Worte der Väter (Verba seniorum, Buch V)
Dass nichts zur Schau getan werden soll
De eo quod nihil per ostensionem fieri debeat.Man soll nichts aus Ruhmsucht thun.
Audivit aliquando abbas Antonius de quodam juvene monacho quia signum quoddam hujusmodi fecerit in via, id est, cum vidisset quosdam senes iter agentes et laborantes in ambulando, onagris jussit ut venirent et portarent eos, donec pervenirent ad se; illi autem senes indicantes hoc abbati Antonio, dixit abbas Antonius: Videtur mihi monachus iste similis esse navi oneratæ omnibus bonis, de qua incertum est utrum pervenire possit in portum. Et post aliquantum temporis, subito cœpit abbas Antonius flere, et trahere sibi capillos, et lugere. Quod cum vidissent discipuli ejus, dicunt ei: Quid ploras, abba? Et respondit senex: Magna columna ecclesiæ cecidit modo. Dicebat autem hoc de monacho illo juvene, et adjecit: Ambulate ad eum, et videte quod factum est. Perrexerunt igitur discipuli ejus, et invenerunt monachum illum super mattam sedentem, et flentem peccatum quod fecerat. Videns autem discipulos senis, ait eis: Dicite seni ut obsecret Deum decem tantum dierum dari mihi inducias, et spero me satisfacturum ei. Qui intra quinque dies mortuus est.
Einstmals hörte der Abt Antonius von einem jungen Mönche, daß er eine wunderbare That gethan habe. Als dieser nämlich sah, daß einige Altväter, die eine Reise machten, auf dem Wege ganz entkräftet lagen, da befahl er den Waldeseln, daß sie hingingen, und dieselben zu ihm hertragen sollten. Die Altväter zeigten dieses dem Abt Antonius an, der sich über diesen Mönch so ausdrückte: Mir scheint dieser Mönch einem Schiffe ähnlich, das mit allerlei Gütern beladen ist; man weiß aber noch nicht, ob es damit in den Hafen gelangen kann oder nicht. Nach einiger Zeit fing der Abt Antonius plötzlich zu weinen an; er riß sich die Haare aus und trauerte sehr. Als dieses seine Jünger gesehen hatten, fragten sie ihn: Vater! warum weinest du? Und der Altvater antwortete: Es ist jetzt eine große Säule der Kirche gefallen. Er sagte aber dieses von dem jungen Mönche, und fügte noch bei: Geht zu ihm hin, und sehet nach, was geschehen ist. Seine Jünger gingen also hin, und trafen jenen Mönch auf seiner Matte sitzend an, wie er seine Sünde beweinte, die er gethan hatte. Als er die Jünger des Altvaters erblickt hatte, sprach er zu ihnen: Saget dem Altvater, daß er Gott für mich bitten wolle, nur um Aufschub von zehn Tagen, denn ich hoffe darin Gott Genugthuung leisten zu können. Er starb aber innerhalb fünf Tagen.
Laudatus est quidam frater a monachis apud abbatem Antonium: ille autem cum venisset ad eum tentavit si portaret injuriam; et cum cognovisset quia non posset ferre, dixit ei: Similis es domui quæ a facie quidem ornata est, de retro vero a latronibus despoliata.
Ein Bruder wurde von den Mönchen bei dem Abte Antonius gelobt. Als derselbe zu ihm gekommen war, versuchte er ihn, ob er eine Unbild ertragen könne; da er gemerkt hatte, daß er sie nicht ertrüge, sprach er zu ihm: Du bist einem Hause gleich, welches von vorne schön geziert, von hinten aber von den Räubern ausgeplündert ist.
Dicebant de abbate Arsenio et abbate Theodoro de Pherme, quia super omnia humanam gloriam odio haberent: abbas enim Arsenius non cito occurrebat alicui; abbas vero Theodorus occurrebat quidem, sed ut gladius erat ei.
Man erzählte von dem Abte Arsenius und Theodor von Pherme, daß sie Menschenlob und Ehre über alles haßten. Der Abt Arsenius pflegte nicht leicht mit Jemanden einen Umgang; der Abt Antonius hatte zwar einen Umgang hie und da mit einem Menschen; derselbe war ihm aber wie ein Schwert.
Eulogius quidam nomine, discipulus fuit Joannis archiepiscopi: qui Eulogius presbyter erat, et abstinens atque jejunans biduanas levando, aliquando etiam et usque hebdomadam trahebat jejunium, panem tantum et salem comedens; et per hoc laudabatur ab hominibus. Qui venit ad abbatem Joseph in loco qui dicitur Panepho, credens se aliquam duriorem continentiam invenire apud eum. Et suscipiens eum senex cum gaudio, quod habebat fecit ei pro charitate parari. Dixerunt autem discipuli Eulogii: Non comedit presbyter nisi panem et salem, abbas autem Joseph tacitus manducabat. Qui cum fecissent tres dies, non audierunt eos aut psallentes aut orantes, occultum enim erat opus illorum et exierunt nihil ædificati. Deo autem dispensante facta est caligo, et errantes de via reversi sunt ad senem: et priusquam pulsarent ostium, audierunt psallentes; et cum exspectassent diu ut audirent, postea pulsaverunt, et suscepit eos iterum senex gaudens. Hi autem qui cum Eulogio erant, propter cauma tulerunt surisculam, et dederunt ei ut biberet: erat autem aqua permista de mari et flumine, et non potuit bibere. Qui cum hæc in animo suo cogitaret, cœpit rogare senem, ut disceret ejus institutum, dicens: Quid est hoc, abba, quia primo non psallebatis, sed nunc cœpisti posteaquam nos sumus egressi, et quia cum aquam bibere volui, inveni eam salsam? Dicit ei senex: Frater aliquis motus est, et per errorem miscuit aquam marinam. Eulogius vero rogabat senem, volens agnoscere veritatem. Et dixit ei senex: Parvus ille calix ad vinum est quod charitas providet, hic autem ad aquam quam assidue fratres bibunt. Et his verbis docuit eum habere discretionem cogitationum, et abscidit ab eo omnia humanitus moventia mentem ejus; et factus est communis, manducans de cætero omnia quæ apposita sunt ei. Didicit etiam ipse in secreto operari, et dixit seni: Pro certo in charitate est opus vestrum.
Eulogius der Priester war ein Jünger des Erzbischofes Johannes. Er war dem Fasten und der Enthaltsamkeit sehr ergeben. Bisweilen fastete er zwei Tage, ja er aß oft eine ganze Woche nichts, und lebte nur vom Brod und Salz. Deßhalb wurde er von den Menschen gelobt. Als er zu dem Abte Joseph nach Pannepho gereist, in der Meinung, bei demselben eine noch größere Enthaltsamkeit zu finden, nahm ihn dieser mit Freuden auf, und ließ ihm alles, was er hatte, nach seiner Liebe zum Essen bereiten. Die Jünger des Eulogius aber sagten: Der Priester ist nur Brod und Salz. Der Abt Joseph aber aß ruhig fort, ohne auf ihre Worte zu achten. Da sie hier drei Tage zugebracht hatten, und die Mönche weder beten noch Psalmen singen hörten (denn sie thaten alles in Geheim), so reisten sie wieder fort, ohne sich erbaut zu haben. Nach einer göttlichen Fügung trat neblichtes Wetter ein. Hiedurch vom Wege abgekommen, fügte es sich, daß sie wieder nach Pannepho zurück kamen; ehe sie aber an der Thüre anklopften, hörten sie schon den Psalmengesang der Mönche. Sie warteten lange Zeit, um dem Gebete zuzuhören. Hernach klopften sie an und wurden wiederholt mit Freuden vom Altvater aufgenommen. Die Jünger des Eulogius nahmen, da demselben sehr heiß war, einen Krug und gaben ihm Wasser zum Trinken. Da aber das Wasser aus Meer- und Flußwasser gemischt war, so konnte er es nicht trinken. Alles dieses in seinem Geiste erwägend, bat Eulogius den Altvater, ihre Einrichtung und ihren Wandel kennen zu lehren; deßhalb sprach er: Vater! wie ist das zu nehmen, daß ihr das erste Mal keinen Psalmengesang gehabt, sondern erst zu singen anfingt, als wir fort waren? Und da ich Wasser trinken wollte, fand ich es salzig? Der Altvater erwiederte ihm: Ein Bruder hat aus Irrthum unter das süße Wasser Meerwasser geschüttet. Eulogius bat ferners den Altvater, er möchte ihn die rechte Wahrheit erkennen lehren. Der Altvater erwiederte ihm: Jener Becher gehört zum Weintrinken, wenn die Liebe ein solches erfordert; dieser aber gehört zum Wassertrinken, die Brüder trinken beständig daraus. Mit diesen Worten lehrte er ihn in seinen Gedanken Bescheidenheit zu beobachten, und benahm seinem Geiste hiedurch die Furcht, sich hinwegzusetzen über alle blos menschlichen Beweggründe. Eulogius lebte nach diesem mit den übrigen Mönchen gemeinsam, und aß alles, was man ihm aufsetzte. Er lernte auch im Geheimen Gutes thun, und sagte zu dem Altvater: Eure Werke geschehen fürwahr in der Liebe.
Dixit abbas Zenon discipulus abbatis Silvani: Nunquam maneas in loco nominato, neque sedeas cum homine habente magnum nomen, neque mittas fundamentum, ut ædifices tibi cellam aliquando.
Der Abt Zenon, ein Jünger des Abtes Silvan, pflegte zu sagen: Bleibe niemals an einem berühmten Orte, wohne bei keinem Menschen, der einen großen Namen hat, noch baue dir je dort eine Zelle.
Venit aliquando frater quidam ad abbatem Theodorum de Pherme, et fecit tres dies rogans eum ut audiret ab eo sermonem. Ille autem non respondit ei, et egressus est tristis. Dicit ergo ei discipulus suus: Abba, quare ei non es locutus, et ecce egressus est tristis? Et dixit senex: Crede mihi, quia non dicebam ei sermonem, quoniam negotiator est, alienis verbis vult gloriari.
Es kam einstmals ein Bruder zum Abte Theodor von Pherme. Er blieb drei Tage bei ihm, und bat ihn, ihm etwas Erbauliches zu sagen. Als der Abt Theodor ihm keine Antwort gegeben, ging er traurig fort. Sein Jünger sagte deßhalb zu ihm: Vater, warum hast du nichts zu ihm geredet? sieh, er ist traurig davon gegangen? Hierauf erwiederte der Altvater: Glaube mir, ich sagte deßhalb nichts zu ihm, weil er ein Handelsmann ist, der durch Worte Anderer Ruhm zu erwerben sucht.
Alter frater interrogavit ipsum abbatem Theodorum, dicens: Vis aliquantis diebus non manduco panem? Et dixit senex: Bene facis, nam et ego feci sic. Et dixit ei frater; Volo portare modicum cicer ad pistrinum, et facere inde farinam! Et dixit ei abbas Theodorus: Jam si ad pistrinum vadis, fac tibi panem; et quid opus est ista adjectio?
Ein anderer Bruder fragte den Altvater und sprach: Wenn du willst, so esse ich einige Tage kein Brod? Der Altvater erwiederte: Du thust recht; denn ich habe es auch so gemacht. Der Bruder sprach ferner zu ihm: Ich will einige Erbsen in die Mühle tragen, und daraus ein Mehl machen lassen. Der Abt Theodor erwiederte ihm: Wenn du in die Mühle gehst, so magst dir auch Brod machen; was braucht es aber dieses Beisatzes, d. h. der überflüssigen Worte.
Alius frater interrogavit eumdem senem abbatem Theodorum, et cœpit loqui et exquirere de rebus quas necdum fuerat operatus. Et dixit ei senex: Adhuc nec tibi navem invenisti, nec vasa tua in eam posuisti, nec navigare cœpisti, et jam in illa civitate, ubi disponebas pervenisti? Cum ergo prius operatus fueris rem de qua loqueris, tunc ex ipsa re loquere.
Ein anderer Bruder fragte den nämlichen Abt, und fing an, über Dinge zu reden, und Nachforschungen zu halten, die er gar nie gethan hatte. Der Altvater sagte zu ihm: Du hast noch kein Schiff für dich aufgefunden, noch deine Geschirre in dasselbe gebracht, noch die Schiffsfahrt begonnen, und bist doch schon in jener Stadt angelangt, wohin du erst zu reisen vorhast? Wenn du also zuvor die Sache, wovon du sprichst, gethan hast, dann erst rede aus der Sache.
Tunc dixit abbas Cassianus quia venit frater quidam ad abbatem Serapionem, et hortabatur eum senex, ut secundum morem faceret orationem; ille autem dicens se esse peccatorem, et ipsius monachi habitu indignum, non acquiescebat. Voluit etiam ejus pedes lavare, et eisdem iterum verbis usus, nullatenus acquievit. Fecit autem illum gustare, et cœpit senex in charitate monere eum, dicens: Fili, si vis proficere, permane in cella tua, et attende tibi ipsi et operibus manuum tuarum; non enim tibi tantum procedere expedit, quantum sedere. Ille autem hæc audiens, ita exacerbatus est, et vultum mutavit, ut nec latere posset senem. Dixit ergo ei abbas Serapion: Usque modo dicebas, Peccator sum, et accusabas teipsum tanquam indignum jam vivere; et quia te cum charitate monui, ita exacerbari debuisti? Si enim re vera humilis vis esse, quæ tibi ab alio imponuntur, disce portare viriliter, et non odiosa verba effundere tibi ipsi. Hoc autem audiens frater, pœnitentiam gessit coram sene, et multum proficiens discessit.
Der Abt Kassian erzählte: Einstmals kam zum Abte Serapion ein Bruder, den der Altvater anhielt, nach herkömmlicher Sitte das Segengebet zu verrichten. Jener weigerte sich, dieses zu thun, mit folgenden Worten: Ich bin ein armer Sünder, und nicht einmal des Mönchskleides würdig. Als der Abt auch seine Füße waschen wollte, ließ er sich durchaus nicht herbei, dieses zu thun, und bediente sich der nämlichen Worte, daß er als armer Sünder ganz und gar hiezu unwürdig sey, dieses geschehen zu lassen. Der Altvater hieß ihn nun essen, und fing an, dem Bruder eine Ermahnung zu geben, und sprach: Mein Sohn! wenn du vollkommen werden willst, so bleibe in deiner Zelle, und gieb auf dich und die Werke deiner Hände Acht: denn es ist besser zu Hause zu bleiben, als auszugehen. Diese liebreichen Worte erbitterten den Bruder dergestalt, daß er seine Gesichtszüge veränderte, was dem Altvater nicht unbemerkt bleiben konnte. Der Abt Serapion sprach deßhalb zu ihm: Du sagtest bisher: Ich bin ein armer Sünder, und klagtest dich sogar des Lebens unwürdig an, und nun, da ich dir nur eine liebreiche Ermahnung gegeben habe, hättest du da in eine solche Erbitterung ausbrechen sollen? Wenn du wahrhaft demüthig seyn willst, so lerne, was ein Anderer dir auflegt, muthig ertragen, und laß deinen Zorn nicht sogleich bei dir in gehässige Worte ausbrechen. Als der Bruder diese Worte vernommen, that er Buße vor dem Altvater, und ging sehr erbaut von da fort.
Audivit aliquando judex provinciæ de abbate Moyse, et perrexit in Scythi ut videret eum; et nuntiaverunt quidam seni de adventu ejus, et surrexit ut fugeret in paludem; et occurrit ei ille judex cum suis, et interrogavit eum, dicens: Dic nobis, senex, ubi est cella abbatis Moysi? Et dicit eis: Quid vultis eum inquirere? homo fatuus est et hæreticus. Et veniens judex ad ecclesiam dixit clericis: Ego audiens de abbate Moyse, veni ut viderem eum; et ecce occurrit nobis senex pergens in Ægyptum, et interrogavimus eum ubi esset cella abbatis Moysi, et dixit nobis: Quid eum quæritis? fatuus est, et hæreticus. Audientes autem clerici, contristati sunt, dicentes: Qualis est senex ille, qui hæc de sancto homine locutus est ad vos? Et illi dixerunt: Senex vetustissimo vestimento utens, longus et niger. Et illi dixerunt: Ipse est abbas Moyses; et quia noluit videri a vobis, ideo hæc vobis ipse de se dixit. Et multum ædificatus judex discessit.
Als einstens der Richter einer Provinz von dem Abte Moses viel Gutes gehört, ging er in die Wüste Scythi, um diesen Mann zu sehen. Den Altvater setzten einige Brüder in Kenntniß von der Ankunft des Richters. Augenblicklich stund er auf, um in eine sumpfichte Gegend zu entfliehen. Es fügte sich aber, daß er eben diesem Richter und seinen Begleitern begegnete. Als dieser ihn fragte und sprach: Sag uns, lieber Vater, wo ist denn da die Zelle des Abtes Moses? erwiederte er ihnen: Warum wollt ihr diesen Menschen aufsuchen? Er ist ein Narr und Ketzer. Der Richter, der sodann in die Kirche ging, sprach zu dem Geistlichen: Ich habe von dem Abte Moses viel Rühmliches gehört, und bin deßhalb hieher gereist, um ihn zu sehen; aber hört: Es begegnete uns auf dem Wege ein Mönch, der nach Aegypten reiste und sagte, auf unsere Frage, wo denn die Zelle des Abtes Moses wäre: Warum sucht ihr diesen Menschen? Er ist ein Narr und ein Ketzer. Als die Geistlichen dieses hörten, wurden sie sehr traurig und fragten: Wie hat er denn ausgesehen jener Mönch, der euch dieses von dem heiligen Manne gesagt? Sie antworteten: Er trug ein sehr altes Kleid, und ist ein langer schwarzer Mann. Sie fielen nun in die Rede, und sagten: Dieser eben war der Abt Moses selbst; er wollte von euch nicht gesehen werden, darum hat er dieses von sich gesagt. Der Richter ging hierauf sehr erbaut wieder fort.
Frater interrogavit abbatem Mathoen dicens: Si abiero manere in loco aliquo, quomodo vis ut agam ibi! Dicit ei senex: Si habitaveris in loco, ne velis tibi illic nomen facere de aliqua re, dicendo, Aut non venio in conventu fratrum, aut non manduco hoc vel illud; hæc enim vanum nomen tibi faciunt, sed postea importunitatem patieris quoniam homines ubi hoc audierint, ibi current.
Ein Bruder fragte den Abt Mathois: Wenn ich an einem Orte bleiben muß, wie soll ich mich da benehmen? Der Altvater erwiederte ihm: Wenn du an einem Orte wohnst, so suche dir dort in keiner Sache einen Namen zu machen, und sage nicht: Ich gehe in die Versammlung der Brüder nicht, oder ich esse Dieses oder Jenes nicht; denn dieses macht dir nur einen eitlen Namen; du aber bekömmst nachhin Ungelegenheiten; weil die Menschen, sobald sie davon hören, dich dort überlaufen werden.
Abbas Nisteron major ambulabat in eremo cum aliquo fratre, et videntes draconem, fugerunt. Dicit ei frater: Et tu times, Pater? Respondit senex: Non timeo, fili; sed expedit quia draconem videns fugi, quoniam non habui effugere spiritum vanæ gloriæ.
Der Abt Nisteron, der Aeltere, reiste einst mit einem Bruder durch die Wüste. Als sie eines Drachen ansichtig geworden, ergriffen sie die Flucht. Der Bruder sagte zu ihm: Fürchtest du dir auch, Vater? Hierauf antwortete der Altvater: Ich fürchte mir zwar nicht, mein Sohn; allein es ist besser, daß ich beim Anblicke des Drachens floh, weil ich sonst dem Geiste der eitlen Ehre nicht hätte entfliehen können.
Voluit aliquando judex provinciæ videre abbatem Pastorem, et non acquiescebat senex. Judex autem tenuit filium sororis ejus velut malefactorem, et redegit eum in carcerem, dicens: Si venerit senex et rogaverit pro eo, dimittam eum. Et venit mater pueri ad fratrem suum abbatem Pastorem, et cœpit flere ad ostium ejus; ille autem omnino non dedit ei responsum; illa vero compulsa dolore, increpabat eum, dicens: Et si viscera ferrea habes, et nulla te compassio movet, flectat te saltem miseratio sanguinis tui. Ille autem mandavit ei: Pastor filios non generavit. Et ita discessit. Audiens autem judex misit, dicens: Vel verbo jubeat, et ego eum dimittam. Senex autem remandavit ei, dicens: Examina causam secundum legem; et si dignus est morte, moriatur; si autem non est, fac quomodo vis.
Einmal wollte der Richter einer Provinz den Abt Pastor sehen, dieser aber wollte es durchaus nicht zugeben. Der Richter ersann folgende List: Er ließ den Sohn seiner Schwester fest setzen und ins Gefängniß werfen. Wenn der Altvater kommt, sprach er, und für ihn bittet, so will ich ihn los lassen. Es ging daher die Mutter des Gefangenen zu ihrem Bruder, dem Abte Pastor, und fing an, vor seiner Thüre zu weinen. Als er ihr durchaus keine Antwort gab, schalt sie ihn, hingerissen vom Schmerze, mit diesen Worten: Wenn du eiserne Eingeweide hast und dich kein Mitleiden bewegt, so sollte dich doch die Vergießung des Blutes zur Erbarmung bewegen. Er ließ ihr sagen: Pastor hat keine Kinder erzeugt; und so mußte sie unverrichteter Sache wieder abziehen. Als der Richter davon gehört, schickte er zum Abte hin, und ließ ihm sagen: Wenn du es, Vater, mir mit einem Worte befiehlst, so will ich ihn los lassen. Der Altvater ließ ihm zurück sagen: Untersuche den Handel nach dem Gesetze; ist er des Todes würdig, so soll er sterben; wo aber nicht, so thue, wie du willst.
Dixit iterum abbas Pastor: Doce cor tuum servare quæ docet alios lingua tua. Dixit iterum: Quia homines ad loquendum perfecti videri volunt, et in operando id quod loquuntur minores sunt.
Derselbe Abt Pastor sprach ein andersmal: Lehre dein Herz das halten, was deine Zunge Andere lehrt. Wiederum sprach er: Die Menschen wollen in ihren Reden vollkommen scheinen, allein ihre Handlungen stimmen mit den Worten nicht überein.
Venit aliquando abbas Adelphius, qui fuit episcopus Nilopoleos, ad abbatem Sisoi in montem; et quia discessurus erat, fecit eos gustare a mane, erat vero jejunium; et cum ponerent mensam, ecce fratres pulsaverunt. Dixit autem senex discipulo suo: Da eis modicas zippulas, quia de labore sunt. Et dicit ei abbas Adelphius: Dimitte interim, ne dicant: Quia abbas Sisois a mane comedit. Et intendit eum senex, et dixit fratri: Vade tu, da eis. Cum ergo vidissent pultes, dixerunt: Ne peregrinos aliquos habetis? Putas et senex vobiscum comedit? Et frater: Etiam. Cœperunt ergo contristari et dicere: Ignoscat vobis Deus, quia senem permisistis ista hora manducare: an nescitis quia plurimos dies laboraturus est? Audiens hæc episcopus, cœpit coram sene pœnitentiam agere, dicens: Ignosce mihi, abba, quia ego quidem humanum aliquid cogitavi, tu autem quod Dei est fecisti. Et dicit ei abbas Sisois: Nisi Deus glorificaverit hominem, gloria hominum nunquam stat.
Es kam einstmals der Abt Adelphius, der Bischof von Nilopolis, zum Abte Sisois auf dem Berge. Der Abt ließ ihm am Morgen, als er fortgehen wollte, zu essen geben, es war aber ein Fasttag. Als man den Tisch deckte, da klopften drei Brüder an der Thüre. Der Altvater sprach zu seinem Jünger: Gieb ihnen etwas Weniges zu essen, denn sie kommen von der Arbeit. Der Abt Adelphius aber fiel ihm in die Rede: Unterlaß dieses, damit sie nicht sagen, der Abt Sisois fängt schon das Essen von der Frühe an. Der Abt warf ihm einen scharfen Blick hin, und sagte zu dem Bruder: Geh, und gieb ihnen zu essen. Da diese das Essen sahen, sprachen sie: Sind wohl heute fremde Gäste da? Und ißt der Altvater auch mit euch? Der Bruder: Ja. Sie wurden nun sehr traurig und sagten: Gott verzeihe euch, daß ihr zu dieser Stunde den Altvater essen ließet: Wißt ihr denn nicht, daß er sehr viele Tage dafür sich bestrafen wird? Als der Bischof dieses hörte, fing er an, vor dem Altvater sich zu entschuldigen und sprach: Verzeihe mir, Vater, was ich gedacht, ist menschlich, was du aber gethan hast, ist göttlich. Und der Abt Sisois erwiederte ihm: Wenn Gott den Menschen nicht ehret, so bestehet nie eine Ehre der Menschen.
Interrogavit abbas Ammonas de loco qui dicitur Raythum, abbatem Sisoi dicens: Quando lego Scripturas, vult cogitatio mea ornare sermonem, ut paratus sim ad interrogata respondere. Et dixit ei senex: Non est opus, sed magis de puritate mentis provide tibi securitatem edicendi sermonem.
Der Abt Ammonas von Raythu fragte den Abt Sisois und sprach: Wenn ich die heilige Schrift lese, so wollen meine Gedanken eine zierliche Rede finden, um auf die Fragen zu antworten. Der Altvater erwiederte ihm: Dieses braucht es nicht, sondern bekümmere dich mehr um die Reinheit des Geistes, und dafür, daß deine Worte aus reinem Herzen strömen.
Venit aliquando judex provinciæ videre abbatem Simonem, et ille tulit lorum quo cingebatur, et ascendit in arborem palmæ, ut purgaret eam. Illi autem venientes dixerunt ei: Ubi est senex, qui hac in solitudine habitat? Et ille respondit: Non est hic solitarius aliquis. Et cum hoc dixisset, discessit judex.
Einstmals kam ein weltlicher Richter, den Abt Simon zu sehen. Auf die Nachricht hievon nahm der Abt seinen Gürtel, womit er umgürtet war, und stieg auf einen Palmbaum hinauf, um ihn zu reinigen. Als demnach die weltlichen Herren angekommen, und ihn gefragt hatten: Wo ist denn der Einsiedler, der in dieser Wüste wohnt, so gab er ihnen zur Antwort: Hier ist kein Einsiedler. Auf diese Worte entfernte sich der Richter.
Alia iterum vice alter judex venit videre eum et præcedentes clerici dixerunt ei: Abba, paratus esto, quia judex audiens de te venit ut benedicatur a te. Et ille dixit: Etiam ego præparabo me. Et cooperiens se sacco suo, et tollens in manu sua panem et caseum, sedit in ingressu cellulæ suæ, et cœpit manducare. Venit ergo judex cum officio suo, et videntes eum spreverunt, dicentes: Hic est monachus solitarius de quo talia audiebamus? Et statim discesserunt et reversi sunt ad se.
Wieder ein, andersmal kam ein anderer Richter, um ihn zu sehen. Bei seiner Ankunft liefen die Geistlichen voraus und sagten: Vater! rüste dich, denn der Richter, der von dir gehört hat, kömmt nun, um deinen Segen zu empfangen. Er erwiederte: Ich will mich gleich rüsten; er bedeckte sich mit seinem Sacke, nahm Brod und Käs in seine Hand, setzte sich vor den Eingang seiner Zelle hin, und fing zu essen an. Als der Richter mit seinen Bedienten demnach angekommen, und ihn in dieser Stellung angetroffen, da verachteten sie ihn und sprachen: Ist dieses der Einsiedler, von dem wir so Vieles hörten? und sie gingen sogleich wieder fort und kehrten in ihre Heimath zurück.
Dixit sancta Syncletica: Sicut thesaurus manifestus cito expenditur, ita et virtus quælibet, cum innotuerit vel publicata fuerit, exterminabitur. Sicut enim cera solvitur a facie ignis, ita et anima laudibus inanitur; et amittit virtutum rigorem.
Die heilige Syncletica pflegte zu sagen: Wie ein offenbarer Schatz bald verloren geht, so wird auch jede Tugend, wenn man sie offenbaret, bald vernichtet werden. Und wie das Wachs bei dem Feuer zerschmilzt, so wird auch die Seele durch Menschenlob eitel, und verliert die Kraft der Tugend.
Dixit iterum: Sicut impossibile est, uno eodemque tempore et herbam esse et semen, ita impossibile est ut sæcularem gloriam habentes, cœlestem faciant fructum.
Ferners sagte sie: Wie es unmöglich ist, daß ein Ding zur selben Zeit Kraut und Same ist, so ist es auch nicht möglich, daß jene Menschen, die in der Welt Ehre haben, eine himmlische Frucht bringen.
Aliquando in Cellis festivitate celebrata, edebant fratres in ecclesia. Erat autem ibi frater quidam, qui dixit ministranti: Ego non manduco coctum aliquid, sed sal. Et vocavit minister alium fratrem coram multitudine, dicens: Ille frater non comedit coctum, affer ei sal. Surrexit autem quidam senum, et dixit ei: Expedierat tibi hodie in cella tua comedere carnes, quam audiri hanc vocem coram tantis fratribus.
Einst assen die Brüder in Cellia, wo man einen Festtag feierte, in der Versammlung. Es befand sich unter ihnen ein Bruder, der zum Tischdiener sagte: Ich esse nichts Gekochtes, sondern nur Salz. Der Tischdiener rief einen andern Bruder von der Versammlung und sagte: Dieser Bruder ißt nichts Gekochtes, bring ihm Salz. Jetzt stund Einer von den Vätern auf, und sagte zu ihm: Es wäre heute für dich besser gewesen, du hättest in deiner Zelle Fleisch gegessen, als daß man dieses vor so vielen andern Brüdern von dir hatte hören müssen.
Erat quidam abstinens a cibis, et non manducans panem; venit ad quemdam senem. Opportune autem illic etiam alii supervenerant peregrini, et fecit senex modicum pulmentum propter eos. Et cum sedissent manducare, frater ille abstinens posuit sibi soli cicer infusum, et manducabat. Et cum surrexissent a mensa, tulit eum senex secreto, et dixit ei: Frater, si venis ad aliquem, non ostendas illi conversationem tuam; si autem conversationem tuam tenere vis, sede in cella tua, et nusquam exeas. Ille autem acquiescens verbis senis, factus est communis vitæ in id quod cum fratribus invenisset.
Ein Bruder, der sich von der Speise enthielt, und auch sogar kein Brod aß, kam zu einem Altvater. So eben waren auch andere Fremde dort angekommen, für welche der Altvater ein Linsenmus kochen ließ. Als sie sich zum Essen niedergesetzt hatten, nahm der enthaltsame Bruder für sich allein nichts als eingeweichte Erbsen, und aß sie. Als sie vom Essen aufgestanden waren, nahm ihn der Altvater bei Seite und sprach zu ihm: Bruder! wenn du zu Jemanden kommst, so zeige deinen Wandel nicht öffentlich; willst du aber dein geistliches Leben beibehalten, so bleibe in deiner Zelle, und gehe nirgends hin. Der Bruder nahm die Worte des Altvaters mit gutwilligem Herzen an, und aß in der Gemeinschaft wie andere Brüder, was ihm aufgesetzt wurde.
Dixit senex: Humana providentia omnem pinguedinem hominis amputat, et relinquit eum siccum.
Ein Altvater pflegte zu sagen: Große menschliche Sorgfalt benimmt dem Menschen alle Fette, und trocknet ihn auf.
Dixit senex: Aut fugiens fuge homines, aut irridens mundum et homines qui in mundo sunt, stultum temetipsum in pluribus facito.
Ein Altvater sagte: Entweder fliehe die Menschen, oder verlache die Welt, und die Menschen, die in der Welt sind, und mache dich selbst in mehreren Stücken zum Narren.
Lateinischer Text: Verba seniorum, Buch V der Vitae Patrum, aus dem Griechischen übersetzt von Pelagius, Diakon der römischen Kirche, in der Ausgabe von H. Rosweyde, nachgedruckt in Mignes Patrologia Latina, Bd. 73 (Nachdruck 1879), Sp. 855–988, an den Scans überprüft; ohne die Anmerkungen und Verweise des Herausgebers. · Übersetzung von Franz Sales Handwercher († 1853), Leben und Thaten der heiligen Altväter in der ägiptischen Wüste, Bd. 3–5, Regensburg, Manz, 1841–1843 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Überschriften, Vorreden und Anmerkungen des Übersetzers sind nicht wiedergegeben. Eine Zufallsstichprobe von 10 % der Sprüche wurde Wort für Wort an den Scans geprüft (5,4 Fehler pro 1 000 Wörter vor der Korrektur; die gefundenen Fehler sind behoben). Danach wurden die Büchlein 11–18 vollständig Wort für Wort an den Scans korrigiert, die Büchlein 1–10 nach einer gezielten Fehlersuche; eine neue Zufallsstichprobe von 30 Sprüchen aus den Büchlein 11–18 ergab 0,6 Fehler pro 1 000 Wörter (behoben). Gemeinfreier Text in Frankreich (Art. L123-1 des französischen Gesetzbuchs über geistiges Eigentum). Abschrift und Durchsicht: Abbatia Sancti Petri de Curte. Fehler melden