Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch V)

Von der Zerknirschung

De Compunctione.III. Büchlein.

1

Dicebant de abbate Arsenio quia toto tempore vitæ suæ sedens ad opus manuum suarum, pannum habebat in sinu propter lacrymas quæ crebro currebant ex oculis ejus.

Man erzählte von dem Abte Arsenius, daß er die ganze Zeit seines Lebens, wenn er dasaß und arbeitete, ein Tüchlein in seinem Schooße hatte, um die Thränen der Buße abzutrocknen, die von seinen Augen herabflossen.

2

Frater quidam interrogavit abbatem Ammonem. dicens: Dic mihi aliquod verbum. Dixit ei senex: Vade, et talem fac cogitationem tuam, sicut faciunt iniqui qui sunt in carcere. Illi enim interrogant homines: Ubi est judex, et quando veniet? et in ipsa exspectatione pœnarum suarum plorant. Ita et monachus debet semper suspectus esse, et animam suam objurgare, dicendo: Væ mihi, quomodo habeo astare ante tribunal Christi; et quomodo habeo ei actuum meorum reddere rationem? Si igitur semper sic meditatus fueris, poteris salvus esse.

Ein Bruder fragte den Abt Ammon und sagte: Gib mir eine gute Lehre. Der Altvater erwiederte ihm: Gehe hin und erwäge in deinen Gedanken: wie es die Uebelthäter machen, die im Kerker sind. Sie fragen die Leute: Wo ist der Richter und wann wird er kommen? Und sie weinen in der Erwartung ihrer Strafe. So soll auch ein Mönch nie in Sicherheit seyn, sondern immer seine Seele mit diesen Worten bestrafen: Wehe mir: wie werde ich vor dem Richterstuhle Christi bestehen; wie werde ich ihm Rechenschaft geben von meinen Handlungen? Denkest du stets darüber nach, so kannst du selig werden.

3

Dixit abbas Evagrius: Cum sedes in cella, collige ad te sensum suum, et memor esto diei mortis. Et tunc videbis corporis tui mortificationem. Cogita cladem, suscipe dolorem. Horreat tibi mundi istius vanitas. Esto modestus et sollicitus, ut possis semper in eodem quietis proposito permanere, et non infirmaberis. Memorare etiam eorum qui in inferno sunt. Cogita apud te ipsum quomodo sunt ibi modo animæ et in quam amaro silentio, aut in quo pessimo gemitu, vel in quali metu atque certamine, aut in quali exspectatione et dolore, et sine mitigatione infinitas lacrymas habentes animæ. Sed et diei resurrectionis memor esto, et illud divinum, horrendum, atque terribile imaginare judicium. Adduc ad medium repositam peccatoribus confusionem, quam passuri sunt in conspectu Christi et Dei, et coram angelis et archangelis, potestatibus, et universis hominibus; sed et supplicia omnia, ignem æternum, vermem immortalem, tartarorum tenebras, et super hæc omnia dentium stridores, et timores, et tormenta. Adduc etiam et bona quæ sunt justis reposita, fiduciam ante Deum Patrem et Christum ejus Filium, coram angelis et archangelis, et potestatibus, atque omni plebe; regnum cœlorum, et dona ejus, gaudium et requiem. Utrorumque horum commemorationem habe apud te, et super judicia quidem peccatorum ingemisce, plora, vestire luctuum imaginem, metuens ne et tu ipse in his corruas; super bona vero justis reposita, gaude, exsulta, et lætare. Et his quidem frui festina, ab illis vero effici alienus. Vide ne obliviscaris aliquando, sive intra cellam tuam sis, sive foris alicubi; et memoriam horum ne abjiciat mens tua, ut per hæc saltem sordidas et noxias cogitationes effugias.

Der Abt Evagrius pflegte zu sagen: Wann du in deiner Celle sitzest, so versammle dich in deinem Geiste und denke an den Tag des Todes. Dann wirst du die Abtödtung deines Leibes erlangen. Denke an jene Niederlage des Leibes, und stelle dir jetzt die Schmerzen des Todbettes vor. Die Eitelkeit dieser Welt jage dir heilsamen Schrecken ein. Sey bescheiden und bekümmert, deine Seele immer in ihrer Ruhe erhalten zu können, und du wirst nie einer Schwäche uns terliegen. Bringe auch Diejenigen, die in der Hölle sind, deiner Seele in's Andenken. Erwäge jetzt bei dir selbst, wie es jetzt den Seelen dort ergeht! Wie bitter sie da schreien, wie schrecklich sie seufzen; oder stelle dir vor, was die Seelen dort für eine Furcht und für einen Kampf haben; oder welche bange Erwartung und welch ein Schmerz sie durchdringt; und wie sie ohne Milderung unendliche Thränen weinen! Sey aber auch eingedenk des Tages der Auferstehung, und vergegenwärtige deinem Geiste jetzt schon jenes göttliche, schauerliche und schreckliche Gericht. Stelle dir vor die Beschämung, die den Sündern hinterlegt ist, und die sie leiden werden vor dem Angesichte Christi und Gottes, und vor den Engeln und Erzengeln, vor den Geistern, die man Mächte nennt, und vor allen Menschen insgesammt. Aber auch alle Strafen der Hölle sollen deinem Geistesauge nahen, das ewige Feuer, der Wurm, der nicht stirbt, die höllische Finsterniß, und zu allem Diesem das Zähnklappern, die Furcht und Qual der Ewigkeit. Führe auch deiner Erinnerung vor die Güter, die den Gerechten aufbewahrt sind; das kindliche Vertrauen vor Gott, dem Vater, und seinem Sohne Jesus Christus, vor den Engeln und Erzengeln, vor den geistigen Mächten und allem Volke; das Reich der Himmel und die Geschenke oder Gaben desselben, die Freude und Ruhe. Erwäge das Loos der Gerechten und Ungerechten bei dir; seufze über die Gerichte der Sünder mit weinenden Augen, umkleide dich mit dem Bilde der Trauer und sey nicht ohne Furcht, auch du möchtest in dieselbe Strafe fallen; freue dich aber über die Güter, die den Gerechten hinterlegt sind; deine Seele breche darüber in Jubel und Frohlocken aus. Bemühe dich, zum Genusse der Güter des Himmels zu gelangen und von den Banden des höllischen Gefängnisses deine Seele fern zu halten. Sieh zu, daß du dieses nie vergessest, du magst inner- oder außerhalb deiner Celle weilen. Nie komme das Andenken an die letzten Dinge des Menschen dir aus der Seele, damit du wenigstens hiedurch den unkeuschen und schädlichen Gedanken entfliehen mögest.

4

Dixit abbas Elias: Ego tres res timeo. Unam, quando egressura est anima mea de corpore; aliam quando occursurus sum Deo; tertiam, quando adversum me proferenda est sententia.

Der Abt Elias pflegte zu sagen: Drei Dinge fürchte ich: Eines ist, wann nämlich meine Seele vom Leibe scheiden soll; das andere, wann ich vor Gott erscheinen soll; das dritte, wann der ewige Richterspruch wider mich ergeht.

5

Sanctæ memoriæ Theophilus archiepiscopus cum moriturus esset, dixit: Beatus es, abba Arseni, quia semper hanc horam ob oculos habuisti.

Als der Erzbischof Theophilus, heiligen Andenkens, im Begriffe zu sterben war, sprach er: Selig bist du, o Abt Arsenius! weil du immer diese Stunde vor Augen gehabt.

6

Dicebant fratres quia manducantibus aliquando fratribus in charitate, risit unus frater ad mensam. Et videns eum abbas Joannes, flevit, dicens: Quid putas habet frater iste in corde suo, quia risit, cum debuisset magis flere, quia charitatem manducat.

Von einem Bruder erzählte man, daß er, während die Brüder einsmals in vertraulicher Liebe aßen, bei Tische gelacht habe. Als der Abt Johannes dieß sah, weinte er und sagte: Mein! was hat dieser Bruder in seinem Herzen, daß er lachte, da er vielmehr hätte weinen sollen, weil er das Almosen, die Liebesgabe ißt.

7

Dixit abbas Jacobus: Quia sicut lucerna obscurum cubiculum illuminat, ita timor Dei, si venerit in corde hominis, illuminat eum et docet omnes virtutes et mandata Dei.

Der Abt Jakobus pflegte zu sagen: Wie ein Licht ein dunkles Zimmer erleuchtet, so erleuchtet auch die Furcht Gottes ein Menschenherz, wenn sie in dasselbe kommt, und lehret alle Tugenden und Gebote Gottes.

8

Interrogaverunt quidam Patrum abbatem Macarium Ægyptium, dicentes: Quomodo corpus tuum, et quando manducas, et quando jejunas, siccum est? Et dixit eis senex: Sicut lignum in manu hominis, cum quo frutices in igne versantur atque reversantur, semper ab igne consumitur; ita si homo mundaverit mentem suam in timore Dei, ipse timor Dei etiam ossa ejus consumit.

Einige Väter fragten den Abt Makarius aus Aegypten, und sprachen: Wie ist dein Leib ein Mal wie das andere Mal so dürr und mager, du magst essen oder fasten? Der Altvater erwiederte ihnen: Wie ein Holz, womit man im Feuer das Gesträuch schürt und umkehrt, stets vom Feuer ausgedörrt und verzehrt wird, so verzehrt auch, wenn ein Mensch in der Furcht Gottes seine Seele gereinigt hat, eben die Furcht Gottes wie ein Feuer dessen Gebeine.

9

Miserunt aliquando senes de monte Nitriæ ad abbatem Macarium in Scythi, rogantes ut veniret ad eos; alioquin sciret omnem multitudinem, si ipse ad eos non veniret, ad ipsum esse venturam, quoniam desiderabant videre eum antequam migraret ad Dominum. Qui cum venisset in montem, congregata est omnis multitudo fratrum ad eum. Rogabant autem eum senes ut faceret verbum ad fratres. Ille autem lacrymans ait: Ploremus, fratres, et producant oculi nostri lacrymas, antequam eamus hinc, ubi lacrymæ nostræ corpora comburant. Et fleverunt omnes, et ceciderunt proni in faciem, dicentes: Pater, ora pro nobis.

Einsmals schickten die Altväter von dem Berge Nitria zum Abte Makarius in Scythi und ließen ihn ersuchen, er möchte zu ihnen kommen; käme er nicht, so sollte er wissen, daß die ganze Schaar der Brüder bei ihm sich versammeln würde; denn sie hatten ein sehnliches Verlangen ihn noch zu sehen, ehe er zum Herrn wanderte. Als er demnach auf den Berg gekommen war, versammelte sich die ganze Menge der Brüder bei ihm. Die Altväter baten ihn um ein Wort der Ermahnung an die Brüder. Er aber weinte und sprach: Laßt uns weinen, Brüder! Thränen der Buße sollen unsern Augen entströmen, ehe wir dahin kommen, wo unsere Thränen die Leiber verbrennen. Und Alle weinten und fielen nieder auf ihr Angesicht und sprachen: Vater! bitt für uns.

10

Præteriens aliquando abbas Pastor in Ægypto, vidit mulierem in monumento sedentem et flentem amare, et dixit: Si veniant omnia delectabilia mundi hujus, non transferent animam illius a luctu. Ita et monachus debet semper luctum habere in semetipso.

Der Abt Pastor sah einsmals auf seiner Reise durch Aegypten ein Weib, das am Grabe saß und bitterlich weinte, und er sprach: Wenn auch alle Ergötzungen dieser Welt sich ihr nahten, so könnten sie ihre Seele nicht von der Trauer wegbringen. So soll auch ein Mönch stets die Bußtrauer in sich selbst haben.

11

Alia vice transibat cum abbate Anub in partibus Diolci, et venientes circa monumenta, viderunt mulierem nimis cædentem se et flentem amare. Qui stantes intendebant in eam. Paululum autem procedentes, occurrerunt cuidam, et interrogavit eum abbas Pastor, dicens: Quid habet mulier ista, quod sic plorat amare? Dixit ei: Mortuus est maritus ejus, et filius, et frater. Et respondens abbas Pastor, dixit abbati Anub: Dico tibi, quia nisi homo omnes voluntates carnis suæ mortificaverit, et possederit luctum hunc, non potest monachus fieri. Tota enim vita mulieris istius et mens in luctu est.

Ein anders Mal ging er mit dem Abte Anub in die Gegend von Diolcos. Als sie an die Gräber kamen, sahen sie ein Weib, das sich sehr schlug und bitterlich weinte. Sie blieben stehen und schauten sie an. Indem sie aber ein wenig fortgegangen, da begegnete ihnen Jemand; diesen fragte der Abt Pastor und sagte: Was fehlt denn diesem Weibe, daß sie so bitterlich weint? Derselbe erwiederte: Es starb ihr der Mann, der Sohn und Bruder. Und der Abt Pastor antwortete und sprach zum Abte Anub: Wenn ein Mensch nicht alle Begierden seines Fleisches abtödtet und diese Trauer ans nimmt, so kann er kein Mönch werden. Denn das Leben und der Geist dieses Weibes ist ganz in Trauer versenkt.

12

Dixit iterum abbas Pastor: Luctus duplex est qui operatur, et custodit.

Wiederum sprach der Abt Pastor: Es gibt eine zweifache Trauer, eine, die das Gute wirkt, und eine andere, die das Gute bewahrt.

13

Frater interrogavit eum, dicens: Quid facio? Dicit ei: Quando venit Abraham in terram repromissionis, monumentum sibi comparavit, et per sepulcrum terram in hæreditatem percepit. Et dixit ei frater: Quid est sepulcrum? Et dixit senex: Locus flendi et lugendi.

Ein Bruder fragte diesen Abt: Was soll ich thun? Und derselbe antwortete und sprach: Als Abraham in das verheißene Land kam, kaufte er sich ein Grab, und durch das Grab bekam er das Land zum Erbtheil. Der Bruder aber sagte: Was ist das Grab? und der Altvater antwortete: Ein Ort des Weinens und Trauerns.

14

Sanctæ memoriæ Athanasius rogavit abbatem Pambo ut descenderet de eremo ad Alexandriam; qui cum descendisset, vidit ibi mulierem theatricam, et lacrymatus est. Interrogatus autem ab iis qui aderant, quare fuerit lacrymatus, ait: Duæ, inquit, res me moverunt. Una de illius perditione; alia, quia ego non habeo tale studium placendi Deo, quale habet ista ut hominibus turpibus placeat.

Athanasius, heiligen Andenkens, bat den Abt Pambo, er möchte von der Wüste nach Alexandria herabkommen. Als er herabgekommen, sah er dort eine Schauspielerin und weinte. Von den Anwesenden um die Ursache seines Weinens befragt, gab er zur Antwort: Zwei Dinge sind es, die mich zum Weinen bewegten: das Erste ist ihr Untergang; das Zweite aber ist, daß ich keinen solchen Eifer habe Gott zu gefallen, wie dieses Weib; denn sie befleißigt sich mehr den unreinen Menschen zu gefallen, als ich Gott.

15

Abbas Silvanus sedens aliquando cum fratribus, factus est in excessu mentis, et cecidit in faciem suam. Et post multum surgens plorabat. Et rogaverunt eum fratres, dicentes: Quid habes, Pater? Ille autem tacebat et flebat. Compellentibus autem eum, dixit illis: Ego ad judicium raptus sum, et vidi multos de habitu nostro euntes ad tormenta, et multos sæculares euntes ad regnum. Et lugebat senex, et nolebat deinceps exire de cella sua. Sed si exire cogebatur, operiebat capitio faciem suam, dicens: Quid necesse est videre lumen istud temporale, in quo nihil est utile?

Als der Abt Silvanus einstens bei den Brüdern saß, ward er im Geiste verzückt und fiel auf sein Angesicht nieder. Nach langer Zeit stand er auf und weinte. Die Brüder fragten ihn und sagten: Was fehlt dir denn, Vater? Er aber schwieg und weinte. Und als sie noch mehr an ihn drangen, sagte er zu ihnen: Ich ward entrückt vor das Gericht des Herrn; da sah ich Viele von unserm Stande zur Verdammung, und Viele von den Weltleuten in den Himmel gehen. Darüber trauerte nun der Altvater, und wollte nicht mehr aus seiner Celle gehen. Mußte er aber ausgehen, so bedeckte er mit seiner Kappe das Gesicht und sagte: Was hat man nöthig das Licht dieser Welt zu sehen, worin nichts Ersprießliches ist.

16

Dixit sanctæ memoriæ Syncletica: Labor est et magnum certamen impiorum qui convertuntur ad Deum, et postea inenarrabile gaudium. Sicut enim qui ignem accendere volunt, prius fumantur, et ex fumi molestia lacrymantur, sicque obtinent quod volunt. Etenim scriptum est: Quia Deus noster ignis consumens est: ita oportet et nos divinum ignem cum lacrymis atque laboribus in nobis ipsis accendere.

Die heilige Syncletica sagte: Die Gottlosen, die sich zum Herrn bekehren, haben Mühe und Arbeit und einen großen Kampf zu bestehen, darnach aber ärnten sie eine unaussprechliche Freude. Denn wie Jene, die ein Feuer machen wollen, zuvor beräuchert werden, und der lästige Rauch ihnen Thränen auspreßt, und sie so das erhalten, was sie wollen: (denn es steht geschrieben: unser Gott ist ein verzehrendes Feuer,) so müssen auch wir das göttliche Feuer mit Thränen, Mühe und Arbeit in uns selbst entzünden.

17

Dixit abbas Hyperichius: Nocte et die laborat monachus vigilans, in orationibus permanens; pungens autem cor suum producit lacrymas, et celerius provocat Dei misericordiam.

Der Abt Hyperichius pflegte zu sagen: Ein Mönch, der Tag und Nacht wacht, arbeitet und im Gebete beharrt, bewegt Gott nicht so schnell zur Erbarmung, als ein Anderer, der sein Herz zerknirscht und Thränen der Buße vergießt.

18

Applicuerunt fratres ad abbatem Felicem, habentes secum aliquos sæculares, et rogaverunt eum, ut diceret eis sermonem. Senex autem tacebat. Illis autem diutius rogantibus dixit ad eos: Sermonem vultis audire? Qui responderunt: Etiam, Pater. Dixit ergo senex: Modo non est sermo. Quando autem interrogabantur seniores, et faciebant fratres quæ dicebant eis, tribuebat Deus quomodo loquerentur. Nunc autem quoniam interrogant quidam, non autem faciunt quæ audiunt, abstulit Deus gratiam a senibus, ut non inveniant quid loquantur, quoniam qui operetur non est. Quæ cum audissent fratres, ingemuerunt, dicentes: Ora pro nobis, Pater.

Es kamen Brüder, die einige Weltleute bei sich hatten, zum Abte Felix, und baten ihn, er möchte ihnen etwas Erbauliches sagen. Der Altvater aber schwieg. Da sie nun noch mehr ihn darum ersuchten, sagte er zu ihnen: Wollt ihr eine Belehrung hören? Sie antworteten: Ja, Vater! Der Altvater sagte hierauf: Ich weiß jetzt Nichts zu sagen. Als die Altväter vor Zeiten noch befragt wurden und die Brüder thaten, was Jene ihnen sagten, da theilte Gott es ihnen mit, wie und was sie reden sollten. Jetzt aber, da Einige noch fragen, allein das nicht thun, was sie hören, nahm Gott diese Gnade den Altvätern, so daß sie Nichts mehr zu reden wissen, weil Niemand mehr das thut, was er hört. Als die Brüder dieses vernommen hatten, seufzten sie und sagten: Vater! bitt für uns.

19

Narraverunt de abbate Hor, et de abbate Theodoro, quia misissent caprinam pellem in cella sua, et dixerunt sibi adinvicem: Si nos visitaverit Deus modo, quid faciemus? Et flentes reliquerunt locum ex lateribus, et sic recesserunt in cellis suis.

Man erzählte von dem Abte Hor und dem Abte Theodor, daß sie Ziegenfelle in ihre Celle gebracht und zu einander gesagt: Wenn uns Gott jetzt heimsuchte, was wollten wir thun? Und sie verließen weinend den Ort, der aus Ziegelsteinen gemacht war, und zogen sich in ihre Cellen zurück.

20

Narravit quidam senex quod aliquis frater cum converti voluisset, et prohiberet mater sua, ille non quiescebat ab intentione sua, dicens: Salvare volo animam meam. Illa vero multum resistens, cum desiderium ejus impedire non posset, postea permisit. Abiens autem factus monachus sub negligentia vitam suam expendit. Contigit autem, ut mater ipsius moreretur; et post tempus aliquantum etiam ipse infirmatus est infirmitate magna. Et cum factus fuisset in excessu mentis, raptus est ad judicium, et invenit matrem suam cum his qui judicabantur. Illa autem ut vidit eum, obstupuit, et dixit: Quid est hoc, fili? Et tu in locum hunc condemnatus jussus es venire? Ubi sunt sermones tui, quos loquebaris, dicens: Salvare volo animam meam? Confusus autem in his quæ audierat, ipso dolore stupidus factus est, et stabat non habens quid matri suæ respondere posset. Juxta dispensationem autem misericordiæ Dei, posteaquam hæc vidit, contigit ut repararetur, et evaderet ab instanti infirmitate. Et cogitans apud se, divinitus factam esse hujusmodi visionem, includens se de cætero sedebat, et cogitabat de salute sua, pœnitens et plorans de his quæ egerat sub negligentia prius. Tanta autem erat intentio, ut cum multi eum rogarent indulgere sibi paululum, ne forte læsionem aliquam pateretur de fletu, quem supra modum effundebat, consolari noluit, dicens: Si improperium matris meæ sustinere non potui, quomodo Christi et sanctorum angelorum ejus adversum me confusionem potero in die judicii sustinere?

Es erzählte uns ein Altvater: Als ein Bruder sich bekehren wollte, und ihn hierin seine Mutter verhinderte, ließ er sich von seinem Vorhaben doch nicht abbringen, sondern sprach: Ich will meine Seele retten. Sie aber widerstand ihm sehr und erlaubte endlich, als sie sein Verlangen, ein Mönch zu werden, nicht hintertreiben konnte, die Ausführung dieses Entschlusses. Er ging fort, wurde ein Mönch, führte aber, leider, ein Leben voll der Nachlässigkeit. Es fügte aber sich darnach, daß seine Mutter starb, und er selbst nach einiger Zeit auch in eine große Krankheit fiel. In dieser ward er im Geiste entzückt und vor das Gericht Gottes geführt. Hier fand er seine Mutter unter denen, die gerichtet wurden. Als sie ihn erblickte, erstaunte sie und sprach: Was! ist das mein Sohn? Kommst auch du an diesen Ort: bist auch du verdammt? Wo sind deine Reden, die du sprachest, indem du sagtest: Ich will meine Seele retten? Beschämt in Anhörung dieser Worte, ergriffen vom Schmerze stund er da wie außer sich, ohne der Mutter antworten zu können. Aus Anordnung der göttlichen Barmherzigkeit aber kam er, nachdem er dieses gesehen, wieder zurück ins Leben und war von der gegenwärtigen Krankheit befreit. In Erwägung, daß dieses Gesicht ihm von Gott gegeben worden, verschloß er sich hinfür in seine Celle, betrachtete sein ewiges Heil, und that Buße, indem er die Fehltritte seiner vorigen Nachlässigkeit beweinte. Seine Inbrunst war so groß, daß Viele ihn baten, er möchte sich ein wenig schonen, um nicht von dem Weinen vielleicht einen Schaden sich zuzuziehen; denn er weinte über die Maßen und wollte sich nicht trösten lassen, indem er sagte: Wenn ich den Tadel meiner Mutter nicht aushalten konnte, wie werde ich die Beschämung Christi und seiner heiligen Engel wider mich am Tage des Gerichtes ertragen können?

21

Dixit senex: Si possibile esset in adventu Dei post resurrectionem præ timore interire animas hominum, omnis mundus moreretur a terrore atque formidine. Quale est enim videre cœlos scissos, et Deum revelatum cum ira et indignatione, et militias innumerabiles angelorum, et totum simul hominum genus intendere? Propter quod sic debemus vivere, utpote qui de singulis motibus nostris rationem exigendi simus a Deo.

Ein Altvater sprach: Wenn es möglich wäre, daß bei der Ankunft Gottes nach der Auferstehung die Seelen der Menschen vor Furcht zu Grunde gingen, so würde die ganze Welt vor Schrecken und Schauder sterben. Denn was ist das für ein Anblick, die Himmel aufgerissen, Gott geoffenbaret mit Zorn und Unwillen, die unzählbaren Kriegsheere der Engel, und zugleich das ganze Menschengeschlecht versammelt zu sehen!? Deßhalb müssen wir so leben, daß wir Gott Rechenschaft ablegen können über alle unsere Begierden und Bewegungen.

22

Frater interrogavit senem, dicens: Unde est, abba, cor meum durum, et non timeo Dominum? Dicit ei senex: Puto, quia si homo teneat in corde suo increpationem, possideat timorem. Dicit ei frater: Quid est increpatio? Dixit autem senex: Ut in omni re homo increpet animam suam, dicendo ei: Memor esto quia te oportet Deo occurrere. Dic autem et hoc: Quid volo ego cum homine? Existimo autem, quia si quis in his permaneat, venit et timor Dei.

Ein Bruder fragte einen Altvater und sprach: Woher kommt es, Vater, daß mein Herz so hart ist, und ich Gott nicht fürchte? Der Altvater erwiederte ihm: Ich glaube, wenn ein Mensch in seinem Herzen sich selbst bestrafte, so würde er die Furcht Gottes besitzen. Der Bruder sagte zu ihm: Was ist die Selbstbestrafung? Der Altvater erwiederte: Wenn ein Mensch in jeder Sache seine Seele bestraft, indem er zu ihr sagt: Sey eingedenk, daß du vor Gott erscheinen mußt. Sag aber auch dieses: was will ich mit diesem Menschen machen? Ich halte dafür, wenn Jemand dieses beharrlich thut, so kommt die Furcht Gottes in ihn.

23

Vidit senex quemdam ridentem, et dicit ei: Coram cœli et terræ Domino rationem totius vitæ nostræ reddituri sumus, et tu rides?

Ein Altvater sah Jemanden lachen und sprach zu ihm: Wir müssen vor dem Herrn des Himmels und der Erde Rechenschaft geben über unser ganzes Leben, und du lachest?

24

Dixit senex: Quemadmodum umbram corporum nostrorum ubique nobiscum circumferimus, sic debemus fletum et compunctionem habere nobiscum ubicunque sumus.

Ein anderer Altvater pflegte zu sagen: Wie wir den Schatten unserer Leiber überall mit uns herumtragen, so sollen wir auch die Thränen der Buße und den Geist der Zerknirschung, wo wir immer sind, bei uns haben.

25

Frater interrogavit senem, dicens: Abba, dic mihi aliquod verbum. Dicit ei senex: Quando percussit Deus Ægyptum, non erat domus non habens luctum.

Ein Bruder fragte einen Altvater und sprach: Vater, sage mir ein Wort der Belehrung. Der Altvater sprach zu ihm: Als Gott Aegypten schlug, war kein Haus ohne Trauer.

26

Frater interrogavit alium senem, dicens: Quid facio? Dicit ei senex: Flere debemus semper. Contigit enim quemdam senum mori aliquando, et post multam horam iterum in semetipsum reverti. Interrogavimus eum, dicentes: Quid vidisti ibi, abba? Et narravit nobis plorans: Audivi vocem illic lugubrem sine cessatione dicentem: Væ mihi, væ mihi. Sic et nos semper dicere debemus.

Ein Bruder fragte einen andern Altvater und sagte: Was soll ich thun? Der Altvater erwiederte: Wir müssen immer weinen. Es traf sich, daß einsmals Einer von den Altvätern starb, und nach etlichen Stunden wieder in's Leben zurückkehrte. Wir fragten ihn nun und sagten: Vater, was hast du dort gesehen? Und er erzählte uns mit weinenden Augen: Ich habe dort eine traurige Stimme gehört, die unaufhörlich rief: Wehe mir, wehe mir! So müssen wir auch immer rufen.

27

Interrogavit frater quidam senem, dicens: Quomodo desiderat anima mea lacrymas, sicut audio senes lacrymantes, et non veniunt, et tribulant animam meam? Et dixit senex: Filii Israel post quadraginta annos intraverant in terram repromissionis. Lacrymæ igitur sunt sicut terra repromissionis, ad quas si perveneris, jam non timebis bellum. Ita enim vult Deus affligi animam, ut semper desideret ingredi in terram illam.

Ein Bruder fragte einen Altvater und sagte: Wie ist das? Meine Seele sehnt sich nach Thränen, wie ich höre, daß die Altväter sie weinten, und sie kommen nicht; dieß betrübt meine Seele. Der Altvater gab ihm zur Antwort: Die Kinder Israels kamen erst nach vierzig Jahren in das verheißene Land. Thränen sind also wie das gelobte Land; gelangt man dahin, so hat man keinen Krieg mehr zu fürchten. So will denn Gott, daß eine Seele Trübsal leide, damit sie immer in sich ein Verlangen trägt, in jenes gelobte Land einzugehen.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch V der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Pelagius, Diakon der römischen Kirche, in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 855–988, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers. · Übersetzung von Franz Sales Handwercher († 1853), Leben und Thaten der heiligen Altväter in der ägiptischen Wüste, Bd. 3–5, Regensburg, Manz, 1841–1843 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Überschriften, Vorreden und Anmerkungen des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % der Sprüche wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (5,4 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Danach wurden die Büchlein 11–18 vollständig Wort für Wort an den Scans korrigiert, die Büchlein 1–10 nach einer gezielten Fehlersuche; eine neue Zufallsstichprobe von 30 Sprüchen aus den Büchlein 11–18 ergab 0,6 Fehler pro 1 000 Wörter (behoben). Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden