Worte der Väter (Verba seniorum, Buch V)
Von der Geduld
De patientia.Von der Geduld.
Dicebant fratres de abbate Gelasio, quia habuerit Codicem in membranis valentem solidos decem et octo. Continebat vetus et novum Testamentum totum; et positus erat Codex ipse in ecclesia, ut qui vellet de fratribus legeret. Superveniens autem quidam frater peregrinus applicuit ad senem, et videns Codicem illum concupivit eum, et furatus eum exivit atque discessit. Senex vero non est secutus post eum ut comprehenderet eum, utpote qui intellexerat quod fecerat. Ille autem pergens in civitatem, quærebat cui venderet eum. Et cum invenisset qui volebat emere, cœpit solidos sedecim pretium ejus postulare. Ille vero volens comparare eum, dixit: Da mihi primum et ostendam eum, ut sic tibi pretium dabo. Dedit ergo ille Codicem ad ostendendum. Quem accipiens ille qui emere cupiebat, attulit eum ad abbatem Gelasium, ut probaret si bonus Codex esset, aut si tantum valeret. Dixerat enim ei et quantitatem, quam venditor postulabat. Et dixit senex: Eme illum, quia bonus Codex est, et valet pretium quod dixit tibi. Ille autem veniens dixit venditori aliter, et non sicut audierat a sene, dicens: Ecce ostendi illum abbati Gelasio, et dixit mihi quia charus est, et non valet quantum dixisti. Ille hoc audiens dixit ei: Nihil aliud tibi dixit senex? Et respondit: Nihil. Tunc dicit ei: Jam nolo vendere Codicem istum. Compunctus autem venit ad senem pœnitentiam agens, et rogans eum ut reciperet Codicem, senex autem nolebat accipere eum. Tunc dixit ei frater: Quia si non recipis eum, non possum securus esse. Et dixit ei senex: Si non potes esse securus nisi recipiam, ecce recipio eum. Et remansit frater ille apud eum usque ad exitum suum, proficiens de patientia senis.
Von dem Abte Gelasius erzählten die Brüder, daß er ein Buch von Pergament hatte, welches achtzehn Gulden werth war. Es enthielt das ganze alte und neue Testament. Dieses Buch lag in der Kirche, damit Jeder, wer nur immer von Brüdern wollte, darin lesen könnte. Zufällig kam eben ein fremder Bruder und kehrte bey dem Altvater ein; als er das Buch liegen sah, gelüstete ihn darnach, so daß er es entwendete, sich aufmachte und davon ging. Der Altvater aber eilte ihm nicht nach, um ihn einzuholen, obgleich er wußte, was geschehen war. Der Bruder ging in die Stadt, um sich einen Käufer für das Buch zu suchen. Als er einen gefunden hatte, begehrte er sechszehn Gulden für das Buch. Jener aber, der es kaufen wollte, sprach: Gieb mir zuerst das Buch, um es sehen zu lassen; sodann will ich dir den Preis zahlen. Er gab ihm demnach das Buch, um es sehen lassen zu können. Der Käufer trug es aber zum Abte Gelasius, damit er es prüfen möge, ob es ein gutes Buch oder so viel werth wäre. Er sagte ihm den Preis, den der Verkäufer verlangte. Der Altvater sprach: Kauf das Buch, es ist gut, und hat den Preis, den er dir angesagt. Allein Jener sagte dem Verkäufer ganz etwas Anderes, als er vom Altvater gehört hatte: Sieh, ich habe das Buch dem Abte Gelasius gezeigt, und er hat mir gesagt: es ist zu theuer und so viel nicht werth, wie du gesagt hast. Als der Dieb dieß gehört hatte, sprach er: Hat dir sonst der Altvater nichts Anderes gesagt? Jener antwortete: Nein. Sodann sagte er: Ich bin nimmer gesonnen, dieses Buch zu verkaufen. Gerührt ging er zum Altvater, bekannte seine Sünde, und bat ihn, das Buch wieder anzunehmen. Der Altvater wollte es aber nimmer annehmen. Dann sprach der Bruder zu ihm: Wenn du es nicht annimmst, kann ich nimmer ruhig seyn im Leben. Der Altvater erwiederte: Wenn die Ruhe deines Lebens von der Annahme des Buches abhängt, so will ich es annehmen. Und der Bruder blieb bey ihm bis zum Ende seines Lebens und erbaute sich sehr an der Geduld des Altvaters.
Factus est aliquando conventus in Cellis pro causa quadam, et locutus est quidam abbas Evagrius, et dixit ei presbyter monasteriorum: Scimus, abba Evagri, quia si esses in patria tua, forte aut episcopus fueras, aut multorum caput; nunc autem hic velut peregrinus es. Ille vero compunctus, non quidem turbulenter aliquid respondit, sed movens caput, respiciensque in terram, digito scribebat, et dixit eis: Revera ita est, Patres: verumtamen semel locutus sum, in Scripturis vero secundo nihil adjiciam.
Einsmals wurde in Cellia eine Versammlung der Brüder gehalten, gewisser Ursachen halber; als der Abt Evagrius dabei eine vortreffliche Rede gehalten, sagte der Priester jener Gegend zu ihm: Vater Evagrius! wenn du in deinem Vaterlande seyn würdest, wärest du vielleicht schon Bischof oder Vorstand über Viele; so aber bist du jetzt nur wie ein Fremdling. Betroffen hierüber wurde er zwar nicht unruhig, allein er schüttelte den Kopf, sah auf die Erde nieder, schrieb mit seinem Finger und sprach: Väter, es ist so; ich habe Einmal aus der heil. Schrift geredet, werde es aber nie mehr wagen zum zweiten Male etwas zu sagen.
Sedente aliquando abbate Joanne Brevi ante ecclesiam, circumdederunt eum fratres, exquirentes ab eo singuli de cogitationibus suis. Quidam autem senex hoc videns, accensus invidia dixit ei: Suriscula tua, abba Joannes, veneno est plena. Et respondit ei abbas Joannes: Ita est, abba. Hoc autem dixisti, quia ea quæ sunt foris tantummodo vides; si autem videres quæ intro sunt, quid esses dicturus?
Als einst der Abt Johannes, der Kurze, vor der Kirche saß, umgaben die Brüder ihn, und Jeder fragte ihn seiner Gedanken wegen. Kaum hatte dieß ein Altvater bemerkt, als er vom Neid entzündet zu ihm sagte: Dein Herz, Abt Johannes, ist voll Gift. Der Abt Johannes erwiederte ihm: Es ist so, o Vater, wie du sagst. Hast du schon so gesprochen, da du doch nur mein Aeußeres siehst, was würdest du erst sagen, wenn du in mein Inneres sähest.
Dicebant de Joanne Minore de Thebaida, qui fuit discipulus abbatis Ammonii, quia duodecim annos fecerit in ministerio, serviens seni in infirmitate ejus, et posthæc sedebat super mattam; senex vero contristabatur pro eo. Et dum multum laborasset cum eo, nunquam dixit ei: Sanus esto. Quando autem jam moriturus erat, residentibus senibus loci, tenuit manum ejus, et dixit: Sanus sis, sanus sis, sanus sis. Et tradidit eum senibus, dicens: Hic angelus est, non homo.
Von Johannes, dem Kleinen von der Thebaide, der ein Schüler des Abtes Ammonius war, erzählte man, daß er zwölf Jahre einem Altvater, der auf einer Matte lag, in seiner Krankheit, alle Wart und Pflege leistete. Der Altvater war seinethalben sehr bekümmert. Allein so viel Johannes auch mit ihm Mühe und Arbeit gehabt, so sprach er doch nie zu ihm: Wenn nur du nicht krank würdest! Als er aber sterben wollte und die Altväter der Gegend ihm beystunden, nahm er seinen Wärter bey der Hand und sagte: Vergelt's Gott! vergelt's Gott! vergelt's Gott! Und er empfahl ihn den Altvätern mit diesen Worten: Dieser ist ein Engel und kein Mensch.
Dicebant de abbate Isidoro, qui erat presbyter in Scythi, quia si quis habuisset fratrem infirmum, aut pusillanimem, aut injuriosum, et volebat eum expellere foris, ille dicebat: Adducite eum ad me. Et apprehendens eum, patientia sua curabat animam fratris illius.
Von dem Abte Isidor, der Priester in Scythi war, wurde erzählt: Wenn Jemand einen kranken, kleinmüthigen oder übelnachredenden Bruder hatte, und ihn fortjagen wollte, sprach er: Bringt ihn zu mir, und er nahm ihn auf und heilte durch seine Geduld die Seele des Bruders.
Abbas Macarius, in Ægypto positus, invenit hominem qui adduxerat animal, et rapiebat quæ habebat; ipse vero ut peregrinus astitit furi, et adjuvabat eum ad animal carricandum, et cum omni quiete deduxit eum, dicens in semetipso: Nihil intulimus in hunc mundum, sed Dominus dedit; sicut voluit ipse, ita factum est; benedictus in omnibus Dominus.
Der Abt Macarius, der in Aegypten wohnte, traf einstens bey seiner Zelle einen Menschen, der ein Kameel mit sich führte und ihm Alles raubte, was er hatte; er selbst aber verhielt sich gegen den Dieb so, als wenn er fremd wäre; er half ihm mit dem Gestohlenen das Thier beladen, begleitete ihn mit aller Ruhe fort und sprach bey sich: Wir haben nichts in diese Welt hereingebracht, sondern Gott hat es uns gegeben; wie er wollte, so geschah es; der Herr sey in Allem gepriesen. 1. Tim. 6.
Facta aliquando congregatione fratrum in Scythi, cum voluissent senes probare abbatem Moysen, contempserunt eum, dicentes: Ut quid iste Æthiops venit in medio nostrum? Ille autem audiens. tacuit. Cum vero dimissus fuisset conventus, dixerunt ei hi qui eum injuriose tractaverant: Nec modo non es turbatus? Et ille respondit: Turbatus sum, et non sum locutus.
Als die Brüder einstens in Scythi eine Versammlung gehalten und den Abt Moses prüfen wollten, da verachteten sie ihn und sprachen: Wie ist denn dieser Mohr in unsere Mitte gekommen? Er schwieg, als er dieses hörte. Nachdem die Versammlung geendigt war, sprachen Jene, die ihn so schmählich behandelt hatten, zu ihm: Bist du durch unser Reden nicht verwirrt worden? Er antwortete: Ich bin verwirrt worden, redete aber nicht. Psalm 67.
Paysius frater abbatis Pastoris habuit affectum cum quodam monacho ex cella sua; abbas autem Pastor nolebat hoc: qui consurgens fugit ad abbatem Ammonam, et dicit ei: Frater meus Paysius habet cum quibusdam affectum, quod ego non libenter fero. Dixit autem ei abbas Ammonas: Abba Pastor, adhuc vivis? Vade in cellam tuam, et pone in corde tuo, quia annum jam habes in sepulcro.
Paysius, der Bruder des Abtes Pastor, hatte mit einem Mönche aus seiner Zelle eine Feindschaft. Der Abt Pastor wollte dieß nicht dulden. Er machte sich daher auf und eilte zum Abte Ammona und sprach zu ihm: Mein Bruder Paysius hat immer mit Jemanden etwas zu thun; dieß kann ich nimmer leiden. Der Abt Ammona erwiederte ihm: Abt Pastor, lebst du noch? Gehe in deine Zelle und stelle dir vor, du liegest schon ein Jahr im Grabe.
Dixit abbas Pastor: Omnis labor quicunque evenerit tibi, ex taciturnitate superabitur.
Der Abt Pastor sagte: Jede Mühesal, die dir begegnet, wird durch Stillschweigen überwunden werden.
Quidam frater læsus ab alio fratre, venit ad abbatem Sisoi Thebævm, et dicit ei: Læsus sum a quodam fratre, et volo me vindicare. Senex autem rogabat eum, dicens: Noli, fili; sed dimitte magis Deo vindictam. Ille autem dicebat: Non quiesco donec meipsum vindicavero. Dixit autem senex: Oremus, frater. Et surgens dixit senex: Deus, jam te opus non habemus cogitare de nobis, quoniam nos ipsi vindictam nostram facimus. Hoc autem audiens frater, cecidit ad pedes illius senis, dicens: Jam non contendo cum fratre illo, sed, rogo, ignosce mihi.
Ein Bruder, der von einem Andern eine Kränkung erlitten, kam zum Abte Sisoi von Theben und sprach zu ihm: Ich bin von einem Bruder gekränkt worden und will mich rächen an ihm. Der Altvater bat ihn und sagte: Thue das nicht, mein Sohn, sondern überlaß vielmehr Gott die Rache. Er hingegen erwiederte: Ich werde nicht ruhen, bis ich an ihm Rache genommen habe. Der Altvater entgegnete ihm: Bruder, wir wollen miteinander beten. Und der Altvater stund auf und sprach: O Gott, es braucht's nimmer, daß du an uns denkest; denn wir können uns schon selbst an unsern Feinden rächen. Als aber der Bruder dieses hörte, fiel er dem Altvater zu Füßen und sprach: Verzeihe mir, ich verlange nicht mehr, mich an jenem Bruder zu rächen.
Quidam videns quemdam religiosum portantem mortuum in lecto, dicit ei: Mortuos portas? Vade, viventes porta.
Als Jemand einen Ordensmann einen Todten im Bette daher tragen sah, sprach er zu ihm: Du tragst einen Todten? Gehe hin und ertrage vielmehr die Lebendigen.
Dicebant de quodam monacho, quia quantum eum injuriis quis appetisset aut exacerbasset, tanto magis ille ad eum concurrebat, dicens: Quia hujusmodi homines causa corrigendi fiunt his qui in conversatione studiosi sunt. Nam qui eos beatificant, magis confundunt animas eorum. Scriptum est enim: Quia qui beatificant vos, seducunt vos.
Von einem Mönche wurde erzählt: Jemehr ihn Jemand geschmähet oder gelästert hatte, desto eher lief er ihm zu und sagte: Dergleichen Leute geben denen, die ein frommes Leben führen, Veranlassung zu ihrer Besserung. Denn Jene, die uns selig sprechen, beschämen uns vielmehr, weil geschrieben steht: die euch selig preisen, verführen euch. Is. 3, 12.
Venerunt aliquando latrones in monasterium senis, et dixerunt ad eum Omnia quæ in cella tua sunt tollere venimus. Et ille dixit: Quantum vobis videtur, filii, tollite. Tulerunt ergo quodcunque invenerunt in cella, et abierunt. Obliti sunt autem ibi saccellum, quod erat absconditum in cella. Senex vero tollens eum, secutus est post eos, clamans et dicens: Filii, tollite quod obliti estis in cella. Illi vero admirantes patientiam senis, retulerunt omnia in cella ejus, et pœnitentiam egerunt omnes, ad invicem dicentes: Hic vere homo Dei est.
Einsmals kamen Räuber in die Zelle eines Altvaters und sprachen zu ihm: Wir sind gekommen, dir Alles zu nehmen, was du in deiner Zelle hast. Er gab zur Antwort: Meine Kinder, nehmt, was euch beliebt. Sie nahmen nun Alles, was sie in der Zelle fanden und gingen davon. Sie übersahen aber dort einen Säckel, der in der Zelle verborgen war. Der Altvater nahm diesen Säckel, lief damit den Räubern nach und schrie: Kinder, da nehmt ihr, was ihr in der Zelle vergessen habt. Sie bewunderten die Geduld des Altvaters, trugen alles Entwendete wieder in die Zelle desselben zurück, thaten Alle Buße und sagten zueinander: Dieser ist wahrhaftig ein Mann Gottes.
Fratres quidam venerunt ad senem quemdam sanctum in deserto loco sedentem, et invenerunt foris extra monasterium puerum pascentem pecora, et loquentem verba quæ non decebat. Postquam autem viderunt senem, et indicaverunt ei cogitationes suas, et de responsione ejus se profecisse senserunt, dicunt ei: Abba, quomodo acquiescis habere tecum pueros istos, et non præcipis eis ne strinientur? Et dixit senex: Credite mihi, fratres, dies habeo, ex quo volo eis præcipere, et redarguo meipsum, dicens: Si hoc parum non portavero, quomodo majorem tentationem, si permiserit mihi Deus inferri, portare possum? Et propterea nihil eis dico, ut fiat consuetudo portandi quæ superveniunt.
Einige Brüder kamen einsmals zu einem heil. Altvater, der in der Wüste wohnte. Außerhalb dem Kloster trafen sie einen Knaben, der das Vieh hütete und ungebührliche Worte redete. Nachdem sie den Altvater besucht, ihn um ihre Gedanken befragt hatten, und sie sich durch seine Antwort sehr gestärkt fühlten, sprachen sie zu ihm: Wie kannst du denn solche Buben um dich haben? Und warum befiehlst ihnen nicht, ihre Schamlosigkeiten aufzugeben? Der Altvater gab zur Antwort: Glaubt mir, Brüder, schon seit einigen Tagen will ich ihnen dieses befehlen, allein immer bestrafe ich mich selbst wieder und sage: Wenn ich das Wenige nicht ertrage, wie will ich, wenn Gott eine größere Versuchung über mich kommen läßt, sie ertragen können? Deßhalb sage ich zu ihnen nichts, damit ich mich daran gewöhne, das Größere zu ertragen, was noch über mich kommen mag.
Narraverunt de sene quodam, quia habuerit puerulum cohabitantem secum; et videns eum, quia fecerit opus quod non expediebat ei, dixit ei semel: Non facias hanc rem. Et ille non obedivit ei. Hoc autem senex videns, abjecit de cogitatione sua curam illius, jactans proprium judicium super ipsum; puer vero clausit ostium cellæ, in qua erant panes, per tres dies, et dimisit senem jejunum, et non dixit ei senex: Ubi es, aut quid facis foris? Habebat autem vicinum senex: qui cum agnovisset, quia tardaret puerulus ille, fecit modicum pulmentum, et dabat ei per parietem, et rogabat ut gustaret, et dicebat seni: Quid tardat frater ille foris? Senex vero dicebat: Quando ei vacaverit, revertetur.
Von einem Altvater erzählte man, daß er einen Knaben bey sich hatte. Als er sah, daß derselbe etwas that, das ihm nicht ersprießlich war, sagte er zu ihm einmal: Du, dieß darfst du nicht thun! allein er folgte ihm nicht. Als der Altvater dieß bemerkte, sorgte er nimmer für ihn, sondern überließ ihn seinem eigenen Willen. Der junge Bruder aber schloß die Thüre der Zelle, worin das Brod war, drey Tage lang und ließ den Altvater Hunger leiden. Dieser entgegen sprach nie zu ihm: Wo bist du denn? Oder: Was thust du draußen? Es wohnte aber in der Nähe ein anderer Einsiedler. Als dieser in Erfahrung gebracht, daß der junge Bruder seinen Altvater so lange ohne Speise ließ, kochte er ihm ein kleines Muß und reichte es ihm durch ein Fenster mit der Bitte, es zu genießen. Und als er den Altvater fragte: Warum bleibt denn der junge Bruder so lange draußen? erhielt er zur Antwort: Er wird schon kommen, wenn es ihm gelegen ist.
Narraverunt aliqui quia philosophi quidam aliquando voluerunt probare monachos, et venit unus transiens stola indutus et bene vestitus. Et dixerunt ei philosophi: Tu veni huc. Ille vero indignatus, injuriis aggressus est eos. Transiit et alter unus monachus magnus, rusticus genere; et ipsi dixerunt ei: Tu, monache male senex, veni huc. Ille vero cursim venit. Et cœperunt ei alapas dare; ille autem convertit eis aliam maxillam. Statim vero illi surrexerunt philosophi, et adoraverunt eum, dicentes: Vere ecce monachus. Et fecerunt eum sedere in medio sui, et interrogaverunt eum, dicentes: Quid est quod plus facitis de nobis in solitudine ista? Jejunatis, et nos jejunamus; et castigatis corpora vestra, et nos castigamus; sed et quidquid facitis, etiam et nos facimus. Quid ergo plus facitis a nobis sedentes in eremo? Respondit eis senex: In gratia Dei speramus nos, et mentem nostram custodimus. Et illi dixerunt ei: Nos hoc custodire non possumus. Et ædificati dimiserunt eum.
Man erzählte: Einst wollten etliche Philosophen die Mönche prüfen. Als Einer derselben im langen Kleide vorüberging und wohlbekleidet war, sagten die Philosophen zu ihm: He du? da komm her! Dieser aber ward unwillig und züchtigte sie mit Schmähworten. Es ging auch ein anderer berühmter Einsiedler vorüber, der von gemeinen Bauersleuten abstammte. Als sie ihm gerufen: Du Mönch, alter Bösewicht, da komm her! ging er schnell auf sie zu. Da sie ihm Backenstreiche gegeben, hielt er ihnen auch die andere Wange hin. Sogleich aber erhoben sie sich auf dieses und bezeugten die tiefste Ehrfurcht und sagten: Seht, dieser ist wahrhaftig ein Mönch! Und sie ließen ihn in ihrer Mitte niedersitzen, fragten ihn und sprachen: Was thut ihr, die ihr in der Einsamkeit lebt, mehr als wir in der Welt? Ihr fastet, wir fasten auch, ihr züchtiget euern Leib, wir thun's auch, ja Alles, was ihr thut, das thun wir auch. Was thut ihr demnach in der Einsamkeit mehr als wir in der Welt? Und der Altvater gab ihnen zur Antwort: Wir hoffen auf die Gnade Gottes und bewahren unser Gemüth. Die Philosophen antworteten: Das können wir nicht thun. Sie erbauten sich an ihm und ließen ihn seines Weges fortgehen.
Senex quidam erat habens probatum discipulum, quem aliquando contristatus expulit foras. Ille vero discipulus exspectabat sedens foris; et aperiens senex invenit eum, et pœnitentiam egit apud eum senex, dicens: Tu Pater meus es, quia humilitas et patientia tua vicit pusillanimitatem animi mei. Veni intus, amodo enim tu senex et Pater, ego autem juvenis et discipulus quoniam opere tuo superasti meam senectutem.
Ein Altvater hatte einen bewährten Jungen. Als er einsmals über ihn zornig geworden, jagte er ihn aus der Zelle hinaus. Dieser aber blieb bey der Thüre draußen stehen und ging nicht davon, sondern wartete. Als aber der Altvater die Thüre aufmachte und ihn da noch traf, ging er in sich selbst und sprach: Du bist mein Vater; denn deine Demuth und Geduld hat meine Ungeduld und Kleinmüthigkeit besiegt. Komm herein, von nun an sollst du der Aeltere und Vater seyn, und ich will dein Jünger und Schüler seyn; denn du hast durch diese That in deiner Jugend mein Alter übertroffen.
Dicebat quidam senum quod audierit aliquos viros sanctorum dicere esse juvenes qui ducatum præbeant senibus in vita hac, et narraverunt, dicentes: quia erat quidam ebriosus senex, et operabatur unam mattam in die, et vendebat eam in vicino vico, et bibebat quod accipiebat de pretio ejus. Postea vero venit ad eum quidam frater, et manebat cum ipso, qui similiter operabatur et ipse mattam unam: tollebat autem eam senex et vendebat, et ambarum mattarum pretium expendebat in vino, illi autem fratri offerebat tantummodo modicum panem ad seram. Et cum hoc triennio jugiter faceret, nihil locutus est frater ille. Posthæc vero dixit frater ille in semetipso: Ecce nudus sum, et panem cum egestate comedo, surgam ergo et discedam hinc. Iterum autem cogitavit in semetipso, dicens: Ubi habeo ire? Sedeo hic; ego enim propter Deum sedeo in hac vita communi. Et statim apparuit ei angelus Domini, dicens: Nusquam discedas, veniemus enim cras ad te. Et rogavit frater ille senem illum ipsa die, dicens: Non discedas hinc alicubi, quia venient hodie mei tollere me. Cum ergo facta fuisset hora qua solebat senex descendere ad vicum, dixit fratri: Non venient hodie, fili; jam enim tarde est. Et ille dixit ei modis omnibus, quia venient: et dum cum eo loqueretur, dormivit in pace; senex autem flebat, dicens: Heu me, fili, quia multis annis sub negligentia vivo, tu autem in parvo tempore salvasti animam tuam per patientiam. Et ex illo die factus est senex sobrius et probatus.
Ein Altvater sagte, er habe von heiligen Männern erzählen hören, daß es Jünglinge gebe, die Altvätern als Wegweiser dienen können. Ihre Erzählung lautete wie folgt: Es war einmal ein Altvater, der dem Trunke sich ergab. Täglich verfertigte er eine Matte und verkaufte sie im benachbarten Dorfe, allein er vertrank den ganzen Erlös wieder. Nachhin kam ein Bruder zu ihm und wohnte bey ihm. Dieser arbeitete wie er und machte ebenfalls täglich eine Matte. Der Altvater nahm sie mit sich und verkaufte auch diese, verwendete aber den Preis von den beyden Matten auf den Wein und brachte am Abend dem Bruder nur ein wenig Brod heim. Drey Jahre beharrte der Altvater in solcher Ausschweifung und der Bruder sagte kein Wort dagegen. Er sprach nachher so zu sich selbst: Sieh, ich bin nackt und entblößt und esse in Dürftigkeit mein Brod; ich will mich daher aufmachen und davon gehen. Er dachte aber bey sich und sagte: Wo soll ich aber hingehen? Es kamen ihm aber bald wieder andere Gedanken, und er sprach: Hier bleibe ich wieder: denn ich habe mir ja um Gottes willen vorgenommen mit diesem Altvater ein gemeinschaftliches Leben zu führen. Während er so mit sich kämpfte, erschien ihm der Engel des Herrn und sprach: Gehe nirgends hin; denn Morgen werden wir zu dir kommen. Deßhalb ersuchte der Bruder den Altvater noch am selben Tage: Bleibe zu Hause; denn heute werden die Meinigen kommen, um mich abzuholen. Als die Stunde gekommen war, wo der Altvater in's Dorf zu gehen pflegte, sprach er zum Bruder: Mein Sohn, heute werden sie nicht kommen; denn es ist schon spät. Der Bruder aber blieb ganz auf seiner Meinung, daß sie kommen werden. Während er noch mit dem Altvater redete, entschlief er im Frieden. Der Altvater dagegen weinte und sprach: Ach, mein Sohn, viele Jahre schon lebe ich in Nachlässigkeit dahin, du aber hast in kurzer Zeit durch die Geduld deine Seele gerettet. Und von diesem Tage an ward der Altvater ein nüchterner und bewährter Mönch.
Dicebant de quodam fratre, qui seni cuidam magno vicinus erat, quia ingrederetur, et raperet quidquid haberet senex in cella sua. Videbat autem eum senex, et non objurgabat eum, sed extorquebat sibi plus solito manibus operari, dicens: Credo, opus habet frater iste. Et exigebat a se majorem solito laborem; et astringebat ventrem suum, ut cum indigentia comederet panem. Cum autem mori cœpisset senex ille, circumsteterunt eum fratres. Et respiciens in eum qui furabatur, dixit ei: Junge te huc ad me. Et tenuit et osculatus est manus ejus, dicens: Gratias ago istis manibus, frater, quia propter istas vado in regno cœlorum. Ille autem compunctus et pœnitentiam agens, factus est etiam ipse probatus monachus, exemplum sumens de actibus magni illius senis.
Von einem Bruder, der in der Nähe eines großen und berühmten Altvaters lebte, erzählte man, daß er in dessen Zelle ging und ihm Alles nahm, was er hatte. Der Altvater, der dieses sah, sagte kein Wort des Tadels über ihn, sondern befließ sich noch mehr als sonst zu arbeiten, und sagte: Vielleicht hat's mein Bruder vonnöthen. Er verdoppelte deßhalb seine Arbeit und fastete noch mehr und aß sich nicht einmal im Brode genug. Als aber dieser Altvater im Begriffe zu sterben war, und die Brüder um ihn herumstanden, da erblickte er unter ihnen auch den Dieb und sprach zu ihm: Komm her zu mir! Er nahm ihn bey der Hand, küßte sie und sagte: Ich danke diesen Händen; denn durch sie gehe ich ein in das Himmelreich. Der Bruder ward von dieser Rede sehr ergriffen, that Buße und wurde selbst ein ächter bewährter Mönch. Er nahm den Wandel und die Handlungen dieses Altvaters sich zum Beispiele für sein künftiges Leben.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch V der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Pelagius, Diakon der römischen Kirche, in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 855–988, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers. · Übersetzung von Franz Sales Handwercher († 1853), Leben und Thaten der heiligen Altväter in der ägiptischen Wüste, Bd. 3–5, Regensburg, Manz, 1841–1843 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Überschriften, Vorreden und Anmerkungen des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % der Sprüche wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (5,4 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Danach wurden die Büchlein 11–18 vollständig Wort für Wort an den Scans korrigiert, die Büchlein 1–10 nach einer gezielten Fehlersuche; eine neue Zufallsstichprobe von 30 Sprüchen aus den Büchlein 11–18 ergab 0,6 Fehler pro 1 000 Wörter (behoben). Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden