Abbatia
Sancti Petri
de Curte

Worte der Väter (Verba seniorum, Buch V)

Von der Enthaltsamkeit

De continentia.IV. Büchlein. Von dem Abbruche oder der Enthaltsamkeit.

1

Fratres aliqui volentes venire ad abbatem Antonium de loco Scythi, ingressi sunt navem, ut irent ad eum; et invenerunt in ipsa navi senem, qui idem ad Antonium ire volebat. Ignorabant autem fratres eum. Et sedentes in navi loquebantur sermonem Patrum, et de Scripturis, et rursus de opere manuum suarum. Ille autem senex per omnia tacebat. Cum autem venissent ad portum, agnoverunt et ipsum senem proficisci ad abbatem Antonium. Cum autem venissent ad eum, dicit eis abbas Antonius: Bonum comitem itineris invenistis senem hunc. Dixit autem et seni: Bonos fratres invenisti tecum, abba. Dixit ei senex: Boni sunt quidem, sed habitatio eorum non habet januam. Quicunque vult, intrat in stabulum, et solvit asinum. Hoc autem dicebat quia quodcunque eis ascendebat in cor, in ore loquebantur.

Einige Brüder, die von Scythi zum Abte Antonius reisen wollten, bestiegen ein Schiff, um auf dem Wasser zu ihm zu kommen. Sie trafen auf eben diesem Schiffe einen Altvater, der auch zum Antonius sich begeben wollte. Die Brüder aber kannten ihn nicht. Sie saßen im Schiffe und sprachen von der Lehre der Väter, von der heiligen Schrift und ihrer Handarbeit. Der Altvater aber schwieg zu Allem. Als sie im Hafen gelandet hatten, erkannten sie, daß auch er ein Altvater sey und zum heil. Antonius verlange. Der Abt Antonius sprach bei ihrer Ankunft zu ihnen: Ihr habt an diesem Altvater einen guten Reisegefährten gefunden. Und zu dem Altvater sagte er: Und du, mein Vater, hast gute Brüder mit dir hieher gebracht. Der Altvater gab ihm zur Antwort: Sie sind zwar gut, allein ihre Wohnung hat keine Thüre. Wer immer will, geht in den Stall hinein und löst den Esel los. Dieß aber sagte er, weil sie Alles sagten, was ihnen in's Herz kam.

2

Dicebat abbas Daniel de abbate Arsenio, quia noctem vigilans pertransiret. Tota enim nocte vigilabat, et quando volebat circa mane propter ipsam naturam dormire, dicebat somno: Veni, serve male, et subripiebat parum somni sedendo; et statim surgebat.

Der Abt Daniel sagte vom Abte Arsenius, daß er ganze Nächte wachend umherginge. Er wachte die ganze Nacht, und wann er gegen Morgen hin seiner schwachen Natur einen Schlaf gestatten mußte, sagte er zum Schlafe: Komm, du böser Gesell; und er genoß dann im Sitzen eines kurzen Schlafes, stund aber alsbald wieder auf.

3

Dicebat abbas Arsenius: Sufficit monacho, si dormierit unam horam, si tamen pugnator est.

Der Abt Arsenius pflegte zu sagen: Es ist genug für einen Mönch, eine Stunde zu schlafen, wenn er ein wahrer Kämpfer ist.

4

Dicebat de eo abbas Daniel: Quia tantis annis mansit nobiscum, et mensuram parvam victus dabamus ei in anno: et quoties veniebamus, exinde comedebamus et nos.

Es erzählte von ihm der Abt Daniel: Viele Jahre blieb er bei uns, und wir gaben ihm des Jahres nur ein geringes Maaß von Lebensmitteln, aßen aber, so oft wir zu ihm kamen, noch mit ihm von diesem geringen Vorrathe.

5

Dixit iterum, quod nisi semel in anno non mutabat aquam palmarum, sed tantum adjiciebat. Faciebat quoque plectam de ipsis palmis, et cusabat usque ad horam sextam. Interrogaverunt ergo eum seniores, cur non mutaret aquam palmarum, quæ fetebat. Et dixit eis: Pro thymiamate et odoribus unguentorum, quibus in sæculo usus sum, opus est uti me nunc fetore isto.

Wiederum sagte er von ihm, daß er im Jahre nicht mehr als einmal das Wasser ausleerte, worin er die Palmen einweichte, sondern nur immer wieder ein neues darauf schüttete. Er flocht auch Stricklein aus den Palmen, bis zur sechsten Stunde heftete er sie zusammen und machte dann Körbe daraus. Den Vätern gab er auf ihre Frage, warum er sein stinkendes Palmwasser nicht ausschüttete, zur Antwort: Ich muß für die Weichlichkeit des Rauchwerkes und für den Geruch der köstlichen Salben, deren ich mich in der Welt bediente, jetzt diesen Gestank leiden.

6

Iterum dixit: Quia quando audivit quod maturasset omne genus pomorum, dixit: Afferte mihi. Et gustavit semel tantum parum ex omnibus, gratias agens Deo.

Ferners erzählte er von ihm: Als er einsmals hörte, daß alles Obst reif sey, so sagte er: Bringt mir Aepfel. Er verkostete aber von Allem nur etwas Weniges und brachte Gott seinen Dank dar.

7

Dicebant de abbate Agathone: Quia per triennium lapidem in ore suo mittebat, donec taciturnitatem disceret.

Von dem Abte Agathon erzählte man, daß er drei Jahre einen Stein im Munde trug, um das Stillschweigen zu erlernen.

8

Aliquando iter agebat abbas Agathon cum discipulis suis. Et invenit unus ex eis parvum fasciculum cicerculæ viridis in via, et dixit seni: Pater, si jubes, tollo illud. Intendit vero senex, admirans, et dicit: Tu illud posuisti? Respondit ei ille frater: Non. Et dixit senex: Quomodo vis tollere, quod non posuisti?

Einst machte der Abt Agathon mit seinen Jüngern eine Reise. Einer von ihnen fand am Wege einen kleinen Bündel grüner Erbsen; und er sagte zum Altvater: Vater, wenn du willst, so nehme ich diesen. Der Altvater aber sah ihn mit Verwunderung an und sprach: Hast du ihn hingelegt? Der Bruder antwortete ihm: Nein! Nun, entgegnete der Altvater: Wie willst du ihn denn nehmen, wenn du ihn nicht hingelegt hast?

9

Venit aliquando quidam senum ad abbatem Achillem, et vidit eum jactantem sanguinem de ore suo, et interrogavit eum, dicens: Quid est hoc, Pater? Et dixit senex: Sermo est cujusdam fratris, qui me contristavit, et omnino conatus sum conservare illud apud me. Et deprecatus sum Deum ut auferretur a me, et factus est sermo ille sanguis in ore meo. Ecce exspui illum, et requievi, et dolorem illum oblitus sum.

Ein Altvater kam einsmals zum Abte Achilles und sah, wie er Blut aus seinem Munde ausspie; und er fragte ihn und sagte: Vater, was ist das? Und der Altvater erwiederte: Es ist die Rede eines Bruders, der mich betrübt hat; ich habe mir alle Mühe gegeben, dieselbe bei mir zu behalten. Auf meine Bitte nun, die ich deßhalb zu Gott sendete, ward diese Rede in meinem Munde zu Blut. Und sieh, seit ich dieses ausgespieen, habe ich wieder Ruhe, und vergessen ist der Schmerz.

10

Venit aliquando abbas Achilles in cellam abbatis Isaiæ, in loco Scythi, et invenit eum comedentem. Miserat enim in catinulo sal et aquam. Videns autem quia abscondit illud post plectas de palmis, dicit illi: Dic mihi quid manducabas? Ille respondit: Ignosce mihi, abba, quia palmas incidebam, et ascendi in cauma: et propterea intinxi modo buccellam in sale, et misi in ore meo; quia exaruerunt fauces meæ; et quia non descendebat buccella quam in ore meo miseram, propterea compulsus sum superfundere modicum aquæ in sale, ut vel sic possem glutire: sed ignosce mihi. Et dicebat abbas Achilles: Venite et videte Isaiam comedentem juscellum in Scythi. Si jus manducare vis, vade in Ægyptum.

Einst kam der Abt Achilles in die Celle des Abtes Isaias in Scythi. Er traf ihn eben als er aß. In seinem Schüßlein war nur Salz und Wasser. Als der Abt Achilles sah, daß er sein Essen hinter den aus Palmzweigen gemachten Stricken verbarg, sagte er zu ihm: Sag mir, was aßest du? Jener erwiederte: Verzeihe mir, Vater, ich habe Palmen gehauen und bin sehr erhitzt worden. Deßhalb habe ich jetzt mein Brod in's Salz getaucht und in den Mund genommen. Da aber vor Trockenheit des Schlundes der in den Mund genommene Bissen nicht hinabgehen wollte, ward ich genöthiget, ein wenig Wasser auf das Salz zu gießen, um es wenigstens so hinabschlucken zu können; allein ich bitte dich, Vater, verzeihe mir dieß. Und der Abt Achilles sprach: Kommt und seht, der Abt Isaias ist nur ein Süpplein in der Wüste Scythi. Willst du aber gar eine Suppe essen, so gehe nach Aegypten.

11

Dicebant de abbate Ammoy, quia ægrotaret, et in lecto plurimis annis decumbens, nunquam relaxavit animum suum, ut intenderet in interiora cellæ suæ, et videret quid haberet. Multa enim deferebantur ei velut infirmo; sed introeunte discipulo suo Joanne et exeunte, claudebat oculos suos, ne videret quid faciebat. Sciebat enim quia fidelis monachus esset.

Von dem Abte Ammoy erzählte man, daß er in seiner Krankheit, in der er sehr viele Jahre zu Bette lag, niemals sich erlaubte, in das Innere seiner Celle zu gehen, um zu sehen, was darin wäre. Man trug ihm in seiner Krankheit viel zu, allein er schloß, wenn sein Jünger Johannes aus- und einging, seine Augen, um nicht zu sehen, was er that. Denn er war von der Treue des Mönches überzeugt.

12

Dixit abbas Benjamin, qui erat presbyter in Cellis, quia cum applicuisset in Scythi ad quemdam senem, et voluisset ei dare modicum olei, ille ei dixerit: Ecce ubi jacet illud parvulum vasculum quod attulisti mihi ante tres annos; et quomodo posuisti illud, sic remansit. Audientes autem nos admirati sumus conversationem senis.

Der Abt Benjamin, der Priester in Cellia war, erzählte: Als ich in die Scythische Wüste zu einem Altvater gereiset und ihm ein wenig Oel geben wollte, sagte er zu mir: Sieh, dort steht jenes kleine Gefäß, das du mir vor drei Jahren gebracht. Es steht noch so da, wie du es hingestellt hast. Als wir dieses hörten, verwunderten wir uns über das Leben und den Wandel des Altvaters.

13

Narraverunt de abbate Dioscoro de Namisias, quia panis ei hordeaceus erat, et farina lenticulæ, per singulos annos ponebat sibi legem cujuscunque unius observantiæ: id est, aut non occurrere uno anno alicui, aut non loqui, aut non gustare aliquid coctum, aut non comedere aliquid pomorum, aut olera, et in omni opere suo ita faciebat. Et perficiens unumquodque sic aliud assumebat, et hoc per annos singulos faciebat.

Man erzählte von dem Abte Dioskorus von Namisias, daß er Gerstenbrod und Linsenmehl zu seiner Nahrung sich bediente. Alle Jahre machte er sich selbst ein Gesetz, etwas Gewisses zu halten, nämlich das Eine Jahr nahm er sich vor, Niemanden heimzusuchen, oder Nichts zu reden, ein anderes: nichts Gekochtes zu essen, oder kein Obst oder Gemüse zu verkosten. Und so verhielt er sich in allem seinem Thun und Lassen. Hatte er ein Werk vollendet, so nahm er wieder ein anderes zur Hand, und so machte er es alle Jahre.

14

Dixit abbas Evagrius, quia dixerit senex: Propterea amputo a me delectationes carnales, ut etiam iracundiæ occasiones abscindam. Scio enim eam semper adversum me pugnare pro delectationibus, et conturbare mentem meam, et intellectum meum expellere.

Es erzählte der Abt Evagrius, daß ein Altvater gesagt habe: Ich versage mir deßhalb die leiblichen Vergnügungen, um mir auch alle Gelegenheit zum Jähzorne zu benehmen. Denn ich weiß, daß er um der Ergötzungen des Fleisches willen immer wider mich kämpft, meinen Geist verwirrt, und meinen Verstand verdunkelt.

15

Misit aliquando Epiphanius episcopus Cyprius ad abbatem Hilarionem, rogans eum, et dicens: Veni, ut nos videamus, antequam de corpore exeamus. Qui cum venissent adinvicem, manducantibus eis allatum est de avibus quiddam; quod tenens episcopus, dedit abbati Hilarioni. Et dicit illi senex: Ignosce mihi, Pater, quia ex quo accepi habitum istum, non manducavi quidquid occisum. Et dixit ei Epiphanius: Ego autem ex quo accepi habitum istum, non dimisi aliquem dormire qui habebat aliquid adversum me, neque ego dormivi aliquid habens adversum aliquem. Et dicit ei senex: Ignosce mihi, quia tua conversatio major est mea.

Einsmals schickte Epiphanius, Bischof von Cypern, zum Abte Hilarion und ließ ihn bitten: Komm, damit wir uns nochmal einander sehen, ehe wir sterben. Als sie beisammen waren und aßen, wurden ihnen gebratene Vögel aufgetragen. Der Bischof legte von dieser Speise dem Hilarion etwas vor. Der Altvater aber entgegnete: Verzeihe mir, Vater! seit ich diesen Habit empfangen, aß ich Nichts, was geschlachtet worden. Und Epiphanius antwortete ihm: Und ich ließ, seit ich dieses Gewand trage, Niemanden ohne Versöhnung sich schlafen legen, der wider mich etwas hatte. Denn auch ich begab mich nie zur Ruhe, wenn ich noch wider meinen Nächsten einen Unwillen im Herzen hatte. Der Altvater erwiederte hierauf: Verzeihe mir, dein Wandel ist besser als der meinige.

16

Dicebant de abbate Elladio quia fecerit viginti annos in cella, et non levaverit oculos suos sursum, ut videret tectum ejus.

Von dem Abte Elladius erzählt man, daß er zwanzig Jahre in einer Celle gewohnt, und seine Augen nie so weit aufgethan, daß er das Dach seiner Celle gesehen hätte.

17

Abbas Zenon ambulans aliquando in Palæstina, cum laborasset, resedit ut manducaret juxta cucumerarium. Suadebat autem ei animus suus dicendo: Tolle tibi unum cucumerem, et manduca. Quantum autem est? Qui respondens cogitationi suæ dixit: Fures ad tormenta vadunt. Proba ergo teipsum in hoc, si potes ferre tormenta. Qui consurgens stetit in cauma quinque diebus, et defrigens seipsum in sole, dicebat quasi animus ejus ad seipsum: Non possum ferre tormenta. Dixit ergo ad animum suum: Si non potes portare tormenta, ergo non rapias ut manduces.

Der Abt Zenon reiste einstens in Palästina und setzte sich, als er müde geworden, nieder, neben einem Cucumerfeld, um zu essen. Es rieth ihm aber sein Geist und sagte: Nimm dir eine Cucumer und iß sie. Denn was liegt daran? Er antwortete seinen Gedanken und sagte: Die Diebe werden gefoltert und gestraft. So prüfe dich also zuvor, ob du die Pein der Strafen aushalten kannst! Er stund demnach auf, und stellte sich fünf Tage in die Sonnenhitze und ließ sich brennen und gleichsam dörren. Sein Geist aber sprach so zu sich selbst: Ich kann die Pein nicht aushalten. Deßhalb sagte er zu seinem Geiste: Wenn du diese Peinen nicht ertragen kannst, so begehe des Essens wegen keinen Diebstahl.

18

Dixit abbas Theodorus: Inopia panis tabefacit monachi corpus. Alter autem quidam senior dicebat: Quia vigiliis plus tabescit corpus.

Der Abt Theodor pflegte zu sagen: Der Mangel des Brodes macht den Leib eines Mönches mager. Ein anderer Altvater aber sprach: Noch viel mehr das Wachen.

19

Dixit abbas Joannes brevis staturæ: Quia si voluerit rex aliquis civitatem inimicorum tenere, prius aquam tenet et escas eorum qui sunt in civitate, et fame periclitantes tunc subjiciuntur ei; ita est et passio ventris. Si in jejunio et fame conversetur homo, inimici ejus, qui sollicitant animam ipsius, infirmantur.

Der Abt Johannes der Kleine sagte: Wenn ein König eine feindliche Stadt erobern will, so entzieht er zuvor den Bewohnern der Stadt Speise und Trank; denn von Hunger bezwungen, unterwerfen sie sich ihm; solche Bewandtniß hat es auch mit den Gelüsten des Fleisches. Wenn ein Mensch fastet und Hunger leidet, so werden die Feinde, die seine Seele anfechten, geschwächt und entkräftet.

20

Dixit iterum: Quia ascendens aliquando per viam, quæ ducit ad Scythi, cum plectis de palmis, vidi camelarium loquentem, et commoventem me ad furorem. Et ego dimisi quod portabam, et fugi.

Derselbe erzählte ferners: Als ich einsmals auf dem Wege ging, der zur Wüste Scythi führt, und Stricke trug, aus Palmzweigen geflochten, traf ich einen Cameeltreiber, der mit mir redete und mich zum Zorne reizte. Deßhalb legte ich meine Bürde nieder, die ich trug, und floh davon.

21

Dixit abbas Isaac presbyter Cellarum: Scio fratrem metentem in agro, qui voluit manducare spicam tritici. Et dixit domino agri: Vis manduco unam spicam? Ille audiens miratus est, et dixit ei: Tuus est ager, Pater, et me interrogas? In tantum autem scrupulosus erat memoratus frater.

Der Abt Isaac, der ein Priester in Cellia war, pflegte zu erzählen: Ich weiß einen Bruder, welcher auf einem Acker schnitt und eine Waizenähre essen wollte. Deßhalb sagte er zum Herrn des Ackers: Darf ich auch eine Aehre essen? Der Herr verwunderte sich darüber und sprach: Mein Vater! Der ganze Acker steht dir frei, und du fragest mich um Eine Aehre? So beängstiget war der erwähnte Bruder in seinem Gewissen.

22

Interrogavit quidam fratrum abbatem Isidorum seniorem Scythi, dicens: Quare te sic fortiter dæmones timent? Dixit ei senex: Ex quo factus sum monachus, studeo ne permittam iracundiam usque ad fauces meas ascendere.

Ein Bruder fragte den Abt und Altvater Isidor, der in der Wüste wohnte; und sprach: Warum fürchten denn die Teufel dich so sehr? Und der Altvater erwiederte: Seit ich ein Mönch geworden, bin ich bemüht, den Jähzorn nie bis zum Munde heraufkommen zu lassen.

23

Dixit iterum qui supra quadraginta annos esse ex quo sentiret quidem motum peccati in mente sua, nunquam tamen consentiret neque concupiscentiæ neque iracundiæ.

Ferners erzählte der erwähnte Abt von sich: Es sind jetzt vierzig Jahre, seit ich die Bewegung zur Sünde in mir empfinde, ich willigte jedoch nie ein, weder in die Begierlichkeit noch in den Jähzorn.

24

Narravit abbas Cassianus de quodam abbate Joanne quia fuerit apud abbatem Esium in summitate eremi habitantem, per annos quadraginta; et quia habebat circa ipsum multam charitatem, et per hanc charitatis fiduciam interrogavit eum, dicens: Tanto tempore sic remotus, et a nullo hominum molestiam patiens facile, dic mihi, quid profecisti? Et ille dixit: Ex quo cœpi solitarius esse, nunquam me vidit sol manducantem. Dixit autem ei abbas Joannes: Nec me irascentem.

Es erzählte der Abt Cassianus von dem Abte Johannes, daß dieser bei dem Abte Esius war, welcher vierzig Jahre in der obern Wüste wohnte. Weil er ihn sehr lieb hatte, erlaubte er sich im Vertrauen auf diese Liebe ihn zu fragen: Sag mir, sprach er, was hast du denn, so lange Zeit in der Wüste lebend und von keinem Menschen belästiget, für Fortschritte in der Vollkommenheit gemacht? Und er antwortete: Seit ich das Einsiedlerleben angefangen, sah mich die Sonne niemals essen. Und mich niemals zornig, entgegnete der Abt Johannes.

25

Dixit iterum: Quia narravit nobis abbas Moyses quod ei abbas Serapion dixit: Quia dum essem juvenis, et sederem cum abbate meo Theona et manducaremus, surgens a refectione, secundum opera diaboli rapui unum panem paximatem, et manducavi eum occulte, nesciente abbate meo. Cum ergo perseverarem aliquanto tempore hoc faciens, cœpit mihi ipsum vitium dominari, et non prævalebam meipsum retundere; sed solummodo adjudicabar a propria conscientia, et seni dicere confundebar. Contigit autem, secundum dispensationem misericordis Dei, ut quidam venirent ad senem utilitatis animæ suæ causa, et interrogabant eum de propriis cogitationibus. Respondens autem senex, dixit: Quia nihil sic noxium est monachis, et lætificat dæmones, quomodo si celent cogitationes suas spiritualibus Patribus. Locutus est autem eis et de continentia. Et cum hæc dicerentur, cogitans ego quia Deus revelavit seni de me, compunctus cœpi flere, ejeci paximatem de sinu meo, quem male consueram rapere, et prosternens me in pavimento, postulabam de præteritis veniam, et orationem pro cautela futurorum. Tunc dixit senex: O fili, liberavit te de captivitate ista, etiam me tacente, confessio tua, et dæmonem tenebrantem cor tuum per taciturnitatem nunc adversum teipsum confitendo interfecisti, quem hactenus dominari tibi permiseras, neque contradicens, neque aliquo modo increpans eum. Amodo autem nequaquam locum habebit in te, quippe qui ex corde tuo excussus est in aperto. Necdum autem finito sermone senis, ecce opere, quod dixit, apparuit, quia velut lampada ignis egressa est de sinu meo, et implevit totam domum fetido odore, ita ut putarent qui aderant, quia sulphuris plurimum fuisset incensum. Et dixit senex: O fili, ecce verborum meorum et liberationis tuæ per signum quod factum est, præstitit Dominus documentum.

Ebenderselbe sprach: Es erzählte uns der Abt Moses, daß der Abt Serapion zu ihm gesagt: Als ich noch ein Jüngling war und bei meinem Abte Theona wohnte, stund ich, so oft wir miteinander aßen, vom Tische auf, und nahm aus Eingebung des Teufels einen Zwieback und verzehrte ihn heimlich ohne Wissen meines Abtes. Nach dem ich einige Zeit in Ausübung dieser schändlichen That beharrte, fing das Laster an über mich Meister zu werden, und ich war nimmer mehr im Stande es abzulegen. Es verdammte mich mein eigenes Gewissen, allein ich schämte mich, dem Altvater die Sünde zu entdecken. Es fügte sich aber nach der weisen Anordnung des barmherzigen Gottes, daß einsmals Brüder, ihr Seelenheil zu befördern, zum Altvater kamen und ihn über die heimlichen Gedanken befragten. Der Altvater antwortete ihnen und sprach: Nichts ist den Mönchen schädlicher, und erfreut die Dämonen mehr, als wenn man seine Gedanken vor den geistlichen Vätern verbirgt. Er sprach aber auch von der Enthaltsamkeit. Während dieser Reden dachte ich: Vielleicht hat Gott dem Altvater über mich eine Offenbarung mitgetheilt? Zerknirscht und betroffen darüber, fing ich zu weinen an, zog den Zwieback aus meinem Busen, den ich bisher zu stehlen die böse Gewohnheit hatte, warf mich auf die Erde hin, bat um Vergebung meiner begangenen Fehltritte und flehte um ihr Gebet, daß ich in Zukunft davon bewahrt werden möchte. Dann sprach der Altvater: Dein Bekenntniß, o mein Sohn, hat dich, da auch ich schwieg, von dieser teuflischen Gefangenschaft befreit, und du hast den Dämon, der durch das Stillschweigen dein Herz verfinsterte, jetzt durch das Bekenntniß gegen dich selbst überwunden; bisher durfte er mit deiner Erlaubniß dich beherrschen, ohne daß du ein Wort dagegen sagtest oder ihn auf irgend eine Weise ausschaltest. Von nun an aber wird er keinen Platz mehr haben in dir, da er so offenbar aus deinem Herzen verstoßen worden. Noch hatte der Altvater seine Rede nicht beendiget, sieh, da zeigte sich in der Wirklichkeit, was er gesprochen. Eine Feuerflamme fuhr aus meinem Busen aus und erfüllte das ganze Haus mit solchem Gestank, daß die Anwesenden glaubten, es sey sehr viel Schwefel angezündet worden. Und der Altvater sprach: Durch das geschehene Zeichen gab Gott einen Beweis für die Wahrheit sowohl meiner Worte als deiner Befreiung.

26

Dicebant de abbate Macario, quia si vacavit inter fratres, ponebat sibi terminum, ut quando inveniebatur vinum, et propter fratres bibebat, et pro uno calice vini, die integra aquam non bibebat. Et fratres quidem volentes eum recreare, dabant ei vinum. Sed et senex cum gaudio sumebat, ut semetipsum postea cruciaret. Discipulus autem ejus sciens causam, dicebat fratribus: Propter Deum rogo, ne detis ei, quia in cella postea se cruciatu domat. Quod cognoscentes fratres, ultra ei vinum non dederunt.

Von dem Abte Macarius erzählte man uns, daß er sich das Gesetz gemacht, wenn er unter Brüdern war, und ihm dieselben Wein reichten, für jeden getrunkenen Becher Weines einen ganzen Tag kein Wasser zu trinken; denn wenn ihn die Brüder erfrischen wollten, so gaben sie ihm Wein. Aber auch der Altvater nahm ihn mit Freuden, um sich nachher wieder dafür zu peinigen. Sein Jünger, der dieses wußte, sagte zu den Brüdern: Ich bitte euch um Gottes willen, gebt ihm keinen Wein mehr; denn er bestraft sich nachher in der Celle wieder dafür. Als die Brüder dieses erfahren, gaben sie ihm keinen Wein mehr.

27

Abbas Macarius major in Scythi dicebat fratribus: Post missas ecclesiæ, fugite, fratres. Et dicit ei unus fratrum: Pater, ubi habemus fugere amplius a solitudine ista? Et ponebat digitum suum in ore suo, dicens: Istud est quod fugiendum dico. Et sic intrabat in cellam suam, et claudens ostium sedebat solus.

Macarius der Aeltere sagte in der Scythischen Wüste zu den Brüdern: Wann die Messen in der Kirche aus sind, so fliehet, Brüder. Und es fragte ihn Einer von den Brüdern: Vater, wo sollen wir denn von dieser Wüste hinfliehen? Der Abt legte seinen Finger auf die Zunge und sprach: Ich sage euch, diese habt ihr zu fliehen. Und so trat er in seine Celle, schloß die Thüre zu und blieb allein.

28

Dixit item abbas Macarius: Si aliquem increpare volens ad iracundiam commoveris, propriam passionem imples; non enim ut alium salves, teipsum perdas.

Eben dieser Macarius pflegte zu sagen: Wenn du Jemanden bestrafen willst, und wirst selbst zornig, so erfüllst du deine eigene Leidenschaft; denn du darfst dich nicht selbst zu Grunde richten, um einen Andern zu retten.

29

Dixit abbas Pastor: Nisi Nabuzardan archimagirus venisset, non concrematum fuerat templum Domini igne; ita et nisi quies gulæ et ventris venerit in animam, nequaquam mens corruit, pugnans contra inimicum.

Der Abt Pastor sagte: Wäre Nabuzardan, der oberste Mundkoch, nicht nach Jerusalem gekommen, so wäre der Tempel des Herrn nicht im Feuer verbrannt; so kann man auch sagen: käme die Ruhe der Trägheit und die Sinnlichkeit des Fraßes nicht in die Seele, so würde der Geist im Kampfe wider den Feind nie fallen.

30

Dicebant de abbate Pastore, quia dum vocatus fuisset ad manducandum, contra voluntatem suam ibat lacrymando, ne inobediens esset fratribus suis, et contristaret eos.

Man erzählte uns vom Abte Pastor, daß er, wann er zum Essen gerufen worden, wider seinen Willen und mit Thränen im Auge dazu ging, um den Brüdern nicht ungehorsam zu seyn und sie nicht zu betrüben.

31

Narraverunt quidam abbati Pastori de quodam monacho, qui non bibebat vinum. Et dixit eis: Quia vinum monachorum omnino non est.

Einige erzählten dem Abte Pastor von einem Mönche, daß er keinen Wein zu trinken pflege, und der Abt erwiederte ihnen: Den Mönchen gehört durchaus kein Wein.

32

Dixit iterum abbas Pastor: Quia sicut fumo expelluntur apes ut tollatur dulcedo operis earum, ita et corporalis quies timorem Domini expellit ab anima, et aufert ab ea omne opus bonum.

Ferners erzählte der Abt Pastor: Wie der Rauch die Bienen vertreibt und sie der Süße ihrer Arbeit — des Honigs nämlich — beraubt, so vertreibt auch die leibliche Ruhe die Furcht des Herrn von der Seele und beraubt sie aller guten Werke.

33

Narravit quidam senum de abbate Pastore et fratribus ejus, qui habitarent in Ægypto. Et cum desideraret mater eorum videre eos, et non posset, observavit una die; et euntibus illis ad ecclesiam, obtulit se eis. Illi autem videntes eam, converterunt se ad cellam, et intrantes clauserunt ostium in faciem ejus. Illa autem ad ostium stans, clamabat, plorans cum nimia miseratione. Audiens autem eam abbas Anub, intravit ad abbatem Pastorem, dicens: Quid faciemus vetulæ isti, ita ante ostium flenti? Surgens autem abbas Pastor, venit ad ostium, et intro stans, audivit eam plorantem miserabiliter nimis; et dixit: Quid sic clamas, vetula? Illa autem cum vocem ejus audisset, multo magis clamabat, plorans et dicens: Volo vos videre, filii mei. Quid est enim si videro vos? nunquid non sum mater vestra? aut non ego lactavi vos, et tota sum jam canis plena? Sed et audiens vocem tuam, turbata sum. Dicit ei senex: Hic nos vis videre, an in illo sæculo? Dicit ei: Et si non videro vos hic, videbo vos illic, filii! Dicit ei: Si potes æquanimiter ferre, ut hic nos non videas, videbis nos illic. Et ita discessit mulier, gaudens, et dicens: Si omnino visura vos ero illic, nolo vos videre hic.

Es erzählte uns Einer von den Altvätern von dem Abte Pastor und seinen Brüdern, welche in Aegypten wohnten. Als ihre Mutter sie sehen wollte, allein dazu die Erlaubniß nicht erhielt, so wartete sie eines Tages, bis sie zur Kirche gingen; nun ging sie ihnen entgegen; sie aber kehrten wieder in ihre Celle zurück beim Anblicke der Mutter, gingen in dieselbe hinein und schlossen die Thüre vor ihren Augen zu. Da blieb sie nun vor der Thüre stehen, schrie und weinte, daß es zum Erbarmen war. Als der Abt Anub sie hörte, ging er zum Abte Pastor und sprach: Was sollen wir mit der alten Mutter thun, die so vor der Thüre weint? Der Abt Pastor stund auf, ging zur Thüre und blieb innerhalb stehen; und da er hörte, wie sie so erbärmlich weinte, sprach er: Was schreist du so, Alte? Als sie aber seine Stimme gehört, schrie sie noch viel mehr, weinte und sprach: Euch will ich sehen, meine Kinder. Und was ist es denn für ein Verbrechen, wenn ich euch sehe? Bin ich nicht eure Mutter? Oder habe ich euch nicht an meiner Brust gesäugt und trage ich jetzt nicht lauter graue Haare? Und schon bei Anhörung deiner Stimme bin ich in Verwirrung gerathen. Der Altvater erwiederte ihr: Willst du uns hier sehen oder in jener künftigen Welt? Und sie entgegnete ihm: Wenn ich euch, meine Kinder, hier nicht sehen sollte, werde ich euch dort sehen? Und der Altvater antwortete ihr: Kannst du es mit Gleichmuth ertragen, daß du uns hier nicht sehest, so wirst du uns dort sehen. Und so ging das Weib freudig wieder heim und sprach: Wann ich euch dort gewiß sehen werde, so will ich euch hier nicht sehen.

34

Dicebant de abbate Pior, quia ambulando comederet. Et interrogante eum quodam quare sic manducaret, respondit se non hoc velut opus aliquod agere, sed velut quiddam superfluum uti. Alii autem de hoc interroganti respondit: Ut non vel in comedendo corporalem delectationem habeat anima.

Von dem Abte Pior erzählte man, daß er gehend sein Essen nahm; und als ihn Jemand darum fragte, warum er beim Essen sich nicht niedersetze, gab er zur Antwort, das Essen sey keine Arbeit, sondern, gleichsam etwas Ueberflüßiges. Einem Andern, der ihn ebenfalls darum befragte, gab er zur Antwort: daß die Seele auch sogar im Essen keine leibliche Ruhe oder Ergötzlichkeit suchen soll.

35

Dicebant de abbate Petro, cognomento Pronio, qui erat in Cellis, quia vinum non bibebat. Quando autem senuit, rogabant eum ut sumeret modicum vini. Qui cum non acquiesceret, tepefaciebant aquam, et ita ei offerebant, et dicebat: Credite mihi, filii, quia velut pro condito illud accipio. Et adjudicavit se tepida aqua esse contentum.

Von dem Abte Petrus, mit dem Zunamen Pyonius, der in der Wüste Cellia wohnte, erzählte man, daß er nie einen Wein getrunken. Als er aber alt geworden, baten ihn die Brüder ein wenig Wein zu nehmen. Da sie ihn dazu nicht bringen konnten, erwärmten sie ein Wasser und boten es ihm so dar, und er sagte zu ihnen: Glaubet mir, meine Kinder, ich nehme dieses laue Wasser wie gewürzten Wein zu mir. Also war er mit dem lauen Trunk Wassers zufrieden.

36

Facta est aliquando celebratio missarum in monte abbatis Antonii, et inventum est ibi modicum vini. Et tollens unus de senioribus parvum calicem, portavit ad abbatem Sisoi, et dedit ei; et bibit semel; et secundo accepit, et bibit: attulit etiam ei tertio; sed non accepit, dicens: Quiesce, frater, an nescis quia Satanas est?

Einsmals ward auf dem Berge des Abtes Antonius die heilige Messe gehalten und es war dort nur wenig Wein vorhanden. Und Einer von den Altvätern nahm einen kleinen Becher mit Wein, trug ihn zum Abte Sisoius und gab ihn demselben; und er trank einmal, und nahm auch den dargebotenen Trunk zum zweiten Male an; als aber der Altvater dem Abte Sisoius auch zum dritten Male den Becher anbot, nahm er ihn nicht an, sondern sagte: Bruder, laß es seyn; weißt du nicht, daß der Satan darinn ist?

37

Frater quidam interrogavit abbatem Sisoi, dicens: Quid facio? quia cum occurro ad ecclesiam, frequenter fratres pro charitate ad cibum retinent me. Dixit ei senex: Onerosa res est. Dicit ergo Abraham discipulus ejus: Si occurritur in Sabbato et Dominica ad ecclesiam, et biberit frater tres calices, ne multum est? Et dixit senex. Si non esset Satanas, non esset multum.

Ein Bruder fragte den Abt Sisoius und sprach: Was soll ich thun? wenn ich zur Kirche gehe, behalten mich oft die Brüder aus Liebe beim Essen. Der Altvater erwiederte ihm: Dieß ist eine beschwerliche Sache. Als ihn aber sein Jünger Abraham fragte: Wann ein Bruder am Samstag und Sonntag zur Kirche geht und eingeladen wird, und drei Becher trinkt, ist es zu viel? Der Altvater gab zur Antwort: Wenn nicht der Satan im Weine steckte, so wäre es nicht zu viel.

38

Frequenter dicebat abbati Sisoi discipulus: Surge, abba, manducemus. Ille autem dicebat: Quia adhuc non manducavimus, fili? Et ille respondebat: Non, pater. Dicebat autem senex: Si necdum manducavimus, affer, manducemus.

Oft sagte der Jünger des Abtes Sisoi zu seinem Meister: Abt, gehen wir zum Essen. Der Abt aber sagte: Mein Kind, haben wir denn noch nicht gegessen? Und wenn dann der Jünger sagte: Nein! Vater, so sprach der Abt: Wenn wir noch nicht gegessen haben, so bring uns etwas zum Essen.

39

Dixit aliquando cum fiducia abbas Sisoi: Crede, quia ecce triginta annos habeo quod non deprecor Deum propter peccatum, sed orans hoc dico: Domine Jesu Christe, protege me a lingua mea. Et usque nunc per singulos dies corruo per ipsam et delinquo.

Einsmals sprach der Abt Sisoi mit Vertrauen: Glaube mir, es ist schon dreißig Jahre, daß ich Gott nimmer wegen meiner Sünde um Verzeihung bitte, sondern, wann ich bete, sage ich so: O Herr Jesu Christe! beschütze mich vor meiner Zunge. Und bis auf heute falle ich alle Tage durch die Zunge, und sündige.

40

Venerunt aliquando abbas Silvanus et discipulus ejus Zacharias ad quoddam monasterium, et fecerunt eos gustare modicum antequam ambularent. Et exeuntibus eis, invenit discipulus ejus aquam in via, et volebat bibere. Dixit abbas Silvanus: Zacharia, jejunium est hodie. Cui ille dixit: Non manducavimus hodie, Pater? Dixit ei senex: Illud manducare, charitas fuit, nos autem teneamus jejunium nostrum, fili.

Der Abt Silvanus und sein Jünger Zacharias kamen einsmals zu einem Kloster, wo man ihnen eine kleine Labung anbot, ehe sie wieder weiter reisten. Als sie von da fortgingen, fand der Jünger Wasser am Wege und wollte trinken. Auf dieses bedeutete ihm der Abt Silvanus und sprach: Zacharias, heute ist ein Fasttag. Der Jünger erwiederte: Vater, haben wir denn nicht heute schon gegessen? Und der Altvater gab zur Antwort: Jenes Essen war Sache der Liebe; nun aber müssen wir, mein Kind, unsere Fasten wieder halten.

41

Dixit sancta Syncletica: Quia oportet nos, qui hujusmodi propositum sumpsimus, castitatem, quæ summa est, retinere. Etenim apud sæculares videtur castitas observari: sed adest ei et stultitia, propter quam aliis omnibus sensibus peccant; nam et aspiciunt indecenter, et rident inordinate.

Die heilige Syncletica pflegte zu sagen: Wir müssen, weil wir einen Ordensstand angenommen haben, die höchste Keuschheit beobachten. Denn auch die Weltleute beobachten, wie es scheint, die Keuschheit, allein noch mit Narrheit vereinigt, um welcher willen sie sich mit allen andern Sinnlichkeiten versündigen; denn sie schauen sich ungebührlich einander an und lachen unordentlich, d. h. ihre Blicke zielen auf Weichlichkeit, ihr Gelächter stammt von der Wollust ab.

42

Dixit iterum quæ supra: Quia sicut venenosa animalia acriora medicamenta a se expellunt, ita cogitationem sordidam jejunium cum oratione depellit ab anima.

Dieselbe Heilige pflegte zu sagen: Wie scharfe Medikamente giftige Thiere von uns vertreiben, so vertreibt auch das Fasten mit Gebet vereinigt den unkeuschen Gedanken von der Seele.

43

Dixit iterum: Non te seducant divitum hujus sæculi deliciæ, tanquam utile aliquid habentes in se. Etenim illi delectationis causa artem diverso modo condiendi cibos honorant: tu autem jejunio et abjectione ciborum abundantiam deliciarum illorum supergredere; sed nec satieris pane, nec desideres vinum.

Ferner sprach sie: Laß dich die Weichlichkeiten der Reichen dieser Welt nicht verführen, als wenn sie an sich ersprießlich wären. Denn sie halten der Ergötzlichkeit halber die Kunst, auf verschiedene Weise die Speisen zu würzen, in höchsten Ehren, du aber tritt durch Fasten und Verschmähung der Speisen den Ueberfluß ihrer Weichlichkeit mit Füßen, und sättige dich weder mit Brod, noch verlange Wein.

44

Dixit abbas Sisoi: Qui peregrinatio nostra est, ut teneat homo os suum.

Der Abt Sisoi pflegte zu sagen: Das ist unsere Pilgerfahrt, daß der Mensch seinen Mund bezähme.

45

Dixit abbas Hyperichius: Quia sicut leo terribilis est onagris, sic monachus probatus cogitationibus concupiscentiæ.

Der Abt Hyperichius sagte: Wie der Löwe den Waldeseln ein Schrecken ist, so ist auch ein bewährter Mönch den Gedanken der Begierlichkeit erschrecklich.

46

Dixit iterum: Jejunium frenum est monacho adversus peccatum. Qui autem abjicit jejunium, velut equus fervens desiderio feminæ rapitur.

Derselbe sagte auch: Das Fasten ist dem Mönche ein Zaum wider die Sünde; wer aber das Fasten verwirft, der wird wie ein hitziges Pferd von den Lüsten der Geilheit gegängelt.

47

Dixit iterum: Siccatum jejunio corpus monachi animam de profundo elevat, et siccat fistulas delectationum jejunium monachi.

Ferner sprach er: Der durch Fasten aufgetrocknete Leib eines Mönches erhöhet die Seele aus der Tiefe, und das Fasten eines Mönches trocknet die Fistel der fleischlichen Wollüste auf.

48

Dixit iterum: Castus monachus in terra honorabitur, et in cœlis corona ab Excelso coronabitur.

Wiederum sprach er: Ein keuscher Mönch wird auf Erden geehrt und im Himmel von dem Allerhöchsten gekrönt werden.

49

Idem ipse dixit: Monachus, qui non retinet linguam in tempore furoris, neque passionum corporalium retentor erit aliquando.

Derselbe sagte auch: Ein Mönch, welcher im Zorne, d. h. zur Zeit des Grimmes, seine Zunge nicht beherrscht, wird auch zur Zeit, wo sich die Fleischeslüste erheben, dieselben nicht bezähmen.

50

Dixit iterum: Verbum malum non proferat os tuum, quoniam vitis non affert spinas.

Abermals sprach er: Dein Mund soll kein böses Wort hervorbringen, weil kein Rebstock Dörner hat.

51

Dixit iterum: Bonum est manducare carnem et bibere vinum, quam manducare in obtrectatione carnes fratrum.

Hyperichius pflegte auch zu sagen: Fleisch essen und Wein trinken ist besser, als durch Ehrabschneidung das Fleisch der Brüder benagen.

52

Dixit iterum: Susurrans serpens ad Evam de paradiso ejecit eam. Huic ergo similis est qui proximo suo obloquitur; quoniam et audientis se animam perdit, et suam non salvat.

Wiederum sagte er: Die übelredende Schlange geht zur Eva und vertreibt sie aus dem Paradiese. Dieser Schlange ist demnach der ähnlich, welcher seinem Nächsten Uebles nachredet; denn er richtet die Seele dessen zu Grunde, der ihm zuhört, und macht die seinige nicht selig.

53

Facta est aliquando festivitas in Scythi, et dederunt seni in calice vinum; quod abjiciens, dixit: Tolle a me mortem istam. Quod videntes alii qui cum ipso edebant, nec ipsi biberunt.

In der Scythischen Wüste ward einsmals ein Festtag gehalten. Da gaben die Brüder einem Altvater einen Becher Wein; er aber stieß ihn von sich und sprach: Hinweg von mir mit diesem Tode. Als dieß Jene, die mit ihm aßen, gesehen hatten, tranken sie auch keinen Wein.

54

Alia vice allatum est ibi vasculum vini de primitiis, ut daretur fratribus ad singulos calices. Et introeunte quodam fratre, et vidente quia vinum acciperent, fugit in crypta, quæ crypta cecidit. Et cum audissent sonum, currentes invenerunt fratrem semianimem jacentem, et cœperunt eum objurgare, dicentes: Bene tibi contigit, quia vanam gloriam habuisti. Abbas autem refovens eum, dixit: Dimittite filium meum, bonum opus fecit. Et vivit Dominus quia non reædificabitur crypta hæc temporibus meis, ut cognoscat mundus, quia propter calicem vini cecidit crypta in Scythi.

Ein anderes Mal brachte man ein Fäßchen Wein dahin von den ersten Früchten, damit jeder Bruder davon einen Becher bekäme. Als aber ein Bruder hineinkam und sah, daß man Wein trinke, so floh er in die Gruft, die denselben Augenblick einstürzte. Die Brüder, die den Schall hörten, liefen herbei und fanden den Bruder halb todt im Schutte liegen. Sie tadelten ihn deßhalb und fragten: Gerade recht geschah dir, weil du eine eitle Ehre gesucht hast. Der Abt aber erquickte ihn wieder und sprach: Laßt meinen Sohn gehen; er hat ein gutes Werk gethan. So wahr der Herr lebt, so wird diese Gruft zu meiner Zeit nimmer aufgebaut werden, damit die Welt erkenne, daß wegen eines Bechers Weines in Scythi eine Gruft eingestürzt ist.

55

Ascendit aliquando presbyter de Scythi ad episcopum Alexandrinum. Et quando reversus est in Scythi, interrogaverunt eum fratres: Quomodo est civitas? Ille autem dixit eis: Credite mihi, fratres, ego ibi faciem hominis nullius vidi, nisi tantum episcopi. Illi autem audientes, mirati sunt et dixerunt: Quid putas facta est omnis illa multitudo? Presbyter vero refovit illos hæsitantes, dicens: Extorsi animum meum, ne intuerer faciem hominis. Ex qua relatione profecerunt fratres, et custodierunt se ab extollentia oculorum suorum.

Ein Priester reiste einstens von Scythi zum Bischofe nach Alexandria. Bei seiner Rückkehr in Scythi fragten ihn die Brüder: Wie sieht die Stadt aus? Er aber erwiederte ihnen: Glaubt mir, Brüder, ich habe dort außer dem Bischofe kein anderes menschliches Antlitz gesehen. Als sie dieß hörten, verwunderten sie sich und sagten: Wie ist dir denn die ganze Menge des Volkes vorgekommen? Der Priester, der sah, daß sie zweifelten an der Wahrheit seiner Aussage, sprach, um sie im Glauben zu bestärken: Ich habe mein Herz bezwungen, kein menschliches Angesicht mehr anzuschauen. Diese Erzählung erbaute die Brüder sehr, und sie hüteten sich vor einem zu freien Blicke ihrer Augen.

56

Venit aliquando quidam senex ad alium senem. Ille autem dixit discipulo suo: Fac nobis modicum lenticulæ. Et fecit. Et infunde nobis panes. Et infudit. Et manserunt sic usque ad aliam diem hora sexta, loquentes de spiritualibus rebus. Iterum dixit senex discipulo suo: Fac nobis modicum lenticulæ, fili. Ille respondit: Ab hesterno die feci. Et ita surgentes sumpserunt cibum.

Einsmals kam ein Altvater zu einem andern alten Einsiedler. Jener aber sagte zu seinem Jünger: Mach uns ein kleines Linsenmus. Und er that es. Sein fernerer Befehl war: Erweich uns Brod im Wasser. Und er that es. Und so blieben sie bis zur sechsten Stunde des andern Tages ungespeiset und redeten von geistlichen Sachen. Der Altvater sprach wiederholt zu seinem Jünger: Mach uns, mein Sohn, ein kleines Linsenmus. Dieser gab zur Antwort: Das habe ich gestern schon gethan. Nun stunden sie auf und nahmen Speise zu sich.

57

Alter quidam senex venit ad quemdam Patrum. Ille autem coxit modicum lenticulæ, et dixit: Faciamus opus Dei, et gustemus. Et unus quidem eorum complevit totum psalterium; alter vero ex corde duos prophetas majores lectoris ordine recitavit. Et facto mane discessit senex ille qui venerat, et obliti sunt sumere cibum.

Ein anderer Altvater kam zu Einem der alten Einsiedler. Er kochte eben sich ein wenig Linsen und sprach: Laßt uns zuerst Gottesdienst halten und dann essen. Einer von ihnen betete den ganzen Psalter, der Andere sagte zwei größere Propheten der Ordnung nach ganz auswendig her. Als es Morgen geworden, ging der Altvater wieder fort, wie er angekommen war; sie hatten vergessen, Speise zu nehmen.

58

Esuriit quidam frater a mane, et pugnavit cum animo suo, ne manducaret, donec fieret hora tertia. Et facta est hora tertia, exegit a se ut fieret sexta. Infudit panem et sedit, ut manducaret. Postea vero surrexit, dicens: Manebo sic usque ad horam nonam. Hora autem nona fecit orationem, et vidit opus diaboli sicut fumum exeuntem a se, et ita cessavit esuries ejus.

Einen Bruder hungerte schon des Morgens; allein er kämpfte im Geiste dagegen und beschloß, nicht zu essen, bis es drei Uhr würde. Es ward drei Uhr, und er verzog mit dem Essen bis sechs Uhr. Dann begoß er sein Brod mit Wasser und setzte sich zum Essen nieder. Allein bald nachher stund er wieder auf und sagte: Ich will so ungespeiset bis neun Uhr warten. Um die neunte Stunde aber verrichtete er sein Gebet und sah die Anfechtung des Teufels wie Rauch von sich ausgehen, und so wich der Hunger von ihm.

59

Infirmatus est quidam senum; et cum non posset sumere cibum multis diebus, rogabatur a discipulo suo ut fieret ei aliquid et reficeretur. Abiit autem et fecit de farinula lenticulam, et zippulas. Erat autem ibi vasculum pendens, in quo erat modicum mellis: et aliud in quo erat raphanelæum, et fetebat, quod tantum ad lucernam proficeret. Erravit autem frater, et pro melle de raphanelæo misit in pulmentum. Senex vero cum gustasset, nihil locutus est, sed tacitus manducavit. Compellebat autem eum adhuc manducare. Et extorquens sibi manducavit, et dabat ei tertio. Ille autem nolebat manducare dicens: Vere non possum, fili. Discipulus autem hortabatur eum, et dicebat: Bonum est, abba, ecce ego manduco tecum. Qui cum gustasset, et cognovisset quid fecerat, cecidit pronus in faciem, dicens: Væ mihi, Pater, quia occidi te, et tu peccatum hoc posuisti super me, quia non es locutus. Et dixit ei senex: Non contristeris, fili; si voluisset Deus, ut mel manducarem, mel habuisti mittere in zippulas istas.

Ein Altvater wurde krank, und da er viele Tage nichts mehr essen konnte, bat ihn sein Jünger, er sollte sich doch etwas kochen lassen, um sich damit zu erquicken. Der Jünger ging demnach hin und kochte ein Linsenmus und machte Küchlein. Es hing aber in der Küche ein Gefäß, worin ein wenig Honig war, und ein anderes, worin stinkendes Oel sich befand, das nur zum Brennen mehr gebraucht werden konnte. Der Bruder aber goß aus Versehen statt des Honigs stinkendes Oel in das Linsenmus. Als nun der Altvater diese Speise zu verkosten anfing, sagte er kein Wort von dem gemachten Fehler, sondern aß ruhig fort. Der Bruder nöthigte ihn aber, noch mehr zu essen. Auf dieses Zureden hin bequemte sich der Altvater, noch etwas zu essen; als aber der Bruder die Speise zum dritten Male darbot, wollte der Altvater nicht mehr essen, sondern sagte: Wahrlich, ich kann nicht mehr essen, mein Kind! Der Jünger aber sprach ihm ferner zu und sagte: Es ist eine gute Speise, Vater, ich esse auch mit dir. Kaum aber hatte er sie versucht, als er seinen gemachten Fehler bemerkte. Er fiel auf sein Angesicht nieder und sagte: Weh mir, Vater, denn ich habe dich getödtet, und du hast diese Sünde über mich gebracht, weil du nichts gesagt hast. Und der Altvater erwiederte ihm: Mein Sohn, betrübe dich nicht; hätte Gott gewollt, daß ich Honig essen sollte, so hätte Er es gefügt, daß du Honig genommen, das vor dir dahing, und es in diese Speise gethan hättest.

60

Narraverunt de sene quodam, qui desideravit aliquando manducare cucumerem. Quem cum accepisset, appendit eum prius ante oculos suos. Et cum non esset victus desiderio, domans seipsum pœnitentiam agebat, vel quia omnino desiderasset.

Man erzählte von einem Altvater, daß er einmal eine Begierde bekommen, eine Cucumer zu essen. Als er sie bekommen hatte, hing er dieselbe noch zuvor, ehe er sie aß, vor seinen Augen auf. Da ihn die Begierde nicht überwunden hatte, bezähmte er sich selbst und that Buße darüber, daß er auch nur darnach ein Verlangen geäußert hätte.

61

Frater aliquando abiit visitare sororem suam in monasterio ægrotantem. Erat autem fidelissima. Et non acquiescens aliquando videre virum, neque occasionem dare fratri suo ut propter illam veniret in medio feminarum, et mandavit fratri suo: Vade, frater, ora pro me, quia cum gratia Christi videbo te in regno cœlorum.

Ein Bruder ging einsmals aus, seine Schwester zu besuchen, die in einem Kloster krank lag. Sie war sehr gottesfürchtig und treu. Sie erlaubte sich nie, eine Mannsperson anzusehen und wollte auch dem Bruder keine Gelegenheit geben, mitten unter Weibspersonen zu kommen; darum ließ sie demselben sagen: Bruder, gehe wieder fort und bete für mich; mit der Gnade Christi werde ich dich im Reiche der Himmel sehen.

62

Monachus occurrit ancillis Dei in itinere quodam. Quibus visis divertit extra viam. Cui dixit abbatissa: Tu si perfectus monachus esses, non respiceres nos sic, ut agnosceres quia feminæ eramus.

Ein Mönch begegnete auf einer Reise einigen Klosterjungfrauen. Sobald er sie erblickt hatte, wich er vom Wege ab; da sagte dann die Aebtissin zu ihm: Wenn du ein vollkommener Mönch wärest, so hättest du uns nicht so angeblickt, um zu erkennen, ob wir Weibspersonen wären.

63

Intraverunt aliquando fratres in Alexandriam invitati a Theophilo archiepiscopo, ut præsentibus his facta oratione templa destrueret paganorum. Et manducantibus eis cum archiepiscopo, ministratæ sunt carnes vitulinæ, et manducabant nihil discernentes. Et accipiens archiepiscopus unum copadium, dedit juxta se recumbenti seni, dicens: Ecce istud bonum copadium est, manduca, abba. Illi autem respondentes dixerunt: Nos usque modo credebamus, quia olera manducaremus. Nam si carnes sunt, non manducamus. Et ultra nemo ex eis acquievit gustare.

Es kamen einsmals einige Brüder in die Stadt Alexandria, da sie vom Erzbischof Theophilus dahin berufen worden, damit er in ihrer Gegenwart nach verrichtetem Gebete die heidnischen Tempel zerstörte. Als sie mit dem Erzbischofe speisten, wurde Kalbfleisch aufgetragen; sie aßen, ohne auf die Speise zu merken. Der Erzbischof nahm ein Stücklein und gab es dem neben ihm sitzenden Altvater mit den Worten: Sieh, dieses ist ein gutes Stück; iß, Vater! Sie aber gaben ihm zur Antwort: Wir glaubten bisher Gemüs zu essen; wenn es Fleisch ist, so essen wir es nicht. Und Keiner von ihnen wollte mehr von dem Fleische etwas verkosten.

64

Frater quidam attulit panes recentes in cellam et invitavit ad mensam seniores. Et cum manducassent singulos paximates, pausaverunt. Frater vero sciens laborem abstinentiæ eorum, cœpit cum humilitate supplicare, dicens: Propter Deum manducate hodie donec satiemini. Et manducaverunt alios denos paximates. Ecce igitur quantum supra quam opus erat, manducaverunt propter Deum veri monachi et simpliciter abstinentes.

Ein Bruder brachte frisches neugebackenes Brod in die Celle und lud die Altväter zu Gast. Da Jeder sein Brod gegessen hatte, setzten sie eine Zeit aus. Der Bruder aber, der ihre große Abtödtung im Fasten kannte, bat sie demüthig, und sagte: Esset um Gotteswillen euch heute satt. Und sie aßen noch andere zehn Brode. Sieh, wie viel wahre und im strengen Fasten sich übende Mönche Mehreres aßen als nöthig war.

65

Ægrotavit quidam senum aliquando in magna infirmitate, ita ut de visceribus multum sanguinis egereret. Et attulit quidam frater nixas siccas, et fecit pultes, et misit eas ibi, et obtulit seni, et rogabat eum, dicens: Comede, quia forte expedit tibi. Intuens autem in eum senex diutius, dixit: Vere dico, quia volebam ut me dimitteret Deus in hac infirmitate esse alios triginta annos. Et nullo modo acquievit senex in tali ægritudine vel modicum sumere cibum, ita ut tolleret frater quod apportaverat, et rediret ad cellam suam.

Einer von den Altvätern fiel einsmals in eine große Krankheit, so daß er viel Blut brechen mußte. Ein Bruder brachte ihm nun dürre Pflaumen, machte ein Mus daraus, stellte es vor den Altvater hin und bot es ihm an mit diesen Worten: Vater! iß; es ist dir sehr nützlich. Der Altvater aber schaute lange ihn an und sprach: Ich sage dir in Wahrheit, ich wünschte, Gott ließe mich noch andere dreißig Jahre in dieser Krankheit leiden. Und auf keine Weise ließ sich der Altvater herbei, in seiner großen Krankheit auch nur ein wenig Speise zu nehmen, so daß der Bruder, was er mitgebracht, wieder nehmen und so in seine Celle zurückkehren mußte.

66

Alter senex sedebat longe in eremo, et contigit fratrem venire ad eum, et invenire eum infirmantem. Qui lavans ejus faciem, fecit ei refectionem ex his quæ attulerat. Quod cum vidisset senex, dixit: Vere, frater, oblitus fueram, quia haberent homines de cibo solatium. Obtulit etiam ei calicem vini. Quod cum vidisset, ploravit, dicens: Non sperabam me usque ad mortem bibiturum vinum.

Ein anderer Altvater wohnte weit in der Wüste, und es begab sich einmal, daß ein Bruder zu ihm kam und ihn eben traf, als er krank war. Dieser wusch ihm das Angesicht, und machte ihm aus dem, was er mitgebracht, eine erquickende Speise. Als dieses der Altvater sah, sprach er: Wahrhaftig, Bruder, ich hatte vergessen, daß die Menschen einen Trost an dem Essen hätten. Er bot ihm auch einen Becher Wein an. Bei dem Anblicke desselben weinte er und sagte: Ich hoffe nicht mehr vor meinem Tode noch Wein zu trinken.

67

Statuit quidam senex ut quadraginta diebus non biberet. Et si quando fiebat cauma, lavabat surisculam, et implebat eam aqua, et appendebat eam ante oculos suos. Qui cum interrogaretur a fratribus quare hoc faceret, respondit, dicens: Ut cum videns quod desiderabam, non gustavero, majorem ardorem sustineam, et propter hoc majorem mercedem a Domino consequi merear.

Ein Altvater beschloß, vierzig Tage nicht mehr zu trinken. Als nun der Durst sehr groß und heiß geworden, wusch er seinen Krug sauber aus, füllte ihn mit Wasser an und hing ihn vor seine Augen hin. Da die Brüder ihn um die Ursache fragten, warum er dieses thäte, gab er zur Antwort: Damit ich, wann ich das sehe, wornach mich so sehr verlangt, aber nicht verkoste, deßhalb von Gott einen größern Lohn zu empfangen verdiene.

68

Frater quidam iter agens, habebat secum matrem suam, jam senem. Qui cum venissent ad quemdam fluvium, non poterat vetula illa transire. Et tulit filius ejus pallium suum, et involvit exinde manus suas, ne aliquo modo contingeret corpus matris suæ, et ita portans eam transposuit fluvium. Dixit autem ei mater sua: Ut quid sic operuisti manus tuas, fili? Ille autem dixit: Quia corpus mulieris ignis est. Et ex eo ipso quo te contingebam, veniebat mihi commemoratio aliarum feminarum in animo.

Ein Bruder machte eine Reise und hatte seine Mutter bei sich, die aber schon alt war. Als sie nun an einen Fluß gekommen, und die alte Mutter nicht im Stande war, den Fluß zu durchwaten, da nahm ihr Sohn — der Einsiedler — seinen Mantel und umwickelte damit seine Hände, um den Leib seiner Mutter in keiner Weise zu berühren, und trug sie so über den Fluß. Die Mutter fragte ihn: Warum hast du, mein Sohn, deine Hände so emsig bedeckt? Er gab zur Antwort: Weil der Leib eines Weibes Feuer ist. Seit ich dich berührte, kömmt das Andenken an andere Weibspersonen in meine Seele.

69

Dicebat quidam Patrum: Quia sciret fratrem in cella jejunantem tota hebdomada Paschæ. Et cum Sabbato sero venisset ad missas, communicans mox fugiebat, ne cogeretur a fratribus in ecclesia manducare. Apud se autem tantum modicas betas elixas cum sale manducabat sine pane.

Ein Altvater sagte, er kenne einen Bruder, der in seiner Celle die ganze Osterwoche faste. Und wenn er am Samstag spät zur Messe gekommen und die Communion verrichtet hatte, so entfloh er alsbald wieder, um nur von den Brüdern nicht genöthiget zu werden, in der Kirche zu essen. Er hatte aber nur einige gesottene Kräuter bei sich, die er mit Salz besprengte, und ohne Brod aß.

70

Fratres convocati sunt in Scythi, ut manducarent palmas, et erat aliquis infirmus de nimia abstinentia, qui tussiens exscreabat phlegma, quod nolente eo venit super alium fratrem. Qui cum a cogitatione sua compelleretur dicere ei: Quiesce jam, et non exscrees super me, ut superaret cogitationes suas, tulit quod exscreaverat, et mittens in ore suo, statim comedit illud. Et tunc cœpit ad seipsum dicere: Aut non dicas fratri tuo quod eum contristet, aut manduca quod horres.

Als man die Brüder einsmals in der Scythischen Wüste zusammengerufen, damit sie die Palmfrüchte miteinander äßen, war einer unter ihnen, den seine zu große Abtödtung krank gemacht. Er hatte einen starken Husten und Auswurf, der einmal gegen seinen Willen auf einen andern Bruder fiel. Da dieser von seinen Gedanken angefochten wurde, dem kranken Bruder zu sagen: Höre auf, deinen Speichel auf mich zu werfen, so nahm er, um seine Gedanken zu überwinden, den Auswurf in seinen Mund und aß ihn alsogleich; dann sagte er zu sich selbst: Entweder sage deinem Bruder nicht, was ihn betrüben mag, oder iß, was du verabscheuest.

Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch V der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Pelagius, Diakon der römischen Kirche, in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 855–988, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers. · Übersetzung von Franz Sales Handwercher († 1853), Leben und Thaten der heiligen Altväter in der ägiptischen Wüste, Bd. 3–5, Regensburg, Manz, 1841–1843 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Überschriften, Vorreden und Anmerkungen des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % der Sprüche wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (5,4 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Danach wurden die Büchlein 11–18 vollständig Wort für Wort an den Scans korrigiert, die Büchlein 1–10 nach einer gezielten Fehlersuche; eine neue Zufallsstichprobe von 30 Sprüchen aus den Büchlein 11–18 ergab 0,6 Fehler pro 1 000 Wörter (behoben). Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden