zu ihm: Wenn du von zwei Brüdern hörest, daß der Eine dich liebt und Gutes von dir redet, der Andere aber dich haßt und Uebels dir nachredet, wenn nun die Beiden zu dir kämen, kannst du sie Beide mit gleichem Gefühle aufnehmen? Er antwortete: Nein; ich thue aber meinem Geiste Gewalt an, um eben so gut Demjenigen zu begegnen, der mich haßt, wie Jenem, der mich liebt. Hierauf sprach Abraham zu ihm: Es leben also die Leidenschaften noch in dir; allein nur von Heiligen werden sie gebunden.
Narravit quidam Patrum quia senex aliquis erat in cella studiose laborans, et vestiebatur matta: qui cum perrexisset ad abbatem Ammonam, vidit eum abbas Ammonas utentem matta, et dixit ei: Hoc tibi nihil prodest. Et dixit ei ille senex: Tres cogitationes mihi molestæ sunt: una, quæ me compellit ut alicubi in eremo recedam; alia, ut peregrina petam, ubi me nemo cognoscat; tertia, ut includam me in cella, ut nullum videam, et post biduum comedam. Dicit ei abbas Ammonas: Nihil tibi ex his tribus expedit facere, sed magis sede in cella tua, et comede parum quotidie, habens semper in corde tuo publicani illius qui in Evangelio legitur sermonem, et ita poteris salvus esse.
Es erzählte ein Vater: Einst lebte in der Wüste ein Altvater, der in seiner Zelle sehr fleißig arbeitete, und sich mit einer aus Binsen geflochtenen Decke bekleidete. Als dieser zum Abte Ammon gekommen, und dieser ihn in solcher Bedeckung erblickt hatte, sprach er zu ihm: Dieses nützt dir nichts. Jener Altvater aber erwiederte ihm: Drei Gedanken belästigen mich; ein Gedanke treibt mich an, mich irgendwo in der Wüste hinzubegeben; ein Anderer versucht es, mich zu bereden, in eine fremde Gegend zu gehen, wo mich Niemand kennt; ein dritter Gedanke flößet mir ein, mich in meine Zelle einzuschließen, um Niemanden zu sehen, und erst nach zwei Tagen zu essen. Der Abt Ammon erwiederte ihm: Keines von diesen drei Dingen taugt für dich, sondern du bleibe vielmehr in deiner Zelle, iß täglich etwas Weniges und habe immer den Ausspruch jenes öffentlichen Sünders, den man im Evangelium liest, so wirst du selig werden.
Dicebat abbas Daniel: Quia quantum corpus viruerit, tantum anima exsiccatur; et quantum siccatum fuerit corpus, anima tantum virescit. Dixit iterum abbas Daniel: Quia quantum corpus fovetur, tantum anima subtiliatur, et quantum fuerit corpus subtiliatum, tantum anima fovetur.
Der Abt Daniel pflegte zu sagen: In dem Maße als der Leib grünt, trocknet die Seele auf; und in dem Maße als der Leib aufgetrocknet wird, fängt die Seele zu grünen an. Wiederum sprach der Abt Daniel: Je mehr man den Leib pflegt, desto schwächer wird die Seele; und je mehr man den Leib schwächt, desto mehr nährt man die Seele.
Narravit iterum abbas Daniel, quia quando erat in Scythi abbas Arsenius, erat ibi monachus quidam rapiens ea quæ habebant senes: abbas autem Arsenius volens eum lucrari, et senibus quietem præstare, tulit eum in cellam suam, et dicit ei: Quidquid vis ego tibi dabo, tantum non rapias; et dedit ei aurum, et nummos, et rescellas, et, omne quod in responso suo habebat, dedit ei. Ille autem iterum rapiebat. Senes vero videntes quia non quievit, expulerunt eum, dicentes: Quia si invenitur frater habens de infirmitate corporis aliquid, oportet sustinere eum; si autem furatus et admonitus non quiescit, expellite eum: quoniam animæ suæ detrimentum facit, et omnes in eo loco habitantes conturbat.
Ferner erzählte der Abt Daniel: Als der Abt Arsenius in der Wüste sich aufhielt, war dort auch ein Mönch, der den Altvätern alles stahl, was sie hatten. Der Abt Arsenius, der ihn gewinnen, und den Altvätern Ruhe verschaffen wollte, nahm ihn mit sich in seine Zelle, und sagte zu ihm: Ich will dir alles geben, was du nur willst, nur stiehl mir nichts. Er gab ihm Gold und Geld und andere Dinge, kurz alles, was er in seinem Vorrathe hatte. Allein er stahl wieder. Als nun die Altväter sahen, daß er von seiner üblen Gewohnheit nicht abließ, jagten sie ihn fort, und sagten: Wenn irgendwo ein Bruder ist, der ein körperliches Leiden hat, so soll man ihn dulden; stiehlt er aber, und bessert ihn keine Ermahnung mehr, so verstoßet ihn; weil eine längere Verweilung seiner Seele schaden, und allen denen, die an jenem Orte wohnen, nur Verwirrung bringen würde.
Venit in initio conversationis suæ abbas Evagrius ad quemdam senem, et dixit: Dic mihi, abba, sermonem quo salvus fiam. Ille autem dixit ei: Si vis salvari, quando ad aliquem vadis, non prius loquaris antequam te ille inquirat. Evagrius autem compunctus in hoc sermone, pœnitentiam egit in conspectu senis, et satisfecit ei, dicens: Crede mihi, multos Codices legi, et talem eruditionem nunquam inveni. Et multum proficiens exiit.
Der Abt Evagrius kam im Anfange seiner Bekehrung zu einem Altvater und sagte zu ihm: Sag mir Vater eine Lehre, die mich selig macht. Jener erwiederte ihm: Wenn du selig werden willst, so rede, wenn du zu Jemanden hinkommst, nicht eher, als bis er dich fragt. Evagrius, den diese Rede rührte, fiel demüthig zu den Füßen des Altvaters nieder, dankte ihm und sprach: Glaube mir, ich habe viele Bücher gelesen, aber noch nie eine solche Belehrung gefunden, wie diese. Er ging sehr erbaut wieder von da fort.
Dixit abbas Evagrius: Mentem nutantem vel errantem solidat lectio, et vigiliæ, et oratio: concupiscentiam vero ferventem madefacit esuries et labor et sollicitudo: iracundiam autem perturbatam reprimit psalmodia, et longanimitas, et misericordia, sed hæc opportunis temporibus, et mensura adhibita; si autem inopportune vel sine mensura fiunt, ad parvum tempus proficiunt; quæ autem parvi temporis sunt, noxia magis quam utilia erunt.
Der Abt Evagrius pflegte zu sagen: Ein wankendes und irrendes Gemüth wird befestiget durch Lesen, Wachen und Beten; die heiße Begierlichkeit kühlet ab der Hunger, die Arbeit und der Kummer; die Verwirrung und den Jähzorn unterdrückt der Psalmengesang, die Langmuth und die Barmherzigkeit; allein diese Mittel sollen zu gelegener Zeit und gehörig angewendet werden; gebraucht man sie aber zu ungelegener Zeit oder unmäßiger Weise, so helfen sie nur auf kurze Zeit. Was aber nur eine kurze Zeit währet, ist mehr schädlich als nützlich.
Transeunte aliquando abbate Ephræm, una prostituta ex immissione cujusdam cœpit ei blandiri, cupiens eum, si posset, ad turpem commistionem illicere: vel si hoc non posset, saltem ad iracundiam provocaret, quoniam nunquam eum vidit quisquam irascentem vel litigantem. Ipse autem dixit ad eam: Sequere me. Cum venissent autem in loco populoso, dicit ei: Veni huc, et sicut voluisti, commisceor tecum. Illa autem videns multitudinem, dicit ei: Quomodo possumus hæc hoc facere, tanta multitudine hic astante? confundemur enim. Ipse autem ait: Si homines erubescis, quanto magis erubescere debemus Deum, qui revelat occulta tenebrarum? Illa autem confusa et confutata recessit absque opere voluptatis suæ.
Einstmals ging der Abt Ephrem bei einer öffentlichen Hure vorbei, die auf Anstiftung eines bösen Menschen ihm zu schmeicheln anfing, und Willens war, ihn wo möglich in die Hurerei zu stürzen, oder wenigstens, wenn sie dieß nicht könnte, ihn zum Zorne zu reizen, weil ihn Niemand jemals zürnen oder streiten sah. Er erwiederte ihr: Gehe mit mir. Da sie an einen Ort gekommen, wo viel Volk war, sprach er zu ihr: Da komme her, und ich sündige mit dir, wie du verlangt hast. Sie entgegnete ihm aber, indem sie die Menge Volkes sah: Wie können wir nun dieses thun in Gegenwart so vielen Volkes? Wir müßten uns ja schämen! Er erwiederte: Du schämst dich vor Menschen, um wie viel mehr sollen wir uns vor Gott schämen, der offenbaret, was im Finstern verborgen ist? So wurde sie beschämt und abgewiesen von ihrem schändlichen Werke. Hierauf entfernte sie sich.
Venerunt aliquando ad abbatem Zenonem quidam fratres, et interrogaverunt eum, dicentes: Quid est quod scriptum est in libro Job: Nec cœlum mundum esse in conspectu Dei? Respondit autem senex dicens: Reliquerunt homines peccata sua, et cœlestia scrutantur. Hæc autem est interpretatio sermonis, quem requisistis, ut quoniam Deus solus est mundus, dictum sit nec cœlum mundum esse in conspectu ejus.
Es kamen einmal einige Brüder zum Abte Zeno, und fragten ihn, indem sie sprachen: Wie ist denn das zu verstehen, was im Buche Jobs geschrieben steht: Auch der Himmel ist vor den Augen Gottes nicht rein? Der Altvater erwiederte und sprach: Die Menschen gingen über ihre Sünden hinweg und forschten dem Himmlischen nach; das aber ist die Auslegung jener Stelle, die ihr gewollt: Weil Gott allein rein ist, darum ist gesagt, auch der Himmel ist vor seinen Augen nicht rein.
Dixit abbas Theodorus de Pherme: Si habes amicitias cum aliquo, et contigerit eum in tentationem fornicationis incurrere; si potes, da ei manum, et retrahe illum sursum: si autem in errore aliquo fidei incurrerit, nec tibi acquiescit, revertere cito, incide amicitias ejus abs te, ne forte remorans traharis cum eo in profundum.
Der Abt Theodor von Pherme pflegte zu sagen: Wenn du mit Jemanden in Freundschaft stehest, und dieser dein Freund bei Gelegenheit einer Versuchung in die Unzucht fällt, so reiche ihm, wenn es dir möglich ist, deine Hand, um ihm vom Falle aufzuhelfen; irrt er sich aber in einem Punkte des Glaubens, und läßt er sich nicht belehren, so ziehe dich schnell von ihm zurück, und hebe alle Freundschaft mit ihm auf, um nicht bei längerer Verweilung mit ihm in denselben Abgrund zu stürzen.
Venit aliquando memoratus abbas Theodorus ad abbatem Joannem, qui erat eunuchus ex nativitate. Et cum loquerentur, dixit abbas Theodorus: Quando eram in Scythi, opus animæ erat opus nostrum, opus autem manuum tanquam in transitu habebamus; nunc autem factum est opus animæ, velut cum in transitu factum est opus.
Der erwähnte Abt Theodor kam einstens zum Abte Johannes, der von Geburt aus ein Verschnittener war. Als sie mit einander redeten, sprach der Abt Theodor: Als ich noch in der Wüste Scythi war, da war die Besorgung des Seelenheiles unser Hauptgeschäft, die Handarbeit war nur Nebensache: Jetzt aber ist die Besorgung des Seelenheiles gleichsam zur Nebensache geworden.
Venit aliquando quidam Patrum ad eumdem abbatem Theodorum, et dixit ei: Ecce quidam frater reversus est ad sæculum. Et dixit ei abbas Theodorus: In hoc non admireris; si quando audieris quia prævaluit quis effugere de ore inimici, hoc admirare.
Einstmals kam Einer von den Vätern zu demselben Abte Theodor und sprach zu ihm: Sieh, ein Bruder ist wieder in die Welt zurückgegangen. Der Abt Theodor erwiederte ihm: Wundere dich darüber nicht; wenn du aber hören sollst, daß Jemand im Stande war, dem Rachen des Teufels zu entkommen, darüber drücke deine Bewunderung aus.
Dixit memoratus abbas Theodorus: Multi eligunt in hoc sæculo temporalem quietem, antequam præstet eis Dominus requiem.
Der erwähnte Abt Theodor sagte ferners: Viele suchen auf dieser Welt eine zeitliche Ruhe, bevor ihnen Gott die ewige ertheilt.
Dicebant de abbate Joanne statura brevi, quia dixerit aliquando fratri suo majori: Volebam esse securus sicut angeli sunt securi, nihil operantes, sed sine intermissione servientes Deo; et spolians se quo vestitus erat, abiit in eremo. Et facta ibi hebdomada una, reversus est ad fratrem suum; et dum pulsaret ostium, respondit ei antequam aperiret, dicens: Quis es tu? Et ille dixit: Ego sum Joannes. Et respondit frater ejus, et dixit ei: Joannes angelus factus est, et ultra inter homines non est. Ille autem pulsabat dicens: Ego sum. Et non aperuit ei, sed dimisit eum affligi. Postea vero aperiens dixit ei: Si homo es, opus habes iterum operari, ut vivas; si autem angelus es, quid quæris intrare in cellam. Et ille pœnitentiam agens, dixit: Ignosce mihi, frater, quia peccavi.
Man erzählte von dem Abte Johannes dem Kleinen, daß er einstmals zu seinem ältern Bruder gesagt: Ich möchte gerne so ruhig und sicher seyn, wie die Engel sind, die nichts arbeiten, sondern ohne Unterlaß Gott dienen. Er zog deßhalb seine Kleider aus, die er anhatte, und begab sich in die Wüste. Als er dort eine Woche zugebracht hatte, kehrte er wieder zu seinem Bruder zurück. Sein Bruder aber gab ihm, als er bei der Thüre anklopfte, ehe er aufmachte, zur Antwort und sprach: Wer bist du? Er sagte: Ich bin Johannes. Sein Bruder aber entgegnete ihm und sprach: Mein Bruder Johannes ist ein Engel geworden, und ist nicht mehr unter den Leuten. Jener aber fuhr fort anzuklopfen und sagte: Ich bin's, ich bin's; er machte ihm aber nicht auf, sondern ließ ihn lange draußen stehen. Nachhin aber öffnete er ihm die Thüre und sagte: Wenn du ein Mensch bist, so mußt du wieder arbeiten, um etwas zum Leben zu haben; bist du aber ein Engel, wozu brauchst du wieder in die Zelle hereinzugehen? Der Bruder bereute seinen Fehler und sprach: Verzeihe mir, Bruder, ich habe gesündiget.
Venerunt aliquando senes in Scythi, et erat cum eis abbas Joannes Nanus; et dum comederent, surrexit quidam presbyter vir magnus, ut daret per singulos vasculum aquæ parvum ad bibendum; et nemo acquievit accipere ab eo, nisi solus Joannes Brevis. Admirati sunt autem cæteri, et dixerunt ei: Quomodo tu cum sis omnium minor, præsumpsisti ministerio uti viri senis et magni? Et dicit eis: Ego quando surgo dare aquam, gaudeo si omnes biberint, ut mercedem acquiram; nunc igitur propterea ego suscepi, ut faciam ei qui surrexit invenire mercedem, ne forte etiam contristetur nullo sumente ab eo. Hæc cum dixisset, admirati sunt omnes de discretione ejus.
Einstmals kamen Altväter in die Wüste Scythi, und hatten den Abt Nanus bei sich. Während sie mit einander aßen, stund ein ansehnlicher Priester auf, um Jedem am Tische einen kleinen Becher mit Wasser zum Trinken zu reichen. Allein Niemand wollte ihn von ihm annehmen, als Johannes der Kleine. Darüber verwunderten sich die Uebrigen und sprachen zu ihm: Wie durftest du so keck seyn, da du doch der Allerkleinste bist, dich von einem so großen und alten Manne bedienen zu lassen? Er erwiederte ihnen: Wann ich aufstehe, Wasser zu reichen, so freut es mich, wenn Alle trinken, damit ich eine Belohnung dafür bekomme; eben deßhalb habe ich auch den Trunk angenommen, um den Wohlthäter seines Lohnes nicht zu berauben, und auch, um ihn nicht etwa zu betrüben, wenn Niemand von ihm den Trunk angenommen hätte. Als er dieses gesagt hatte, bewunderten Alle seine Bescheidenheit.
Interrogavit aliquando abbas Pastor abbatem Joseph, dicens: Quid faciam, quando approximant mihi aliquæ tentationes; resisto illis, an permitto intrare? Dicit ei senex: Dimitte intrare, et pugna cum eis. Revertens ergo in Scythi sedebat; et contigit ut veniens quidam a Thebaida in Scythi narraret fratribus, se interrogasse abbatem Joseph: Quando approximat mihi tentatio, resisto ei, an dimitto intrare? et dixerit ei: Omnino non dimittas tentationem in te, sed cito abscinde eam. Audiens autem abbas Pastor, quia sic dixerit huic, qui venerat a Thebaida, abbas Joseph surgens iterum abiit in Panepho ad abbatem Joseph, et dicit ei: Abba, ego tibi commisi cogitationes meas, et tu aliter dixisti mihi, aliter autem fratri de Thebaida. Et dicit ei senex: Scis quia diligo te? Et respondit: Etiam. Nonne tu mihi dixisti, ut sicut mihi ipsi, ita tibi dicerem quod sentirem? Etenim si intraverint tentationes, et dederis atque acceperis cum eis, probatiorem te faciunt; ego autem velut mihi ipsi sic tibi locutus sum: sunt autem aliqui quibus nec approximare expedit passiones, sed statim debent abscindere eas.
Es fragte einstmals der Abt Pastor den Abt Joseph und sagte: Was soll ich thun, wann sich mir eine Versuchung nahet; soll ich ihr widerstehen, oder soll ich sie zulassen? Der Altvater erwiederte: Lasse sie in dich eingehen, und streite mit ihr. Er kehrte also in die Wüste Scythi zurück, und wohnte daselbst. Mittlerweile trug es sich zu, daß ein Bruder von der Thebaide in die Wüste Scythi kam, und zu den Brüdern sagte: Ich habe den Abt Joseph gefragt: Wann sich mir eine Versuchung naht, soll ich ihr widerstehen, oder soll ich mich einlassen? Und er sagte mir, laß keine Versuchung in dich ein, sondern verjage sie auf der Stelle. Als der Abt Pastor gehört, daß der Abt Joseph so zu dem Bruder, der von der Thebaide gekommen, gesprochen hätte, machte er sich auf, und ging wieder nach Panepho zum Abte Joseph und sprach zu ihm: Vater! ich habe dir meine Gedanken anvertraut, und du hast anders zu mir, als zu dem Bruder von der Thebaide gesprochen. Der Altvater entgegnete ihm: Weißt du, daß ich dich liebe? Und er antwortete: Ja! Hast du nicht zu mir gesagt, daß ich dir wie mir rathen, und meine Meinung sagen sollte? Wenn die Versuchungen in dich eingehen, und du ihnen Raum giebst, allein dagegen kämpfest, so machen sie dich bewährter; ich habe aber zu dir, wie zu mir, gesprochen. Es giebt aber Einige, denen sich die Leidenschaft nicht nahen darf; diese müssen sie auf der Stelle unterdrücken.
Item dixit abbas Pastor: Veni aliquando in Heracleo inferiore ad abbatem Joseph, et habebat in monasterio suo arborem sycomorum pulchram nimis; et dicebat mihi a mane: Vade, et collige tibi, et manduca. Erat autem sexta feria. Ego autem non comedi propter jejunium; et rogavi eum dicens: Dic mihi propter Dominum rationem hujus rei, quia dicebas mihi: Vade, manduca. Ego quidem propter jejunium non abii, sed erubescebam, quia mandatum tuum non feceram, cogitans quia sine ratione mihi hæc non præceperas. Ille autem respondit: Patres seniores non loquuntur ab initio fratribus recta, sed magis distorta; et si viderint quia ea quæ torta sunt faciunt, jam eis non loquuntur nisi quæ expediunt, agnoscentes quoniam in omnibus obedientes sunt.
Der Abt Pastor sagte auch: Ich kam einstmals nach Unterheraklia zum Abte Joseph, der in seinem Kloster einen sehr schönen Feigenbaum hatte; er sagte am Morgen zu mir: Gehe hinaus, brich dir Feigen ab, und iß sie. Es war aber Freitag. Ich aß sie des Fasttages wegen nicht, sondern bat ihn, und sprach: Sag mir um Gotteswillen die Ursache, warum sprachst du zu mir: Geh hin und iß? Ich ging zwar des Fasttages wegen nicht hin, allein ich schämte mich doch deinen Befehl nicht vollzogen zu haben, indem ich bei mir selbst erwog, daß du mir ohne Grund dieses nicht befohlen hättest. Er gab zur Antwort: Die Altväter tragen vom Anfange den Brüdern nicht immer richtige, sondern auch ungereimte Dinge auf. Sehen sie nun, daß sie das Verkehrte verrichten, so befehlen sie ihnen nur, was ihnen nützlich ist, weil sie einsehen, daß sie in allen Stücken gehorsam sind.
Frater interrogavit abbatem Joseph, dicens: Quid faciam, quia nec molestiam ferre possum, nec laborare, et dare eleemosynam? Et dicit ei senex: Si non potes horum nihil facere, vel serva conscientiam tuam ab omni malo proximi tui, et ita salvus eris; Deus autem animam sine peccato quærit.
Ein Bruder fragte den Abt Joseph und sprach: Was soll ich thun, ich kann weder etwas leiden, noch arbeiten, noch Almosen geben? Der Abt erwiederte ihm: Wenn du dieses nicht thun kannst, so bewahre wenigstens dein Gewissen vor jeder Sünde deines Nächsten; so wirst du selig werden, denn der Herr sucht eine Seele, die ohne Sünde ist.
Dixit abbas Isaac Thebæus fratribus suis: Pueros hic non adducatis, quia propter pueros in Scythi quatuor ecclesiæ eremus factæ sunt.
Der Abt Isaak, ein Thebäer, sagte zu seinen Brüdern: Bringet mir keine Knaben mehr hieher, denn dieser wegen sind in der Wüste Scythi vier Kirchen zu Grunde gegangen.
Interrogavit abbas Longinus abbatem Lucium, dicens: Habeo tres cogitationes: unam ut ad peregrinationem vadam. Et respondit ei senex: Si non tenueris linguam tuam ubicunque perrexeris, non eris peregrinus. Sed refrena hic linguam tuam, et eris etiam hic peregrinus. Et dixit ei abbas Longinus: Alia cogitatio mea est, ut jejunem biduanas levando. Et respondit ei abbas Lucius: Isaias propheta dixit: Si curvaveris velut circulum cervicem tuam, nec sic erit acceptum jejunium tuum; sed magis contine mentem tuam a cogitationibus malis. Et dixit abbas Longinus: Tertium est dispositum meum, ut declinem hominum aspectus. Et respondit ei abbas Lucius: Nisi prius correxeris vitam tuam inter alios conversando, neque solus habitans corrigere te prævalebis.
Der Abt Longinus fragte den Abt Lucius und sprach: Mich bedrängen drei Gedanken: Der Eine treibt mich an, in die Fremde zu gehen. Der Altvater erwiederte ihm: Wenn du deine Zunge nicht bezähmst, so wirst du nirgends fremd seyn, wo du immer hingehen magst. Allein bezähme hier deine Zunge, so wirst du auch hier ein Fremdling seyn. Der Abt Longinus sprach ferner: Mein anderer Gedanke, der mich bedrängt, ist, daß ich fasten und erst nach zwei Tagen essen sollte. Der Abt Lucius antwortete ihm hierauf: Isaias der Prophet sprach: Wenn du auch bis zur Erde deinen Nacken beugest, so wird auch so dein Fasten Gott nicht angenehm seyn; sondern halte vielmehr deinen Geist von bösen Gedanken ferne. Der Abt Longinus sprach wieder: Das Dritte, was ich möchte, ist, allen Menschen aus den Augen zu gehen. Der Abt Lucius erwiederte ihm: Wenn du nicht zuvor, da du unter Andern lebest, dein Leben besserst, so wirst du auch nicht im Stande seyn, dich zu bessern, wenn du allein wohnest.
Dixit abbas Macarius: Si recordamur mala quæ inferuntur nobis ab hominibus, amputamus menti nostræ virtutem recordandi Deum; si autem recordamur malorum quæ dæmones excitant, erimus imperforabiles.
Der Abt Macarius pflegte zu sagen: Wenn wir uns an die Uebel erinnern, die uns die Menschen zufügen, so benehmen wir unserm Geiste die Kraft, sich an Gott zu erinnern; erinnern wir uns aber der Uebel, die uns die Dämonen erwecken, so werden wir unüberwindlich seyn.
Dixit abbas Mathois: Nescit Satanas qua passione seducatur anima, et ideo seminat quidem in ea ziziniam suam, sed metere nescit: spargit aliquando semina fornicationum, aliquando detractionum, et cæterarum similiter passionum; et in qua passione viderit animam declinantem, hanc ei ministrat: nam si sciret ad quid proclivis est anima, non ei diversa vel varia seminaret.
Der Abt Mathois sagte: der Satan weiß nicht, durch welche Leidenschaft eine Seele verführt werde; deßhalb säet er zwar in ihr sein Unkraut aus, weiß aber nicht zu ernten. Bisweilen säet er den Samen der Unkeuschheit, ein anderes Mal streuet er den Samen der Ehrabschneidung, und eben so der übrigen Leidenschaften aus. Zu welcher Leidenschaft er nun eine Seele geneigt sieht, zu dieser versucht er sie; wenn er wüßte, zu was eine Seele geneigt ist, so würde er nicht so verschiedene Samen in ihr aussäen.
Narraverunt de abbate Nathyra, qui fuit discipulus abbatis Silvani, quia cum sederet in cella sua in monte Sina, mediocriter gubernavit vitam suam de his quæ erant necessaria corpori. Quando autem factus est episcopus in Pharan, multum coartabat animam suam in duritia continentiæ. Et dicit ei discipulus suus: Abba, quando eramus in eremo non te ita cruciabas. Et dicit ei senex: Fili, illic solitudo erat, et quies, et paupertas, propterea volebam gubernare corpus meum, ne infirmarer, et quærerem quod non habebam: nunc autem hic sæculum est, et occasiones sunt excedendi plurimæ; et si in infirmitatem incurrero, sunt hic qui succurrant, ne propositum monachi perdam.
Man erzählte von dem Abte Nathyra, der ein Jünger des Abtes Silvan war, daß er, als er auf dem Berge Sina noch in seiner Zelle wohnte, eben kein so strenges Leben führte, sondern seinen Leib mit den nothwendigen Bedürfnissen versah. Als er aber Bischof geworden in Pharon, da lebte er weit strenger und tödtete sich ab durch Werke der Enthaltsamkeit. Deßhalb sprach sein Jünger zu ihm: Vater! als wir noch in der Wüste waren, da hast du dich nicht so sehr gekreuziget. Der Greis erwiederte ihm: Mein Sohn! dort lebten wir in der Einsamkeit, Ruhe und Armuth; deßhalb wollte ich meinen Leib nicht so hart halten, um nicht krank zu werden, und genöthiget zu seyn, Dinge zu suchen, die ich nicht haben konnte. Jetzt aber leben wir hier in der Welt, und es bieten sich viele Anlässe zu Ausschweifungen dar. Sollte ich in eine Krankheit fallen, so giebt es hier viele, die mir zu Hilfe eilen. Ich führe auch deßhalb ein so strenges Leben, um nicht die ehemalige Ordnung des Mönches zu verlieren.
Frater interrogavit abbatem Pastorem, dicens: Perturbatio mihi fit, et volo derelinquere locum istum. Et dicit ei senex: Pro qua causa? Et ille dixit: Quia audio verba de quodam fratre, quæ me non ædificant. Et dicit ei senex: Non sunt vera quæ audisti? Et dixit ei: Etiam, Pater, vera sunt: nam frater qui dixit mihi, fidelis est. Et respondens dixit: Non est fidelis qui tibi dixit; nam si esset fidelis, nequaquam diceret tibi talia: Deus autem audiens vocem Sodomorum, non credidit, nisi descenderet et videret oculis suis. Et ille dixit: Et ego vidi oculis meis. Hæc audiens senex, respexit in terram, et tenuit parvam festucam, et dicit ei: Quid est hoc? Et ille respondit: Festuca est. Iterum intendit senex ad tectum cellæ, et dicit ei: Quid est hoc? Et ille respondit: Trabes est, quæ portat tectum. Et dixit ei senex: Pone in corde tuo quia peccata tua sic sunt sicut trabes hæc; illius autem fratris de quo loqueris, velut hæc parva festuca. Audiens autem abbas Sisois hunc sermonem, admiratus est, et dixit: In quo te beatum faciam, abbas Pastor? Verumtamen velut pretiosus lapis, ita verba tua gratia et gloria plena sunt.
Ein Bruder fragte den Abt Pastor und sagte: Ich werde so verwirrt hier, deßhalb will ich diesen Ort verlassen. Der Altvater erwiederte ihm: Warum denn? Er antwortete: Weil ich von einem Bruder Worte höre, die mich nicht erbauen. Der Altvater entgegnete ihm: Es ist vielleicht nicht wahr, was du gehört hast? Er antwortete: Ja, Vater, es ist wahr; denn der Bruder, der es mir gesagt hat, ist ein glaubwürdiger Mann. Der Altvater antwortete und sprach: Der dir dieses gesagt hat, ist nicht glaubwürdig; denn wenn er so glaubwürdig und rechtschaffen wäre, so würde er nicht solche Dinge dir sagen. Als Gott die Stimme der Sodomiten gehört, glaubte er es nicht, bis er nicht selbst herabgestiegen, und es mit eigenen Augen gesehen hatte. Jener erwiederte: Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Als der Altvater dieses gehört, sah er auf die Erde nieder, nahm einen kleinen Splitter in die Hand und sprach zu ihm: Was ist das? Er antwortete: Ein Splitter. Ferner schaute der Altvater zum Dache der Zelle auf, und sagte zu dem Bruder: Was ist das? Jener antwortete: Es ist ein Balken, der das Dach trägt. Der Altvater sagte ferner zu ihm: Erwäge in deinem Herzen: deine Sünden sind wie dieser Balken; die Sünden jenes Bruders aber, von denen du redest, sind wie dieser Splitter hier. Als der Abt Sisois diese Rede gehört hatte, wunderte er sich darüber und sprach: Wie soll ich dich selig preisen, o Abt Pastor? Wie ein köstlicher Edelstein sind deine Worte, voll der Gnade und Erhabenheit.
Venerunt aliquando presbyteri regionis illius ad monasteria vicina, in quibus etiam erat et abbas Pastor; et intravit abbas Anub, et dixit ei: Rogemus presbyteros istos hodie accipere hic in charitate dona Dei. Ille autem stans diu non dedit ei responsum; abbas vero Anub contristatus exiit. Dixerunt autem abbati Pastori, qui juxta eum sedebant: Quare non dedisti ei responsum? Et dicit eis abbas Pastor: Ego causam non habeo; jam enim mortuus sum. Mortuus enim non loquitur; non igitur reputetis me, quia hic vobiscum sum.
Es kamen einstmals die umliegenden Priester in die benachbarten Klöster, worin auch der Abt Pastor war. Der Abt Anub ging zum Abte Pastor und sagte: Laßt uns die Priester ersuchen, daß sie heute bei uns in brüderliche Liebe die Gaben Gottes empfangen. Der Abt Pastor stund lange da und gab keine Antwort. Betrübt darüber ging der Abt Anub wieder fort von ihm. Die bei dem Abte Pastor waren, sprachen zu ihm: Warum hast du denn ihm keine Antwort gegeben? Der Abt Pastor erwiederte ihnen: Ich habe keine Ursache gehabt; denn ich bin gestorben; und ein Gestorbener redet nicht mehr. Ihr sollt mich rechnen, als wenn ich nicht mehr bei euch wäre.
Abiit quidam frater aliquando de monasterio abbatis Pastoris in peregre, et applicuit ad quemdam solitarium; erat enim ille habens cum omnibus charitatem, et multi veniebant ad eum. Nuntiavit autem ei frater ille quædam de abbate Pastore: qui audiens virtutem animi ejus, desideravit eum videre. Cum reversus autem fuisset frater ille in Ægypto, post aliquantum tempus surgens supradictus solitarius, venit ut peregrinus in Ægyptum ad eumdem fratrem, qui prius applicuerat apud ipsum, dixerat enim ei ubi maneret. Videns autem ille, miratus est et valde gavisus. Dixit autem ei ille solitarius: Ostende charitatem quam habes in me, et duc me ad abbatem Pastorem. Et tollens eum, duxit ad senem, et nuntiavit ei de eo, dicens: Quidam magnus homo, et multam charitatem habens, et honorem plurimum in provincia sua, venit desiderans videre te. Suscepit ergo eum cum gratulatione senex, et salutantes se invicem resederunt. Cœpit autem loqui peregrinus ille frater de Scripturis sanctis, et de rebus spiritualibus atque cœlestibus; abbas autem Pastor avertit faciem suam, et non dedit ei responsum. Videns autem ille quia non loqueretur ei, contristatus exiit, et dicit fratri illi qui eum adduxerat: In vanum iter istud assumpsi; veni ad senem, et ecce nec loqui mecum dignatur. Intravit autem frater ad abbatem Pastorem, et dicit ei: Abba, propter te venit magnus hic vir, habens tantam gloriam in loco suo, quare non locutus es cum eo? Respondit ei senex: Iste de sursum est, et de cœlestibus loquitur; ergo autem de deorsum sum, et de terrenis loquor; si ergo mihi locutus fuisset de passionibus animæ, ego utique responderem ei; si autem de spiritualibus, ego hæc ignoro. Exiens ergo frater dixit illi: Quia senex non cito de Scripturis loquitur, sed si quis ei loquitur de passionibus animæ, respondet ei. Ille autem compunctus intravit ad senem, et dixit ei: Quid faciam, abba, quia passiones animæ dominantur mei? Et intuens eum senex gaudens, dixit ei: Modo bene venisti; nunc aperiam os meum de his, et implebo illud bonis. Ille autem valde ædificatus dicebat: Vere hæc est via charitatis. Et gratias agens Deo, quia tam sanctum virum videre meruit, reversus est in regionem suam.
Ein Bruder aus dem Kloster des Abtes Pastor verreiste sich einstmals und kam zu einem Einsiedler, der Jedermann große Liebe erzeigte und von Vielen besucht wurde. Der Bruder erzählte dem Einsiedler auch Einiges von dem Abte Pastor. Als dieser von der Tugend und dem Geiste des Abtes gehört hatte, bekam er ein sehnliches Verlangen, ihn zu besuchen. Jener Bruder kehrte hierauf wieder nach Aegypten zurück. Nicht lange darauf machte sich der erwähnte Einsiedler auf den Weg, reiste als Pilger nach Aegypten und kam zu dem nämlichen Bruder, der zuvor bei ihm gewesen; denn er hatte ihm den Ort seiner Wohnung angegeben. Er war sehr erfreut und erstaunt, als er den Einsiedler erblickte. Der Einsiedler aber sprach: Erweise mir die Liebe, die du zu mir hast und führe mich zum Abte Pastor. Er gieng nun mit ihm: führte ihn zum Altvater und meldete den Einsiedler mit diesen Worten an: Es ist ein großer Mann, der Jedermann große Liebe erzeigt, und der in seinem Lande in höchster Achtung steht, angekommen, und hat ein Verlangen dich zu sehen. Der Altvater nahm ihn freundlich auf, und nachdem sie sich gegenseitig gegrüßt, setzten sie sich nieder. Der fremde Bruder fing nun an, von der heiligen Schrift und von geistlichen und himmlischen Sachen zu reden. Der Abt Pastor aber wendete sein Angesicht weg und gab ihm keine Antwort. Als der Bruder sah, daß er nichts mit ihm redete, ging er betrübt wieder von ihm hinweg und sagte zu jenem Bruder, der ihn vorgeführt hatte: Vergebens ist meine weite Reise, umsonst mein Hieherkommen zum Altvater, denn sieh, er würdiget sich nicht mit mir zu reden? Der Bruder ging wieder zum Abte Pastor und sprach zu ihm: Vater, deinethalben ist dieser ansehnliche Mann hieher gekommen, der in seiner Heimath eine so große Ehre genießt, warum redetest du denn nicht mit ihm? Der Altvater antwortete: Dieser ist von oben und redet von himmlischen Dingen; ich aber bin von unten und rede von irdischen Sachen; hätte er mit mir von den Leidenschaften der Seele geredet, so hätte ich ihm geantwortet; redet er aber von geistlichen Dingen, so verstehe ich nichts davon. Der Bruder ging demnach wieder hinaus und sagte zum Einsiedler: Der Altvater redet nicht leicht von der Schrift, sondern gibt nur Antwort, wenn Jemand von den Leidenschaften der Seele redet. Gerührt über diese Aeußerung ging der Einsiedler wieder zum Altvater und sprach zu ihm: Was soll ich thun, Vater, die Leidenschaften meiner Seele wollen mich beherrschen? Der Altvater sah ihn nun mit Freuden an und sprach: Jetzt bist mir willkommen; nun will ich meinen Mund über diese Dinge eröffnen und dich mit guten Lehren erfüllen. Jener aber erbaute sich daran sehr und sagte: dieß ist wahrhaft der Weg der Liebe. Er dankte Gott für das Glück, einen so heiligen Mann gesehen zu haben, und kehrte in sein Land zurück.
Frater interrogavit abbatem Pastorem, dicens: Feci peccatum grande, et volo triennio pœnitere. Dixit autem ei abbas Pastor: Multum est. Et dixit ei frater: Jubes annum unum? Et dixit iterum senex: Multum est. Qui autem præsentes erant dicebant: Usque ad quadraginta dies? Senex iterum dixit: Multum est. Et adjecit dicens: Ego puto, quia si ex toto corde homo pænituerit, et non apposuerit facere iterum unde pœnitentiam agat, etiam triduanam pœnitentiam suscipiat Deus.
Ein Bruder fragte den Abt Pastor und sprach: Ich habe eine große Sünde begangen, und will drei Jahre dafür Buße thun. Der Abt Pastor aber erwiederte ihm: Es ist zu viel. Der Bruder aber sprach: Soll ich ein Jahr Buße thun? Hierauf entgegnete ihm der Altvater wiederholt: Es ist zu viel. Die Anwesenden sprachen sodann: Soll er etwa vierzig Tage Buße thun? Der Altvater antwortete wieder: Es ist zu viel, und setzte bei: Ich halte dafür, daß Gott auch eine dreitägige Buße annehme, wenn ein Mensch aus ganzem Herzen seine Sünden bereut, und keine derselben mehr begeht.
Interrogavit eum abbas Ammon de immundis cogitationibus, quas cor hominis generat; et de vanis desideriis. Et dixit ei abbas Pastor: Nunquid gloriabitur securis sine eo qui incidit cum ipsa? Et tu ergo non eis porrigas manus, et otiosæ erunt.
Der Abt Ammon fragte den Abt Pastor über die unreinen Gedanken, die das Herz des Menschen erzeugt, und über die eitlen Begierden. Dieser erwiederte ihm: Wird sich wohl die Art ohne der Beihilfe desjenigen, der mit ihr haut, rühren können? So reiche auch du den unreinen Gedanken keine Hand und sie werden sich ruhig verhalten.
Interrogavit eumdem sermonem abbas Isaias. Dicit abbas Pastor: Sicut capsa plena vestibus, si dimissa fuerit tempore longo, putrefiunt vestes in ea, ita sunt et cogitationes in corde nostro; si non fecerimus ea corporaliter, tempore longo exterminabuntur et putrefient.
Der Abt Isaias fragte den Abt Pastor über denselben Gegenstand. Der Abt Pastor erwiederte: Wie die Kleider in einer Kiste, die damit angefüllt ist, verfaulen, wenn man sie lange Zeit uneröffnet darin liegen läßt; so geht es auch den bösen Gedanken in unserem Herzen; wenn wir sie nicht durch die That in Erfüllung bringen, so werden sie durch die Länge der Zeit geschwächt, und vernichtet.
Interrogavit abbas Joseph de eadem re; et dixit abbas Pastor: Sicut quis claudens serpentem vel scorpionem in vase, et obturat eum, procedente tempore omnino moritur; ita malignæ cogitationes, quæ studio dæmonum pullulant, patientia ejus cui immittuntur paulatim deficiunt.
Der Abt Joseph fragte den Abt Pastor über die nämliche Sache, und erhielt von ihm diese Antwort: So wie eine Schlange oder ein Skorpion, wenn man ihn in ein Gefäß verschließt, und dieses verstopft, in Folge der Zeit dem Tode preis gegeben wird; so werden auch die bösen Gedanken, die durch Hilfe der Dämonen entspringen, durch die Geduld desjenigen, dem sie eingegeben werden, nach und nach alle Kraft verlieren.
Interrogavit abbas Joseph abbatem Pastorem, dicens: Quomodo opus est jejunare? Et dixit abbas Pastor: Ego volo ut quotidie manducans subinde paululum subtrahat sibi, ne satietur. Dicit ei abbas Joseph: Ergo quando eras juvenis, non jejunabas biduanas levando? Et dixit ei senex: Crede mihi, quia et triduanas, et hebdomadam; sed et hæc omnia probaverunt senes magni; et invenerunt quia bonum est quotidie manducare, per singulos dies parum minus; et ostenderunt nobis viam hanc regalem, quia levior est et facilis.
Der Abt Joseph fragte den Abt Pastor und sprach: Wie soll man fasten? Und der Abt Pastor erwiederte: Ich glaube, man soll täglich etwas essen, und sich einen Abbruch thun, um nie satt zu werden. Der Abt Joseph entgegnete ihm aber: Fastetest du nicht, als du noch ein Jüngling warest, zwei Tage nach einander, ohne etwas zu essen? Und der Altvater antwortete: Glaube mir, ich habe auch drei Tage und eine ganze Woche gefastet; alles dieses haben auch große Einsiedler geprüft, und haben als bewährt gefunden, daß es gut sey, täglich etwas zu essen, und zwar alle Tage etwas weniger, und sie haben uns gezeigt, daß dieses der königliche Weg sei, weil er leicht und thunlich ist.
Dixit abbas Pastor: Non habites in loco ubi vides aliquos habentes adversum te zelum, quia ibi non proficies.
Der Abt Pastor sagte: Wohne nicht an dem Orte, wo du siehst, daß Einige wider dich erbittert sind, denn da wirst du keine Fortschritte machen.
Frater venit ad abbatem Pastorem, et dicit ei: Semino agrum meum, et facio ex ipso agapem. Dicit ei senex: Bonum opus facis. Et discessit cum proposito animi, et adjiciebat ad agapem quam faciebat. Hoc autem audiens abbas Anub, dixit abbati Pastori: Non times Deum, quia sic locutus es fratri illi? Et tacuit senex. Post duos autem dies misit abbas Pastor ad fratrem illum, et vocavit eum ad se, et dixit ei, audiente abbate Anub: Quid me interrogasti illa die? quia mens mea alibi erat. Et dixit ei frater: Hoc dixi, quia semino agrum meum, et de hoc quod colligo, ex ipso facio agapem. Et dixit ei abbas Pastor: Putavi quia de fratre tuo illo, qui laicus est, diceres; si autem tu facis hæc, non est opus monachi. Ille autem contristatus est audiens, et dixit: Aliud opus non facio nec scio, nisi hoc; et non possum seminare agrum meum? Cum autem discessisset, cœpit abbas Anub pœnitentiam agere apud abbatem Pastorem, dicens: Ignosce mihi. Dixit ei abbas Pastor: Ecce ab initio sciebam, quia non est opus monachi, sed secundum animum ejus locutus sum ei, et excitavi animum ejus ad profectum charitatis; nunc autem abiit tristis, et tamen istud opus facit.
Ein Bruder kam zum Abte Pastor und sagte zu ihm: Ich bearbeite und besäe meinen Acker, und gebe davon Almosen. Der Altvater erwiederte ihm: Du thust ein gutes Werk. In seinem Vorhaben gestärkt ging sodann der Bruder wieder fort, und fuhr fort, sein früheres Almosen noch mehr zu vermehren. Als aber dieses der Abt Anub gehört hatte, sagte er zum Abte Pastor: Du fürchtest ja Gott nicht, weil du so mit jenem Bruder gesprochen? Der Altvater schwieg. Nach zwei Tagen aber schickte der Abt Pastor zu jenem Bruder hin, ließ ihn zu sich rufen, und sprach zu ihm in Gegenwart des Abtes Anub: Um was hast du mich jenes Tages gefragt? Denn dort waren meine Gedanken anders wo. Der Bruder erwiederte: Ich habe so gesprochen: Ich besäe meinen Acker und gebe Almosen von Dem, was ich ernte. Der Abt Pastor erwiederte ihm: Ich glaubte, du redetest von deinem Bruder, der ein Laie ist; wenn du dieses thust, so ist dieses kein Werk eines Mönches. Jener ward hierauf traurig, als er diese Rede vernommen, und sagte: Ich kann und verstehe keine andere Arbeit als diese; und soll ich denn meinen Acker nicht besäen? Als er fortgegangen, fing der Abt Anub sich bei dem Abte Pastor zu entschuldigen an mit diesen Worten: Vater, verzeihe mir. Der Abt Pastor sprach sodann: Sieh, ich wußte vom Anfange an, daß dieses kein Werk eines Mönches ist, sondern nur nach seiner Gesinnung habe ich zu ihm dieses gesagt, und habe seinen Geist ermuntert in den Werken der Liebe fortzufahren; nun aber ist er traurig fortgegangen, und thut doch dasselbe Werk.
Frater quidam interrogavit abbatem Pastorem, dicens: Quid est illud quod scriptum est: Qui irascitur fratri suo sine causa? Et ille respondit: Ex omni re qua te gravare voluerit frater tuus, si irasceris adversus eum, donec oculum tuum dexterum ejicias, et a te projicias, sine causa irasceris ei; si autem aliquis voluerit te separare a Deo, pro hoc irascere.
Ein Bruder fragte den Abt Pastor und sprach: Wie sind jene Worte der Schrift zu verstehen: Wer über seinen Bruder zürnt ohne Ursache? Jener gab zur Antwort: In jeder Sache, wodurch dich dein Bruder beleidigen will, und sollte es auch so weit kommen, daß du dein rechtes Aug ausreißen und von dir werfen solltest, zürnest du ohne Ursache über ihn; will dich aber Jemand von Gott trennen, darüber darfst du zürnen.
Dixit abbas Pastor: Si peccaverit homo et non negaverit, dicens, Peccavi; non increpes eum, quia frangis propositum animi ejus. Si autem dixeris: Non contristeris, frater, sed observa de cætero, excitas animum ejus ad pœnitentiam.
Der Abt Pastor pflegte zu sagen: Wenn Jemand gesündiget hat, und es nicht läugnet, sondern spricht: Ich habe gesündiget; so schilt ihn nicht aus, weil du sonst den Vorsatz seines Geistes niederschlägst. Wenn du aber sagst: Betrübe dich nicht, Bruder, sondern nimm dich in Zukunft in Acht, so munterst du seinen Geist zur Buße auf.
Dixit iterum qui supra: Bonum est experimentum. Experimento enim homines probatiores sunt.
Derselbe Abt pflegte auch zu sagen: Die Erfahrung ist gut, denn durch die Erfahrung werden die Menschen bewährter.
Item dixit qui supra: Si quis docet aliquid et non facit quod docet, similis est puteo qui omnes ad se venientes satiat et delet sordes, seipsum autem purgare non potest; sed omnis spurcitia et immunditia in eo est.
Derselbe Abt pflegte auch zu sagen: Wer etwas lehrt, und das nicht thut, was er lehrt, der ist einem Brunnen ähnlich, welcher allen, die zu ihm kommen, den Durst stillt, und sie vom Schmutze säubert, sich selbst aber nicht reinigen kann, sondern inwendig voll Unreinigkeit und Schmutz ist.
Dixit iterum ipse: Est homo qui seipsum agnoscit. Dixit iterum: Quia est homo qui videtur ore tacere, cor autem ejus condemnat alios; hic ergo sine cessatione loquitur. Est et alius a mane usque ad vesperam loquens, et taciturnitatem tenet; hoc autem ideo dixit, quia nunquam sine audientium utilitate locutus est.
Er pflegte auch zu sagen: Es gibt Menschen, die sich selbst erkennen. Wiederum sagte er: Es gibt Leute, die mit dem Munde zu schweigen scheinen, allein ihr Herz verdammt Andere; diese reden unaufhörlich. Ein Anderer, der vom Morgen bis zum Abend redet, hält doch das Stillschweigen. Er sagte aber dieses deßhalb, weil seine Rede nie ohne Nutzen für die Zuhörer war.
Iterum dixit: Quia si sunt tres in unum, ex quibus unus bene quiescat, alius infirmetur et gratias agat, tertius vero ministret eis ex sincera voluntate, hi tres similes sunt, velut etiam si unius sint operis.
Wiederum sagte er: Wenn drei Menschen beisammen wohnen, und der Eine von ihnen ein ruhiges Herz hat, der Andere krank ist, und dafür Dank saget, der Dritte ihnen aber dient aus aufrichtigem Willen, so sind diese drei den Verdiensten nach gleich, als wenn sie ein und dasselbe Werk verrichteten.
Iterum dixit: Malitia nequaquam expellit malitiam; sed si quis tibi male facit, tu bene fac ei, ut per bonum opus tuum destruas malitiam ipsius.
Noch ein anderer Ausspruch von ihm ist dieser: Bosheit läßt sich mit Bosheit nicht vertreiben; sondern wenn dir Jemand Böses anthut, so thue du ihm Gutes, um durch dein gutes Werk seine Bosheit zu vernichten.
Dixit iterum: Qui querulosus est, monachus non est; qui malum pro malo reddit, monachus non est; qui iracundus est, monachus non est.
Wiederum sprach er: Wer sich gern beklagt, ist kein Mönch; wer Böses mit Bösem vergilt, ist kein Mönch; wer jähzornig ist, ist kein Mönch.
Frater venit ad abbatem Pastorem, et dicit ei: Multæ cogitationes veniunt in anima mea, et periclitor in eis. Et ejecit eum senex sub aere nudo, et dicit ei: Expande sinum tuum et apprehende ventum. Et ille respondit: Non possum hoc facere. Et dicit ei senex: Si hoc non potes facere, nec cogitationes prohibere potes ne introeant, sed tuum est eis resistere.
Ein Bruder kam zum Abte Pastor und sprach: Es fallen mir so viele böse Gedanken ein, und bringen mich in Gefahr. Der Altvater führte ihn sodann in die freie Luft hinaus, und sagte zu ihm: Breite deine Kleider aus, und fange den Wind auf. Jener antwortete: Das kann ich nicht thun. Der Altvater entgegnete ihm hierauf: So wie du dieses nicht thun kannst, so kannst du auch den bösen Gedanken den Eingang in deine Seele nicht verwehren, sondern thue nur, was du kannst und deine Pflicht von dir fordert, nämlich: Leiste ihnen Widerstand.
Frater quidam interrogavit eum dicens: Dimissa est mihi omnis hæreditas, quid facio ex ea? Et dicit ei abbas Pastor: Vade, et post tres dies veni, et dico tibi. Venit autem sicut præfinivit, et dicit ei senex: Quid tibi habeo dicere, frater? Si dixero, Da eam in ecclesiam, clerici sibi facient convivia ex ea; si autem dixero, Da eam parentibus tuis, non est tibi merces; si vero dicam, Da pauperibus, securus eris. Quidquid ergo vis, vade, fac, ego causas non habeo.
Ein Bruder fragte denselben Abt: Mir ist eine ganze Erbschaft zugefallen, was soll ich thun damit? Der Abt Pastor erwiederte ihm: Gehe fort, und komme nach drei Tagen wieder, dann werde ich es dir sagen. Als er zur bestimmten Zeit wieder gekommen, sagte der Altvater zu ihm: Was soll ich dir sagen, Bruder? Sage ich, gib sie der Kirche, so werden die Geistlichen Gastmäler davon halten; sage ich aber, gib sie deinen Anverwandten, so hast du keinen Lohn davon; sage ich aber, gib sie den Armen, so wirst du am sichersten seyn. Gehe hin und thue was du immer willst; denn ich will mit solchen Dingen nichts zu thun haben.
Dixit iterum abbas Pastor: Si venerit tibi cogitatio de rebus corpori necessariis, et delegaveris semel; et iterum venerit, et delegaveris, quid fiat? jam tertio si venerit, non intendas ei, otiosa est enim.
Der Pastor sprach auch dieses: Wenn dir ein Gedanke einfällt an die Bedürfnisse deines Leibes, und du ihn fortgeschafft, und wieder fortgeschafft, wann er dir nochmal eingefallen, was hast du nun zu thun, wenn er zum dritten Male kömmt? Gib auf ihn nicht Acht, denn er ist ein müssiger.
Frater quidam dixit abbati Pastori: Si video rem aliquam, vis ut dicam illam? Dicit ei senex: Scriptum est: Qui responderit verbum antequam audiat, stultitia ei et opprobrium est. Si ergo interrogatus fueris, dic; sin alias, tace.
Ein Bruder sagte zu dem Abte Pastor: Wenn ich eine Sache sehe, soll ich sie Andern erzählen? Der Altvater erwiederte: Es steht geschrieben, es ist thöricht und schimpflich zu antworten, ehe man etwas gehört hat. Wenn man dich also fragt, so antworte; fragt man dich aber nicht, so schweige.
Dixit iterum abbas Pastor, quia dixerat abbas Ammon: Est homo qui portat toto tempore vitæ suæ securim, et non potest dejicere arborem; est autem alter habens usum incidendi, et in paucis plagis dejicit arborem. Dicebat autem securim discretionem esse.
Wiederum sagte der Abt Pastor, der Abt Ammon habe erzählt: Es gibt Menschen, die die ganze Zeit ihres Lebens eine Art bei sich tragen, und doch keinen Baum fällen können. Andere jedoch giebt es, die eine Uebung im Fällen haben, und mit wenig Streichen den Baum umhauen. Er sagte aber, die Art sey die Bescheidenheit.
Iterum dixit: Voluntas hominis murus est æreus, et lapis percutiens inter ipsum et Deum. Si ergo reliquerit hæc, dic ei et ipse, quod in psalmo scriptum est: In Deo meo transgrediar murum; et: Deus meus, impolluta via ejus. Si enim justitia subvenerit voluntati, laborat homo.
Derselbe Abt pflegte auch zu sagen: Der menschliche Wille ist eine Mauer von Erz, und ein schlagender Stein zwischen Gott und den Menschen. Verläßt der Mensch demnach seinen Willen, so läßt sich auch von ihm sagen, was im 17. Psalm geschrieben steht: In meinem Gott werde ich die Mauer überspringen. Der Weg meines Gottes ist unbefleckt, denn wenn die Gerechtigkeit dem menschlichen Willen zu Hilfe kömmt, so geht des Menschen Arbeit von statten.
Frater interrogavit abbatem Pastorem, dicens: Damnum animæ meæ patior, quod sum cum abbate meo. Quid ergo jubes? Maneo adhuc apud ipsum? Et sciebat abbas Pastor, quia læderetur anima ejus per abbatem suum, et admirabatur quare vel interrogabat eum, si manere deberet cum illo. Et dixit ei: Si vis, esto. Et discedens, mansit apud eum. Venit autem iterum dicens abbati Pastori: Gravo animam meam. Et non dixit ei abbas Pastor: Discede ab eo. Venit tertio, et dixit: Crede mihi, jam non ero cum eo. Et dicit ei senex: Ecce modo salvatus es, vade, et non sis ultra cum eo. Dixit enim abbas Pastor eidem: Homo qui vidit damnum pati animam suam, non opus habet interrogare. Etenim de occultis cogitationibus interrogat quis, ut seniores probare possint; de manifestis autem peccatis est opus interrogare, sed statim abscindere.
Ein Bruder fragte den Abt Pastor und sprach: Ich leide an meiner Seele Schaden, daß ich bei meinem Abte bin, was soll ich nun thun; soll ich noch ferner bei ihm bleiben? Der Abt Pastor wußte, daß seine Seele durch den Abt verletzt würde. Er wunderte sich also darüber, daß er ihn auch noch fragen mochte, ob er bei ihm bleiben sollte? Deßhalb sprach er zu ihm: Wenn du willst, so bleib. Derselbe ging nun fort, und blieb wieder bei ihm. Er kam aber bald wieder und sagte zum Abte Pastor: Ich beschwere meine Seele durch das Bleiben. Der Abt Pastor sagte ihm aber nicht: Gehe fort von ihm. Derselbe kam zum dritten Male und sagte: Glaube mir, ich werde nun nicht mehr bei ihm bleiben. Der Altvater erwiederte ihm: Sieh, jetzt hast du deine Seele gerettet, gehe nun fort, und bleibe nicht ferner mehr bei ihm. Ein Mensch, sprach der Abt Pastor zu ihm, der sieht, daß seine Seele Schaden leidet, braucht nicht zu fragen. Ueber heimliche Gedanken mag Jemand ältere Männer befragen, damit sie dieselben prüfen; über offenbare Sünden braucht man nicht zu fragen, sondern hier soll man sich auf der Stelle derselben entschlagen, und dieselben verlassen.
Interrogavit abbas Abraham, qui erat abbatis Agathonis discipulus, abbatem Pastorem, dicens: Quare me sic dæmones impugnant? Et dicit ei abbas Pastor: Te impugnant dæmones? Non pugnant nobiscum dæmones, quando voluntates nostras facimus; quia voluntates nostræ dæmones factæ sunt, et hæ sunt quæ tribulant nos ut faciamus eas. Si autem vis scire quales sunt cum quibus dæmones pugnant; cum Moyse et similibus ejus.
Der Abt Abraham, der ein Schüler des Abtes Agathon war, fragte den Abt Pastor und sprach: Warum bekämpfen denn mich die Teufel so stark? Und der Abt erwiederte ihm: Wie? die Teufel bekämpfen dich? Die Teufel streiten nicht mit uns, wenn wir unsern eignen Willen thun; unser eigene Wille ist ein Teufel geworden; und dieser ist es, der uns plaget, ihm zu folgen. Willst du aber wissen, wer diejenigen sind, mit welchen die Teufel streiten, so höre: mit Moses und seines Gleichen streiten sie.
Dixit abbas Pastor, quia frater quidam interrogaverit abbatem Moysem, dicens: Qualis homo mortificat se? homo a proximo suo? Et respondit ei: Nisi posuerit homo in corde suo quia triennium habet in sepultura, non attingit ad hoc verbum.
Der Abt Pastor erzählte: Ein Bruder fragte den Abt Moses und sprach: Welcher Mensch tödtet sich ab, und vergreift sich an seinen Nebenmenschen nicht? Er erhielt zur Antwort: Wenn Jemand nicht in seiner Seele die Erwägung und Betrachtung nährt, daß er schon drei Jahre im Grabe liege, der gelangt zu dieser Tugend nicht.
Frater interrogavit abbatem Pastorem, dicens: Quomodo oportet monachum sedere in cella? Et dixit ei senex: Sedere in cella, quantum ad id quod in manifesto est, hoc est, ut faciat opus manuum, et semel comedat, et taceat, et meditetur; occulte enim proficere in cella, hoc est, ut portet unusquisque opprobrium suum in omni loco quocunque perrexerit, et ut ministerii horas custodiat, et de occultis non negligat. Si autem contigerit tempus ut vacet ab opere manuum, intret ad ministerium operis Dei, et id sine aliqua perturbatione consummet. Finis autem horum est ut comitatum simul conversantium bonorum teneas, et revoceris a malorum comitatu.
Ein Bruder fragte den Abt Pastor und sprach: Wie soll sich ein Mönch in seiner Zelle verhalten? Er erhielt vom Altvater diese Antwort: Was das öffentliche Leben eines Mönches in seiner Zelle betrifft, so besteht dieses darin, daß er eine Handarbeit verrichte, nur einmal des Tages esse, schweige und Betrachtungen mache. Sein geheimes Leben in der Zelle betreffend, wird er darin im Geiste zunehmen, wenn er an allen Orten, wo er immer sich hinbegibt, die Schmach erträgt, die Stunden des Gottesdienstes einhält, und die verborgenen Fehler nicht übersieht. Sollte ihm eine Zeit übrig bleiben von der Handarbeit, so verwende er sie zum Dienste Gottes, jedoch ohne Verwirrung. Endlich begebe er sich in gute Gesellschaft, und fliehe den Umgang mit bösen Menschen.
Venerunt aliquando duo fratres ad abbatem Pampo, et interrogavit unus ex eis, dicens: Abba, ego biduo jejuno, et duos paximates manduco; putas salvo animam meam, an seducor? Et alter dixit: Ego colligo de opere manuum mearum duas siliquas diurnas, et parum ex eis retineo ad victum, aliud autem expendo in eleemosynam: putas salvus ero, an seducor? Et cum plurimum rogarent eum, ille non respondebat eis. Post quatuor autem dies cum discessuri essent, rogabant eos clerici, dicentes: Nolite tristari, fratres, Deus vobis præstabit mercedem; sic est enim consuetudo hujus senis, non cito loquitur, nisi Deus ei dederit quod dicat. Intraverunt ergo ad senem, et dixerunt ei: Abba, ora pro nobis. Et ille dixit eis: Ambulare vultis? Et dixerunt: Etiam. Et intuens eos, in semetipso accipiens opera eorum, scribebat in terram, et dicebat: Pambo biduo jejunat, et duos paximates manducat; putas in hoc est monachus? Non. Iterum dicebat: Et Pambo laborat in die duas siliquas, et dat eas in eleemosynam; putas in hoc est monachus? Necdum. Et paululum reticens, dixit ad eos: Bonum quidem operaris, sed si custodias conscientiam tuam cum proximo tuo, ita salvaberis. In his ergo sic ædificati fratres, cum gaudio discesserunt.
Es kamen einstmals zwei Brüder zum Abte Pambo. Einer davon fragte ihn und sprach: Vater, ich faste zwei Tage nach einander, und esse dann zwei Laib Brod; meinst du, daß ich selig werde, oder bin ich auf dem Wege der Verführung? Der andere sprach: Ich gewinne mir durch meine Handarbeit täglich zwei Stück Geld, und behalte mir nur etwas Weniges davon für meine Nahrung, das andere verwende ich zum Almosen; meinst du, ich werde selig werden, oder bin ich irrig daran? Er gab ihnen keine Antwort, obgleich sie ihn sehr oft fragten. Nach vier Tagen aber, als sich diese Brüder anschickten, wieder fortzugehen, trösteten sie die Geistlichen und sagten: Brüder, betrübet euch nicht, Gott wird euch den Lohn geben; denn dieser Altvater hat es so im Brauche, er spricht nicht leicht schnell etwas, ausgenommen Gott hat ihm das eingegeben, was er sagen sollte. Sie gingen demnach zum Altvater hinein und sagten zu ihm: Vater, bete für uns! Er gab ihnen zur Antwort: Wollt ihr schon fortgehen? Sie sagten: Ja. Er sah sie an, und erwog ihre Werke bei sich selbst, schrieb auf die Erde hin und sprach: Pambo fastet zwei Tage in einander, und ißt zwei Laiblein Brodes; ist er darum schon ein Mönch? Nein. Wiederum sagte er: Pambo erwirbt sich täglich durch Handarbeit zwei Stücke Geldes, und verwendet sie zum Almosen; ist er deßhalb schon ein Mönch? Keineswegs. Hierauf schwieg er eine Weile und sagte dann zu ihnen: Ihr thut zwar ein gutes Werk, allein wenn ihr euer Gewissen gegen den Nächsten bewahret, werdet ihr selig werden. Diese Rede erbaute sie so sehr, daß sie mit Freuden wieder in ihre Heimath zogen.
Frater quidam interrogavit abbatem Pambo, dicens; Quare me prohibent spiritus quidam facere non bona proximis? Dixit ei senex: Non sic loquaris, alioquin Deum mendacem facies; sed dic magis: Omnino misericordiam facere nolo. Præveniens enim Deus dixit: Dedi vobis potestatem calcandi super scorpiones et serpentes, et super omnem virtutem inimici, cur ergo tu immundos spiritus non conculcas?
Ein Bruder fragte den Abt Pambo: warum verhindern mich denn die bösen Geister, dem Nächsten Gutes zu thun? Der Altvater erwiederte: Rede nicht so, sonst dürftest du Gott zum Lügner machen, sondern sag vielmehr: Ich will gar keine Barmherzigkeit erzeigen; denn es hat Gott schon zuvor gesagt: Ich habe euch Macht gegeben, auf Skorpionen und Schlangen zu treten und über alle Gewalt des Feindes zu siegen: warum trittst du also nicht die unreinen Geister mit Füßen?
Dixit abbas Palladius: Oportet animam secundum Christi voluntatem conversantem, aut discere fideliter quæ nescit, aut docere manifeste quæ novit; si autem utrumque, cum possit, non vult, insaniæ morbo laborat. Initium enim recedendi a Deo, fastidium doctrinæ est, et cum non appetit illud quod semper anima esurit quæ diligit Deum.
Der Abt Palladius pflegte zu sagen: Eine Seele, die nach dem Willen Christi leben will, muß entweder getreulich lernen, was sie nicht weiß, oder öffentlich lehren, was sie weiß. Will sie aber Beides, obwohl sie es könnte, nicht in Ausübung bringen, so leidet sie vom Wahnsinne oder Unsinne. Denn an der Unterweisung einen Eckel haben oder nach dem nicht trachten, wornach eine Gott liebende Seele immer mit Sehnsucht verlangt, ist der Anfang unserer Trennung von Gott.
Frater dixit abbati Sisoi: Quare non recedunt a me passiones? Et dicit ei senex: Quia vasa earumdem passionum intra te sunt; sed da eis pignus suum, et discedent.
Ein Bruder sprach zu einem Abt: Warum gehen denn die bösen Neigungen nicht von mir weg? Der Altvater erwiederte ihm: weil die Behältnisse, worin diese Leidenschaften ihren Sitz haben, noch in dir sind; gib ihnen ihr Unterpfand und sie werden weichen.
Venit quidam frater ad abbatem Silvanum in monte Sina, et vidit fratres laborantes, et dixit seni: Nolite operari cibum qui perit; Maria autem optimam partem elegit. Et dicit senex discipulo suo: Voca Zachariam, et mitte fratrem istum in cellam, ubi nihil est. Et cum facta fuisset hora nona, intendebat ad ostium, si mitterent et vocarent eum ad manducandum; et cum nemo loqueretur ei, surgens venit ad senem, et dicit ei: Abba, hodie fratres non comederunt? Et dixit ei senex: Etiam jam comederunt. Et dicit ei frater: Et quare me non vocasti? Et respondit senex: Tu homo spiritalis es, et non indiges hoc cibo; nos autem carnales sumus et volentes manducare, propterea operamur manibus nostris; tu vero bonam partem elegisti, legens tota die, et nolens sumere cibum carnalem. Qui cum hæc audisset, prostravit se ad pœnitentiam, dicens: Ignosce, mi abba. Et dixit senex: Puto opus habet omnino Maria Martham, per Martham enim Maria laudatur.
Einstmals kam ein Bruder zum Abte Silvan auf dem Berge Sina. Als er die Brüder dort arbeiten sah, sagte er zum Altvater: Arbeitet nicht um vergängliche Speise; Maria hat den besten Theil erwählt. Hierauf sagte der Altvater zu einem seiner Schüler: Laß den Zacharias kommen, damit er diesen Bruder in eine Zelle führe, wo nichts darin ist. Um die neunte Stunde horchte der fremde Bruder an der Thüre, ob Niemand abgeschickt würde, ihn zum Essen zu rufen. Da Niemand ihn rief, stund er auf, ging zum Altvater und sprach zu ihm: Vater! haben die Brüder heute nicht gegessen? Der Abt erwiederte: Ja, sie haben gegessen. Der Bruder entgegnete ihm: warum ließest du mich nicht rufen? Die Antwort des Altvaters war: Du bist ganz geistig, himmlisch, und bedarfst dieser Speise nicht; wir aber sind irdisch und verlangen zu essen; deßhalb arbeiten wir mit unsern Händen, du aber hast den besten Theil erwählt, liesest den ganzen Tag und verlangst keine leibliche Speise. Auf diese Worte erkannte er seine Unbescheidenheit, warf sich dem Abte zu Füßen und sprach: Vater, verzeihe mir. Der Altvater erwiederte: Ich glaube, daß die Maria allerdings die Martha nöthig habe; denn die Maria wird in der Vereinigung mit Martha gelobt.
Dixit sancta Syncletica: Qui sensibiles divitias de labore et periculis maris colligunt, quando multa lucrantur, tunc plura desiderant, et quæ habent, velut nihilum reputant; ad ea vero quæ necdum habent omnem intentionem animi tendunt. Nos autem et eorum quæ quærenda sunt, nihil habemus, et nolumus possidere quæ necessaria sunt propter timorem Dei.
Die heilige Syncletika pflegte zu sagen: Die sich um zeitliche Güter abmühen, und den Gefahren des Meeres preisgeben, verlangen, so viel sie auch gewinnen, immer noch mehr, indem sie das, was sie haben, für nichts erachten. Unaufhörlich richten sie ihren Sinn und ihre Gedanken auf das, was sie noch nicht haben. Wir aber haben nichts von dem, wornach Andere so sehr verlangen, und wollen aus Furcht Gottes nicht einmal das Nothwendige besitzen.
Dixit iterum: Est tristitia utilis, et est tristitia quæ corrumpit. Tristitia ergo utilis est, ut pro peccatis ingemiscamus, et pro ignorantia proximorum, et ut non cadamus a proposito, ut perfectionem bonitatis attingamus: hæ sunt species veræ tristitiæ. Est enim et adversarii nostri ad hæc quædam conjunctio. Immittit enim tristitiam sine aliqua ratione, quam tædium appellaverunt. Oportet ergo talem spiritum sæpius orando et psallendo magis depellere.
Ebendieselbe sagte auch: Es gibt eine Traurigkeit, die nützlich ist, und eine andere, die schädlich wird. Es ist eine nützliche Traurigkeit, wenn wir über unsere Sünden weinen und die Blindheit und Unwissenheit des Nächsten beseufzen, und ferner darüber trauern, daß wir unsern Vorsätzen nicht untreu werden und im Guten es zur Vollkommenheit bringen möchten. Dieß ist die Gestalt der wahren Traurigkeit. Allein hier kann sich auch der böse Feind einmischen. Denn er gibt eine unvernünftige Traurigkeit ein, die man Ueberdruß nennt. Einen solchen bösen Geist kann man nicht selten durch nichts mehr als durch Beten und Psalmensingen vertreiben.
Dixit iterum: Est enim ex immissione diaboli extensa dura abstinentia, nam et sequaces ejus faciunt hoc; quando ergo discernimus divinam et regalem abstinentiam a tyrannica atque diabolica? Manifestum est quia mediocri tempore conversationis tuæ una regula jejunii sit tibi. Non subito quatuor aut quinque dies continuos jejunas, et iterum multitudine ciborum solvis virtutem? hoc enim lætificat diabolum. Semper enim quod sine mensura est, corruptibile est. Noli ergo subito arma tua expendere, ne nudus inventus in bello facile capiaris; arma vero nostra corpus nostrum est, anima vero nostra miles est. Utrisque ergo diligentiam præsta, ut paratus sis ad id quod necesse est.
Ferner sprach diese Heilige: Es gibt ein strenges, langes Fasten, welches der Teufel eingibt, und welches seine Anhänger verrichten. Wie können wir also ein rechtes, gottgefälliges Fasten von dem tyrannischen und teuflischen unterscheiden? Es ist offenbar, daß du eine geraume Zeit deines geistlichen Wandels im Fasten eine gewiße Regel beobachten sollst. Du fastest nicht auf einmal vier oder fünf Tage nacheinander und überfüllest sodann deinen Leib wieder mit einer Menge von Speisen; denn dieß erfreuet den Teufel. Alles, was ohne Maß geschieht, ist immer verderblich. Verbrauch demnach deine Waffen nicht auf einmal, um nicht wehrlos erfunden und im Kriege leicht gefangen zu werden. Unsere Waffen sind unser Leib, unsere Seele aber ist der Soldat. Verwende auf Beide deinen Fleiß, um bereit zu seyn zu dem, was nothwendig ist.
Venerunt aliquando duo senes de partibus Pelusii ad abbatissam Saram. Et cum ambularent, dicebant ad invicem: Humiliemus vetulam istam. Et dicunt ei: Vide ne extollatur animus tuus, et dicas: Quia ecce solitarii viri veniunt ad me, quæ mulier sum. Et dixit eis abbatissa Sara: Sexu quidem mulier sum, sed non animo.
Zwei Altväter kamen einstmals aus der Gegend von Pelusium zur Abtissin Sara. Auf der Reise sagten sie zu einander: Wir wollen die Alte demüthigen. Als sie angekommen, sprachen sie zu ihr: Sieh zu, daß sich dein Geist nicht erhebe und du nicht sagest: Sieh, diese Einsiedler kommen zu mir, die ich nur ein Weib bin. Die Abtissin Sara erwiederte ihnen: Ich bin zwar dem Geschlechte, aber nicht dem Geiste nach ein Weib.
Iterum dixit abbatissa Sara: Si poposcero a Deo ut omnes homines ædificentur in me, invenior ante januas singulorum pœnitentiam agens; sed magis oro ut cor meum cum omnibus purum sit.
Wiederum pflegte die Abtissin Sara zu sagen: Wenn ich Gott bitte, daß sich alle Menschen an mir erbauen sollen, so werde ich Buße thuend vor den Thüren aller Menschen herumgehen müssen, allein ich bitte ihn vielmehr, daß mein Herz gegen Alle rein erfunden werde.
Dixit abbas Hyperichius: Ille est vere sapiens, qui facto suo docet alios, non qui verbis.
Der Abt Hyperichius pflegte zu sagen: Der ist wahrhaft weise und verständig, der Andere nicht mit Worten nur, sondern auch durch seine Werke belehrt.
Venit aliquando monachus quidam ab urbe Roma, qui in palatio magnum locum habuit, et habitabat in Scythi in vicinitate ecclesiæ; habebat autem secum unum servum qui ministrabat ei. Videns autem presbyter ecclesiæ infirmitatem ejus, et cognoscens quia de deliciis esset vir ille, id quod ei Dominus donabat, vel quod in ecclesiam intrabat, transmittebat ei. Qui cum fecisset viginti quinque annis in Scythi, factus est vir contemplator, prævidens et nominatus. Audiens autem quidam de magnis monachis Ægyptiis opinionem ejus, venit videre eum, sperans corporalem conversationem plus apud eum arduam invenire. Qui cum intrasset, salutavit eum; et facientes orationem sederunt. Videns autem Ægyptius vestitum mollibus rebus, et budam de papyro, et pellem stratam sub ipso, et modicum capitale de cartica sub caput ejus, sed et pedes mundos habentem cum caligulis, scandalizatus est intra se de eo, quia in loco illo non erat consuetudo taliter conversandi, sed magis duram abstinentiam habere consueverant. Senex autem ille Romanus habens contemplationem sive prævidentiæ gratiam, intellexit quia scandalizatus est intra se de eo Ægyptius monachus, et dicit ministro suo: Fac nobis hodie propter abbatem qui venit, bonam diem. Et coxit parva olera quæ habebat, et surgentes hora competenti comederunt: habuit etiam et modicum vini propter infirmitatem suam, et illud biberunt. Et cum factum esset vespere, dixerunt duodecim psalmos, et dormierunt; similiter autem et nocte. Surgens autem mane Ægyptius dixit ei: Ora pro me. Et egressus est, non ædificatus in eo. Et cum paululum discessisset, volens eum ille senex Romanus sanare, misit post ipsum et revocavit eum. Qui cum venisset, cum gaudio iterum suscepit eum, et interrogavit eum, dicens: Ex qua provincia es? Et ille dixit: Ægyptius sum. Et dixit ei: Cujus civitatis? Et respondit: Ego omnino non fui de civitate, nec habitavi aliquando in civitate. Et dixit ei: Antequam monachus esses, quid operabaris in possessione qua manebas? Et ille respondit: Custos eram agrorum. Et dicit ei: Ubi dormiebas? Respondit: In agro. Et dixit: Habebas aliquid stratus? Et respondit: Ego in agro habui habere stramenta in quibus dormirem? Et dixit: Et quomodo dormiebas? Respondit: In terra nuda. Et dixit: Quid manducabas in agro, aut quale vinum bibebas? Iterum respondit: Quæ sunt escæ aut qualis potus in agro? Et dixit: Quomodo ergo vivebas? Respondit: Manducabam panem siccum, et si inveniebam quodcunque de salsamentis, et bibebam aquam. Et dixit senex: Grandis labor. Et dixit: Erat ibi vel balneum in possessione, ubi lavareris? Et ille dixit: Non, sed in flumine lavabar, quando volebam. Cum ergo hæc omnia ab eo senex responsione ejus exegisset, et cognovisset modum prioris vitæ ejus atque laboris, volens eum proficere, narravit ei suam vitam præteritam, quam habebat cum esset sæcularis, dicens: Me miserum quem vides, de magna illa civitate Roma sum, habens in palatio maximum locum apud imperatorem. Et cum audisset Ægyptius initia verborum ejus, compunctus est, et sollicite quæ dicebantur audiebat. Et ille adjecit: Reliqui ergo Romam et veni in solitudinem istam. Et iterum dixit: Me quem vides, habui domos magnas et pecunias multas, et contemnens eas, veni in istam parvam cellam. Iterum dixit: Me quem vides, lectos vestitos ex auro habui, habentes pretiosissima stramenta; et pro his dedit mihi Deus stramentum hoc de papyro et hanc pellem. Sed et vestes meæ inæstimabili pretio dignæ erant, et pro his utor has viles rescellas. Iterum dixit: In prandio meo multum auri expendebatur; et pro illo mihi dedit modica olera hæc et parvulum calicem vini. Erant autem et qui serviebant mihi plurimi servi, et ecce pro illis uni isti Dominus compunxit, ut serviret mihi. Pro balneo autem perfundo modico aquæ pedes meos, et caligulis utor propter infirmitatem meam. Et rursus pro calamis et cithara vel alio musico opere, quo delectabar in conviviis meis, dico mihi duodecim psalmos in die, et duodecim in nocte. Sed et pro peccatis meis, quæ ante faciebam, modo cum requie exhibeo parvum et inutile ministerium Deo. Vide ergo te, abba, ut non scandalizeris propter infirmitatem meam. Et hæc audiens Ægyptius atque in semetipsum reversus, dixit: Væ mihi, quia ego de multa tribulatione et plurimo labore sæculi magis ad repausandum in conversationem monachi veni, et quod non habebam tunc, modo habeo; tu autem multa ex delectatione sæculi voluntate propria in tribulationem venisti, et ex multa gloria atque divitiis venisti in humilitatem et paupertatem. Ex quo multum proficiens discessit, et factus est ei amicus, et sæpe veniebat ad eum suæ utilitatis causa; erat enim vir discernens, et repletus bono odore Spiritus sancti.
Einstmals kam ein Mönch von Rom, welcher am Hofe des Kaisers eine hohe Ehrenstelle begleitete, in die Wüste Scythi, wo er in der Nähe einer Kirche wohnte. Er hatte einen Diener bei sich, der ihm aufwartete. Als der Priester seine Schwächlichkeit und dessen früherhin geführtes weichliches Leben erkannt hatte, schickte er ihm alles zu, was Gott ihm schenkte, und in der Kirche einging. Dieser Einsiedler brachte fünf und zwanzig Jahre in der Wüste zu, erhielt die Gabe der Beschaulichkeit und Einsicht, und erlangte großen Ruf. Als ein vornehmer Mönch in Aegypten von diesem ausgezeichneten Einsiedler in der Scythischen Wildniß gehört hatte, ging er hin, ihn zu besuchen, in der Hoffnung, bei ihm einen strengern Lebenswandel anzutreffen. Bei seiner Ankunft ward er mit freundlichem Gruße empfangen; nach dem gewöhnlichen Gebete setzten sie sich. Als aber der ägyptische Mönch die weichliche Kleidung, ein Bett von den Blättern des Papyrbaumes als seine Liegerstätte, eine Thierhaut, ein kleines Kopfkissen und seine saubern Füße und Beinkleider erblickte, ärgerte er sich an ihm; denn man war dort nicht an eine solche weichliche, sondern strengere, abgetödtete Lebensweise gewohnt. Der römische Altvater aber, der die Gabe hoher Beschaulichkeit und tiefer Einsicht hatte, merkte, daß sich der ägyptische Mönch an ihm ärgerte, deßhalb sagte er zu seinem Diener: Bereite heute des angekommenen fremden Gastes wegen ein gutes Essen. Er kochte einige Kohlkräuter, die er vorräthig fand, dann stunden sie zur bestimmten Zeit auf und assen; da er seiner Schwäche halber auch ein wenig Wein hatte, so tranken sie auch diesen. Nachdem es Abend geworden, beteten sie zwölf Psalme und gingen schlafen. Ebenso beteten sie auch des Nachts zwölf Psalme. Des Morgens stund der Aegyptier auf, empfahl sich dem Einsiedler in sein Gebet und trat ohne Erbauung seine Heimreise an. Als er schon eine Strecke des Weges in die Heimath zurückgelegt hatte, schickte der römische Altvater, um ihn zu heilen, ihm nach und ließ ihn zurückrufen. Er empfing ihn wiederholt freundlich, als er gekommen war, und fragte ihn: Aus welchem Lande bist du gebürtig? Seine Antwort war: Ich bin ein Aegyptier. Aus welcher Stadt? Er erwiederte: Ich bin von keiner Stadt, noch wohnte ich je in einer Stadt. Er fragte ihn ferners: Was hattest du, ehe du Mönch geworden, für eine Beschäftigung oder Handthierung? Wo wohntest du? Er gab zur Antwort: Ich war ein Feldhüter. Er fragte wieder: Wo schliefest du? Die Antwort war: Auf dem Felde. Hattest du eine gute Liegerstätte? Meinst du, erwiederte der ägyptische Mönch, man werde den Strohsack mit sich auf das Feld hinausnehmen? Wie pflegtest du, fragte der Einsiedler, denn da zu schlafen? Ich schlief, sagte der Aegyptier, auf bloßer Erde. Der römische Einsiedler fragte weiter: Worin bestund dein Essen und Trinken auf dem Felde? Die Antwort war: Was soll das für ein Essen und Trinken auf dem Felde seyn? Und fragte wieder: Wie lebtest du also dort? Er erwiederte: Ich aß trocknes Brod und was ich von ungesalznen Sachen haben konnte und trank Wasser. Der Altvater sprach: Das war ein müheseliges Leben. Hattest du dort auch, fragte der Altvater, ein Bad im Besitze, wo du dich waschen konntest? Nein, sagte der Aegyptier, aber im Flußwasser konnte ich mich baden, so oft ich wollte. Als demnach der Altvater durch derlei Fragen Alles aus dem Aegyptier herausgelockt hatte, was nöthig war, dessen früheres Leben und Müheseligkeit kennen zu lernen, so wollte er zu dessen Erbauung auch sein vergangenes Leben erzählen, das er im weltlichen Stande geführt. Ich armseliger Mensch, den du hier vor Augen hast, sagte er, ich bin aus der großen Stadt Rom gebürtig und begleitete am Hofe des Kaisers eine der höchsten Stellen. Als der Aegyptier diese Rede gehört, ward er sehr betroffen und horchte sorgfältig auf alle Worte des Altvaters. Dieser setzte dann bei: Ich verließ also Rom und kam in diese Einsamkeit. Ferners sprach er: Ich, den du da vor Augen siehst, ich hatte große Häuser und viel Geld, verachtete aber sie und ging in diese kleine Zelle. Wieder sagte er: Sieh mich nur an, meine Liegerstätte und mein Bett waren auf das Köstlichste mit Gold geziert; statt dieser herrlichen Dinge gab mir Gott diesen Strohsack von den Blättern des Papyrbaumes und diese Thierhaut. Allein auch meine Kleider hatten einen unschätzbaren Werth, statt derselben trage ich jetzt diese rauhe und grobe Decke. Ferner sprach er: Auf ein einziges Mittagessen ward eine große Summe Geldes verwendet, statt desselben gab mir Gott dieses geringe Gemüse und einen kleinen Becher Wein. Ich hatte auch eine Menge Bedienten, sieh, statt derselben gab Gott diesem Einzigen es in das Herz, mir aufzuwarten. Statt des Bades begieße ich mit wenig Wasser meine Füße und trage meiner Schwäche wegen diese Beinkleider. Und ebenso statt der Pfeifen und Cyther oder anderer musikalischer Unterhaltung, die mich früher bei meinem Mittagmahle ergötzten, bete ich für mich am Tage zwölf Psalmen und des Nachts wieder so viele. Und für meine Sünden, die ich früher begangen, verrichte ich Gott jetzt in meiner Ruhe diesen geringen und unnützen Dienst. Sieh also, o Vater! so steht es mit mir; ärgere dich also an meiner Schwäche nicht. Als der Aegyptier dieses vernommen, ging er in sich und sprach: Wehe mir! ich kam von vieler Trübsal und überaus großer Müheseligkeit der Welt im geistlichen Stande vielmehr zur Ruhe und Erleichterung; denn was ich damals nicht hatte, habe ich jetzt; du aber kamst von vielen Vergnügungen der Welt freiwillig in diese Trübsal, und stiegst von großer Ehre und Reichthum in diese Niedrigkeit und Armuth herab. Sehr erbaut ging nun der Aegyptier von da fort, ward sein Freund und kam oft zu diesem Einsiedler, um sich zu erbauen; denn er war ein Mann von Einsicht und Bescheidenheit und erfüllt von gutem Geruche des heil. Geistes.
Dicebat senex: Non necesse est verborum tantum; sunt enim plurima verba in hominibus tempore hoc, sed opera necessaria sunt; hoc enim Deus quærit, non verba, quæ non habent fructum.
Ein Altvater pflegte zu sagen: Man hat nicht Worte nur nothwendig (denn jetzt machen die Menschen sehr viele Worte), sondern Werke. Denn diese sucht Gott, aber nicht Worte, die keine Frucht tragen.
Frater aliquis interrogavit quosdam Patrum: Si polluitur aliquis quando res sordidas cogitat. Et cum de hoc inquisitio fieret apud eos, alii dicebant: Etiam polluitur; alii dicebant: Non; quia si polluitur non possumus salvari nos, qui idiotæ sumus; sed hoc pertinet ad salutem, si ea quæ cogitamus, corporaliter non fecerimus. Ille autem frater qui interrogaverat, non sibi sufficere judicans variam responsionem Patrum, abiit ad senem probatiorem, et interrogavit eum de hoc. Et respondit ei senex: Secundum mensuram uniuscujusque requiritur ab eo. Rogavit ergo frater ille senem, dicens: Peto propter Dominum, absolve mihi hoc verbum. Et dicit ei senex: Ecce forte jacet hic vas aliquod desiderabile. Et dicit senex: Intraverunt duo fratres, ex quibus unus habebat mensuras magnas exercitatæ vitæ, alter vero parvas. Si ergo cogitatio illius perfecti mota fuerit ad aspectum vasis illius, et dixerit intra se: Volebam habere vas istud, et non permanserit in hoc, sed cito absciderit hujusmodi appetitum, non est pollutus; si vero qui necdum ad majores mensuras attigit, concupierit vas illud, et exercitatus fuerit cum cogitatione sua desiderio compellente, et tamen non tulerit illud, non est inquinatus.
Ein Bruder fragte Einige von den Vätern, ob Jemand durch die Gedanken an schändliche Dinge verunreinigt wird? Da sie über diese Sache Umfrage hielten, bejahten Einige diese Frage, Andere verneinten sie. Wenn durch den Gedanken, der unfreiwillig ist, allein schon unsere Seele befleckt würde, sprachen Jene, die der letztern Meinung waren, so könnten wir ungebildete Menschen nicht selig werden. Dieses aber wird zu unserm Heile erfordert, daß wir wenigstens die bösen Gedanken nicht im Werke ausüben. Da aber jener Bruder, der diese Frage gestellt hatte, sich in der Verschiedenheit der Antworten, die die Väter gegeben hatten, nicht zurecht finden konnte, ging er zu einem andern bewährten Altvater und fragte ihn über diesen Gegenstand. Die Antwort des Altvaters war: Von einem Jeden wird nach dem Maße eines Jeden gefordert werden. Der Bruder bat den Altvater von Neuem und sagte: Ich bitte dich um Gotteswillen, erkläre mir diese Rede. Dieß that der Altvater und sprach: Sieh, es liegt z. B. hier ein erwünschtes Geschirr. Nun kommen zwei Brüder daher, wovon der Eine ein großes Maß eines wohlgeübten geistlichen Lebens, der Andere aber nur ein kleines besitzet. Wenn nun der vollkommene Bruder beim Anblicke dieses Geschirres bewegt bei sich selbst spricht: Ich möchte dieses Geschirr haben; allein in diesem Gedanken nicht beharret, sondern schnell die Begierde nach diesem Geschirre in sich unterdrückt, so ist er von dem Gedanken nicht befleckt worden. Wenn aber der andere Bruder, der zu einem so großen Maße der Vollkommenheit noch nicht gekommen ist, zwar nach dem Geschirr ein Verlangen gehabt, allein gegen diese Begierde in Kampf gekommen, doch das Geschirr nicht nimmt, so ist er nicht befleckt worden.
Dixit senex: Si quis manserit in aliquo loco, et non fecerit fructum loci illius, locus ipse expellit eum, utpote quia non fecit fructum loci illius.
Ein Altvater pflegte zu sagen: Wer an einem Orte wohnt, und daselbst keine Frucht bringt, der wird vom Orte selbst verstoßen, weil er die Frucht jenes Ortes nicht gebracht hat.
Dixit senex: Si quis fecerit rem aliquam sequens voluntatem suam, quærens quod non est secundum Deum, si id tamen per ignorantiam fecerit, postea oportet eum reverti ad viam Domini. Qui autem tenet voluntatem suam, non secundum Deum, et neque ab aliis vult audire, sed velut scitum se putat; qui hujusmodi est, vix perveniet ad viam Domini.
Ein Alter sagte: Wer in irgend einer Sache seinem Willen folgt, ohne sich um den Willen Gottes zu bekümmern, der soll, wenn er dieß aus Unwissenheit gethan hat, auf den Weg des Herrn wieder umkehren. Wer aber Etwas aus Eigenwillen thut und nicht nach dem Willen Gottes, und von Andern auch keinen Rath annehmen will, sondern sich selbst für weise hält, ein Solcher wird schwerlich auf den Weg des Herrn kommen.
Interrogatus est senex: Quid est, quod legitur, Via angusta et arcta? Et respondit senex, dicens ei: Angusta et arcta via hæc est, ut cogitationibus suis homo violentiam faciat, et abscidat propter Deum voluntates suas. Hoc est etiam quod scriptum est de apostolis: Ecce nos reliquimus omnia, et secuti sumus te.
Ein Altvater wurde gefragt: Was versteht die Schrift Matth. 7, unter dem schmalen und engen Wege? Die Worte seiner Antwort lauteten so: Der enge und schmale Weg ist, wenn man seinen Gedanken Gewalt anthut und um Gottes Willen seinen eigenen Willen verläugnet. Eben dieses ist es, was von den Aposteln geschrieben steht: Sieh, wir haben Alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Matth. 19.
Dixit senex: Sicut ordo monachorum honoratior est sæcularibus, ita peregrinus monachus speculum debet esse localibus monachis per omnem modum.
Ein Altvater sagte: Wie der Ordensstand der Mönche ehrwürdiger ist als die weltlichen Stände, so soll auch ein fremder Mönch auf jede Weise ein Spiegel für jene Mönche seyn, die an selbem Orte wohnen.
Dixit quidam Patrum: Si manserit operarius in loco ubi non sunt operarii, non potest proficere; hæc est enim virtus operarii, certare ut ab opere non minuatur. Nam et piger si manserit cum operario, proficit; et si non proficit, non tamen descendit inferius.
Einer von den Vätern pflegte zu sagen: Wenn ein arbeitsamer Mann an einem Orte wohnt, wo Andere nichts thun, so wird er nicht zunehmen. Dieß ist die erste Tugend eines geistlichen Arbeiters, zu kämpfen und zu ringen, daß er nicht ab- sondern zunehme. Wenn auch ein Fauler bei einem fleißigen Arbeiter wohnt, so nimmt er zu; und wenn er auch nicht zunimmt, so nimmt er doch nicht ab.
Dixit quidam senex: Quia homo si verbum quidem habeat, opera autem non habeat, assimilatur arbori habenti folia; fructum autem non. Sicut enim arbor fructibus plena etiam foliis viret, ita et sermo consequitur hominem qui habet opera bona.
Ein Altvater pflegte zu sagen: Ein Mensch, der zwar Worte hat, aber keine Werke, ist einem Baume gleich, der nur Blätter, aber keine Frucht hat. Denn wie ein Baum, der voll Früchte ist, auch mit Blättern grünt, so kommen auch dem Menschen die Worte von selbst, der gute Werke hat.
Dixit senex, quia aliquando quidam lapsus in gravi peccato, et compunctus ad pœnitentiam, abiit indicare hæc seni cuidam, et non dixit ei quod fecerat, sed quasi interrogavit, dicens: Si alicui ascendat cogitatio talis, habet salutem? Ille vero, quia nesciebat discretionem, respondit ei: Perdidisti animam tuam. Hoc audiens frater, dixit: Ergo si perii, vado ad sæculum. Pergens autem ille, deliberavit ire et indicare cogitationes suas abbati Silvano, erat enim hic Silvanus magnus discretor. Veniens ergo ad eum frater, non dixit ei quod fecerat, sed iterum eo modo quo et prius seni illi dixerat; hoc est, Si ascenderint alicui tales cogitationes, habet salutem? Aperiens autem abbas Silvanus os suum, cœpit de Scripturis dicere ei: Non omnino judicium tantum est de cogitationibus quam de peccato. Audiens autem frater, et suscipiens virtutem dictorum in animo, sumpta spe, indicavit etiam ei actum suum. Audiens autem abbas Silvanus quod egerat, tanquam bonus medicus posuit cataplasma animæ ejus de divinis Scripturis assumptum, dicendo esse pœnitentiam his qui pro charitate revera convertuntur ad Deum. Post aliquot autem annos contigit abbatem memoratum ad illum senem applicari, qui ei desperationem fecerat, et narravit ei ista, et dixit: Ecce frater ille, qui de responso tuo desperaverat, et ad sæculum redierat, velut stella splendida est in medio fratrum. Hæc autem ideo retuli, ut sciamus quale periculum est quando aliquis sive cogitationis, sive actuum aliquid peccati indicat his qui discretionem nesciunt.
Ein Altvater erzählte: Ein Bruder, der in eine schwere Sünde gefallen, darüber aber wieder Buße gethan hatte, ging einstmals zu einem Altvater, um ihm seinen Seelenzustand zu entdecken; allein er sagte nicht, daß er die Sünde begangen, sondern stellte nur seine Frage mit diesen Worten an denselben: Wenn Jemanden ein solcher Gedanke aufgestiegen, kann er noch selig werden? Der Altvater, der keine Bescheidenheit hatte, gab ihm zur Antwort: Du hast deine Seele verloren. Als der Bruder dieses hörte, sprach er: Wenn ich also verloren bin, so kehre ich in die Welt zurück. Allein während er noch auf dem Wege war, entschloß er sich, zum Abte Silvan zu gehen und ihm seine Gedanken anzuzeigen; denn er war ein Mann von großer Bescheidenheit und Einsicht. Als demnach dieser Bruder zu ihm gekommen, sagte er dem Abte wieder nicht, daß er die Sünde begangen, sondern drückte sich auf dieselbe Weise aus, wie früher oben: Wenn Jemanden diese und diese Gedanken aufstiegen, könnte er noch selig werden? Der Abt Silvan eröffnete dann seinen Mund und fing an, aus der heiligen Schrift zu erweisen, daß die Gedanken kein so strenges Gericht zu erwarten hätten, als die Sünden im Werke. Auf diese Worte hin, deren Kraft dem Bruder in's Herz drang, faßte derselbe wieder Hoffnung und zeigte dem Altvater an, daß er die Sünde im Werke begangen hätte. Da der Altvater vernommen, welche Sünde er begangen, legte er als ein guter Arzt seiner Seele ein geistliches Pflaster auf, genommen aus den Worten der heiligen Schrift. Alle die, sagte er, welche ihre Sünden bereuen und aus Liebe zu Gott wieder zurückkehren, werden zu Gnaden aufgenommen. Nach einigen Jahren traf es sich, daß der erwähnte Abt bei jenem Altvater, der diesen Bruder zur Verzweiflung gebracht, seine Einkehr genommen. Er erzählte ihm nun und sprach: Siehe, jener Bruder, der durch deine Antwort in Verzweiflung gestürzt und in die Welt zurück gekehrt ist, leuchtet nun in Mitte seiner Brüder wie ein hellglänzender Stern. Dieß erzählte ich deßhalb, damit man weiß, wie gefährlich es sey, wenn Jemand seine Sünde, sey sie in Gedanken oder im Werke geschehen, Menschen anvertraut, die keine Bescheidenheit kennen.
Dixit quidam senex: Non quia intrant cogitationes malæ in nobis, condemnamur ex eo, sed si male utimur cogitationibus. Fit enim ut per cogitationes naufragium patiamur, et iterum de cogitationibus coronemur.
Ein Altvater sagte: Nicht weil böse Gedanken in uns eindringen, werden wir verdammt, sondern dann nur, wenn wir sie zur Sünde mißbrauchen. Deßhalb kann es sich zutragen, daß wir durch die Gedanken Schiffbruch leiden, und kann auch geschehen, daß uns von den Gedanken die Krone des Himmels zukömmt.
Dixit aliquis senex: Non des et accipias cum sæcularibus hominibus; et non habeas notitiam cum muliere, nec habeas fiduciam diu cum puero.
Ein anderer Altvater gab diese Lehre: Gib und nimm nicht leicht etwas an von den Weltmenschen. Habe keine Gemeinschaft mit einem Weibe, noch gehe in die Länge mit einen Knaben vertraulich um.
Frater quidam interrogavit senem, dicens: Quid faciam, quia multæ cogitationes sollicitant me, et nescio quomodo repugnem eis? Dixit senex: Non repugnes contra omnes, sed contra unam. Omnes enim cogitationes monachorum unum habent caput; necessarium ergo est considerare quæ et qualis sit et adversus illam reniti; ita enim et residuæ cogitationes humiliantur.
Ein Bruder fragte einen Altvater und sagte: Was soll ich thun? mich plagen viele böse Gedanken und ich weiß nicht, wie ich ihnen widerstehen soll? Der Altvater gab zur Antwort: Streite nicht wider Alle, sondern wider Einen Gedanken. Denn alle Gedanken, die die Mönche anfechten, haben Ein Haupt. Man muß daher erforschen, welcher oder was für ein Gedanke das Haupt sey, und gegen diesen kämpfen; denn so werden auch die übrigen abgetrieben und gedemüthiget.
Adversus cogitationes malas dixit quidam senex: Obsecro, fratres, sicut compressimus actus malos. comprimamus etiam cogitationes.
Ein Altvater gab seinen Brüdern wider die bösen Gedanken folgende Lehre: Ich bitte euch, Brüder, wie wir die bösen Werke unterdrückt haben, so last uns auch die Gedanken unterdrücken.
Dixit quidam senex: Qui vult habitare eremum, debet esse doctor, non qui doceri egeat, ne detrimentum sustineat.
Ein Altvater sprach: Wer in der Einsamkeit wohnen will, der soll schon unterrichtet seyn und keiner Unterweisung mehr bedürfen, damit er nicht Schaden leide.
Interrogatus est senex a quodam fratre dicente: Quomodo invenio Deum? utrum in jejuniis, an in laboribus, vel in vigiliis, aut in misericordia. Et respondit: In his quæ numerasti, et in discretione. Dico enim tibi quia multi afflixerunt carnem suam, et, quia sine discretione hoc faciebant, abierunt vacui nihil habentes. Os nostrum de jejunio fetet, scripturas omnes didicimus: ex corde David consummavimus, et quod Deus requirit non habemus, scilicet humilitatem.
Ein Altvater gab einem Bruder auf seine Frage: wie er Gott finden möge, ob im Fasten oder Arbeiten, ob durch Wachen oder Werke der Barmherzigkeit, zur Antwort: Du findest Gott durch Ausübung der angeführten Werke, wenn du damit die Bescheidenheit verbindest. Denn ich sage dir: Viele haben ihr Fleisch gekreuzigt; weil sie aber dieß ohne Bescheidenheit gethan, so sind sie leer ausgegangen, ohne einen Nutzen davon zu haben. Unser Mund riecht noch übel vom Fasten, wir haben den Psalter Davids öfters herzlich gebetet; allein was Gott von uns fordert, nämlich die Demuth, das haben wir nicht.
Frater interrogavit senem, dicens: Abba, ecce ego rogo seniores et dicunt mihi de salute animæ meæ, et nihil retineo de verbis eorum; quid autem vel rogo eos nihil proficiens? Totus enim sum in immunditia. Erant autem duo vasa vacua. Et dixit ei senex: Vade, et aufer unum ex vasis istis, et mitte in eo oleum, et accende intus stupam, et refunde oleum, et pone vas in locum suum. Et fecit sic. Et dixit ei: Fac iterum sic. Et cum fecisset hoc sæpius, dixit ei senex: Affer modo utraque vasa, et vide quod eorum mundius sit. Et respondit: Illud ubi oleum misi. Cui senex dixit: Sic est et anima de his quæ interrogat. Quamvis enim nihil retineat eorum quæ audit, tamen plus ipsa mundabitur quam illa quæ omnino nec interrogat quidquam.
Ein Bruder fragte einen Altvater und sprach: Mein Vater! ich frage die Väter und sie sagen mir, was zum Heile meiner Seele dienlich ist, allein ich behalte nichts von ihren Worten: was soll ich sie also viel fragen, da es mir nichts nüht; denn ich stecke ganz in der Unreinigkeit? Es waren zwei leere Gefäße da. Der Altvater sprach zu ihm: Gehe hin und bring mir eins von diesen Geschirren, gieße Oel in selbes hinein, zünde Stoppeln von Innen an, schütte das Oel wieder heraus und stelle das Geschirr wieder an seinen Ort. Er that, wie ihm befohlen worden. Der Altvater aber sprach zu ihm: Mach es wieder so, wie vorhin. Als der Bruder dieses öfter gethan hatte, sagte der Altvater zu ihm: Bring mir jetzt beide Gefäße und sieh, welches reiner ist. Der Bruder erwiederte: Jenes, wo ich Oel hineingegossen. Hierauf sprach der Altvater: So ist auch eine Seele beschaffen, welche fragt. Sollte sie auch nichts von dem behalten, was sie hört, so wird. sie doch mehr gereiniget werden, als eine andere Seele, die gar um nichts fragt.
Frater sedebat in cella sua quiescens, et volebant dæmones seducere eum sub specie angelorum, et excitabant eum ut iret ad collectam, et lumen ostendebant ei: ille autem venit ad quemdam senem, et dixit ei: Abba, veniunt angeli cum lumine, et excitant me ad collectam. Et dicit ei senex: Non audias, eos, fili, quoniam dæmones sunt; et quando veniunt excitare te, dic: Ego quando volo surgo, vos autem non audio. Accipiens autem præceptum senis, reversus est ad cellam suam. Et sequenti nocte iterum dæmones secundum consuetudinem venientes excitabant eum. Ille vero, sicut præceptum sibi fuerat, respondebat eis, dicens: Ego quando volo surgo, vos autem non audio. Et illi dicunt ei: Malus senex ille falsator seduxit te, ad quem venit frater volens mutare pecuniam; et cum haberet, mentitus est ei, dicens se non habere, et non dedit ei; ex hoc ergo cognosce quia falsator est. Surgens ergo frater diluculo venit ad senem, et nuntiavit ei hæc ipsa. Senex vero dixit ei: Verum est quia habebam, et quia venit frater volens mutuare, et non dedi ei, sed sciebam quia si darem ei, damnum animæ ipsius faciebam. Cogitavi ergo unum mandatum præterire, quam prævaricari decem, ex quibus ad tribulationem potuissemus venire pro illo, si a me pecuniam accepisset. Tu autem dæmones, qui te seducere volunt, ne audias. Et multum confortatus de verbis senis, abiit ad cellam suam.
Ein Bruder saß ruhig in seiner Zelle und die Teufel wollten ihn verführen in Gestalt der Engeln. Sie weckten ihn nämlich zum Gebet auf und trugen ein Licht vor ihm her. Er ging deßhalb zu einem Altvater und sprach zu ihm: Vater, Engel kommen mit einem Lichte zu mir, und weden mich zum Gebete auf. Der Altvater erwiederte: Mein Sohn, höre sie nicht an, es sind Teufel, und wann sie kommen, dich aufzuwecken, so sprich: Ich stehe auf, wann ich will und höre euch nicht an. Der Bruder nahm diesen Befehl willig an und kehrte in seine Zelle zurück. In der folgenden Nacht erschienen die Dämonen wieder und weckten ihn wie gewöhnlich zum Gebete auf. Er aber antwortete ihnen, wie ihm befohlen worden und sprach: Ich stehe auf, wann ich will und höre euch nicht. Sie entgegneten ihm: Jener lügenhafte Gesell, der boshafte Altvater, hat dich verführt. Zu ihm kam ein Bruder und wollte Geld entlehnen; und da er Geld hatte, log er ihm doch vor, als hätte er keines; er gab dem Bruder kein Geld; daraus lerne seine Falschheit kennen. Der Bruder stund in der Frühe auf und kam noch bei der Morgendämmerung zum Altvater und erzählte ihm, was er von den Teufeln gehört hatte. Der Altvater aber versetzte hierauf: Es ist wahr, daß ich Geld hatte und dem Bruder, der zu mir kam, um eines zu entlehnen, keines gab; allein ich wußte, daß das Geld, wenn ich ihm eines gegeben hätte, seiner Seele Schaden gebracht haben würde. Ich wollte. daher lieber Ein Gebot als zehn übertreten. Wir wären alle seinethalben in Trübsal gekommen, wenn ich ihm Geld gegeben hätte. Höre also die Dämonen nicht an, die dich verführen wollen. Der Bruder kehrte sodann sehr gestärkt durch die Worte des Altvaters in seine Zelle zurücď.
Venerunt aliquando tres fratres ad quemdam senem in Scythi, et unus ex his interrogavit eum, dicens: Abba, commendavi Vetus et Novum Testamentum memoriæ. Et respondit senex, et dixit: Replesti verbis aerem. Et secundus interrogavit eum, dicens: Vetus et Novum Testamentum ego scripsi per me ipsum. Dixit autem et huic: Et tu replesti fenestras de chartis. Et tertius dixit: Mihi in focularem herbæ ascenderunt. Et respondit senex, et dixit: Et tu expulisti a te hospitalitatem.
Einstmals kamen drei Brüder zu einem Altvater in der Wüste Scythi, und Einer von ihnen fragte ihn und sprach: Vater, ich habe das Alte und Neue Testament auswendig gelernt. Der Altvater erwiederte und sagte: Du hast die Luft mit Worten angefüllt. Es fragte ihn auch der Zweite und sprach: Ich habe die ganze Bibel mit eigener Hand abgeschrieben. Er sagte auch zu diesem: Du hast die Fenster mit Papier angefüllt. (Man steckte damals die Schriften in das Fenster.) Der Dritte sprach: Mir ist das Gras auf dem Heerde gewachsen. Und der Altvater erwiederte: Du hast die Gastfreundschaft von dir gestoßen.
Narraverunt quidam Patrum de quodam sene magno, quia si veniebat aliquis interrogare eum sermonem, ille cum magna fiducia dicebat: Ecce ego suscipio personam Dei, et sedeo in sede judicii, quid ergo vis ut faciam tibi? Si ergo dixeris mihi, miserere mei; dicit tibi Deus: Si vis ut miserear tui, miserere et tu fratribus tuis, et ego misereor tui. Si autem vis ut ignoscam tibi, ignosce et tu proximo tuo. Nunquid a Deo est causa? Absit; sed in nobis est, si volumus salvari.
Einige von den Vätern erzählten von einem angesehenen Altvater, der, wann Jemand kam, um ihn zu fragen, mit großer Zuversicht sagte: Siehe, ich vertrete die Person Gottes und sitze auf dem Throne seines Gerichtes: was willst du, daß ich dir thun soll? Sprichst du zu mir: Erbarme dich meiner! so sagt dir Gott, wenn du willst, daß ich mich deiner erbarme, so erbarme auch du dich deiner Brüder, und ich will mich dann deiner erbarmen. Willst du aber, daß ich dir verzeihe, so verzeihe auch du deinem Nächsten. Ist's etwa Gott, der unser Heil verwirft? keineswegs, sondern bei uns liegt es, ob wir selig werden wollen.
Dicebant de quodam sene in Cellis quia erat magnus laborator. Cum faceret opus suum, contigit alium quemquam sanctum virum venire ad cellam ejus, et audivit eum de foris litigantem cum cogitationibus, et dicentem: Usquequo propter unum verbum omnia illa amitto? Ille autem foris stans, putabat quia cum aliquo alio litigaret, et pulsavit ut intraret et pacificaret eos; et ingrediens et videns quia nemo alius erat intro, habens etiam fiduciam apud senem, dixit ei: Cum quo litigabas, abba? Ille respondit: Cum cogitationibus meis, quia quatuordecim libros memoriæ commendavi, et unum verbum modicum audivi foris, et cum venissem facere opus Dei, omnia illa perdidi, et hoc solum quod foris audieram venit in memoria mea in hora ministerii mei, et propterea litigabam cum cogitatione mea.
Von einem Altvater in Cellia, der ein großer Arbeiter war, erzählte man, daß einstmal, als er in seiner Arbeit war, ein heiliger Mann vor seine Zelle kam und von außen hörte, wie Jener mit seinen Gedanken kämpfte und sprach: Wie lange werde ich noch eines einzigen Wortes wegen alles Andere vergessen? Der heilige Einsiedler, der außer der Zelle stund, glaubte, der Altvater müßte mit Jemanden zanken, deßhalb klopfte er an der Thüre, um hineinzugehen und sie zu versöhnen. Als er nun hineintrat und sah, daß außer ihm Niemand Anderer in der Zelle war, so sagte er zum Altvater, da er auch ein vertrauter Freund zu ihm war: Mit wem zanktest du denn, mein Vater? Er antwortete: Mit meinen Gedanken; ich habe vierzehn Bücher auswendig gelernt und Ein Wort, das ich außer der Zelle hörte, verstörte mich so sehr, daß ich, als die Zeit des Gebetes gekommen, alles Andere vergaß, und nur das einzige, von außen gehörte Wort kam mir zur Stunde des Gottesdienstes in den Sinn. Deßhalb stritt ich mit meinen Gedanken.
Fratres de congregatione venerunt in eremo, et applicuerunt ad quemdam eremitam, et suscepit eos cum gaudio. Et sicut est consuetudo eremitis, videns eos de labore fatigatos, posuit mensam extra horam; et quod habuit in cella apposuit eis, et repausavit eos. Et quando factum est sero, dixerunt duodecim psalmos, similiter et nocte; cum autem senex vigilaret, audivit eos inter se dicentes: Quia solitarii viri plus repausant in eremo quam nos in congregatione. Mane autem cum ambulaturi essent ad alium vicinum ejus, dixit eis: Salutate eum pro me, et dicite ei: Non adaques olera. Ille autem cum hoc audisset, intellexit verbum, et tenuit eos usque sero laborantes jejunos. Cum autem sero factum esset, fecit prolixum opus Dei, et posuit ea quæ habebat, et dixit: Cessemus modice propter vos, quia de labore estis fatigati. Et dixit iterum: Quotidie manducare non solemus, sed propter vos gustemus modicum. Et apposuit eis panem siccum et sal, et dixit: Ecce propter vos festivitatem habemus hodie; et misit parum aceti in salibus illis. Et surgentes cœperunt psallere usque mane. Et dixit: Propter vos non possumus adimplere regulam nostram, ut modice pausetis, quia peregrini estis. Mane autem facto, volebant fugere: ille autem rogabat, eos, dicens: Manete aliquantum temporis nobiscum; sin alias, vel propter mandatum, dies tres secundum consuetudinem eremi facite nobiscum. Illi autem videntes quia non relaxaret eos, fugerunt occulte.
Es kamen einstmals Brüder aus einem Kloster in die Wüste und kehrten bei einem Einsiedler ein, der sie mit Freuden aufnahm. Als er die Brüder von der Reise sehr ermüdet sah, bereitete er ihnen auper der Zeit, wie es die Einsiedler im Brauche hatten, das Essen, setzte ihnen auf, was er in der Zelle hatte und erquickte sie. Nachdem es Abend geworden, beteten sie die zwölf Psalmen und eben so viel bei Nacht. Der Altvater, der nicht schlief, hörte sie Nachts so untereinander reden: Die Einsiedler in der Wüste essen besser als wir im Kloster. Als sie in aller Frühe schon zu einem andern benachbarten Einsiedler gehen wollten, sprach er zu ihnen: Grüßt mir ihn sehr schön und saget ihm: er soll die Kohlkräuter nicht wässern. Da jener Einsiedler dieß gehört hatte, verstund er den Sinn sogleich. Er ließ sie bis spät Abends arbeiten, ohne ihnen etwas Speise zu geben. Als es aber Abend war, verlängerte er das Gebet auch noch, und dann setzte er ihnen auf, was er hatte und sagte: Heute wollen wir uns ein wenig gütlicher thun euertwegen, weil ihr noch müde seyd von der Reise. Und ferner sprach er: Wir essen gewöhnlich nicht alle Tage, sondern nur heute genießen wir euertwillen etwas Weniges. Dann setzte er ihnen trocknes Brod auf und Salz und sagte: Sieh, heute haben wir euerthalben einen Festtag, und that ein wenig Essig in das Salz. Dann stunden sie wieder auf und fingen an zu psalliren bis an den Morgen. Er setzte dann bei: Euerthalben können wir unsere Regel nicht ganz halten, damit ihr etwas ausruhet, denn ihr seyd Pilgrime. Als der Tag angebrochen, wollten die Brüder entfliehen; er aber drang in sie mit der Bitte und sprach: Bleibt doch noch einige Zeit bei uns; kann aber dieß nicht seyn, so haltet euch doch dem Gebote zufolge, wie es die Einsiedler zu thun pflegen, wenigstens drei Tage bei uns auf. Die Brüder aber entflohen als sie sahen, daß er sie nicht fortlassen wollte, heimlich.
Frater interrogavit quemdam Patrem, dicens: Si contigerit gravari in somno, et transierit hora ministerii mei, anima mea præ verecundia non vult implere opus suum. Et dixit senex: Si te contigerit usque mane dormire, quando evigilas, surge, claude ostium et fenestras tuas, et fac opus tuum; scriptum est enim: Tuus est dies, et tua est nox; in omni enim tempore glorificatur Deus.
Ein Bruder fragte einstmals einen Vater und sprach: Wenn mich der Schlaf überfallen, und indessen die Stunde des Gebetes vorübergegangen ist, so will meine Seele vor Scham ihren Gottesdienst nimmer verrichten. Hierauf erwiederte der Altvater: Solltest du auch bis an den Tag schlafen, so stehe auf, sobald du wach wirst, schließ die Thüre und deine Fenster zu und verrichte deine Andacht; denn es steht geschrieben: Dein ist der Tag, und dein ist die Nacht; denn zu jeder Zeit läßt Gott sich preisen und anbeten. Ps. 73.
Dicebat aliquis senex: Quia est homo comedens multa et adhuc esuriens; est etiam alter homo qui pauca comedit, et satiatur. Majorem autem habet mercedem ille qui plus comedit, et esuriens manet, ab illo qui parum comedit, et satiatur.
zogen, der wenig ist... Ein. Altvater sprach: Es gibt Menschen, die viel essen und sind doch noch hungrig, und wieder Andere, die wenig essen und sind doch gesättigt. Der hat auf größere Belohnung Anspruch, welcher mehr ist und doch hungrig bleibt; als Jener, welcher wenig ist und doch gesättigt wird.
Dixit quidam senex: Si contigerit inter te et alium sermo aliquis tristis, et negaverit ille, dicens: Non dixi sermonem hunc, ne certes cum eo, et dicas: Dixisti, qui exacerbatur, et dicet tibi: Etiam dixi.
Ein anderer Altvater sagte: Wenn zwischen dir und einem Andern eine verdrüßliche Rede vorkömmt und dieser die Rede mit den Worten läugnet: Ich habe diese Rede nicht gethan, so streite nicht mit ihm, sondern sprich nur: Du hast sie gesagt; denn wenn du mehr vorbringst, wird er nur erbittert spottend dir erwiedern: Ja, ich habs gesagt! —
Frater aliquis interrogavit senem, dicens: Soror mea pauper est, si do ei eleemosynam, non est sicut unus de pauperibus? Et dixit senex: Non. Dixit autem frater: Quare, abba? Et respondit senex: Quia sanguis ipse trahit te modicum.
Ein Bruder fragte einen Altvater und sprach: Meine Schwester ist arm, wenn ich ihr Almosen gebe, ist es nicht so viel, als wenn ich einem andern Armen das Almosen gäbe? Der Altvater sagte: Nein! Denn das Blut hat einigen Antheil an der Erweisung dieser Wohlthat.
Dixit senex: Quia oportet monachum neque auditorem esse obtrectantium, neque obtrectari, neque scandalizari.
Ein Altvater sprach: Ein Mönch darf weder eine Verleumdung anhören, noch selbst eine solche aussprechen, noch Aergerniß nehmen.
Dixit quidam senex: Non omnia quæ dicuntur placeant tibi, neque omni sermoni consentias. Tardius crede, et quod verum est, citius dic.
Ein anderer Altvater sagte einstmals: Gib nicht Allem Beifall, was gesagt wird, noch stimme jeder Rede bei. Glaube langsam, sag aber schnell, was wahr ist.
Dixit quidam senex: Si ascenderit in corde fratris sedentis in cella verbum, et revolvens frater verbum in animo, non potuerit ad mensuram verbi pertingere, neque tractus fuerit a Deo, assistunt ei dæmones, et ostendunt ei de verbo illo quod ipsi volunt.
Ein Altvater sagte einstmals: Wann einem Bruder, der in seiner Zelle siht, ein Wort in den Sinn kommt, und er darüber nachdenkt, dasselbe aber nicht zu begreifen vermag, so kommen, wenn er nicht von Gott besonders geleitet wird, die Dämonen zu ihm und geben ihm von diesem Worte ein, was sie nur wollen.
Dicebant quidam senum: Quando congregabamur initio ad invicem, et loquebamur aliquid quod utile esset animabus nostris, efficiebamus seorsum et seorsum, et ascendebamus in cœlum; nunc autem congregamur, et in obtrectationibus occupamur et unus alterum trahimus in profundum.
Einige von den Vätern sagten einstmals: In unsern ersten Versammlungen sprachen wir von Dingen, die dem Heile unserer Seele ersprießlich waren, wir traten bei Seite und erhoben unsere Seelen in den Himmel; nun aber ist Verleumdung es, mit der wir uns absgeben, sobald wir zusammen kommen, und Einer stürzt den Andern in den Abgrund.
Dixit alter quidam Patrum: Si quidem interior homo noster sobrie agit, potest etiam exteriorem custodire; si vero non est ita, qua possumus virtute custodiamus linguam.
Ein Anderer von den Vätern pflegte zu sagen: Wenn unser innere Mensch vernünftig handelt, so kann er auch den äußern bewahren; ist aber dieß nicht der Fall, so sollen wir doch, so gut wir können, die Zunge bezähmen.
Item qui supra dixit: Opus spirituale necessarium est, quia in hoc venimus. Magnus enim labor est ore dicere quod non fit opere corporali.
Derselbe sprach auch: Geistliche Werke sind nothwendig; deßhalb sind wir in den Einsiedlerstand gekommen. Denn es ist eine eitle Mühe, etwas mündlich aussprechen und im Werke nicht erfüllen. श्र
Alter quidam Patrum dixit: Quia omnino oportet hominem habere intra cellam opus, quod laboret; si autem in opere Dei occupatur, venit ad eum diabolus die inter diem, sed non invenit locum in quo maneat. Si autem rursus dominando ei inimicus in captivitatem redegerit eum, venit iterum spiritus Dei frequenter; sed si nos ei non facimus locum propter malitiam nostram, discedit.
Ein Anderer von den Vätern sagte: Der Mönch soll in seiner Zelle stets eine Arbeit zu verrichten haben; wenn er dann im Gottesdienste sich beschäftiget, so kommt der Teufel täglich zu ihm, allein er findet keinen Platz zu seiner Wohnung in ihm. Bringt ihn aber der böse Feind durch Ueberwältigung in die Gefangenschaft, so kömmt entgegen auch der Geist Gottes oft zu ihm, allein wenn wir ihm wegen unserer Bosheit im Herzen keinen Platz machen, so entweicht er wieder.
Descenderunt aliquando monachi de Ægypto in Scythi, ut viderent seniores loci illius. Et cum vidissent eos extenuatos fame, de nimia abstinentia impatienter comedere, scandalizati sunt in eis. Hoc autem presbyter agnoscens, voluit sanare eos, et ita dimittere, et prædicavit in ecclesia plebi, dicens: Jejunate et extendite abstinentiam vestram, fratres. Volebant autem Ægyptii, qui illic venerant, discedere, et retinuit eos. Cum autem jejunassent primo aporiati sunt, fecerat enim eos biduo jejunare continuo. In Scythi autem habitantes jejunaverunt hebdomadam; et facto Sabbato, sederunt manducare Ægyptii cum senibus. Turbantibus autem se ad manducandum Ægyptiis, unus de senibus tenuit manus ejus, dicens: Cum disciplina manducate, quomodo monachi. Unus autem ex Ægyptiis repulit manus ejus, dicens: Dimitte me quia morior, tota hebdomada nihil coctum comedi. Et dixit ei senex: Si vos biduo intervallo manducantes ita defecistis, quare in fratribus scandalizati estis, qui semper hebdomadas eo ordine levando abstinentiam servant. Illi autem pœnitentiam coram eis egerunt, et ædificati in abstinentia eorum abierunt cum gaudio.
Es kamen einstmals von Aegypten Mönche in die Scythische Wüste, um die heiligen Väter dieser Gegend zu besuchen. Als sie, diese vom Hunger ausgezehrt und wegen zu starken Fastens so hastig essen sahen, ärgerten sie sich an ihnen. Der Priester des Ortes, der ihren Unwillen erkannte, wollte sie heilen und dann entlassen. Er predigte in dieser Absicht in der Kirche dem Volke und sprach: Fastet, o Brüder! und verläugnet euer Fasten. Als die Brüder, die von Aegypten waren, wieder fortgehen wollten, hielt er sie zurück. Sie fasteten ebenfalls, wurden aber sehr schwach; denn er ließ sie zwei Tage nacheinander fasten. Die Brüder der Scythischen Wüste fasteten die ganze Woche; am Samstage aber setzten sich die ägyptischen Mönche an den Tisch, um mit den Einsiedlern der Wüste zu essen. Da sich die Aegyptier ungestüm zum Essen hindrängten, hielt Einer von den Altvätern ihre Hände zurück und sprach: Esset doch mit Anstand, wie es Mönchen ziemt. Einer aber von den ägyptischen Mönchen stieß ihm die Hand zurück und sagte: Laß mich essen, ehe ich sterbe; denn ich habe die ganze Woche nichts Warmes gegessen. Der Altvater aber erwiederte ihm: Wenn ihr schon so entkräftet worden, da euer Fasten doch nur zwei Tage dauerte, warum habt ihr euch an den Brüdern geärgert, die immer eine ganze Woche fasten, und sich erst nach dem andern Tag ein wenig erquicken? Diese Rede beschämte sie dergestalt, daß sie in sich gingen, sich an dem strengen Leben der Brüder der Wüste höchst erbauten, und freudig ihre Heimreise antraten.
Frater quidam renuntians sæculo, et accipiens habitum monachi, statim reclusit se, dicens: Solitarius volo esse. Audientes autem vicini seniores, venerunt et ejecerunt eum, et fecerunt circuire cellas fratrum, et pœnitentiam coram singulis agere, et dicere: Ignoscite mihi, quia non sum solitarius, sed adhuc initium monachi nuper assumpsi.
Ein Bruder, welcher der Welt entsagte, zog den Habit eines Mönches an, schloß sich alsbald in einer Zelle ein und sagte: Ich will ein Einsiedler seyn. Als dieß den benachbarten Altvätern hinterbracht wurde, gingen sie zu ihm, nahmen ihn aus seiner Klause heraus und trugen ihm auf, in allen Zellen der Brüder herumzuziehen, sich vor allen zu demüthigen, seine Schuld zu bekennen und zu sagen: Verzeihet mir, ich bin kein Einsiedler, sondern noch ein Neuling, der erst unlängst den geistlichen Stand eines Mönches angetreten.
Dixerunt quidam senes: Si videris juvenem voluntate sua ascendentem in cœlum, tene pedem ejus, et projice eum in terram, quia non ita expedit ei.
Einige Väter pflegten zu sagen: Wenn du einen Jüngling siehst, der mit seinem eigenen Willen in den Himmel auffahrt, so ergreife ihn bei dem Fuße und wirf ihn auf die Erde, denn es ist ihm nützlicher.
Frater dixit cuidam seni magno: Abba, volebam invenire senem aliquem juxta voluntatem meam, et morari cum ipso. Et dixit ei senex: Bene quæris, domine meus. Ille autem affirmabat hujusmodi esse desiderium suum, non intelligens quod locutus est senex ille. Sed cum videret eum senex æstimantem quod bene sentiret, dixit ei: Ergo si invenis senem secundum voluntatem tuam vis manere cum eo? Et ille dixit: Etiam omnino hoc volo, si invenero secundum voluntatem meam. Dixit ergo ei senex: Non ut tu sequaris voluntatem senis illius, sed ut ille tuam voluntatem sequatur, et ita in eo repauses. Sensit autem frater ille quod dicebat, et surgens prostravit se ad pœnitentiam, dicens: Ignosce mihi, quia valde gloriabar, æstimans me bene dicere, cum nihil tenerem boni.
Ein Bruder sagte einstmals zu einem ansehnlichen Altvater: Vater, ich möchte gerne einen Einsiedler antreffen, der nach meinem Willen wäre; und bei einem Solchen möchte ich leben. Der Altvater erwiederte ihm: Du thust recht, mein Herr. Er fuhr fort in seiner Behauptung, daß dieß sein Verlangen wäre, merkte aber nicht, was der Altvater zu ihm gesagt hatte. Da der Altvater sah, daß der Bruder sich einbildete, er wäre recht daran, sprach er zu ihm: Wenn du nun einen Einsiedler nach deinem Kopfe fändest, wolltest du bei ihm bleiben? Er erwiederte: Ja, ich will bei ihm bleiben, wenn ich Einen finde, der nach meinem Willen ist. Der Altvater sprach: Gelt, du willst aber bei ihm bleiben, nicht daß du seinen Willen, sondern daß er deinen Willen erfülle, und daß es dir bei ihm wohl gehe? Der Bruder merkte den Sinn dieser Rede, deßhalb stund er auf, warf sich dem Altvater zu Füßen und sagte: Verzeihe mir, daß ich mich so hochmüthig rühmte und in der Einbildung lebte, wie gescheidt wohl meine Rede wäre, da sie doch nichts taugt.
Duo fratres carnales renuntiaverunt sæculo, quorum unus, qui ætate minor erat, primus cœperat conversari; et cum venisset apud eos quidam Patrum et applicuisset apud eos, posuerunt pelvim. Et venit qui minor erat ætate ut lavaret pedes seni, senex autem tenens manum ejus removit eum, et eum qui major ætate fuerat, fecit implere opus, quod primi in monasterio facere consueverant. Dixerunt autem ei astantes fratres: Abba, ille minor in conversatione primus est. Respondit eis senex: Et tollo primatum minoris, et trado ei qui ætate præcedit.
Zwei leibliche Brüder entsagten einst der Welt. Der Jüngere davon hatte zuerst den geistlichen Stand angetreten. Als nun einstmals Einer von den Vätern zu ihnen gekommen und bei ihnen Einkehr genommen, setzten sie ein Geschirr mit Wasser hin. Der Jüngere machte sich auf, dem Altvater die Füße zu waschen. Dieser aber nahm ihn bei der Hand und schob sie zurück und ließ den Aeltern dieses Werk verrichten, was im Kloster nur die Vornehmsten zu thun pflegen. Die umstehenden Brüder sagten hierauf zu ihm: Vater, der jüngere Bruder ist zuerst in den Orden getreten. Der Altvater aber gab ihnen zur Antwort: Ich nehme den Vorzug des Alters dem Jüngern und gebe ihn dem, der ihm an Alter vorgeht.
Dixit quidam senex: Prophetæ conscripserunt libros; patres autem nostri venerunt post eos, et operati sunt in eis plurima, et iterum successores illorum commendaverunt eos memoriæ. Venit autem generatio hæc quæ nunc est, et scripsit ea in chartis atque membranis, et reposuit in fenestris otiosa.
Ein Altvater pflegte zu sagen: Die Propheten haben Bücher verfaßt, unsere Väter, die nach ihnen kamen, haben darnach gelebt und gehandelt, und ihre Nachfolger haben sie ganz auswendig gelernt. Und nun kam das jetzige Geschlecht, schrieb die Bücher auf Papier und Pergament ab und steckte sie müßig an die Fenster.
Dicebat senex: Quia cucullum, quo utimur signum est innocentiæ; superhumerale quo humeros et cervicem alligamus, signum est crucis; zona vero qua cingimur, signum est fortitudinis. Conversemur ergo juxta id quod habitus noster significat, quia omnia cum desiderio facientes, nunquam deficiemus.
Ein Altvater sagte: Die Mönchskappe, der wir uns bedienen, ist ein Zeichen und Sinnbild der Unschuld, das Humerale, womit wir den Hals und die Schultern bewahren, bedeutet das Kreuz; der Gürtel, den wir umbinden, ist ein Sinnbild des Starkmuthes. Wollen wir daher nach der Bedeutung unserer Kleider leben. Thun wir alles mit Lust und Freude, so werden wir in unserm Berufe nie ermüden.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch V der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Pelagius, Diakon der römischen Kirche, in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 855–988, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers. · Übersetzung von Franz Sales Handwercher († 1853), Leben und Thaten der heiligen Altväter in der ägiptischen Wüste, Bd. 3–5, Regensburg, Manz, 1841–1843 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Überschriften, Vorreden und Anmerkungen des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % der Sprüche wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (5,4 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Danach wurden die Büchlein 11–18 vollständig Wort für Wort an den Scans korrigiert, die Büchlein 1–10 nach einer gezielten Fehlersuche; eine neue Zufallsstichprobe von 30 Sprüchen aus den Büchlein 11–18 ergab 0,6 Fehler pro 1 000 Wörter (behoben). Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden