Worte der Väter (Verba seniorum, Buch V)
Von der Geduld oder Starkmut
De patientia seu fortitudine.Von der Geduld oder Starkmüthigkeit.
Sanctus Antonius abbas cum sederet aliquando in eremo, animus ejus tædium et confusionem cogitationum incurrit, et dicebat ad Deum: Domine, volo salvus fieri, et non me permittunt cogitationes meæ. Quid faciam in hac tribulatione, quomodo salvus ero? Et modice assurgens, cœpit foras exire. Et vidit quemdam, tanquam seipsum, sedentem atque operantem; deinde surgentem ab operibus et orantem; et iterum sedentem et plectam de palmis facientem, et inde rursus ad orationem surgentem. Erat autem angelus Domini missus ad correptionem et cautelam dandam Antonio. Et audivit vocem angeli, dicentis: Sic fac, et salvus eris. Ille autem, hoc audito, magnum gaudium sumpsit atque fiduciam. Et ita faciens, salutem quam quærebat invenit.
Als der heilige Antonius einige Zeit in der Wüste wohnte, und sein Geist von Ueberdruß und Beschämung der Gedanken niedergebeugt wurde, sprach er zu Gott: Herr! ich will selig werden, und meine eigenen Gedanken hindern mich daran. Was soll ich thun in dieser Trübsal? Wie werde ich selig werden? Bald darauf machte er sich auf, und gieng zur Zelle hinaus. Da sah er nun Jemanden, der ihm ähnlich war, welcher da saß und arbeitete; hernach von der Arbeit wieder aufstund und betete, und dann wieder sich setzte, und aus Palmblättern Stricke flocht, und dann abermals zum Gebete aufstund. Es war der Engel des Herrn, abgesendet zur Warnung und Ermahnung des Antonius. Er hörte die Stimme desselben, der sprach: Mach es so, und du wirst selig werden. Als er diese Worte vernommen hatte, ward er sehr erfreut, und gewann Zutrauen. Er machte es so, und fand das Heil seiner Seele, das er suchte.
Frater quidam interrogavit abbatem Agathonem, dicens: Mandatum mihi venit, et est mihi pugna gravis in loco, quo est ipsum mandatum. Volo ergo propter mandatum pergere illud, et pavesco bellum. Dicit ei senex: Sic erat Agatho; implebat mandatum, et vincebat bellum.
Ein Bruder fragte den Abt Agathon und sagte: Ich erhielt den Befehl mich an einen Ort zu begeben, wo ich großen Kampf haben werde. Ich will des Befehles wegen mich zwar dorthin begeben, allein ich fürchte Gefahr. Der Altvater erwiederte ihm: Agathon machte es so; er vollzog den Befehl, und siegte im Kampfe.
Dixit abbas Ammonas, quia quatuordecim annos fecerit in Scythi, deprecans Deum die ac nocte ut daret ei virtutem superandi iram.
Der Abt Ammon erzählte von sich, daß er vierzehn Jahre in der Wüste Scythi gewohnt, und Gott Tag und Nacht gebeten habe, ihm Kraft zu geben zur Ueberwindung des Zornes.
Dixit abbas Besarion, quia quadraginta noctes manserit inter spinas stans, et non dormierit.
Der Abt Besarion sagte, daß er vierzig Nächte unter den Dörnern gestanden, und nie geschlafen habe.
Frater quidam sedens singularis turbabatur, et pergens ad abbatem Theodorum de Pherme, dixit ei, quia conturbaretur. Senex autem dixit ei: Vade, humilia mentem tuam, et subde te, et habita cum aliis. Abiit autem in montem, et mansit cum aliis. Et reversus est postea ad senem, et dixit ei: Nec cum aliis hominibus habitans, quietem invenio. Et dixit ei senex: Si solitarius non quiescis, neque cum aliis, cur voluisti monachum facere? nonne ut sustineas tribulationes? Dic autem mihi quot annos habes in habitu isto? Et dicit ei: Octo. Et dicit ei senex: Crede mihi, habitu isto septuaginta annos, et nec una die potui requiem invenire; et tu in octo annis requiem vis habere?
Ein Bruder, der allein wohnte, und sehr verwirrt war, ging zum Abte Theodor von Pherme, ihm sein Anliegen zu klagen. Der Altvater erwiederte ihm: Geh hin, und demüthige deinen Geist, unterwirf dich, und wohne bei andern Brüdern. Er begab sich daher auf den Berg und wohnte bei den andern Brüdern. Nicht lange darnach kam er wieder zu dem Altvater, und sprach zu ihm: Ich finde auch keine Ruhe, wenn ich bei andern Menschen wohne. Der Altvater entgegnete ihm: Wenn du weder in der Einsamkeit, noch in der Zusammenwohnung mit Andern ruhen kannst, warum wolltest du denn ein Mönch werden? Nicht darum, um Trübsale zu leiden? Sag mir, wie lange lebst du schon in diesem Stande? Er antwortete: Acht Jahre; und der Greis erwiederte ihm: Glaube mir, ich lebe schon siebenzig Jahre im Ordensstande, und konnte noch keinen einzigen Tag Ruhe finden, und du willst in acht Jahren schon Ruhe haben?
Interrogavit eum iterum frater quidam, dicens: Si fiat subito sonus ruinæ alicujus, fit tibi timor, abba? Et dixit ei senex: Si cœlum terræ adhæreat, Theodorus non formidat. Poposcerat enim precibus a Deo ut auferretur ab eo formido, et propterea interrogavit eum frater.
Wiederum fragte ihn ein Bruder und sprach: Wenn gähling etwas einstürzen würde, fürchtest du dir, Vater? Der Altvater erwiederte ihm: Wenn der Himmel einstürzen sollte, so fürchtet sich Theodor nicht. Denn er hatte es sich von Gott erbeten, ihm alle Furcht zu benehmen; deßhalb fragte ihn der Bruder.
Dicebant de abbate Theodoro, et abbate Lucio de Nono Alexandriæ, quia fecerint quinquaginta annos, seducentes animos suos, et dicentes: Transacta hieme ista, migrabimus hinc. Et iterum quando fiebat æstas, dicebant: Quia transacto æstivo, discedemus hinc. Et sic fecerunt toto tempore conversationis suæ semper reminiscendi Patres.
Von dem Abte Theodor und dem Abte Lucius aus der neunten Abtheilung der Stadt Alexandria erzählte man, daß sie fünfzig Jahre lang ihre Begierde, von dort wegzuziehen, gekreuziget haben, indem sie sagten: Wenn der Winter vorbei ist, wollen wir von da wegziehen. Und wann es wieder Sommer ward, sagten sie: Wann der Sommer vorbei ist, werden wir von da fortgehen. Und so machten es die merkwürdigen Väter immer die ganze Zeit ihres geistlichen Lebens.
Dixit abbas Pastor de abbate Joanne brevis staturæ quia rogaverit Dominum, et abstulerit ab eo omnes passiones, et effectus est securus, et veniens dixerit cuidam seni: Vide hominem quietum, et nullam habentem pugnam. Et dixit ei senex: Vade, roga Dominum, ut jubeat in te moveri pugnam, quoniam proficit pugnando anima. Et cum redisset in eo pugna, ulterius non oravit, ut auferretur ab eo pugna, sed dicebat: Domine, da mihi tolerantiam sustinendi has pugnas.
Der Abt Pastor erzählte von dem Abte Johannes, daß Gott auf sein Gebet ihm allen Kampf mit den Leidenschaften abgenommen, und seine Seele in eine gänzliche Ruhe gebracht habe. Er ging sodann zu einem Altvater und sprach zu ihm: Sieh an mir einen Menschen, der ruhig ist, und keinen Kampf mehr hat. Der Altvater sprach zu ihm: Geh hin, und bitte Gott, daß er dir wiederum den Kampf gebe, denn im Kampfe macht unsere Seele Fortschritte. Und als der Kampf in ihn wieder zurückgekehrt war, bat er ferners nicht mehr, daß er von ihm genommen würde, sondern sprach: Herr! gieb mir Geduld diesen Kampf auszuhalten.
Venit abbas Macarius major ad abbatem Antonium in montem; et cum pulsasset ostium, exivit ad eum, et dixit ei: Tu quis es? Et ille ait: Ego sum Macarius. Et claudens ostium intravit, et dimisit eum foris. Et cum vidisset postea patientiam ejus aperuit ei. Et adgaudens ei, dicebat: Multum tempus est ex quo te videre desiderabam, audiens de te. Et exhibens ei hospitalitatem, refecit eum: erat enim fessus de multo labore. Vespere autem facto infudit sibi abbas Antonius modicas palmas, et dicit ei abbas Macarius: Da mihi, ut ego infundam quod operer. Ille autem dixit: Non habeo plus. Et faciens fasciculum majorem, infudit eum. Et sedentes a sero et colloquentes de utilitate animarum, faciebant plectam, et ipsa plecta per fenestram descendebat in spelunca. Et egrediens mane sanctus Antonius, vidit collectionem plectarum abbatis Macarii, et admiratus est, et osculatus manus ejus, dicebat: Multa virtus de istis egreditur.
Der Abt Macarius der Aeltere kam einstens zum Abte Antonius auf den Berg. Als er angeklopft hatte, ging Antonius zu ihm hinaus, und sagte: Wer bist du? Jener antwortete: Ich bin Macarius. Antonius ging in seine Zelle, schloß die Thüre zu, und ließ ihn draußen stehen. Da er nachhin seine Geduld gesehen hatte, machte er ihm auf, empfing ihn mit aller Freude und sagte: Seit langer Zeit her hatte ich das sehnlichste Verlangen, dich zu sehen, als ich von dir hörte. Er erwies ihm alle Gastfreundschaft, und erquickte ihn mit Speis und Trank; denn er war von der Reise her sehr müde. Am Abende weichte der Abt Antonius einige Palmblätter ein, um einen Strick zu flechten, und der Abt Macarius sprach zu ihm: Gieb mir auch Blätter zum Einweichen, um etwas zu arbeiten zu haben. Jener erwiederte: Ich habe keine mehr. Er machte sodann einen größeren Bund, und begoß ihn mit Wasser. Sie setzten sich Abends zusammen, und sprachen von der Kostbarkeit der Seelen, und flochten einen langen Strick, so daß derselbe durch das Fenster hinausging, und bis in die Höhle hinabhing. Als der heil. Antonius in der Frühe hinausging, und den aufgewickelten sehr langen Strick des heil. Macarius sah, verwunderte er sich, küßte seine Hände und sprach: Eine große Kraft geht von diesen Händen aus.
Descendit aliquando ipse Macarius de Scythi ad locum qui dicitur Terenuthin, et intravit dormire in monumento, ubi erant antiquitus sepulta corpora paganorum. Et traxit unum corpus sub caput suum tanquam plumatium de scirpo. Dæmones autem videntes fiduciam ejus, invisi sunt, et volentes terrere eum, vocabant quasi quamdam mulierem, dicentes: Nonna illa, veni nobiscum ad balneum. Et alter dæmon de sub ipso tanquam ex mortuis illis respondit, dicens: Peregrinum quemdam habeo super me, non possum venire. Senex autem non expavit, sed confidens tundebat corpus illud, dicens: Surge, vade, si potes. Quod cum audissent dæmones clamaverunt voce magna, dicentes: Vicisti nos. Et fugerunt confusi.
Einstmals reiste Macarius von der Wüste Scythi nach Terrnuthim, und ging in ein Grab, wo ehemals die Heiden begraben wurden, um darin zu übernachten. Er schob einen Leichnam unter sein Haupt, wie einen Hauptpolster von Binsen geflochten. Als die Dämonen seine Kühnheit sahen, wurden sie sehr aufgebracht über ihn, und riefen, um ihn zu erschrecken, mit diesen Worten: Frau, komm mit uns zum Bade. Ein anderer Dämon antwortete unter ihm, gleichsam, als ob die Stimme von dem todten Leibe käme, warauf Macarius lag, und sprach: Ich habe einen Fremdling über mir, und kann nicht kommen. Der Altvater aber erschrack keineswegs, sondern schlug mit Zuversicht auf den todten Leib, und sprach: Steh auf und geh, wenn du kannst. Als die Dämonen diese Worte hörten, schrieen sie mit lauter Stimme: Du hast uns überwunden; und ergriffen voll Beschämung die Flucht.
Dicebat abbas Mathois: Volo aliquod leve opus et continuum, quam grave quod cito finitur.
Der Abt Mathois pflegte zu sagen: Ich will lieber eine leichte und ununterbrochene Arbeit, als eine schwere, die bald sich endigt, thun.
Narraverunt de abbate Milido, quia cum habitaret aliquando cum duobus discipulis in finibus Persarum, exierunt duo filii imperatoris secundum consuetudinem in venationem, et miserunt retia in longum per millia quadraginta, ut quodcunque intra retia inveniretur, occiderent. Inventus est autem senex cum duobus discipulis intra retia. Et cum vidissent eum pilosum et terribilem aspectu, admirati sunt, et dixerunt ei: Homo es, an spiritus aliquis? dic nobis. Et dixit eis: Homo sum peccator, et exivi flere peccata mea; et adoro Filium Dei vivi. Illi autem dixerunt ei: Non est alius Deus, nisi Sol, et Ignis, et Aqua; ipsos adora, et sacrifica eis. Et ille respondit: Ista creaturæ sunt, et erratis. Sed obsecro vos, convertimini, et agnoscite verum Deum, qui et ista creavit, et cætera omnia. Illi autem deridentes, dixerunt: Condemnatum et crucifixum dicis esse verum Deum? Etiam, inquit, ipsum qui crucifixit et occidit mortem, hunc dico esse verum Deum. Illi autem tam ipsi quam fratribus qui cum eo erant inferentes tormenta, cogebant eos sacrificare. Et duos quidem fratres post plurima tormenta decapitaverunt, senem autem diebus multis torquebant. Postea vero statuerunt eum in quodam loco, et sagittabant in ipso quasi ad signum: unus a dorso, et alter a pectore. Dicit eis senex: Quoniam facti estis in consensu in unum, ut effundatis sanguinem innocentem, crastina in momento hac hora, quæ modo est, sine filiis remanebit mater vestra, et privabitur affectu vestro, et propriis sagittis invicem sanguinem vestrum effundetis. Illi autem subsannantes verba ejus, exierunt in crastino, ut venarentur. Et contigit ut evaderet unus cervus de rete eorum, et ascenderunt equos, et currebant ut comprehenderent cervum: qui cum jactassent sagittas post ipsum, invicem sibi in cor dederunt, et mortui sunt juxta verbum quod prædixerat senex.
Man erzählte von dem Abte Milidus, daß zur Zeit, als er mit zwei Jüngern im Lande der Perser wohnte, zwei Prinzen vom königl. Hof nach ihrer Gewohnheit auf die Jagd gingen, und in einer Länge von vierzig Meilen ihre Netze aufstellten, um Alles zu tödten, was innerhalb des Garnes sich betreten ließe. Es traf sich nun aber, daß auch der Altvater mit seinen zwei Jüngern vom Garne umfangen wurde. Als sie seine haarige und schreckliche Gestalt sahen, wunderten sie sich, und sprachen zu ihm: Sprich, bist du ein Mensch oder ein Geist? Er antwortete: Ich bin ein sündiger Mensch; kam hieher meine Sünden zu beweinen, und bete den Sohn des lebendigen Gottes an. Sie aber entgegneten ihm: Es giebt keinen andern Gott, als Sonne Feuer und Wasser; bete sie an, und opfere ihnen. Er antwortete: Diese sind nur Kreaturen, und ihr seyd im Irrthume. Allein ich bitte euch, bekehret euch, und erkennet den wahren Gott, der Diese und alles Uebrige erschaffen hat. Sie aber verlachten ihn nur, und sagten: Wie? Einen Verurtheilten und Gekreuzigten nennst du den wahren Gott? Ja, sprach er, der den Tod gekreuziget und getödtet hat, ist der wahre Gott. Sie peinigten nun sowohl ihn, als die Brüder, die bei ihm waren, und wollten sie zwingen, den Göttern zu opfern. Die beiden Brüder enthaupteten sie nach sehr vielen Martern, den Altvater aber peinigten sie noch viele Tage. Endlich stellten sie ihn an einen gewissen Ort hin, und schoßen auf ihn mit Pfeilen, wie auf eine Scheibe; Einer auf seine Brust, der Andere auf seinen Rücken. Der Altvater sprach zu ihnen: Weil ihr demnach überein gekommen seyd, unschuldiges Blut zu vergießen, so wisset, daß morgen um diese Stunde und in dem jetzigen Augenblicke eure Mutter ihrer Kinder und der Liebe derselben beraubt seyn wird, und daß ihr mit euren eigenen Pfeilen gegenseitig euer eigenes Blut vergießen werdet. Sie verhöhnten aber seine Worte nur, und gingen am folgenden Tage wieder auf die Jagd. Da trug es sich denn zu, daß ein Hirsch ihrem Netze entrann; sie bestiegen dann ihre Pferde, und sprengten darauf los, den Hirsch zu erreichen; da sie aber die Pfeile nach ihm abschoßen, trafen sie sich gegenseitig in das Herz, und starben nach der Weissagung des Altvaters.
Dixit abbas Pastor: Quia virtus monachi in tentationibus apparet.
Der Abt Pastor pflegte zu sagen: Die Tugend eines Mönches zeigt sich in den Versuchungen.
Dixit iterum qui supra quia Isidorus presbyter de Scythi allocutus sit aliquando plebem fratrum dicens: Fratres, nunquid non ad laborandum venimus in hoc loco? Et nunc video, quia nullus hic labor est. Ego igitur collecta pelle mea vado ubi est labor, et ibi invenio requiem.
Derselbe erzählte ferner: Isidor, ein Priester in der Wüste Scythi redete einstens die versammelten Brüder mit diesen Worten an: Brüder! sind wir nicht hieher gekommen, um zu arbeiten? Nun sehe ich aber, daß hier keine Arbeit ist. Ich nehme daher meinen Ranzen, und gehe dahin, wo Arbeit ist; denn dort finde ich auch Ruhe.
Dixit sancta Syncletica: Si in monasterio cum aliis versaris, non mater locum; læderis enim, si facias hoc. Etenim sicut gallina si dereliquerit ova sua fota, sine pullis ea exire facit; ita monachus vel virgo frigescit et mortificatur in fide, de loco ad locum transeundo.
Die heil. Syncletica pflegte zu sagen: Wenn du in einem Kloster bei anderen wohnest, so verändere den Ort nicht; denn es bringt dir Schaden, so du dieses thust. Wie eine Henne, wenn sie ihre Eier verläßt, keine Hühnlein ausbrütet, eben so erkaltet auch ein Mönch oder eine Jungfrau, und hat nur einen todten Glauben, wenn er von Ort zu Ort wandert.
Dixit iterum aliud: Diabolus cum per stimulos paupertatis non moverit, divitias adhibet ad seducendum. Et dum per contumelias et opprobria non prævalet, laudes et gloriam adhibet. Sin autem satietatem corporis immittit, et cum delectationibus seducere non potest, per molestias, quæ contra votum eveniunt, animam conatur subvertere. Infirmitates autem quasdam graves expetendo adversus eum qui tentandus est adhibet, ut per eas pusillanimes faciens monachos, conturbet charitatem eorum quam habent ad Deum. Sed quamvis concidatur corpus, et febribus validis inflammetur, insuper etiam intolerabili siti affligatur, siquidem peccator es qui hæc sustines, recordare futuri sæculi pœnas, et æternum ignem, et judicialia tormenta; et ita non deficies ad ea quæ in præsenti contingunt; insuper et gaude, quia visitavit te Deus. Et illud famosissimum dictum in lingua habeto, id est, Castigans castigavit me Dominus, et morti non tradidit me. Si ferrum es, per adhibitum tibi ignem amittes æruginem. Quod si justus es et hæc pateris, de magno ad majora promoveris. Aurum es, sed per ignem probatior eris. Datus est enim tibi angelus Satanæ, stimulus carnis tuæ. Exsulta videns, cui similis factus es, Pauli enim simile donum meruisti accipere. Si febribus, si rigore frigoris castigaris, memor esto quid Scriptura dicit: Transivimus per ignem et aquam; residuum est quod sequitur, ut inducamur in refrigerium. Obtinuisti primum, exspecta secundum, agens quæ virtutum sunt. Clama verba Prophetæ, dicentis: Pauper et inops et dolens ego sum. Perfectus enim eris per hujusmodi tribulationem. Ait enim: In tribulatione dilatasti me. In his ergo maxime exercitiis animas mater nostras probemus, ante oculos enim habemus adversarium nostrum.
Eben dieselbe pflegte auch zu sagen: Wenn der Teufel durch den Stachel der Armuth nicht bewegen kann, so wendet er den Reichthum an, uns zu verführen. Und wenn er durch Beschimpfung und Schmach nicht die Oberhand gewinnt, so bedient er sich der Lobeserhebung und der eitlen Ehre. Kann er aber durch Sättigung des Leibes und weltliche Ergötzungen uns nicht verführen, so sucht er durch Ueberdruß und Beschwerlichkeiten, die wider unsern Willen uns begegnen, unsere Seele zu stürzen. Er bedient sich auch der Krankheiten gegen denjenigen, den er versuchen will, um mittelst derselben die Mönche kleinmüthig zu machen, und sie in der Liebe zu stören, die sie zu Gott haben. Wenn nun aber dein Leib von Schmerzen durchschnitten, und von starken Fiebern entzündet ist, und du auch überdieß von unerträglichem Durste geplagt wirst, so erinnere dich, wenn du auch als Sünder diese Trübsale leidest, der Strafen der kommenden Ewigkeit; betrachte das ewige Feuer und die Schrecken und Qualen des Gerichtes, und so wirst du nicht kleinmüthig werden, was dir auch immer auf der Welt begegnen mag. Freue dich überdieß noch, daß Gott dich heimgesucht hat, und führe jene denkwürdigen Worte Davids in deinem Munde: Der Herr hat mich gezüchtiget und gestraft, aber doch dem Tode nicht übergeben. Bist du ein Eisen, so wirst du durch dieses Feuer den Rost verlieren. Bist du gerecht, und mußt doch dieses leiden, so wirst du dich in der Tugend immer mehr und mehr vervollkommnen. Bist du aber Gold, so wirst du durch dieses Feuer noch bewährter werden. Ist dir der Engel des Satans oder ein Stachel des Fleisches gegeben, so jauchze auf, und betrachte, wem du ähnlich geworden; denn sieh! du bist einer ähnlichen Gnade, wie Paulus theilhaftig geworden. Wirst du von hitzigen oder kalten Fiebern gepeiniget, so sey eingedenk des Ausspruches der heiligen Schrift: Wir sind durch Feuer und Wasser gegangen; denn sieh, du hast auch noch zu hoffen, was ferners folgt, der Herr wird dir zur Erquickung helfen. Hast du das Erste erhalten, so erwarte auch das zweite; nur beharre in der Tugend. Rufe mit dem Propheten und sprich: Ich bin arm, elend und voll Schmerzen; denn durch derlei Trübsale wirst du vollkommen werden; nach dem Ausspruche der Schrift: In der Trübsal hast du mein Herz erweitert. Durch diese Uebungen können wir also auf die vorzüglichste Weise unsere Seelen bewähren; denn wir haben unseren Feind vor Augen.
Dixit iterum: Si infirmitas molesta nobis fuerit, non contristemur, tanquam qui pro infirmitate et vulnere corporis non possimus stare ad orandum aut psallendum ad vocem. Hæc autem omnia nobis pro destruendo corporis desiderio necessaria sunt quoniam jejunia et labores propter turpes delectationes nobis constituta sunt. Si igitur ægritudo ista retundit, superflua de his observandis ratio est. Sicut enim magno et forti medicamine ægritudo, ita ægritudine corporis vitia reciduntur. Et hæc est magna virtus, quando in infirmitatibus tolerantia fuerit, et gratiarum actio mittitur ad Deum. Si amittimus oculos, non feramus graviter. Extollentiæ enim instrumentum amisimus, sed interioribus oculis gloriam Domini speculemur. Surdi facti sumus? non contristemur, quia auditum vanum amisimus. Manus vestræ ex aliqua passione debilitatæ sunt? sed interiores paratas habeamus adversus inimici tentationes. Infirmitas totum corpus nostrum tenet? sed nostro interiori homini sanitas crescit.
Die heilige Syncletica ertheilte auch noch folgende Lehre: Wenn uns auch Krankheit belästiget, so sollen wir uns deßhalb nicht betrüben, weil wir etwa bei der Krankheit oder Verwundung des Leibes unser Gebet stehend nicht verrichten, oder die Worte der Psalmen nicht aussprechen können. Alles dieses ist ja nöthig zur Vernichtung der Begierlichkeit des Leibes; auch Fasten und Arbeiten sind uns wegen der schändlichen Gelüste verordnet. Vertreibt aber Krankheit dergleichen Dinge, so ist die Beobachtung der übrigen Stücke nicht nothwendig; denn wie kräftige und starke Arzneien die Krankheit vertreiben, so werden auch durch die Krankheit die Laster des Leibes vertrieben. Es ist aber eine große Tugend, in Krankheiten geduldig zu seyn, und Gott dafür zu danken. Verlieren wir das Licht der Augen, so soll uns dieser Verlurst nicht hart fallen; denn wir haben nur ein Werkzeug der Hoffart verloren; laßt uns aber dagegen mit den inneren Augen des Geistes die Herrlichkeit des Herrn betrachten. Haben wir das Gehör verloren, so soll uns dieß nicht betrüben, denn wir dürfen auch die Eitelkeiten der Welt nicht mehr anhören. Sind euch etwa eure Hände durch einen Unfall geschwächt worden, so haltet um so mehr eure inneren Hände gegen die Versuchung des Teufels in Bereitschaft. Befällt aber unsern ganzen Leib eine Schwäche, so gewinnet der innere Mensch Gesundheit und Wachsthum.
Dixit iterum quæ supra: Qui in sæculo isto aliqua crimina commiserunt, etiam nolentes mittuntur in carcerem, et nos pro peccato nostro redigamus nosmetipsos in custodiam, ut voluntaria mentis nostræ vindicta futuras a nobis pœnas amoveat. Si jejunas, non tibi invenias occasionem dicendi quia exacerbatus in ægritudinem incurristi, quoniam et qui non jejunant similes ægritudines incurrunt. Inchoasti aliquid boni? non revoceris per impedimenta inimici, quoniam et ipse inimicus patientia tua destruetur. Etenim qui navigare cœperint, primo pandentes vela prosperum ventum inveniunt; postea autem contrarius ventus eis occurrit. Sed nautæ non mox propter incursum contrarii venti, aut exonerant aut deserunt navim, sed paululum sustinentes aut pugnantes adversus procellam, iterum rectum cursum inveniunt. Ita ergo et nos in contrarium spiritum incurrentes, crucem pro velo erigamus, et sine periculo sæculi istius navigium explicabimus.
Die heilige Syncletica pflegte ferners zu sagen: Wie Jene, die in der Welt große Verbrechen begangen haben, auch wider ihren Willen in das Gefängniß geworfen werden, so sollen auch wir uns unserer Sünde halber von der Welt absperren, um durch freiwillige Bestrafung unseres Geistes die Strafen der Ewigkeit von uns zu entfernen. Wenn du fastest, so sage nicht, daß du deßhalb krank geworden seyst, weil auch diejenigen, die nicht fasten, in dieselben Krankheiten verfallen. Hast du etwas Gutes angefangen, so laß dich durch den Feind davon nicht abbringen, weil auch der Feind selbst durch deine Geduld vernichtet wird. Diejenigen, welche eine Schiffahrt unternehmen, spannen zuerst bei günstigem Winde ihre Segel aus, und darnach begegnet ihnen ein widriger Wind; wegen der Anfälle des widrigen Windes entleeren oder verlassen die Schiffer nicht sogleich das Schiff, sondern sie warten ein wenig oder kämpfen gegen den Sturm, bis das Schiff wieder in den ruhigen Lauf kömmt. So sollen auch wir, wenn die Anfechtung des bösen Geistes uns bestürmt, das Kreuz statt des Segels erhöhen, und wir werden ohne Gefahr unsere Fahrt durch die Welt machen.
Dicebant de abbatissa beatæ memoriæ virgine Sara, quod supra alveum fluminis sexaginta annos habitaverit, et nunquam inclinata est, ut flumen ipsum aspiceret.
Von der heiligen Jungfrau und Abtissin Sara sel. Andenkens erzählt man, daß sie sechszig Jahre am Ufer eines Flußes gewohnt, und nie eine Neigung in sich verspürt habe, den Fluß selbst mit ihren Augen anzusehen.
Dixit abbas Hypericnius: Hymni spirituales sint in ore tuo, et meditatio assidua sublevet pondus tentationum supervenientium tibi. Hujus enim rei exemplum manifestum est viator sarcina alicujus oneris prægravatus, flando et respirando, oneris et viæ paulatim laborem imminuit.
Der Abt Hyperichius pflegte zu sagen: Die geistlichen Lobgesänge sollen stets in deinem Munde seyn, und ununterbrochene Betrachtung sey dir dazu verhilflich, dem Andrange der Versuchungen, die dich befallen, zu widerstehen. Ein Wanderer kann uns dieses durch sein eigenes Beispiel versinnlichen, wenn er, von drückender schwerer Last niedergebeugt, etwas ausruht und wieder zu Athem zu kommen sucht; denn hiedurch mindert er nach und nach sowohl die Größe seiner Last, als die Beschwerlichkeit des Weges.
Dixit iterum qui supra: Oportet nos adversus tentationes armari, quoniam modis omnibus veniunt; sic enim supervenientibus eis probati apparebimus.
Derselbe Abt pflegte auch zu sagen: Wir müssen uns gegen die Versuchungen allseitig bewaffnen, weil sie uns auf jede Weise begegnen; denn so werden wir ihnen stets bewaffnet entgegen treten, wenn sie uns anfallen.
Dixit quidam senex: Si venerit homini tentatio, undique ei multiplicantur tribulationes, ut pusillanimis fiat et murmuret. Et narravit senex ita: Frater quidam erat in cella, et venit super eum tentatio; et si quis eum videbat, nec salutare eum volebat, neque in cellam recipere; et si opus habebat panem, nemo mutuabat ei; et si de messe veniebat, nemo eum, sicut erat consuetudo, ut reficeret, invitabat. Venit autem semel de messura per cauma, nec panes habuit in cella sua; et in his omnibus gratias agebat Deo. Videns autem Deus patientiam ejus, abstulit bellum tentationis ab eo. Et ecce quidam statim ostium pulsabat, trahens camelum onustum pane ab Ægypto; quod cum vidisset frater ille, cœpit flere, dicens: Domine, non sum dignus vel modice tribulari. Et cum transisset tribulatio ejus, tenebant eum fratres in cellis suis, et in ecclesia, et repausabant eum.
Ein Altvater sagte: Wenn die Versuchung über einen Menschen kommt, so belagern ihn von allen Seiten die Trübsale, damit er kleinmüthig werde, und in Murren ausbreche. Er erzählte zur Bestätigung seines Urtheils folgende Geschichte: Vor Zeiten lebte ein Bruder in einer Zelle, über den die Versuchung kam; wenn ihn nun Jemand sah, so wollte er ihn weder grüßen, noch in seine Zelle aufnehmen; wenn er Brodnoth hatte, so leihte ihm Niemand ein solches; kam er von der Ernte heim, so lud ihn Niemand zum Essen ein, wie es der Brauch war. Einmal kam er bei großer Hitze vom Schneiden heim, und hatte kein Brod in seiner Zelle; er dankte aber in allen diesen Umständen Gott. Als aber Gott die Geduld dieses Bruders sah, nahm er den Kampf der Versuchung von ihm. Und sieh, auf der Stelle klopfte Jemand an der Thüre, der ein Kameel von Aegypten her führte, das mit Brod beladen war. Da der Bruder dieses sah, fing er zu weinen an, und sprach: Herr! bin ich denn nicht mehr würdig, auch nur eine kleine Trübsal zu leiden? Als seine Trübsale vorübergegangen, beriefen ihn die Brüder in ihre Zelle, nahmen ihn mit sich in die Kirche, und erquickten ihn.
Dicebat senex: Propterea non promovemur, quia nescimus mensuras nostras, neque patientiam habemus in opere quod cœpimus, sed sine labore aliquo virtutem volumus possidere.
Ein anderer Altvater sprach: Wir nehmen deßhalb im Guten nicht zu, weil wir das Maß unserer Kräfte nicht kennen, noch in dem angefangenen Werke Geduld haben, sondern ohne Mühe und Arbeit wollen wir die Tugend besitzen.
Quidam frater interrogavit senem, dicens: Quid facio, quia cogitatio mea non dimittit me hora una sedere in cella mea? Et dicit ei senex: Fili, revertere, sede in cella tua, et labora manibus tuis, et ora Deum incessanter, et jacta cogitatum tuum in Domino, et ne te quis seducat exire inde. Et dicebat: Quia erat quidam adolescens sæcularis, habens patrem, et desiderabat fieri monachus: et dum multum supplicaret patri suo ut dimitteret eum conversari, non acquiescebat; postmodum autem rogatus a fidelibus amicis vix acquievit. Et egressus frater ille adolescens, introivit in monasterium; et factus monachus cœpit omne opus monasterii perfecte perficere, et jejunare quotidie; cœpit etiam et biduanas abstinere, similiter semel in hebdomada reficere. Videbat autem eum abbas suus, et mirabatur, et benedicebat Deum in abstinentia et labore ipsius. Contigit ergo post aliquod tempus, cœpit frater ille supplicare abbati suo, dicens: Rogo te, abba, ut dimittas me, et vadam in eremo. Dicit ei abbas: Fili, noli hoc cogitare, non potes sufferre talem laborem, et præterea tentationes diaboli et versutias ejus; et cum contigerit tibi tentatio, non invenies ibi qui te consoletur a perturbationibus inimici, quæ tibi illatæ fuerint. Ille autem cœpit amplius rogare eum ut permitteret abire. Videns autem abbas ejus quia tenere eum non poterat, facta oratione, dimisit eum. Postmodum dicit abbati suo: Rogo te, abba, ut concedas qui ostendant mihi iter, quo pergere debeam. Et ordinavit cum eo duos monachos monasterii, et abierunt cum eo. Ambulantibus autem eis per eremum una die et altera, defecerunt præ æstu, et projicientes se in terram jacebant, et soporati modico somno, ecce aquila venit, percutiensque eos de alis suis, præcessit procul, et sedit in terra. Evigilantes viderunt aquilam, et dixerunt ei: Ecce angelus tuus, surge et sequere eam. Et surgens, valedicensque fratribus, sequebatur eam; et venit usque ubi stabat aquila illa: quæ mox surgens, volavit usque ad unum stadium, et iterum sedit; similiter sequebatur eam frater ille: et iterum volavit, et sedit non longe, et factum est hoc per horas tres. Postmodum autem dum sequeretur eam, divertit ipsa aquila in dexteram partem sequentis se, et non comparuit. Frater ergo ille nihilominus sequebatur; et respiciens, vidit tres arbores palmarum, et fontem aquæ, et speluncam modicam, dixitque: Ecce est locus quem mihi præparavit Dominus. Et ingressus cœpit sedere in ea, sumens cibum dactylorum, et de fonte aquam bibens, et fecit ibidem annos sex solitarius, neminem videns. Et ecce una die venit ad eum diabolus in similitudinem cujusdam senioris abbatis, habens vultum terribilem. Videns autem illum frater ille timuit, et procidens in orationem, surrexit. Et dicit ei diabolus: Oremus iterum, frater. Et surgentes, dixit diabolus: Quantum temporis habes hic? Et respondit: Habeo annos sex. Dicit ei dæmon: Ecce te vicinum habui, et non potui cognoscere, nisi ante dies quatuor quia hic habitares. Et ego non longe a te habeo monasterium; et ecce anni sunt undecim, quod de monasterio non exivi nisi hodie, quo cognovi quod hic mihi in vicino habitares. Et cogitavi mecum dicens: Vadam ad hominem Dei istum, et cum eo conferam quod potest esse saluti animæ nostræ? Et hoc dico, frater, quia nihil proficimus sedentes in cellis nostris, quia corpus et sanguinem Christi non percipimus, et timeo ne efficiamur exteri ab eo, si nos ab hoc mysterio elongaverimus; sed dico tibi, frater, ecce hinc ad tria millia est monasterium habens presbyterum; eamus cata Dominicum diem, aut post duas hebdomadas, et accipiamus corpus et sanguinem Christi, et revertamur ad cellas nostras. Placuit autem hæc suasio diabolica fratri illi. Et veniente Dominico die, ecce diabolus venit et dicit ei: Veni, eamus, quia hora est. Et exeuntes perrexerunt ad prædictum monasterium, ubi ille presbyter erat; et ingressi in ecclesiam, miserunt se in orationem. Et exsurgens ab oratione frater ille, respiciens non invenit hunc qui adduxerat eum illuc, et dixit: Ubi putas perrexit? ne ad commune necessarium ambulavit? Et cum diu sustineret, non venit. Postmodum autem exiens foras, requirebat eum. Et cum non reperisset, dixit ad fratres loci illius interrogans eos: Ubi est abbas ille, qui mecum in ecclesiam ingressus est? Et dicunt ei: Nos neminem vidimus alium nisi te tantum. Tunc cognovit frater ille quia dæmon fuisset, et dixit: Vide cum qua argutia diabolus me ejecit de cella mea; sed tamen non ad me pertinet, quia ad bonum opus veni; percipio corpus et sanguinem Christi, et sic revertar ad cellam meam. Et post factas missas in ecclesia, volens reverti frater ille ad cellam suam, tenuit eum abbas monasterii ipsius, dicens: Nisi refeceris nobiscum, non dimittemus te reverti. Et cum percepisset cibum, reversus est in cellam suam. Et ecce iterum diabolus venit in similitudinem juvenis cujusdam sæcularis, et cœpit eum respicere a summo capite usque ad pedes, et dicere: Ipse est iste? Non est hic. Et cœpit eum considerare. Et dixit ei frater: Quare me sic respicis? At ille ait: Puto non me cognoscis: tamen post tantum tempus quomodo me habes cognoscere? ego sum vicinus patris tui, filius illius. Quomodo? Non est dictus pater tuus sic, et mater tua tale nomen non habuit, et soror tua sic non est dicta, et tu sic non vocaris? et mancipia illa et illa sic non sunt dicta? Mater vero tua et soror ante tres annos mortuæ sunt; pater vero tuus modo defunctus est, et te fecit hæredem, dicens: Cui habeo dimittere substantiam meam, nisi filio meo viro sancto, qui reliquit sæculum, et abiit post Deum? Ipsi dimitto omnia bona mea. Modo autem qui habet Dominum, et scit ubi est, dicat, ut veniens distrahat omnem substantiam, et eroget eam pauperibus pro anima mea et sua. Et perrexerunt multi requirentes te, et minime invenerunt; ego autem veniens ex occasione pro quodam opere huc, cognovi te: unde non facias moras, sed veni et vende omnia, et fac secundum voluntatem patris tui. Respondens frater ille dixit: Non necesse habeo reverti ad sæculum. Dicit diabolus: Si non veneris, et deperierit substantia illa, in conspectu Dei tu exinde reddes rationem. Quid enim mali dico tibi, ut venias et eroges ea pauperibus et egenis, quomodo bonus dispensator, ut non a meretricibus et male viventibus extricetur, quod pauperibus dimissum est? aut quid onerosum est ut venias et facias eleemosynas secundum voluntatem patris tui pro anima tua, et revertaris in cellam tuam? Quid multa? suadens fratrem deposuit in sæculum; et veniens cum eo usque ad civitatem, reliquit eum. Voluit autem frater ille ingredi in domum patris sui, tanquam jam defuncto eo, ecce ipse pater ejus vivus egrediebatur; et videns eum non cognovit, et ait ad eum: Tu quis es? Ille vero turbatus nihil poterat respondere. Et cœpit eum iterato pater ejus interrogare unde esset. Tunc confusus, dixit ei: Ego sum filius tuus. Et ait ei: Ut quid reversus es? Erubescebat autem ei dicere, quod ventum erat, sed dixit: Charitas tua fecit me reverti, quia desiderabam te. Et remansit ibi. Et post aliquantum tempus incurrit in fornicationem, et multis suppliciis afflictus a patre suo, infelix ipse non egit pœnitentiam, sed remansit in sæculo; ideoque dico, fratres, quia monachus nunquam debet quovis, suasus ab aliquo, egredi cellam suam.
Mönch aus seiner Zelle zu entführen, und ihn in den Abgrund der Sünde zu stürzen. Ein Bruder fragte einen Altvater und sprach: Was soll ich thun, meine Gedanken lassen mich nicht, auch nur eine einzige Stunde, in meiner Zelle verweilen? Der Altvater erwiederte ihm: Mein Sohn, kehre wieder in deine Zelle zurück, wohne darin, arbeite mit deinen Händen, bete unaufhörlich zu Gott, wirf deine Gedanken auf den Herrn, laß dich von Niemanden verführen, daraus hervorzugehen, und er erzählte folgende Geschichte: Es war einmal ein weltlicher Jüngling, der seinen Vater noch hatte, und ein Mönch zu werden wünschte. Als er vielmals mit Bitten in seinen Vater gedrungen, ihm die Erlaubniß für den Ordensstand zu geben, wollte dieser doch seine Zusage nicht geben. Nachher aber, als gute Freunde für ihn beim Vater baten, gab er nur gezwungen seine Einwilligung. Der Jüngling verließ das väterliche Haus, ging in ein Kloster, ward ein Ordensmann, und verrichtete alle Arbeiten im Orden auf das Vollkommenste. Er fastete täglich, ja er fing auch an, oft zwei Tage ohne Speise zu leben, und brachte es auf ähnliche Weise dahin, daß er die Woche nur einmal aß. Sein Abt, der dieses sah, bewunderte ihn, und pries Gott wegen seiner Abtödtung und strengen Lebensweise. Nach einiger Zeit also trug es sich zu, daß dieser Bruder den Abt bat, und sprach: Vater! ich bitte dich, laß mich fortgehen, denn ich möchte ein Einsiedler werden. Der Abt erwiederte ihm: Mein Sohn, laß diesen Gedanken fahren; denn du kannst weder ein so beschwerliches Leben, noch überdieß die listigen Versuchungen des Teufels aushalten; und sollte dir eine Versuchung sich nahen, so wirst du dort Niemanden finden, der dich tröstet in den Verwirrungen und Unruhen, die dir der böse Feind anthut. Er aber hörte nicht auf mit stetgrößerm Bitten den Abt zu bestürmen, er möchte ihm die Erlaubniß zum Fortgehen ertheilen. Als demnach der Abt sah, daß er ihn nicht mehr zurück halten könnte, verrichtete er ein Gebet, und entließ ihn. Der ungestüme Mönch sprach sodann zu seinem Abte: Vater, ich bitte dich, laß doch einige Brüder mit mir gehen, damit sie mir den Weg zeigen, wo ich hingehen soll. Der Abt bestimmte zwei Mönche des Klosters, ihn zu begleiten. Als sie nun einen und wieder einen Tag in der Wüste reisten, warfen sie sich, von der Hitze ermattet, auf den Boden hin, und genossen eines kurzen Schlafes. Sieh, da kam ein Adler und weckte sie mit seinen Flügeln vom Schlafe auf. Er flog in ziemlicher Ferne vor ihnen, und setzte sich auf die Erde nieder. Als die Mönche vom Schlafe erwachten, und den Adler sahen, sagten sie zu ihm: Sieh dieß ist ein Engel, steh auf, und folge ihm nach. Und er stund auf, nahm Abschied von den Brüdern, und folgte dem Adler nach, und ging an den Ort hin, wo er stand. Der Adler erhob sich bald wieder, und flog eine Stunde weit, und setzte sich dann; auf gleiche Weise ging ihm auch jener Bruder nach. Allein der Adler flog wiederholt auf, und ließ sich nicht weit von da abermals nieder; und so machte er es drei Stunden. Nachhin aber nahm der Adler, da jener Bruder ihm immer nachsetzte, rechter Hand einen Ausflug, und verschwand. Der Bruder aber, der ihm nichts desto weniger nachfolgte, sah sich um, und erblickte drei Palmbäume, einen Brunnen und eine kleine Höhle, und sprach: Sieh, dieß ist der Ort, den der Herr mir bereitet hat. Er ging in die Höhle hinein, und nahm da seine Wohnung. Der Palmbaum gab ihm seine Speise, der Brunnen stillte seinen Durst; und so brachte er hier sechs Jahre in der Einsamkeit zu, ohne einen Menschen zu sehen. Und sieh da! eines Tages kam der Teufel zu ihm, in Gestalt eines Altvaters, der aber ein schreckliches Aussehen hatte. Als ihn der Bruder sah, fürchtete er sich, fiel auf die Erde nieder, zum Gebete, und stund wieder auf. Der Teufel aber sprach zu ihm: Laß uns noch einmal beten, Bruder! Als sie aufgestanden waren, sprach der Teufel: Wie lange wohnst du schon hier? Er antwortete: Sechs Jahre. Sieh, sprach der Teufel, wir wohnten so nahe beisammen, und ich habe es noch nie erfahren, als vor vier Tagen. Ich habe meine Wohnung nicht weit von dir, und sieh, eilf Jahre sind es, daß ich von meiner Zelle nicht mehr ausgegangen bin, außer heute, wo ich erfahren habe, daß du in meiner Nähe wohnest. Ich dachte bei mir selbst, und sprach: Ich will zu diesem Manne Gottes gehen, und mit ihm eine Unterredung halten, die zum Heile unserer Seele nützlich seyn kann. Ich meines Theils sage dieses: Bruder! wir machen im geistlichen Leben keine Fortschritte, wenn wir immer in unseren Zellen sitzen bleiben, weil wir den Leib und das Blut Christi nicht empfangen, und ich fürchte, wir dürfen auch von ihm verstoßen werden, wenn wir uns von diesem Geheimnisse entfernen; allein, Bruder, ich sage dir, drei Meilen von hier ist ein Kloster und ein Priester. Laßt uns alle Sonntage, oder wenigstens jede zweite Woche dahin gehen. Dort wollen wir den Leib und das Blut Christi empfangen, und dann wieder in unsre Zellen zurückkehren. Diese Ueberredung des Teufels gefiel dem Bruder. Als demnach der Sonntag gekommen war, sieh, da erschien auch der Teufel und sprach zu ihm: Komm, und laß uns gehen, denn es ist schon Zeit dazu. Sie machten sich demnach auf den Weg, und kamen zum vorerwähnten Kloster, wo der Priester war. Sie begaben sich in die Kirche, und fingen zu beten an. Als aber jener Bruder vom Gebete aufgestanden, und sich umgesehen hatte, und den nicht mehr finden konnte, der ihn hieher gebracht, so sprach er: Wo ist er nun hingekommen? Ist er vielleicht hinausgegangen wegen Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse? Er wartete lange, wer aber nicht kam, war sein Begleiter. Er ging sodann aus der Kirche hinaus, und suchte ihn auf; da er ihn aber nicht auffinden konnte, fragte er die Brüder jenes Ortes, und sprach: Wo ist denn der Abt, der mit mir in die Kirche hereingegangen? Sie erwiederten ihm: Wir haben Niemand andern gesehen außer dir; und dann erst merkte es der Bruder, daß es der Dämon gewesen, und sprach: Sieh, mit welcher Arglist hat mich der Teufel meiner Zelle entführt; allein ich frage nicht viel darnach, denn ich bin doch eines guten Werkes halber hieher gekommen, ich empfange den Leib und das Blut Christi, und will sodann wieder in meine Zelle zurückkehren. Nachdem die heilige Messe in der Kirche beendiget war, und jener Bruder wieder in seine Zelle zurückkehren wollte, hielt ihn der Abt des Klosters auf und sagte: Speise mit uns zu Mittag, ich laß dich nicht eher von hier fortgehen. Nach genommenem Mittagsmahle kehrte er wieder in seine Zelle zurück. Und sieh! es begegnete ihm der Teufel wiederholt, in Gestalt eines weltlichen Jünglings, der ihn vom Fuße bis zum Kopfe scharf ansah, und sprach: Ist er's? Nein, er ist's nicht. Darauf schaute er ihn wieder an. Der Bruder fragte ihn sodann: warum siehst du mich denn so an? Der Jüngling antwortete: Du kennst mich nicht, und wie könntest du mich auch nach so langer Zeit noch kennen? Ich bin der Sohn des Nachbars deines Vaters? Nicht wahr? Dein Vater heißt so, deine Mutter so, und so? Heißt nicht deine Schwester so und so? Und du so? Und euere Knechte, heißen sie nicht so und so? Deine Mutter und deine Schwester sind vor drei Jahren gestorben; dein Vater aber ist erst jüngst gestorben, und hat dich zum Erben eingesetzt mit diesen Worten: Wem soll ich mein Vermögen überlassen, außer meinem Sohne, diesem heil. Manne, der die Welt verlassen, und sich Gott ergeben hat? Ihm hinterlasse ich alle meine Güter. Ist aber nun Jemand, der Gott lieb hat, und weiß, wo mein Sohn ist, der gehe hin, und sag es ihm, daß er komme, und das ganze Vermögen zum Heile meiner und seiner Seele unter die Armen austheile. Es sind Viele ausgegangen, um dich zu suchen, allein sie haben dich nicht gefunden. Ich aber bin zufälliger Weise eines Geschäftes wegen hieher gekommen, und habe dich erkannt. Komm daher unverzüglich mit mir, und verkaufe Alles, um den Willen deines Vaters zu erfüllen. Der Bruder aber antwortete ihm, und sprach: Ich habe nicht nöthig in die Welt zurückzukehren. Der Teufel entgegnete ihm: Wenn du nicht zurückkehrst, so geht all jenes Vermögen zu Grunde, und du mußt deßhalb vor den Augen Gottes Rechenschaft geben. Ist denn das böse, wenn ich dir sage, komme und theile dein Vermögen den Armen und Dürftigen aus, als ein guter Haushälter, damit nicht das von liederlichen und schlechten Menschen durchgebracht und verschleudert werde, was für die Armen bestimmt ist? Oder was ist das für eine Last für dich, wenn du kommst, und das Almosen nach dem Willen deines Vaters zum Heile deiner Seele ausspendest, und sodann wieder in deine Zelle zurückkehrest? Kurz, der Teufel überredete den Bruder, daß er in die Welt zurückging; er ging auch mit ihm, aber nur bis zur Stadt; da verließ er ihn. Als der Bruder in das Haus seines Vaters hinein gehen wollte, in der Meinung, daß derselbe schon gestorben sey, sieh, da kam ihm sein Vater lebendig entgegen; er kannte ihn aber nicht, als er ihn sah, und sagte zu ihm: Wer bist du? Er konnte vor Verwirrung keine Antwort geben. Der Vater fragte ihn wiederholt, wer er wäre? Dann erst sagte der Bruder voll Beschämung zu ihm: Ich bin dein Sohn, und der Vater fragte ihn: Warum bist du denn zurückgekehrt? Da er sich schämte, ihmdie Wahrheit zu sagen, sprach er: Die Liebe zu dir hat mich zurückgeführt, weil ich mich nach dir so sehr gesöhnt habe; und er blieb wieder bei seinem Vater einige Zeit. Bald nachher fiel er in die Unzucht, und der Unglückliche that keine Buße mehr, obwohl ihn sein Vater vielfältig bestrafte, sondern blieb in der Welt; und deßhalb sage ich euch, Brüder! ein Mönch soll sich von Niemanden überreden lassen, aus seiner Zelle zu gehen.
Venerunt quidam in eremo ad senem quemdam magnum, et dixerunt ei: Quomodo contentus es hic, abba, et sustines laborem hunc? Et dixit eis senex: Totus labor temporis mei, quem hic sustineo, non est idoneus comparari ad unam diem tormentorum quæ peccatoribus in futuro sæculo præparantur.
Es kamen einige Reisende zu einem berühmten Altvater in der Wüste und sagten zu ihm: Wie kannst denn du hier zufrieden seyn, Vater, und ein so mühseliges Leben aushalten? Der Altvater erwiederte ihnen: Alle Mühe und Arbeit, die ich Zeit meines Hierseyns erduldete, lassen sich auch nicht mit den Peinen einer einzigen Stunde, die in der Ewigkeit den Sündern bereitet sind, in Vergleich bringen.
Dicebat senex: Quia antiqui non cito migrabant de loco ad locum, nisi forte pro tribus rebus, id est, si quis erat, qui contristaretur adversus eum, et satisfaciens ei per omnia non potuisset eum placare; aut iterum si contigisset ut a pluribus laudaretur, aut si in tentatione fornicationis incurrisset.
Wieder ein anderer Altvater sagte: Die Alten wanderten nicht so schnell von einem Orte zum andern, außer um drei Ursachen willen, nämlich, wenn Jemand den, mit welchem er im Unfrieden lebte, durch Anwendung aller Mittel nicht versöhnen konnte; oder wenn der Fall vorhanden war, daß Jemand von Mehreren unter Gefahr der eitlen Ehre gelobt wurde; oder wenn Jemand in einer Versuchung der Unzucht gefallen ist.
Frater quidam dixit abbati Arsenio: Quid facio, abba, quia affligor a cogitatione mea, dicens: Quia non potes jejunare, neque laborare, vel infirmos visitare, quia et hoc merces est. Videns autem senex diabolica semina esse, dixit ei: Vade, manduca, bibe, et dormi, tantummodo de cella non exeas, sciens quia perseverantia cellæ perducit monachum in ordinem suum. Qui cum fecisset tres dies extædiatus est, et inveniens paucas palmulas, scidit eas; et iterum in crastino cœpit plectam facere ex eis. Qui cum esurisset, dixit intra se: Ecce aliæ paucæ sunt palmæ, explico eas, et manduco. Et cum perexpendisset eas, dixit iterum: Lego parum, et sic manduco. Et cum legisset, dixit: Dicam aliquantos psalmos, et jam securus manduco. Et ita paulatim proficiebat Deo cooperante, donec veniret ad ordinem suum. Et cum accepisset fiduciam adversus cogitationes malas, vincebat eas.
Ein Bruder sprach zum Abte Arsenius: Was soll ich thun, Vater? ich werde von einem Gedanken beunruhiget, der mir einflüstert: Du kannst nicht fasten, noch arbeiten, oder die Kranken besuchen, was doch lauter verdienstliche Werke sind. Der Altvater, welcher sah, daß dieß des Teufels Same sey, sprach zu ihm: Geh hin, iß und trink und schlaf, nur gehe nicht aus deiner Zelle, und wisse, daß das Aushalten in der Zelle den Mönch in gute Ordnung bringt. Als er dieses drei Tage gethan hatte, ward er wieder vom Verdruß befallen. Nun fand er noch wenige Palmblätter in seiner Zelle; diese zerschnitt er, und fing des andern Tags von Neuem an, daraus einen Strick zu flechten. Als er hungrig geworden, sprach er bei sich selbst: Sieh! es sind noch einige wenige Palmblätter da, diese will ich verarbeiten, und dann erst essen. Nach Beendigung dieses Geschäftes sprach er wieder: Jetzt lese ich noch ein wenig, und dann will ich essen. Als er gelesen hatte, sprach er: Ich will noch einige Psalmen beten, dann kann ich sicher essen, und so machte er allmälig unter Beihilfe Gottes solche Fortschritte in der Tugend, daß er wieder zu seiner guten Ordnung kam. Er gewann Vertrauen zur Ueberwindung der bösen Gedanken, und besiegte sie.
Interrogatus est senex, quare sedens frater in cella tædium pateretur. Et dixit ei senex: Quia adhuc non vidisti neque speratam resurrectionem, neque accensa tormenta: nam si hæc vidisses, et ita esset cella tua plena vermibus, ut usque ad collum tuum mergereris in ipsis, sustineres utique, et non extædiareris.
Ein Altvater wurde gefragt von einem Bruder, warum er in seiner Zelle so viel von der Trägheit zu leiden hätte? Der Altvater erwiederte ihm: darum leidest du Ueberdruß, weil du noch nicht gesehen hast, weder die Auferstehung, die wir hoffen, noch den Brand der Höllenstrafe; denn hättest du diese gesehen, so würdest du es gerne leiden, wenn auch deine Zelle so voll Würmer wäre, daß du bis an den Hals darin stecktest, und keinen Ueberdruß fühlen.
Quemdam senem rogabant fratres, ut quiesceret a gravi labore. Ille autem respondit eis: Credite mihi, o filii, quia Abraham pœnitebatur, cum videret magna et præclara dona Dei, cur non amplius fuerit in laboribus decertatus.
Einige Brüder baten einen Altvater, er möchte von seiner schweren Arbeit ausruhen. Er antwortete ihnen: Glaubet mir, meine Kinder, daß Abraham Reue fühlte, als er im Himmel die großen und herrlichen Belohnungen sah, nicht noch mehr gestritten und gethan zu haben.
Frater interrogavit senem, dicens: Cogitationes meæ nutant, et tribulor. Et ille dixit: Tu sede in cella tua, et cogitationes iterum veniunt; sicut enim si asina ligata sit, pullus ejus vagatur et currit huc atque illuc, semper autem ad matrem suam revertitur, ubicunque ierit; ita erunt et cogitationes ejus qui propter Deum tolerabiliter in cella sua resederit; quia etsi ad modicum nutant, sed iterum revertuntur ad eum.
Ein Bruder fragte einen Altvater und sprach: Meine Gedanken sind unstät; dieß betrübet mich. Dieser antwortete: Bleibe du in deiner Zelle, und deine Gedanken werden wieder ruhig werden; denn wie ein junger Esel, wenn seine Mutter angebunden ist, ausschweift und hin und her läuft, immer aber wieder zu seiner Mutter zurückkehrt, er mag wo immer hin ausgelaufen seyn, so werden auch die Gedanken desjenigen, der wegen Gott mit Geduld in seiner Zelle verweilt, wenn sie auch eine Zeitlang ausschweifen, doch wieder zu ihm zurückkehren.
Senex quidam sedebat in eremo, qui longe habebat aquam a cella sua, per duodecim millia; ubi dum semel iret haurire aquam, defecit, et dixit: Quid necesse est ut hunc laborem patiar? Venio et habito circa aquam hanc. Et cum hoc dixisset, conversus vidit quemdam sequentem se et numerantem vestigia sua: interrogavit autem eum, dicens: Quis es tu? Et ille dixit: Angelus Domini sum, et missus sum numerare vestigia tua, et dare tibi mercedem. Quod cum audisset senex, forti animo factus promptior, et adhuc longius posuit cellam suam ab aqua illa.
Ein alter Einsiedler wohnte in der Wüste, und mußte das Wasser zwölf Meilen weit zu seiner Zelle holen. Als er einmal ausging Wasser zu schöpfen, und ganz kraftlos geworden, sprach er: Warum soll ich denn gar so viel ausstehen? Ich will fortgehen, und mir meine Wohnung in der Nähe dieses Wassers ausschlagen. Als er dieses gesprochen, und sich umgesehen hatte, da erblickte er Jemanden, der ihm nachging, und seine Fußtritte zählte. Er fragte ihn, und sprach: Wer bist du? Jener erwiederte: Ich bin ein Engel des Herrn, und bin abgesendet worden, deine Fußtritte zu zählen, und dich dafür zu belohnen. Als der Einsiedler diese Worte vernommen hatte, ward er in seinem Geiste neu gestärkt, und zur Arbeit mehr bereitet; er schlug daher seine Zelle noch weiter von jenem Wasser auf.
Dicebant Patres: Si tibi contigerit tentatio in loco quo habitas, non deseras locum in tempore tentationis; quia si deserueris, quocunque perrexeris, ante te invenies quod fugiebas; sed patiens esto donec tentatio transeat, ne discessio tua aliis scandalum faciat, et ne forte aliis qui circa locum ipsum habitant tribulationem ingerat discessio tua.
Die Väter sagten: Wenn dir an dem Orte, wo Du wohnest, eine Versuchung begegnet, so verlaß zur Zeit der Versuchung diesen Ort nicht; verlassest du ihn, so wirst du, wo du nur immer hingehen magst, allenthalben finden, daß Jenes, was du flohest, vor dir her geht; sondern warte in Geduld, bis die Versuchung vorüber geht, damit du andere durch dein Hinweggehen nicht ärgerst, noch jene Brüder, die an diesem Orte ihre Wohnung haben, betrübest, wenn du fortgehest.
Frater quidam erat in congregatione inquietus, et frequenter movebatur ad iram. Dicit ergo in semetipso: Vado, et solus alicubi habitabo; et cum non habeo cum quo dicam, vel audiam, ero quietus, et quiescit a me passio iræ. Egrediens ergo manebat in spelunca solus. Una autem die implens sibi surisculam aquæ, posuit illam in terra: contigit autem ut subito versaretur; ille vero implevit secundo, et iterum versata est; deinde tertio implens posuit eam, et rursus versata est. Qui commotus furore, tenuit vasculum illud, et fregit; in se autem conversus, cognovit quia ab eodem dæmone iracundiæ sit illusus, et dixit: Ecce ego et solus sum, et vicit me; revertar ergo in congregationem, quia ubique labor et patientia opus est, et maxime adjutorium Dei. Et surgens reversus est in locum suum.
Ein unruhiger Bruder wohnte in der Versammlung der Brüder, und ward oft zum Zorne gereizt. Er sprach daher bei sich selbst: Ich will fortgehen, und irgendwo allein wohnen, denn wenn ich mit Niemanden mehr reden kann, noch etwas mehr höre, so werde ich ruhig seyn, und so wird die Leidenschaft des Zornes mir vergehen. Er ging daher fort und wohnte ganz allein in einer Höhle. Eines Tages nun, als er seinen Krug mit Wasser füllte, und ihn auf den Boden hinsetzte, geschah es, daß er plötzlich umstürzte; er füllte ihn zum zweiten Male, und fiel wieder um. Als er ihn zum dritten Male gefüllt, und auf den Boden hingestellt hatte, wurde das Wasser neuerdings ausgeschüttet. Vom Grimme entflammt, ergriff er das Geschirr, und zerbrach es. Er ging aber bald wieder in sich, indem er einsehen lernte, daß er von dem Teufel des Jähzorns getäuscht worden wäre. Nun sprach er: Sieh! jetzt bin ich allein, und doch hat mich der Zorn wieder besiegt. Ich will also wieder in die Versammlung der Brüder zurückkehren, weil man überall der Mühe und des Kampfes, der Geduld, und besonders der Hilfe Gottes nöthig hat. Er machte sich deßhalb auf und kehrte wieder an seinen vorigen Ort zurück.
Frater interrogavit senem, dicens: Quid facio, Pater, quia nihil operer monachile, sed in negligentia quadam sum manducans, bibens, et dormiens, et super in cogitationibus turpibus et multa perturbatione sum, transiens ab opere ad opus, et a cogitationibus ad cogitationes? Dixit autem ei senex: Tu sede in cella tua, et fac quod potes sine perturbatione; ita est enim parum quod tu modo facis, sicut quando abbas Antonius magna et plurima faciebat in eremo. Credo enim in Deo, quia quicunque sedet in cella propter nomen ejus, et custodit conscientiam suam, inveniatur et ipse in Antonii loco.
Ein Bruder fragte einen Altvater und sprach: Was soll ich thun, Vater? Ich thue nichts, was einem Mönche zugehört, sondern lebe in Nachläßigkeit und gemächlicher Ruhe dahin; ich esse, trinke und schlafe. Ueberdieß bin ich noch voll schändlicher Gedanken, eine lautere Verwirrung, laufe von einem Werke zum andern, und von Gedanken zu Gedanken. Der Altvater entgegnete ihm: Bleibe du in deiner Zelle, und thue was du kannst, aber ohne Verwirrung, denn das Wenige, was du jetzt thust, hat denselben Werth, wie das Große und Viele, das der Abt Antonius in der Wüste gethan. Denn ich glaube zuversichtlich, daß, wer immer um Gotteswillen in seiner Zelle bleibt, und sein Gewissen rein bewahrt, dem Antonius an Verdiensten gleich kommen wird.
Interrogatus est senex, quomodo oporteat vigilantem monachum non scandalizari, quando videt aliquos ad sæculum revertentes. Et respondit: Intueri debet monachus canes, qui venantur lepores; et sicut unus ex eis videns leporem insequitur, cæteri autem tantummodo canem videntes currentem, aliquandiu cum ipso currunt, postea vero lassantes post se revertuntur; solus autem ille qui vidit leporem sequitur donec comprehendat, nec impeditur ab intentione cursus sui propter illos qui post se revertuntur, sed neque præcipitiis, neque de silvis, neque de vepribus cogitans, sed in spinis aliquoties incurrens raditur et pungitur, et non quiescit donec comprehendat. Ita et monachus, vel qui Dominum Christum quærit, cruci indesinenter intendit, quæ occurrunt scandala omnia præteriens, donec ad crucifixum perveniat.
Ein Altvater ward gefragt, wie ein wachsamer Mönch sich nicht ärgern müsse, wann er einige sieht, die zur Welt zurückkehren? Der Altvater gab zur Antwort: Ein Mönch soll die Hunde betrachten, die nach einem Haasen jagen; denn wie nur einer von den Hunden, nämlich Jener, der den Haasen gesehen, demselben nachjagt, die andern aber nur, wenn sie diesen Hund laufen sehen, eine Weile mit ihm laufen, nachher aber, wenn sie müde werden, wieder umkehren; jener allein aber, der den Haasen gesehen, ihm nachsetzt, bis er ihn eins geholt, ohne sich in der Hitze des Laufes durch die Zurückkehr der übrigen Hunde abhalten zu lassen, und ohne an die steilen Orte, Gesträuche oder Dörner zu denken und nicht ruht, bis er ihn ergriffen, wenn auch Dörner ihn stechen, und seinen Leib verwunden: so richtet auch ein Mönch oder Jener, der den Herrn Christum aufsucht, sein Auge unabläßig auf das Kreuz, und geht a'le Aergernisse, die ihm begegnen, vorbei, bis er zum Gekreuzigten gelangt.
Dixit senex: Sicut arbor fructificare non potest, si sæpius transferatur, sic nec monachus frequenter migrans potest fructificare.
Ein Altvater sagte: Wie ein Baum keine Frucht bringen kann, wenn er zu oft versetzt wird, so wird auch ein Mönch, der oft von Ort zu Ort wandert, nichts Gutes schaffen.
Frater quidam dum sollicitaretur a cogitationibus propriis, ut exiret a monasterio, indicavit hoc ipsum abbati. Ille autem dixit: Vade, et sede, et da parieti cellæ tuæ corpus tuum in pignore, et non exeas inde: cogitationem autem tuam dimitte; cogitet quantum vult, tantum ne ejicias de cella tua corpus tuum.
Als einen Bruder seine eigenen Gedanken plagten, aus dem Kloster fortzugehen, zeigte er dieß dem Abte an. Dieser erwiederte: Bleibe du, und gieb der Wand deiner Zelle deinen Leib zum Pfande, und gehe daraus nicht mehr hervor. Gib diesen Gedanken Abschied; laß sie sagen, was sie wollen, nur du gehe mit deinem Leibe nicht mehr aus deiner Zelle hinaus.
Dixit senex: Cella monachi est caminus ille Babylonius, ubi tres pueri Filium Dei invenerunt; sed et columna nubis est ex qua Deus locutus est Moysi.
Ein Altvater pflegte zu sagen: Die Zelle eines Mönches ist jener babylonische Feuerofen, wo die drei Knaben den Sohn Gottes gefunden; sie ist aber auch jene Wolkensäule, woraus Gott zu Moses geredet.
Frater quidam novem annis mansit impugnatus a cogitationibus suis, ut exiret de congregatione fratrum, et quotidie tollebat pelliculam suam, in qua jacere solitus erat, ut exiret. Et quando fiebat vespere dicebat in seipso: Crastina hinc discedo. Et mane dicebat in cogitatione: Extorqueamus nobis hic stare et hodie propter Dominum. Qui cum implesset novem annos, de die in diem ita faciens, abstulit Dominus ab eo tentationem ejus.
Ein Bruder ward neun Jahre von seinen Gedanken bestürmt, aus der Versammlung der Brüder fortzugehen. Täglich nahm er seine Thierhaut, worauf er zu schlafen pflegte, und schickte sich an, als wollte er fortgehen. Und wann es Abend war, sagte er zu sich selbst: Morgen gehe ich von hier fort. Am Morgen aber sprach er bei sich selbst: Ich will mir Gewalt anthun, um des Herrn willen auch heute noch hier zu bleiben. Als er nun neun Jahre hingebracht hatte, indem er es täglich so machte, nahm der Herr die Versuchung von ihm.
Frater quidam incidens in tentationem, tribulando perdidit regulam monachilem; et cum iterum vellet observantiæ regularis sibi principia dare, a tribulatione impediebatur, et dicebat in seipso: Quando habeo me ita invenire, sicut aliquando eram? Et deficiens animo non prævalebat vel inchoare monachi opus. Veniens autem ad quemdam senem, narravit ei quæ agebantur circa ipsum: senex autem audiens ea de quibus affligebatur, adhibuit ei tale exemplum, dicens: Homo quidam habuit possessionem, et de negligentia ejus in sentibus redacta est, et repleta est tribulis et spinis. Visum est autem ei postea ut excoleret eam; et dixit filio suo: Vade, et purga agrum possessionis illius. Et venit filius ejus ut purgaret. Qui cum respexisset, vidit multitudinem tribulorum et spinarum increvisse ei; et deficiens animo, dixit ad seipsum: Quando ego habeo hæc omnia eradicare et purgare? Et projiciens se in terram cœpit dormire; hoc autem fecit multis diebus. Post hæc venit pater ejus videre quod fecerat, et invenit eum nihil operatum. Et dixit ei: Quare usque modo nihil fecisti? Et dixit juvenis ille patri suo: Mox ut veniebam operari, pater, cum vidissem multitudinem hanc tribulorum et spinarum, revocabar ab assumptione laboris, et præ tribulatione projiciebam me in terra, et dormiebam. Tunc dixit ei pater suus: Fili, ad mensuram latitudinis, quam jacens in terra occupas, per singulos dies operare, et ita paulatim proficiet opus tuum, et tu pusillanimis non efficieris. Quod cum audisset juvenis, fecit sic; et in parvo tempore purgata est et exculta possessio. Et tu ita, frater, paulatim operare et non deficies, et Deus per gratiam suam restituet te iterum priori ordini tuo. Hoc audito, frater ille abiit, et cum omni patientia sedens faciebat sicut edoctus fuerat a sene; et sic inveniens requiem, promovebatur per Dominum Christum.
Ein Bruder, der in eine Versuchung fiel, vergaß seine Regel, und verlor allen Sinn für das Klosterleben. Als er wieder zur Beobachtung der Regel zurückkehren wollte, ward er hierin durch seine trübsinnigen Gedanken gehindert, indem er zu sich selbst sagte: Wann werde ich wieder so werden, wie ich schon einmal war? Er verlor allen Muth und war gar nicht mehr im Stande, auch nur einen Anfang des einsamen Lebens zu machen. In dieser Verwirrung ging er zu einem Altvater, und erzählte ihm seinen Seelenzustand. Der Altvater wendete, als er von seinem Trübsinne hörte, folgendes Mittel an; er erzählte ihm diese Geschichte: Ein Mann hatte einen Acker, den er aus Nachläßigkeit ganz verwildern und mit Disteln und Dörnern überwachsen ließ. Nachhin kam er aber doch wieder auf den Gedanken, denselben wieder anzubauen; er sagte daher zu seinem Sohne: Gehe hin und reinige den Acker vom Unkraute. Der Sohn ging fort, den verwilderten Acker zu säubern. Als er aber die Menge der Distel und Dörner, womit der Acker überwachsen war, gesehen hatte, da entging ihm der Muth, und er sprach zu sich selbst: Wann werde ich diesen Acker reinigen und alle diese Verwilderung davon hinweg-. schaffen? Entmuthigt legte er sich auf den Boden nieder, und fing zu schlafen an; dieses that er nun viele Tage hindurch. Nachhin kam sein Vater, um nachzusehen, was er gearbeitet hätte; da er aber fand, daß er nichts gethan hatte, sprach er zu ihm: Warum hast du bis jetzt nichts gethan? Und der Jüngling antwortete seinem Vater: Vater! sobald ich hieher kam zur Arbeit, und die Menge der Distel und Dörner sah, da ward ich entmuthiget, ehe ich die Arbeit ansing; aus Ueberdruß legte ich mich auf die Erde nieder und schlief. Sein Vater sprach hierauf zu ihm: Mein Sohn, bearbeite alle Tage nur so viel Land, als du mit deinem Leibe einnimmst, wenn du auf der Erde liegest. Auf solche Weise wird dein Unternehmen gelingen, und du nicht kleinmüthig werden. Der Sohn machte es so, wie ihm der Vater gesagt hatte; und in kurzer Zeit ward der Boden gereiniget und kultivirt. So mach es auch du, o Bruder, arbeite nur, und bemühe dich anfangs etwas Weniges, und du wirst den Muth nicht verlieren, und Gott wird durch seine Gnade dich wieder in deinen frühern guten Stand zurückführen. Nach diesen Worten ging der Bruder fort und that mit großer Geduld, wie ihn der Altvater gelehrt hatte, fand Ruhe und ward durch den Herrn Jesus Christus wieder zurecht gebracht.
Senex quidam erat qui frequenter ægrotabat. Contigit autem eum uno anno non ægrotare; qui affligebatur graviter et plorabat, dicens: Dereliquit me Deus, et non visitavit me.
Es war einmal ein Altvater, der die meiste Zeit krank war. Als er in einem Jahre nicht erkrankte, ward er sehr betrübt, weinte und sprach: Mich hat Gott verlassen, weil er mich nicht heimgesucht.
Dixit senex quia frater aliquando stimulabatur a cogitationibus suis per annos novem, ita ut metu ipso desperaret de salute sua; et adjudicavit semetipsum dicens: Perdidi animam meam; et jam quia perii, vadam ad sæculum. Qui cum abiret. venit ei in via vox dicens: Tentationes quas in novem annis sustinuisti, coronæ tuæ erunt; revertere ergo in locum tuum, et sublevabo te a cogitationibus malis. Unde agnoscitur quia non est bonum desperare de se aliquem pro his quæ in cogitationibus veniunt. Hæ enim cogitationes magis coronam nobis provident, si bene eas exegerimus.
Ein Altvater sprach: Einstmals lebte ein Bruder, der von seinen Gedanken neun Jahre hindurch dergestalt angefochten wurde, daß er vor Furcht an seiner Seligkeit verzweifelte, und sich mit diesen Worten selbst verdammte: Ich bin verloren; um mich ist es geschehen, darum will ich in die Welt zurückkehren. Als er fortgegangen, hörte er auf dem Wege die Stimme des Herrn, die zu ihm sagte: Die Versuchungen, welche du neun Jahre hindurch gelitten, werden dir die Krone des Himmels erwerben; kehre daher wieder zurück an deinen Ort, ich will dir Abhilfe schaffen von den bösen Gedanken. Daraus laßt sich einsehen, daß es nicht gut ist, wenn Jemand der Gedanken halber, die ihn versuchen, an sich selbst verzweifelt. Denn diese Gedanken verhelfen uns vielmehr zur Krone des Himmels, wenn wir gehörigen Widerstand leisten.
Senex quidam erat in Thebaida sedens in spelunca, et habuit quemdam discipulum probatum: consuetudo autem erat ut senex vespere doceret discipulum, et commoneret eum quæ erant animæ profutura; et post admonitionem, faciebat orationem, et dimittebat eum dormire. Contigit autem laicos quosdam religiosos scientes multam abstinentiam senis venire ad eum; et cum consolatus eos fuisset, discesserunt. Post quorum discessum sedit iterum senex vespere post missas secundum consuetudinem, admonens illum fratrem et instituens eum. Et cum loqueretur, gravatus est somno; frater autem sustinebat, donec excitaretur senex, et faceret ei juxta consuetudinem orationem. Cum ergo, non evigilante sene, diu sederet discipulus, compulsus est cogitationum suarum molestia recedere et dormire; qui extorquens sibi, restitit cogitationi, et resedit. Iterum autem compellebatur somno, et non abiit. Similiter factum est usque septies, et restitit animo suo. Posthæc jam media nocte transacta evigilavit senex, et invenit eum assidentem sibi, et dicit: Usque modo non discessisti? Et ille dixit: Non, quia me non dimiseras, Pater. Et senex dixit: Quare me non excitasti? Et ille respondit: Non te præsumpsi pulsare, ne te contribularem. Surgentes autem cœperunt facere matutinos, et post matutinorum finem, dimisit senex discipulum; qui cum sederet solus, factus est in excessu mentis: et ecce quidam ostendebat ei locum gloriosum, et sedem in eo, et super sedem septem coronas. Interrogabat autem illum qui hæc ostendebat ei, dicens: Cujus sunt hæc? Et ille dixit: Discipuli tui, et locum quidem et sedem pro conversatione sua donavit ei Deus; has vero septem coronas nocte ista promeruit. Hæc audiens senex miratus est, et tremefactus vocavit discipulum, et dicit ei: Dic mihi quid feceris nocte hac. Et ille respondebat: Ignosce mihi, Pater, quia nihil feci. Senex autem æstimans quia humiliando se non confiteretur dixit ei: Crede, non quiesco, nisi dixeris mihi quid fecisti, vel quid cogitasti nocte hac. Frater autem nihil sibi conscius quid egisset, non inveniebat quid diceret; dicebat autem seni: Ignosce mihi, Pater, nihil feci, nisi tantum hoc quod compulsus sum motu cogitationum mearum, ut discederem et dormirem septies, sed quia a te dimissus secundum consuetudinem non fueram, non recessi. Audiens autem hoc senex, statim intellexit quia quoties restitit cogitationi suæ, toties coronabatur a Deo. Et fratri quidem nihil horum dixit, causa utilitatis ejus, sed aliis narravit hæc spiritualibus Patribus, ut discamus quia et pro parvis cogitationibus Deus nobis coronam tribuit. Bonum ergo est, ut extorqueat sibi ipse homo in omni re propter Deum; etenim, sicut scriptum est, Regnum cœlorum vim patitur, et violenti diripiunt illud.
In der Thebaide wohnte ein Altvater, der einen bewährten Schüler hatte. Dieser Einsiedler hatte im Brauche, Abends seinen Schüler zu unterrichten, und ihm solche Mahnungen zu ertheilen, die dem Heile seiner Seele ersprießlich waren. Nach der Ermahnung verrichtete er sein Gebet, und ließ den Jünger schlafen gehen. Nun traf es sich, daß einige weltliche fromme Männer, die von der großen Enthaltsamkeit des Altvaters gehört hatten, zu ihm auf Besuch kamen. Nachdem er sie getröstet hatte, zogen sie wieder fort. Nach ihrer Abreise setzte sich der Altvater am Abende nach Beendigung des Gottesdienstes seiner Gewohnheit zufolge wieder nieder, um seinen Jünger zu unterrichten und zu ermahnen. Als er aber noch redete, überfiel ihn der Schlaf. Der Bruder aber wartete, bis der Altvater aufs wachen, und nach seiner Gewohnheit das Gebet über ihn sprechen würde. Lange saß aber der Jünger da, und der Einsiedler wachte nicht auf. Da belästigten ihn nun die Gedanken mit der Versuchung zum Schlafengehen; allein er that sich Gewalt an, widerstand dem Andrange derselben, und setzte sich wieder nieder. Und obwohl er wiederholt vom Schlafe geplagt wurde, so ging er doch nicht fort. Dieß geschah aber gegen siebenmal, und er widerstand seinem Geiste, wenn er sich der Trägheit überlassen wollte. Als demnach die Stunde der Mitternacht vorbei war, wachte der Greis auf, und als er seinen Jünger noch neben sich sitzen sah, sprach er: Bist du bis jetzt nicht fortgegangen? Jener erwiederte: Nein, weil du mich, Vater, nicht entlassen hattest. Der Altvater sprach hierauf: Warum hast denn du mich nicht aufgeweckt? Der Jünger antwortete: Ich habe mich gefürchtet, dich zu wecken, um dich nicht zu betrüben. Sie stunden sodann auf, und fingen an, die Matutin zu beten. Nach Beendigung derselben ließ der Altvater den Jünger zu Bette gehen. Als er noch allein da saß, ward er im Geiste entzückt; und sieh, es zeigte ihm Jemand einen herrlichen Ort, und in demselben einen erhabenen Sitz, und auf demselben sieben Kronen. Der Altvater fragte nun den, der ihm dieses zeigte, und sprach: Wem gehören diese Belohnungen? Jener erwiederte: Deinem Jünger; den Ort und den Sitz verlieh ihm Gott seines religiösen Wandels wegen; die sieben Kronen aber hat er sich erst heute Nacht verdient. Als der Altvater dieses gehört hatte, wunderte er sich, und rief zitternd seinem Jünger, und sprach zu ihm: Sage mir, was hast du diese Nacht gethan? Der Jünger antwortete: Verzeihe mir Vater, ich habe nichts gethan. Der Altvater aber, der in der Meinung war, daß sein Jünger aus Demuth ihm die Sache nicht entdecken wollte, sprach zu ihm: Glaube mir, ich werde nicht ruhen, bis du mir entdeckt hast, was du diese Nacht Gutes gethan, oder gedacht hast. Der Bruder, der sich nicht bewußt war, etwas Gutes gethan zu haben, wußte nicht, was er sagen sollte; er sprach daher zum Altvater: Verzeihe mir, Vater! ich habe sonst nichts gethan, als nur dieses, daß ich nicht, als mich meine Gedanken siebenmal zum Bettegehen drängten, fortging, weil du mich nach deiner Gewohnheit nicht entlassen hattest. Als der Altvater dieses hörte, sah er sogleich ein, daß Gott den Bruder so oft mit einer himmlischen Krone beschenkte, als er dem Gedanken der Versuchung widerstund. Er sagte zwar zum Bruder hievon nichts, um ihm nicht zu schaden, erzählte aber alles dieses anderen geistlichen Vätern, damit wir einsehen lernen möchten, daß Gott uns auch für die kleinen Gedanken, wenn wir ihnen widerstehen, im Himmel eine Krone ertheilt. Es ist daher gut, wenn der Mensch in jeder Sache um Gotteswillen sich selbst Gewalt anthut, wie geschrieben steht: Das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewaltigen reißen es an sich. Matth. 11, 21.
Ægrotavit aliquando senex quidam qui solitarius habitabat; et quia non habebat qui ei serviret, surgebat, et quodcunque invenisset in cella sua, manducabat; et cum aliquot diebus ita fieret, nemo veniebat ad visitationem ejus. Transactis autem triginta diebus, et nullo veniente ad eum, misit Dominus angelum suum, qui ministraret ei; et cum sic fieret per septem dies, recordati sunt patres et dixerunt ad invicem: Eamus et videamus ne forte infirmetur ille senex. Cum ergo venissent, et pulsassent discessit angelus ab eo. Senex autem de intro clamavit: Discedite hinc, fratres. Illi autem levantes a cardine ostium intraverunt, et interrogaverunt eum, quare clamaverit. Et ille dixit: Quia triginta dies habui laborans infirmitate, et nemo me visitavit et ecce jam dies septem sunt ex quo Dominus angelum misit ut ministraret mihi, qui cum venissetis, recessit a me. Et hæc dicens dormivit in pace. Fratres autem mirati sunt, et glorificaverunt Deum, dicentes: Quia non derelinquit Dominus sperantes in se.
Einstens erkrankte ein Altvater, der allein wohnte. Da er Niemanden hatte, der ihm diente, stund er auf, und suchte in seiner Zelle alles auf, was er zum Essen vorräthig fand. Er machte es etliche Tage so, allein Niemand kam, ihn zu besuchen. Als nach dem Verlaufe von dreißig Tagen Niemand zu ihm kam, so schickte Gott seinen Engel, ihm zu dienen. Sieben Tage hindurch ward er vom Engel bedient. Nun erinnerten sich die Väter seiner, und sprachen zu eine ander: Laßt uns hingehen und sehen, ob nicht vielleicht jener Altvater krank sey? Da sie angekommen waren, und an der Thüre geklopft hatten, wich der Engel von ihm; da schrie aber der Altvater von Innen: Geht fort von hier, Brüder. Sie hoben die Thüre aus dem Angel, gingen hinein in die Zelle, und fragten ihn, warum er so geschrieen habe? Er erwiederte: Seit dreißig Tagen lieg ' ich krank da, Niemand besuchte mich; und sich! jetzt sind es bereits sieben Tage, seit dem der Herr mir einen Engel geschickt, mich zu bedienen; allein bei eurer Ankunft ist er entwichen. Bei diesen Worten entschlief er im Frieden. Die Brüder aber wunderten sich, priesen Gott und sagten: Der Herr verläßt Niemanden, der auf ihn hofft.
Dixit quidam senex: Si te occupaverit infirmitas corporis, noli pusillanimis fieri; quia si te Dominus Deus vult corpore debilem fieri, quis es qui moleste suscipias? Nonne ipse pro te cogitat de omnibus? nunquid sine ipso vivis? Patienter ergo fer, et roga eum ut donet tibi quæ expediunt, hoc est ut quod voluntas ipsius est facias, et sede cum patientia manducans quod habes in charitate.
Ein Altvater sagte: Wenn dich eine leibliche Krankheit befällt, so werde nicht kleinmüthig. Wenn es Gottes Wille ist, daß du dem Leibe nach schwach werdest, wer bist du, daß du es lästig findest, dieses Leiden anzunehmen? Ist es nicht Er, der für dich in jeder Beziehung sorgt? Lebst du ohne ihn? Ertrage es also mit Geduld, und bitte ihn, dir das zu geben, was dir am meisten frommt, d. h., erfülle seinen Willen, beharre in der Geduld und iß das Stücklein Brod, das du hast, mit Liebe.
Narravit quidam Patrum, dicens: Quia cum essem in Oxyrincho, venerunt ibi pauperes in vespere Sabbati ut acciperent agapem; et dormientibus eis, erat ibi quidam habens tantummodo mattam, cujus medietatem sibi subtermittebat, et medietate cooperiebatur, erat enim ibi validum frigus. Et cum exisset ad urinam, audivi eum murmurantem et gementem de frigore, et consolabatur semetipsum, dicens: Gratias ago tibi, Domine; quanti sunt modo divites in custodia, qui etiam in ferro sedent, aut pedes habent in ligno constrictos, qui neque urinam suam libere faciant; ego autem velut imperator sum extendens pedes meos, et ubi volo ambulo. Hæc illo dicente, ego stabam audiens verba ejus; ingrediens autem, narravi ea fratribus, et audientes ea tum ædificati sunt.
Es erzählte ein Vater und sprach: Als ich in Oririnchus war, kamen Arme dorthin, am Abend vor einem Samstage, um Almosen zu empfangen. Während sie schliefen, war Einer unter ihnen, der nur eine Decke hatte. Die Hälfte davon legte er unter sich, mit der andern Hälfte bedeckte er sich, denn es war sehr kalt. Als er hinausgegangen war, um Wasser zu machen, hörte ich ihn seufzen und über die Kälte klagen; allein er tröstete sich bald wieder und sprach: Ich danke dir, o Herr! wie viele Reiche liegen jetzt im Gefängnisse, wie Viele sitzen in eisernen Ketten, oder haben ihre Füße in hölzerne Blöcke eingeschlossen, und haben nicht einmal die Freiheit, ihre Naturbedürfnisse zu befriedigen; ich aber bin wie ein Kaiser, strecke meine Füße aus und gehe hin, wo ich will. Als er dieses sprach, stand ich in der Nähe, und hörte seine Worte. Ich ging zu den Brüdern, und erzählte ihnen dieselben. Sie erbauten sich sehr daran.
Frater interrogavit senem quemdam dicens: Si fuero in aliquo loco, et nata fuerit mihi tribulatio, et non habuero cui me committam, et indicem passionem animi mei; quid facio? Dixit ei senex: Crede in Deo quia ipse mittet angelum et gratiam suam, et ipse tibi est consolatio, si in charitate rogaveris eum. Et addidit dicens: Audivi enim quia in Scythi aliquid tale factum est. Erat enim ibi quidam qui sustinebat tentationes et non habens fiduciam in aliquo cui confiteretur, parabat a sero melotem suam ut discederet; et ecce nocte apparuit ei gratia Dei in specie virginis, et rogabat eum, dicens: Nusquam vadas, sed sede hic mecum, nihil enim male fiet ex his quæ audisti. Qui credens verbis ejus sedit, et statim sanatum est cor ejus.
Ein Bruder fragte einen Altvater und sprach: Wenn ich irgendwo bin, und es befällt mich eine Anfechtung, und ich Niemanden habe, dem ich mich entdecken, und das Leiden meiner Seele offenbaren kann; was soll ich da thun? Der Altvater erwiederte ihm: Vertraue auf Gott; er wird dir seinen Engel und seine Gnade senden; ja, er ist selbst dein Trost, wenn du ihn in Liebe darum bittest. Er fügte noch bei: Ich habe gehört, daß in der Wüste Scythi Folgendes sich zugetragen: Es lebte dort ein Einsiedler, der große Versuchungen litt und zu Niemanden ein Vertrauen hatte, ihm sein Anliegen zu entdecken. Am Abende noch richtete er seine Thierhaut zusammen, um fortzugehen. Und sieh! in der Nacht erschien ihm die Gnade Gottes in Gestalt einer Jungfrau, bat ihn zu bleiben, und sprach: Gehe nirgends hin, sondern bleibe bei mir, so wird dir deine Anfechtung nicht schaden. Diesen Worten glaubte der Einsiedler, blieb wieder da, und sein Herz ward von der Versuchung geheilt.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch V der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Pelagius, Diakon der römischen Kirche, in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 855–988, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers. · Übersetzung von Franz Sales Handwercher († 1853), Leben und Thaten der heiligen Altväter in der ägiptischen Wüste, Bd. 3–5, Regensburg, Manz, 1841–1843 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Überschriften, Vorreden und Anmerkungen des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % der Sprüche wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (5,4 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Danach wurden die Büchlein 11–18 vollständig Wort für Wort an den Scans korrigiert, die Büchlein 1–10 nach einer gezielten Fehlersuche; eine neue Zufallsstichprobe von 30 Sprüchen aus den Büchlein 11–18 ergab 0,6 Fehler pro 1 000 Wörter (behoben). Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden